Das rote Seil im Rotlichtviertel von Jericho

Eine Frau aus Kanaan erweist sich als Prophetin Gottes: Die Hure Rahab bekennt, dass nur der Gott Israels in Wahrheit Gott ist. Aber es geht hier nicht um Nationalismus, nicht um den Sieg eines Volkes über ein anderes. Vielmehr nimmt Gott diese Frau aus Jericho in seinen Dienst, damit er befreiend wirken und Unterdrückung abschaffen kann.

Der Knoten eines roten Seils vor schwarzem Hintergrund

Ein rotes Seil wurde in Jericho zum Symbol der Freiheit und des Lebens für zwei israelitische Kundschafter und eine kanaanäische Hure (Bild: moritz320Pixabay)

#predigtGottesdienst am 17. Sonntag nach Trinitatis, den 13. Oktober 2019, um 10.00 Uhr in der evangelischen Lukaskirche Gießen
Musik zum Eingang

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Mit dem Wochenspruch aus 1. Johannes 5, 4 begrüße ich sie herzlich im Gottesdienst der Lukasgemeinde:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Ein solcher Satz will gar nicht so leicht über unsere Lippen kommen, wenn wir an den Anschlag auf die Synagoge in Halle denken, an den abgrundtiefen Hass, der unseren jüdischen Glaubensgeschwistern von Menschen in unserem Land wieder entgegengebracht wird. Aber gerade ein solcher Anschlag, solcher Hass, macht deutlich, was die Bibel mit „Welt“ meint: Eine Weltordnung, die nur vordergründig wohlgeordnet ist. Wo Menschen nicht auf Gottes Liebe und Wegweisung vertrauen und bauen, lauert die Sünde der Menschenverachtung vor der Tür. Genau dieser Herausforderung stellt sich unser Glaube – und zwar nicht nur unser christlicher, sondern schon der jüdische Glaube:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Unser heutiger Predigttext gibt uns die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie unser christlicher Glaube auf dem jüdischen aufbaut. Aber zunächst wollen wir aus dem Himmelfahrtsied 123 die Strophen 1 bis 3 singen, von Jesus Christus, der die Welt besiegt:

1. Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.

2. Fürstentümer und Gewalten, Mächte, die die Thronwacht halten, geben ihm die Herrlichkeit; alle Herrschaft dort im Himmel, hier im irdischen Getümmel ist zu seinem Dienst bereit.

3. Gott ist Herr, der Herr ist Einer, und demselben gleichet keiner, nur der Sohn, der ist ihm gleich; dessen Stuhl ist unumstößlich, dessen Leben unauflöslich, dessen Reich ein ewig Reich.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wie besiegt Jesus die Welt? Durch Liebe, durch Vergebung, ohne Gewalt. So stellen wir Christen uns heute Jesus vor, obwohl die christliche Kirche jahrhundertelang mit weltlicher Macht und Gewalt ihren Einfluss geltend gemacht hat.

Das Alte Testament dagegen gilt vielen Menschen als Zeugnis für einen Gott, der vor Gewalt nicht zurückschreckt. Steht der jüdische Gott nicht für Eifersucht, für alttestamentarische Rache, für Vergeltung?

Unser heutiger Predigttext stammt aus dem biblischen Buch Josua. Dieses Buch handelt von einem Mann, der denselben Namen trägt wie unser Herr Jesus. Josua und Jesus sind zwei Formen desselben hebräischen Namens: Jehoschua die Langform – Jeschua die Kurzform; beides heißt: „Gott ist Hilfe“, „Befreiung“, „Rettung“.

Der alttestamentliche Josua/Jesus sorgt im Auftrag Gottes dafür, dass Israel ein Land bekommt, in dem die gute menschenfreundliche Wegweisung Gottes Fuß fassen kann. Nach der Befreiung aus ägyptischer Versklavung und 40jähriger Wanderschaft durch die Wüste vertraut Gott seinem Volk einen Lebensraum an, in dem es die neue Freiheit bewähren soll – und zwar so, dass alle, die dort leben, Gerechtigkeit erfahren.

Uns Christen stört an diesem alttestamentlichen Josua/Jesus die Gewalt, mit der Gott anderen Völkern das Land wegnehmen lässt, in dem Israel wohnen soll. Das passt so gar nicht zu der Art, in der wir uns Jesu Herrschaft vorstellen.

Und doch haben wir gesungen: „Alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß“ – ihm, Jesus Christus. Und der Gott, der Jesus alle Macht im Himmel und auf Erden gibt, ist kein anderer als der, der schon Josua die Macht über das Land Kanaan gegeben hat. Im Vertrauen darauf, dass unser Gott kein anderer ist als der Gott Israels, loben wir ihn, der sich uns durch den Heiligen Geist in Jesus Christus offenbart hat.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Befreiender, gerechter Gott, wir begreifen vieles nicht, was in der Bibel steht, die doch dein heilsames Wort enthält. Besonders im Alten Testament erkennen wir dich oft nicht so wieder, wie wir dich durch Jesus Christus kennengelernt haben, du kommst uns oft grausam vor, und manchmal fragen wir uns: Bist du, der Gott Jesu, tatsächlich derselbe Gott, den auch die Juden angebetet haben? Oder machen wir uns etwa ein falsches Bild von dir? Auf Barmherzigkeit angewiesen sind wir wie alle Menschen. Uns rettet nicht unsere Religion, weil sie besser ist als andere, uns rettest nur du. So rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Lasst uns nun gemeinsam den Psalm 47 beten, in dem Israel den allmächtigen Gott lobt, weil er seinem Volk ein Land als Erbteil geschenkt hat. Wie bei vielen Psalmen fehlen in unserem Gesangbuch unter der Nr. 726 mehrere Verse. Wenn Sie dieses Mal die linksbündigen Verse lesen und ich die eingerückten, dann füge ich die fehlenden 3 Verse zwischendurch ein, und dann geht es normal weiter:

2 Schlagt froh in die Hände, alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall!

3 Denn der HERR, der Allerhöchste, ist zu fürchten, ein großer König über die ganze Erde.

4 Er zwingt die Völker unter uns und Völkerschaften unter unsere Füße.

5 Er erwählt uns unser Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt.

6 Gott fährt auf unter Jauchzen, der HERR beim Schall der Posaune.

7 Lobsinget, lobsinget Gott, lobsinget, lobsinget unserm Könige!

8 Denn Gott ist König über die ganze Erde; lobsinget ihm mit Psalmen!

9 Gott ist König über die Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.

10 Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams;
denn Gott gehören die Schilde auf Erden; er ist hoch erhaben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Gott der Wahrheit, der Freiheit, des Lebens! Wir dürfen auch in der Bibel alles prüfen und das Gute behalten. Lass uns dabei aber auch beherzigen, dass wir uns durch dein Wort, das uns in der Bibel aufleuchtet, ebenfalls prüfen und kritisieren und auf gute Wege führen lassen. Ganz konkret schenke uns heute offene Ohren für eine Geschichte aus dem Buch Josua, damit wir aus ihr etwas lernen für unseren christlichen Glauben. Darum bitten wir dich im Namen deines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Liebe Kinder, geht nun mit dem Segen Gottes in die Kinderkirche – der liebe Gott segne und behüte euch und sei mit euch auf allen euren Wegen. Amen.

Im Predigttext aus dem Buch Josua steht nachher eine Frau im Mittelpunkt. Ihr Name ist Rahab. Im Neuen Testament kommt sie drei Mal vor. Diese drei Stellen hören wir in der Schriftlesung. In Matthäus 1, 3-6 wird sie im Stammbaum Jesu neben drei anderen Frauen erwähnt:

3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram.

4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon.

5 Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai.

6 Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria.

Im Brief an die Hebräer 11, 31 wird Rahab als einzige Frau neben der Stammmutter Sara unter den für ihren Glauben gerühmten Menschen des Alten Testaments namentlich genannt:

31 Durch den Glauben kam die Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter in Frieden aufgenommen hatte.

Schließlich ist noch im Brief des Jakobus 2, 25 von der „Hure Rahab“ die Rede:

25 Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ?

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Noch ein Lied singen wir jetzt, das nicht so ganz zur Jahreszeit passt, Nr. 550, 1-3. Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti hat es unter der Überschrift „Ein anderes Osterlied“ gedichtet, und es kann uns weiter einstimmen auf die Geschichte aus dem Buch Josua, in der es um ein Land für das Volk Israel geht, in dem es Gottes Gerechtigkeit einüben soll:

Das könnte den Herren der Welt ja so passen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie alle die Geschichte von der Hure Rahab und den Kundschaftern in Jericho kennen. Für mich war sie eine der Lieblingsgeschichten in meiner Kinderbibel, die wiederum neben Grimms Märchen, kaum dass ich in der Schule lesen gelernt hatte, mein Lieblingsbuch war.

Was eine Hure war, das verstand ich damals noch nicht; ich wusste nur, dass Rahab in der Stadt Jericho nicht sehr beliebt war. Und da ich mich damals auch manchmal als Außenseiter fühlte und vor manchen Kindern Angst hatte, die mich verhauen wollten, fand ich es toll, wie Rahab die Leute in ihrer Stadt ausgetrickst und die Kundschafter gerettet hat.

Vom Handlungsablauf her erinnert mich die Geschichte auch an die Karl-May-Geschichten, die ich später als Jugendlicher verschlungen habe: die eigentlich schwächeren Guten verstehen es, mit List und Gottes Hilfe die übermächtigen Bösen zu besiegen. Wenn wir uns allerdings die Geschichte als Erwachsene genauer anschauen, dann müssen wir uns doch fragen: Was hat so ein Agententhriller im Rotlichtviertel von Jericho mit unserem christlichen Glauben zu tun?

Schauen wir uns einmal ganz genau an, Vers für Vers, was uns die Bibel im Buch Josua, Kapitel 2, erzählt.

1 Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho.

Im ersten Kapitel des Josuabuches hat Josua von Gott Mut zugesprochen bekommen: „Sei getrost und unverzagt!“ Das Land Kanaan, dort gelegen, wo heute Israelis und Palästinenser leben, würde dem Volk Israel zufallen, wenn es sich nur an Gottes Wegweisung hält. Aber aus der rückblickenden Sicht der Bibel liegt das Land Kanaan damals noch fest in der Hand von Menschen, die Gottes Wort weder kennen noch achten. Vor allem treten sie die Freiheit und das Recht der einfachen Bevölkerung immer wieder mit Füßen!

Von Schittim im heutigen Jordanien aus gesehen, liegt dem Jordan gegenüber die Stadt Jericho, tief im Jordangraben, weit unter dem Meeresspiegel. Sie gilt den Israeliten als Inbegriff einer starken, mit einer Mauer gut befestigten Stadt, militärisch so gut wie uneinnehmbar.

Was tut Josua? Er sendet Kundschafter aus. 40 Jahre zuvor war er selbst als ein solcher Kundschafter von Mose gemeinsam mit Kaleb ins Land Kanaan gesandt worden. Schon damals hätte Gott den Israeliten das Land gegeben, wenn sie nicht zu viel Angst vor den dort lebenden „Riesen“ gehabt hätten. Die Kundschafter, die Josua jetzt aussendet, werden nicht mit Namen genannt. Die griechische Übersetzung nennt sie „neaniskoi“, „Jünglinge“.

Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein.

Zwei junge Männer sollen eine zu erobernde Stadt erkunden, und wohin wenden sie sich? Sie gehen ins Rotlichtviertel, zu einer Prostituierten. Was sollen wir uns dabei denken? Vermutlich nicht, dass sie die Frau wegen ihrer Dienste aufsuchen. Ihr Haus ist, wie man später sehen wird, in die Stadtmauer hineingebaut; vielleicht ist sie die erste Stadtbewohnerin, der sie überhaupt begegnen. Oder meinen sie, als Spione einer fremden Macht einer solchen Frau, die einer zwar geduldeten, aber nicht unbedingt geachteten Tätigkeit nachgeht, am ehesten vertrauen zu können?

2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden.

Die Spionageabwehr des Königs von Jericho funktioniert offenbar. Das Eindringen der israelitischen Kundschafter bleibt nicht unbemerkt. Kein Wort hören wir davon, ob die beiden überhaupt irgendetwas in der Stadt erkunden können. Sofort geht es um die Frage: Werden sie entdeckt, enttarnt und umgebracht?

3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden.

Ist das schon das Ende einer traurigen Geschichte? Zu erwarten wäre, dass die Bürgerin Jerichos die Spione ausliefern würde.

4 Aber die Frau nahm die beiden Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren.

5 Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen.

6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte.

Ich bin beeindruckt von Rahab. Ihr Name kommt vom hebräischen Wortstamm RaChaB und hat mit Weite und Breite zu tun; sie ist eine Frau mit weitem Herzen und außergewöhnlichem Selbstbewusstsein und Mut. Nach Strich und Faden belügt sie die Geheimpolizei des Königs, und zuvor hat sie die ihr völlig ausgelieferten israelitischen Männer auf dem Flachdach ihres Hauses unter dem Flachs versteckt, aus dem sie die Fäden für ihre Leinweberei spinnt.

7 Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren.

Genau wird die Verfolgung der israelitischen Spione beschrieben. Auf dem Weg zurück zum Jordan hätten sie keine Chance zu entkommen. Und für den Fall, dass sie sich doch noch in der Stadt aufhalten, würde das verschlossene Stadttor ihre Flucht verhindern.

8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach.

Die Nacht bricht herein, und die Israeliten fühlen sich bei Rahab offenbar so gut aufgehoben, dass sie sich in ihrem Haus sogar getrost zu Bett legen. Doch zuvor führt Rahab mit ihnen ein aufschlussreiches Gespräch.

9 Und [Rahab] sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden.

Hier wird klar, warum Rahab die Fremden in Schutz nimmt. Obwohl sie nicht zum Volk Israel gehört, ist sie offenbar fest davon überzeugt, dass Gott den Israeliten das Land, in dem sie lebt, mit vollem Recht übergibt. Woher hat sie dieses Wissen, woher nimmt sie diese Überzeugung? Sie stellt die Situation in Kanaan so dar, dass alle Menschen eine furchtbare Angst vor Israel haben; ein geradezu unerträglicher Schrecken ist auf sie gefallen, so dass sie vor ihnen „feige geworden“ sind; wörtlich steht da: sie sind hinweggeschmolzen.

10 Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt.

Was hier beschrieben wird, erinnert mich an die Furcht vor dem Kommunismus im 19. Jahrhundert: „Ein Gespenst geht um in Europa!“ Was haben die Kanaanäer nicht alles von diesem Sklavenvolk der Israeliten gehört – vor ihnen ist sogar das Schilfmeer ausgetrocknet; das Heer des Pharao ging in den Fluten unter, und die starken Könige Sihon und Og im Ostjordanland, die ihnen den Durchzug durch ihr Land verwehren wollten, hatten gegen sie keine Chance.

In diesem Zusammenhang fällt das furchtbare Wort „Bann“: Es bedeutet, dass Städte und Stämme, die das Volk Gottes vernichten wollen, selber der Vernichtung anheimfallen, und zwar mit Mann und Frau und Kind, mit allem Vieh und allem Eigentum. Ein solcher Krieg darf nur zum Schutz des Volkes vor der Vernichtung geführt werden, nicht um Beute zu machen; darum ist es sogar verboten, Gefangene zu verschonen, um sie etwa gegen Lösegeld freizulassen. Das klingt nach wahrem Terror – und so wundert es nicht, dass Schrecken auf die Menschen in Kanaan fällt.

Auch auf mich fällt ein Schrecken, wenn ich vom Bann in der Bibel lese. Diese Vorstellung bleibt mir fremd und ist für mich nicht zu akzeptieren. Ich habe allerdings ein paar Ideen dazu, warum die Bibel so unbefangen von Maßnahmen erzählt, die wir mit Recht als Völkermord bezeichnen würden:

Tatsächlich wurde der Bann in der historischen Wirklichkeit Israels wohl nie so durchgeführt; Archäologen haben nachgewiesen, dass Kanaan von Israel friedlich besiedelt wurde. Als „kleinstes aller Völker“, wie Israel sich in 5. Mose 7, 7 bezeichnet, hätte es ohnehin nicht aus eigener militärischer Kraft die mächtigen kanaanäischen Stadtstaaten unterwerfen können.

Tatsächlich wurde umgekehrt gerade Israel oft Opfer von Eroberung und Vertreibung. So radierte im Jahr 721 v. Chr. die assyrische Weltmacht zehn von zwölf Stämmen Israels einfach von der Landkarte aus. Dennoch ging Israel als Volk und religiöse Gemeinschaft nicht unter. Und das haben die Juden (benannt nach dem nicht untergegangenen Stamm Juda) in der Bibel dadurch zu erklären versucht, dass der Eine Gott der ganzen Welt sich immer wieder auf die Seite des kleinsten und schwächsten Volkes gestellt hat.

So erzählte man sich auch die Geschichte der Landgabe Kanaans an Israel vor Hunderten von Jahren: Vor dem starken Gott des schwachen Israel mussten die starken Unterdrückervölker zittern. Am bekanntesten ist dieses Erzählmotiv aus der Geschichte von David und Goliath. Dazu passt nun genau, wie Rahab das Gefühl der Bewohner Jerichos beschreibt, nachdem sie von den Siegen der Israeliten über den Pharao und über die Könige Sihon und Og gehört haben:

11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.

Hier erweist sich eine Frau aus dem Volk der Feinde Israels als Prophetin Gottes: Sie bekennt, dass nur der Gott Israels in Wahrheit Gott ist. Historisch ist es unrealistisch, dass eine Frau eines fremden Volkes damals überhaupt den Namen des kleinen Volkes Israel gekannt hat. Aber es macht Sinn, dass die Bibel diese Geschichte so erzählt. Sie drückt damit aus: Es geht hier nicht um jüdischen Nationalismus, nicht um den Sieg eines Volkes über ein anderes. Vielmehr kann der Gott Israels durchaus eine Frau in seinen Dienst nehmen, die nicht dem Volk Israel angehört, damit er befreiend wirken und Unterdrückung abschaffen kann.

12 So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen,

13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

Was Rahab hier von den Kundschaftern erbittet, erinnert mich an Noah und die Sintflut. Hier wie dort geht es darum, dass Menschen, die nicht nach Gottes gutem Willen leben, ihren Untergang selbst verschulden. Ähnlich denken ja heute diejenigen, die befürchten, dass die Menschheit sich durch Krieg und Umweltzerstörung bis hin zur Klimakatastrophe selbst vernichten könnte. Doch so, wie Gott den Noah und seine Familie vor der Vernichtung bewahrt, dürfen wir auch Rahab als Inbegriff der Hoffnung dafür sehen, dass eine dem Untergang geweihte Welt durch Gottes Barmherzigkeit die Chance auf Errettung hat.

14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer.

16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges.

Nachdem die israelitischen Männer sich für Rahab und ihre Familie verbürgt haben, tut die Frau alles, was sie kann, um ihre Flucht zu ermöglichen. Aus ihrem Haus in der Stadtmauer können sie durch das Fenster an einem Seil hinausklettern; außerdem erhalten sie Tipps, wie sie sich vor den verfolgenden Soldaten am besten schützen können.

17 Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen:

18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus.

Die israelitischen Männer danken der kanaanäischen Frau ihre Hilfe mit einem klaren Vertrag: Das rote Seil ihrer Errettung soll auch zum Zeichen der Rettung der Familie Rahabs werden. Bei der Farbe Rot im Rotlichtviertel denken wir heute, etwa in der Stadt Amsterdam, an die erotischen Dienste, auf die Frauen wie Rahab mögliche Kunden durch rote Laternen aufmerksam machen. Hier wird die rote Farbe des Seils zum Zeichen einer anderen Liebe, nämlich der Barmherzigkeit Gottes, die denjenigen gilt, die selber barmherzig sind.

19 So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird.

20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen.

Als ich diese Verse gelesen habe, wurde mir wieder einmal klar: Biblische Texte sind vielschichtig. Eben noch habe ich das rote Seil als Symbol für Liebe und Barmherzigkeit gedeutet. Die Männer damals verbinden es mit der Farbe des Blutes, und das erinnert wiederum an das Blut der Lämmer, das die Israeliten in der Nacht des Auszugs aus Ägypten an ihre Türpfosten strichen, damit der Engel des Todes nicht ihre erstgeborenen Söhne töten würde. So kann das rote Seil auch zum Symbol für die Verschonung beim großen Blutvergießen werden, das der Stadt Jericho bevorsteht.

Wir kommen bei vielen zentralen Geschichten der Bibel nicht an der Frage vorbei: Warum werden die einen gerettet – und die anderen verfallen dem Tod?

Für die biblischen Erzähler ist klar: ein Mensch, ein Volk, die Menschheit, die nicht nach dem befreienden und gerechten Willen Gottes handelt, richtet sich selbst zugrunde. Und es ist und bleibt ein Wunder, wenn ein schwaches Volk wie Israel dennoch überlebt, wenn ein Mensch wie Rahab mit ihrer Familie gerettet wird, wenn die Menschheit mit Noah noch eine zweite Chance bekommt. Im Sinne der Bibel entspricht ein solches Wunder nicht der bloßen Willkür Gottes, sondern diejenigen dürfen fest auf Gottes Wunder der Barmherzigkeit vertrauen, die sich selber von Gottes Willen leiten lassen – und dieser Wille besteht darin, dass Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit, in Frieden und Barmherzigkeit miteinander leben.

21 Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

Das rote Seil im Rotlichtviertel Jerichos ist ein Symbol der Verschonung im harten Kampf eines schwachen Volkes um das Überleben inmitten übermächtiger Unterdrückervölker. Es erinnert daran, dass Israel sich bewusst war: Es verdankt sein Land nicht dem eigenen militärischen Können, nicht männlicher Stärke. Als ob kein Mann den Ruhm für die Einnahme Jerichos beanspruchen dürfte, wird in dieser Geschichte nur der Name der Frau überliefert, die den feindlichen Spionen barmherzig begegnet. Eine Frau aus dem Feindeslager, die keinen guten Ruf hatte, wird zur Prophetin des Einen Gottes Israels.

Woran erinnert mich das rote Seil noch? An Jesus Christus! Der hatte auch Kontakt mit Prostituierten und sagte ihnen ein befreites Leben im Reich der Liebe Gottes zu. Der reduzierte sie nicht darauf, Verkäuferinnen ihres Körpers zu sein und von denen verachtet zu werden, die sie ausbeuten. Gerade von Jesus Christus können wir lernen, schon den Gott des Alten Testamentes ganz und gar als den Gott der Barmherzigkeit zu begreifen.

Die christliche Kirche hat es oft umgekehrt gemacht: Sie brachte oft den Gott Jesu als Gott der Liebe gegen den grausamen Gott der Juden in Stellung – aber in der Realität übte sie nicht Feindesliebe gegen Ketzer, Juden und sonstige Andersgläubige, sondern unternahm Kreuzzüge und Hexenjagden.

Ich bin gespannt, wie wir vielleicht beim Kirchencafé weiter über diese Themen ins Gespräch kommen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 247:

1. Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden die, so in ihren Nöten und Beschwerden bei Tag und Nacht auf deine Güte hoffen und zu dir rufen, und zu dir rufen.

2. Mache zuschanden alle, die dich hassen, die sich allein auf ihre Macht verlassen. Ach kehre dich mit Gnaden zu uns Armen, lass dich’s erbarmen, lass dich’s erbarmen,

3. und schaff uns Beistand wider unsre Feinde! Wenn du ein Wort sprichst, werden sie bald Freunde. Herr, wehre der Gewalt auf dieser Erde, dass Friede werde, dass Friede werde.

4. Wir haben niemand, dem wir uns vertrauen, vergebens ist’s, auf Menschenhilfe bauen. Wir traun auf dich, wir schrein in Jesu Namen: Hilf, Helfer! Amen. Hilf, Helfer! Amen.

Abkündigungen mit Bericht über ein FSJ in Italien von Cora Reisewitz
Fürbitten – Gebetsstille – Vater unser
Lied 428, 1+5: Komm in unsre stolze Welt

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Musik zum Ausgang
Kirchencafé

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