Wunder in einer nüchternen Welt

Wenn wir denken, dass heute kein Mensch mehr an Wunder glauben will, dann werden wir eines Besseren belehrt zum Beispiel durch den Erfolg der Bücher um den jungen Zauberer Harry Potter. Hier kommt etwas neu auf, was verloren schien: das gemeinsame Verwurzeltsein in einer Tradition des Märchenerzählens und des sich Verzaubernlassens durch Geschichten, in denen sich jeder wiederfindet.

Bücher von Harry Potter neben einer Feder, einer gemütlichen Lampe und einem Glas mit Bonbons entführen aus einer nüchternen Welt

Fantasy-Bücher wie diejenigen über Harry Potter entführen in eine wunderbare Welt (Bild: NatashaG – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Mittwoch, 25. Oktober 2000, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen zum Turmgebet im Stadtkirchenturm! Ich bin Pfarrer Schütz von der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen und möchte heute abend mit Ihnen klagen und danken, still sein und singen.

Sie können sich nachher, wenn Sie möchten, der Symbole bedienen, die hier im Turm vorhanden sind – Kerzen anzünden für ein Anliegen, das Ihnen auf der Seele brennt, Steine auf den Altar legen als Zeichen für etwas, was Sie belastet, oder ein Gebetsanliegen in das Buch eintragen.

Im Namen Gottes, dem wir unser Leben verdanken, im Namen Jesu, der uns die Liebe vorgelebt hat, im Namen des Heiligen Geistes, der in uns Vertrauen und Stärke wachsen lässt.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 18. Lasst sie uns im Wechsel sprechen. Schlagen Sie bitte das Gesangbuch auf unter der Nr. 707. Sie sprechen bitte die eingerückten Verse:

2 Herzlich lieb habe ich dich, HERR, meine Stärke!

3 HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils und mein Schutz!

4 Ich rufe an den HERRN, den Hochgelobten, so werde ich vor meinen Feinden errettet.

5 Es umfingen mich des Todes Bande, und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.

6 Des Totenreichs Bande umfingen mich, und des Todes Stricke überwältigten mich.

7 Als mir angst war, rief ich den HERRN an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.

17 Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.

19 Der Herr ward meine Zuversicht.

20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.

47 Der Herr lebt! Gelobt sei mein Fels! Der Gott meines Heils sei hoch erhoben.

50 Darum will ich dir danken, Herr, unter den Heiden und deinen Namen lobsingen.

Zum Abschluss der nun folgenden Klagen singen wir aus dem Gesangbuch den Liedvers EG 178.11.

Gott, am Ende dieses Tages kommen wir zu dir. Wir bringen vor dich, was uns belastet und gefangen hält.

Ich mache mir Sorgen um Kinder und Jugendliche, die ich aus der Schule kenne. Finden sie noch Orientierung? Können wir ihnen noch nahebringen, was uns wichtig ist? Ist ihr Leben ein erfülltes, sinnvolles Leben?

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Ich mache mir Gedanken über die Ökumene. Aus Rom hören wir Töne, die verwirrend und verletzend wirken. Hier in Gießen trauern wir um Dekan Werner Ruhl, dessen Einsatz für die Ökumene unvergessen bleiben wird.

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Ich bin erschüttert und fühle mich machtlos, wenn ein Konfirmand gedankenlos Sprüche gegen Obdachlose und Ausländer wiederholt, wenn ein Schüler eine Mitschülerin wegen ihres Aussehens beleidigt, wenn ein alter Mann meint, dass Christen den Islam bekämpfen müssen, um nicht selber unterzugehen.

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

In der Stille bringen wir vor dich, was uns noch bewegt.

Stille

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Doch wir wollen auch nicht aus dem Blick verlieren, Gott, dass du uns täglich Grund zur Freude und zum Danken gibst. Darum erinnern wir uns in der Stille auch an das Gute, das uns begegnet.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103, 2)

Im Psalm 98, 1 heißt es:

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Unser Gott ist ein Gott, der Wunder tut – und diese Wunder geschehen mitten in einer sehr nüchtern gewordenen Welt. Wenn wir denken, dass heute keine Wunder mehr geschehen, dann missverstehen wir die Bilder der biblischen Erzählungen als wörtliche Tatsachenberichte. Die Bibel hat keine andere Sprache als die Sprache des Wunderbaren, manchmal sogar Märchenhaften, um uns nahezubringen, wie unmöglich es eigentlich ist, in dieser Welt Vertrauen aufzubauen, Liebe durchzuhalten, Hoffnung zu bewahren – und wie Gott dieses Unmögliche möglich macht.

Und wenn wir denken, dass heute kein Mensch mehr an Wunder glauben will, dann werden wir eines Besseren belehrt zum Beispiel durch den Erfolg der Bücher um den jungen Zauberer Harry Potter. Ein Millionenpublikum aus aller Welt und quer durch die Generationen lässt sich willig in eine wunderbare Phantasiewelt entführen. Ich vermute, dass hier etwas neu aufkommt, was verloren schien: das gemeinsame Verwurzeltsein in einer Tradition des Märchenerzählens und des sich Verzaubernlassens durch Geschichten, in denen sich jeder wiederfindet.

Wenn christliche Gemeinschaften vor Harry Potter warnen, weil hier angeblich der Okkultismus verharmlost werde, dann verkennen sie, worum es eigentlich geht: Es geht nicht um die okkulte Kontrolle der Wirklichkeit oder das Sich-Ausliefern an böse Mächte. Es geht wie in allen Märchen darum, dass zur Bewältigung des Lebens mehr gehört als das, was man auswendig lernen kann. Es gibt das Böse in mir und in anderen, es gibt Konflikte, die mich an den Rand der Verzweiflung führen, es gibt Dinge, die nicht zu ändern und nur zu ertragen sind, und andere, die allen Mut erfordern, um bewältigt zu werden.

Muss vielleicht erst ein so erfolgreiches Kinderbuch uns Christen wieder auf die Sprünge helfen, dass wir auch die Wundererzählungen der Bibel ernster nehmen? Sie berichten nicht von platten Tatsachen, sondern von der Welt unserer Seele, von der Tiefe unserer menschlichen Beziehungen, von dem Grund, in dem unsere Liebe und unser Vertrauen wurzelt, von all den Dingen, die sonst unsagbar blieben.

Im Harry-Potter-Märchen bleiben letzten Endes gegenüber dunklen Mächten auch nicht tote Zaubersprüche oder spiritistische Praktiken siegreich, sondern die Liebe einer Mutter, die Zuverlässigkeit eines guten Lehrers oder das wachsende Selbstvertrauen eines Waisenjungen, der so werden will wie sein verstorbener Vater. Ähnlich und noch wunderbarer spricht die Bibel von einer unendlichen Liebe, in der selbst die Menschen geborgen bleiben, die keine Erinnerung an einen guten Vater mehr haben. Das ist eine Liebe, die alles überwindet, selbst größte Schuld, größte Verzweiflung und den Tod. Amen.

Stille
EG 287: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder

Gott, zeige uns die kleinen Wunder in unserem Leben. Wenn wir am Ende waren und einen neuen Anfang schaffen. Wenn wir enttäuscht waren, und wir finden neues Vertrauen. Wenn wir beinahe verzweifelt wären und in uns neue Hoffnung aufkeimt.

Gott, schaffe in uns neue kleine Wunder. Nimm von uns die Angst, wir könnten verloren sein, wir könnten zu tolerant sein, du könntest nicht da sein. Lass das Vertrauen deines Sohnes Jesus Christus in uns Wurzeln schlagen. Amen.

Vater unser

Der Herr segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er wende sein Angesicht dir zu und gebe dir Frieden. Amen.

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