Vertrauen – oder…?

Leserbrief zu einem Artikel in der Tageszeitung „Die Glocke“ vom 20.12.1969 von Walter Lassahn mit dem Titel: „Kindern das Christkind nehmen?“
Helmut Schütz 1969 bei einer Partie Schach

Helmut Schütz 1969 bei einer Partie Schach

Hinter dem Artikel steht die Frage: Auf welcher Grundlage soll man als Christ Kinder erziehen? Ich meine, zu einer guten Erziehung gehört das Vertrauen zwischen Eltern und Kind, das ich so verstehe: Offen miteinander sprechen; versuchen, den anderen zu verstehen; sich selbst, wenn nötig, in Frage stellen. Dass viele Eltern ihre Fehler vor ihrem Kind nicht eingestehen wollen, dass sie nicht in der Lage zum Gespräch sind, daran liegt es sicher, dass die Mehrzahl der Jugendlichen, die ich kenne, kein volles Vertrauen zu ihren Eltern hat.

Die Erzählung vom Christkind, das Geschenke bringt, gefährdet beim kleinen Kind das Entstehen des offenen, ehrlichen Gespräches, denn es steht immer ein künstlich gemachtes Geheimnis zwischen Eltern und Kind. Ohne dem Kind eine idyllische Scheinwelt aufzubauen, kann man mit ihm – seiner Auffassungskraft angemessen – über Probleme sprechen.

Herr Lassahn verteidigte seine Meinung damit, dass es verschiedene Ausdrucksformen der Wahrheit gebe. Sicher sind Bilder und Gleichnisse dazu da, Unanschauliches zu verdeutlichen. Wenn aber ein Symbol in den Mittelpunkt tritt und die Hauptsache verschleiert, ist es nicht mehr gerechtfertigt.

Zwischenfrage: Was ist die Hauptsache an Weihnachten? Gott ließ sich mit uns Menschen so weit ein, dass er selbst als Jesus ein Mensch wurde. Er bot uns seine Liebe an – er zeigte uns das richtige Verhältnis zu sich und zu den anderen Menschen. Er bot uns seine Gnade für unsere Schuld an – er zeigte uns, dass ohne ihn unser Leben hoffnungslos und sinnlos ist.

Christkind, etwas kitschig, wie eine Puppe in einer Holzschale liegend, die wiederum im Stroh liegt

Christkind (Quelle: pixabay.com)

Ich habe nichts gegen das Schenken – wenn es wirklich aus Liebe geschieht bzw. aus dem Glauben, selbst von Christus beschenkt zu sein. Doch warum soll ein Kind nicht wissen, dass die Geschenke von seinen Eltern und Verwandten kommen? Bietet man ihm die Scheinwelt des Christkinds, besteht die Gefahr, dass es später alle Vorstellungen, die mit Weihnachten zusammenhängen, auf die Stufe von Märchen stellt, ohne weiter nachzudenken. Das Leben des Kindes wird dann nicht grauer und ärmer, wenn es weiß, dass es Menschen gibt, denen es etwas wert ist. Erzählt man ihm von Gottes Liebe so, wie man es selbst glaubt, und macht man ihm das Bild des Schenkens durchsichtig, so dass es seine Gründe erkennen kann, wird es vielleicht auch selbst den Eltern etwas schenken wollen, später seine Verantwortung für andere Menschen erkennen (Stichwort: Krankheit, Hunger, Unterdrückung).

Es kann allerdings anstrengend sein, auf der Grundlage des Vertrauens zu erziehen; denn man muss bereit sein, dem Kind den Grund für seine Anweisungen zu sagen. Macht man selbst etwas falsch, soll man sich auch vor dem Kind entschuldigen, da man sonst unglaubwürdig wird. Es ist sicher einfacher, den elterlichen Worten auf andere Art Nachdruck zu geben, durch Zwang irgendwelcher Art (der eigentlich nur dann angebracht ist, wenn sich das Kind bewusst ins Unrecht setzt). Ein bequemes Erziehungsmittel ist das Christkind: „Wenn du nicht artig bist, kriegst du nichts vom Christkind!“ Das Geschenk ist dann kein Zeichen der Liebe mehr, sondern eine Belohnung für „artiges“ Verhalten. Zur Unehrlichkeit führt diese Erziehungsmethode dann, wenn die Kinder von selbst oder durch irgendwelche Einflüsse darauf kommen, dass das Christkind gar nicht die Geschenke bringt, und sie nur „artig“ sind, wenn die Eltern aufpassen. Andererseits gibt es Menschen, die in eine Angst vor Strafe hineingetrieben werden, das Gegenteil von dem, was man erreichen wollte.

Hoffentlich lehnen Sie meine Meinung nicht von vornherein als inkompetent ab, wenn Sie erfahren, dass ich ein 17jähriger Schüler bin. Ich glaube doch, dass ich nicht nur destruktive Kritik gebracht habe. Übrigens komme ich selbst gut aus mit meinen Eltern. Sie denken in der Erziehungsfrage wie ich, und sie haben mir nicht das Märchen vom Christkind erzählt (es hat mir nicht gefehlt), aber sie haben mir den Glauben an Christus angeboten. Das ist doch die Aufgabe aller Eltern, die überzeugte Christen sind.

Helmut Schütz, Oelde (17)

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