„Der Vogel hat ein Haus gefunden“

Wie im Tempel Israels sogar der Vogel ein Haus finden konnte, finden in der Paulusgemeinde die unterschiedlichsten Menschen einen Ort, an dem sie sich mit ihrem eigenen Glauben, ihrer eigenen Spiritualität, ihrer Verschiedenheit zu Hause fühlen.

Im Tempel findet ein Vogel sein Haus - zwei Störche bauen auf einer Kirche ihr Nest

Zwei Störche haben ihr Nest auf einer Kirche gebaut (Bild: zinka – pixabay.com)

Andacht zur gemeinsamen Sitzung der evangelischen Nordgemeinden Gießens, Michael, Thomas und Paulus, am 26. November 2013

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder der Gießener Nordgemeinden, ich kann auch sagen: liebe Kooperationspartner, die wir als evangelische Gemeinden im Gießener Norden gemeinsam unterwegs sind!

Ich begrüße Sie heute im Untergeschoss unseres Gemeindezentrums, weil oben eine studentische Theatergruppe gerade Szenen erprobt, die sie im nächsten Jahr aufführen und vielleicht auch wieder in einen unserer Gottesdienste einbauen werden. Die beiden Räume, die wir heute nutzen, bilden sozusagen das Scharnier zwischen den beiden Teilen unseres Gemeindezentrums: der Raum Lydia ist der Sitzungsraum unserer Kirchengemeinde, der Raum Debora wird vom Familienzentrum für viele Zwecke genutzt, unter anderem als Elterncafé.

Ich schlage vor, dass wir unsere Sitzung mit einem Psalmgebet beginnen, das auch im Gesangbuch steht unter der Nummer 734. Ich lese gemeinsam mit den Männern die linksbündigen Verse und die Frauen lesen bitte die nach recht eingerückten Teile (Psalm 84):

2 Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth!

3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.

5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.

6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!

7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.

8 Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.

9 HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!

10 Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten!

11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.

12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

13 HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Ich habe diesen Psalm ausgewählt, weil mir der Vers 4 ausgesprochen gut gefällt und mich an unsere soeben abgeschlossene Sanierung unseres Kirchturms erinnert:

Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.

Es ist nun zwar nicht so, dass wir bei der Renovierung Vogelnester am Altar eingebaut haben. Vögel haben ja sogar Einflugverbot im Glockenturm und werden durch ein feines Netz aus Edelstahl daran gehindert, durch die Betonwabenfassade hindurchzufliegen. Aber unser Kirchenvorstandsmitglied Erich Dritsch hat dennoch für die Belange der Vögel einiges erreicht und bei der Jugendwerkstatt Nistkästen für Mauersegler geholt, die er zum Teil selber unter dem Kirchendach angebracht hat, als das Gerüst noch stand. Und im Kirchturm selbst hat die Jugendwerkstatt einen Eulenkasten eingebaut. Er ist durch ein Einflugloch auf der Rückseite des Kirchturms erreichbar, und wir hoffen, dass im Lauf der Zeit diese Zweizimmerwohnung für Eulen auch bezogen wird.

Und so wie Vögel in oder bei unserem Kirchturm ein Nest bauen können, so freuen wir uns darüber, wenn auch Menschen in unserer Kirche und den anderen Räumen einen Ort finden, wo sie gern zusammenkommen und spüren, was der Psalm sagt: „Wir gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott“, zu dem die Israeliten damals auf den Gottesberg Zion pilgerten und den wir dort erfahren, wo wir uns in seine Liebe mit hineinnehmen lassen.

Es sind nicht die großen Massen, die zu uns kommen, aber wir erleben unter den Menschen, die kommen, eine große Vielfalt. Da sitzt der Pfarrer im Ruhestand neben den Konfis und den alten Damen und Herren aus Russland. Die eritreische Familie sitzt in der gleichen Bank wie das psychisch kranke Pärchen. Alle zünden für geliebte Verstorbene Kerzen an, und auch zum Kirchencafé versammelt sich eine bunte Gesellschaft um den Tisch.

Wir schauen den wahren Gott dann, wo wir uns bewusst machen, dass wir die Wahrheit dieses Gottes nicht allein in der Tasche haben. Wenn überhaupt, dann hat er uns – nicht in der Tasche, sondern in seinen Händen, wir sind von ihm getragen, gemeinsam mit Menschen, die vielleicht eine ganz andere Spiritualität haben.

In unserem Gemeindezentrum haben auch junge Menschen, die Capoeira lieben oder sich in Tanz und Theater ausdrücken, eine Heimat gefunden.

Morgen wird es eine Begegnung von Jung und Alt zwischen Senioren aus unserer Gemeinde und Jugendlichen an der Werkstattkirche in der Ederstraße geben, angeregt von Schülerinnen der Max-Weber-Schule und ihrem Religionslehrer.

Ich freue mich auch, dass jeden Samstag die russisch-orthodoxe Gemeinde bei uns Gottesdienst feiert oder wenn die eritreische Gemeinschaft an Samstag­nachmittagen unseren Saal für gesellige Treffen nutzt.

Heute sagte mir ein muslimischer Freund, dass er sich schon richtig bei uns in der Paulusgemeinde zu Hause fühlt, weil wir ihn immer wieder bei interreligiösen Feiern oder Familiengottesdiensten willkommen heißen und auch zu Wort kommen lassen.

Wir schauen den wahren Gott, indem wir von unterschiedlichen Voraussetzungen aus auf dem Weg sind und uns von ihm mit Gnade und Kraft beschenken lassen. So wollen auch wir von einer Kraft zur anderen gehen. Amen.

Lied 608: Alles, was wir sind, hat Gott geschenkt. Amen! Amen!

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