„Lobe den Herrn, meine Seele“

„Alles, was in mir ist“, rede ich an. Wie bei Richard Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Ich bin nicht immer eins mit mir selbst, hin- und hergerissen zwischen Freude und Trauer, Angst und Vertrauen, Zuversicht und Selbstzweifel, Stolz und Schuldgefühlen. Ich fordere den gemischten Chor meiner Gedanken und Gefühle auf, den heiligen Namen Gottes zu loben.

#predigtTaufgottesdienst am Sonntag, 10. Juli 2011, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel und Einzug der Tauffamilien

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum Taufgottesdienst begrüße ich alle herzlich, besonders die zwei Erwachsenen und vier Kinder, die heute getauft werden. … lassen sich als Erwachsene taufen und werden gemeinsam mit anderen sofort ein Patenamt übernehmen. Zwei Kinder der Familie … werden getauft: …, und zwei Familien, die … heißen, bringen beide ein Mädchen zur Taufe: sie heißen … . Herzlich willkommen sage ich auch allen Familienangehörigen und Paten.

Lied 331, 1+5+6+11:

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

6. Du, des Vaters ewger Sohn, hast die Menschheit angenommen, bist vom hohen Himmelsthron zu uns auf die Welt gekommen, hast uns Gottes Gnad gebracht, von der Sünd uns frei gemacht.

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Das Wort zur Woche steht im Evangelium nach Lukas 19, 10:

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Jesus, genannt sowohl Sohn Gottes als auch Menschensohn, er sucht, was verloren ist. Sind denn verlorene Menschen unter uns? Würden wir selber uns als verloren ansehen? Mag sein, dass irgendwann in seinem Leben sich jeder einmal verloren vorkommt. Allein auf sich gestellt eine Prüfung bestehen müssen; auf einen falschen Weg geraten sein und wieder die Kurve auf den richtigen Weg kriegen müssen; einen Schicksalsschlag wegstecken müssen; sich nur noch schlecht und böse fühlen und zu denken, niemand kann mich noch liebhaben. Wichtig ist: Jesus sucht gerade die Verlorenen. Er freut sich, wenn wir auf dem richtigen Weg bleiben, und gibt nicht auf, uns zu suchen, wenn wir uns verirrt haben. Wie dem auch sei, wir sind auf Gottes Erbarmen, auf seine Liebe angewiesen.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Ohne das Vertrauen zu Gott, das Jesus uns vorgelebt hat, wäre unser Leben ohne Sinn und Ziel. Aber Gott geht uns nach, um uns zu suchen. Er hat viel mit uns vor. Er braucht uns für seine guten Pläne mit den Menschen. Er schenkt uns und durch uns auch anderen Menschen ewiges Glück.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott im Himmel, du willst unser guter Vater sein, dem wir vertrauen können. Getrennt von dir bringen wir uns und andere Menschen in Gefahr, zerstören das, was du uns schenkst. Doch in deinen Augen sind wir so wertvoll, dass du jedem Menschen nachgehst. Du hörst nicht auf, uns zu suchen, um uns auf den Weg des Gottvertrauens zu bringen. Dafür danken wir dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Lukas 15, 1-7:

1 Es nahten sich Jesus aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

4 Welcher Mensch ist unter euch, der 100 Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die 99 in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.

6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 631: In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

Liebe Tauffamilien, liebe Gemeinde!

An diesem Sonntag, wir haben es gehört, steht im Wort zur Woche und in der Schriftlesung das Verlorene im Vordergrund, dem Gott nachgeht, das verlorene Schaf, der Mensch, der sich auf merkwürdigen Wegen verirrt hat. Auf jeden Fall geht es darum, dass Gott eben nicht will, dass irgend ein Mensch verloren geht. Im Lied haben wir gesungen, was wir dazu beitragen können: In Gottes Namen wolln wir hüten, was lebendig ist wie einen Augapfel, wie ein Kind, wie eine Quelle. Quicklebendig sind die Kinder, die uns anvertraut sind, sie hüten wir wie unseren Augapfel, sie sind eine Quelle unserer Lebensfreude. Vier Kinder aus zwei Familien taufen wir heute und dazu noch zwei Erwachsene, damit machen wir uns bewusst, dass alle diese Personen von Gott geliebt sind, dass sie zu Jesus gehören und in die Gemeinschaft seiner Kirche aufgenommen werden.

Eine gute Sitte ist es, sich bei der Taufe für sich selbst oder für sein Kind einen Taufspruch aus der Bibel auszuwählen.

Herr …, Sie haben sich den Bibelvers ausgesucht, der in fast jedem Gottesdienst am Ende als Segenswort den Teilnehmenden nach Hause mitgegeben wird (4. Buch Mose – Numeri 6, 24-26):

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Segen ist das, was wir als Geschenk von Gott erfahren; worin dieser Segen besteht, das wird hier mit drei Stichworten beschrieben: Wir sind behütet, Gott begegnet uns mit Gnade, er schenkt uns Frieden. Wir können auch sagen, Gott hilft uns, mit drei Grundproblemen unseres menschlichen Lebens fertigzuwerden: Erstens mit der Angst vor allem, was in unserem Leben nicht gut laufen könnte – wir sind in allem behütet, wir bleiben bewahrt, Gott lässt uns nicht allein. Zweitens mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten und Fehlern – Gott geht gnädig mit unserem Versagen um und will uns immer wieder auf den richtigen Weg bringen. Drittens mit dem Stress, den wir mit anderen Menschen haben – Gott ist einer, der uns immer wieder dazu herausfordert, den Frieden mit unseren Mitmenschen zu suchen, auch wenn es schwer fällt.

In dem Taufspruch, den Sie sich ausgesucht haben, liebe Frau …, wird das alles knapp in einem Satz zusammengefasst (1. Korinther 16, 14):

Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!

Wer mit Gottes Segen beschenkt ist, lebt in dem Bewusstsein, dass Gott uns liebt. Gott schenkt uns so viel Liebe, dass wir infolgedessen auch sozusagen überlaufen können vor lauter Liebe. Wir sind in Liebe und Geduld für unsere Kinder da, energisch, wenn‛s sein muss, aufmunternd und tröstend, wenn das Kind es braucht. Wir tun auch unsere Arbeit in Haus und Familie und Beruf „in Liebe“, das heißt, wir fragen uns immer nach den Menschen, denen unsere Arbeit zu Gute kommt und die wir enttäuschen würden, wenn wir sie nicht sorgfältig tun würden. Dabei ist Liebe nicht nur ein Gefühl, das für unsere allernächsten Freunde und Familienangehörigen reserviert ist; der Apostel Paulus meint mit Liebe eine Haltung des Füreinandereinstehens auch unter Nachbarn, die sich nicht ganz so mögen, oder unter Fremden, die sich im Bus begegnen oder in einer Stadt zusammenleben. Wir sind ja alle Gottes Kinder, darum macht Gott uns auch mitverantwortlich, wenn es in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Welt, den einen nicht so gut geht wie den anderen.

Von den Großen kommen wir zu den Kleinen. Die beiden Mädchen, die beide mit Nachnamen … heißen, aber zu zwei verschiedenen Familien gehören, haben zufällig den gleichen Taufspruch bekommen. … und …, für beide haben ihre Eltern Psalm 91, 11 ausgesucht:

[Gott] hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Vom Behüten haben wir ja schon gesprochen; dieser Spruch konzentiert sich auf diesen Wunsch, den alle haben, denen ein Kind anvertraut ist: Es möge behütet sein, es möge vor allem Bösen bewahrt bleiben und in sein Leben möglichst unbeschwert und ohne Sorgen hineinwachsen. Was mir selber immer wichtiger wird, wenn ich an die Engel Gottes denke: Sie sind Begleiter und Beschützer, zugleich aber auch Mahner und Ermunterer auf unserem Lebensweg. In der Bibel heißt das Wort „Engel“ eigentlich „Bote“. Sie haben eine Botschaft für uns, die von Gott kommt, erinnern uns daran, was uns von Gott geschenkt ist und wie wir damit umgehen sollten; manchmal mahnen sie uns auch zur Vorsicht, wenn wir uns zu sehr darauf verlassen, dass unser Schutzengel schon auf uns aufpassen wird. Engel können uns sichtbar in Gestalt eines anderen Menschen begegnen oder auch unsichtbar von Gott zu uns kommen, wie ein guter Gedanke oder ein plötzlicher Schub von Energie. Das Heft, das wir jedem Paten mitgeben, trägt auch den Titel: „Ein wenig Engel sein“. Wenn wir in unserem Leben die Gegenwart der Engel zu wenig spüren, dann haben wir vielleicht zu wenig bedacht, dass Gott auch uns mit einem Engelauftrag betrauen kann – zum Beispiel, indem wir im Zuhören und Zeithaben und Geduldüben für unsere Kinder und Patenkinder da sein.

Und wir taufen zwei Geschwister, Schwester und Bruder, die außerdem Cousin und Cousine von … sind: … . Unsere beiden neugetauften Erwachsenen werden für unser ältestes Taufkind, den …, dann auch gleich das Patenamt übernehmen. Er bekommt als Taufspruch einen Bibelvers (1. Buch Mose – Genesis 12, 2), der auch vom Segen Gottes handelt, wie bei seinem Paten:

Ich … will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Das sagt Gott ursprünglich zu Abraham, aber wir können diesen Zuspruch auch einem Kind mit auf den Weg geben. Wer von Gott gesegnet ist, der muss sich nicht größer machen, als er ist, er ist schon groß. Er hat es nicht nötig, auf andere herabzuschauen, sondern er ist groß genug, um sich für andere, vor allem für Schwächere, einzusetzen. Wer von Gott einen großen Namen bekommt, wird nicht unbedingt berühmt, aber es wird Menschen geben, die mit Anerkennung und Liebe an ihn denken, weil er für sie in ihrem Leben ein Segen war.

Auch im Taufspruch von …s kleiner Schwester … kommt der Segen vor (1. Buch Mose – Genesis 26, 24):

Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir und will dich segnen.

Dieses Segenswort hat Gott zu Isaak gesagt, das war der Sohn von Abraham gewesen, und wenn wir es einem Kind auf seinen Lebensweg mitgeben, denken wir daran, dass der Segen Gottes vor allem darin besteht, dass Gott selber bei uns ist. Wir sind nie allein, wenn wir auf Gott vertrauen! Wir können Selbstvertrauen aufbauen, weil Gott uns viel zutraut, und wenn wir in schwierige Lebenslagen hineingeraten, können wir Angst überwinden und Mut gewinnen.

Und nun bekennen wir gemeinsam unseren Glauben an den Gott, der uns segnet und behütet und unseren Namen groß macht, so dass wir Furcht überwinden und alle unsere Dinge in Liebe tun können. Wir sprechen das Glaubensbekenntnis, stellvertretend auch für unsere Taufkinder:

Glaubensbekenntnis und Taufen
Lied 325, 1+2+5+7:

1. Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er’s mit mir mein‘. Ist doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

2. Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt, also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt, alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

5. Meiner Seele Wohlergehen hat er ja recht wohl bedacht; will dem Leibe Not entstehen, nimmt er’s gleichfalls wohl in acht. Wenn mein Können, mein Vermögen nichts vermag, nichts helfen kann, kommt mein Gott und hebt mir an sein Vermögen beizulegen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

7. Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen und ermuntert mein Gemüt, dass ich alle liebe Morgen schaue neue Lieb und Güt. Wäre mein Gott nicht gewesen, hätte mich sein Angesicht nicht geleitet, wär ich nicht aus so mancher Angst genesen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Zur Predigt lese ich uns fünf Verse aus einem alten jüdischen Loblied, aus dem Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN. meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Liebe Gemeinde, vielleicht ist Ihnen der Psalm bekannt, aus dem diese Verse stammen, vielleicht auch nicht. Ich musste sie im Konfirmandenunterricht auswendig lernen, und im Gegensatz zu manch anderem sind sie mir sogar im Gedächtnis geblieben.

„Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist“, so fängt das Gebet an: gar nicht mit einer Anrede an Gott, sondern an sich selbst. Wenn ich so bete, spreche ich erst einmal zu „meiner Seele“. Ganz realistisch ist ein Gebet offenbar zuerst auch ein Selbstgespräch; ein Gespräch mit Gott kann daraus werden, wenn ich mich selbst davon überzeuge, dass ich Grund habe, Gott zu loben.

Interessant finde ich, dass ich mit dem Psalm nicht nur meine eigene Seele anrede, also mein eigenes Ich oder Selbst, den Kern meiner einmaligen Persönlichkeit. „Alles, was in mir ist“, rede ich an. Das erinnert mich an den Titel des Buches von Richard Precht: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Ich bin nicht immer eins mit mir selbst, ich kann hin- und hergerissen sein zwischen Freude und Trauer, Angst und Vertrauen, Zuversicht und Selbstzweifel, Stolz und Schuldgefühlen. Trotzdem bleibt alles zusammen meine Seele, die Gott mit Namen kennt. Ich fordere den gemischten Chor meiner Gedanken und Gefühle dazu auf, den heiligen Namen Gottes zu loben.

Den Namen Gottes? Welcher Name ist da gemeint? Gott ist nicht zerrissen wie wir, und zugleich vereinigt er in sich viel mehr, als wir uns vorstellen können. Er ist unwandelbar in sich selbst und in seiner Liebe zu uns – und dennoch erfahren wir ihn je nach unserer eigenen Situation immer wieder anders. Darum ist es kein Widerspruch, dass wir Gott mit vielen Namen anrufen: Vater, Schöpfer, Richter, Heiliger, Barmherziger – und zugleich von dem heiligen Namen Gottes sprechen.

Etwas können wir mit dem Namen Gottes definitiv nicht tun: Wir können ihn nicht mit Zauberformeln beschwören, um uns Gott gefügig zu machen; Gebete sind kein Mittel, um Gott unter unsere Kontrolle zu bekommen. Als Mose Gott fragt: „Wie heißt du?“, da bekommt er die Antwort: „Ich werde sein, der ich sein werde“, und damit meint er zugleich: „Ich bin für euch da“, „Ich führe euch in die Freiheit“.

Wenn ich meine oft so zerrissene Seele auffordere, Gott zu loben, dann mag sie dann und wann rummaulen: „Soll ich wirklich beten, heute kann ich mich gar nicht konzentrieren, und außerdem, der Tag war wirklich nicht so, dass ich von ganzem Herzen Gott loben möchte.“ Dagegen hilft der zweite Vers im Psalm: „Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“

Das Gute vergessen wir so gern, was wir bekommen und erreicht haben, wird rasch selbstverständlich. Was uns fehlt und was uns genommen wird, spüren wir viel heftiger. Vielleicht ist es gut, die Erinnerung an das Gute einzuüben. Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, sagen mir oft: Jetzt weiß ich erst, wie gut es mir ging. Jetzt geht mir erst auf, dass es nicht selbstverständlich war, jeden Morgen aufstehen zu können, die Vögel singen zu hören, ein Lächeln erwidern zu können. Jetzt erst habe ich gelernt, mich zu erinnern und zu danken, und darum lebe ich auch im gegenwärtigen Augenblick viel intensiver und dankbarer und kann mich an den kleinsten Dingen freuen.

Wenn ich den Psalm bete, erinnere ich meine Seele zuerst an etwas, was ich auch gern vergesse: „der dir alle deine Sünde vergibt“. Warum vergesse ich das gern? Weil die Sündenvergebung mich daran erinnert, dass ich sie nötig habe. Was in mir zerrissen ist, meine Unkonzentriertheit beim Beten, die Dinge, die ich anderen Menschen immer wieder schuldig bleibe, haben sie nicht auch damit zu tun, dass es mir schwerfällt, Tag für im Gottvertrauen zu ruhen und aus ihm Kraft zu schöpfen, um verantwortlich zu handeln? Aber die Sünde ist vergeben! „Danke, Gott, du machst mich fit, dir zu vertrauen, meine Gaben aus deiner Hand zu nehmen und sie, so gut ich kann, in die Tat umzusetzen!“

Weiter lobe ich mit dem Psalm in einem Atemzug nicht nur den Gott, der mir vergibt, sondern auch den Gott, der „alle meine Gebrechen heilt“. Als wenn das so einfach wäre! Mich erinnert dieser Vers an die Heilung des Gelähmten durch Jesus. Er wird von seinen Freunden durch das abgedeckte Dach hindurch Jesus vor die Füße gelegt, und Jesus vergibt ihm seine Sünden. Quasi als Zugabe heilt Jesus dann auch noch die körperliche Lähmung des Mannes, so dass er auf eigenen Füßen durchs Leben laufen kann.

Ich habe eine Frau gekannt, deren Bein gelähmt war auf Grund eines seelischen Traumas; ihr Vater hatte sie an diesem Bein im Keller zur Strafe aufgehängt, und um den Schmerz, die Angst und die Demütigung, die damit verbunden war, nicht zu spüren, hatte sie jedes Gefühl in diesem Bein verloren. Neurologisch war alles in Ordnung. Aber laufen, ohne zu hinken, konnte sie erst wieder, als sie in einer Therapie zu neuem Selbstvertrauen fand.

Wenn ich meine Seele darauf anspreche, dass Gott alle ihre Gebrechen heilt, dann ist mir klar, dass nicht alle körperlichen Gebrechen heilbar sind. Doch mir fällt die alte Redewendung ein: „es gebricht mir an etwas“. Das bedeutet ja: „es fehlt mir etwas, was ich wirklich brauche.“ Wenn die Seele zu wenig Trost erfährt oder zu viele böse Worte hört, dann gebricht es ihr an Liebe. Wenn man sich für ein Kind zu wenig Zeit nimmt oder auf die kleinen Sorgen der Kleinen zu wenig achtet, dann kann ihre kleine Seele großen Schaden erleiden. Aber indem ich Gott lobe, der mein guter Hirte ist, so dass ich sagen kann: „Mir wird nichts mangeln, es wird mir an nichts gebrechen“, kann mir auch bewusst werden, was kleine und große Menschen von mir brauchen und was ich ihnen weiterschenken kann von Gottes Liebe.

Unser Psalm gibt keine Antwort auf die Frage, warum es Menschen gibt, die lieblos handeln, sogar gegenüber Kindern. Stattdessen werden wir unermüdlich aufgefordert, trotzdem Gott zu loben, den Gott nämlich, der „dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“. Wie oft habe ich das erfahren, dass Menschen, die in ihrer Kindheit die Hölle durchlebt haben – ohne Elternliebe, aber mit Missbrauch und Gewalt – dann trotzdem nicht nur überlebt haben, sondern als Erwachsene Vertrauen zu anderen Menschen fassen und Liebe an sich heranlassen konnten. Jahrzehntelang haben sie sich selbst gehasst bis hin zu Selbstverletzungen und Selbstmordgedanken, und nun konnten sie beginnen, sich selber liebzuhaben und gut für sich zu sorgen. Als Kind die Hölle erlebt zu haben und dennoch als Erwachsener ein glückliches Leben führen zu können, das ist mehr wert als eine Königskrone. Von Menschen, die so etwas erlebt haben, können wir lernen, was es heißt, mit Gnade und Barmherzigkeit gekrönt zu sein. Wenn sie davon erzählen, merke ich auch, dass Gott „ihren Mund wieder fröhlich gemacht hat.“

Mit einem schönen Bild beenden unsere Psalmverse die Anrede an die eigene Seele: dass „du wieder jung wirst wie ein Adler“. Gott trägt uns wie auf Adlerfittichen, so singen wir im Kirchenlied, oder er birgt uns wie ein Adler unter seinen Flügeln. Aber auch Freiheit steckt im Bild des Adlers. Es kommt der Augenblick, wenn Jungadler alt genug sind, um selber ihre Flügel zu gebrauchen, dass die Adlereltern sie einfach aus dem Nest stupsen. So brauchen auch wir Menschen manchmal einen Anstoß, eine Ermutigung, um selbständig etwas Neues zu tun. Wenn meine Seele Gott loben will, dann bringe ich mich also nicht in eine ungute Abhängigkeit hinein; ich bekomme Hilfe, so viel ich brauche, aber Gott traut mir zu, meine eigenen Stärken selbständig einzusetzen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 289, 1-5:

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

5. Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist! Der wolle in uns mehren, was er aus Gnaden uns verheißt, dass wir ihm fest vertrauen, uns gründen ganz auf ihn, von Herzen auf ihn bauen, dass unser Mut und Sinn ihm allezeit anhangen. Drauf singen wir zur Stund: Amen, wir werden’s erlangen, glaubn wir von Herzensgrund.

Wir sagen Dank für alle Menschen, die uns lieb sind und die uns stützen auf unserem Weg. Wir bitten dich für die Erwachsenen, die wir getauft haben, dass sie im Vertrauen auf dich gefestigt werden und ihr Leben in der Verantwortung vor dir führen. Wir bitten für die Kinder, die wir getauft haben, dass Sie alles bekommen, was sie brauchen, um ein gesegnetes Leben zu führen und auch für andere ein Segen zu sein.

Wir bitten dich für Menschen, die in verschiedenen Ländern für gerechte Verhältnisse und mehr Freiheit kämpfen, in Nordafrika, im Nahen Osten, in Weißrussland. Hilf Politikern, dass sie mit Augenmaß regieren und nicht nur eigene Interessen verfolgen. Bewahre die Völker vor gewaltsamen Unruhen und schenke ihnen inneren und äußeren Frieden. Begleite Menschen, die sich verloren vorkommen, gib ihnen Mut zum Leben und genügend Selbstvertrauen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 321:

1. Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan.

2. Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

3. Lob, Ehr und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohne und Gott dem Heilgen Geist im höchsten Himmelsthrone, ihm, dem dreiein’gen Gott, wie es im Anfang war und ist und bleiben wird so jetzt und immerdar.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er wende sein Angesicht dir zu und gebe dir Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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