„Ihr seid geistlich, der Geist aber ist Leben“

Ich sitze im Bus auf dem Weg zu einer Trauerfeier, da spricht mich eine Frau an: „Das ist aber nicht schön, eine Beerdigung bei dem schönen Wetter!“ Da dreht sich eine andere Frau um, die fünf Todesfälle in der Verwandtschaft hat verkraften müssen. Sie meint: „Manchmal wird es einem erst auf dem Friedhof bewusst, wie kostbar das Leben ist.“

Taube des Heiligen Geistes vor einem roten Kreis dargestellt

Der heilige Geist bringt wahres Leben (Bild: pixabay.com)

Gottesdienst am Freitag, 25. Mai 2012, um 10.30 Uhr im Ensemble-Pflegezentrum Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Gerade am Montag sind wir aus dem Urlaub an der Nordsee zurückgekommen, und zwei Tage vor dem Pfingstfest feiere ich einen Gottesdienst mit Ihnen.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Der Apostel Paulus sagt: „Der Geist ist Leben.“ Vom Geist Gottes, der lebendig macht, hören wir, was die Pfingstgeschichte und was Paulus davon sagt. Wir hoffen, dass uns der Heilige Geist auch heute berührt und bewegt.

Aus dem Lied 133 singen wir die Strophen 7, 8 und 13:

7. Du bist ein Geist der Liebe, ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, dass uns betrübe Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind, willst, dass durch Liebesflammen sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht seind.

8. Du, Herr, hast selbst in Händen die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden, wie dir es wohlgefällt; so gib doch deine Gnad zu Fried und Liebesbanden, verknüpf in allen Landen, was sich getrennet hat.

13. Richt unser ganzes Leben allzeit nach deinem Sinn; und wenn wir’s sollen geben ins Todes Rachen hin, wenn’s mit uns hier wird aus, so hilf uns fröhlich sterben und nach dem Tod ererben des ewgen Lebens Haus.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir feiern Pfingsten. Von diesem Fest erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte 2:

1 Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,

4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:

17 „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

Gott, heiliger Geist, wir bitten dich, komm zu uns. Komm in unseren Geist und schenke uns neue Gedanken und alte Erinnerungen, dass wir Vertrautheit und Wärme spüren und uns nicht fürchten müssen. Komm in unsere Hände und Füße und hilf uns zu tun, was wir tun können, und die Schritte zu gehen, die wir schaffen. Komm in unsere Gemeinschaft und schließe uns zusammen, dass wir uns verstehen und füreinander da sind, über Grenzen und Unterschiede hinweg. Amen.

Wir singen das Lied 124:

1. Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

2. Du wertes Licht, gib uns deinen Schein, lehr uns Jesus Christ kennen allein, dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland. Kyrieleis.

3. Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst, lass uns empfinden der Lieb Inbrunst, dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.

4. Du höchster Tröster in aller Not, hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod, dass in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, was Paulus im Römerbrief zum Pfingstfest sagt, zum Heiligen Geist, das ist nicht einfach zu verstehen. Darum lese ich nacheinander einige Verse aus dem Kapitel 8 und versuche sie dann gleich auszulegen. Ich beginne mit Vers 1:

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Mit einem Paukenschlag beginnt Paulus. Wer in Jesus ist, der wird nicht verloren gehen, der muss keine Verdammnis fürchten. Aber was bedeutet das: „In“ Christus sein? „In“ Christus sind wir, wenn wir zu seinem Leib dazugehören, und dieser Leib ist eine bunte Gemeinschaft von Menschen, die ganz verschieden sind. Alte und Junge gehören dazu, Gesunde und Kranke, Traurige und Fröhliche. Ja, im Leib Christi gibt es sogar neben- und miteinander Menschen mit starkem Glauben und Menschen mit großen Zweifeln. Es gibt da Menschen, die hier in Deutschland geboren sind, aber auch Heimatvertriebene oder Aussiedler aus Kasachstan und Russland, und Menschen vieler anderer Nationen, weiße und dunkelhäutige Menschen, die hier eine neue Heimat gefunden haben.

Was uns verbindet in dieser Gemeinschaft, ist Christus selber. Er verbindet uns, weil er der eine Mensch ist, der wie Gott selber ist. Er ist ganz und gar ein wahrer Mensch, und gerade so ist er zugleich das wahre Ebenbild Gottes. Denn er ist die Liebe, er verkörpert eine Gemeinschaft, die niemanden ausschließt. Jesus Christus war das nicht nur, er ist es noch heute, weil seine Kraft vom Himmel her bei uns ist, unsichtbar, im Geiste, und doch real wirksam, indem er uns berührt, bewegt, verändert. Jeder, der will, kann dazu gehören, kann „in“ Christus sein. Wer auf Jesus vertraut, gehört dazu.

Darum sagt Paulus: Jesus schenkt uns einen Geist, der lebendig macht. Lebendig und frei:

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch,

4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

Das klingt alles sehr kompliziert. Ist es auch. Vor allem, weil Paulus so schwierige Wörter braucht wie „nach dem Fleisch“ oder „nach dem Geist leben“.

Mit dem Wort „Fleisch“ meint Paulus drei verschiedene Dinge. Erstens ist er „nach dem Fleisch“ ein Jude, der nach dem Gesetz Gottes lebt. Das heißt, er ist ein geborener Jude, er hat eine jüdische Mutter, er ist beschnitten und gehört zum Volk der Juden dazu.

Zweitens denkt Paulus beim Wort „Fleisch“ daran, dass wir alle sterben müssen.

Alles Fleisch ist Gras

– so heißt es beim Propheten Jesaja 40, 6, das heißt, ohne den lebendigen Geist Gottes könnten wir keine Sekunde leben.

Außerdem meint Paulus noch etwas anderes: Wenn wir sterblichen Menschen vergessen, dass wir ohne Gott nicht leben können, dann sind wir „fleischlich“ gesinnt. Dann meinen wir: Essen und Trinken, Arbeiten und Vergnügen haben, das ist alles im Leben. Aber Gott will, dass es in unserem Leben auch Liebe gibt, er hat uns ja nach seinem Ebenbild der Liebe geschaffen. Wenn wir Liebe empfangen und geben, dann sind wir vom Geist Gottes erfüllt, dann sind wir „geistlich“ und nicht nur „fleischlich“. Ohne Gott aber leben wir nur für vergängliche Dinge und werden unmenschlich, Menschen ohne Menschlichkeit.

Dieses „fleischliche“ Leben nennt Paulus auch ein Leben in Sünde. Die Sünde hält Menschen gefangen wie eine Sucht. Wer nicht auf Gott vertrauen kann, muss ja irgend etwas anderes suchen, woran er sich festhalten kann, aber nur an sich selber findet ein Mensch keinen wirklichen Halt, er verstrickt sich in Sünde. Wer auf Gott sein Vertrauen setzt, der hat das Ziel der Menschlichkeit wieder vor Augen und kann es auch erreichen. Das geht darum, weil Gott selber in Jesus unser Fleisch und Blut annahm, sogar unser „sündiges Fleisch“, das heißt, er lebte unter den gleichen Bedingungen wie wir, aber er heulte nicht mit den Wölfen, er wurde nicht selber ein Sünder. Die Sünde blieb verdammt, als Sünder Jesus ans Kreuz schlugen, verdammten sie damit endgültig die Sünde als böse. Aber den Sündern vergab Jesus: Alle Sünder dürfen im Vertrauen auf Gott ein neues Leben anfangen.

Dann sagt Paulus:

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Ich nehme nur drei kurze Sätze aus diesen Versen des Paulus heraus: „Ihr seid geistlich, wenn Gottes Geist in euch wohnt.“ Und: „Der Geist ist Leben.“ Und: „Gott macht eure sterblichen Leiber lebendig durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Was damit gemeint ist, das möchte ich an drei Beispielen deutlich machen.

Ich besuchte einmal einen alten Herrn in einem Heim wie diesem. Er konnte sich nicht mehr an meinen Namen erinnern, seine geistigen Kräfte hatten nachgelassen, aber als er draußen vor dem Fenster die blühenden Bäume betrachtete, da fing er auf einmal an zu singen: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.“ Zwei Strophen haben wir gemeinsam hingekriegt, und ich muss zugeben, er wusste sie besser auswendig als ich. Als ich dann mit ihm über seine Familie sprach, fragte ich mehrmals genau nach, weil ich den Eindruck hatte, dass er Orte und Daten verwechselte. Am Ende meinte er: „So intensiv hat noch keiner nachgefragt“ und strahlte dabei vor Freude. „Der Geist ist Leben“, da habe das gespürt.

Dann frage ich einmal eine russlanddeutsche Frau, die einen Schlaganfall erlitten hat und von ihrem Mann, der fast nur russisch spricht, liebevoll gepflegt wird: „Sind Sie ursprünglich aus Wolgadeutschland?“ Sie sagt traurig und mit viel Anstrengung: „Wolgadeutschland gibt‘s nicht mehr.“ Als ich nachfrage: „Sind Sie von da nach Sibirien umgesiedelt worden?“, meint sie: „Der Stalin hat uns weggetan.“ Ich frage weiter: „Wo haben Sie denn Ihren Mann kennengelernt?“ Da fängt sie an zu lachen und sagt dann: „Das weiß ich doch nicht mehr.“ Aber das ist für sie kein trauriger Gedanke, sie ist froh, dass heute ihr Mann für sie da ist. Auch da habe ich den Geist gespürt, der Leben ist.

Dann sitze ich im Bus auf dem Weg zu einer Trauerfeier, und eine Frau aus der Gemeinde meint: „Das ist aber nicht schön, eine Beerdigung bei dem schönen Wetter!“ Da dreht sich eine andere Frau um, die vor uns sitzt; sie hat in den letzten Monaten insgesamt fünf Todesfälle in der Verwandtschaft verkraften müssen. Sie meint: „Manchmal wird einem erst auf dem Friedhof bewusst, wie kostbar das Leben ist.“ So wird es bei uns Pfingsten, denn der Geist ist Leben und er verwandelt manchmal ganz unerwartet unseren Tag. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 555 die erste Strophe:

Unser Leben sei ein Fest

Lasst uns beten.

Gott, du Heiliger Geist, sei du die Kraft in unserem Denken, in unseren Worten, in unserem Handeln. Schenke uns Ruhe mitten in der Hektik, Klarheit mitten in der Verwirrung, Wahrheit mitten in der Verunsicherung.

Gott, du Heiliger Geist, lass du in uns deine guten Gaben wachsen. Den Glauben, der sich ganz auf dich verlässt, die Hoffnung, die dich auch in der Zukunft nicht aus den Augen verliert, die Liebe, die den Egoismus überwindet.

Gott, du Heiliger Geist, begleite uns als Tröster, wenn wir traurig oder verzweifelt sind. Du bist da, auch wenn wir dich nicht spüren, du hörst uns, auch wenn wir nur stumm zu dir schreien, du verwandelst unsere Seufzer in Gebete, wenn wir zum Beten nicht in der Lage sind. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 131, 1-3:

1. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, du Tröster wert in aller Not, du bist gesandt vons Himmels Thron von Gott dem Vater und dem Sohn. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

2. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, gib uns die Lieb zu deinem Wort; zünd an in uns der Liebe Flamm, danach zu lieben allesamt. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

3. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, mehr‘ unsern Glauben immerfort; an Christus niemand glauben kann, es sei denn durch dein Hilf getan. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

6. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, verlass uns nicht in Not und Tod. Wir sagen dir Lob, Ehr und Dank allzeit und unser Leben lang. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.