Sodom und Gomorrha?

Zu einem Leserbrief von Josef Schupp in der Mainzer Allgemeinen Zeitung, Lokalredaktion Alzey.

Schatten zweier Männer Hand in Hand an einer Klinkerwand, auf der das Graffiti steht: It's normal!

„It’s normal!“ – „Es ist normal“ (Foto: pixabay.com)

Als Pfarrer und als Psychotherapeut möchte ich der Verunglimpfung homosexuell fühlender und lebender Menschen entgegentreten, wie sie in dem Leserbrief „Sodom und Gomorrha“ am 11. September 1996 zum Ausdruck kam.

Als Psychotherapeut stelle ich fest: Nur in einem Teil der Fälle mag Homosexualität durch die Bearbeitung frühkindlicher traumatischer Erlebnisse therapeutisch beeinflussbar sein, die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, tut dies jedoch wirklich aufgrund einer unveränderbaren Veranlagung. In keinem Fall kann eine bloße Verführung zu homosexuellen Handlungen einen Menschen homosexuell machen! Eher kommt es vor, dass eine durch einen heterosexuellen Vater verführte Tochter sich lieber einer als sanft und zärtlich empfundenen Frau anschließt, als sich erneut einem als gewalttätig erlebten Mann zuzuwenden.

Als Pfarrer weiß ich: Das Fortpflanzungsgebot der Bibel wird mittlerweile übererfüllt, obwohl verschiedenste Gruppen von Menschen es sich selber nicht zu eigen machen (können), zum Beispiel auch die, die freiwillig oder unfreiwillig zölibatär bzw. als Singles leben. Und im Gericht über Sodom und Gomorrha (1. Buch Mose, Kapitel 19) geht es gar nicht um das Thema der homosexuellen Liebe an sich, das in der Bibel nirgends ausdrücklich angesprochen wird (außer vielleicht in der liebevollen Beziehung Davids zu seinem Männerfreund Jonathan, 2. Samuel Kapitel 1, Vers 26), sondern um den Versuch, die Gäste eines Einwohners von Sodom brutal zu vergewaltigen. Statt Menschen pauschal abzuwerten, die das Recht und die Pflicht haben, ihre homosexuelle Partnerschaft genau so verantwortungsbewusst zu gestalten wie heterosexuelle Paare, sollten wir lieber darum bemüht sein, die mit Sexualität verbundene Gewalt zu verhindern, vor allem den sexuellen Missbrauch an Kindern.

Helmut Schütz, Alzey

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