Reichtum, Weisheit und Erkenntnis Gottes

In drei Worten deutet Paulus an, wie tief der Ozean von Gottes Erbarmen ist: Reichtum, Weisheit, Erkenntnis. Auf Griechisch: Plutos, Sophia, Gnosis. Das sind Kurzformeln für drei Weltanschauungen.

Drei Geldhäufchen, aus denen ein Pflänzchen herauswächst - Symbol für wachsenden Reichtum

Kann Geld tatsächlich wachsen wie das Leben selbst? (Bild: nattanan23 – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Donnerstag, 22. Juli 2004, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind hier versammelt im Namen des dreieinigen Gottes: Ein und derselbe Gott ist lebendig für uns da, auf dreifach unterschiedliche Weise: als Vater und Schöpfer über uns, als Sohn Gottes und Bruder in Jesus, und als heilige Geistkraft, die wir in uns spüren.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 22. Juli 2004 aus dem Evangelium nach Markus 3, 31-35:

31 Und es kamen Jesu Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!

35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Gott, am Ende eines Tages kommen wir zu Dir. Wir klagen Dir, was uns belastet und gefangen hält.

Wir bringen vor Dich, was in uns hochmütig ist. Wenn wir uns für besser halten als andere. Wenn wir immer nur jammern: Ist es nicht schrecklich?! Wenn wir übersehen, was andere können, was andere leisten und woran andere scheitern. Hilf uns zur Demut!

Wir singen die erste Strophe des Liedes „Was wir denken“ vom Liedblatt:

1. Was wir denken, ist eng, ist ärmlich, erbärmlich

Gott, wir bringen vor dich, was in uns unehrlich ist. Wenn wir anders reden als wir empfinden. Wenn wir uns größer machen, als wir sind, oder absichtlich tiefstapeln, damit uns andere um so mehr loben. Hilf uns zur Demut!

Wir singen die zweite Strophe des Liedes „Was wir denken“:

2. Was wir reden, ist schwach

Gott, wir bringen vor dich, was in uns kleinmütig ist. Wenn wir uns überhaupt nichts zutrauen, obwohl du uns Gaben geschenkt hast. Wenn wir immer nur jammern: Ich schaffe es nicht! Wenn wir übersehen, was wir können, wenn wir gering achten, was wir geleistet haben, wenn wir uns nicht klar machen, woran wir scheitern. Hilf uns zur Demut!

Wir singen die dritte Strophe des Liedes „Was wir denken“:

3. Was wir tun, ist gering

Wir danken Gott, der uns Demut schenkt: Demut, die uns hilft, Hochmut und Kleinmut zu überwinden, ehrliche Demut, die uns hilft, uns so zu sehen, wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen, als Sünder, die begnadigt sind zum Leben im Vertrauen, in der Liebe, in der Hoffnung.

Wir erinnern uns in der Stille an das Gute, das uns begegnet:

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Liebe Turmgemeinde, der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer 11:

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

In drei Worten deutet Paulus an, wie tief der Ozean von Gottes Erbarmen ist: Reichtum, Weisheit, Erkenntnis. Auf Griechisch: Plutos, Sophia, Gnosis. Das sind Kurzformeln für drei Weltanschauungen.

Als erstes der Reichtum. Wir wünschen uns Geld, um leben zu können, ohne Not zu leiden. Wir sind reich, wenn wir arbeiten können und einen Arbeitsplatz haben, wenn wir gesund und sozial abgesichert sind. Aber das alles kann schnell verloren gehen. Die neuen Gesetze – Stichwort Hartz IV – die im nächsten Januar greifen, werden Menschen in unserem Land unter die Armutsgrenze treiben, die das nie für möglich gehalten hätten.

Paulus aber meint: weder finanzieller Reichtum noch finanzielle Armut bestimmen darüber, ob unser Leben erfüllt ist oder nicht. Er weiß: Was uns wirklich reich macht, haben wir von Gott: Unser Leben, die Liebe, die wir empfangen und geben, unsere Begabungen, die auch unsere Aufgaben sind. Eine Gabe und Aufgabe kann unsere Gesundheit sein, aber es kann auch eine Gabe sein, mit Belastungen leben zu können, zum Beispiel eine schwere Krankheit zu ertragen.

Als zweites setzt Paulus sich mit der Weisheit auseinander. Die Lebenserfahrenen wissen, was Sache ist: Nichts wird einem geschenkt, die Welt ist schlecht, komm du erstmal in meine Jahre! – und was der Lebensweisheiten mehr sind. Aber Paulus sucht Weisheit ausgerechnet bei einem Mann, der gar nicht alt genug wird, um Altersweisheit zu erwerben. Nur 33 Jahre wird er alt. Ist Jesus weise? Zeigt sich in ihm Gottes Weisheit? Paulus ist überzeugt: Der da am Kreuz verreckt, ist Gottes Sohn – in ihm ist Gottes Weisheit versteckt, wie in einem ganz tiefen stillen Wasser.

Die philosophisch gebildeten Menschen damals nennen es Torheit, einen so schändlich hingerichteten Menschen als Gottes Sohn zu verehren. Gott muss stark sein, über den Dingen stehen! Für viele Juden ist es Gotteslästerung, einen Mann, der man an einem Holzpfahl aufgehängt hat, als Messias zu verehren. Der Messias hätte siegen müssen, nicht leiden dürfen.

Aber Gott antwortet auf die Frage, warum er das Leid in der Welt zulässt: „Ich erleide es selbst. Der da am Kreuz, das bin ich!“

Drittens setzt sich Paulus mit denen auseinander, die Erkenntnis suchen, auf Griechisch „Gnosis“. Das Wort Gnosis meint damals eine regelrechte Wissenschaft vom Weg zur Erlösung. Die Menschen, die sich Gnostiker nennen, sind überzeugt, dass in ihnen ein Funke des göttlichen Lichtes wohnt und dass sie besser als andere Menschen wissen, wie man zu Gott kommen kann. Sie fühlen sich über das niedere Volk erhaben, das nur an armseligen Vergnügen interessiert ist wie Essen und Trinken, Arbeit und Liebemachen. So ein Elitedenken in Sachen Religion lehnt Paulus ab. Auch für die besten und frömmsten Menschen bleiben Gott selbst grundsätzlich unerforschlich. Und seinen Willen für unsere Wege offenbart er nicht nur wenigen, sondern allen, die dafür offen sind! Wer sich für besser hält als andere, der macht sich etwas vor.

Trotzdem gilt: Gerade weil nur Gott selbst sich in voller Tiefe erkennen kann, können wir alle Gott erkennen – nämlich dann, wenn er uns mit seinem Geist erfüllt! Dann erkennen wir ihn sozusagen von innen, ergriffen von seiner Liebe. Mit leeren Händen stehen wir vor Gott – Gott füllt sie. Als die Armen im Geiste stehen wir vor Gott – und Gott lässt uns erkennen, wie groß seine Liebe und sein Erbarmen ist.

O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

ruft Paulus aus (Römer 11, 33). Amen.

Wir singen das zweite Lied:

Herr, deine Güte

Großer Gott, beschenke uns mit dem Reichtum deiner Liebe, damit wir Wärme und Herzlichkeit verbreiten, damit wir uns unserer Grenzen bewusst bleiben und keinen falschen Stolz nötig haben.

Manchmal wissen wir nicht weiter. Dann zeige uns neue Wege, gib uns neuen Mut und neue Hoffnung, richte uns wieder auf! Und wenn wir mit unserem Glauben am Ende sind, wenn wir an dir selber zweifeln, dann gib in unsere leeren Herzen neues Vertrauen, neue Zuversicht. Amen.

Vater unser und Segen
EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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