Ausgesetzt

Zwei Bildbetrachtungen in einer Christmette am Heiligen Abend.

Der Künstler übertreibt nicht: täglich werden Kinder ausgesetzt, misshandelt, als Arbeitssklaven ausgebeutet. Ich erschrecke über das Bild, weil ich ohne das Kind vielleicht gar nicht wahrnehmen würde, wie schrecklich wir unsere Zeit haben werden lassen. Doch zugleich ist das schreiende Baby für mich ein Zeichen der Hoffnung. Eben weil es schreit!

direkt-predigtChristmette am Montag, 24. Dezember 1984, um 22.00 Uhr in der Reichelsheimer Kirche
Orgelvorspiel

Liebe Gottesdienstbesucher, nun klingt der Heilige Abend schon so langsam aus, und ich begrüße alle, die diese feierliche und besinnliche Stunde hier miteinander verbringen wollen! Es ist eine Stunde fürs Auge und fürs Ohr, fürs Gefühl und für den Verstand. Wir hören Orgelmusik und singen Lieder, wir betrachten zwei Weihnachtsbilder und hören eine Predigt dazu, wir hören Worte der Bibel und wir beten zu Gott.

Beiheft Lied 620, 1-3 (EG 46):

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3, 16).

Kommt, lasst uns anbeten!

Gott, unser Vater! Wir singen so gerne Stille Nacht und wünschen uns stille, friedliche Weihnachten ohne Sorgen. Andere singen nicht so gerne Stille Nacht und denken: Schön wär’s, wenn die Welt so heil wäre, aber es ist leider nicht so! Wir sind hier vor dir, Gott, mit unseren Wünschen und mit unseren Zweifeln. Wir sind abgehetzt oder ruhig, froh oder traurig. wir haben unsere Arbeit geschafft, oder wir sind nicht fertig geworden. Wir sind glücklich über das, was uns geschenkt ist, oder wir machen uns Sorgen. Mit dem allen sind wir hier in der Kirche. Hier ist keine heile Welt. Aber wir sind zu dem gekommen, der heil macht. Den hast du uns geschenkt, Gott, und darum dürfen wir singen „Stille Nacht“, denn du bist in ihm zur Welt gekommen, in Jesus Christus unserem Herrn!

Wir hören nun die schlichten Worte der Heiligen Schrift, wie es sich zugetragen hat, als Gott zu uns kam als kleines Kind. Vor und nach den einzelnen Teilen der Lesung hören wir eine Reihe von Variationen über „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ von Johann Christoph Bach auf der Orgel.
Schriftlesung: Lukas 2, 1-20

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Und nun lasst uns einstimmen in den Jubel der Engel und in die Freude der Hirten mit dem zweiten Lied „Engel haben Himmelslieder“. Es ist vielleicht nicht allen bekannt, doch es ist eins von den Liedern, die es sich lohnt, neu zu lernen. Das „Ehre sei Gott in der Höhe“ wird da im Refrain auf lateinisch gesungen: „Gloria in exelsis Deo“. Ralf spielt zunächst eine Strophe vor, dann stimmen wir alle mit ein.

Beiheft Lied 609, 1-3: Engel haben Himmelslieder
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Als Text zur Predigt hören wir einen Vers aus der Weihnachtsgeschichte: Lukas 2, 16:

Und die Hirten kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Die Hirten kamen eilend! Das gab‛s also auch damals in der Weihnachtsgeschichte: eine gewisse Hektik, Aufregung, nicht nur Ruhe und Beschaulichkeit. Sich eilen, sich anstrengen, wir müssen das immer wieder auf uns nehmen, und oft tun wir’s freiwillig, z. B. um unserer Familie oder unseres Berufes oder eines anderen Menschen willen, oder einfach weil wir meinen: dafür lohnt es sich, sich ein Bein auszureißen.

Viele von uns, ich auch, haben viel Lauferei und eine sehr unruhige Vorweihnachtszeit hinter sich. Vielleicht hätten wir manches vorher anders planen können, uns nicht so viel aufhalsen sollen, aber vieles haben wir auch getan, weil wir meinten: es ist gut und richtig so, es gehört zu Weihnachten dazu.

Aber nun sind wir alle hier in der Stille der Kirche und haben Zeit und Ruhe. So wie auch die Hirten zu eilen aufhören, als sie bei Maria und Josef und dem Kind angelangt sind. Schauen wir sie uns einmal an, auf dem Ausschnitt des Bildes von Rembrandt, „Anbetung der Hirten“, den Sie in einer Kopie vor sich liegen haben, auf der rechten Seite des Blattes. Da sind sie zur Ruhe gekommen, die Hirten, mit Maria und Josef, indem sie das Kind betrachten.

Aber können wir mit den Hirten gehen und diese Ruhe finden? Können wir unseren Heiland und Retter betrachten und darin Frieden finden für unser Leben und für die Gemeinschaft, in der wir leben? Ist unsere Wirklichkeit nicht anders als diese Szene, wie sie Rembrandt malt oder wie sie das Lied „StiIle Nacht“ beschreibt? Finden wir uns nicht eher in dem anderen Bild wieder, das – grau in grau links daneben abdruckt ist? Ich schaue das farbige Bild lieber an, obwohl es dunkler ist, ich reiße mich nicht gern los von diesen warmen Farben und vertiefe mich nicht so gern in das kalte Grau der modernen Darstellung.

Ein schreiendes Baby liegt nackt auf Tüchern vor einer Betontreppe, die zu Hochhäusern führt. Auf der Treppe steht das Graffito: "Entweder gibt es Friedenszeit oder es gibt überhaupt keine Zeit"

Tony Schreiber, „Ausgesetzt“. Ich danke Herrn Schreiber herzlich für die Erlaubnis, das Bild hier zu veröffentlichen!

Aber vielleicht müssen wir doch hier beginnen. Wir sind nun einmal Menschen des 20. Jahrhunderts. Wir leben in einer Welt des Betons und der Technik, in der billige Kaufhausuhren auf riesigen Werbeflächen angepriesen werden und in der die Menschen einander immer gleichgültiger geworden sind. So schlimm wie hier auf dem Bild sieht es zwar bei uns im Dorf noch lange nicht aus; aber was hat sich nicht auch hier in den vergangenen Jahrzehnten geändert, und nicht immer nur zum Guten. Man geht mehr aneinander vorbei, man hat weniger Zeit füreinander; wir arbeiten körperlich weniger hart, aber die Ansprüche an uns, vor allem nervlich, sind gestiegen. Grau in grau, so ist diese Welt der Leistung, des sich Zusammennehmens, um gerade noch so durchzuhalten. Und der Preis dafür? Oft genug finden wir erst in einer Krankheit wohlverdiente Ruhe, aber dann ist es häufig zu spät.

Da ist nun noch das ausgesetzte Baby. Für mich ist dies der Punkt auf dem Bild, an dem Erschrecken und Hoffnung zusammenfallen. Ich erschrecke, denn man kann doch kein Kind so allein auf dem Asphalt liegenlassen! Es kann doch so nicht überleben, es wird zugrundegehen, es wird verhungern, erfrieren oder verrückt werden vor Angst. Ich erschrecke, wenn ich daran denke, dass der Künstler, der dieses Bild hervorgebracht hat, nicht übertreibt: täglich werden Kinder ausgesetzt, misshandelt, als Arbeitssklaven ausgebeutet. Täglich müssen Kinder menschliche Wärme und Liebe vermissen, dies vor allem in Ländern, die materiell gesehen reich sind, oder sie leiden unter Fehlernährung und entsprechenden Krankheiten in den armen Ländern. Ich erschrecke über dieses Bild, weil ich denke, dass auch die Menschen, die erwachsenen Menschen, die da zu sehen sind, im Grunde ebenso arm dran sind wie dieses Kind: unfähig, das Naheliegendste zu tun, hinzueilen, das Kind zu nehmen und zu versorgen. Was hält sie fest? Haben sie Angst, als Kindesentführer angezeigt zu werden? Wollen sie sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen? Sind sie mit sich selber und ihren eigenen Sorgen genug belastet? Sind sie – gefühlsmäßig – ebenso ausgesetzt wie dieses Baby – seelisch verhungert und fast erfroren, ohne Hoffnung aufmenschliche Nähe und Wärme? Sind wir so wie diese Menschen im Hintergrund, die zwar stehenbleiben, aber dann schnell weiterhasten müssen, zum Kochherd, zum Schreibtisch, zum nächsten Termin, an die Arbeit oder zum nächsten Vergnügen?

Ich erschrecke über dieses Bild, weil ich ohne das Kind im Vordergrund vielleicht gar nicht wahrnehmen würde, wie schrecklich wir unsere Zeit haben werden lassen. Wo der Beton allein wächst, verkümmert die Phantasie, wo die Zeit nur noch mit Wegwerfuhren gemessen wird, da zerrinnt sie uns sinnlos unter den Fingern; und wo vom Frieden nur noch Sprühdosenparolen sprechen, da gewinnt der Unfriede unmerklich die Oberhand.

Doch zugleich ist das schreiende Baby für mich ein Zeichen der Hoffnung. Eben weil es schreit! Eben weil es seine Bedürftigkeit nicht zudeckt, wie wir es gelernt haben zu tun! Es hat sich bloßgestrampelt, es macht auf sich aufmerksam, es stellt sich dar auf die einzige Art, die es zur Verfügung hat: es schreit und schreit und schreit! Hört denn niemand! Wo ist Hilfe! Ich brauche euch doch! Nichts ist wichtiger, als dass mir geholfen wird!

Wir können lernen von diesem Baby. Denn wir kennen alle solche Momente, wo wir einfach am Boden sind. Wo wir nicht mehr weiterkönnen. Es wird uns alles zu viel, die Anstrengungen, das da-Sein für andere. Vorwürfe, die uns andere machen, Vorwürfe, die wir uns selbst entgegenhalten. Und was machen wir dann häufig? Wir stecken alles weg, schlucken alles herunter, reißen uns kräftig zusammen. Denn was würde geschehen, wenn wir alles hinausschreien würden? Würde uns denn einer anhören wollen? Würde er nicht sagen: Nimm dich nicht so wichtig? Stell dich nicht so an? Das Baby will uns sagen: Du bist wichtig genug, um auf dich aufmerksam zu machen! Auch wenn du schon erwachsen bist. Es gibt keinen Menschen, der nicht auf Liebe angewiesen ist. Jeder muss das auch mal spüren, dass einer Zeit für ihn hat, für ihn ganz allein. Und wenn er das lange nicht gemerkt hat, dass einer für ihn da ist, dann kann er sich ruhig melden. Den richtigen Zeitpunkt dafür kann er sich ja aussuchen, und auch die richtigen Leute, zu denen er Vertrauen haben kann.

Es ist natürlich noch nicht gesagt, ob jemand das Schreien des Babies hört. Auf sich aufmerksam machen ist ein Risiko. Aber es nicht zu tun, käme erst recht einem seelischen Selbstmord gleich. Also warum nicht diese Hoffnung ergreifen, die uns das Baby in der trostlosen Betonlandschaft vor Augen malt, warum nicht – zum richtigem Zeitpunkt und bei den richtigen Personen – auf uns aufmerksam machen und sagen: ich bin jetzt mal dran, ich brauche was, ich brauche Zeit, ich brauche jemanden, der mich ernstnimmt, ich muss mich mal aussprechen, ich muss mal mit mir klarkommen.

Und nun sind wir so weit, dass wir wieder zum rechten Bild zurückkehren können. Wissen Sie, das rechte Bild sähe genauso trostlos aus wie das linke, wenn dieses Kind dort in der Krippe nicht schon Menschen gefunden hätte, die es liebhaben. Angefangen mit Maria! Wie viele junge Mütter in ihrer Situation hätten nicht das Kind innerlich abgelehnt oder erst gar nicht zur Welt kommen lassen wollen! Selbst noch fast ein Kind! Selbst immer zu kurz gekommen! Und jetzt die Verantwortung tragen für ein Kind! Doch Maria hat ihr Kind angenommen, seit dem Zeitpunkt, als der Engel ihr die Geburt Jesu angekündigt hat. Und dann Josef, der seine Frau und das Kind nicht verlassen hat, allerdings auch erst auf sanftes Drängen eines Engels hin. Und nun liegt das Kind in der Krippe, wo es auch nicht viel wärmer ist als auf dem Beton in der Fußgängerzone. Aber jetzt haben auch noch die Hirten zu ihm gefunden: einige, die ganz nahe herankommen, andere, die im Hintergrund bleiben; einige die sich frierend in ihren Mantel hüllen, andere, die ganz in den Anblick des Kindes versunken sind. Und noch einer, dunkel im Vordergrund zu sehen, breitet seine Arme aus, als wolle er dieses Kind vor allem Unglück beschützen. Was dieses Bild so sehr von dem linken Bild unterscheidet, sind nicht nur die warmen Farben, sondern vor allem die Wärme und Ruhe, die von der Gemeinschaft dieser Menschen ausgeht, die sich um das Kind versammeln.

Und hier fällt nun noch etwas auf. Alles Licht in diesem Bild scheint von dem Kind in der Krippe auszugehen. Die Lampe, die Josef in der Hand hält, bescheint das Kind, doch die innere Wahrheit dieses Bildes ist, dass die Wärme und das Licht von diesem Kind ausstrahlen. Je näher die Menschen ihm sind, desto mehr spüren sie von der Wärme, desto mehr sind sie im Licht. Also auch auf diesem Bild ist das Kind, das Baby in der armseligen Krippe, das eigentliche Zeichen einer Hoffnung, die mitten im Dunkel aufstrahlt.

Bei dem anderem Bild vorhin mussten wir aber noch zweifeln: wird das Baby gehört werden Werden die Erwachsenen doch noch herbeilaufen? Wird ihnen ein Kind wichtiger werden als Termine und Einkäufe? Bei diesem Bild dürfen wir wissen: es ist Gott selbst, der dort liegt. Er ist es, der so arm und bedürftig in unsere Welt gekommen ist, wie jeder von uns. Er ist es, der hier zwar keinen Luxus gefunden hat, aber doch einige Menschen, die ihm das Wichtigste geben, was ein Mensch zum Leben braucht: Essen und Trinken, Wärme und Liebe. Jesus wird allerdings später noch krasser erfahren, was es bedeutet, ausgesetzt zu sein, als Freund der Aussätzigen und Sünder zu gelten. Er wird verraten und verkauft werden, verleugnet und verlassen sogar von seinen besten Freunden. Doch weil er es ist, der das alles mitmacht, weil Gott selbst das am eigenen Leibe spürt, darum haben wir wirklich Grund zur Hoffnung Wir sind von Gott nicht allein gelassen, wo wir uns verlassen fühlen. Denn Gott ist der, der selbst Hilfe gebraucht hat, und dem geholfen worden ist. Gott ist der, der sich als Sohn verlassen gefühlt hat vom Vater, und der nun doch als Sohn mit dem Vater unsichtbar lebt und für uns da ist! Gott ist der, der als Sohn gestorben ist, und den der Vater auferweckt hat. Für unseren Verstand ist das zu schwer zu begreifen. Daher wollen wir’s lieber noch einmal den Hirten nachtun und das Kind betrachten: Schauen, wie es, für uns ist, wenn Gott ein Kind wird

Das Kind in der Krippe liegt da. Es tut nichts. Es hat in Menschen Liebe erweckt. Es hat geschrien, da haben sie es gefüttert, gewickelt, gewiegt. Es hat Menschen zusammengeführt: die Hirten und Maria und Josef. Sie sind still geworden und nehmen das Wunder in sich auf: Gott wird ein Kind. Von unten her strahlt sie das Licht an; dieses Kind lässt es in ihrem Leben heller werden. Sie werden zuversichtlicher zurück an ihre Arbeit gehen. Sie werden nicht so verbissen und verkrampft in ihren Alltag zurückkehren. Sie werden vielleicht noch manche Träne weinen: Tränen der Rührung und Freude, oder Tränen der Traurigkeit und Verzweiflung, die sie lange heruntergeschluckt hatten. Wo Gott ein kleines Kind wird, bedürftig nach Liebe wie wir alle, dawir uns nicht mehr zu genieren, wenn wir auch einmal etwas brauchen. Wo Gott uns zeigt, was wirklich wichtig ist im Loben, was wir wirklich nötig brauchen, da merken wir, wie vieles eigentlich überflüssig ist, was wir für so wichtig halten. Und der Überfluss an Geschenken, den viele heute bekommen haben, verdeckt er nicht häufig, dass wir uns gerade das schuldig bleiben, was unentbehrlich für uns ist? Zeit brauchen wir füreinander, Zeiten der Ruhe und der Stille, manchmal allein und manchmal in der Gemeinschaft. Frieden und Liebe brauchen wir, Menschen, die für uns sorgen und uns etwas gönnen, und Menschen, für die wir sorgen und denen wir etwas gönnen, und das im kleinen Kreis genauso wie in der großen Völkerfamilie. Lasst uns dieses Bild des Friedens und der Liebe mitnehmen in unsere Weihnachtstage. Und es soll auch weiterstrahlen in den Alltag des Neuen Jahres hinein – das Licht, das vom bedürftigen und doch so reichen Kind in der Krippe ausgeht. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 28, 1-4 (EG 37):

1. Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen.

2. Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu Eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.

3. Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’, wie schön sind deine Strahlen!

4. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Gott, Vater unseres Herrn Jesus Christus und unser Vater, du hast deinen Sohn ein kleines Kind werden lassen; wir bitten dich heute für alle Kinder auf Erden, besonders für die, denen vieles zum Leben fehlt: Lass sie ihres Lebens froh werden und gib, dass ihr Vertrauen nicht enttäuscht wird. Wir rufen zu dir mit den Worten: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Wir bitten dich für die jungen Leute, die sich, wie dein Sohn als 12jähriger, lösen müssen vom Elternhaus und sich auseinandersetzen müssen mit alten Überlieferungen: Bewahre ihnen den Glauben an die Macht deiner Liebe, die die Welt verändert. Wir rufen zu dir: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Wir bitten dich für die Männer und Frauen, die Verantwortung tragen in Familie, Beruf, Politik und Kirche: Lass sie nicht vergessen, dass sie nicht alles allein machen müssen, sondern als deine Kinder auch Hilfe erbitten und annehmen dürfen. Wir rufen zu dir: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Wir bitten dich für alle, die leiden müssen bei uns und in der ganzen Welt, auch für alle, die einsam sind und deren Leben sich zum Ende neigt: Schenke ihnen im Blick auf die Krippe Zeichen deiner Hilfe und deines Heils und des neuen Lebens. Wir rufen zu dir: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Vor allem aber bitten wir dich für diese Welt um Frieden und für unsere Kirche, dass du ihre Füße richtest auf den Weg des Friedens durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Vater unser
Abkündigungen und Segen
Adagio a-moll von Johann Sebastian Bach
Das Bild von Rembrandt, „Anbetung der Hirten“ können Sie auf der Internetseite der Artothek – Bildagentur der Museen anschauen, wenn Sie die Bildnummer 101 angeben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.