Philosophie des Stattdessen

Odo Marquard als Philosoph der Kompensation.

Ein Lieblingsbegriff des Philosophen Odo Marquard war die Kompensation. Wenn die großen Würfe nicht gelingen, wenn man auf die absolute Wahrheit und die Weltrevolution verzichten muss, dann tut man lieber etwas – stattdessen! In dieses Thema führen die Zitate auf dieser Seite ein – und regen damit an, tiefer einzusteigen in seine Werke. Die in Klammern angegebenen Stichworte verweisen auf die ausführlichen Literaturangaben in der chronologisch nach Jahreszahlen geordneten Bibliographie mit 103 Schriften von Odo Marquard.

 

Statt
Es ist nötig, Philosophie zugleich als Ensemble der Hilfsmittel zur Veränderung der Welt und als das der diese Welt allgemeingültig interpretierenden Aussagen zu verstehen; und die einzig zureichende Kritik des (naturbedacht-genealogisch denkenden) Psychologismus d. h. der schlechten Versöhnung von Wesensphilosophie und Geschichtsphilosophie ist ihre gute Versöhnung. Diese gute Versöhnung … liegt in einer durchgeführten Weise gegenwärtig nicht vor: solange das nicht der Fall ist, bleibt eine Position statt jener guten Versöhnung einstweilen unvermeidlich. (Psychoanalyse, 1963, S. 278)

 

Statt dessen
Die Philosophie: vielleicht hat sie – ich lasse das offen und sage es mit Vorbehalt – heute keine Chance, keine Fehlleistung zu sein; vielleicht hat sie nur die Chance, dies sich einzugestehen. Sie hätte dann keine Vollmacht und wäre nicht sie selbst, sondern bestenfalls täte sie etwas statt dessen. Wo sie das in Rechnung stellt: vielleicht würde sie da menschlich, denn Menschen sind ja die, die etwas statt dessen tun. (Inkompetenzkompensationskompetenz, 1973, S. 37)

 

Kompensationsspitzfindigkeit
Azaïs … ist unendlich kompensationsfindig (man könnte sagen: kompensationsspitzfindig), praktisch jedes Malheur erscheint ihm als treffliche Investition für alsbaldige Bonheurs. Beispiel: Frau und Kinder kommen um, welch einmalige Trainingschance für sagesse! So will er begreifen, daß die Glücks-Unglücks-Bilanz bei allen gleich und bei jedem ausgeglichen ist. Wo für diesen Ausgleich „dieses Leben“ nicht ausreicht, muß dann die Lehre von der Unsterblichkeit herbei: in religiös-metaphysischen Ansätzen – und jetzt spreche ich nicht mehr nur von Azaïs – kommt man dadurch endgültig aus den roten Zahlen. (Kompensation, 1978, S. 70)

 

Geldvermeidendes Geschäft
Ganz am Anfang [kommt der Begriff Kompensation] … aus der Ökonomie, nämlich aus der römischen Handelssprache. Compensus, compensatio, Kompensation bedeutet Geschäft, insbesondere das geldvermeidende Geschäft: ein Wortsinn, der den Älteren von uns aus der unmittelbaren Nachkriegszeit ebenfalls wohlgeläufig ist. (Kompensation, 1978, S. 71)

 

Entschuldigung
Kompensation: das war also (zunächst) in der philosophischen Tradition der christlichen Theologie – angesichts der Sünde – ein Äquivalenzwort für Erlösung, d. h. für die Entschuldigung der Menschen durch Gott; und Kompensation: das wurde (dann) in der Theodizee – angesichts der Übel – zum Argumentenwort für die Entschuldigung Gottes durch die Menschen: zu einer … im Kontext der Theodizee wohletablierten Kategorie. (Kompensation, 1978, S. 73)

 

Ersatzkompensator
Sobald … der Eindruck sich verstärkte, daß die weltlichen Übel durch Gott zu wenig kompensiert werden, geriet die „optimistische“ Theodizee in Schwierigkeiten. Darum sieht sich die Philosophie – wo Gott als Kompensator zu versagen scheint – um nach einem Ersatzkompensator. Der naheliegende Kandidat dafür ist die Natur, zumal man seit Spinoza zwischen Gott und der Natur zuweilen ohnehin nicht mehr so recht hat unterscheiden können. (Kompensation, 1978, S. 75)

 

Gesetz der Erhaltung der Absurdität
[S]ind Kompensationen eigentlich notwendigerweise ein Trost? … Es kommt anders, als man denkt und will; zumindest muß man mehr und anderes in Kauf nehmen, als man vorhatte. … es [gibt] Kompensationen auch und gerade als Restitution des Negativen…: als Vollstreckung des Gesetzes der Erhaltung der Absurdität. Ein Minimum an Durcheinander wird stets wiederhergestellt: wo es durch Ordnung gestört wird, wird diese Störung wieder ausgeglichen, kompensiert. … Planung ist – jedenfalls häufig – Fortsetzung des Chaos unter Verwendung anderer Mittel. (Kompensation, 1978, S. 78)

 

Mängelwesen
[D]er Mensch – zum Unglück – ist Mängelwesen, aber – Glück im Unglück – gerade das erzwingt die Kompensation durch Entlastungen. Das meint die Anthropologie Gehlens, die inzwischen – unter Zuwachs an Subtilitätsappeal – durch Luhmann systemtheoretisch generalisiert wurde: die Welt ist – zum Unglück – komplex, aber gerade das erzwingt – Glück – die Komplexitätsreduktion mit ihren Reduktionskompensationen. (Glück, 1978, S. 33)

 

Kunst als Kompensation
[D]ie ästhetische Kunst … kompensiert … den eschatologischen Weltverlust. (Kunst, 1981, S. 116)

 

Jetztweltvermiesung
Wo im Zeichen der eschatologischen Diesseitsdenunziation und utopischen Jetztweltvermiesung das Vorhandene als Nichtiges gilt, muß die Kunst – ästhetisch – das Geltende in diesem Nichtigen und das Nichtige in jenem Geltenden sichtbar machen; das aber ist ein Konservierungspensum. Kunst ist konservativ oder sie ist keine: Enzensberger hat das schon richtig gesehen, er hat nur vergessen, es zu bejahen. (Kunst, 1981, S. 117)

 

Defektflüchter
Die moderne Anthropologie bestimmt den Menschen fundamental als Defektflüchter, der nur durch Kompensationen zu existieren vermag. (Compensator, 1981, S. 13)

 

Mensch als Schöpfer und Erlöser
Die Geschichtsphilosophie proklamiert … ohne Rücksicht auf die menschliche Endlichkeit zur Entlastung Gottes den Menschen zum angeklagten Schöpfer und anklagenden und richtenden Erlöser. Die philosophische Anthropologie … bestimmt gerade mit Rücksicht auf die menschliche Endlichkeit den Menschen zum kompensierenden Lebewesen und hält so … ebenfalls ein Theodizeemotiv fest, ein anderes: denn … der moderne Kompensationsbegriff kommt aus der Theodizee. (Compensator, 1981, S. 18)

 

Entschädigung statt Vergeltung
Die genauere Bedeutung des Satzes „Der moderne Kompensationsbegriff kommt aus der Theodizee“ ist … diese: Die Leibniztheodizee … vollzog die Ablösung des „alten“ Kompensationsbegriffs der Vergeltung durch den „modernen“ Kompensationsbegriff der Entschädigung. (Compensator, 1981, S. 19)

 

Kompensation als Strafe
[B]ei Augustinus…, – nachantik christlich, wo nicht mehr ein Demiurg mit materiebedingt begrenzter Haftung, sondern ein allmächtiger Gott regiert, dessen Güte durch die Übel der Welt zweifelhaft zu werden drohte – mußte … die menschliche Freiheit erfunden und fundamentalisiert werden, um (sozusagen als Alibi Gottes) alle Weltübel … dem sündigen Übeltäter Mensch zurechnen und anlasten zu können: als Untaten des Menschen mit Kompensationsfolgen, die in Strafen bestehen zur Reinigung des Glanzes der Weltordnung und zur Versöhnung ihres Prinzips und Garanten Gott, im Radikalfall durch den Opfertod des menschgewordenen Gottessohnes, der anstelle der Menschen die kompensierende Strafe erduldet… Für diesen Ansatz ist jene heilsmoralische Zuspitzung des Übel-Begriffs entscheidend, die Kompensationen nur mehr als Strafen zuließ. Die Übel wurden nicht mehr als schicksalhaft zugeteilte oder zugefallene Leiden und Widerfahrnisse verstanden, sondern – heilsmoralisch vereindeutigt – ausschließlich als menschliche Übeltaten, deren Kompensationen Bußen, Vergeltungen sein mußten: Die Übel ziehen – als Kompensationen – Übel nach sich. (Compensator, 1981, S. 21)

 

Kompensation als Linderung
Die Neuzeit – das „Zeitalter der Neutralisierungen“ – entsteht auch durch die Entdeckung oder Wiederentdeckung dieser heilsmoralisch neutralen Übel, die wir nicht – moralisch qualifizierbar – tun, sondern für die – als physische oder metaphysische Widerfahrnisse – wir nichts können. … zu diesen Übeln, die nicht Taten sind, sondern Leiden, passen… Kompensationen, die nicht Strafen sind, sondern Linderungen. (Compensator, 1981, S. 22)

 

Übel als Untaten
[D]ie – durch den frühen Fichte transzendentalisierte – revolutionäre Geschichtsphilosophie … repetiert und überbietet die augustinische Freiheitsthese durch Vermeidung ihrer zentralen Schwierigkeit, der Koexistenz göttlicher Allmacht und menschlicher Freiheit, indem sie beide – Gott und Mensch – stillschweigend identifiziert: Der Mensch ist frei als quasi allmächtiger Schöpfer der Geschichte. Weil diese Philosophie alles zur menschlichen Tat macht, remoralisiert sie die Übel zu menschlichen Untaten… (Compensator, 1981, S. 23)

 

Sitzenbleiber der Evolution
[E]volutionär gelang es dem Menschen weder, rechtzeitig auszusterben, noch, frühzeitig jene Verfassung zu finden, bei der es dann bleiben konnte. So muß der Mensch – wo alle anderen Arten längst entlassen sind in die letale oder finale Endgültigkeit – evolutionär nachsitzen; er ist nicht – sozusagen als Träger des gelben Trikots bei der Tour de l‘évolution – der Spitzenreiter, sondern der Sitzenbleiber der Entwicklung: das retardierte Lebewesen, das es immer noch nicht geschafft hat, sondern das es mit seiner physischen Mängelverfassung aushalten muß, seiner gewußten Sterblichkeit, seinen Leiden als „Homo patiens“ und der ewigen Wiederkehr des Ungleichen, der Geschichte. (Compensator, 1981, S. 25)

 

Philosophie des Stattdessen
Die philosophische Anthropologie bestimmt [den Menschen] nicht als triumphierenden Zielstreber, sondern als kompensierenden Defektflüchter: der Mensch ist für sie der, der – physischer Taugenichts – etwas stattdessen tun muß, tun kann und tut: die philosophische Anthropologie ist die Philosophie des Stattdessen. (Compensator, 1981, S. 26)

 

Kompensationsbegriff als Üblichkeit
Durch seinen historischen Charakter … – seine mittlere Reichweite, Metaphorizität, grundsätzliche Zufälligkeit, faktische Unbeliebigkeit und große Wandlungsträgheit – ist der Kompensationsbegriff etwas, was auch in der Wissenschaft für die Menschen – also kurzlebige Wesen – ganz und gar unvermeidlich ist: eine Üblichkeit. (Compensator, 1981, S. 27)

 

Kompensationsblindheitskompensation
[D]as moderne Zeitalter des zunehmenden Wandlungstempos ist zugleich das Zeitalter seiner Kompensationen. Das alles muß die Diskursethik übersehen, um sich nötig vorzukommen: durch das falsche Stichwort „postkonventionell“ macht sie sich kompensationsblind. Und weil sie die zahllosen anderen Kompensationen übersieht, hält sie sich selber für die einzige und will darum – kompensationsblindheitskompensatorisch – mehr werden als „nur“ eine Kompensation: nämlich zum Protagonisten des Jenseits zur vorhandenen Welt. (Über-Wir, 1984, S. 59)

 

Weltkluger Gott
Leibniz verteidigt Welt und Gott, indem er den weltfremden Gott in den weltklugen Gott verwandelt durch das nüchtern für ihn um Verständnis werbende System des Optimismus: Gott ist nicht böse, aber er ist auch nicht einer, der es weltfremd gut nur meint, sondern er ist weltklug der bestmögliche Gott der bestmöglichen Welt. Er ist gut nicht wie ein weltfremder Gesinnungsschöpfer mit dem auf Folgen rücksichtslosen Alles-oder-nichts-Prinzip, sondern wie ein weltkluger Verantwortungsschöpfer, der – auf Kompossibilitäten achtend – bestrebt ist, „to make the best of it“: dafür muß Gott durch die Grenznutzenanalyse einer Optimierungskalkulation jenes Minimum an Übeln in Kauf nehmen, daß ein Maximum an Gütern so ermöglicht, daß das Schöpfungsoptimum entsteht und besteht; er muß also Übel „zulassen“ als conditiones sine quibus non der Optimalwelt just so, wie der Verantwortungspolitiker – der kein weltfremder Gesinnungspolitiker ist – auf dem Kompromißweg auch „Kröten schlucken“ muß, um Sinnvolles durchzusetzen. Schöpfung ist die Kunst des Bestmöglichen so, wie Politik die „Kunst des Möglichen“ (Bismarck) ist: damit impliziert die Leibniztheodizee den antignostischen, den neuzeitlichen Politikbegriff. (Gegenneuzeit, 1984, S. 34)

 

Kulturelle Entlastungen
Die kulturellen Entlastungen des Menschen durchlaufen – scheint es – drei Stadien: erst werden sie begrüßt; dann werden sie selbstverständlich; schließlich ernennt man sie zum Feind. Entsprechend verhalten sich die Menschen: erst arbeiten sie emsig am Aufbau dieser Entlastungen; dann konsumieren sie gleichgültig ihre Errungenschaften; schließlich bekommen sie Angst vor ihnen und greifen sie an. … die Entlastung vom Negativen – gerade sie – disponiert zur Negativierung des Entlastenden. … die Befreiung von Bedrohlichem – gerade sie – läßt das Befreiende bedrohlich erscheinen. (Weltfremdheit, 1984, S. 89)

 

Angstbereitschaft
[D]ie Menschen sind – durch Angstbereitschaft – halbwegs dauerhaft eingestellt auf ein gewisses Quantum an Widrigkeiten. … die Menschen sind konservative Wesen, die ungern verzichten, sogar aufs Schlimme. (Weltfremdheit, 1984, S. 90)

 

Schrecklichkeitsbestätigungstourismus
Je mehr die moderne Welt frühere Schrecklichkeiten tilgt, um so mehr werden ihr selber jetzt Schrecklichkeiten angehängt, die notfalls – weil hierzulande nicht hinreichend auffindbar – durch exotischen Schrecklichkeitsbestätigungstourismus eingeworben werden. … je effektiver der Kapitalismus Wohlstand produziert, desto energischer wird er zum Übelstand ernannt; je mehr der Markt Probleme löst, um so mehr erscheint er selber als Problem; und nur, weil planwirtschaftliche Sozialismen diese Probleme weniger gut lösen, ist man milder gegen sie gestimmt. … je mehr das Recht die Gewalt ablöst, um so mehr gilt schließlich das Recht selber als – gegebenenfalls „strukturelle“ – Gewalt. Kurzum: je mehr die Kultur die Wirklichkeit entfeindlicht, desto mehr gilt die Kultur dann selber als Feind. (Weltfremdheit, 1984, S. 91)

 

Übelstandsnostalgie
[E]ine Art Übelstandsnostalgie der Wohlstandswelt [oder] … das Gesetz der Erhaltung des Negativitätsbedarfs… greift nur dort, wo Menschen – tachogen – allzu weltfremd werden … ebendarum empfehle ich: mehr Mut zum Erwachsensein. (Weltfremdheit, 1984, S. 92)

 

Wohlstand als Übelstand
Die moderne Welt ist … auf eminente Weise … Entlastung vom Negativen. … die menschliche Angstbereitschaft – sozusagen ein anthropologischer Besitzstand – … wird … arbeitslos und macht sich auf die Suche nach neuen Gelegenheiten, Angst zu haben; und sie findet sie auch, selbst wenn sie sie erfinden muß: … Der – negativitätsentlastete – Wohlstand der modernen Welt wird – durch diese Übelstandsnostalgie der Wohlstandswelt – selber zum Übelstand ernannt… (Antimodernismus, 1987, S. 100f.)

 

Funktionalismuseinwand
Die Geisteswissenschaften, wird eingewandt, werden als, wie es dann heißt, „bloße“ Kompensationen nur funktional, das heißt unterbestimmt. Statt dessen müsse man ihre substantielle Aufgabe bestimmen. Natürlich setzen die Geisteswissenschaften eine substantielle Aufgabe fort: Selbstverständnis des Menschen und insofern Theorie: die Schönheit der Künste merken und sagen; klären, wie es eigentlich gewesen ist; erwägen, wie es weitergehen könnte und sollte. Das passiert auch und gerade als Modernisierungskompensation. Der Funktionalismuseinwand, um dessen Spezifikation es sich beim Antikompensationseinwand handelt, traut meines Erachtens in der Regel dem Substantiellen zu wenig zu, als ob es sich beim leisesten Hauch von Funktionalisierung erkälten und daran sterben würde: So schwach ist das Substantielle gar nicht. (Moralistik, 1987, S. 110)

 

Kompensationen als Korrektive
Wer, wird schließlich eingewandt, die Geisteswissenschaften als Kompensation bestimmt, nimmt ihnen den kritischen Stachel. Ich sehe das nicht ein: Kompensationen sind selber Korrektive und – rettende – Veränderungen und können Veränderungen – häufig, aber nicht nur bewahrende – induzieren. (Moralistik, 1987, S. 111)

 

Fest als Distanz
Sein Leben leben, das ist beim Menschen sein Alltag. Auf Distanz gehen zu seinem Leben: das ist beim Menschen das Fest. Man könnte sagen: Tiere haben nur den Alltag; sie leben. Gott hat nur den Sonntag; er schaut. Die Menschen aber haben beides: Sie leben und distanzieren sich vom Leben; sie arbeiten und feiern; sie haben den Alltag und das Fest. (Moratorium, 1987, S. 60)

 

Zweitbeste Feste: Kunst – Natur – Sport – Urlaub
Die Perversion des Festes ruft – als Gegenmittel – nach dem Fest. … Darum sollte man gerade auch die zweitbesten Feste nicht tadeln: von der Kunst … über die Naturzuwendung … über den Sport … bis zu jener halbfestlichen Form des Alltagsmoratoriums auf genau befristete Zeit, die in der modernen Wohlstandswelt entstanden ist: dem Urlaub. Auch der Urlaub tritt nicht an die Stelle des Alltags, sondern neben den Alltag, um ihn lebbarer zu machen… Dabei übernimmt der Urlaub auf friedliche Weise Funktionen, die früher der Krieg wahrnahm. (Moratorium, 1987, S. 67)

 

Negationsbereitschaft
Übelstandsnostalgie der Wohlstandswelt. … Wo das Negative … aus der Wirklichkeit zunehmend verschwindet, verschwindet nicht gleichzeitig auch die menschliche Negationsbereitschaft. Sie wird nur arbeitslos und sucht – überstandsnostalgisch – neue Beschäftigungen, d. h. Übel, und findet sie auch, selbst wenn sie sie erfinden muß: schließlich in jener Kultur selber, die vom Negativen entlastet, gerade weil sie vom Negativen entlastet. (Vielheit, 1987, S. 38)

 

Gesetz der Erhaltung der Naivität
Es scheint in der Wirklichkeit so etwas zu geben wie ein Gesetz der Erhaltung der Naivität. Die menschliche Kapazität zur Reflexion und zur Skepsis ist begrenzt, und je mehr man sie an einer der Denkfronten konzentriert, desto leichter kommt die Naivität zum Sieg an den anderen. (Weisheit, 1988, S. 112)

 

Konsequent gemachte Verzweiflung
Nur die auf halbem Wege gestoppte Verzweiflung kann sich den Pessimismus erlauben: den Luxus, am Vorhandenen und Geschehenden nur das Schlimme zu sehen. Die konsequent gemachte Verzweiflung ist die Schule des Optimismus: … „statt mich zu beklagen, daß die Rose Dornen hat, freue ich mich darüber, daß die Dornen Rosen tragen“ (Joubert). (Gewaltenteilung, 1988, S. 69)

 

Schnelligkeit und Langsamkeit
Weder die schnelle Welt noch den langsamen Menschen darf man abschaffen. Wer die wandlungsbeschleunigte Welt negiert, verzichtet auf unverzichtbare Überlebensmittel der Menschen; wer den langsamen Menschen negiert, verzichtet auf den Menschen. Das bedeutet: In der modernen Welt müssen wir beides leben: die Schnelligkeit (Zukunft) und die Langsamkeit (Herkunft). (Herkunft 1, 1988, S. 71)

 

Teddybär
Kinder kompensieren ihr Vertrautheitsdefizit durch Dauerpräsenz des Vertrauten: beispielsweise durch ihren Teddybären. … Je mehr die Zukunft modern für uns das Neue – das Fremde – wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir – teddybärgleich – in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen… das Zeitalter der Entsorgungsdeponien ist zugleich das Zeitalter der Verehrungsdeponien, der Museen. (Herkunft 1, 1988, S. 72)

 

Neue Medien
Ich meine: Gerade die neuesten Technologien, etwa die neuen Medien, benötigen – und sie bestätigen dadurch – die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Auch die Medien der Zukunft brauchen Herkunft. Darum muß der langsame Mensch – alles in allem – keine Angst haben vor diesen neuen Informationsmedien, ihrer Schnelligkeit und zukünftigen Schnelligkeit.
Auch hier bin ich natürlich ein Spielverderber beim gegenwärtig beliebten Gesellschaftsspiel des Antimodernismus. Denn unsere Jammerathleten, Klagegenies und Kassandren vom Dienst sind gründlich anderer Meinung… (die alten Römer hatten kapitolinische Gänse; die heutigen Deutschen haben kapitolinische Jense). (Herkunft 1, 1988, S. 74)

 

Informationssintflut
Eine Informationssintflut kommt auf uns zu. Aber wir können schwimmen. Unsere Arche Noah ist eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. (Herkunft 1, 1988, S. 76)

 

Gesprächskreise
Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist. (Herkunft 1, 1988, S. 78)

 

Sensibilissimi
[Z]u jenen fernen und wundersamen Zeiten, als das Prüfen noch geholfen hat, sollte in diesem besonderen Fall geprüft werden, ob Heiratskandidatinnen wirkliche Prinzessinnen seien. Man prüft das nicht durch multiple choice, sondern durch eine Erbse. … Heute …, im modernen Zeitalter, … prüfen wir … alle Menschen …, ob sie wirklich moderne Menschen seien. … nur diejenigen Menschen, die in der Lage sind, bei zunehmender Verminderung von Leidensquellen immer mehr zu leiden, die und nur die sind – als Sensibilissimi – wirklich moderne Menschen. (Medizinkritik, 1989, S. 99)

 

Notwendigkeit des Vertrauens
Der moderne Fortschritt steigert die rationale Kontrolle unserer Wirklichkeit, aber er macht sie … zugleich arbeitsteilig. … Wollte jeder alles selber kontrollieren, würde nichts mehr wirklich kontrolliert, und alles käme zum Erliegen. Anders gesagt, gerade der Rationalisierungsfortschritt senkt nicht, sondern er steigert die Notwendigkeit des Vertrauens. Tatsächlich gilt also: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist zunehmend unvermeidlich. Der Rationalisierungsfortschritt aber ist inzwischen so schnell geworden, daß wir bei der Einübung dieses durch ihn zunehmend unvermeidlichen Vertrauens – das ja wohl anders sein muß als nur blind – mit dem Tempo dieses Fortschritts nicht mehr mitkommen. Darum ersetzen wir dieses Vertrauen durch Mißtrauen, durch Mißtrauen in den Fortschritt, in den Fortschritt auch der Medizin. (Medizinkritik, 1989, S. 104)

 

Grenznutzen des Fortschritts
Anfangsfortschritte haben bei geringerem Aufwand große Nutzeneffekte; zusätzliche Fortschritte haben bei größerem Aufwand relativ geringere Nutzeneffekte. Zum Beispiel durch die Senkung der Kindersterblichkeit – mit relativ geringerem Aufwand und evidentem Erfolg – müssen jetzt mit großem Aufwand und weniger evidentem Erfolg Krankheiten bekämpft werden, für die man früher weithin nicht alt genug wurde, um sie zu bekommen. Gerade bei erfolgreichem Fortschritt wird also die Aufwand-Effekt-Bilanz zusätzlicher Fortschritte ungünstiger und tendiert zu einem Zustand, in dem man schließlich geneigt ist, auf Effekte zu verzichten, weil der Aufwand – zu dem auch die Bewältigung der Folgelasten gehört – zu groß wird: der Grenznutzen des Fortschritts sinkt schließlich in vielen Fällen auf Null. (Medizinkritik, 1989, S. 104f.)

 

Penetranz der Reste
Wo Fortschritte … wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich abschaffen, da wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann ganz und gar auf jene Übel, die übrigbleiben. Da wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste. … knapper werdende Übel werden negativ kostbarer: Sie werden immer plagender, und Restübel werden schier unerträglich … Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr. (Medizinkritik, 1989, S. 105)

 

Leidensbedarf
Was tut diese Prinzessin namens moderner Mensch, wenn – bei weiterem Fortschritt – auch noch die Erbse als Leidensquelle ausfällt? Dann – denke ich – beginnt sie unter den Matratzen und Daunen zu leiden und darunter, daß die Erbse fehlt, denn vielleicht bleibt ja der Leidensbedarf der Menschen in etwa konstant oder läßt jedenfalls langsamer nach als die Möglichkeit, ihn in der Wirklichkeit zu decken; und so leiden die Menschen – wo ihnen andere Leidensmöglichkeiten genommen werden – zum Ersatz schließlich unter dem, was ihnen die Leidensmöglichkeiten nimmt und das Leiden erspart: also etwa unter dem Fortschritt, und zwar gerade dann, wenn er erfolgreich ist. Darum wird er …, statt daß er dankbar gelobt wird, zunächst selbstverständlich und dann zum Feind. Denn je besser es den Menschen geht, desto schlechter finden sie das, wodurch es ihnen besser geht. Sobald es ihnen wirklich gut geht, beginnen sie, das zu verdammen und aufs Spiel zu setzen, wodurch es ihnen gutgeht. Ich stelle gern unter Beweis, daß das auch komplizierter zu formulieren ist: Die Entlastung vom Negativen – gerade sie – verführt zur Negativierung des Entlastenden. (Medizinkritik, 1989, S. 106)

 

Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom
Das also ist das Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom, das zum real existierenden modernen Menschen ungut gehört. … Der heutige Angriff auf den Fortschritt ist – zu wesentlichen Teilen – Indiz nicht seiner Verderblichkeit, sondern seines Erfolgs… (Medizinkritik, 1989, S. 106f.)

 

Unzufriedenheits- und Leidensgarantie
Das Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom … wird dadurch perfektioniert, daß die Menschen absolute Ansprüche erheben und an den Fortschritt richten…; denn erst dann – wenn die durch Fortschritt verwöhnten Menschen schließlich durch absolute Weltvollkommenheit verwöhnt sein wollen – können sie sicher sein, daß sie durch Welt und Fortschritt und Medizin zuverlässig stets enttäuscht werden, und sie haben dann dadurch eine absolute Unzufriedenheits- und Leidensgarantie (denn unter dieser Bedingung läßt sich fast jede Erbse zum Unheil aufquellen). (Medizinkritik, 1989, S. 107)

 

Marquard-Zitat
[Laut Henning Ritter habe d]ie Ritter-Schule … (bei ihrem durch Joachim Ritters ‚Hegelianismus durch Lebenserfahrung‘ nicht gedeckten Wettkampf, wer unter seinen Schülern den größten Bogen um Hegel zu machen in der Lage sei) Joachim Ritter den Kompensationsgedanken sozusagen aufgenötigt. An jener einzigen Stelle seines gedruckten Werkes, an der Joachim Ritter von Kompensation wirklich gesprochen hat, in seinem Geisteswissenschaftenaufsatz, sei der Kompensationsbegriff – ich zitiere – „ein Marquard-Zitat“. Die Anmerkung 41 dieses Aufsatzes, auf die sich Henning Ritter dabei bezieht, war für mich lebensgeschichtlich extrem bedeutsam: durch sie bin ich aus einem unzitierten zu einem zitierten Philosophen geworden. Das freilich geschah durch Joachim Ritter aus reiner Fürsorglichkeit. Die Kompensationstheorie der modernen Welt aber ist bei Joachim Ritter nach 1947 unbestreitbar vorhanden: zunächst – vortürkisch-verfallstheoretisch – mit eher kritischem Akzent, dann – nachtürkisch-entzweiungstheoretisch – positiv gemeint. (Herkunft 2, 1989, S. 23f.)

 

Entzweiung
Hegels Philosophie – betont Joachim Ritter – positiviert die ‚Entzweiung‘. ‚Zukunft‘ und ‚Herkunft‘ – zusammengehörig – brauchen die Entzweiung, um erfolgreich zu existieren: die Entzweiung schützt sie davor, identisch gesetzt und gleichgeschaltet zu werden. So ist die moderne ‚Entzweiung‘ eine Art Gewaltenteilung: Sie bewahrt die ‚Zukunft‘ vor Alleinherrschaft der ‚Herkunft‘ und die ‚Herkunft‘ vor Alleinherrschaft der ‚Zukunft‘ und ermöglicht so beiden, sich in Eigenart zu verwirklichen und schützt uns davor, in die totale Gesellschaft oder in die totale Substanznostalgie aufgelöst zu werden. (Herkunft 2, 1989, S. 26)

 

Friedensbewegung
‚Entzweiung‘ ist das letzte Wort über die moderne Welt, ein positives Wort. Das ist weniger, als die Weltverbesserer fordern, es ist mehr, als die Kassandren fürchten: die moderne – die bürgerliche – Welt ist weder Paradies noch Inferno, sondern geschichtliche Wirklichkeit. Sie ist nicht der Himmel auf Erden und nicht die Hölle auf Erden, sondern die Erde auf Erden. Indem sie das – diesseits der Illusionen – sichtbar werden läßt, ist die Philosophie … die nötigste aller Friedensbewegungen: die für den Frieden mit der eigenen Wirklichkeit, der vorhandenen Vernunft, dem ‚bürgerlichen Leben‘ in der bürgerlichen Welt auch und gerade der Bundesrepublik. (Herkunft 2, 1989, S. 26f.)

 

Exzentrischer Mensch
Anthropologisch unüberboten in dieser Ära der Fortschrittsenttäuschung und … am entscheidendsten, meine ich, bleibt Helmuth Plessners philosophische Anthropologie der „exzentrischen Positionalität“ des Menschen, die er 1928 in seinem Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch entwickelt hat: Der Mensch lebt sein Leben und – als Exzentriker unter den Lebewesen – verhält sich zugleich zu ihm; darum muß er es durch Kultur führen und ertragen, ohne es vollenden zu können: Seine Geschichte bleibt offen; sie durch Vollendung oder Vollendungserwartungen zu schließen, ist gegenmenschlich: darum lebt der Mensch menschlich nur in der offenen Gesellschaft – der bürgerlichen – „diesseits der Utopie“ als das Lebewesen, das niemals endgültig weiß, was es ist. (Utopie, 1991, S. 149f.)

 

Antiutopikum
Der Mensch … ist nicht das triumphierende, sondern allenfalls das kompensierende Lebewesen: er ist nicht die „Krone“, sondern – nach der Formulierung von Stanislaw Jerzy Lec – „die Dornenkrone der Schöpfung“. Der Mensch ist nicht nur das handelnde, sondern auch das leidende Wesen; er ist stets mehr seine Widerfahrnisse als seine Leistungen, und darum ist der Mensch seine Geschichten; er ist schließlich das Wesen nicht nur der Siege, sondern auch das der Niederlagen mit dem Pensum, sie zu ertragen. Revolutionär gelingt es ihm nicht, die utopisch heile Welt herbeizuführen; evolutionär gelang es ihm weder, rechtzeitig auszusterben, noch frühzeitig jene Verfassung zu finden, bei der es hätte bleiben können. So muß der Mensch – wo alle anderen Arten längst entlassen sind in die letale oder finale Endgültigkeit – evolutionär nachsitzen; er ist nicht – sozusagen als Träger des gelben Trikots bei der tour de l‘évolution – der Spitzenreiter, sondern der Sitzenbleiber der Entwicklung: das retardierte Lebewesen, das es immer noch nicht geschafft hat und niemals schaffen wird, sondern das es mit seiner Vorläufigkeit aushalten muß: seiner gewußten Sterblichkeit, seiner Hinfälligkeit, seinen Leiden als „homo patiens“ und der ewigen Wiederkehr des Ungleichen, der Geschichte, und das für diese perennierende Beweglichkeit die „offene Gesellschaft“ braucht, die bürgerlich demokratische Welt. Die philosophische Anthropologie bestimmt den Menschen – ernüchtert und skeptisch – justament so: nicht sosehr als Zielstreber, vielmehr als Defektflüchter; der Mensch ist für sie der, der – als primärer Taugenichts – sekundär etwas stattdessen tun muß, tun kann und tut: Insofern ist die philosophische Anthropologie Philosophie des Stattdessen. So ist sie – als Widerstand auch gegen die Verweigerung der Bürgerlichkeit – das Antiutopikum. Ein Gespenst ging um in Europa: das Gespenst der realisierungssüchtigen absoluten Utopie. Gegen Gespenster – gerade auch gegen solche, die ihren nächsten Spuk vorbereiten – muß man Aufklärung setzen, und gegen die Gefahr einer ewigen Wiederkehr der utopisch absoluten Ansprüche die philosophische Anthropologie. (Utopie, 1991, S. 150f.)

 

Entlastung vom Absoluten
Das Lebenspensum der Menschen ist die Entlastung vom Absoluten, die Kultur als Arbeit an der Distanz. Darum – meine ich – geht es in der Philosophie von Hans Blumenberg. Es geht darum in der Legitimität der Neuzeit: Die Menschen halten Gott nicht aus; darum erfinden sie – als erste Überwindung der Gnosis – das Mittelalter und – als zweite Überwindung der Gnosis – die Neuzeit: Sie schützen sich vor dem „theologischen Absolutismus“ eines allzu allmächtigen Gottes, indem sie die Selbsterhaltungs- und Selbstbehauptungskultur und die wissenschaftliche Neugierkultur der Neuzeit erfinden. Und um diese Entlastung vom Absoluten geht es in Blumenbergs Genesis der kopernikanischen Welt: Die Menschen halten das Leiden der Welt nicht aus und versuchen es darum – durch die von den Griechen gleichzeitig mit der Tragödie erfundene „Theorie“ – über dem Blick auf den fernen faszinierenden Kosmos zu vergessen; aber dieser faszinierende Kosmos erweist sich – nach dessen kopernikanischer Entzauberung – als abweisende Wüste, von der die Menschen sich ihrerseits entlasten müssen durch Zustimmung zur Erde als Oase in dieser Wüste, zur Erde als menschlicher Lebenswelt. Und um Entlastung vom Absoluten ging es auch in Blumenbergs Buch Arbeit am Mythos. Am Anfang – der historisch immer schon verjährt ist – herrscht der „Absolutismus der Wirklichkeit“; die Abhängigkeit von dieser bedrohlichen Übermacht namens Wirklichkeit haben die Menschen durch Arbeit gemildert, insbesondere auch durch Arbeit am Mythos: indem sie die Wirklichkeit – durch „archaische“, durch „mythische Gewaltenteilung“ – in eine Vielzahl von Geschichten verwandeln und ihren Schrecken in Spiele. Darauf können wir Menschen nicht verzichten. Wir bleiben … mythenpflichtig: Der Mythos ist nicht „zu Ende zu bringen“, die Geschichten, die Bilder, die Mythen haben wir niemals hinter uns. Auch Blumenbergs Buch über Die Lesbarkeit der Welt macht dies geltend: Die Menschen entlasten sich von der absoluten Wirklichkeit durch ihre distanzierende Umwandlung zum buchähnlichen Pensum von Lektüren mit dem Buch der Bücher im Hintergrund, so daß noch unsere avanciertesten Naturwissenschaftler – etwa, wo sie den „genetischen Code“ entschlüsseln – Philologen und Exegeten bleiben. Auch die Höhlenausgänge setzen dieses Konzept der Entlastung vom Absoluten fort: Es brauchen und finden und bauen die Menschen zur Entlastung von der absoluten Tödlichkeit der Außenwelt Höhlen; als unvermeidlich durch Sichtbarkeit exponierte und gefährdete Lebewesen suchen sie Schutz in diesen Höhlen und ihren Nachfolgeformen, den Institutionen, und entwickeln dort Kultur, Innerlichkeit und Reflexion, durch die sie die absolute und gefährlich direkte Wirklichkeit auf Distanz halten. So – in diesen vielförmigen Schritten – zeigt Hans Blumenberg, daß die Menschen leben, indem sie sich von jener unaushaltbar absoluten und unmittelbaren Wirklichkeit entlasten, zu der auch Gott gehört. Aber indem die Menschen sich von Gott entlasten, entlastet sich Gott zugleich von den Menschen und verläßt sie: Gott ist tot. Darum hört Blumenberg Bach – 1988 in einer neuen Rezeption der Matthäuspassion – als eine Art Nietzsche vor Nietzsche, indem er jene Worte zentralisiert, die in dieser Passionsgeschichte die letzten Worte des Menschensohnes am Kreuz sind: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So ist – meine ich – dieses späte Buch von Hans Blumenberg das, was gerade auch seine frühen Bücher waren: eine radikalisierte Theodizeefrage, die keine Antwort findet. (Entlastung, 1996, S. 112ff.)

 

Stellenbesetzung der Geschichte
Die Geschichte – meint Hans Blumenberg – ist keine Chaussee, auf der unveränderliche Traditionssubstanzen transportiert werden, so daß dann Historiker streiten können, an welchem Chausseebaum welcher Unfall oder Straßenraub passierte, etwa der Straßenraub „Säkularisation“. Sondern die Geschichte ist ein haushälterisches System von Stellen, in welche Antworten oder andere vitale Arrangements als Funktionsträger eintreten, die bei ihrem Verschwinden Vakanzen und Wiederbesetzungspflichten hinterlassen, deren Erfüllung – da fast alles mit allem zusammenhängt – Konsequenzprobleme nach sich zieht: So ist alles in offener Bewegung. Das ist Blumenbergs „Historismus“, wobei er „Historismus“ als Ehrentitel verstand. Dieses – mit der Metaphorik des Personalhaushalts operierende – Umbesetzungsmodell der Geschichte schärft den Blick für historische Folgelasten und ist darum – meine ich – überaus tauglich, Gesinnungsdenken durch Verantwortungsdenken zuträglich zu ersetzen. (Entlastung, 1996, S. 115f.)

 

Philosoph und Manager
Die hergebrachte Arbeitsteilung – Sie, die Wirtschaftler, liefern das Sozialprodukt, wir, die Philosophen, liefern die Weltfremdheit – halte ich, was die Zuständigkeit der Philosophie für die Weltfremdheit betrifft, nicht für gut. Darum begrüße ich Gelegenheiten zum Abbau philosophischer Weltfremdheit (wie diese heute hier) auch auf die Gefahr hin, daß dies den Philosophen in riskante Situationen bringen kann, in denen er – wie hier ich – von Managern bedrohlich umzingelt ist.
Doch – sage ich mir mutmacherisch – immerhin sind auch Manager Menschen, schon weil alle Menschen schließlich Manager sind. Denn wir Menschen: erst sind wir Babies; dann sind wir Teen-ager; schließlich werden wir Man-ager: Manager. Wir haben also – als Menschen – Gemeinsames. (Kompensationstüchtigkeit, 1996, S. 55)

 

Kompensationstüchtigkeit
Dem Philosophen geht es wie dem Unternehmensberater: er berät Experten bei Aktivitäten, für die er selber kein Experte ist. Denn der Philosoph ist nicht der Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche.
Gefährlich sind Aussagen über die Zukunft, auch wenn diese nur neun Jahre bevorsteht wie das Jahr 2005: welche Unternehmensführungstugenden werden dann wichtig sein? Ich möchte hier … eine Führungstugend betonen, die – meine ich – immer wichtiger werden wird. Ich möchte sie nennen: Kompensationstüchtigkeit. (Kompensationstüchtigkeit, 1996, S. 55)

 

Besonderheitsbedarf
Wo immer mehr immer gleichförmiger wird, wird das Nicht-Gleiche – das, was anders ist als alles andere: das Besondere, das Eigentümliche – immer knapper. Was aber knapper wird, wird kostbarer: Das Nicht-Globale verschwindet nicht, sondern gewinnt an Wert. Darum erzwingen die modernen Vereinheitlichungen – kompensatorisch – Besonderheitsbedarf. Ein triviales Beispiel dafür: Vor etlichen Jahren gab es etwa 60 km nördlich von Frankfurt das gebietsreformerische Experiment, Gießen und Wetzlar zur Großstadt Lahn zu vereinigen, das dort die Volksseele zum Kochen brachte, die politischen Mehrheiten veränderte und darum schließlich abgebrochen wurde. Nie waren die Gießener so sehr Gießener und die Wetzlarer so sehr Wetzlarer, wie zu jener Zeit, als sie die gemeinsame Stadt Lahn bewohnen mußten. Dieses Beispiel illustriert, was allgemein gilt: Vereinheitlichungen mobilisieren – kompensatorisch – Besonderheitsbedarf; Globalisierungen stimulieren – kompensatorisch – Individualisierungen; Europäisierung beflügelt – kompensatorisch – Regionalisierung; Universalisierungen provozieren – kompensatorisch – Pluralisierungen; die durch Gleichförmigkeit überraschungsarm werdende moderne Welt erzwingt kompensatorische Überraschungspotentiale, die es vorher nicht gegeben hat: z. B. das Ästhetische; gerade wo – modern – Traditionen abgebaut werden, entsteht – kompensatorisch – die spezifisch moderne Bewahrungskultur des historischen, konservatorischen, ökologischen Sinns. (Kompensationstüchtigkeit, 1996, S. 57f.)

 

Standorteigentümlichkeit
In einer Welt progressiver Globalisierung muß man mit dieser Kompensationstendenz rechnen und den Sinn für sie trainieren: die Kompensationstüchtigkeit.
Das gilt – meine ich – auch und gerade für die Wirtschaft und ihre Unternehmen. Je mehr sie – um konkurrenzfähig zu sein – technisch und ökonomisch mit anderen gleichziehen müssen und dadurch Uniformisierungen fördern, desto mehr müssen sie – kompensatorisch: im eigenen Unternehmen und seinem Umfeld – zugleich dasjenige kultivieren, was anders ist als alles andere: das Standorteigentümliche, seine besondere kulturelle Attraktivität, seine Einzigartigkeiten beim Produzieren: das, was gerade nicht überall, sondern nur hier gemacht werden kann. (Kompensationstüchtigkeit, 1996, S. 58)

 

Veraltungsgeschwindigkeit
Die Kehrseite der modernen Innovationskultur ist die zunehmende Veraltungsgeschwindigkeit; so wird die moderne Fortschrittswelt zugleich zum Zeitalter des Ausrangierens und seiner Kompensationen. … Die – zunehmend schnelle – Fortschrittswelt ist Neutralisierungswelt. … Die – zunehmend schnelle – Fortschrittswelt ist Vergessenswelt. … Die – zunehmend schnelle – Fortschrittswelt ist Wegwerfwelt. (Ausrangieren, 1997, S. 50f.)

 

Bewahrungs- und Erinnerungswelt
Die moderne Welt des Fortschritts und des Ausrangierens ist zugleich auch Bewahrungs- und Erinnerungswelt. Sie entwickelt – kompensatorisch zum fortschreitenden Ausrangieren – kontinuitätsschützende Kräfte, die das Ausrangierte bewahren; und zum wichtigsten Kompensationsorgan wird dabei die – wissenschaftliche, konservatorische, museale – Erinnerungskultur. (Ausrangieren, 1997, S. 51)

 

Altbausanierung im Reiche des Geistes
Je schneller – durch Innovationen – in unserer Welt aus Gegenwart Vergangenheit wird, um so stärker wird das Interesse an der Vergangenheit. So entsteht – gerade und nur in der modernen Fortschrittswelt – der konservatorische und historische Sinn mitsamt der wissenschaftlichen Erinnerung durch die Geisteswissenschaften und der Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Niemals zuvor wurde so viel weggeworfen wie heute; doch auch niemals zuvor wurde so viel aufbewahrt wie heute: das Zeitalter der Entsorgungsdeponien ist zugleich das Zeitalter der Bewahrungsdeponien, der Museen. (Ausrangieren, 1997, S. 52f.)

 

Erhaltungssätze
Ich vermute waghalsig, daß man – zumindest versuchsweise – Erhaltungssätze auch kulturbezüglich formulieren kann mit der Grundstruktur: die Menge an x bleibt – zumindest längerfristig – dadurch konstant, daß Minderungen an einer Stelle durch Mehrungen an anderer Stelle ausgeglichen werden. Ein komplexes Beispiel ist dieses: In der modernen Welt wird die rationalisierungsbedingte „Entzauberung“ der Wirklichkeit (Max Weber) ausgeglichen durch die spezifisch moderne Entwicklung des „ästhetischen“ Faszinationspotentials: der Saldo aus Entzauberung und Bezauberung bleibt quasi konstant. (Stattdessen, 1999, S. 34)

 

Unangenehme Kompensationen
Einwand …: … Kompensationen … sind bloße Schönfärbereien. Dieser Einwand ist … schon allein deswegen problematisch, weil es keineswegs nur angenehme, sondern durchaus auch unangenehme Kompensationen gibt. (Stattdessen, 1999, S. 35)

 

Erhaltung der Konfusion
Da ist:
a) der Satz der Erhaltung der Konfusion. Ein Minimum an Unordnung wird – gerade auch kulturell – stets wiederhergestellt. Wo sie durch Ordnung gestört wird, wird diese Störung alsbald beseitigt. Ordnung – hat Aristoteles gesagt – ist eine steresis, privatio, Beraubung: Ein Hausbau raubt einem Steinhaufen seine Haufenhaftigkeit. Gerade auch ein Mangel an Chaos erzwingt dann seinen Ausgleich: eine Kompensation im Dienste der Erhaltung des Durcheinanders; darum vielleicht stürzen Häuser schließlich ein. Wer das Planungswesen – z. B. das Bildungsplanungswesen – beobachtet, kann zum Schluß kommen, diese Ausgleichsbewegung sei die wahrscheinlichere; sie ist die Erhaltung der Konfusion unter Verwendung ihrer Beseitigung als Mittel. (Stattdessen, 1999, S. 35f.)

 

Erhaltung des moralischen Empörungsaufwandes
Da ist:
b) der Satz der Erhaltung des moralischen Empörungsaufwandes. Verminderte Empörung hier wird ersetzt durch vermehrte Empörung dort. … Darum gibt es die Kumpanei zwischen Libertinage und Rigorismus. … Es gibt einen Entmoralisierungseffekt der Hypermoralisierung und umgekehrt einen Rigorismus der Libertinage. (Stattdessen, 1999, S. 36)

 

Erhaltung der Naivität
Da ist:
c) der Satz der Erhaltung der Naivität. Die Erhaltung der Naivität unterstützt die anderen unbehaglichen Erhaltungen. Die Überzeugung „Mir kann das nicht passieren, ich bin ja so reflektiert“ stimmt häufig gerade nicht; ganz im Gegenteil: Je mehr Reflexion man an einer Wirklichkeitsfront konzentriert, desto leichter kommt die Naivität zum Sieg an den anderen. Darum – zum Beispiel – werden heute gerade die argwöhnischsten Reflexionsprofis so mühelos zu vertrauensseligen und gläubigen Rousseauisten, die – wie einst Rousseau selber – ausgerechnet den Satz „Die Menschen sind gut“ zur Grundlage eines Verfolgungswahns machen, der die Wissenschaft und Technik zur Weltzerstörung ernennt. Insofern gibt es einen Naivisierungseffekt der Reflexion, und der Saldo aus Reflexion und Naivität bleibt – scheint es – unerfreulich konstant. Man darf angesichts meiner Ausführungen gern feststellen, daß das auch bei mir so ist. (Stattdessen, 1999, S. 36f.)

 

Schlimmfärbereien
Erhaltungssätze dieser Art … sind Schlimmfärbereien, die dazu verführen, die vorhandene Wirklichkeit als in Wahrheit schrecklich wahrzunehmen, so daß Milderungen dieser Wahrnehmung – etwa durch die Konstatierung positiver Kompensationen – dann als Schönfärbereien gelten müssen. (Stattdessen, 1999, S. 37)

 

Erhaltung des Negativitätsbedarfs
[Der] vierte kulturdynamische Erhaltungssatz ist der Satz der Erhaltung des Negativitätsbedarfs. Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich ausschalten, wecken sie selten Begeisterung: sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf jene Übel, die übrigbleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: Je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative, das übrigbleibt. Knapper werdende Güter werden immer kostbarer: sie werden immer plagender, und Restübel werden schier unerträglich (darum ängstigen heute weniger die Risiken, viel mehr die Restrisiken). Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr; er ähnelte der „Prinzessin auf der Erbse“, die, weil sie unter nichts Anderem mehr zu leiden hatte, nun unter einer Erbse litt. (Stattdessen, 1999, S. 37f.)

 

Angstfreies Andersseindürfen
Gerade weil die moderne Welt die Menschen zu austauschbaren Funktionsträgern versachlicht, reüssiert – kompensatorisch – gerade modern die Innerlichkeit. Zur modernen Kultur der Gleichheit gehört – kompensatorisch – die moderne Beförderung der Ungleichheit: der Subjektivität und Individualität und der institutionellen Maßnahmen zu ihrem Schutz, etwa der Durchsetzung der Menschenrechte, des angstfreien Andersseindürfens für alle. Globalisierung wird kompensiert durch Regionalisierung. (Stattdessen, 1999, S. 40)

 

Absolutheitsillusion
Wer mehr will als Kompensationen, schürt im Endlichkeitsfelde der Menschen die Absolutheitsillusion, als den Größenwahn. Wer … auf diesen Größenwahn (die Absolutheitsillusion) verzichtet, raubt dem Menschen keine Absolutheit, denn diese Absolutheit hat er ja nicht. Er beschränkt sich vielmehr aufs Endliche: Das ist – ich wiederhole es – nicht schlimm, sondern es ist vielmehr gut. (Stattdessen, 1999, S. 41)

 

Ergänzungen ohne Ganzes
Die Kompensationsphilosophie hält die Aufgabe der Philosophie, das Ganze zu denken, unter Endlichkeitsbedingungen und dort fest, wo es – modern – Schwierigkeiten macht, dieses Ganze altmetaphysisch als jenen Kosmos, jene Schöpfung, jenes System zu begreifen, in deren – hierarchischer – Ordnung Jegliches seinen genau definierten Platz hat. Darum wird nun – neumetaphysisch, also etwa kompensationstheoretisch – der Sinn für das Ganze festgehalten durch die Verpflichtung, nichts auszulassen, nichts übersehen und das Unbemerkte merken zu wollen. Wer in der – modernen – Wirklichkeit nicht nur die Ausgrenzungen bemerkt, sondern auch ihre Kompensationen, sieht mehr Wirklichkeit, als offiziell vorgesehen. Er pflegt die Einbeziehung des Ausgeschlossenen; er geht nicht aufs Ganze, doch auf Ergänzungen ohne Ganzes; er kultiviert insbesondere auch die Übertretung von Merkverboten. Helmuth Plessner sprach hier von „Grenzreaktionen“ und meinte unter anderem das Lachen… Zu diesen Grenzreaktionen, die gebaut sind wie das Lachen, gehören die Vernunft und die Philosophie, die ihr altes Pensum, das Ganze zu denken, so – also etwa kompensationstheoretisch – auf bescheidene Weise wahrt, indem es ihr darauf ankommt, möglichst nichts zu übersehen. Sie verweigert Merkverweigerungen und erspart uns Selbstbornierungen: durch den Verzicht auf die Anstrengung, dumm zu bleiben. Gerade kompensationstheoretisch gilt: Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt. (Stattdessen, 1999, S. 44f.)

 

Homo symbolicus
Menschen haben kein absolutes Leben, sondern – als Entlastung vom Absoluten – ein Leben statt des absoluten Lebens; sie sind nicht der actus purus, aber auch nicht gar nichts, sondern etwas stattdessen. Darum brauchen sie – als Ersatz für dieses Fehlen der Absolutheit oder der Nichtigkeit – Kompensationen: nicht das Absolute, sondern das Menschenmögliche. Deshalb gehört zur Kultur das Symbolische, wobei man berücksichtigen sollte: zu den altgriechischen Vorgängerwörtern von compensatio gehört möglicherweise symbolon. Der Homo compensator ist Homo symbolicus: er lebt in der Kultur, einer Wirklichkeit statt jener primären und absoluten Wirklichkeit, die er nicht aushält. So sind Kompensationen unvermeidlich für ihn: die Vizelösungen, die zweitbesten Möglichkeiten, das, was nicht das Absolute ist, das Menschenmögliche, das Unvollkommene. (Stattdessen, 1999, S. 45)

 

Primärer Taugenichts
Menschen sind die, die etwas stattdessen tun müssen, tun können und tun. Der Mensch ist kein absolutes Wesen, sondern – als endliches Wesen, das sein Umkommen hinausschieben, sich vom Absoluten entlasten und sein Leben pluralisieren muß – ein primärer Taugenichts, der sekundär zum Homo compensator wird. So setzen diese Arbeiten die Kompensationsphilosophie, der ich anhänge, fort. (Vorbemerkung Philosophie des Stattdessen, 2000, S. 7)

 

Kompensationsphilosophie
Kritiker [der] Kompensationsphilosophie – die dort zur Nichtkrisentheorie der Moderne werden kann, wo die emphatische Fortschrittstheorie wackelt – erklären just das zum Mangel und Fehler der Kompensationen, was doch ihr Vorzug ist: daß Kompensationen nicht erlösen, sondern eben nur kompensieren; sie sind keine absoluten, sondern sie sind endliche Vorgänge und Maßnahmen, die darum für den Menschen angemessen und menschlich sind, der kein absolutes, sondern ein endliches Wesen ist. (Endlichkeit, 2001, S. 18f.)

 

Entzweiungs-Verfassung der bürgerlichen Welt
Joachim Ritter … hat … die Schwierigkeiten der bürgerlichen Welt nicht kaschiert: er beschrieb sie – mit Hegels Begriff – als „Entzweiung“. Ritter war für die Metaphysik: aber er trennt nicht die abstrakte Metaphysik ewiger Wahrheiten und Werte von der Philosophie der aktuellen historischen Situation. So begreift er: Die aus Griechenland herkommende Tradition der Metaphysik gehört selber zur modernen bürgerlichen Welt: als ihre geschichtliche Bedingung, obwohl diese bürgerliche Gesellschaft – als Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der Sachen und Waren, des Eigentums, der Personen und insofern als abstrakte Freiheitswelt – zu dieser metaphysischen Herkunftswelt in Gegensatz zu treten scheint; doch diese metaphysische Tradition muß sie als sittliche Welt des bürgerlichen Lebens gegenwärtig halten. Das ist die Entzweiungs-Verfassung der bürgerlichen Welt. (Bürgerlichkeit 3, 2003, S. 160)

 

Zusammengehörigkeitsverweigerungen
Falsch sind … die Zusammengehörigkeitsverweigerungen: also ebenso die des supraprogressistischen Traditionsnegierers, der die Tradition verdammt und nur den Fortschritt haben will, wie die des restaurativen Progressionsnegierers, der den Fortschritt abwehrt und nur die Tradition haben will. Ebenso schlimm wie die herkunftslose Zukunft ist die zukunftslose Herkunft… (Bürgerlichkeit 3, 2003, S. 161)

 

Ärgerlicher Kompensationsbegriff
Ich gehöre … zu den Kompensationstheoretikern, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen mit dem Kompensationsbegriff kommen. Ich tue das auch hier. Das hat den Nachteil, daß es einige Leute ärgert, aber es hat den Vorteil, daß es stimmt. Angesichts der modernen Geschichtslosigkeit kommt es – kompensatorisch – zum großen Ausgleich durch die Konjunktur der Geschichten und des Erzählens. (Geschichten, 2003, S. 66)

 

Zerbrechlichkeit des Menschen
So ist die wirklich menschliche Lösung aus der Krise des Optimismus nicht die Geschichtsphilosophie, jedenfalls nicht ihre totalgeschichtliche Form. Darum wird – seit dem Erdbeben von Lissabon – die wichtigste Neuentdeckung für die Philosophie des Menschen – die seit der gleichen Zeit Mitte des 18. Jahrhunderts verstärkt „Anthropologie“ genannt wird – die betonte Entdeckung der Zerbrechlichkeit des Menschen. (Optimismus, 2005, S. 106)

 

Glücklicher Ausgleich
[E]rst nach der Krise des Optimismus … wird dieses flankierende Nebentheorem der klassischen Theodizee [die Kategorie der Kompensation] zum Hauptgedanken. Der Optimist kennt das Ziel und – generell – das „alles ist gut“; der Kompensierer sieht das Unglück und sucht – en détail – möglichen (und wenn es geht, glücklichen) Ausgleich. (Optimismus, 2005, S. 106f.)

 

Erde auf Erden
Vielleicht ist ja unsere Welt trotz allem mehr Nichtkrise als Krise; dann ist sie zwar nicht der Himmel auf Erden, aber zugleich doch auch nicht die Hölle auf Erden, sondern eben: die Erde auf Erden. (Optimismus, 2005, S. 108)

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