Gott als Nachbar – Wand an Wand

Ein biblisches Sprichwort und ein Gedicht von Rainer Maria Rilke.

Zwei Türen, durch ein Herz verbunden, auf der linken steht "Gott", auf der rechten "Konfis"

Konfirmandinnen und Konfirmanden sollten sich vorstellen, wie es wäre, Wand an Wand mit Gott zu wohnen

Was sagt die Bibel über gute Nachbarschaft? Zum Beispiel bei jüdischen Festen spielt sie eine Rolle. Ist eine Hausgemeinschaft zu klein, um ein Passalamm aufzuessen, wird der Nachbar eingeladen. Wird ein Kind geboren, dann feiern die Nachbarn gemeinsam mit den Verwandten die Namensgebung. Und im Buch der Sprüche 27, 10 heißt es: „Ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne.“

Menschen, die Wand an Wand oder Gartenzaun an Gartenzaun miteinander leben, können stärker aufeinander angewiesen sein als Verwandte, die weit weg voneinander wohnen oder sich auseinandergelebt haben. Dass allerdings bereits in biblischer Zeit gute Nachbarschaft nicht selbstverständlich war, zeigt das Hauptgebot der Bibel im 3. Buch Mose, Levitikus 19, 18: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Wo eine solche Aufforderung notwendig ist, gibt es doch auch Gleichgültigkeit gegenüber dem, der in der Nähe Hilfe nötig hat.

Und als Jesus einmal gefragt wird: „Wer ist denn mein Nächster?“ – also wer hat Anspruch auf meine Hilfe, meine nachbarschaftliche Aufmerksamkeit? – da erzählt er die Geschichte, wie ein Mann überfallen wird und angesehene Volksgenossen vorüber eilen. Nur ein durchreisender Migrant mit zweifelhafter Religionszugehörigkeit hält an und tut, was ein guter Nachbar tut: Er hilft einfach. Ein Samariter.

Der Dichter Rainer Maria Rilke hat im Jahr 1899 auch einmal Gott in einem Gedicht als Nachbarn angeredet: „Du, Nachbar Gott“. Ich höre dich so selten atmen. Brauchst du etwas? Gibst du mir ein Zeichen? „Ich horche immer.“

Gott als Nachbar, mit dem wir Wand an Wand wohnen: Das Bild hat mich so sehr angesprochen, dass ich es als Leitmotiv für den Gottesdienst zum Gemeindefest gewählt habe. Und während dieser Gemeindebrief in den Druck geht, werde ich die Paulus-Konfirmand(inn)en bitten, Bilder zu diesem Bild zu malen: „Könnt ihr euch vorstellen, Wand an Wand mit Gott zu wohnen? Wie sieht das aus: Gott ist unser Nachbar?“

Aber darf man Bilder von Gott malen? Ja, wenn wir sie nicht mit Gott selbst verwechseln. „Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände“, klagte Rilke, und er wünschte sich, dass jede schmale Wand, die uns von Gott trennt, einbricht „ganz ohne Lärm und Laut“ durch ein „Rufen deines oder meines Munds“. Wo wir zu Gott beten oder wir ein Wort von ihm hören, da zeigt sich, dass Gott anders ist als alle Bilder, die wir uns von ihm machen. Mehr davon im Gottesdienst am 30. Juni – ich bin schon gespannt auf die Bilder und Gedanken unserer Konfis!

Ihr Pfarrer Helmut Schütz

Geistliches Wort Juni 2013 im Gießener Gemeindebrief „Evangelisch in der Nordstadt“

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