Wo ist denn jetzt die Oma?

Wohin gehen die Toten? Müssen wir uns um sie Sorgen machen? In einer Trauerfeier greife ich Kinderfragen auf und versuche sie im Geist der Bibel zu beantworten.

Skulpturen von Enkelkind und Oma, die auf einer Bank sitzen.

Enkelkind und Oma – wohin geht die Oma, wenn sie stirbt? (Bild: pixabay.com)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

So spricht Gott, der Herr (Jesaja 43, 1):

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau O., die im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist. Wir erinnern uns an ihr Leben und denken an das, was uns mit ihr gegeben wurde. Wir suchen miteinander Trost.

Lasst uns beten mit dem Psalm 23:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Gott, wir nennen dich Vater, wir suchen bei dir Trost wie bei einer Mutter! Wenn wir traurig oder bedrückt sind, dürfen wir uns dir anvertrauen. Wenn wir Angst haben oder verzweifelt sind – du verstehst, was mit uns los ist. Auch mit gemischten Gefühlen, zum Beispiel wenn Freude und Trauer eng beieinander liegen, nimmst du uns einfach so an, wie wir sind.

Gott, du bist ewig und unvergänglich. Du warst vor uns und wirst nach uns sein. Unser Leben aber hat einen Anfang und ein Ende. Es ist vergänglich und unvollkommen. Der Tod von Frau O. macht uns das neu bewusst. Wir vertrauen darauf, dass du die Wunden heilst und das Unvollkommene vollendest. Amen.

Wir hören die Schriftlesung aus dem Brief des Paulus an die Römer 8, 35-39 – es ist der Bibeltext, der auch bei der Goldenen Konfirmation von Frau O. vorgelesen wurde:

35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?

37 In dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.

38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Liebe Trauernde! Ich glaube, es ist für Sie und auch für euch Kinder noch gar nicht recht zu begreifen, dass die Mutter, die Oma, die Nachbarin nicht mehr am Leben ist. Es ist ja nur wenige Wochen her, seit sie schwer erkrankt ist, und erst in den letzten beiden Wochen wurde es so schlimm, dass man merkte, sie wird nicht mehr lange leben. Selbst der Arzt, der noch sehr viel für sie tun konnte, hat das nicht so schnell erwartet. Nun ist sie tot, und wir nehmen heute Abschied von ihr.

Abschied nehmen, das heißt als erstes: sich erinnern. Wir denken daran, wie dieses Leben, das jetzt zu Ende gegangen ist, einmal begonnen hat.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Bald steht die Geburt eines weiteren Enkelkindes bevor. So dicht liegen manchmal Geburt und Tod, Freude und Trauer, Anfang und Ende des menschlichen Lebens beieinander.

Abschied nehmen heißt: sich erinnern. Abschied nehmen heißt aber auch: sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass dieses irdische Leben unwiderruflich zu Ende gegangen ist. Und es heißt zugleich: wahrnehmen, dass das eigene Leben weitergeht. Man kann nicht mehr einfach zur Mutter hinübergehen, man kann die Oma nicht mehr streicheln oder auf ihrem Schoß sitzen. Und man muss sich damit abfinden, dass da jemand fehlt, der einfach immer da war und jetzt nie mehr da sein wird. Das will unser Gefühl nicht wahrhaben, das ist für uns Menschen einfach nicht zu begreifen – ein Mensch, den wir geliebt haben, ist tot.

„Wo ist denn jetzt die Oma?“, fragt ihr Kinder, und wir Erwachsenen antworten mehr oder weniger hilflos: „im Himmel“, oder: „beim lieben Gott“, aber wo das genau ist, das wissen wir auch nicht zu sagen. Und ich sage: Das müssen wir auch nicht genau wissen.

Der Himmel, wo Gott wohnt und wo die Toten hinkommen, das ist nämlich kein Ort irgendwo da oben, wo man vielleicht mit einer Rakete hinfahren könnte. Dieser Himmel da oben ist zwar so groß, dass wir Menschen uns den gar nicht vorstellen können. Aber Gottes Himmel ist noch viel größer und ganz anders und für unsere Augen unsichtbar. Wir können ihn uns überhaupt nicht vorstellen. Wenn wir beschreiben wollen, wie der Himmel ist, dann nehmen wir Worte und Bilder aus unserer Welt und versuchen, etwas sehr Schönes zu beschreiben, was niemals aufhört. Aber ob unsere Beschreibungen stimmen, das weiß kein Mensch, da wissen die klügsten Erwachsenen nicht mehr als die kleinsten Kinder.

Aber warum gebrauchen wir dann solche Worte wie Himmel oder Gott? Wenn wir Erwachsenen diese Worte ernst meinen, dann drücken wir mit ihnen ein Vertrauen aus.

Wir vertrauen darauf, dass unser Leben nicht einfach nur zwischen Geburt und Tod eingezwängt ist und dann für immer aufhört. Dass es die Welt gibt und uns selbst, das ist nicht bloß ein dummer Zufall, nicht eine Laune der Natur, sondern es gibt den einen großen Gott, der alles erschaffen hat und dem wir kleinen Menschen wichtig sind. Es fällt uns Menschen immer wieder schwer, das zu glauben, vor allem uns Erwachsenen, darum gab es einen Menschen mit Namen Jesus, der wurde geboren wie wir und starb wie wir, und dennoch war er in seinem Wesen wie Gott, so sehr liebte er alle Menschen, auch die, die ihn nicht mochten, und er wollte nicht, dass irgendein Mensch verlorengeht.

In der Bibel steht viel von diesem Jesus, was er getan und erlitten hat und was er über Gott erzählt hat, den er seinen Vater im Himmel nannte. Und in der Bibel stehen auch viele Briefe von einem anderen Mann, von Paulus, der immer wieder gesagt hat: In dem Menschen Jesus kam Gott selbst auf die Erde. Wer Jesus kennenlernt und wer auf seine Worte vertraut, der lernt Gott selber kennen. Wer sich von der liebevollen Art dieses Mannes Jesus anrühren lässt, für den ist die Welt nicht mehr ohne Hoffnung. Vorhin haben wir schon ein paar Sätze aus einem Brief dieses Paulus gehört, einen Teil davon möchte ich noch einmal wiederholen (Römer 8, 38-39):

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Dieser Satz bedeutet: Wir müssen wohl Abschied nehmen von einem Menschen, der gestorben ist. Aber es gibt auch etwas, das bleibt. Die Liebe von Gott, die wir Christen durch den Menschen Jesus kennengelernt haben, die hört niemals auf. Nichts im Leben kann uns von der Liebe Gottes trennen. Auch wenn wir Gott nicht sehen können, er begleitet uns immer, und wir sind nie von ihm alleingelassen. Und auch der Tod ist nicht stärker als Gottes Liebe. Für uns ist der Tod das absolute Ende. Aber für Gott ist er ein neuer Anfang – auf welche Weise er das macht, das weiß niemand.

Darum müssen wir uns keine Sorgen machen über die Toten, wo sie hinkommen und ob es ihnen gut geht. Der Körper von Frau O. ist jetzt ohne Leben, den begraben wir in der Erde aus Achtung vor der äußeren Gestalt, ohne die wir Menschen nun einmal auf der Erde nicht leben können.

Und das innere Wesen von Frau O., ihr eigenes Ich, ihr Selbst, das gedacht und gefühlt und sich selber empfunden hat – wo das hingegangen ist, das wissen wir nicht. Doch ich vertraue trotzdem darauf – auch wenn es sich niemand wirklich vorstellen kann: sie ist jetzt bei Gott. Sie ist nicht verlorengegangen. Sie bleibt geborgen in der Liebe Gottes so wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter.

Abschied nehmen von einer toten Frau – das heißt also auch: auf Gott vertrauen, darauf vertrauen, dass seine Liebe stärker ist als der Tod.

In einem modernen Kinderlied, das durchaus auch ein Gebet für Erwachsene ist, möchte ich nun dieses Vertrauen auf Gott aussprechen – es ist ein Gebet, das sehr viel umfasst – Großes und Kleines, Leben und Tod, Sehnsucht und Erfüllung. Wir sprechen mit diesem Gebet unsere Hoffnung für die Verstorbene aus, unsere Bitte um Trost für die Angehörigen und auch unsere Fürbitte für eine glückliche Geburt und einen unbeschwerten Lebensanfang für den noch ungeborenen Enkel (EG 408):

Meinem Gott gehört die Welt

Barmherziger Gott, wir danken dir für das, was Frau O. ihren Angehörigen und Freunden bedeutet hat, vor allem für die Liebe, die sie empfangen und geben konnte. Wir vertrauen darauf, dass du sie aufnimmst in deinen Frieden. Tröste alle, die sie vermissen. Schenke uns immer wieder Menschen, die für uns und für andere da sind. Mach uns auch selbst dazu bereit, in Freundlichkeit und Geduld einander beizustehen. Amen.

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