Ein liebender Gott hält unseren Zorn aus

Christuskopf, leidend am Kreuz

Christusdarstellung auf dem Berg der Kreuze in Litauen (Foto: pixabay.com)

„Ich kann nicht an einen Gott glauben, der sein Kind einen grausamen Tod am Kreuz sterben lässt“. So oder ähnlich zweifeln viele Menschen, wenn sie an Karfreitag denken.

Weshalb kann ich trotzdem an Gott glauben? Für mich hing da Gott selber am Kreuz. Das heißt: der allmächtige Gott – ganz Mensch geworden, ausgeliefert, verraten, verkauft, getötet von Menschen, denen er im Wege war, die sich gegen ihn aufhetzen ließen oder die ihn plötzlich nicht mehr kennen wollten. Und doch immer noch allmächtig, aber auf eine andere Art, als wir uns das meist vorstellen: stark in der Liebe, die dem Feind vergibt, statt ihm mit gleichen Mitteln heimzuzahlen, stark in der Liebe, die selbst den Judas beim Abendmahl neben sich aushält, eine Liebe, die auch uns immer wieder beschämen muss.

Als ein kleines Kind gestorben war, sagte mein damals sechsjähriger Sohn: „Ich glaube nicht, dass das Kind gestorben ist, weil Gott es gewollt hat. Es ist gestorben, weil es krank war, und Gott ist jetzt auch traurig.“ So sehe ich auch die Beziehung von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn. Jesu Tod war unausweichlich, weil er sich und seiner Sendung sonst untreu geworden wäre, aber trotzdem war es kein Tod, über den sich der Vater im Himmel gefreut hätte.

Für Jesus gab es nicht nur die beiden Möglichkeiten: entweder an Gott glauben und sich ihm blindlings unterwerfen, oder nicht an ihn glauben und damit allein in einer trostlosen Welt zu sein. Sein Glaube war stark und lebendig, so dass er sich auch in der Verzweiflung noch mit einer Klage direkt an Gott wandte (Markus 15, 34): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Glaube besteht nicht immer nur aus Loben und Danken, aus Bitten und Fürbitten, sondern manchmal auch aus wütender Anklage. Gott hält das aus! So schrieb zum Beispiel eine Konfirmandin über ihre Beziehung zu Gott: „Manchmal habe ich eine ganz schlimme Wut auf Gott. Wie kann er, wenn es ihn gibt, so viel Böses zulassen? Aber dann denke ich, dass wir ja selber dran schuld sind, und habe langsam wieder Vertrauen.“

Ob das eine Möglichkeit für Sie ist, wenn Sie an Gott zweifeln – direkt zu Gott zu sprechen, ihm Ihre Vorwürfe zu sagen? Wahrscheinlich wird’s dann nicht nur dabei bleiben, sondern es wird einiges in Bewegung kommen. Ich wünsche Ihnen gesegnete Ostern.

Zum Nachdenken am Samstag, 6. April 1985, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Reichelsheim

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