Nichts war vergeblich

Trauerfeier für einen Mann, der sein Leben lang auf Betreuung und Hilfe angewiesen war, mit Worten aus den Klageliedern des Jeremia und aus dem Römerbrief des Paulus.

Nichts war vergeblich: Durch einen immergrünen Baum scheint das Licht der Sonne

Wo gibt es Hoffnung in einem schwer zu ertragenden Leben? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

So spricht der Herr, unser Gott (Jeremia 31, 25):

Ich will die Müden erquicken und die Verschmachtenden sättigen.

Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Herrn L., der im Alter von [über 40] Jahren gestorben ist. Wir bitten in dieser Stunde Gott um Hilfe und Trost.

So lasst uns beten mit Worten, die der Prophet Jeremia in tiefster Not zu Gott gesprochen hat (Klagelieder 3 – GNB):

1 Ich bin der Mann, der viel gelitten hat unter den zornigen Schlägen des Herrn.

2 Ich bin es, den er vor sich hertrieb, immer tiefer in die dunkelste Nacht.

5 Von allen Seiten schließt er mich ein, er umstellt mich mit Bitterkeit und Qual.

6 In Finsternis lässt er mich wohnen wie die, die schon seit langem tot sind.

8 Ich kann um Hilfe schreien, so viel ich will – mein Rufen dringt nicht durch bis an sein Ohr.

17 Das ruhige Leben hat er mir genommen: ich weiß nicht mehr, was Glück bedeutet.

18 Ich habe keine Zukunft mehr, vom Herrn ist nichts mehr zu erhoffen!

19 An all dieses rastlose Elend zu denken, ist Gift für mich und macht mich bitter.

20 Doch immer wieder muss ich daran denken und bin von Verzweiflung und Schwermut erfüllt.

21 Ich will mich an etwas anderes erinnern, damit meine Hoffnung wiederkommt:

22 Durch Gottes Güte sind wir noch am Leben, denn seine Liebe hört niemals auf;

23 jeden Morgen ist sie neu wieder da, und seine Treue ist unfassbar groß.

24 Ich sage: Der Herr ist mein Ein und Alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn.

25 Der Herr ist gut zu dem, der auf ihn zählt, zu jedem, der seine Nähe sucht.

26 Darum ist es das beste, zu schweigen und auf die Hilfe des Herrn zu warten.

Liebe Frau L.! Liebe Trauergemeinde!

In den Gebeten, die in der Bibel stehen, kommt vieles vor, was uns manchmal umtreibt an Gedanken und Gefühlen, wenn wir wachliegen und grübeln oder wenn wir durch ein plötzliches Ereignis aus der Bahn geworfen sind. Was hat man nicht alles schon durchmachen müssen. Was hat man nicht an Opfern gebracht anderen Menschen zuliebe – und man hat‘s gern gemacht. Steigt nicht dennoch manchmal Verzweiflung auf und die Frage: Gibt es überhaupt noch Hoffnung? Und manchmal auch die bange Überlegung: Habe ich alles richtig gemacht? In der Bibel fühlen sich häufig gerade die von Gottes Zorn geschlagen, die am wenigsten Anlass hätten, sich selbst etwas vorzuwerfen. Sie wissen etwas davon, dass man nicht so einfach sagen kann: wer leiden muss, der ist von Gott gestraft. Sie wissen etwas davon, dass Gottes Wege oft unverständlich und grausam erscheinen, dass er ein hartes Schicksal auferlegt, ohne dass jemand im mindesten dafür mitverantwortlich ist. Doch sie wissen zugleich auch, dass im Grunde kein Mensch vor Gott bestehen kann, keiner könnte sagen, noch nie lieblos gehandelt zu haben, keiner könnte sagen, er sei vollkommen eins mit Gottes Willen.

Die Bibel weiß also um unsere Not und um unsere quälenden Fragen. Es ist auch gut, wenn wir sie aussprechen im Gebet vor Gott. Nicht umsonst gibt es in der Bibel ein ganzes Buch mit Klageliedern. Aber es bleibt nicht bei der Klage. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Die Bibel bleibt nicht bei der Frage stehen: Wie konnte Gott das zulassen? Sondern sie fragt: Welche Hoffnung hat Gott für uns bereit? Die Bibel will auch nicht, dass wir uns mit Selbstvorwürfen des Leben schwer machen, sondern dass wir – jeden Morgen neu – aus der Vergebung Gottes heraus leben. so dass wir erkennen, was heute unsere Aufgebe ist, die Gott uns zu erfüllen zutraut oder zumutet.

Sie, liebe Frau L., haben während des ganzen Lebens Ihres Sohnes immer wieder nach dem rechten Weg gesucht, für ihn da zu sein, für ihn zu sorgen, ihn in gute Hände zu geben oder selber für ihn da zu sein, ihn zu pflegen oder anzuleiten. Sie konnten ihn nie so in ein selbständiges erwachsenes Leben entlassen, wie das andere Eltern mit ihren heranwachsenden Kindern tun können. Sie haben nach Ihrem besten Wissen und Gewissen für ihn das getan, was Sie tun konnten, früher gemeinsam mit Ihrem Mann, in den letzten Jahren dann allein.

Das war nicht immer leicht zu ertragen, dieses Leben, neben vielen anderen Belastungen, die immer wieder auf Sie eingestürmt sind: die Vertreibung aus Ihrer Heimat, die oft übermenschliche Anstrengungen erfordernde Arbeit Ihres Mannes, der gemeinsame Bau des Hauses, der Verzicht auf Urlaub, der frühe Tod Ihres Mannes. Wie ist denn ein Leben zu ertragen, das so viel Kraft erfordert und fast nur aus einer Kette von Trübsalen besteht? Wo liegt der Sinn in einem solchen Leben?

Wir haben‘s vorhin gehört: der Prophet erinnert sich – und auch uns – an die Güte Gottes – obwohl er von ihr im Augenblick gar nichts sieht, sondern vielmehr mit großer Geduld auf sie hofft.

Davon spricht auch ein Abschnitt aus dem Römerbrief des Paulus, den ich Ihnen vorlesen möchte (Römer 5 – GNB):

1 Gott hat uns also angenommen, weil wir uns ganz auf ihn verlassen. Jetzt ist Frieden zwischen ihm und uns.

2 Nun sind wir voll Freude und Zuversicht, weil wir fest damit rechnen, dass Gott uns an seiner Herrlichkeit teilnehmen lässt.

3 Sogar dass wir jetzt noch leiden müssen, ist uns ein Grund zur Freude. Denn wir wissen, dass Leiden zur Standhaftigkeit führt;

4 Standhaftigkeit aber führt zur Bewährung, und in der Bewährung festigt sich unsere Hoffnung.

5 Diese Hoffnung aber gibt uns die Gewissheit, dass Gott uns nicht fallen lässt. Er hat ja unsere Herzen mit seiner Liebe erfüllt, als er uns den heiligen Geist geschenkt hat.

Diese Worte von Paulus drehen vieles um, was in unserer Welt sonst selbstverständlich ist. Wir sind vor Gott nicht wegen unserer Leistungen und Verdienste wichtig, sondern weil wir uns ganz auf ihn verlassen. Und Freude und Zuversicht bedeuten nicht immer ein ungetrübtes Glück, sondern können gerade in Trübsal und Leiden besonders gut wachsen. Es handelt sich um Freude und Zuversicht, die sich nicht auf menschliche Errungenschaften und Güter stützt, sondern darauf, dass Gott uns nicht fallen lässt. Und dann ist noch wichtig, dass die innere Kraft, die wir von Gott erhalten, immer auch eine Kraft der Liebe ist. „Glaube, Hoffnung, Liebe“ nennt Paulus an anderer Stelle (1. Korinther 13, 13) als die Dinge, die bleiben, wenn auch alles andere vergeht.

Mit Augen der Liebe betrachtet, war nichts vergeblich, was Herr L. in seinem Leben an Zuwendung erfahren hat und was die Menschen um ihn herum ihm zuliebe an Opfern brachten. Mit den Augen der Liebe betrachtet, war sein Leben ein erfülltes Leben.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Er konnte von Anfang an nicht die gleiche Schule wie die anderen Kinder besuchen, sondern brauchte besondere Förderung. Allerdings behielt er bis in die Gegenwart hinein ein gutes Gedächtnis für Namen, vor allem die Namen derer, die ihn gern gehabt haben. Als er in ein Heim zog, arbeitete er mit viel Arbeitsgeist in der Landwirtschaft und ging regelmäßig zur Kirche. Als die Eltern ihr Haus gebaut hatten, kehrte der Sohn in die Familie zurück.

Nun ist der Tod von Herrn L. sehr plötzlich gekommen. Viele Krankheiten kamen zusammen und führten zu einer Entkräftung, von der er sich nicht mehr erholte. Der, der ihm das Leben geschenkt hatte, hat es ihm wieder genommen: Gott, der Herr. Er, der Herrn L. Ihnen anvertraut hat, hat nun bestimmt: Er braucht keine menschliche Hilfe mehr. So vertrauen wir Herrn L. der Liebe Gottes an und nehmen Abschied von ihm als Christen. Wir können ihm unsere Liebe über den Tod hinaus bewahren. Wir können dankbar sein für alles, was uns mit seinem Leben gegeben war, und auch für alles, was wir ihm geben konnten. Schließlich können wir um Vergebung bitten für alles, was wir einander möglicherweise schuldig geblieben sind. So nehmen wir als Christen Abschied im Frieden.

So ein Abschied ist sicher nicht mit dem heutigen Tage abgeschlossen. Er braucht seine Zeit und auch seine Kraft. Es ist auch gut, wenn andere Menschen sich Zeit nehmen, um einen Trauernden von Zeit zu Zeit ein Stück zu begleiten. Es ist gut, wenn man nicht alles herunterschlucken muss, was an Schmerz und Verzweiflung in einem drin steckt. Vielleicht können Sie sich nach gar nicht vorstellen, was nun das Leben eigentlich noch lebenswert machen kann. Da hilft vielleicht das Bibelwort, das wir vorhin schon in einer anderen Übersetzung hörten, jetzt lese ich es noch einmal in der Lutherübersetzung (Klagelieder 3, 26):

Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.

Viell ist es ein langer Weg, auf dem Zuversicht langsam wieder wächst. Da mögen auch neue Aufgaben wieder in den Blick kommen, da wo jetzt noch gar nichts zu sehen ist. Oder es ist ein Sich-Einüben in einen Abschnittbdes Lebens, in dem man mehr der Empfangende als der Gebende in einem menschlichen Miteinander wird. In jedem Fall gilt: Gott lässt uns nicht fallen. Nicht einmal im Tode gehen wir verloren. Amen.

Lasst uns beten mit den Worten eines Gesangbuchliedes (EG 361):

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Amen.

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