Ästhetik und Romantik

Odo Marquards Verhältnis zur Kunst und zur Natur.

Hier stelle ich Äußerungen des Philosophen Odo Marquard zusammen, in denen er sich mit der Ästhetik und der Naturphilosophie auseinandersetzt. Vielleicht schauen Sie ja auch einmal in seine Werke selbst hinein, um mehr über seine Anschauungen zu erfahren. Die in Klammern angegebenen Stichworte verweisen auf die ausführlichen Literaturangaben in der chronologisch nach Jahreszahlen geordneten Bibliographie mit 103 Schriften von Odo Marquard.

 

Philosophie der Ästhetik

Gedanken zum Thema Natur

Philosophie der Ästhetik

 

Natur als ohnmächtiger Retter

Geniekunst und Heilkunst gewinnen – angesichts der riskanten Wende zur Natur als dem Retter – eine gemeinsame philosophische Rolle als die ebenso notwendigen wie ohnmächtigen Versuche des Menschen, vor diesem Retter sich zu retten. (Therapeutik, 1962, S. 94)

 

Ästhetik als milde Narkose

Kunst, begriffen als Wiederkehr des Verdrängten, [ist] … zweierlei: Geltendmachen des unterdrückten Besseren oder milde Präsenz des schlimm-Regressiven. Sie ist Vorschein des Heilen oder Abfang des Barbarischen. Sie antizipiert Glück oder domestiziert Aggressionen. Die einstmals schöne: jetzt bahnt sie an oder erspart. Sie ist temperierter Protest oder jene milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, um Unerträgliches zu ertragen. (Unbewußt, 1966, S. 44f.)

 

Philosophie der schönen Kunst

Die Ästhetik … als Philosophie der schönen Kunst … hat es … in der Philosophie nicht immer gegeben. Vorästhetisch … war die Philosophie des Schönen (als des Seienden) keine Philosophie der Kunst und die Philosophie der Kunst (des Machens) keine Philosophie des Schönen (des Unmachbaren); erst modern – auf der Basis einer Sinnenlehre – fusionieren beide zur Philosophie der schönen Kunst, d. h. zur Ästhetik… (Kunst, 1981, S. 113)

 

Ende der Kunst

Hegels Satz vom Ende der Kunst … besagt in seiner zentralen Pointe: … seit der „antike“ d. h. Griechische Gesichtspunkt der Schönheit durch den „modernen“ d. h. biblisch-christlichen Gesichtspunkt des Heils überboten war, mußte die Kunst – als primär nicht heilsnotwendige – sich in den Dienst des Heils begeben oder abtreten: beides besiegelt ihr Ende. … der Satz vom Ende der Kunst gehört in das Ensemble der eschatologischen Sätze der biblischen Religion… Das Ende der Kunst kommt also nicht nach, es kommt vielmehr – und zwar deutlich – vor der Ära der ästhetischen Kunst, und keineswegs umgekehrt. (Kunst, 1981, S. 115f.)

 

Doppelte Ästhetik

Die Ästhetik ist das Festhalten der Kunst gegen ihr Ende: darum wird sie zur doppelten Ästhetik. (Kunst, 1981, S. 117)

 

Erfahrungskunst statt Erwartungskunst

[D]ie amtierenden Wonnevokabeln der gängigen Kunstdefinition – Utopie, Vorschein, Kritik, Revolte – [müssen] abdanken zugunsten von ruhigeren und weniger leichtfertigen Bestimmungen: eben Erfahrung, Genuß, Vielfalt, Erinnerung, Katharsis, Identifizierung. An die Stelle der Erwartungskunst tritt dann die Erfahrungskunst. (Krise, 1981, S. 86)

 

Identitätssystem

[D]ie Idee des Gesamtkunstwerks beginnt mit dem „ästhetischsten“ System des deutschen Idealismus, dem „Identitätssystem“ … von Schelling; und die Kritik an der Idee des Gesamtkunstwerks beginnt mit Hegels Kritik an Schellings Identitätssystem. (Gesamtkunstwerk, 1983, S. 101)

 

Wirklichkeit als Gesamtkunstwerk

Schelling erklärte die ganze Wirklichkeit zum Kunstwerk: zum gesamtesten aller möglichen Gesamtkunstwerke. (Gesamtkunstwerk, 1983, S. 105)

 

Gesamtplanästhetiker

[Durch die] Ästhetik der Planung entkommt das identitätssystematische Programm – die Initialform der Idee des Gesamtkunstwerks – seinen transitorischen Beschränkungen heutzutage in die großen integrierten Gesamtpläne, die – gescholten als Technokratie und gelobt als Reformperspektiven – in Wahrheit Ästhetiken der Wirklichkeit sind, die erneut die gesamte Wirklichkeit zum integrierten Gesamtkunstwerk machen wollen. Ihre Protagonisten wiederholen – indem zwischen ihnen und dem Absoluten sozusagen nur die Finanzminister und ihre knappen Budgets stehen, zwischen ihnen und der Endlichkeit zuweilen nur die Aussicht auf Karriere – die Verfassung der Indifferenz. Wo ihnen die Realität zur bloßen occasio für Programme wird, denkt man zuweilen nostalgisch an jene Zeiten, in denen es noch möglich war, derartige Kommunikationsgemeinschaften – auch die von Gesamtplanästhetikern – zu Akademien zu adeln, um ihre Wirksamkeit durch Ehre zu vereiteln. Jedenfalls wird – angesichts der Geschichte des Gesamtkunstwerks vom Identitätssystem bis zu den Gesamtplänen und ihren absoluten Regisseuren – klar, daß Fichtes Intentionen womöglich dort am meisten triumphieren, wo Fichte durch Schelling scheinbar ästhetisch überwunden wurde, und es wird – angesichts dieser Geschichte – klar, daß das Ästhetische gar nicht – wie seine vehementesten Kritiker meinten – dadurch problematisch wird, daß es zu unwirklich wird; es wird nämlich – ganz im Gegenteil – dort unerträglich, wo es zu wirklich wird… (Gesamtkunstwerk, 1983, S. 111)

 

Resistenz der Moderne gegen die Postmoderne

Es stimmt einfach nicht, daß wir im nachästhetischen Zeitalter leben; und so ist denn dieses Buch – das Buch eines skeptischen Antieschatologen – eines mit Sicherheit ganz und gar nicht: eine Philosophie der nachästhetischen Kunst. Und es stimmt auch nicht, daß wir in der Postmoderne leben; und so ist denn dieses Buch – das Buch eines Modernitätstraditionalisten – eines mit Sicherheit ganz und gar: die Behauptung der Resistenz der Moderne gegen die Postmoderne und die Verteidigung des ästhetischen Zeitalters gegen den Antimodernismus, speziell den futurisierten Antimodernismus. (Aesthetika, 1986, S. 11 )

 

Zauberhaft

[D]ie Ästhetisierung der Kunst kompensiert – als spezifisch moderne Rettung der zauberhaften Züge der Wirklichkeit ins Ästhetische – die moderne „Entzauberung“ der Welt (Max Weber)… (Aesthetika, 1986, S. 12f.)

 

Entübelung des Ästhetischen

[D]ie Ästhetisierung der Kunst gehört als Moment zum – spezifisch modernen – Prozeß der Entübelung der Übel… das Unschöne überflügelt das Schöne als ästhetischer Fundamentalwert. Aber diese Positivierung des ästhetischen Übels setzt ihrerseits voraus die Entübelung des Ästhetischen: das traditionell übel gestellte, nämlich „inferiore“ Vermögen der Aisthesis – Sinnlichkeit – avanciert modern zur vermeintlich höchsten (nämlich künstlerischen) Potenz menschlicher Kreativität und Genialität eben durch die Entstehung der Ästhetik… (Aesthetika, 1986, S. 14)

 

Gesamtkunstwerk als Ausnahmezustand

[D]as Gesamtkunstwerk ist jenes totale Fest und Moratorium des Alltags, das die vorhandene Wirklichkeit nicht mehr gelten läßt, und ist schließlich – ernst genommen – auf ästhetische Weise das, wogegen es gerufen wurde: der revolutionäre Ausnahmezustand. (Moratorium, 1987, S. 64)

 

Kunstwerke als Feste

Ein Remedium, ein Gegenmittel gegen den Hang zur Preisgabe des Alltags, die Krieg und Bürgerkrieg sind, ist – in einer entzauberten Welt, wie es die moderne Welt ist – die Kultur jener Feste, die die Kunstwerke sind: gelungene Bauwerke, Plastiken, Bilder, Musik und Tänze, Erzählungen, Gedichte, dramatisches Theater. (Moratorium, 1987, S. 64)

 

Unvermeidlichkeit des Ästhetischen

Die Ergebnisse der acht zu diesem Buch zusammengestellten Texte … konvergieren … in einer Kompensationsthese: die ästhetische Kunst und die philosophische Ästhetik werden spezifisch modern nötig und wirklich als Chancen, den Realitätsverlust, ohne den die modernen Versachlichungen nicht zu haben sind, und den Realitätsverlust, zu dem die modernen Utopisierungen führen, durch Realitätsgewinne wettzumachen (zu kompensieren), die jene merkende Vernunft erzielt, die die ästhetische Kunst und ihre Erfahrung ist, so daß gilt: je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird das Ästhetische. (Vorbemerkung Aesthetika, 1989, S. 9)

 

Kontinuitätserfahrungen unter Diskontinuitätsbedingungen

In der modernen Welt ist es die Aufgabe der ästhetischen Kunst, des historischen Sinns und der Geisteswissenschaften und schließlich der Philosophie, unter Diskontinuitätsbedingungen Kontinuitätserfahrungen zu machen und zu artikulieren. (Herkunft 2, 1989, S. 26)

 

Zu wirkliche Kunst

Die Entlastung von der gescheiterten Revolution ist die Kunst. Indes: Die Ästhetisierung bleibt menschlich nur dann, wenn nicht alles ästhetisiert wird…; denn es ist gegenmenschlich, wenn die Menschen statt ihrer Wirklichkeit nur noch ein einziges Kunstwerk haben sollen. Auch die Wende zur Ästhetik … kann zur gefährlichen Illusion werden: nicht dadurch, daß die Kunst zu unwirklich, sondern dadurch, daß die Kunst zu wirklich wird. (Universalgeschichte, 1992, S. 86)

 

Kunst des Möglichen

Was ist Politik? Was ist Kunst, die sogenannte schöne Kunst? Bismarck hat … die Politik als Kunst des Möglichen bestimmt. Der nur wenig ältere Nestroy hat in bezug auf die sogenannte schöne Kunst – mit listigem Sarkasmus gegen die These, daß Kunst von Können komme – gesagt: Kunst ist, wenn man‘s nicht kann; denn wenn man‘s kann, ist‘s keine Kunst. Für beide Künste – Politik und sogenannte schöne Kunst: die Kunst des Möglichen und die Kunst des vielleicht Unmöglichen – gilt, was Gottfried Benn meinte: „Das Gegenteil von Kunst ist gut gemeint“. (Repräsentation, 1993, S. 25)

 

Kommunismus der Künste

Wagner … verstärkte Schellings Ansatz, indem er betonte: zur Wirklichkeit, die Ziel der Revolution ist, kann das Gesamtkunstwerk nur werden durch den … „Kommunismus“ der Künste: durch die Verbindung aller Einzelkünste zu einem einzigen Kunstwerk, das eben dadurch – als Gesamtkunstwerk – die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit aufhebt. Die Nachfolger Wagners in Dingen Gesamtkunstwerk – die im Einzugsgebiet von Surrealismus, Dadaismus, Futurismus – waren in diesem Punkt anderer Meinung als Wagner: nicht die Verbindung, sondern die Zerstörung aller Einzelkünste in einem totalen Antikunstwerk gibt diesem die Dignität der Wirklichkeit. … erst alle Menschen zusammen sind die Künstler dieses totalen Kunstwerks. Und wo heute noch ein Einzelner es zustande zu bringen sucht, indem er alles kann und alles durchstreicht, was er kann, muß er zumindest durch Kleidungsrituale suggerieren, kein Einzelner zu sein: darum war etwa – als gesamtkunstwerkelnde Identität von Avantgarde und Heilsarmee – Joseph Beuys (dieses Ein-Mann-Heer für Pazifismus und Nichtuniformierung) der disziplinierteste und exzessivste Uniformträger der Gegenwart: der standhafte Sinn-Soldat. (Repräsentation, 1993, S. 33)

 

Entlastung vom Politischen

Die Ästhetisierung der Kunst ist primär die Emanzipation aus ihren Gebundenheiten, also auch die Entlastung vom Politischen; und diese Entlastung der Kunst vom Politischen – meine ich – gehört gerade zur modernen liberalen Demokratie. Man sollte hier nicht mit dem Satz kommen, daß man dem Politischen nirgendwo entgehen dürfe, weil alles Politik sei; denn das – alles ist Politik – ist ein totalitärer Satz. Liberal ist gerade, daß nicht alles politisch sein muß, auch die Kunst nicht. (Repräsentation, 1993, S. 37)

 

Kunst muß nicht müssen

Die Kunst … muß vielerlei und fast alles dürfen; aber sie muß nicht müssen, vor allem auch das Politische nicht, und schon gar nicht ist sie zur Nähe zu einer bestimmten Art des Politischen verpflichtet: etwa zur Verweigerung der Bürgerlichkeit und zur Apotheose des Ausnahmezustands. Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet. Und vor allem: die konsequent ästhetische Kunst darf politisch sein, aber sie muß es nicht. (Repräsentation, 1993, S. 38)

 

 

Gedanken zum Thema Natur

 

Ausgebeutete Natur

Die Natur ist zwar nicht Feind, wie der bisherige futurale Antimodernismus meint, aber vorhanden; und die Natur ist zwar nicht verloren, wie der bisherige präteritale Antimodernismus meint, wohl aber gut und Freund. Doch ist diese Natur – wie das vorher vom Proletariat gesagt wurde – ausgebeutet und dadurch gefährdet durch die moderne – die bürgerliche – Welt: also muß diese bürgerliche Welt gestürzt werden; die moderne Welt muß verschwinden, damit die Natur am Leben bleibt und wieder heil werden kann und zu jener Gemeinschaft der Wesen, als Glied in der – der echten klassenlosen Gesellschaft – der Mensch nun wirklich und endgültig seine heile Zukunft findet. (Antimodernismus, 1987, S. 100)

 

Schonungsstandards für die Natur

Ich spreche nicht gegen Schonungsstandards für die Natur, sondern nur gegen ihre Utopisierung. Ich mag die Natur: In meinem FAZ-Magazin-Fragebogen habe ich als Lieblingsbeschäftigung wahrheitsgemäß neben dem Schlafen auch das Wandern angegeben; und selbst beim Tempo 100 habe ich nur den Verdacht, daß ich – als nicht Auto fahren könnender Fußgänger – es schwerlich werde erreichen können. Aber der heutige geschichtsphilosophische Antimodernismus utopisiert die Natur: Solange die Natur nicht der Himmel auf Erden ist, gilt das vorhandene Naturverhältnis und die moderne – bürgerliche – Welt, die es hat, als Hölle auf Erden. (Antimodernismus, 1987, S. 102)

 

Verbürgerlichung der Natur

Vielleicht gibt es – analog zur „Verbürgerlichung des Proletärs“ – auch eine „Verbürgerlichung der Natur“: In der bürgerlichen Welt geht es der Natur schließlich – auch wenn es ihr schlecht geht – besser als sonstwo. (Antimodernismus, 1987, S. 104)

 

Artentod

Wenn Artentod als Zerstörung der Natur gilt, dann in der Tat – weil sie Evolution ist – ist die ganze Natur Zerstörung. (Antimodernismus, 1987, S. 105)

 

Blauäugigkeit

Wer antimodernistisch Naturschutz auf Kosten des Modernitätsschutzes – des Schutzes auch der Kultur gerade der modernen Welt – betreiben will, halbiert zugleich die Natur selber und seine Wahrnehmung der Wirklichkeit: Er macht sich auf blauäugige Weise einäugig. Es genügt aber nicht, Blauäugigkeit mit Einäugigkeit zu verbinden, um mit einem blauen Auge davonzukommen. (Antimodernismus, 1987, S. 107)

 

Naturverhältnisse als Festkultur

Ein anderes Remedium … gegen die Apotheose des Ausnahmezustands … ist die Kultur jener Feste, die – in einer sachlich, künstlich, technisch gewordenen Welt, wie es die moderne Welt ist – die Naturverhältnisse sind: die Entdeckung der Landschaft, die Konjunktur des Parks und des Gartens vom botanischen und zoologischen über den englischen Garten bis zum Schrebergarten, die Sehnsucht nach den Wäldern, die Lust am Wandern und am Reisen in die unberührte Natur. (Moratorium, 1987, S. 65)

 

Romantik

Nicht das menschliche Ich, sondern die Natur ist Herrin im menschlichen Haus. … Die philosophische Anthropologie der Romantik ist – im ernüchternden Gegenzug zur aporetisch gewordenen geschichtsphilosophischen Utopie – Naturphilosophie des Menschen. (Utopie, 1991, S. 148)

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