Erst stirbt der Sohn, dann der Vater

Zwei Trauerfeiern im Abstand von einem halben Jahr: Erst stirbt der Sohn, dann stirbt der Vater. Worte aus den Büchern Hiob und Josua bilden den Kern der Trostworte für die Familie.

Ein Vater mit seinem Sohn als Schattenriss vor einem bewölkten Abendhimmel in bräunlichen Farbtönen

Ein Vater und sein Sohn in ganz jungen Jahren (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Herrn T., der im Alter von [über 40] Jahren gestorben ist. Uns, die wir deshalb hier zusammen sind, gilt die christliche Botschaft (Psalm 68):

21 Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.

20 Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

Eingangsgebet

Liebe Trauergemeinde!

Wenn wir Abschied nehmen von einem Mann, der sein Leben noch nicht „gelebt“ hat, wie wir sagen, dann drängt sich wie von selbst die Frage auf: „Warum?“ Warum so früh? Warum nun doch so plötzlich? Warum nach den Monaten des Bangens und der wiederkehrenden Hoffnungen nun doch dieser harte Tod?

Mitten im Leben, zu der Zeit, als der erste Enkel geboren wurde, begann die Krankheit, die Herrn T. aus seiner Arbeit in der Landwirtschaft herausriss – für immer, wie wir nun bestürzt erfahren mussten. Alle im Ort haben ihn gekannt. Ein Stück vom eigenen Leben geht da mit ins Grab, alles das, was einem der nun Verstorbene bedeutet hat. Warum so früh? Warum nur, warum?

Warum gibt Gott den Menschen Licht und Leben, ein Leben voller Bitterkeit und Mühe?

So fragt schon Hiob im Alten Testament (Hiob 3, 20 – GNB). Durch die ganze Bibel hindurch zieht sich die Frage: „Warum nur, Herr?“ bis hin zu Jesus, der am Kreuz ruft (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Jesus selbst greift damit auf einen Psalm zurück (Psalm 22, 2), der Gott und sein Handeln in dieser Welt in bitteren Worten anklagt und ihm vorrechnet, wie groß das Unglück ist.

Wir sehen, dass auch die christliche Religion mit ihrem Glauben an Jesus Christus nicht eine schnelle Antwort bereit hält, die Tränen und Leid einfach wegwischen könnte und das „Warum?“ in ein „Darum!“ verwandeln könnte. Im Hiobbuch der Bibel wendet sich die Bibel selbst gegen die Freunde Hiobs, die nicht mit ihm schweigen konnten, die so einfach sagten: „Es wird schon gehen!“ und die meinten, es habe schon alles seinen Sinn.

Nein, so vieles in unserem Leben hat keinen Sinn, und ganz besonders der Tod lässt sich nicht verrechnen. Doch was bleibt dann noch zu tun, wenn es keine einfache Antwort auf das „Warum?“ gibt? Hiob, dem alles genommen wurde, wählte nicht den Weg, angesichts der Sinnlosigkbit auf immer zu verstummen; im Gegenteil, er meldet sich zu Wort und spricht zu Gott (Hiob 42):

4 So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!

5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

Hiob will die Fragen seines Lebens, die Schläge, an denen sein Lebensglück zerbrochen ist, nicht untergehen lassen, sondern sich ihnen stellen. „Lass mich reden; ich will dich fragen, höre zu!“, schreit er Gott an. Hiob wagt es, Gott eine Liste aufzustellen, auf der die Größe seines Verlustes aufgezeichnet ist. Er scheut sich nicht, Gott, den Herrn anzuklagen. Er gibt sich nicht mit billigen Antworten zufrieden, er fragt sich nicht, ob sein Leid nicht vielleicht doch in sich selbst einen höheren Sinn trage, er lässt seinen Schmerz und seine Trauer auch nicht verdrängen oder verharmlosen – doch er weiß eine Adresse, vor die er MIT seiner Klage, seiner unbeantworteten Frage, ja, seiner Anklage treten kenn. Er weiß, dass Leid nicht VERstanden, sondern nur BEstanden werden kann. Gott hilft ihm nicht, sein Leid zu verstehen, einen Sinn darin zu finden, eine Strafe oder eine Prüfung, nein, das nicht; aber Gott hilft ihm, im Leid zu bestehen, nicht unterzugehen, nicht zu verzweifeln.

Wer um Gottes Nähe bitten kann, der muss sich der Trauer nicht entziehen, der muss nicht ständig Tapferkeit und Stärke beweisen, der darf seinem Schmerz freien Lauf lassen – wenn er zu fallen meint, darf er wissen: er fällt nicht tiefer als in die Hände Gottes. Und dieses Hindurchgehen durch die Trauer kann dann unvermutete neue Ausblicke, neue Hoffnungen möglich werden lassen. Es kann wieder neu deutlich werden, was es heißt: Lebenszeit anvertraut bekommen zu haben, was es heißt, dass Gott das Leben will, ein von Dankbarkeit und Liebe und Hoffnung erfülltes Leben. Es kann möglich sein, im Sinne des Worts von Paulus zu leben (Römer 12, 15):

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Hiob sagt von so einer Erfahrung (Hiob 42, 5):

Nun hat mein Auge dich gesehen.

Was meint er damit angesichts des doch unsichtbaren Gottes? Er meint den Unterschied zwischen dem „Sich-etwas-Vormachen“ und der Wirklichkeit. Zuvor hatte er Gott nur vom Hörensagen vernommen. Dieser Gott hatte ihm nicht gefallen, ein Gott, von dem man so leichthin sagte: „Gott wird schon alles recht machen“, ein Gott, der weder schadet noch nützt. Der Gott, dessen Wirklichkeit Hiob erfahren hat, ist der gleiche, der sich später in Jesus offenbart hat, in dem Mann, der unser menschliches Leben und Lieben, Wünschen und Hoffen, Fühlen und Leiden miterlebt hat bis hin zur Folterung und zum Tod am Kreuz.

Christen des 4. Jahrhunderts haben in die Wände von Särgen das Bild Hiobs geritzt zum Zeichen dafür, dass er sich in seinem Schicksal fragend und bittend an Gott gerichtet hat, zum Zeichen dafür, dass Gott im Leid redet, dass er alles bisher Geredete verändert. Keine Antwort auf das „Warum?“, aber vielleicht doch eine neue Art von Zuspruch, die wieder aufrichten kann, können wir erhoffen und damit verbunden auch Ansprüche Gottes an uns, an unsere Fähigkeit, zu lieben, zu helfen, andere aufzurichten, für die da zu sein, die uns brauchen, den Vater, die Mutter, das Kind oder andere Menschen, die uns begegnen. Sich so wieder beanspruchen lassen zu können, das steht als Ziel oder Richtung über dem schweren Weg, der durch den Schmerz der Trauer führt.

„Warum gibt Gott den Menschen Licht und Leben?“ (Hiob 3, 20)

Damit wir menschlich leben und unser – wenn auch vielleicht kleines oder fast erloschenes – Glaubens- oder Hoffnungslicht so leuchten lassen, dass niemand ganz im Dunkeln leben muss. Amen.

Wenige Monate später nach dieser Trauerfeier für den Sohn starb auch sein Vater, den ich ebenfalls beerdigt habe. Hier folgt der Text seiner Trauerfeier:

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Diese christliche Botschaft (Josua 1, 9) lassen wir zu uns sprechen in der Stunde, in der wir zusammengekommen sind, um die Trauerfeier zu halten aus Anlass des Todes von Herrn T., der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Zu Ende ist nun auch das Leben des Vaters, wenige Monate nach dem des Sohnes. Er hatte sich mehr fragen müssen: „Wozu noch dieses Leben?“, als wir jetzt fragen: „Wozu dieser Tod?“ Er musste vor einem halben Jahr ein Stück seiner eigenen Zukunft in seinem Sohn dahingeben; lieber hätte er wohl sich selbst für seinen Sohn gegeben.

Wir sehnen uns nach langem Leben, das nicht abgebrochen wird in jüngeren Jahren; wir sehnen uns nach erfüllten Leben – doch womit ist es angefüllt: mit Glück und Freude und Liebe? Oder mit Unglück und Leid, mit Mühsal und Aufopferung? Überschattet nicht die Trauer alles Schöne im Leben?

Herr, stärke in uns unser Fünkchen Glauben, dass wir auf der Suche nach dem Sinn in unserem Leben nicht an den Fragezeichen unserer Zweifel hängen bleiben, sondern wir uns aufrichten können an den Ausrufezeichen, die hinter deinen tröstenden Verheißungen und Zusagen stehen.

Wir beten mit dem Dichter von Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

12 Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen!

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

22 So will auch ich dir danken … für deine Treue, mein Gott.

23 Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.

Liebe Trauergemeinde!

Nun sind wir hier zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit versammelt, um eins Ihrer Familienmitglieder zu beerdigen. Die Wunden der Trauer um den Sohn sind noch nicht vernarbt, da ist ihm jetzt der alte Vater, Herr T., gefolgt. Es war vielleicht auch mit die Betroffenheit über den Tod seines Sohnes, die seinen eigenen Lebenswillen angegriffen hat, so dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, den Kräften der Krankheit und des Todes standzuhalten.

Wenn der Tod uns so massiv entgegentritt, ist es für viele von uns eine schwere Frage, ob das Leben nun noch seinen Sinn behält, ob man bewusst weiterleben kann oder sich mehr resignierend damit abfinden muss, dass man eben nichts ändern kann. Anders gefragt: Waltet ein blindes Schicksal über uns, das völlig willkürlich und ungerecht dem einen viel, dem anderen wenig Leid auferlegt? Oder sind wir – mit allem, was uns trifft und betroffen macht – in der Hand des lebendigen Gottes geborgen, den wir als Christen bekennen? Die Bibel macht es uns in dieser Frage nicht leicht, die richtige Antwort zu finden. Sie gibt zwar durchgehend die eindeutige Antwort, dass wir in der Hand des lebendigen Gottes sind. Aber da die Bibel ein wahrhaftiges Buch ist und uns nichts vermachen will, werden die Erfahrungen mit diesem Gott so widersprüchlich beschrieben, wie sie eben gemacht worden sind. Da machen Menschen die Erfahrung, dass sie nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes, dass sie in allem Schmerz einen Halt finden bei Gott. Andere erleben, dass es auch furchtbar sein kann, in die Hand des allmächtigen Gottes zu fallen, wenn er Dinge fordert oder tut oder zulässt, die als grausam und hart oder völlig sinnlos und unverständlich erscheinen. Dem Josua im Alten Testament wird zum Beispiel gesagt (Josua 1, 9):

Der HERR, dein Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Doch Jesus, der doch an meisten mit Gott, seinem Vater, verbunden war, stellt am Kreuz die verzweifelte Frage (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Was ich mit diesem allen sagen will, ist: Wir bekommen als Christen keinen billigen Trost von der Art, dass wir hinweggehen sollten über die Trauer und den Schmerz des Verlustes, der uns getroffen hat. Selbst Jesus scheut sich nicht, die Klage über seine Verlassenheit in der Todesnot Gott entgegenzuschreien. Aber eben das ist das Entscheidende: Er klagt vor Gott. Er wendet sich auch im Schmerz an Gott, wendet sich nicht von ihm ab. Und so kommt es dann zu der für uns unvorstellbaren Erfahrung, die wir Auferstehung nennen: Gott war nicht am Ende, als sein Sohn am Kreuz starb; er erweckte ihn zu neuen Leben in der Gemeinschaft mit sich, und wir bekennen, dass Gott für uns als Christen gar nicht anders denkbar ist als diese Einheit von Vater und Sohn, womit wir natürlich nur bildhaft beschreiben, was für unsere Sinne nicht vollkommen zu erfassen ist. Hier liegt der Kern des christlichen Trostes: dass Jesus, der Sohn Gottes, selbst die Erfahrung macht, von Gott verlassen zu sein, dass er sich trotzdem nicht von seinem Vater abwendet, und dass im Nachhinein herauskommt, dass in Wirklichkeit auch dem Vater das Schicksal des Sohnes nicht gleichgültig gewesen ist. Wir werden nicht eindeutigere Erfahrungen mit Gott machen können als Jesus, es sei denn, wir machen uns einen vereinfachten Gott zurecht: einen, der alle Wünsche erfüllen muss, einen, mit dem man nicht bei alltäglichen Entscheidungen rechnen muss, einen, der im Grunde in der Welt der harten Tatsachen nichts zu melden hat, einen, der zwar allmächtig, aber ungerecht ist. Nicht einen dieser vereinfachten Götter, sondern den lebendigen Gott der Bibel verkündige ich an diesem Grab: den Gott, der grausam sein kann, von dem wir aber auch in einem Kirchenlied singen (EG 391, 4):

Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch raue Wege, gib uns auch die nöt’ge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Josua bekommt von Gott gesagt (Josua 1, 9):

Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Ihm wird NICHT gesagt: „Du wirst nichts Schreckliches erleben. Du wirst ein bequemes Leben haben.“ Nein. Und trotzdem wird ihm „geboten“, ja, es ist wie ein Auftrag, „dass du getrost und unverzagt seist“. Gott erwartet etwas von ihm, nämlich in einer Welt, in der es viel Unheil, Feindschaft, Krankheit, Lieblosigkeit gibt, im Sinne der Liebe Gottes und der Hoffnung auf Gott zu leben. Gott erwartet das aber nicht nur, sondern er bietet sich auch selber an: als Begleitung, als Hilfe, als Quelle von Kraft und Mut in guten und in schweren Zeiten. Wovor und graut und was uns entsetzt, das schafft er nicht einfach fort, aber er lässt uns damit nicht allein.

Unter dem Wort „Der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst“ können wir heute in die Zukunft blicken und uns dabei nicht auf einen billigen Trost, sondern auf einen starken Tröster verlassen. Wir können unter diesem Wort aber auch zurückdenken, an alles, was Sie mit dem verstorbenen Herrn T., mit Ihrem Vater und Großvater, dem Verwandten, Bekannten oder Freund, in seinem langen Leben erlebt haben, an alles, was Sie dankbar gemacht hat und was Sie jetzt vermissen werden. Herr T. hat ein bewegtes Leben hinter sich gehabt, obwohl er immer hier am Ort gewohnt hat. Doch er hat sich sowohl beruflich als auch im öffentlichen Leben aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und neuen Aufgaben gezeigt, und war nicht darauf aus, es sich möglichst bequem einzurichten und zurückzuziehen.

Erinnerungen an das lange Leben des Verstorbenen

Im Zurückblicken und im Weitergehen, in allem, was wir jetzt und in den vor uns liegenden Tagen erleben, dürfen wir dessen gewiss sein, dass wir nicht allein gelassen sind von Gott und dass wir Herrn T. auch der Liebe Gottes anvertrauen dürfen. Amen.

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