„Gott mehr gehorchen als den Menschen“

Trauerfeier für eine Frau, die eigenständig und verantwortungsbewusst innerhalb ihrer Gemeinschaft gelebt hatte.

Gott mehr gehorchen als den Menschen: Die Silhouette einer betenden Frau, von der Strahlen ausgehen, in denen englische Worte stehen, die den Inhalt des Gebets umschreiben: von "observe" und "accept" bis zu "listen", "respect" und "empower"

Wer Gott gehorcht, ist frei gegenüber den Menschen (Bild: johnhain – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau F., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben, wir begleiten einander auf dem Weg der Trauer, und wir besinnen uns auf den Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 103:

2 Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit

18 bei denen, die [auf Gott vertrauen] und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

22 Lobe den Herrn, meine Seele!

Liebe Trauerfamilie, liebe Gemeinde!

„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat!“ So erinnert der Psalm 103 an das, womit Gott uns beschenkt. Ein dankbares Leben ist ein erfülltes Leben; wer dankbar lebt, führt im wahrsten Sinne des Wortes ein ver-antwortliches Leben, indem er dankbar antwortet auf das, was ihm geschenkt ist.

Realistisch sieht der Psalm, dass wir Menschen sterblich sind wie das Gras oder wie Staub, „Dust In The Wind“, wie es in dem berühmten Song der Gruppe Kansas heißt. Zum Realismus der Bibel gehört aber auch, dass Gott stärker ist als der Tod. Unser Leben ist endlich, Gottes Gnade ist ewig. Unser irdisches Leben ist umschlossen von der Realität Gottes, die in kindlichem Vertrauen mit Augen des Glaubens zu sehen der Psalm uns ermuntert: „Vergiss Gott nicht, vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, vergiss nicht, was du an Liebe erfahren hast und weitergeben kannst!“

Das Gegenteil von Vergessen ist Erinnern. Heute erinnern wir uns – traurig und dankbar – an das Leben von Frau F. und wollen dabei nicht vergessen, was ihr an Gutem geschenkt war.

Erinnerungen an das bewegte und erfüllte Leben der Verstorbenen

Frau F. war die Mitte ihrer Familie. Sie hielt über das Telefon die Verwandtschaft zusammen, die ja in ganz Deutschland verstreut lebt. Ohne sie hätte es manches Familientreffen nicht gegeben.

Nach dem Tod ihres Mannes gab Frau F. ihren Lebensmut und Optimismus nicht auf. So lange ihr Mann am Steuer des gemeinsamen Wagens gesessen hatte, war sie nicht mehr Auto gefahren, jetzt nahm sie noch einmal Fahrstunden, um eigenständig und mobil zu sein. Und bis zum Schluss hat sie trotz einiger Gesundheitsprobleme allein für sich selbst gesorgt und allein für sich gewohnt und kam gut damit zurecht.

Gestorben ist sie völlig unerwartet und offenbar friedlich, während sie schlief. In der Wohnung fand sich vieles, was sie für den Fall ihres Todes bereits geregelt hatte; sie hatte sozusagen in ihrer nüchternen pragmatischen Art „ihr Haus bestellt“.

Über religiöse Fragen redete sie kaum; das war eine Sache, die nur sie selbst ganz persönlich anging. Aber in ihrer Küche hing eine Spruchkarte mit einem Bibelvers aus der Apostelgeschichte 5, 29:

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Dieses Wort war ihr offenbar wichtig gewesen. Dieser Satz wurde damals in der Bibel von Petrus und anderen Aposteln gesagt, als ihnen die römischen Behörden verboten hatten, das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Ähnlich wie im Konflikt zwischen Staat und Kirche in der DDR ging es um die Glaubensfreiheit – um das Recht, zur eigenen Überzeugung zu stehen, auch wenn dieser Glaube den herrschenden Mächten nicht genehm ist.

Wir wissen nicht genau, warum dieser Bibelvers für Frau F. so wichtig war. Für mich hat er zwei Seiten:

Auf der einen Seite steht im Mittelpunkt ein Wort, das heute nicht gerade modern ist: Gehorsam. Ursprünglich ist dieses Wort ja abgeleitet vom Hören: man hört auf jemanden, der einem etwas zu sagen hat, auf den man vertraut, weil man sich auf ihn verlassen kann. Das ist kein blinder Gehorsam, sondern eine sinnvolle Orientierung an einer Autorität, die zuverlässig ist und Halt vermittelt.

Auf der anderen Seite wird in diesem Wort ja gerade der Gehorsam gegenüber falschen Autoritäten abgelehnt. Wer Gott mehr gehorcht als den Menschen, weiß zwar um seine Endlichkeit und grundsätzliche Abhängigkeit vom Allerhöchsten, aber er gewinnt gleichzeitig Freiheit in der Beziehung zu jedem Menschen. Gehorsam gegenüber Gott verträgt sich also mit einem selbstbewussten Leben und hilft dabei, aufrecht zu gehen und Rückgrat zu bewahren.

Nach dem, was ich von Frau F. gehört habe, könnte sie das Wort auf der Spruchkarte durchaus so verstanden haben, war sie doch bis zuletzt ein eigenständiger Mensch, der aber auch um seine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft wusste.

Heute nehmen wir Abschied von ihr und müssen sie loslassen. In der Ewigkeit tritt sie dem Gott gegenüber, dem sie mehr gehorchen wollte als den Menschen. Es ist ein gnädiger Gott, der uns, wie es im Psalm 73, 24 heißt, „am Ende mit Ehren annimmt“. Nur vor ihm müssen wir uns verantworten, und er fragt uns am Ende danach, wie wir in diesem Leben mit der Liebe umgegangen sind, die wir empfangen haben, um sie weiterzugeben. Erfüllt ist unser Leben, wenn es von Liebe erfüllt war. So können wir traurig, aber dankbar Abschied von einem Menschen nehmen, der uns viel bedeutet hat und mit dem wir in Liebe verbunden bleiben. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

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