Eine Familie mit einem Reichtum an Gefühlen

Trauerfeier für eine Frau, die als alleinerziehende Mutter ihrem Kind ein Familienleben mit einem Reichtum an Gefühlen ermöglicht hat. Später wurde aus der Zweierfamilie eine wahrhafte glückliche Großfamilie bis hin zu Urenkelkindern.

Eine Familie mit einem Reichtum an Gefühlen: Mehrere bunte Herzen stehen zusammen wie Vater, Mutter, Kind, ein farbiges Band mit Herzen schlingt sich daran entlang, im Hintergrund weitere Farbeffekte

Jede Art von Familie sollte ein Ort des Reichtums an Gefühlen sein (Bild: tremblay956 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau G., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir sind hier um ihretwillen – wir erinnern uns an sie, zeichnen ihren Lebenslauf nach, versuchen, ihr gerecht zu werden.

Wir sind hier um unserer selbst willen – weil es weh tut, wenn ein geliebter Mensch stirbt, und weil es gut tut, beim Abschiednehmen nicht allein zu sein.

Wir sind hier auch um Gottes willen. Von Gott her sind wir zur Welt gekommen, zu Gott hin gehen wir im Tod. In Gottes Augen hat jeder Mensch seine eigene unverwechselbare Bedeutung.

Wir sprechen Worte aus dem Buch Jesaja 43:

1 Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

4 Du [bist] in meinen Augen so wert geachtet und herrlich und … ich [habe] dich lieb.

5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

 

Liebe Gemeinde,

nicht ein Gebet zu Gott habe ich eben gesprochen, sondern einen Zuspruch Gottes an uns haben wir gehört, den der Prophet Jesaja vor zweieinhalbtausend Jahren dem Volk Israel übermittelt und den auch wir uns von Gott gesagt sein lassen dürfen. Gott ruft uns beim Namen, Gott erlöst uns, er hat uns lieb, lässt uns nicht allein, wir müssen uns nicht fürchten, nicht in den Wechselfällen des Lebens und auch nicht im Angesicht des Todes.

Unter dieses Vorzeichen stelle ich meine Traueransprache für Frau G.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Was bleibt letzten Endes, wenn wir auf ein langes Leben zurückblicken? Worauf setzen wir mit gutem Grund unser Vertrauen, so dass wir getragen sind in allem, was uns widerfährt?

Wenn wir Liebe erfahren, in der Familie, unter Freunden, in glücklicher Partnerschaft, dann fühlen wir uns geborgen, angenommen, getragen, beheimatet. Allerdings sind viele menschliche Beziehungen so zerbrechlich, dass sie nicht alle Stürme des Lebens überstehen; glücklich sind wir dran, wenn uns Menschen geschenkt sind, auf die wir uns in jeder Hinsicht verlassen können, was auch immer geschieht.

Frau G. hat manche Enttäuschung erlebt, was die Suche nach dem Glück in der Ehe angeht, aber es war gut, dass sie diese Suche nicht aufgegeben hat; im dritten Anlauf fand sie den Mann, mit dem sie glücklich werden konnte – und heiratete gleich eine neue Familie mit.

Aber bereits zuvor, in den für sie selber nicht sehr glücklichen Jahren, tat sie alles, damit ihr erstes Kind sich nicht alleingelassen fühlte. Zur damaligen Zeit als Mutter alleinerziehend und berufstätig zu sein, war ja noch weitaus schwieriger als heute, zumal es große Vorurteile und Vorbehalte der Umgebung auszuhalten gab. Als ihr damaliger Pfarrer sie einmal fragte, warum er sie nie in der Kirche sähe, sagte sie ihm, dass sie nur am Sonntag so richtig Zeit für ihr Kind hätte und ganz für es da sein wollte, und das hat er wohl auch verstanden. Sie war dann viel mit dem Kind draußen in der Natur und fühlte sich dort Gott näher als in der Kirche.

Wie wichtig auch in der Bibel die Familie genommen wird, zeigt sich in den Geschichten, die vom Anfang des Volkes Israel erzählt werden. Es sind Familiengeschichten, die die Familie allerdings nicht idealisieren; da gibt es durchaus Lieblingskinder des Elternpaares Isaak und Rebekka, Bruder-Rivalität zwischen Jakob und Esau, Eifersucht zwischen Lea und Rahel. Am Ende ist auch die Rede von der Versöhnung zwischen Brüdern, aber ganz realistisch wird gesehen, dass nicht jeder Konflikt gelöst werden kann und manchmal die Wege von ehemals einander nahestehenden Menschen auch wieder auseinandergehen.

Die Familie als solche ist also nicht immer tragfähig, Ehen können zerbrechen. Wichtig ist, dass der einzelne in der Familie, in seiner Partnerschaft, sein Stück Verantwortung für diese Gemeinschaft übernimmt. Liebe ist immer ein Geschenk, das angenommen und gepflegt und weitergegeben werden will, damit es bewahrt bleibt und weitere Kreise zieht.

Wenn wir der Bibel glauben, dann kommt die Liebe letzten Endes von Gott. Gott ist die Quelle aller Liebe, weil er die Liebe selbst ist. Das ist der Sinn des Wortes, das Gott durch den Mund des Propheten Jesaja 43, 1 spricht:

So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wenn die Macht, aus der wir hervorgegangen sind, uns sozusagen persönlich anspricht, müssen wir uns nicht fürchten. Wir kommen von Gott, sind von ihm gewollt und geplant und erschaffen; dass wir ihm gehören, heißt nicht, dass wir der Willkür eines himmlischen Tyrannen unterworfen sind, sondern dass wir Kinder seiner Liebe sind. „Du bist in meinen Augen wert geachtet und herrlich und ich habe dich lieb.“ So spricht Gott zu uns. „So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.“ Das ist eine Zusage, durch die wir uns getragen wissen können.

Bei unserem Namen ruft uns Gott; wir sind so von ihm angenommen, wie wir sind. Gott ist einer, der uns erlöst, er ist ein Befreier, kein Freund von Unterdrückung und Bevormundung, sondern einer, der uns auf den Weg der Freiheit führt. Letzten Endes geht Liebe immer mit Freiheit Hand in Hand, denn Liebe ohne Freiheit wird zur Vereinnahmung, und wer Freiheit ohne Liebe will, mag sich vielleicht selbst verwirklichen – aber ohne Rücksicht auf Menschen, die ihm anvertraut sind.

Ich bin ja Frau G. und vor einigen Jahren auch ihrem Mann nur wenige Male begegnet, habe aber bei ihnen etwas von einer solchen befreienden und tragfähigen Liebe gespürt, von der eine Ehe und Familie lebt und die in Ihrer Großfamilie weiterwirken kann.

Noch etwas haben Sie mir in unserem Gespräch gesagt, das mich sehr beeindruckt hat. Sie sprachen davon, dass Sie in ärmlichen Verhältnissen groß geworden sind, aber ganz reich an Gefühlen. Durch die ganzen Umstände konnte Ihre Mutter Ihnen damals nicht materiell alles ermöglichen, aber sie waren trotzdem reich, weil Ihre Mutter mit ihrer Liebe für Sie da war und weil Sie alles, was Sie gefühlt und empfunden haben, mit ihr teilen oder bei ihr abladen oder mit ihr gemeinsam durchstehen konnten. Ich denke auch, dass wir in unserer Seele einen großen Schatz in uns tragen, den wir nur ganz vertrauten Menschen zeigen und der nur dann zur Entfaltung kommen und blühen kann, wenn wir behutsam damit umgehen. Dieser Schatz geht auch dann nicht verloren, wenn wir sterben. Der Apostel Paulus sagt einmal (1. Korinther 13, 13):

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe bleibt über den Tod hinaus, nicht nur, weil wir den von uns geliebten Menschen unsere Liebe bewahren, nicht nur weil die Liebe dieser Menschen in unseren Herzen bleibt, sondern auch weil wir im Tod bei Gott bleiben. Er nimmt uns in unserem Sterben mit Ehren an. So wie wir unser Leben von ihm geschenkt bekommen haben, so kehrt es im Tode zu ihm zurück.

Wo wir dann sein werden, wie wir dann existieren, darüber können wir nur in Bildern sprechen, wir wissen es einfach nicht. Der Himmel, in dem Gott wohnt, umgibt uns von allen Seiten, aber eben unsichtbar, er ist in einer Höhe, die wir von uns aus nicht erreichen, weil nur Gott ewig ist, während wir sterblich sind. Und trotzdem ist uns dieser Himmel so nahe wie unser Herzschlag.

Wenn ein Urenkel gefragt hat: „Ist die Oma jetzt bei Opa?“, dann kann man ihm durchaus Recht geben, denn die Oma ist genau so in Gottes Liebe hineingegangen wie vor einigen Jahren der Opa. Wir dürfen uns durchaus vorstellen, dass es dort im Himmel, im Licht, im ewigen Frieden Gottes ein Wiedersehen mit denen gibt, die wir geliebt haben.

Alles, was wir an Liebe in unserem Leben empfangen haben, ebenso wie alles, was wir an Liebe verschenkt haben, wird in Ewigkeit bleiben und von Gott zur Vollendung geführt werden. Amen.

Lasst uns beten mit Worten, die dem Psalm vom Guten Hirten nachempfunden sind:

Gott ist bei mir,
darum bin ich getrost
und voller Zuversicht.

Mir wird nichts mangeln.
Ich habe, was ich brauche.

Ich lasse mich leiten
auf dem rechten Weg,
auch wenn die Versuchung groß ist,
schwach zu werden.

Wenn ich traurig bin,
finde ich Trost,
auch in den dunkelsten Zeiten
meines Lebens.

Ein Tisch
bleibt für mich gedeckt,
sogar wenn ich Feindschaft erlebe.

Und vor Gott bin ich ein wertvoller,
geachteter Mensch,
der mir die volle Erfüllung
meines Lebens gönnt,
statt mir den Becher
nur halbvoll einzuschenken.

Wenn ich so mein Leben betrachte,
mit dankbarem Herzen,
dann nehme ich wahr,
dass ich nicht nur Böses,
sondern auch Gutes erfahre,
dass die Welt nicht nur
voll von Enttäuschungen
und Betrug ist.

Nein, es gibt Barmherzigkeit
auch für mich, mein Leben lang.

Am Ende nimmt mich der Gott,
dem ich vertraue, mit Ehren an:
Ich darf mir den Himmel vorstellen
wie ein Haus mit vielen Wohnungen.

Da werde ich ewig leben,
ruhig und im Frieden.

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