Eine grausame Geschichte aus dem Buch der Richter

Eine Fastenpredigt über eine unfassbar grausame Geschichte aus der Bibel – sie kann uns helfen, die Augen zu öffnen für nicht minder grausame Schicksale in unserer heutigen Wirklichkeit. Aber kann es auch gelingen, dieser Realität Stand zu halten und ihr Hoffnung entgegenzusetzen? Gehalten wurde die Predigt bereits in der Passionszeit 2016 – aktuell ist sie auch drei Jahre später!

Das Bild einer Bibel, in der ein Granatsplitter steckt - Bild für ein Buch, das auch viele grausame Geschichten enthält.

Welches Bild passt zu einer so grausamen Geschichte wie Richter 19? Das Bild einer Bibel, die einen Soldaten im Ersten Weltkrieg bei Verdun vor dem Tode errettete, weil ein Granatsplitter im Schlaf nicht seinen Kopf zerfetzte, sondern in der Bibel unter seinem Kopf stecken blieb (Quelle: Europeana 1914-1918 project [Public domain])

Predigt in der Reihe „Fastenpredigten – Flucht, fremd & heimatlos“ in der katholischen Bonifatiuskirche Gießen am 25. Februar 2016

Lesung zur Predigt aus dem Buch der Richter 19, 1-28:

1 Zu der Zeit war kein König in Israel. Und ein Levit wohnte als Fremdling weit hinten im Gebirge Ephraim und hatte sich eine Nebenfrau genommen aus Bethlehem in Juda.

2 Und als sie über ihn erzürnt war, lief sie von ihm fort zu ihres Vaters Hause nach Bethlehem in Juda und war dort vier Monate lang.

3 Da machte sich ihr Mann auf und zog ihr nach, um freundlich mit ihr zu reden und sie zu sich zurückzuholen; und er hatte seinen Knecht und ein Paar Esel bei sich. Und sie führte ihn in ihres Vaters Haus. Als ihn aber der Vater der jungen Frau sah, wurde er froh und ging ihm entgegen.

4 Und sein Schwiegervater, der Vater der jungen Frau, hielt ihn fest, dass er drei Tage bei ihm blieb. Sie aßen und tranken und blieben dort über Nacht.

5 Am vierten Tag erhoben sie sich früh am Morgen, und er machte sich auf und wollte fortziehen. Da sprach der Vater der jungen Frau zu seinem Schwiegersohn: Labe dich zuvor mit einem Bissen Brot, danach könnt ihr ziehen.

6 Und sie setzten sich und aßen beide miteinander und tranken. Da sprach der Vater der jungen Frau zu dem Mann: Bleib doch über Nacht und lass dein Herz guter Dinge sein.

7 Als aber der Mann aufstand und ziehen wollte, nötigte ihn sein Schwiegervater, dass er noch einmal über Nacht dablieb.

8 Am Morgen des fünften Tages machte er sich früh auf und wollte ziehen. Da sprach der Vater der jungen Frau: Labe dich doch und lass uns warten, bis sich der Tag neigt. Und so aßen die beiden miteinander.

9 Da machte sich der Mann auf und wollte mit seiner Nebenfrau und mit seinem Knecht fortziehen. Aber sein Schwiegervater, der Vater der jungen Frau, sprach zu ihm: Siehe, der Tag hat sich geneigt und es will Abend werden; bleib über Nacht und lass dein Herz guter Dinge sein. Morgen mögt ihr früh aufstehen und eures Weges ziehen zu deinem Zelt.

10 Aber der Mann wollte nicht mehr über Nacht bleiben, sondern machte sich auf und zog hin und kam bis gegenüber von Jebus – das ist Jerusalem – und hatte ein Paar beladene Esel bei sich und seine Nebenfrau und seinen Knecht.

11 Als sie nun nahe bei Jebus waren, dunkelte es schnell; da sprach der Knecht zu seinem Herrn: Komm doch und lass uns in diese Stadt der Jebusiter einkehren und über Nacht dort bleiben.

12 Aber sein Herr sprach zu ihm: Wir wollen nicht in die Stadt der Fremden einkehren, die nicht von den Israeliten sind, sondern wollen hinüber auf Gibea zu.

13 Und er sprach zu seinem Knecht: Geh weiter, damit wir an einen andern Ort kommen und über Nacht in Gibea oder in Rama bleiben.

14 Und sie zogen weiter ihres Weges und die Sonne ging unter, als sie nahe bei Gibea waren, das in Benjamin liegt.

15 Und sie bogen ab vom Wege, um nach Gibea zu kommen und dort über Nacht zu bleiben. Als er aber hineinkam, blieb er auf dem Platze der Stadt; denn es war niemand, der sie die Nacht im Hause beherbergen wollte.

16 Und siehe, da kam ein alter Mann von seiner Arbeit vom Felde am Abend; der war auch vom Gebirge Ephraim und ein Fremdling in Gibea, aber die Leute des Orts waren Benjaminiter.

17 Und als er seine Augen aufhob, sah er den Wanderer auf dem Platze und sprach zu ihm: Wo willst du hin? Und wo kommst du her?

18 Er aber antwortete ihm: Wir reisen von Bethlehem in Juda weit ins Gebirge Ephraim hinein, wo ich her bin. Ich bin nach Bethlehem in Juda gezogen und kehre jetzt nach Hause zurück, doch niemand will mich beherbergen.

19 Wir haben Stroh und Futter für unsere Esel und Brot und Wein für mich, deinen Knecht, und für deine Magd und den Knecht, der bei mir ist, sodass uns nichts fehlt.

20 Der alte Mann sprach: Friede sei mit dir! Alles, was dir mangelt, findest du bei mir; bleib nur nicht über Nacht auf dem Platze.

21 Und er führte ihn in sein Haus und gab den Eseln Futter, und sie wuschen ihre Füße und aßen und tranken.

22 Und als ihr Herz nun guter Dinge war, siehe, da kamen die Leute der Stadt, ruchlose Männer, und umstellten das Haus und pochten an die Tür und sprachen zu dem alten Mann, dem Hauswirt: Gib den Mann heraus, der in dein Haus gekommen ist, dass wir uns über ihn hermachen.

23 Aber der Mann, der Hauswirt, ging zu ihnen hinaus und sprach zu ihnen: Nicht, meine Brüder, tut doch nicht solch ein Unrecht! Nachdem dieser Mann in mein Haus gekommen ist, tut nicht solch eine Schandtat!

24 Siehe, ich habe eine Tochter, noch eine Jungfrau, und dieser hat eine Nebenfrau; die will ich euch herausbringen. Die könnt ihr schänden und mit ihnen tun, was euch gefällt, aber an diesem Mann tut nicht solch eine Schandtat!

25 Aber die Leute wollten nicht auf ihn hören. Da fasste der Mann seine Nebenfrau und brachte sie zu ihnen hinaus. Die machten sich über sie her und trieben ihren Mutwillen mit ihr die ganze Nacht bis an den Morgen. Und als die Morgenröte anbrach, ließen sie sie gehen.

26 Da kam die Frau, als der Morgen anbrach, und fiel hin vor der Tür des Hauses, in dem ihr Herr war, und lag da, bis es licht wurde.

27 Als nun ihr Herr am Morgen aufstand und die Tür des Hauses auftat und herausging, um seines Weges zu ziehen, siehe, da lag seine Nebenfrau vor der Tür des Hauses, die Hände auf der Schwelle.

28 Er sprach zu ihr: Steh auf, lass uns ziehen! Aber sie antwortete nicht. Da legte er sie auf den Esel, machte sich auf und zog an seinen Ort.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was soll ich sagen? Gibt es etwas zu sagen oder bleibt nur verstörtes Schweigen im Nachklang zu dieser grausamen Erzählung? Ich bin eingeladen, heute hier zu diesem Text zu predigen. Es ist eine biblische Geschichte aus unserem heiligen Buch. Aber wo ist hier Gottes Wort? Es ist eine dieser Geschichten, die wir im Kirchenjahr umgehen, als wären es Slalomstangen, an denen wir schnell vorbei müssen, ohne sie zu berühren. Das christliche Abendland ist inzwischen gut informiert über die Gewaltbilder, die der Koran anbietet. Aber nicht wenige biblische Geschichten werden versehentlich dem Koran zugeschrieben, weil sie mit ihrer unendlichen Grausamkeit nicht in das Selbstbild der jüdisch-christlichen Tradition passen.

Die Geschichte vom Leviten und seiner Nebenfrau stört mich. Sie verstört mich. Und genau deshalb ist sie mir in den vergangenen Tagen und Wochen nahe gegangen. Sie weckt in mir die Bilder von dem mit Flüchtlingen besetzten Reisebus in Clausnitz. Vor den Türen des Busses eine wütend schreiende Menschenmenge. Der Bus umstellt, der Ausweg versperrt und Gewalt liegt in der Luft. Sie schwappt in den Bus, ergreift auch die Flüchtlinge und Polizisten – böse Gesten, Handgreiflichkeiten. Die Bilder beider Geschichten beginnen, sich ineinanderzuschieben.

Wenn wir der Geschichte aus dem Richterbuch zuhören, so heißt das, dass wir uns in eine Welt unendlichen Schreckens begeben. Er greift nach uns und lässt uns nicht mehr entkommen. Alle Versuche, das Schreckliche zu mildern, sie scheitern kläglich.

Manchmal hilft es ja, ein wenig vor oder hinter der Textstelle weiterzulesen, um eine beruhigende Einordnung zu entdecken. Hier nicht. Im Gegenteil, der Schrecken steigert sich ins Unfassbare. Nur wenige Verse später heißt es:

29 Als er nun heimkam, nahm er ein Messer, fasste seine Nebenfrau und zerstückelte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels.

Und damit wird ein Strafgericht gegen den Stamm Benjamin in Gang gesetzt, dem 25.000 Benjaminiter zum Opfer fallen, die Stadt Gibea geht zuerst in Flammen auf, danach alle anderen Städte, bis gerade einmal 600 Mann übrig bleiben. Doch die Spirale dreht sich weiter dem Abgrund entgegen. Weil zu dem Racheschwur auch gehörte, den Benjaminitern keine eigene Tochter mehr zur Frau zu geben, droht jetzt der ganze Stamm für immer ausgerottet zu werden. Weil sich das nun als neues Unglück anbahnt, wird beschlossen, an der einzigen Gemeinde, die sich an der Schlacht nicht beteiligt hatte, an denen von Jabesch in Gilead, zur Strafe einen Bann zu vollziehen. Nun schlachtet man hier alle Männer und alle Frauen, die einem Mann gehören, ab. Es bleiben 400 Jungfrauen übrig. Die nimmt man und gibt sie den Benjaminitern zum Erhalt des Stammes. Und weil das noch zu wenig Frauen sind, wird den Benjaminitern erlaubt, sich die restlichen in Silo bei einem Festreigen zu rauben. So sieht das Krisenmanagement der Stämme Israels aus.

Liebe Gemeinde, was soll ich sagen. Es begann mit einem Leviten, der seiner Frau nach einem Ehestreit nachreiste – und es endet in einem Exzess von Mord, Vergewaltigung, von Entführung und Brutalität.

Aber ich will nicht aufgeben. Ich suche in der Geschichte das Heilsame, das Freundliche, die Hoffnung, den Ausblick, die Verheißung. War da nicht ein Mann, von dem erzählt wird, er wollte seiner Frau nachziehen und freundlich mit ihr reden? War da nicht ein Schwiegervater, dessen Gastfreundschaft fast grenzenlos erscheint? Aber Vorsicht – besonders Frauen, die diesen Text sehr sorgfältig und mit ihren Augen gelesen haben, machen uns darauf aufmerksam, wie sehr hier vom ersten Moment an die Nebenfrau, die zu ihrem Vater floh, mehr Sache als Mensch war, mehr Ding als Person. Geschildert wird die Gastfreundschaft, die ein Mann einem Mann gewährt. Frauen kommen da nicht vor. Sie tauchen wieder als Ware auf, um sie zum Schutz vor der Schändung des männlichen Gastes einzutauschen. Und da werden Tochter und Nebenfrauen angeboten, bis es der Meute vor der Tür passt – mit ihr könnt ihr tun, was euch gefällt. So sehen Obergrenzen der Gastfreundschaft damals aus. Der freundliche Levit vom Beginn der Geschichte zeigt sein wahres Gesicht. Als nun der Herr am Morgen aufstand und die Tür des Hauses auftat und herausging, um seines Weges zu ziehen, siehe, da lag seine Nebenfrau vor der Tür des Hauses, die Hände auf der Schwelle. Er sprach zu ihr: Steh auf, lass uns ziehen! Aber sie antwortete nicht.

Liebe Gemeinde, in dieser ganzen Geschichte ist kein Schlupfloch zu finden, aus dem wir uns herauswinden könnten, um dieser Grausamkeit menschlichen Seins zu entkommen. Und nun wird es uns noch tiefer in den Abgrund hineinschrauben, wenn wir entdecken, dass auch der letzte Weg versperrt ist. Es ist keine grausame Geschichte aus den grausamen alten Zeiten, auf die wir aus einer heilen Welt blicken und uns freuen, dass solches überwunden ist. Nicht damals ging es schlimm zu – heute geht es schlimm zu. Wenn wir genau so sorgfältig auf unsere gegenwärtige Geschichte blicken, dann müsste es uns doch in gleicher Weise und an der gleichen Stelle das Herz zerreißen.

Und ich kehre zurück zu dem Bus in Clausnitz, der von Menschen gestoppt und umstellt worden ist, in dem Männer, Kinder, Jugendliche und Frauen saßen, erschöpft und müde, und um ihr Leben bangen mussten. Was wird sich da in den Sitzreihen, auf der Schwelle des Busses, alles abgespielt haben. Und wir könnten von dieser kleinen Szene in Clausnitz aufbrechen und losgehen und würden alles wieder finden, was uns im Richterbuch erzählt worden ist. Wir würden Krieg, Terror und Gewalt finden, vor dem die Menschen fliehen, wir würden vergewaltigte und entführte Frauen finden, denn das ist heute Alltag im modernen Krieg des 21. Jahrhunderts und eine beliebte Waffe von Männern, die damit andere Männer bekämpfen wollen. Wir würden die Stämme Europas entdecken, wie sie sich solidarisch gegen Feinde von außen zusammenschließen, aber wenn nötig, sich auch gegenseitig bedrohen, gegeneinander taktieren und an ihren Grenzen mit Waffengewalt aufmarschieren. Wir würden entdecken, wie Menschenmassen pöbelnd durch die Straßen ziehen und nur die Polizei sie abhält, andere abzuschlachten. Wir würden entdecken, dass die Orte der Gastfreundschaft, die Unterkünfte der Flüchtlinge, fast wöchentlich in Flammen aufgehen, dass Männer in Köln rücksichtslos die Unsicherheit einer großen Menge für ihre männliche Gewalt ausnutzen und Frauen in den Diskussionen danach von Männern zu nützlichen Objekten in der Schlacht gegen die Fremden und die Flüchtlinge gemacht werden.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder – es ist so erbärmlich, was in diesem Land gerad geschieht, und es macht mir Angst. Der Applaus der Schaulustigen beim Brand der Flüchtlingsunterkunft, es könnte der Applaus beim Brand von Gibea sein, als man sich am Stamm Benjamin rächte. Dass wir zunehmend verrohen, verroht sind in den Köpfen und Herzen, das bricht sich als Erkenntnis langsam aber erschreckend Bahn. Und die erste Welle der Willkommenskultur droht zum Zuckerguss zu verkommen, unter dem eine zunehmend hässliche Geschichte mehr und mehr Fahrt aufnimmt. Deshalb ist mir diese furchtbare Geschichte aus dem Richterbuch so nahe gekommen, so sehr an die Nieren gegangen, weil ich uns auf fatale Weise darin wiederfinde.

Es reicht Ihnen langsam mit diesem düsteren Bild. Sie fragen mich nach einem Licht- und Ausblick. Sie wollen, dass ich die guten, die hoffnungsvollen Geschichten endlich dagegen setze. Wo ist die Verheißung, Gottes Wort, das heilt und versöhnt?

Ich finde es in keiner Silbe dieser biblischen Geschichte. Und vielleicht ist gerade das ihre Kraft. Einer Kraft, der wir oft wenig zutrauen. Es ist die Kraft, die wächst, wenn man dem Entsetzlichen ins Gesicht schaut und sich verwundert die Augen reibt, dass Gott dem nicht einfach ein Ende bereitet. Warum bleibt unser Gott diesen zwölf Stämmen Israels treu? Warum bleibt er uns treu? Warum wendet er sich nicht entsetzt von seiner Schöpfung ab? Warum wendet er sich nicht entsetzt von uns ab? Und mit uns meine ich uns alle – nicht nur die, die Feuer anzünden, die bedrohen, schreien und Frauen vergewaltigen. Ich meine uns alle, denen es nicht gelingt, eine Welt einzurichten, die die Menschen nicht auf die Flucht treibt – eine Welt, in der die Humanität nicht an jeder Weiche wieder entgleist und sich zu einer Fratze der Unmenschlichkeit verzerrt.

Ja, es gibt viele gute Geschichten, die man dagegen erzählen könnte. Ich bin unfassbar glücklich über meine Stadt Gießen, die eine Hochburg des Hasses sein könnte – stattdessen aber bis heute so viel Freundlichkeit und Offenheit und Gastfreundschaft verströmt. Aber ich fürchte immer mehr diese Dynamik des Unheils, in der aus jeder Tat eine schlimmere folgt – diese schiefe Bahn, auf der uns alles zu entgleiten droht. Sie merken schon, ich will Sie, will mich aus dem Schrecken nicht entlassen, den diese biblische Erzählung entlarvt. Es ist eine Geschichte der Gottvergessenheit – und wenn Gott uns vergessen würde, wäre es nicht verwunderlich.

Aber der, der diese Geschichte aufgeschrieben hat, der hat das auch so gespürt. Das war jemand, der hat auch eine Erklärung gesucht, wie das nun alles in die Geschichte Gottes mit seiner Welt hineinpasst. Das verraten mir der Beginn und das Ende dieses Abschnittes.

1 Zu der Zeit war kein König in Israel.

Es wirkt wie ein unscheinbarer Bericht zur Lage, gleich am Beginn, aber es ist mehr, es ist ein Erklärungsversuch. Das wird deutlich, wenn wir auf den letzten Vers im Richterbuch blicken. Der wiederholt und führt aus (Richter 21):

25 Zu der Zeit war kein König in Israel; jeder tat, was ihn recht dünkte.

Das Königtum ist natürlich mehr als der Ruf nach politischer Ordnung. Es ist der Ruf nach dem König, der Gottes Ordnung verkörpert und garantiert. Und ich denke: ja, Menschenwerk versagt gerade; nach Gottes Ordnung sehne ich mich, nach dem Hoffnungslicht von Recht, Gerechtigkeit und Liebe. Es ist geschehen, was geschehen ist, weil keiner nach Gottes Ordnung gefragt und geschaut hat.

Zu der Zeit war kein König in Israel.

Wir haben eine gute politische Ordnung, eine freiheitlich demokratische, und trotzdem droht uns die Ordnung der Menschlichkeit verloren zu gehen, weil jeder anfängt zu tun, was ihm oder ihr recht dünkt. Das sollte uns nachdenklich stimmen. Es ist, als würde der politischen Ordnung langsam die moralische entzogen.

Und jetzt, ganz langsam, fange ich an zu verstehen, warum diese Geschichte in der Bibel steht – warum es Gottes Geschichte ist und wie durch sie hindurch Gottes Wort zu Sprache kommt. Diese Geschichte ruft uns in unseren Auftrag hinein. Das, was in Israel der König garantieren sollte, das, was der Ruf nach dem König ausdrückt, das ist heute unser Mandat. Wir haben die Ordnung Gottes immer neu auszurufen, für sie einzustehen, sie im kleinen Rahmen in Kraft zu setzen, sie einzufordern und zu leben – vor allem aber, ihr zu vertrauen und sie unserer Gesellschaft anzubieten. Das schulden wir unserer Zeit, weil wir sehen müssen, dass das, was die Menschen tun, wie es ihnen ihr Recht zu sein scheint, nicht Gottes Recht ist. Nicht weil wir die besseren Politiker wären, die wüssten, wie mit diesen weltweiten Fluchtbewegungen umzugehen ist, müssen wir die Stimme erheben – sondern weil uns Gottes Ordnung ins Herz geschrieben ist. Zu dieser Ordnung gehört es, dass kein Mensch aufzugeben ist, der Hilfe sucht. Dass mit der Bedrohung von Flüchtlingen in einem Bus Gott selbst bedroht wird (Matthäus 25, 40):

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, [einer von diesen meinen geringsten Schwestern]…

Wenn wir hier über Heimat und Heimatlosigkeit sprechen, dann sollten wir festhalten, dass Gottes Ordnung der Liebe unsere Heimat ist – und wo sie mit Füßen getreten wird, dort werden wir heimatlos. Dann teilen wir im eigenen Land das Schicksal der heimatlos gewordenen Flüchtlinge.

Unsere Heimatgeschichten sind deshalb die, in denen sich Gottes Ordnung entfaltet. Jedes Kirchenasyl, in dem Zeit gewonnen wird, ein Menschenschicksal sorgfältig zu prüfen, ist nicht Widerstand gegen den Staat mit seinen Gesetzen, aber es ist die Treue zu Gottes Ordnung. Jedes klare Wort in einem Gottesdienst ist nicht politische Einmischung, sondern Treue zu Gottes Ordnung – und deshalb ist diese Reihe der Fastenpredigten auch eine Gegengeschichte zu den Geschichten der Gottvergessenheit. Die kirchlichen Mitarbeitenden und die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe – sie verkörpern die Ordnung einer Gastfreundschaft, die sich wirklich an Gottes Gebot ausrichtet. Wenn wir in den Asylverfahren beraten, dann ist das, als würden wir Brot und Wein teilen – das Kostbarste was wir in diesem Moment für die Menschen haben, die nur der eine Wunsch treibt, dass ihre Leidensgeschichten gesehen, anerkannt und beendet werden. Hier sind wir im Land Gottes beheimatet.

Die Geschichte aus dem Richterbuch stört mich. Sie verstört mich – und das macht sie zu einer Gottesgeschichte. Sie ist nur zu ertragen, weil ich daran glaube, dass Gott seinen Bund mit uns Menschen nicht brechen wird. Nur im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit werden wir in die Lage versetzt, die Grausamkeiten und Schrecken anzusehen und zu benennen. Er wird keine Sintflut mehr schicken, weil der Regenbogen als Zeichen des Bundes an den Himmel geschrieben ist. Er wird uns nicht in Wassern ersäufen, obwohl Geschichten wie die aus dem Richterbuch alle Gründe dafür liefern. Aber wir vertrauen auf Christus, das Bundes- und Hoffnungszeichen Gottes für uns. Mit ihm können wir der Grausamkeit menschlichen Tuns Stand halten und entgegen treten, ohne den Glauben an die Liebe und Hoffnung zu verlieren. Dieser Glaube ist unser Mandat. In ihm ist der König gegenwärtig, nach dem sich der Schreiber des Richterbuches so gesehnt hat. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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