Verantwortung

Die von Martin Luther so hochgelobte Buße ist auch für uns aktuell: denn es fehlt bei uns an dieser Art von Buße und Umkehr – die eigene Verantwortung wahrzunehmen, statt immer den anderen die Verantwortung zuzuschieben, Jesus um Vergebung für die eigene Schuld zu bitten und um die Kraft, ein geschwisterliches Leben führen zu können.

Zwei Hände, eine von oben und eine von unten, schützen eine weiße Kugel

Das biblische Konzept der Buße hat damit zu tun, Verantwortung zu übernehmen (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Buß- und Bettag, 19. November 2014, 19.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich heiße Sie herzlich willkommen zu einem Gottesdienst an einem Feiertag, der ein bisschen aus der Mode gekommen ist, dem Buß- und Bettag.

Seit vielen Jahren ist der Buß- und Bettag kein gesetzlicher Feiertag mehr. Seit vielen Jahren haben wir hier in der Pauluskirche keinen Bußtagsgottesdienst mehr gehalten, weil wir an diesem Tag zu einem Gottesdienst in der Innenstadt eingeladen haben. In diesem Jahr gibt es keinen solchen zentralen Gottesdienst, darum feiern wir hier in der Pauluskirche einen eigenen Gottesdienst zum Buß- und Bettag. Er findet am Abend statt, weil dieser Tag ja nicht arbeitsfrei ist.

Wir singen aus dem Lied 144 die Strophen 1 bis 3:

1. Aus tiefer Not lasst uns zu Gott von ganzem Herzen schreien, bitten, dass er aus seiner Gnad uns woll vom Übel befreien und alle Sünd und Missetat, die unser Fleisch begangen hat, als Vater uns verzeihen.

2. O Gott und Vater, sieh doch an uns Armen und Elenden, die wir sehr übel han getan mit Herzen, Mund und Händen; verleih uns, dass wir Buße tun und sie in Christus, deinem Sohn, zur Seligkeit vollenden.

3. Zwar unsre Schuld ist groß und schwer, von uns nicht auszurechnen; doch dein Barmherzigkeit ist mehr, die kein Mensch kann aussprechen: die suchen und begehren wir und hoffen, du lässt es an dir uns nimmermehr gebrechen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 51. Dieser Psalm ist ein Gebet Davids.

König war er. König von Israel. Ein König, der sich schuldig gemacht hatte. Er hatte sich eine verheiratete Frau genommen. Einfach so. Dann hatte er ihren Ehemann in den Tod geschickt. Aber Nathan hat ihn zur Rede gestellt. Nathan der Prophet. Der hatte keine Angst vor dem Mächtigen. Er hat David die Augen geöffnet. Und der Könige betete zu Gott – voller Reue:

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.

4 Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde;

5 denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.

6 An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf dass du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.

8 Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

10 Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.

11 Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.

12 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

14 Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, hier sind wir. Vor dir. Du liebst uns. Du trägst uns. Dir vertrauen wir. Darum erzählen wir dir, wo wir schuldig geworden sind. Wo wir Menschen verletzt haben. Wo wir deine Schöpfung beschädigt haben. Wo wir uns selbst geschadet haben. Wo wir dich vergessen haben. Das erzählen wir dir jetzt – in der Stille.

Stille

Wir rufen zu dir um dein Erbarmen, gnädiger Gott!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, du verbirgst dein Antlitz vor unseren Sünden und tilgst alle unsere Missetat. Du lässt uns hören Freude und Wonne. Du schaffst in uns ein reines Herz und gibst uns einen neuen beständigen Geist.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Barmherziger Gott, Vater des Volkes Israel und Vater Jesu Christi, hilf, dass wir uns dir und deinem Wort öffnen, dass wir nicht hart werden gegen deine Güte, sondern umkehren in Gedanken, Worten und Werken; denn du bist Herr unseres ganzen Lebens. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Lukas 19, 1-10:

1 Und [Jesus] ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 289 die Strophen 1 bis 2:

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

2. Er hat uns wissen lassen sein herrlich Recht und sein Gericht, dazu sein Güt ohn Maßen, es mangelt an Erbarmung nicht; sein‘ Zorn lässt er wohl fahren, straft nicht nach unsrer Schuld, die Gnad tut er nicht sparen, den Schwachen ist er hold; sein Güt ist hoch erhaben ob den‘, die fürchten ihn; so fern der Ost vom Abend, ist unsre Sünd dahin.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde,

um zu verstehen, worum es am Buß- und Bettag geht, um zu kapieren, was Buße ist, lese ich aus dem Evangelium nach Markus 1, 15:

[Jesus] sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Das ist das erste, was Jesus in einer Predigt sagt. Er sagt es, als man Johannes den Täufer gefangengesetzt hat. Da geht Jesus nach Galiläa und verkündet im Auftrag Gottes diese Botschaft: „Das Reich Gottes ist da. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

Wenn man das Gleiche sagt, sagt man noch längst nicht dasselbe, sondern sogar oft etwas ganz Gegensätzliches. So ist es z. B. mit dem Wort Buße. Martin Luther hat mit diesem Wort so viel Gutes verbunden, dass er gesagt hat: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‛ usw., hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Wir heute, 500 Jahre später, können schon mit einem einzigen Bußtag im Jahr wenig anfangen. Bei Buße denken wir ans Autofahren, an Verkehrssünden, ans Bußgeld; vielleicht noch an den katholischen Beichtstuhl und die Selbstprüfung nach irgendwelchen verborgenen Sünden; oder an Männer früherer Zeiten im Büßergewand, in Sack und Asche; vielleicht auch an heutige todernste Frömmigkeit von Menschen, die sich und anderen kein Vergnügen gönnen. Und Buße soll das ganze Leben, jeden einzelnen Tag, bestimmen?

Luther muss mit diesem Wort etwas anderes meinen, als uns heute im 20. Jahrhundert dazu einfällt. Für ihn war dieses Wort gleichbedeutend mit Befreiung, mit Freude.

Aber schon zur Zeit Luthers war das ein unerhört neues Verständnis von Buße. Das war alles andere als selbstverständlich. Als Luther seinen Satz, dass das ganze Leben der Christen Buße sein sollte, an die Schloßkirchentür von Wittenberg nagelte, als erste seiner berühmten 95 Thesen, da verband man eigentlich mit dem Wort Buße diejenigen frommen und guten Werke, die man zu tun hatte, um für sich selbst, für andere oder sogar für Verstorbene die Aussicht auf einen Platz im Himmel und ein abgekürztes Leiden im sogenannten Fegefeuer zu haben. Beichtväter erlegten ihren Beichtkindern Gebete als Bußen auf, z. B. 10 Vaterunser, 5 Ave Maria, oder Rosenkranzbeten. Almosen sollten gegeben werden, an Kreuzzügen sollten sich bestimmte dazu fähige Männer beteiligen. Schließlich kam es so weit, dass Geldspenden für die aufwendigen Paläste und Kirchen der immer weltlicheren und prunksüchtigeren Kirchenoberen schon genügen sollten, um den Weg der Seele in den Himmel zu erleichtern. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt“ – so konnte es Luther damals hören. Das wollte Luther nicht mehr länger mit ansehen und anhören. Denn diese Art von Buße, diese vielen Werke, nicht nur die Auswüchse bei den Geldbußen – sie sind zu viel und zugleich zu wenig. Sie belasten, sie machen Angst, sie erwecken den Eindruck, als ob man durch sie die Seligkeit erringen könnte, doch man weiß gleichzeitig, dass man es nicht kann, da man nie genug tun kann.

Das ganze Leben ist eine Buße – das bedeutete für Luther: eine Kehrtwendung hin zu Jesus. Denn Jesus stellte keine Bedingung auf, die einer erfüllen musste, um zu ihm zu kommen. Jeder konnte zu ihm, jedem konnte vergeben werden. Da musste nicht erst durch gute Werke der Himmel verdient werden. Da stand der Himmel plötzlich offen, das unverlierbare Glück, menschliche Wärme und Nähe, die nicht erkauft werden mussten, das Bewusstsein, ernst genommen zu werden als ein einmaliges, einzigartiges Geschöpf Gottes und nicht wegen der eigenen Fehler und Unvollkommenheiten seinem Zorn preisgegeben zu sein.

Diese Umkehr zu Jesus bedeutete dann allerdings, dass man erkannte, wie viel man an sich zu ändern hatte. Was man immer zu rechtfertigen versuchte, was man sich nie eingestehen wollte, was man immer herunterspielte – plötzlich wird einem bewusst: dafür bin ich persönlich verantwortlich, dafür habe ich geradezustehen, da muss ich, nicht erst die anderen, nein, ich muss an mir einiges ändern. Besser gesagt: Man sieht, dass man es kann, denn Jesus traut es jedem zu. Es wird zwar große Überwindung kosten, aber es wird dem, der es wagt, ein erfüllteres Leben bringen. Auch das Gefühl: Ich lebe selbst! Ich mache nicht mehr andere für mein Unglück verantwortlich. Ich kann anderen offen begegnen.

So wird die von Martin Luther so hochgelobte Buße auch für uns aktuell: denn es fehlt bei uns an dieser Art von Buße und Umkehr – die eigene Verantwortung wahrzunehmen, statt immer den anderen die Verantwortung zuzuschieben, Jesus um Vergebung für die eigene Schuld zu bitten und um die Kraft, ein brüderliches Leben führen zu können.

Als ich noch in der Schule Religionsunterricht gab, sprach ich einmal mit Schülern über den Buß- und Bettag. Zum Wort Buße erinnerten sich einige Schüler an die Bußgelder im Straßenverkehr, andere an das Beichten in der katholischen Kirche. Dann erzählte ich den Schülern von Martin Luther und dass er gesagt habe, dass das ganze Leben der Christen eine Buße sein soll. Was meint er wohl damit? fragte ich. Da erinnerte sich ein Schüler der dritten Klasse an die Geschichte von Jesus und Zachäus, die wir vorhin gehört haben. Ein unbeliebter Reicher wird von Jesus menschlich angenommen – und lernt dadurch auf einmal selbst, menschlich zu handeln: er gibt mehrfach zurück, was er sich unrechtmäßig angeeignet hatte. Dieser Schüler hat erkannt: bei der Buße geht es nicht um Schimpfen, Tadeln, Nörgeln, damit sich einer endlich bessert. Sondern es geht um menschliche Nähe auch zu denen, die Fehler haben – dann können sie sich auch ändern. Und diese menschliche Nähe haben wir alle nötig. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem angefangenen Lied 289 die Strophe 3:

3. Wie sich ein Mann erbarmet ob seiner jungen Kindlein klein, so tut der Herr uns Armen, wenn wir ihn kindlich fürchten rein. Er kennt das arm Gemächte und weiß, wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub: der Wind nur drüber wehet, so ist es nimmer da, also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.

Fürbitten

In der Stille nennen wir dir die Menschen, die uns besonders am Herzen liegen.

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen zum Schluss noch die Liedstrophe 160:

Gott Vater, dir sei Dank gesagt und Ehre; Herr Jesu Christ, den Glauben in uns mehre; o Heilger Geist, erneu uns Herz und Mund, dass wir dein Lob ausbreiten alle Stund.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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