Fragwürdige Rezepte gegen Kirchenmitgliederschwund

Mit Skepsis betrachte ich Vorschläge von Michael Heymel, Eberhard Martin Pausch und Gerhard Wegner im Hessischen Pfarrblatt, die den Schrumpfungsprozess der evangelischen Kirche aufhalten sollen. Auf Wegners Analysen aufbauend plädiere ich dafür, die Stärken einer kleiner werdenden Volkskirche der Vielfalt mit ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen ernst zu nehmen und sich gerade darin vom Heiligen Geist leiten zu lassen.

Als Symbolbild für den Kirchenmitgliederschwung wird ein Verkehrszeichen gezeigt, etwas nach links geneigt, das ein 14-prozentiges Gefälle anzeigt

Der Niedergang der Kirchenmitgliederzahlen beschäftigt viele Theologen (Bild: Michael RussellPixabay)

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1.1 Dr. Michael Heymels Zwölfpunkteplan zur Generalüberholung der Kirche

1.2 Was ist eine „verbindliche Kultur des Gottesdienstes“?

1.3 In die Welt hineingehen, aber sich vom Säkularismus verabschieden?

1.4 Rundumschlag eines Kirchenbeamten gegen die Beamtenkirche

2.1 Fünf kirchenleitungskritische Punkte von Dr. Eberhard Martin Pausch

2.2 Abschaffung der mittleren Ebene der Dekanate und ihrer Einrichtungen?

2.3 Pfarrerzentriertheit als wichtiger Baustein für das Überleben der Kirche

2.4 Gewinnung der Jugend mit virtuellen Kommunikationsräumen?

3.1 Prof. Dr. Gerhard Wegners Plädoyer für eine mitgliederfreundliche Kirche

3.2 Soll die Kirche sich auf die Begegnung mit jüngeren Menschen konzentrieren?

3.3 Leidet die Kirche unter der zu großen Zufriedenheit der Pfarrer mit sich selbst?

3.4 Soll missionarisches Versagen von Kirchengemeinden sanktioniert werden?

3.5 Ist der „Verfall der sozialen Nötigung, Kirchenmitglied zu sein“, bedauerlich?

4.1 Die evangelische Kirche in Deutschland ist immer noch eine Anstalt

4.2 „Bewusst … und mit erhobenem Kopf kleiner werden“

4.3 Chancen auch einer kleiner werdenden Anstalt Kirche

Anmerkungen

Vorbemerkung

Immer wieder fallen mir in letzter Zeit im Hessischen Pfarrblatt Beiträge mit Rezepten gegen den Mitgliederschwund unserer evangelischen Kirche auf, die mit einem Pathos vorgetragen werden, als ob jetzt endlich der Weisheit letzter Schluss gefunden worden sei, der die Kirche doch noch retten könne.

1.1 Dr. Michael Heymels Zwölfpunkteplan zur Generalüberholung der Kirche

So weiß etwa Dr. Michael Heymel (1) zwar genau, dass sich (S. 193f.) durch einen „selbstkritischen Blick auf gewachsene Formate und Strukturen“, wie ihn der EKD-Ratsvorsitzende angekündigt hat, „der weiteren massenhaften Abkehr von der Kirche nichts entgegensetzen lässt“, und er scheint der FAZ Recht zu geben, wenn sie die „Erosion der Institution Kirche“ für einen Prozess hält, der „auch durch noch so ambitionierte Reformen nicht aufzuhalten, ja vielleicht … nicht einmal mehr zu verlangsamen“ ist. Dennoch versucht er, der (S. 193) „Plastiksprache“ der kirchenamtlichen „Planungsstrateg*innen“ (S. 194-196) „Zwölf Sätze für die Erneuerung der Kirche“ entgegenzusetzen, durch die in seinen Augen offenbar (S. 194) eine „Generalüberholung und alles einbegreifende Besserung“ der Kirche zu erreichen sein soll.

Allerdings enthalten die meisten dieser Sätze nichts als selbstverständliche dogmatische Richtigkeiten: Die Kirche (Satz 3) gehört Jesus Christus, soll sich nicht (Satz 4) dem Zeitgeist anpassen, sondern (Satz 5 und 6) die Botschaft Christi in die moderne Welt hinein verkündigen. Sie soll (Satz 9) auf das Gebet vertrauen, (Satz 10 und 11) mit Freude Gottesdienst feiern und (Satz 12) Worten der Verkündigung Taten folgen lassen. Alle Prediger*innen, die ich kenne (und an deren Gottesdiensten ich als Ruheständler auch teilnehmen kann), würden dem zustimmen und sind sogar nach Kräften bemüht, dementsprechend zu handeln.

Wo Heymel konkreter wird, wird er auch fragwürdiger. So haben nach Satz 3 dafür, dass die Kirche öffentlich erkennbar zu Jesus Christus gehört, „alle Glieder der Kirche zu arbeiten“. Was soll ein derart leerer Satz? Wie würde Heymel das konkret durchsetzen wollen? Er denkt ja wohl nicht an eine missionarische Dienstverpflichtung jedes Kirchensteuerzahlers.

Und wieso sind es (Satz 1) „ganz unten…, in den Gemeinden vor Ort“ zu allererst die „Pfarrpersonen“, bei denen die Erneuerung der Kirche beginnt? Es mag ja sein, dass die Pfarrerzentriertheit unserer Kirche unüberwindbar ist, aber für mich selber bin ich gewiss, dass weder ohne ehrenamtliche Kräfte noch ohne das Wirken des Heiligen Geistes aus meinem Tun in vierzig Pfarrerdienstjahren viel Kirchenerhaltendes herausgekommen sein dürfte.

1.2 Was ist eine „verbindliche Kultur des Gottesdienstes“?

Als Armseligkeit und Kleinmut beurteilt es Heymel in Satz 11, jedem Christen den sonntäglichen Kirchgang freizustellen. Stattdessen plädiert er in Satz 10 für eine „verbindliche Kultur des Gottesdienstes“, womit er nicht die Wiederherstellung der althergebrachten Sonntagspflicht meint, sondern die „Liturgie als Ordnung des Lebens“ und (wiederum Satz 11) die einladende Werbung für „nichts Schöneres, als gemeinsam Gottesdienst zu feiern“.

Dazu darf ich sagen: Bereits in meiner ersten Pfarrdienstzeit in drei ländlichen Gemeinden, wo schon in den Achtziger Jahren manchmal buchstäblich nicht mehr als zwei oder drei in Jesu Namen versammelt waren, wurde mir irgendwann die Einsicht geschenkt: Ich bereite Gottesdienst und Predigt zwar auch für andere vor, aber zunächst erst einmal, um ihn mit Freude und Gewinn für mich selbst zu feiern. Jede*r, der/die dazu kommt, darf auch etwas davon haben, wer nicht kommt, hat etwas verpasst. Das hat mich vor dem Jammern über leere Kirchenbänke bewahrt, eröffnete mir die Erfahrung, manchmal auch im Gottesdienst mit ganz wenigen Beteiligten spürbar großen Segen zu erfahren und nicht in dem Bemühen nachzulassen, Gottesdienste zu einer herausfordernden, tröstend-ermutigenden und aufbauenden Erfahrung für die jeweils ansprechbare Teilnehmerschaft (und, wie gesagt, auch mich) zu machen. Dennoch ist ein verbindlich in die Mitte des Gemeindelebens gestellter Gottesdienst keine Garantie für steigende Kirchenmitgliederzahlen.

Dasselbe gilt (Satz 7) für den „Gemeindeaufbau … in Haus-, Gebets- und Bibelkreisen“, gegen den ich zwar nichts einzuwenden habe, aber: Wie will Heymel auch nur eine große Anzahl der derzeitigen Kerngemeindemitglieder zur Teilnahme an derartigen Kreisen bewegen? In meiner Dienstzeit lag mir ein Bibelkreis immer am Herzen, sowohl in der ersten Landgemeindezeit als auch in der Psychiatrieseelsorge und zuletzt in der Gießener Stadtrandgemeinde, aber meist bestand dieser Kreis aus nicht mehr als 3 bis 10 Personen, in dem ich mich zugleich geistlich beheimatet und herausgefordert fühlte, da offen auch Zweifel geäußert und umstrittene Themen angesprochen werden konnten. Wiederum ist zu sagen: Auch mit diesem Mittel kann der große Trend des Mitgliederschwunds nicht aufgehalten werden.

1.3 In die Welt hineingehen, aber sich vom Säkularismus verabschieden?

Am spannendsten werden Heymels zwölf Sätze dort, wo er von der Welt spricht. Nach Satz 6 sollten „Kirchenleute“ sozusagen under cover „in andere Milieus und Lebenswelten“ hineingehen, „zu Menschen, die mit Kirche und Christentum sonst nichts zu tun haben“. In meiner Wahlheimatstadt Gießen gibt es säkulare Fünfziger-Vereinigungen, zu denen man eingeladen wird, wenn der 50. Geburtstag bevorsteht, und ich bin seit 18 Jahren Mitglied in meinem Jahrgang. Tatsächlich kommt es auch mit den Kameraden oft zu Gesprächen über religiöse Themen, der eine oder andere war auch schon in einem meiner Gottesdienste; es wäre aber illusorisch zu meinen, ich könnte allein durch den Kontakt mit kirchenfernen oder längst ausgetretenen ehemaligen Kirchenmitgliedern irgendjemanden zum aktiveren Christsein oder zum Wiedereintritt in die Kirche bewegen. Hat Heymel da andere Erfahrungen?

Was sich in Satz 6 schon andeutet, nämlich dass Heymel zufolge „Kirchenleute“ nicht etwa selber der säkularen Welt angehören, sondern ihr in irgendeiner Weise gegenüberstehen, wird offenbar, wenn er in Satz 8 Martin Niemöllers Einschätzung, der „fortschrittliche Protestantismus habe ‚sich vom christlichen Glauben längst losgelöst‘ und würde ‚deshalb besser als ,Säkularismus‘ bezeichnet‘,“ zitiert. Er preist demgegenüber diejenigen als „wahre Protestant*innen, die sich vom Säkularismus verabschieden und in der erfahrbaren Kirche die Gemeinschaft der Heiligen wahrnehmen.“ Dieses Heymelsche Rezept müsste meines Erachtens sogar zu einer Beschleunigung des Kirchenmitgliederschwundes führen, da säkular denkende Protestanten, die ihre Kirchensteuer gerne zahlen, um kirchliche und diakonische Angebote aufrechtzuerhalten, mit einer Abwertung als „unwahre“ Protestant*innen vor den Kopf gestoßen werden.

Abgesehen davon verträgt sich eine differenzierte Definition von „säkular“ sogar sehr gut mit einem christlich-biblischen Selbstverständnis. Im Herbst eines schon ganz schön langen Pfarrerlebens neige ich selbst immer mehr dazu, die Diesseitigkeit schon des biblischen Glaubens an die Weltzeit der Befreiung und Gerechtigkeit, die kommen soll, zumindest nicht geringer zu achten als die Jenseitigkeit eines vergeistigten Heils der Seele – die zudem noch in der Gefahr steht, mit ihrem Exklusivismus Menschen anderen Glaubens auf unbarmherzige Weise in die Hölle zu verdammen. Übrigens denkt ja auch Heymel in diesem Sinne „säkular“, wenn er (S. 196) „zur Umkehr…, das heißt zur Selbstbesinnung und zum Aufbruch zu einer umweltfreundlicheren, nachhaltigeren und sozialverträglicheren Lebensweise“ mahnt.

1.4 Rundumschlag eines Kirchenbeamten gegen die Beamtenkirche

Zu Recht plädiert Michael Heymel in Satz 2 dafür, sich nicht an den Mängeln „der sichtbaren Kirche (und denen ihres Leitungspersonals) festzubeißen“, woran er sich aber selbst keineswegs hält, zieht er doch in seinem Artikel eingangs (S. 194) pauschal gegen die „Beamtenkirche“, der er selbst als langjähriger beamteter Diener seiner EKHN angehört, zu Felde. Sie habe in der Corona-Krise auf ganzer Linie versagt, da es angeblich niemand wagen würde, „Kernbegriffe christlichen Glaubens“ wie „Sünde, Glaube, Vergebung, neues Leben … menschennah zu erschließen“. Diese Menschennähe scheint er weiterhin mit einer Offenheit fürs Jenseits zu verbinden, da er die (wiederum angebliche) Verkommenheit der Predigt-Sprache mit der Klage einer Schriftstellerin über die (angebliche) Diesseitsfixierung „der“ Kirchen verbindet.

Solche Pauschalkritik, die lediglich durch einzelne Statements aus Funk und Presse belegt wird, ärgert mich schon deswegen, weil eine der Stärken unserer evangelischen Kirche gerade ihre Vielfalt und Buntheit ist. Da gibt es neben ausgesprochen gemeinwesenorientierten und sozialdiakonisch orientierten Prägungen, die die Sorge für das Jenseits (frei nach Helmut Gollwitzer (2)) getrost dem Herrn unserer Kirche überlassen, auch Gemeinden, in denen das Heil der Seele oder meditative Andachtsformen im Mittelpunkt stehen; und wenn die EKD sich beispielsweise mit interreligiösen Statements oder Aktionen für Flüchtlinge im Mittelmeer aus dem Fenster lehnt, was doch durchaus vorkommt, erntet sie dafür sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. Letzteres zeigt, dass ein gesellschaftskritisches Profil der Kirche jedenfalls nicht automatisch die Mitgliederbindung stärkt.

2.1 Fünf kirchenleitungskritische Punkte von Dr. Eberhard Martin Pausch

In einem „Zwischenruf“ im selben Heft des Pfarrblattes drückt Dr. Eberhard Martin Pausch (3) (S. 207) sowohl die Liebe zu seiner evangelischen Kirche aus als auch den Wunsch, dass sie „eine gute Zukunft hat“. Auch er kritisiert „kirchenleitende Überlegungen“, die seiner Ansicht nach einer solchen Zukunft entgegenstehen. Bei ihm sind es nicht zwölf, sondern fünf Punkte, die er besonders unter die Lupe nimmt.

Und auch er rennt (S. 208) unter Punkt 1 mit seinem Plädoyer für „qualitätvolle öffentliche Gottesdienste“ offene Türen ein. Oder will er andeuten, dass kirchenleitende Organe „unter den Pandemie-Bedingungen seit Beginn des Jahres 2020“ nicht ausreichend dafür gesorgt haben, dass „Gottesdienste öffentlich wahrnehmbar stattfinden“? Wäre er sogar einig mit Dekan i. R. Rainer Staege (4), der sich in einem anderen Zwischenruf des Pfarrblatts Nr. 4 (2020) unter Berufung auf Jesu fehlende „Berührungsängste“ gegenüber Kranken angesichts der einschränkenden Hygienemaßnahmen offenbar wünscht, wieder „risikobereiter“ zu werden wie in den Zeiten, als „Kirchgänger*innen auch mit Schnupfen und Husten kamen und eng nebeneinander sitzen durften“ – ohne zu bedenken, dass Covid-19-Erkrankungen weitaus ernstere Folgen haben können als Erkältungen?

2.2 Abschaffung der mittleren Ebene der Dekanate und ihrer Einrichtungen?

Pauschs Vorschlag (Punkt 2), die Gemeinden (S. 208) als „Elementarbausteine“ der Kirche dadurch zu stärken, dass man die „mittlere Ebene“ der Dekanate und ihrer Einrichtungen zurückbaut oder gar abschafft, halte ich für keine gute Idee. Soll es wirklich zwischen den Kirchengemeinden und der EKD als kirchenleitende „mittlere Ebene“ nur noch die EKHN als Gegenüber geben? Müsste dann nicht sämtliche übergemeindliche Arbeit in den Regionen zentral von Darmstadt aus organisiert werden? Würden nicht wegen jeder strittigen Bauangelegenheit, wie ich es aus der Zeit vor der Stärkung der dekanatsbezogenen „mittleren Ebene“ kenne, Kirchenvorstände bittstellerisch oder fordernd zur Kirchenverwaltung reisen? Gäbe es noch Jahresgespräche der Pfarrer*innen – die aber in der Kirchenverwaltung stattfänden?

2.3 Pfarrerzentriertheit als wichtiger Baustein für das Überleben der Kirche

Gemäß (S. 209) Punkt 3 wird in den Augen von Pausch der für das Überleben der Kirche wesentliche Pfarrerberuf durch die „egalitäre Einbettung“ von Pfarrer*innen „in Mitarbeitenden-Teams und … die ‚Ordination‘ von Prädikant*innen“ geschwächt. Aber kann der Pfarrerberuf dadurch nicht auch entlastet werden, indem beispielsweise Verwaltungsarbeit von Verwaltungsfachleuten oder Öffentlichkeitsarbeit von Journalisten verantwortet wird? Und wenn es zusätzlich zu Pfarrern mit Theologiestudium von A bis Z Quereinsteiger mit Erfahrungen aus anderen beruflichen Bereichen gibt, die dafür etwas weniger Alt-Hebräisch oder -Griechisch können, wäre das nicht sogar eine Bereicherung für die kirchliche Landschaft eines Dekanats?

2.4 Gewinnung der Jugend mit virtuellen Kommunikationsräumen?

Skeptisch beurteile ich auch die (S. 209f.) unter Punkt 4 vorgeschlagenen „Systemveränderungen, die die Kirche finanziell dauerhaft sichern“ sollen und eng mit der Gewinnung der Jugend für die Kirche (Punkt 5) verknüpft sind. Wie soll beispielsweise Bildungsarbeit mit Kindern, Konfirmanden und anderen Jugendlichen funktionieren, wenn man die dafür nötigen Gemeinderäume verkauft oder vermietet? Trifft man sich dann nur noch im schlecht beheizbaren Kirchengebäude oder in einem der neu zu errichtenden digitalen „Kommunikationsräume“?

Gemeindehäuser sind nicht einfach nur Vereinshäuser, die den von Pausch pauschal abgewerteten Gemeindekreisen als Treffpunkt dienen (und die Michael Heymel wiederum als überlebenswichtig für die Kirche einschätzt), sondern sie dienen weitaus vielfältigeren Zwecken. Natürlich muss eine kleiner werdende Kirche auch darüber nachdenken, was mit denjenigen Gebäuden oder Räumen geschehen soll, die nicht mehr bewirtschaftet werden können; die Gießener Gemeinde, deren Pfarrer ich bis zu meinem Ruhestand war, entschied sich dafür, einen Großteil des Gemeindezentrums als zusätzliche Räume für ein (übrigens von der „mittleren Ebene“ des Dekanats aus vorbildlich verwaltetes) Kinder- und Familienzentrum abzugeben.

3.1 Prof. Dr. Gerhard Wegners Plädoyer für eine mitgliederfreundliche Kirche

Sehr viel ausführlicher befasst sich Prof. Gerhard Wegner (5) (S. 140) mit dem „massiven Rückgang an Mitgliedern“ der evangelischen Kirchen in Deutschland. Auch er scheint es für möglich zu halten, diesem Trend entgegenzuwirken, und zwar indem die Kirche eine (S. 144) „mitgliederfreundliche – oder gar konfessionslosenfreundliche – Organisation“ wird.

Nun wird zwar jede Kollegin und jeder Kollege im Pfarramt ein Lied davon singen können, wie verheerend sich pfarramtliche Mitgliederunfreundlichkeit, sogar wenn sie vor Jahrzehnten erfahren worden ist, auf die Beziehung zur Institution Kirche auswirken kann, aber grenzt es nicht an pfarrherrlichen Allmachtswahn (der auch bei Pfarrerinnen korrekt so auszudrücken sein mag), zu meinen, man könne durch vorbildliche Mitgliederpflege das seit langem erlebte und weiterhin vorausgesagte Schrumpfen unserer Volkskirche aufhalten?

Ich gebe zu: Bei einem ersten flüchtigen Lesen seines Artikels (bei dem es sicher geblieben wäre, wenn ich mir nicht als Ruheständler mehr Zeit dafür hätte nehmen können) sind mir auch bei ihm nur eine Reihe von fragwürdigen Zustandsdiagnosen und Vorschlägen zur Mitgliedergewinnung für die Kirche aufgefallen (siehe 3.2 bis 3.5). Bei genauerem Studium seiner Analyse der gegenwärtigen Situation unserer Kirche sind mir schließlich allerdings doch einige Gesichtspunkte aufgegangen, die wahrhaft bedenkenswert und weiterführend sind – wenn auch nicht im Sinne eines Patentrezeptes gegen den Verlust von Kirchenmitgliedern. Darauf gehe ich in den letzten Abschnitten 4.1 bis 4.3 ein.

3.2 Soll die Kirche sich auf die Begegnung mit jüngeren Menschen konzentrieren?

Durchaus auch selbstkritisch fragt Wegner rückblickend nach der Verantwortung seiner und meiner Pfarrergeneration (S. 140): „Was haben wir falsch gemacht, dass es zu einem solch massiven Rückgang an Mitgliedern gekommen ist?“ Und konkret im Blick auf die kürzlich erfolgte Legalisierung der Beihilfe zum Suizid (S. 141): „Haben wir keinen Mut mehr gehabt, unseren Glauben davon, dass wir von Gott Gezeugte sind, zu vertreten? Solche Vorstellungen sind uns selbst wohl immer weniger plausibel erschienen.“

In die Zukunft gewandt, hält Wegner es für sinnvoll und „notwendig, sich … mit Energie daran zu machen, Menschen für die Bindung an die Kirche zu gewinnen und die Plausibilität christlicher Kommunikation wieder zu erhöhen.“ Grundsätzlich positiv klingt sein Plädoyer (S. 145) für „die Wahrnehmung und Verarbeitung der aktuellen heutigen menschlichen Situation in die christliche Verkündigung und gemeindliche Aktivität hinein“ und (S. 146) für die „Förderung religiöser Autorschaften: die Arbeit an und mit christlichem Glauben und christlicher Religion im Angesicht der Menschen, wie sie heute sind.“ Mit Recht spricht er davon, dass sich eine solche religiöse Autorschaft nur entwickeln kann, wenn man sich auf Begegnungen einlässt, innerhalb derer ich sogar „durch die andern ‚verletzt‘ werde“, etwa durch „Ängste und Sorgen, die Menschen angesichts von Migrant*innen und Geflohenen artikulieren“. Auch nach meiner Erfahrung gehören solche Begegnungen zu den Sternstunden des Christenlebens.

Aber wo kommt man ganz konkret als Gemeindepfarrer auf diese Weise mit Menschen in Kontakt, die nicht schon zur Kerngemeinde gehören? Aus seiner eigenen Gemeindepraxis in den Achtziger Jahren (S. 144) erinnert Wegner an den höheren Energieaufwand für Kranken- und Geburtstagsbesuche bei jüngeren Gemeindemitgliedern, der aber „im Blick auf die Mitgliederbindung sehr viel besser investiert [war] als bei den älteren Gemeindemitgliedern.“ Dagegen „war und bleibt“ seiner Ansicht nach die „Kommunikation mit Älteren … am einfachsten und führt am leichtesten zu Erfolgserlebnissen.“

Ich habe allerdings dreißig Jahre nach den Achtziger Jahren im städtischen Umfeld die Erfahrung gemacht, dass auch die Kirchenbindung der heutigen Älteren (die jetzt bald 70-Jährigen gehören immerhin zur 68er-Generation) spürbar nachlässt. Zugleich hielte ich es für verfehlt, die vereinsamten noch älteren Menschen zu vernachlässigen, um stattdessen verwunderte 40-Jährige mit einem möglicherweise als skurril empfundenen Geburtstagsbesuch der Kirche zu überraschen – es sei denn, die verfügbare Zeit der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter würde gesteigert, um zusätzliche Angebote zu ermöglichen.

3.3 Leidet die Kirche unter der zu großen Zufriedenheit der Pfarrer mit sich selbst?

Da sich Wegner zufolge (S. 142) wir Pfarrer „von unserer Zufriedenheit … mit dem gegenwärtigen Zustand unserer Kirche“ hinreißen lassen, die auf eine (S. 152) „eigenresonante Zufriedenheit“ zurückgeht („Ich bin mit mir selbst zufrieden“ bzw. mit meiner eigenen Arbeit), denkt er (S. 148) über äußere „Anreize für Mitgliederbindungsaktivitäten“ nach, etwa „Gehaltszuschläge für diejenigen, denen es gelingt die Zahl der Kirchenaustritte zu reduzieren oder gar die der Eintritte zu maximieren“.

Die in meinen Augen sehr sinnvollen „Jahresgespräche“ der Pfarrer*innen mit dem Dekan, um mit seinen Kräften hauszuhalten und die Gemeindearbeit den eigenen Stärken entsprechend zu gestalten, karikiert er in diesem Zusammenhang als Orte der Bestätigung dafür, „dass doch im Grunde genommen alles in Ordnung ist, auch wenn vieles nicht klappt“.

Schließlich meint Wegner (S. 152) hinter der „Hauptklage der Pastorinnen und Pastoren…, dass sie zu wenig Zeit und Muße zur theologischen Arbeit hätten“, nicht unbedingt den „Wunsch nach einer Verarbeitung der Situation des modernen Menschen“ zu entdecken, sondern er unterstellt ihnen eher „die Sehnsucht nach mehr Zeit für sich selbst, ohne darin von den Mitgliedern der Kirche oder gar von anderen belästigt zu werden“ (auch wenn er darin „nichts Verwerfliches“ sieht).

Ob allerdings mit noch mehr Druck auf vielfach ohnehin überlastete Mitarbeitende dem Kirchenmitgliederschwund entgegengewirkt werden kann, bezweifle ich stark.

3.4 Soll missionarisches Versagen von Kirchengemeinden sanktioniert werden?

Sodann hält Wegner (S. 152) auch „den Leitungsgremien der Kirchengemeinden“ vor, dass sie sich weniger für „die Verstärkung religiöser Aktivitäten und die Verbesserung der Plausibilität religiöser Kommunikation“ interessieren, sondern viel eher für „soziale Aktivitäten“. Und er stellt (S. 153) auch unter Ehrenamtlichen eine ähnliche „systemische Eigenresonanz“ wie bei den Hauptamtlichen fest, indem „die Frage, ob Kirchenvorstände eine erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Arbeit liefern, nicht so sehr über eine genaue Evaluation der Gemeindearbeit beantwortet wird, sondern vor allem durch die Beschreibung des Klimas in den Kirchenvorständen selbst.“ Um dem entgegenzuwirken, denkt er allen Ernstes darüber nach, dass „Kirchengemeinden … die finanziellen Folgen von Ein- und Austritten erfahren können“ müssten:

„Dies dürfte nicht nur in abstrakter Hinsicht der Fall sein, sondern müsste mit Folgen für die Arbeit in die Kirchengemeinden und deren Finanzierung verbunden sein. Anders gesagt: Kirchengemeinden die sich bemühen, Kirchenbindung zu verstärken und Austritte zu verringern, müssten davon konkret etwas haben. Dann könnte man erkennen, welche Bedeutung der kirchengemeindliche Kindergarten für die Mitgliederbindung hat und er würde besser in das Leben der Kirchengemeinde eingebunden, sofern die Gemeinde überhaupt noch auf ihn Einfluss hat.“

Meiner Erfahrung nach hat aber die Anzahl der Kirchenaustritte sehr wenig mit der Qualität der Arbeit einer Kirchengemeinde zu tun – wenn ich nur daran denke, wie viele Evangelische wegen des katholischen Bischofs Tebartz-van Elst oder anlässlich des Abzugs eines Kirchensteueranteils von ihrem Kapitalertrag ausgetreten sind.

Das von Wegner angeführte Beispiel des Kindergartens macht außerdem noch eine andere Klärung notwendig. Er beklagt ja (S. 142), dass wir Pfarrer „tief von einem ‚Überwältigungsverbot‘ geprägt“ sind. Würde er also eine Kirchengemeinde durch den Entzug von Mitteln dafür bestrafen wollen, wenn in ihrem Kinder- und Familienzentrum etwa in der Gießener Nordstadt die Zahl der evangelischen Familien gegenüber den anderschristlichen, muslimischen oder konfessionslosen auf weniger als ein Viertel fällt (wie dies angesichts der dortigen Bevölkerungsstruktur geschehen ist)? Ich hingegen halte es für unverantwortlich, in einem solchen von einer evangelischen Kirchengemeinde getragenen multireligiösen Kindergarten die nichtchristlichen Kinder mit ihren Familien ausschließlich als Gäste oder sogar Missionsobjekte zu behandeln (6).

3.5 Ist der „Verfall der sozialen Nötigung, Kirchenmitglied zu sein“, bedauerlich?

Schließlich halte ich Wegners Überlegungen (S. 146) zu einem Kirchenaustritt, der statt beim Standesamt oder Amtsgericht im Pfarramt zu beantragen ist, für unvereinbar mit dem Selbstverständnis unserer evangelischen Kirche im demokratischen Rechtsstaat. Im interreligiösen Dialog pochen wir doch mit Recht darauf, dass die Mitgliedschaft in religiösen Vereinigungen auf Freiwilligkeit beruht. Daher sollte ein Austrittswilliger sich nicht genötigt sehen müssen, sich für seinen Schritt vor dem Pfarrer seiner Kirchengemeinde zu rechtfertigen.

Apropos Nötigung: Wegner beklagt (S. 147) den „Verfall der sozialen Nötigung, Kirchenmitglied zu sein,“ und wirft evangelischen Theolog*innen das „Vordringen institutioneller lndifferenz“ vor. „Dass es wirklich nötig, lebens- und heilsnotwendig, ist, Mitglied der Kirche zu sein, hört man heute – zumindest evangelisch – nicht mehr.“ Immerhin verzichtet Wegner auf die weitere Engführung, dass außerhalb der evangelischen Kirche kein Heil zu erwerben sei. Aber meint er tatsächlich, dass mehr Menschen für unsere Kirche zu gewinnen seien, wenn man ihnen sagen würde: Wenn du aus der Kirche austrittst, gehörst du zu den Heiden, kommst du in die Hölle? Unter den Kriterien Jesu für das Bestehen im Weltgericht war meiner Erinnerung nach nicht die Kirchenzugehörigkeit zu finden, sondern das Tun der Barmherzigkeit.

Es dürfte damit deutlich geworden sein, dass auch Wegners Denkanstöße, um unsere evangelische Kirche zum missionarischen Erfolg zu führen, mich nicht wirklich überzeugen.

4.1 Die evangelische Kirche in Deutschland ist immer noch eine Anstalt

Überzeugend finde ich Prof. Gerhard Wegner allerdings durchaus in seiner Analyse der grundlegenden Ursache für den Mitgliederschwund der Kirche. Sie geht ihm zufolge (S. 149) letztlich auf ein mittelalterliches Verständnis von Kirche zurück, in dem „an keiner Stelle von Mitgliedern die Rede“ ist. Die Kirche „dient einem letztlich transzendent definierten Zweck: der Verkündigung des Evangeliums und der Spendung der Sakramente“, aber Mission im Sinne von Mitgliederwerbung ist letzten Endes unnötig, denn

„alle mittelalterlichen Sozialgebilde funktionieren stets als alle inkludierende Körperschaften (abgesehen von den ‚Sekten‘, den innovativsten Formen von Kirche), oder in der neueren Fassung des Begriffs als Anstalten.“

Ich füge hinzu: Zwar gibt es seit der Reformationszeit in Deutschland mehrere konkurrierende kirchliche Anstalten, doch halten es die „großen“ Kirchen bis in die heutige Zeit hinein nahezu für selbstverständlich, dass immer noch möglichst die gesamte oder ein erklecklicher Prozentsatz der Bevölkerung ihnen angehört. Letztlich reicht dieses kirchliche Selbstbewusstsein wohl bis in die Zeit Kaiser Konstantins zurück, der, als die Untergrundbewegung des Christentums nicht mehr unterdrückt werden konnte, gerne auf eine starke Einheitskirche zurückgriff, um in der Zeit der Völkerwanderungen die Einheit des Kaiserreiches zu festigen.

Das bedeutet: Auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem die Zeit der Staatskirche in Deutschland formal beendet wurde, sind die Kirchen noch immer „Anstalten“ oder „Körperschaften des Öffentlichen Rechts“, in die mehrheitlich nicht durch bewusste Entscheidung eingetreten wird. Vielmehr akzeptieren offenbar immer noch erstaunlich viele Menschen die althergebrachte Übung, dass Kinder in die Kirche hineingetauft werden – aus welchen Gründen auch immer. Viele tun es sicher aus bewusster Glaubensüberzeugung, andere mögen es als eine Art staatsbürgerlicher Pflicht betrachten, die Kirche wegen ihrer sozialen und seelsorgerlichen Arbeit sowie ihres Beitrags zum Bildungswesen zu unterstützen. Nicht gering war früher aber auch die Zahl derer, die zur Konfirmation gingen, ihre Kinder taufen ließen und in der Kirche blieben, „weil das einfach so dazu gehört“, und vielleicht auch, um später einmal kirchlich getraut oder beerdigt zu werden, wobei sowohl das ehrenvolle Begräbnis als solches als auch die Angst eine Rolle gespielt haben mag, als Ungläubiger möglicherweise nicht in den Himmel zu kommen.

4.2 „Bewusst … und mit erhobenem Kopf kleiner werden“

Die entscheidende Frage ist nun: Muss man es unbedingt bedauern, dass die zuletzt dargestellte Einstellung zur Kirche im 21. Jahrhundert anscheinend immer seltener anzutreffen ist? Kann es nicht auch entlastend sein, einen als schmerzhaft empfundenen Prozess, der in bestimmten Hinsichten durch noch so viel persönlichen und institutionellen Einsatz nicht umkehrbar ist, als Realität zu akzeptieren? Ähnlich geht es ja derzeit auch den so genannten „großen“ Volksparteien bezüglich der Wählergunst. Und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten können gegen die Konkurrenz des Privatfernsehens und der Internetangebote nur deswegen bestehen, da derzeit noch der politische Wille besteht, sie als Institutionen zu erhalten, aus denen man nicht austreten kann.

Zwar ist auch Gerhard Wegner letzten Endes realistisch genug, um sein Ziel zwischendurch bei allem Selbstbewusstsein doch recht bescheiden zu formulieren (S. 141): „Wie kann unsere Kirche, unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen, bewusst und sozusagen mit erhobenem Kopf kleiner werden?“ Denn: „Nüchtern betrachtet wird die Kirche nicht in der Lage sein, gegen sie gerichtete gesellschaftlichen Trends umkehren zu können.“

Aber indem auch er (S. 156) die Kirchen mit den „öffentlich-rechtlichen Medienbetreibern“ vergleicht, ruft er zugleich die Kirchen dazu auf, von einer quasi „planwirtschaftlich“ orientierten Verwaltung der „Religion in der Gesellschaft“ Abschied zu nehmen und auf den „religioiden Märkten“ der „Sinnstiftung“ eine „bessere marktwirtschaftliche Aufstellung“ anzustreben und „sich wirklich der Konkurrenz zu stellen“. Dazu braucht die Kirche in seinen Augen „Ekklesiopreneure“, also „Personen, die sich unternehmerisch auf die veränderten religiösen Nachfrage- und Angebotsstrukturen einlassen und innovative Angebote entwickeln“, und zwar (S. 156f.) im Sinne „resilienter, nachhaltiger und sich selbst tragender Strukturen…, die nicht mehr von der kirchlichen Finanzkraft abhängig sind“. Das klingt gut, wenngleich damit – wie gesagt – keineswegs ein Schrumpfen der Anstalt Kirche garantiert werden kann, da es auf dem religiösen Markt eben nicht mehr nur zwei oder drei Programme gibt wie noch im Fernsehen des späten 20. Jahrhunderts (7), sondern eine Vielfalt von Glaubensgemeinschaften und auch säkularen Weltanschauungsformen bis hin zur weltanschaulichen Indifferenz.

4.3 Chancen auch einer kleiner werdenden Anstalt Kirche

Kaum setzen sich Heymel, Pausch und Wegner mit den Chancen auseinander, die eine Kirche, die sich als Anstalt oder Volkskirche versteht, nach wie vor hat, auch wenn sie kleiner wird und bewusst auf den Exklusivitätsanspruch der einstigen Staatskirche verzichtet, außerhalb derer angeblich kein Heil zu finden war.

Noch hat unsere Kirche im Gegensatz zu vereinsmäßig aufgebauten religiösen Vereinigungen viel breit gefächertere Möglichkeiten des Hineinwirkens in die Gesellschaft; noch trauen zahlreiche Kirchensteuerzahler ihrer Kirche zu, seelsorgerliche, pädagogische und soziale Angebote zu verantworten, selbst wenn sie selber an Veranstaltungen der Kirche kaum teilnehmen und mit ihren Dogmen im Clinch liegen. Auch viele kommunale Verantwortliche sähen es gar nicht gerne, wenn die Kirche als subsidiärer Träger von Kindergärten, Beratungsstellen oder diakonischer Einrichtungen ausfallen würde.

Diesen Aspekt betont mit Recht auch Wegner (S. 158f.) in seinem

„Wort zum Thema Sozialraumorientierung. Damit ist gemeint, dass sich die parochialen Kirchengemeinden gemeinsam mit der Diakonie, anderen Wohlfahrtsverbänden, Akteur*innen der Zivilgesellschaft und den Kommunen aufmachen, um für eine Verbesserung von Lebensqualität in ihren Gemeinwesen, Quartieren, Stadtteilen und Dörfern zu sorgen. Es ist erstaunlich, dass solche Aktivitäten, nachdem sie lange wenig Aufmerksamkeit fanden, nun in allen Landeskirchen und von der EKD gefördert werden.“

Auch mich erstaunt weniger der schleichende Niedergang des einstigen Staatskirchentums als das anhaltende Vertrauen eines immer noch großen Teils der Bevölkerung, dass die evangelische Kirche eine unterstützenswerte Arbeit leistet. Dieses Zutrauen scheint auf einer Art von Religiosität zu beruhen, die man nicht ernst genug nimmt, wenn man von einer nur missionarisch ausgerichteten Kirche träumt oder meint, auf eine gewisse Nötigung zur Kirchenmitgliedschaft nicht verzichten zu können, und die Kristian Fechtner (8) als Kultur der Unaufdringlichkeit beschrieben hat:

„Lebensweltlich steht die Volkskirche für ein diskretes Christentum, das ermöglicht, sich zur Kirche zu halten, indem man sich distanziert zu ihr verhält. Das diskrete Christentum ist gleichsam die religionskulturelle Innenseite des volkskirchlichen Christentums. In einer Kultur der Aufdringlichkeit erscheint es immer auch als Schonraum einer Religiosität, in der die Grenzen der Scham sorgsam gewahrt werden. Es erlaubt, Religion auch in Halbdistanz und mit Vorbehalt zu leben, vielfältig, situativ und, ja auch – eigensinnig.“

In einer so beschriebenen Volkskirche der Vielfalt haben auch missionarische Ansätze ihren Platz – aber nicht im Sinne einer Aufnötigung von Glaubenshaltungen. Dass Menschen individuell sehr unterschiedlich glauben, auch dogmatisch inkorrekt, schließt aber nicht aus, dass einige von ihnen durchaus bereit sind, sich in Gottesdiensten, Bibelkreisen und anderen Veranstaltungen kirchlicher Bildung darüber zu vergewissern, wer oder was Gott ist und was die Bibel noch heute zu sagen hat. Insofern ist den abschließenden Aussagen Gerhard Wegners zuzustimmen (S. 159):

„Gott schafft beständig etwas Neues – und er lässt auch beständig Altes vergehen und sterben. … Deswegen wird die Gestalt unserer Kirche vergehen und andere Gestalten von Kirche werden wachsen. Niemand kann letztlich wissen, was die richtigen Wege sein werden. Aber klar ist, dass wir nicht mehr abwarten können, sondern uns auf den Weg machen Jesus Christus zu folgen – hin zu den anderen, die ihn vergessen haben oder vielleicht noch gar nicht kennen, bei denen er aber lange lebt. Wenn wir das tun, werden sich neue Horizonte eröffnen, von denen wir noch gar nichts wissen.“

Anmerkungen

(1) Dr. Michael Heymel, „Wohin sollen wir gehen?“ – Kirche am Scheideweg, in: Hessisches Pfarrblatt Nr. 5, Oktober 2020, S. 193-196. Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf Zitate aus diesem Artikel.

(2) Helmut Gollwitzer, Politische Predigten. Veränderung im Diesseits, München 1973, S. 177f.

(3) Dr. Eberhard Martin Pausch, EKD und EKHN auf gutem Grund?, in: Hessisches Pfarrblatt Nr. 5, Oktober 2020, S. 207-210. Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf Zitate aus diesem Artikel.

(4) Rainer Staege, Zwischenruf I: Hygiene in der Kirche, in: Hessisches Pfarrblatt Nr.5, Oktober 2020, S.164f.

(5) Prof. Dr. Gerhard Wegner, Die nicht-missionarische Anstalt – Von der Kirche und ihrer Eigenresonanz, in: Hessisches Pfarrblatt Nr. 4, August 2020, S. 140-159. Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf Zitate aus diesem Artikel.

(6) Vgl. die Ergebnisse meiner dreimonatigen Studienzeit aus dem Jahr 2011 unter dem Titel „Geschichten teilen im multireligiösen Kindergarten“.

(7) Dass nichts so schnell veraltet wie Geschichten, die über die Zukunft geschrieben werden, fand ich bestätigt, als ich kürzlich wieder einmal Ota Hofmanns Buch aus dem Jahr 1983 über „Die Besucher“ las, die sich aus dem Jahr 2484 ins Jahr 1984 aufmachen. Ganz selbstverständlich wird im Roman (S. 21) davon ausgegangen, dass das „erste abendliche dreidimensionale Videoprogramm“ noch 500 Jahre später lediglich mit den Sendungen „des Zweiten und Dritten Programms“ konkurriert, wie es in den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts üblich war. Der Autor ahnte nicht, welche Programmvielfalt durch das Privatfernsehen schon bald über die Menschheit hereinbrechen würde.

(8) Kristian Fechtner, Diskretes Christentum. Die Volkskirche ermöglicht ihren Mitgliedern Distanz und Eigensinn. In: Zeitzeichen. 12. Jahrgang, Oktober 2011, S. 22-24 (hier S. 24).

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