Exodus aus Elam am Persischen Golf – nicht aus Ägypten

Konrad Bauersachs behauptet: Das Volk Israel kam nicht vom Nil zum Jordan, sondern Nachkommen Abrahams, die als Nomaden östlich des Tigris lebten und im Land Elam Fronarbeiter wurden, flohen quer durch die Wüste Arabiens zu den Ebenen Moabs am Fluss Arnon. Offen bleibt aber die Frage, wie die Überlieferungen dieser Exodus-Familien in die Bibel gelangt sein sollen. <1>

Eine Landkarte des Nahen Ostens von Ägypten bis Elam

Diese Karte des Nahen Ostens im 13. Jahrhundert v. Chr. gibt einen Eindruck von den Schauplätzen des Buches von Konrad Bauersachs zwischen Elam und Kanaan (Karte: Sémhur, Middle_East_topographic_map-blank.svg, verändert durch: Zunkir, Moyen Orient 13e siècle, Ausschnitt, CC BY-SA 3.0)

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in ein Buch, das mich fand

1.1 Die Fachwelt sollte Konrad Bauersachs‘ Argumente prüfen

1.2 Zweifel der Fachwelt an der historischen Wirklichkeit des Exodus, der Wüstenwanderung und der Erzvätererzählungen

1.3 Von wundersamen Fügungen damals wie heute

1.4 Die historische Hintergrundgeschichte der biblischen Erzählungen von Abraham bis David komplett umschreiben

1.5 Eine seltsame Europareise auf dem falschen Kontinent

1.6 Indizienprozess mit Hilfe des Ockhamschen „Rasiermessers“

1.7. Ein Blick auf die biblische Weisheitsliteratur

1.7.1 Das Hohelied Salomos

1.7.2 Das Buch Hiob

2. Perspektivenwechsel: Babylonien und Elam statt Ägypten

2.1 Warum Ägypten historisch nicht in Frage kommt

2.1.1 In den Erzählungen vom Exodus kommen keine Katzen vor

2.1.2 In Ägypten gab es keinen privaten Landbesitz

2.1.3 Es ist abwegig, den Exodus mit den „Hyksos“ zu verbinden

2.1.4 Die Bibel berichtet nicht von der Arbeit in Steinbrüchen

2.2 Babyloniens geographische und klimatische Verhältnisse

2.3 Der Garten in Eden und seine vier Ströme in Mesopotamien

2.4 Geschichte Babyloniens und Assyriens

2.4.1 Hammurabi und sein Gesetzbuch

2.4.2 Kurzer Blick auf Assyrien

2.4.3 Die Aufrichtung der Herrschaft der Kassiten in Babylonien

2.4.4 Babylonische und assyrische Beziehungen zu Ägypten

2.4.5 Das biblische Goschen lag im Kassitenland

2.5 Geographie und Geschichte des Landes Elam

2.5.1 Geographie Elams, insbesondere der Susiana im Westen

2.5.2 Flüsse in Chuzistan (= Susiana = West-Elam)

2.5.3 Ältere Geschichte Elams und Inzest im Königshaus

2.5.4 Schwierigkeiten der Chronologie elamischer Dynastien

2.5.4.1 Der Kidinuide Tepti-Ahar = Hurpatila (West-Elam)

2.5.4.2 Die Igihalkiden Untaš-Napiriša (zunächst nur Ost-Elam) und Kidin-Hutran III.

3. Abraham und seine Sippe in Babylonien und Elam

3.1 Die biblischen Erzeltern sind nicht die Vorfahren des historischen Volkes Israel

3.2 Kleinviehnomadentum als Lebensform der Sippe Abrahams

3.3 Abrahams Lebenslauf mit dem historischen Festpunkt im Jahr 1332 v. Chr.

3.4 Abrahams Heimat in Jamutbal zwischen Seferani und der Hügellandschaft Kuh-e-Mish Dagh

3.5 Die Wanderungen Abrahams und seines Vaters Terach

3.5.1 War Ur Abrahams Heimat – und wenn ja, welches?

3.5.2 Harran in Jamutbal als erstes Ziel von Terachs Familie

3.5.3 Auch Chananeh = Kanaan findet sich im Jamutbal

3.5.4 Ist die elamische Stadt Susa das Sichem Abrahams und Elam sein verheißenes Gelobtes Land?

3.5.5 Bethel und Ai sind Badal und Hai – westlich und östlich des Bergrückens Kuh-e-Mish Dagh

3.6 Die Wanderungen Jakobs

3.6.1 In Jamutbal ist der Durchtrieb großer Viehherden leichter möglich als in Transjordanien

3.6.2 Jabbok und Penuël entsprechen den Flüssen Schabaich und Pelen im Jamutbal

3.6.3 Das Gebirge Gilead als Hügelland zwischen dem Jamutbal und dem Zagros-Gebirge

3.6.4 Jakobs Rastplatz bei Sukkot – aber nicht am Jordan

3.6.5 Blutrache für Dina bei Sichem = Saicha?

3.6.6 Esaus Heimat in Edom = Abu Edham

3.6.7 Abrahams Wohnsitz in Mamre bei Hebron

3.7 Abraham und Lot in „Ägypten“ und im Südland

3.7.1 Liegt Abrahams „Ägypten“ in der Susiana oder in Misan?

3.7.2 Ist Abrahams und Lots „Südland“ der Ort Anāfğe bei Ahvaz oder sind es die Wüstensteppen südwestlich der Susiana?

3.7.3. Lot trennt sich von Abraham und zieht in das wasserreiche Land der Susiana am Kuh-e-Kerit

3.8 Völker, mit denen Abraham außerdem zu tun hatte

3.8.1 Perisiter und Philister zur Zeit Abrahams – waren sie Perser?

3.8.2 Nur in Babylonien konnte es zur Zeit Abrahams bereits geschäftstüchtige Hethiter geben

3.9 Ein historischer Kriegsbericht mit Abraham und Lot als in Mitleidenschaft geratene Beteiligte

3.9.1 Zum Hintergrund des Kriegsberichts

3.9.2 Die vier Könige von Schinar, Elam, Ellasar und Gojim

3.9.3 Die fünf Könige von Sodom, Gomorrha, Adma, Zebojim und Bela/Zoar

3.9.4 Waren Refaiter, Susiter, Emiter, Horiter, Amalekiter und Amoriter am Krieg der 4 gegen 5 beteiligt – und wenn ja, wie?

3.9.5 Neue Sicht babylonisch-assyrisch-elamischer Geschichte

3.9.5.1 Kedor-Laomer = Kadašman-KUR.GAL regiert 12 Jahre über West-Elam (Susa)

3.9.5.2 Tepti-Ahar = Hurpatila vertreibt die Kassiten im 13. Jahr, indem er von blutigen Thronfolgewirren in Babylon profitiert

3.9.5.3 Kurigalzu II. entmachtet Tepti-Ahar = Hurpatila im 14. Jahr im Einverständnis mit Untaš-Napiriša von Ost-Elam (Anšan)

3.9.6 Geographische Verortung des Kriegsschauplatzes und der heldenhaften Befreiung Lots durch Abraham in 1. Mose 14

3.9.6.1 Das Tal Siddim bei den Asphaltgruben von Saddine

3.9.6.2 Die Verfolgung der Entführer Lots bis Hoda bei Andimašk

3.9.6.3 Ist in dem Priesterkönig Melchisedek eine Erinnerung an König Meli-Šihu aufbewahrt?

3.10 Welche Ursache ließ Sodom und Gomorrha untergehen?

3.10.1 Ein Vulkanausbruch scheidet aus

3.10.2 Ein Erdbeben allein reicht als Ursache nicht aus

3.10.3 Erdöl und Erdgas können einen Feuersturm erzeugen

3.10.4 Wo haben Sodom und Gomorrha tatsächlich gelegen?

3.11 Kann man weitere Vertreter von Abrahams Sippe mit Babylonien und Elam in Verbindung bringen?

3.11.1 Erzählkreis Mamre/Hebron (Hauptfiguren: Abram – Lot)

3.11.2 Erzählkreis Lachai-Roi (Hauptfiguren: Hagar – Isaak)

3.11.3 Erzählkreis Beerscheba und Gerar (Hauptfiguren: Isaak – Abimelech)

3.11.4 Erzählkreis Haran – Sichem – Bethel (Hauptfigur: Jakob)

3.11.5 Zwei weitere Erzählkreise um Josef und Mose sowie Erzählungen um einzelne Personen

4 Der Exodus und seine Vorgeschichte in Babylonien und Elam

4.1 Abraham, Josef und Mose als Hebräer = Ḫabiru

4.2 Josef und die babylonische Wirtschaftskrise im 13. Jhdt. v. Chr.

4.2.1 Eine Klimakatastrophe als Ursache einer Wirtschaftskrise

4.2.2 Selbstversklavung auf Grund von Überschuldung

4.2.3 Josefs „sieben fette Jahre“: Zwangsbevorratung unter König Šagarakti-Šuriaš

4.2.4 Josefs „sieben magere Jahre“: Selbstversklavung unter König Kaštiliaš IV.

4.2.5 Der König, „der Josef nicht mehr kannte“: Enlil-Nadin-Šumi von Babylonien und/oder Kidin-Hutran III. von Elam?

4.2.6 Josef und seine Hilfe für den Jakob-Clan im Jamutbal

4.3 Mose als zur Rebellion bereiter Ḫabiru in Chuzistan

4.3.1 Zum Stammbaum und zum Alter des biblischen Mose

4.3.2 Wurde Mose durch eine Pharaonentochter gerettet und am Hof des Pharao erzogen?

4.3.3 Hat Mose einen ägyptischen Sklavenaufseher erschlagen?

4.3.4 Mose und seine Beziehung zum Land Midian = Widyan

4.3.5 War Mose nur ein hauptberuflicher Karawanenführer?

4.3.6 Zur „romantischen“ Zusammenführung der Mose-Familie

4.4 Fronarbeit unter Untaš-Napiriša in Chuzistan/Susiana

4.4.1 Ziegelherstellung für Haft Tepe und Čoga Zanbil

4.4.2 Verwendung von Asphalt als Mörtel

4.4.3 Schilfmatten und -taue zur Stabilisierung von Ziegelbauten

4.5 Der Exodus aus Chuzistan unter „Pharao“ Kidin-Hutran III.

4.5.1 Gab es Verhandlungen zwischen Mose und dem „Pharao“?

4.5.2 Die ersten sechs „ägyptischen“ Plagen als Öko-Katastrophe und weitere vier als Naturereignisse

4.5.2.1 Wasser wird Blut (1. Plage)

4.5.2.2 Frösche (2. Plage)

4.5.2.3 Stechmücken (3. Plage)

4.5.2.4 Stechfliegen (4. Plage)

4.5.2.5 Viehpest (5. Plage)

4.5.2.6 Geschwüre (6. Plage)

4.5.2.7 Hagel (7. Plage)

4.5.2.8 Heuschrecken (8. Plage)

4.5.2.9 Finsternis und Tötung der „Erstgeburt“ (9. und 10. Plage)

4.5.3 Der Exodus durchs „Rote Meer“ am Persischen Golf

4.5.3.1 Ausgangsort des Exodus: Ramses in Ägypten oder Ramsije in Karun?

4.5.3.2 Aufbruch der Exodus-Gruppe nach Südwesten bis Etam

4.5.3.3 Das Rote Meer des Exodus: Der Persische Golf

4.5.3.4 Voraussetzungen für den Durchzug durch das „Rote Meer“

4.5.3.5 Ein Damm, den die Exodus-Gruppe durchqueren kann…

4.5.3.6 … und in dessen Schlamm Streitwagen stecken bleiben

4.5.3.7 Mauern aus Wasser beeindrucken die Exodus-Gruppe…

4.5.3.8 … und überfluten die Streitwagen Kidin-Hutrans III.

5 Die Wüstenwanderung der Exodus-Gruppe

5.1 Drei biblische Darstellungen der Wüstenwanderung

5.1.1 Die Wüstenwanderung nach dem 2. und 4. Buch Mose

5.1.1.1 Wüste Schur: kein Wasser

5.1.1.2 Mara – Elim – Wüste Sin: bitteres Wasser – viel Wasser

5.1.1.3 Wüste: Versorgung mit Wachteln und Manna

5.1.1.4 Refidim – Felsen am Horeb – Massa und Meriba

5.1.1.5 Refidim – Amalek – Gipfel des Hügels – JHWH NiSsiJ

5.1.1.6 Gottesberg (Horeb)

5.1.1.7 Wüste Sinai – Gottesberg (Sinai)

5.1.1.8 Gottesberg (Horeb)

5.1.1.9 Wüste Paran

5.1.1.10 Tabera – Kibrot-Hattaawa – Hazerot

5.1.1.11 Konflikt Moses mit Mirjam und Aaron

5.1.1.12 Wüste Paran und Zin – Kadesch – Horma (Kundschafter)

5.1.1.13 Untergang der Rotte Korach

5.1.1.14 Wüste Zin – Kadesch

5.1.1.15 Meriba – Haderwasser

5.1.1.16 Kadesch – Edom – Berg Hor

5.1.1.17 Atarim – Arad – Horma

5.1.1.18 Berg Hor – Schilfmeer

5.1.1.19 Zum Arnon und ins Land Moab

5.1.1.20 Amoriter: Jahaz – Heschbon – Jaser – Baschan – Edrei

5.1.1.21 Ebenen Moabs

5.1.1.22 Einschub der Balak-Bileam-Geschichte

5.1.1.23 Schittim und Midianiter

5.1.1.24 Ebenen Moabs

5.1.1.25 Gebirge Abarim

5.1.1.26 Midianiter

5.1.2 Liste der Lagerplätze Israels nach 4. Mose 33

5.1.3 Die Wüstenwanderung nach dem 5. Buch Mose

5.1.3.1 Gottesberg Horeb und Sinai

5.1.3.2 In elf Tagen vom Horeb bis Kadesch-Barnea

5.1.3.3 In 38 Jahren von Kadesch-Barnea bis zum Bach Sered

5.1.3.4 Einnahme von Gilead und Baschan, beider Amoriterländer

5.1.3.5 Verfehlungen Israels: Von Massa bis Kadesch-Barnea

5.1.3.6 Vom Tod Aarons auf dem Berg Moser / Berg Hor

5.1.3.7 Vom Tod Moses auf dem Berg Pisga / Nebo / Abarim

5.2 Die „falsche“ Wüstenwanderung nach Bauersachs

5.2.1 Wann wurde Kadesch erreicht und wo liegt dieser Ort?

5.2.2 Umwege nach Transjordanien

5.2.2.1 Edom

5.2.2.2 Die Königsstraße

5.2.2.3 Arad

5.2.2.4 Moab

5.2.3 Warum wurde die Wüstenwanderung falsch erinnert?

5.2.4 Kann die Wüstenwanderung 40 Jahre gedauert haben?

5.3 Eine rekonstruierte Wanderroute der Exodus-Gruppe

5.3.1. Etappe 1: Wüste Schur – vom „Schilfmeer“ bis zum Horeb

5.3.1.1 Aufbruch vom „Schilfmeer“

5.3.1.2 Amalek bei Refidim oder Bani Malik bei Rafidia?

5.3.1.3 Der Djebel Sanam als der Gottesberg Horeb

5.3.1.3.1 Gott offenbart sich „auf dem Felsen am Horeb“

5.3.1.3.2 Mose errichtet einen Altar mit dem Namen JHWH NiSsiJ

5.3.1.3.3 Der Priester Jitro besucht Mose am Gottesberg Horeb

5.3.1.3.4 Der Priester Jitro als Ratgeber der Exodus-Gruppe

5.3.1.3.5 Auf dem Djebel Sanam könnte Mose in einer Felsenhöhle stehen

5.3.1.3.6 Wie verhält sich der Gottesberg Horeb zum Sinai?

5.3.2 Etappe 2: Wüste Paran – vom Horeb bis nach Kadesch

5.3.2.1 Auskundschaftung des Gelobten Landes – in Palästina?

5.3.2.2 Wie kam die Exodus-Gruppe vom Horeb nach Kadesch?

5.3.2.3 Wurde das Landesinnere von Babylonien erkundet?

5.3.3 Etappe 3: Wüste Sin/Zin – von Kadesch-Qadisija bis Kadesch-Hubayb

5.3.3.1 Al Lasaf und As Ašuriya gehörten nicht zur Wanderroute

5.3.3.2 Durch das Wadi Hasb und Sha‘ib Hisb zum Faidat es Sin

5.3.3.3 Mara: Bitteres Wasser wird süß

5.3.3.4 Wasserstellen bei Elim / Refidim = eš Šabaka / Radifa?

5.3.3.5 Höhlen bei Habikah und der Untergang der Sippe Korach

5.3.3.6 Edom: Ein erzwungener Umweg bei Dumat-al-Ğandal?

5.3.3.7 Brunnengrabung bei Sakaka? Nein, hier lag Edom!

5.3.3.8 Mirjams Aussatz und Tod und die Haderwasser-Affäre

5.3.4 Etappe 4: Wüste Sinai – vom Berg Hor zum Berg Sinai

5.3.4.1 Das vulkanische Gebirge des Djebel Amud als der Sinai

5.3.4.2 Wurde der Berg Hor, wo Aaron starb, zum Gottesberg?

5.3.4.3 Giftige Schlangen auf dem Weg zum Schilfmeer

5.3.5 Etappe 5: Wadi Sirhan – von Tabera bis zum Schilfmeer

5.3.5.1 Feuer bei Tabera = Tabarjal

5.3.5.2 Wachteln bei Kibrot-Hattaawa

5.3.5.3 Gab es einen König von Arad = Ridifah im Wadi Sirhan?

5.3.5.4 Geschah die Kundschafteraussendung von Ghatti aus?

5.3.5.5 Hatte bereits die Exodus-Gruppe das „Gelobte Land“ als von Gott verheißenes Land vor Augen?

5.3.6 Etappe 6: Rund um die Wüste „vor Moab gegen Osten“

5.3.6.1 Durch die Wadis Adla und Ghadaf nach Obot = et-Tuba

5.3.6.2 Von Ije-Abarim zum Arnon bei Waheb in Sufa und zum Tal gegenüber dem Pisga

5.3.6.3 Welcher Berg bot Mose den Blick aufs „Gelobte Land“?

5.3.6.3.1 Welcher Djebel – Pisga, Nebo, Suwaqa oder Djauapijat?

5.3.6.3.2 Starb Mose vor Erreichen des Ziels oder kehrte er als Karawanenführer nach Hause zurück?

6 Von der „Landnahme“ bis zum Königreich Davids

6.1 Die „erste Landnahme“ in Transjordanien um 1200 v. Chr.

6.1.1 Seit wann gibt es Israel im nördlichen Palästina?

6.1.2 Die Wüstenwanderung endete nicht am Toten Meer…

6.1.3 … sondern in den „Ebenen Moabs“ in Moab

6.1.4 Erdbeben und Einwanderung von Seevölkern

6.1.5 Die Zerstörung von Jericho in Moab

6.1.6. Die Eroberung zweier Amoriter-Länder nach der Bibel

6.1.7 Geographie Ammons und der Königreiche Sihons und Ogs nach Bauersachs

6.1.7.1 Ammon

6.1.7.2 Sihon

6.1.7.3 Og

6.1.8 Friedliche Siedlung von Exodus-Flüchtlingen im Gebiet auch nördlich des Arnon

6.1.9 Waren die Ost- und Westjordan-Stämme eigentlich Süd- und Nordarnon-Stämme?

6.1.10 Gehörte der Stamm Gad auf der Mescha-Stele zu Moab oder zu Israel?

6.2 Geschichte der Exodus-Gruppe in den Jahrhunderten zwischen 1180 und 880 v. Chr. nach Bauersachs

6.3 Die „zweite Landnahme“ in Juda um 880 v. Chr.

6.3.1 Der Richter Jeftah und Israels Anspruch auf Gebiete Moabs

6.3.2 Der Prophet Bileam und die Mescha-Stele

6.3.2.1 Sollte Bileam einen Angriff Israels auf Moab ermöglichen?

6.3.2.2 Zur geographischen Verortung des biblischen Bileam

6.3.2.3 In welcher historischen Zeit gab es einen realen Bileam?

6.3.2.4 Die Bileam-Episode als Spiegelbild historischer Ereignisse in den Jahren 880 und 841 v. Chr.

6.3.3 Die „zweite Landnahme“ als Flucht aus Moab ins judäische Bergland im Jahr 880 v. Chr.

6.4 Spurensuche nach dem historischen König David

6.4.1 Streifzug durch die Königslisten Israels und Judas von Omri rückwärts bis zum angeblichen Großreich König Davids

6.4.2 Biblische Verbindungen von David mit Moab

6.4.3 Die Tel-Dan-Stele und Davids Geburt um 900 v. Chr.

6.4.4 Die doppelten Könige Joram und Ahasja in den Königslisten Israels und Judas

6.4.5 Alternative Königslisten für Israel und Juda

6.4.6 War David mit Joschafat von Juda identisch?

6.4.7 Salomo als idealisierter unhistorischer König

6.4.8 Gab es ein Mini-Reich König Sauls zur Zeit Omris?

6.4.9 Ein Schicksalsjahr für Israel, Moab und Juda: 841 v. Chr.

6.4.9.1 Aufkündigung des Bündnisses zwischen Israel und Aram nach der Ermordung des aramäischen Königs durch Hasaël

6.4.9.2 Beendigung der Besatzung Israels in Moab durch König Mescha

6.4.9.3 Kriegsgegner Jorams und Jehus in Ramot-Gilead: Hasaël von Aram oder Salmanassar III. von Assyrien?

6.4.9.4 Der historische Jehu als radikaler JHWH-Monotheist

6.4.9.5 Nahm ein religiös toleranter David desertierte JHWH-treue Soldaten Israels aus Moab in seine Truppe auf?

6.4.9.6 Hat Davids Streitmacht die Jehu zugeschriebene Liquidierung der Omriden und Baalspropheten in Samaria vollzogen?

6.4.10 David und die Kriege Israels gegen die Aramäer

6.5 Die Exodus-Gruppe und der JHWH-Glaube – wie beides nach Bauersachs in die biblische Niederschrift kam

6.5.1 Die Ablehnung eines erfundenen Exodus als Katastrophe für die Theologie

6.5.2 Zur Erfindung einer Geschichte Gesamt-Israels

6.5.3 Welche Überlieferungen flossen nach Bauersachs in der biblischen Niederschrift zusammen?

6.5.4 Stellt die Bibel Israel nur als böse und Juda nur als gut dar?

6.5.5 Widersprüchliche Einschätzung des JHWH-Glaubens

6.5.6 War JHWH den Nachfahren der Exodus-Gruppe um 841 v. Chr. noch nicht bekannt?

6.5.7 Welche religiöse Einstellung hatte die Exodus-Gruppe?

7 Wie gelangten die Überlieferungen der Exodus-Gruppe in die Bibel?

7.1 Könnte Mose den Gott JHWH am Djebel Sanam kennengelernt haben?

7.2 Konsequenzen aus dem Bild der seltsamen Europareise auf dem falschen Kontinent

7.3 Gibt es Spuren der Exodus-Gruppe im Ost- und Westjordanland?

7.3.1 Abram – Abraham – Isaak – Hagar

7.3.2 Jakob – Josef

7.3.3 Hebräer

7.3.4 Exodus-Tradition

7.4 Ein offenes Ende mit vielen losen Fäden…

8. Nachtrag – ein Jahr später

Anmerkungen

1. Einführung in ein Buch, das mich fand

Buchtitel "Natürlich hat die Bibel Recht" von Konrad Bauersachs, im Hintergrund der Berg Sinai

Das Titelbild des Buches, das Konrad Bauersachs mir schenkte und für das ich ihm herzlich danke! (Photo vom Berg Sinai: Prof. Michael T. Mortel)

Sieben einleitende Abschnitte stelle ich meiner Buchbesprechung voran (Angaben zur Zitierung, zur Quellenangabe von Bibelzitaten und zur Umschrift hebräischer Wörter finden Sie in Anmerkung <2>):

  1. über das Buch von Konrad Bauersachs, das die Fachwelt trotz ihres Titels ernstnehmen sollte,
  2. über die Diskussion in der Fachwelt der alttestamentlichen Wissenschaft, zu der das Buch einen wertvollen Beitrag leisten könnte,
  3. über die Art und Weise, wie nicht nur zu biblischen Zeiten rettende Ereignisse als Wunder gedeutet wurden, sondern auch heutzutage ein zufälliges Ereignis dazu führte, dass dieses Buch sozusagen mich finden konnte,
  4. über die Absicht des Buches, die historische Hintergrundgeschichte der biblischen Erzählungen von Abraham bis David komplett umzuschreiben,
  5. über eine seltsame Europareise auf dem falschen Kontinent als Analogie zu alttestamentlichen Entsprechungen,
  6. über die Vorgehensweise von Konrad Bauersachs, mit Hilfe des Ockhamschen „Rasiermessers“ und der „kontrollierten historischen Spekulation“ nach Herbert Donner einen Indizienprozess zur Auffindung historischer Wahrheit in biblischen Erzählungen zu führen und
  7. zu zwei einführenden Beispielen dieser Indiziensuche, die allerdings zum eigentlichen Thema seines Buches nach meiner Einschätzung noch nichts beitragen.

1.1 Die Fachwelt sollte Konrad Bauersachs‘ Argumente prüfen

Konrad Bauersachs war nicht als Theologe, sondern als Naturwissenschaftler, der sich als Autodidakt einen umfassenden Durchblick zur altorientalischen Geschichte Babyloniens und seiner Nachbarländer verschafft hatte, zu der wohlbegründeten Einsicht gelangt, dass viele Erzählungen der Bibel von Abraham über den Exodus und die Wüstenwanderung der Israeliten bis hin zu König David mit historisch nachweisbaren Örtlichkeiten und Ereignissen zusammenhängen – allerdings nicht dort, wo man sie bisher gesucht hat. Er selbst schreibt zu den Zielen seiner Arbeit (S. 1):

Der Inhalt handelt nicht von theologischen und auch nicht – in Konsequenz – von politischen Streitfragen. Ich stelle ausdrücklich nicht die Glaubensgrundlage des Juden- und Christentums in Frage, sondern befasse mich mit den historischen Hintergründen zu den biblischen Geschichten und zeige, dass diese biblischen Geschichten immer wieder reale Geschichte enthalten.

Aber Bauersachs musste feststellen (S. 2):

Leider sind die wenigsten Alttestamentler zu interdisziplinären Kontakten bereit, obwohl zahlreiche biblische Rätsel ganz natürlich erklärt werden könnten. Statt dessen werden diese Phänomene als theologische Botschaften begriffen und im Fach „Wunder“ abgelegt. Gespräche mit Naturwissenschaftlern <3> hätten Alttestamentler überzeugen können, die Schublade „Wunder“ zu leeren und vermeintliche Wunder in die Schublade „Realität“ umzuschichten.

So wirft er der theologischen Fachwelt vor, sich zu sehr innertheologisch um sich selbst zu drehen (S. 1):

Die mangelnde Bereitschaft zu interdisziplinären Kontakten führt dazu, dass bei der Analyse der biblischen Texte der Schwerpunkt auf die theologischen Botschaften des Alten Testaments gelegt wird.

Alles dreht sich um die Frage, welche Absicht ein Redaktor der Niederschrift beim „Verpacken“ einer Belehrung in eine Geschichte gehabt haben mag. Es wird kaum daran gedacht, dass die in Geschichten (nicht Geschichte!) verpackten Erzählungen des Alten Testaments vielfach einen nachprüfbaren historischen oder naturwissenschaftlich erklärbaren Kern besitzen…

Konkret und im einzelnen geht es Konrad Bauersachs um die folgenden klar umrissenen Themen (S. 6):

In diesem Buch befasse ich mich mit den historischen Inhalten der Erzählungen des Alten Testaments und konstruiere mit dokumentierten historischen Tatsachen einen völlig neuen Zeit- und Ortsrahmen für die biblischen Berichte. Ich beginne beim Patriarchen Abraham, daran schließt sich die sogenannte ägyptische Gefangenschaft an, gefolgt von Exodus, Wüstenwanderung und der sogenannten Landnahme.

Die anschließende Richterzeit leitet zur vereinten Monarchie über. Mit den Königen Saul und David endet meine Korrektur des geschichtlichen Umfelds. Ab Mitte des 9. Jhdts. gibt es zahlreiche außerbiblische Quellen, die im Kern die biblischen Darstellungen bestätigen.

Leider war der Titel, den Konrad Bauersachs für sein Buch auswählte, wohl nicht die beste Wahl, um von der theologischen Fachwelt überhaupt wahr-, geschweige denn ernstgenommen zu werden: Natürlich hat die Bibel Recht. Biblische Geschichte statt Geschichten von Abraham bis David, Rosenheim 2014.

Historisch-kritisch forschende Alttestamentler mochten denken, dass hier jemand an Werner Kellers Bestseller Und die Bibel hat doch recht. Forscher beweisen die Wahrheit des Alten Testaments, Düsseldorf 1955, anknüpfen wollte, das einer historischen Überprüfung vor allem im Licht neuerer archäologischer Erkenntnisse nicht standhält. <4> Und derjenige Teil der Fachwelt, der immer noch geneigt ist, größere Teile der biblischen Geschichte für historisch zu halten, wird nicht unbedingt mit der Art und Weise einverstanden sein, in der Bauersachs zwischen unhistorischen und historischen Inhalten der Bibel unterscheidet. Jedenfalls hat das Buch von Konrad Bauersachs bisher auch kaum größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt.

Ob die Überschrift, die ich für diese Buchbesprechung gewählt habe, es zu erreichen vermag, dem Anliegen seines Buches offener gegenüberzutreten, lasse ich dahingestellt sein. Nach eingehender Prüfung seiner Argumente setze ich mich jedenfalls nachdrücklich dafür ein, dass auch die Fachwelt sie wenigstens zur Kenntnis nehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen sollte.

1.2 Zweifel der Fachwelt an der historischen Wirklichkeit des Exodus, der Wüstenwanderung und der Erzvätererzählungen

Die historisch-kritische Erforschung der Bibel ist weitgehend zu dem Schluss gekommen, dass es den Auszug aus Ägypten und die Wüstenwanderung des Volkes Israel durch die Wüste so, wie sie in der Bibel dargestellt werden, historisch nicht gegeben haben kann. So stellt Niels Peter Lemche <5> im 1. Band der von Walter Dietrich und Wolfgang Stegemann herausgegebenen Biblischen Enzyklopädie zur „Vorgeschichte Israels“ (S. 59) die

Frage, ob die Berichte über den Exodus, den Aufenthalt am Sinai und den Aufenthalt in der Wüste auf historischem Grund gebaut sind. Diese Frage ist mit dem Nachweis bestimmter erzählerischer Stilisierungen keineswegs erledigt. Denn die Einzelelemente der Berichte sind offensichtlich wenigstens teilweise schon vorhanden gewesen, bevor sie in der Gesamterzählung zusammengestellt wurden.

Wenn, so Lemche, S. 60, „im 2. Jahrtausend v.Chr. eine massive Auswanderung von Asiaten, d.h. der Vorväter Israels, aus Ägypten“ nicht vorstellbar ist, muss man vielleicht von einem Exodus ausgehen, „der von ganz bescheidenem Ausmaß gewesen wäre“, oder annehmen,

daß von den biblischen Geschichtsschreibern gegenwärtige Erfahrungen mit den Ägyptern in die Geschichte des Volkes zurücktransponiert und so zu einem archetypischen Grundmuster für die späteren Verbindungen zwischen Israel und Ägypten wurden…

Auch zu den Berichten von der Wüstenwanderung fragt Lemche (S. 60f.),

ob sie sich als historisch zuverlässige Darstellung tatsächlich stattgefundener Wanderungen der Frühisraeliten verstehen lassen, oder ob sie anders zu verstehen sind. Problematisch erscheint bereits der Umstand, daß ein so großes Volk – nach den Volkszählungen, die besonders im Buch Numeri erwähnt sind, umfaßte es mehrere hunderttausend Menschen – sich während mindestens vierzig Jahren in der Wüste aufgehalten haben soll. Die alttestamentliche Beschreibung der Wanderungen der lsraeliten in der Wüste stimmt ohnehin kaum mit dem Bild überein, das wir von den in Wüstenlandschaften lebenden Völkerschaften gewinnen können; vielmehr gewinnt man aus der Bibel den Eindruck einer religiösen Prozession – wohlgemerkt: im Kulturland! Die Zahl der Beteiligten ist erstaunlich. Wie hätten so viele Menschen in der Wüste überleben können? Diese Frage ist bereits von den biblischen Erzählern als gewichtig empfunden worden – das sieht man daran, daß sie eine klare Antwort dazu vorgelegt haben: mit Gottes Hilfe, weil der Gott Israels sein Volk versorgt hat! Auf der Ebene der Erzählung ist eine solche Erklärung wohl möglich, aber aus historischer Sicht muß hier weiter gefragt werden, denn ein Historiker kann nicht mit Wundern rechnen.

Die historisch-kritische Sicht des Alten Testaments geht also davon aus, dass der Auszug aus Ägypten dann möglicherweise einen historischen Hintergrund haben könnte, wenn man von einer weitaus geringeren Anzahl von Flüchtlingen ausgeht.

Einen historischen Hintergrund für die Erzvätererzählungen der Bibel von Abraham bis Josef stellt Niels Peter Lemche noch nachdrücklicher in Frage (S. 29):

Als Argument zugunsten der Erzvätererzählungen als einer Quelle der Vor- oder Frühgeschichte der Israeliten dürfte nur gelten, wenn wir in diesen Überlieferungen historische Rudimente und Erinnerungen finden könten, die zu zeigen vermöchten, daß die Patriarchenzeit tatsächlich eine historische Epoche darstellt. Allerdings stoßen wir in den Erzählungen auf keine konkreten Nachrichten, die beweisen könnten, daß einmal solche Patriarchen wirklich gelebt haben.

1.3 Von wundersamen Fügungen damals wie heute

Unter den Argumenten, die gegen jede Historizität biblischer Geschichten sprechen, stechen besonders diejenigen hervor, die sich auf übernatürliche göttliche Wunder beziehen. Wie wir bereits von Lemche hörten (S. 61): „Ein Historiker kann nicht mit Wundern rechnen.“ Interessant finde ich dennoch, wie er die Wunder beschreibt, durch die nach den Verfassern der Bibel die „Probleme der Versorgung der Israeliten in der Wüste gelöst“ worden sein sollen:

Sie bedienen sich einer ganzen Reihe von Wundern, bei denen der Gott Israels selbst in den Gang der Geschichte eingreift. Da ist zunächst das Mannawunder, dann sind da die Wachteln, mit denen sich die Israeliten, solange sie in der Wüste bleiben, ernähren konnten. Die beiden Wunder weisen auf bekannte Phänomene der Sinaihalbinsel hin – das jedenfalls haben uns mehrere Entdeckungsreisende, welche die Halbinsel durchkreuzt haben, versichert. So könnte also durchaus etwas geschehen sein, wie es die biblischen Erzählungen bezeugen. Dennoch bleiben die Berichte mirakulös, denn die Naturphänomene, die die Reisenden erblickt zu haben glauben, wären kaum für die Versorgung eines ganzen Volkes ausreichend gewesen. … Um das Überleben der Israeliten in der Wüste glaubhaft zu machen, greifen sie nicht auf etwas Unbekanntes, gar Widersinniges zurück, sondem arbeiten mit bekannten Phänomenen, die den Erfahrungshorizont der damaligen Menschen prinzipiell nicht übersteigen. Nur werden diese Phänomene so übersteigert dargestellt, daß sie zwar nicht an sich, wohl aber durch ihre Größe Staunen wecken. … D.h. Gott hat für seine Zwecke nur das benutzt, was bereits vorhanden war. Er hat nicht wie ein Zauberer etwas Unbekanntes erfunden.

Unter einem göttlichen Wunder im Zusammenhang mit der Wüstenwanderung (oder auch dem Auszug aus Ägypten <6>) muss man sich also nicht unbedingt eine übernatürliche Außerkraftsetzung der Naturgesetze vorstellen, sondern die religiöse Deutung außergewöhnlicher rettender Ereignisse, die als göttliche Fügungen interpretiert werden.

Von diesem Gedanken möchte ich einen Bogen spannen zu der Art, wie ich auf das Buch von Konrad Bauersachs stieß. Als ich am Beginn der Corona-Kontaktsperre (Mitte März 2020) in meinem „Home-Office“ beim Verfassen eines Textes mit dem „Open Source“ Programm OpenOffice Probleme mit der Silbentrennung hatte, bat ich auf einer entsprechenden Mailingliste um Hilfe. Beim diesbezüglichen Austausch von Testdokumenten mit einem gewissen Konrad Bauer­sachs stellte sich nicht nur heraus, dass dieser sehr schnell mein Programm wieder korrekt zum Laufen bringen konnte, sondern dass wir uns – von unterschiedlichen Perspektiven aus – für ein gemeinsames Thema interessierten, nämlich das Alte Testament.

Als religiös musikalischer Mensch bin ich durchaus geneigt, diesen „Zufall“ <7> als eine wundersame Fügung zu begreifen, durch die ich ein außerordentlich aufschlussreiches Buch in die Hand bekam, auf das ich sonst vermutlich nie gestoßen wäre.

Und mit seinem Autor, Konrad Bauersachs, verbindet mich von Anfang an ein ausgesprochen fruchtbarer Gedankenaustausch in einer freundschaftlichen Atmosphäre, die es allerdings nicht ausschließt, in manchen Fragen unterschiedlicher Meinung zu sein und nicht jeder seiner Behauptungen ungeprüft zuzustimmen.

1.4 Die historische Hintergrundgeschichte der biblischen Erzählungen von Abraham bis David komplett umschreiben

Bevor ich nun im einzelnen auf den Inhalt des Buches von Konrad Bauersachs eingehe, halte ich noch einmal fest, dass er ausschließlich historische Interessen verfolgt. Wenn er also fordert (S. 6), dass „die alttestamentlichen Erzählungen komplett umgeschrieben werden“ müssen, bezieht sich das auf die historische Geschichte im Hintergrund der biblischen Endredaktion des TeNaK. <8> Der TeNaK selber behält als theologisch-politisch-soziale Deutung der Geschichte Israels inmitten der Völker und als Wegweisung Gottes durch Tora, Propheten und Schriften unabhängig von der umgeschriebenen Realgeschichte seinen eigenen Sinn und Wert. Es mag aber sein, dass nachweisbare oder zumindest mögliche realhistorische Hintergründe biblischer Erzählungen ihre Deutung beeinflussen können, indem Hinweise auf ihren ursprünglichen Sinn und Zusammenhang ernst genommen werden müssen.

Jetzt aber ran an das Vorhaben von Konrad Bauersachs, das er auf S. 6 nochmals folgendermaßen beschreibt:

Für eine Reihe der im Alten Testament geschilderten Berichte aus der Zeit Abrahams und seiner Nachkommen gibt es historisch belegte Vorfälle, die den Patriarchen und dem Exodus einen völlig neuen Zeit- und – was noch wichtiger ist – Ortsrahmen geben. Zusammen mit einem „anderen“ Ägypten, einer „anderen“ Knechtschaft, einem „anderen“ Exodus und konsequenterweise sowie einer „anderen“ Landnahme müssen die alttestamentlichen Erzählungen komplett umgeschrieben werden. Ich liefere im Folgenden eine Synthese der verfügbaren Daten und Fakten: Einerseits berücksichtige ich neueste archäologische Erkenntnisse zur Bibelforschung, andererseits erfasse ich auch reale historische Vorgänge, die Bibelforscher bis heute mit dem Alten Testament überhaupt nicht in einen Zusammenhang bringen, obwohl der biblische Text diese Ereignisse exakt schildert.

1.5 Eine seltsame Europareise auf dem falschen Kontinent

Mit Hilfe einer seltsamen Reiseroute (S. 10), die dennoch „in allen Details korrekt beschrieben“ ist, stimmt der Autor uns auf seine Beweisführung ein:

Skizze einer merkwürdigen Europareise, die im Text beschrieben wird

Eine merkwürdige Europareise (Karte: Konrad Bauersachs)

Ein Urlauber beginnt seine Autoreise in Hanover und fährt zunächst Richtung Südosten nach Frankfort und dann in östliche Richtung nach Paris; dabei legt er 60 Kilometer zurück. Anschließend fährt er von Paris weiter ins 330 km entfernte Leipsic, das exakt nördlich von Paris liegt.

Hier macht er Rast und fährt weiter in Richtung Norden nach Milan, das er in zwei Stunden erreicht.

Am nächsten Tag überquert er die Grenze und kommt nach 2 Stunden Fahrt in Dresden an, danach fährt er Richtung Nordosten weiter ins 80 km entfernte London. Von hier aus fährt er 80 km Richtung Osten nach Paris und setzt seinen Weg in Richtung Nordosten über das 20 km entfernte Cambridge zu seinem noch 200 km entferntem Reiseziel Cobourg fort.

Diese Wegbeschreibung scheint nur deshalb „ziemlich wirr“ und orthographisch ungenau, weil wir als Europäer

aufgrund der Ortsnamen automatisch davon aus{gehen}, dass der Ausflug in Europa stattgefunden haben muss. Wenn wir aber das Bezugssystem ändern und in Hanover im US-Bundesstaat Kentucky bei Lexington starten, können wir in Richtung Cincinnati weiterfahren. Wir kommen nach Detroit am Eriesee, und erreichen über Toronto schließlich Cobourg am Lake Ontario. Auf diesem zielgerichteten Weg haben wir alle im Reisebericht genannten Orte in der angegebenen Reihenfolge besucht und die korrekten Entfernungen (ca. 1100 km) und Richtungen beibehalten.

Hier stoßen wir auf ein Kernproblem des Alten Testaments, denn ein vergleichbarer Trugschluss ist Grund für die zahlreichen falschen oder missverstandenen Lokalisierungen! Deswegen wird niemand jemals in Ägypten einen Hinweis auf die geknechtete Großfamilie Jakobs oder auf der Halbinsel Sinai eine einzige Spur der geflohenen Exodus-Gruppe finden.

Die Karte zeigt die im Text beschriebene richtige Reiseroute in den USA

Europäische Namen wurden von Auswanderern in die USA und Kanada übertragen (Karte: Konrad Bauersachs)

Das heißt (S. 11), so wie nach Amerika ausgewanderte Europäer dort neugegründete Ortschaften „nach ihren Heimatstädten im alten Europa benannt haben“, können auch an einem realen Exodus beteiligte Menschen die Namen von Orten und Landschaften ihrer alten Heimat auf die neue Heimat „im heutigen Israel und seinen Nachbarländern (der ‚neuen Heimat‘ im Gelobten Land)“ übertragen haben. Seine Metapher der Europareise bezieht Bauersachs außerdem auf deren Weg in die neue Heimat:

Eine der verfremdeten „Europareise“ vergleichbare Reiseroute ist die biblische Wüstenwanderung nach dem Exodus. Sie wird von Alttestamentlern gewaltsam zwischen Ägypten und Palästina untergebracht, obwohl man keinen einzigen der zahlreichen Rastplätze namentlich identifizieren kann. Dass sich einige hundert Kilometer weiter östlich diese Stationen wie Perlen auf eine Schnur reihen lassen und heute noch die gleichen Namen wie im Alten Testament haben, interessiert nicht, denn: Nicht sein kann, was nicht sein darf!

Aber warum ist auf eine solche Idee bisher niemand gekommen?

Die direkte Nachbarschaft Palästinas und Ägyptens führt zwangsläufig dazu, dass gar nicht erst nach Alternativen zu Abrahams „Ägypten“ gesucht wurde.

So legt sich folgende Schlussfolgerung nahe:

Diese durchgehend „falsche“ Geographie hat gravierende Folgen, weil die reale Geschichte, die man im Alten Testament zu finden hofft, mit diesen „falschen“ Landschaften natürlich nicht übereinstimmen kann.

Ich werde nun die von Konrad Bauersachs vorgebrachten Indizien nach und nach eingehend durchgehen und prüfen, ob biblische Namen und Ereignisse wirklich so genau mit babylonischen und elamischen Daten übereinstimmen.

1.6 Indizienprozess mit Hilfe des Ockhamschen „Rasiermessers“

Unter der Überschrift (S. 15) „Fakten, Thesen, Spekulieren“ beschreibt Konrad Bauersachs seine Vorgehensweise:

Ich bin Naturwissenschaftler und gehe Problemlösungen anders an als Alttestamentler oder Theologen: Ich stellte mir die einfache Frage „Was wäre, wenn …“ und prüfte jede Antwort, ob sie in das historische und geographische Umfeld des Alten Testaments passt. Bei der Suche nach einem realen historischen Hintergrund des Alten Testaments führte mich dieser Weg anfangs gelegentlich in eine Sackgasse, manche Annahme erwies sich als trügerisch und musste überarbeitet werden. Dennoch wurde rasch die generelle Richtung für weitere Recherchen deutlich. Meine Analysen liegen vor Ihnen, sie liefern ein in sich geschlossenes historisch und geographisch nachprüfbares neues Bild. Ich habe die alttestamentlichen Erzählungen von den Patriarchen bis zum Beginn der Königszeit unter David umgeschrieben, ohne Spekulationen zu Hilfe zu nehmen.

Im einzelnen beruft sich der Autor zur „Beurteilung neuer Thesen“ auf das nach Wilhelm von Ockham (1285-1349) als Ockhamsches „Rasiermesser“ bezeichnete

Sparsamkeitsprinzip, das besagt, dass von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste zu bevorzugen ist. Man soll also in Hypothesen nicht mehr Annahmen einführen, als tatsächlich benötigt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu erklären.

Das bedeutet zum Beispiel: Auf der Basis der Annahme, dass „der Exodus … nicht aus Ägypten, sondern nur aus dem Großraum Babylonien stattgefunden“ haben kann (S. 15f.),

lässt sich der historische Ablauf der biblischen Erzählungen ohne die Notwendigkeit weiterer Annahmen beschreiben.

So erklärt sich problemlos, dass in ägyptischen Annalen nichts über die Gefangenschaft und Flucht eines Volkes Israel zu finden ist. In babylonischen Texten wird dagegen wiederholt über die Flucht versklavter Arbeiter und ihrer Familien gesprochen. Als Konsequenz daraus lässt sich die Wüstenwanderung mit den einzelnen Stationen punktgenau nachvollziehen und ist kein zielloses Umherirren in der Wüste Sinai.

Für den Fall (S. 16), dass man mangels ausreichender Quellen „das Recht einer weiter gefassten ‚kontrollierten historischen Spekulation‘ in Anspruch“ nehmen möchte, will sich Bauersachs an die „Beschränkungen“ halten, denen sich diese Methode nach einem Standardwerk des Alttestamentlers Herbert Donner <9> „unterzuordnen hat“:

• Jedes einzelne der Elemente, aus denen sie sich zusammensetzt, muss so beschaffen sein, dass ihm keine deutlichen und gewichtigen historischen Argumente entgegenstehen.

• Die Verbindung der Elemente zu einem Ganzen muss sich ohne Widerstände in die geschichtlichen Rahmenverhältnisse der betreffenden Zeit und Weltgegend einzeichnen lassen.

• Den Elementen dürfen keine zu großen Lasten zugemutet werden.

• Und schließlich sind alle Leitgesichtspunkte peinlich zu vermeiden, die sich späteren und fremden geistesgeschichtlichen Konstellationen verdanken.

Bauersachs sträubt sich allerdings

gegen den Begriff Spekulation, der einen negativen Beigeschmack hat. Ich bezeichne die behandelten Fakten als Indizien, die ich in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung vergleichbar mit einem Indizienprozess zur Wahrheitsfindung einsetzen werde. Sie sind einzeln belegbar und begründbar und stimmen sowohl mit den historischen Zeugnissen und geographischen Angaben des Alten Testaments als auch mit außerbiblischen Chroniken auffallend überein.

Im Einzelfall könnten solche Analogien zufällig sein, die dokumentierte Häufung gleichgerichteter Hinweise spricht grundsätzlich gegen solche Zufälle. Trotzdem – oder gerade deswegen – werden sie in Fachkreisen heftigen Widerspruch hervorrufen, weil trotz jahrhundertelanger Forschung nie über vergleichbare Thesen nachgedacht wurde. Unabhängig von meiner Auffassung hat innerhalb der letzten Jahrzehnte die Archäologie bewiesen, dass traditionelle Ansichten zum Alten Testament grundsätzlich korrigiert, wenn nicht gar verworfen werden müssen. Gerade Wissenschaftler wie Finkelstein (Israel) und Silberman (USA) <10> haben gemeinsam mit ihren populären Sachbüchern „Keine Posaunen vor Jericho“ sowie „David und Salomo“ schwerwiegende Argumente gegen fundamentalistische Ansichten zusammengestellt.

1.7. Ein Blick auf die biblische Weisheitsliteratur

In seinem 2. Kapitel (S. 8ff.), in dem Konrad Bauersachs eingehend die „Grundlagen“ seines eben vorgestellten Indizienprozesses beschreibt, geht er auch schon auf Indizien in zwei Büchern der biblischen Weisheitsliteratur ein, die seine Theorie zwar nicht entscheidend grundlegen, sie aber stützen sollen.

1.7.1 Das Hohelied Salomos

So findet er (S. 23) im Hohenlied Salomos 4,14 einen „ersten Hinweis auf Babylonien“ in dem Namen des Gewürzes KaRKoM, das in der Übersetzung „Safran“ genannt wird, aber seines Erachtens „mit der Curcuma-Wurzel zu tun“ hat, „die der indischen Gewürzmischung Curry die charakteristische gelbe Farbe gibt“ und „ein heißes Klima und reichlich Wasser“ benötigt,

beides findet sie im südlichen Mesopotamien. Vielleicht haben ja die Sumerer aus ihrer Heimat (möglicherweise war das der Großraum Indien) diese wichtige Heil- und Gewürzpflanze mitgebracht; Curcuma wird auch als billiger Safranersatz verwendet.

Weiterhin vermutet Bauersachs,

dass es sich beim Hohelied um die hebräische Adaptation seit langem bekannter alter mesopotamischer, genauer kassitischer, <11> Texte handeln könnte. Hier werfe ich erneut den Wissenschaftlern das fehlende Interesse an interdisziplinären Kontakten vor:

In der kassitischen Literatur existieren Beschwörungen der Göttin Šumalija, die aber bereits aus dem 15. oder 14. Jahrhundert v. Chr. stammen müssen. Die Göttin Šumalija (daraus konnte im biblischen Hohelied durch gezielte Metathese <12> Salomo oder die Hirtin Sulamith geworden sein) gehörte zusammen mit dem Gott Šuqamuna zu den persönlichen Schutzgöttern der kassitischen Könige.

Außerdem verweist er auf die „Botschaft des Ludingira an seine Mutter“ aus uralter sumerischer Tradition, in der er „verblüffende Parallelen zum Hohelied Salomos“ entdeckt und die „auf vier babylonischen Tontafeln erhalten“ ist.

Da das Hohelied aber erst nach dem Untergang des Königreichs Juda und dem babylonischen Exil entstanden ist, haben evtl. Bezüge zum babylonischen Umfeld keinerlei Aussagekraft für die Zeit der Erzeltern Israels bzw. den Ausgangsort einer historischen Exodus-Gruppe.

1.7.2 Das Buch Hiob

Zum Buch Hiob erwähnt Bauersachs (S. 24) das babylonische Epos Ludlul bēl nēmeqi aus dem 14. Jahrhundert v.Chr., das „im südlichen Mesopotamien die identische Geschichte (bezogen auf den babylonischen Stadtgott Marduk)“ zu berichten weiß:

Ein hoher babylonischer Beamter schildert in einem 450 Verse umfassenden Selbstbericht Krankheiten und das schwere Leid, das ihm trotz seiner Anstrengungen um ein gottgefälliges Leben widerfährt. Trotzdem akzeptiert er im Eingangsvers („Ich will preisen den HERRN der Weisheit“) die göttlichen Weichenstellungen, auch wenn er sie offenbar nicht immer verstehen kann:

Wüsste ich doch, dass alles dem Gott gefällt! Was einem selber gut erscheint, ist vor Gott ein Frevel, was man für schlecht hält, könnte vor Gott gut sein! Wer durchschaut den Sinn der Götter im Himmel?<13>

In diesem Fall lässt Bauersachs selbst trotz einer zunächst jeden anderen Schluss ausschließenden Formulierung offen, ob die Einflüsse dieses babylonischen Werkes auf das Buch Hiob evtl. auch erst im babylonischen Exil wirksam geworden sein könnten:

Der Vergleich beider Inhalte lässt aufgrund der offenkundigen Übereinstimmungen keinen anderen Schluss zu, dass dem „Volk Israel“ bereits vor dem Exodus die babylonischen Werke bekannt gewesen sein müssen. Denkbar wäre auch, dass Teile des Volkes Israel im babylonischen Exil diese Texte kennengelernt und an die eigenen Bedürfnisse adaptiert haben. <14>

2. Perspektivenwechsel: Babylonien und Elam statt Ägypten

Bevor Konrad Bauersachs an die konkreten Indizien herangeht, die seine Theorie stützen, vermittelt er seinen Lesern einen Überblick über die Gegenden und Völkerschaften, in denen er die biblischen Erzählungen von Abraham bis David alternativ verortet. Ich fasse nur die Hauptlinien dieser Beschreibung zusammen, wie er sie in seinen Kapiteln 3, 4 und 8 ausführlich darlegt.

Zuvor benutze ich die folgende in Wikimedia Commons zugängliche Karte zum Land Elam mit seinen Nachbarländern, damit man sich einen ersten Eindruck von der entsprechenden Weltgegend machen kann:

Hier sieht man Elam, im Südwesten des heutigen Iran gelegen, mit den großen Städten Susa und Anschan, die zu der Zeit, um die es uns gehen wird, die Hauptstädte eines geteilten Landes darstellen: West-Elam (= Susiana, heute Chuzistan) und Ost-Elam.

Die Meder, Parther, Perser und Araber werden uns nicht interessieren. Wichtig sind neben der Susiana das Kernland der Assyrer und vor allem das Gebiet von Babylonien im südlichen Mesopotamien = Zweistromland zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Zu Babylonien gehört in der Zeit, die uns beschäftigt, auch das Gebiet, wo auf der Karte „Sumerer“ steht.

2.1 Warum Ägypten historisch nicht in Frage kommt

Zunächst allerdings stellt Bauersachs die Argumente zusammen, die dagegen sprechen, dass die Geschichten um Abraham und Lot, Josef und Mose in Ägypten stattfinden (S. 36):

Vor dem Exodus hatten die Nachfahren Abrahams keinerlei Kontakt zu Ägypten. Die Redaktoren der Niederschrift kannten nur noch das Nachbarland am Nil und verwechselten das Babylonien der mündlichen Überlieferungen mit Ägypten. Hier wie da sind die Länder von Flüssen abhängig, die Landschaften vergleichbar.

Was spricht nun dennoch „gegen die Einbindung von Ägypten in die Frühgeschichte des sogenannten ‚Volkes Israel‘“?

2.1.1 In den Erzählungen vom Exodus kommen keine Katzen vor

Da „in Ägypten … ab der XI. Dynastie des Mittleren Reiches (ca. 2100-1800 v. Chr.) die Katze als Haustier gehalten“, aber (S. 37) wegen der „Verehrung der Katze als ägyptische Gottheit … über Jahrhunderte“ kaum schon früh in andere Länder exportiert worden ist, hätte das „Volk Israel“ bei „einem lang dauernden Aufenthalt“ in Ägypten

zwangsläufig mit der Katzengöttin Bastet Bekanntschaft gemacht. Abrahams Urenkel Josef hatte ja als Vertrauter eines ägyptischen Pharao angeblich sämtliche Getreidespeicher des Landes unter seiner Kontrolle. … Nach Herodot (Her II.67) wurden die toten Katzen in die Stadt Bubastis gebracht, einbalsamiert und in heiligen Grabkammern beigesetzt. In der Tat hat man dort Millionen von Katzenskeletten gefunden, teilweise kunstvoll mumifiziert und in Holzsarkophage gebettet. Ganze Schiffsladungen dieser Knochen wurden nach England gebracht und als Knochenmehl zum Düngen verwendet. …

Wenn das „Volk Israel“ tatsächlich jahrhundertelang in Ägypten im Lande Goschen bei Bubastis gefangen gewesen wäre, müsste sich in den Mosebüchern des Alten Testaments irgendein Hinweis auf die Katze als Haustier oder als Gottheit finden lassen. Erst in der apokryphen Schrift Baruch (Baruch 6.22) wird ein einziges Mal in der ganzen Bibel die Katze erwähnt, weil sie ungestraft auf den Götzenbildern sitzen kann und diese Götter nicht in der Lage sind, sie zu vertreiben.

Diese „völlige Nichtbeachtung der Katze“ in den Erzählungen vom Exodus allein kann allerdings noch nicht beweisen, dass er nicht in Ägypten vor sich ging; Argumente „e silentio“ = „aus dem Stillschweigen“ heraus bedürfen auf jeden Fall weiterer Stützung.

2.1.2 In Ägypten gab es keinen privaten Landbesitz

Da in Ägypten das Land „Eigentum des Pharao und der Tempel“ war und „an Höflinge, Soldaten und Beamte zum Lehen verteilt“ wurde, kann nach Bauersachs (S. 38) der in 1. Mose 47,20 erwähnte „Kauf des ganzen Landes“ nicht in Ägypten stattgefunden haben. In Babylonien allerdings war das möglich (siehe Abschnitt 4.2).

2.1.3 Es ist abwegig, den Exodus mit den „Hyksos“ zu verbinden

Keinesfalls kann man nach Bauersachs die Herrschaft „der Hyksos in Ägypten (etwa 1650 bis 1550 v. Chr.)“ und ihre anschließende Vertreibung mit dem Exodus Israels aus Ägypten in Verbindung bringen. Dass „sich Nomaden wie Abraham an einem Eroberungsfeldzug beteiligen, widerspricht ihrem Naturell“, vor allem aber hat zur „Hyksos-Zeit … das biblische ‚Volk Israel‘ noch gar nicht existiert“ (vgl. Abschnitt 6.1.1).

Dem entspricht auch die Einschätzung des Alttestamentlers Niels Peter Lemche: <15>

Die ägyptischen Quellen beschreiben die Vertreibung von Asiaten aus Ägypten als Maßnahme der Ägypter gegen die Asiaten und eben nicht – wie im Alten Testament – als eine Reaktion der Asiaten auf ägyptische Maßnahmen. Nach Manetho haben die Pharaonen am Ende der Hyksosherrschaft die Hyksosleute aus Ägypten mit Gewalt vertrieben und keineswegs versucht, den Asiaten den Weg aus Ägypten zu verlegen, wie es im Exodusbuch beschrieben wird. Wenn die Ereignisse, die zur Vertreibung der Hyksos führten, tatsächlich den geschichtlichen Hintergrund für die Auswanderung der Israeliten aus Ägypten bildeten, dann wäre die Sache in der Bibel (oder von Manetho?) auf den Kopf gestellt worden. Weiter ist zu betonen, daß der Befreiungskrieg der Ägypter gegen die Hyksos bald zu einer Eroberung der Nachbargebiete führte. Diese Gebiete umfaßten nicht nur die Sinaihalbinsel, sondern auch Palästina und Syrien, und am Ende drangen die Armeen der Pharaonen bis zum Euphrat vor. Von diesen Folgeerscheinungen der Vertreibung des Hyksosvolkes schweigen die biblischen Erzählungen vollständig – und berichten statt dessen, die Israeliten hätten sich nach dem Wegzug aus Ägypten ihrerseits daran gemacht, Palästina zu erobern. Ein drittes Problem bildet die Chronologie: Der Krieg gegen die Hyksosleute erfolgte im 16. Jahrhundert, was weder mit den biblischen noch mit den wissenschaftlichen Zeitangaben in Einklang zu bringen ist. Nach der biblischen Chronologie fand der Exodus präzis 400 Jahre vor der Errichtung des Tempels durch Salomo in Jerusalem, also um 1350 v.Chr. statt. Die wissenschaftliche Chronologie sagt, daß die Israeliten kaum vor 1200 nach Palästina gelangt sein können. Dazu kommt, daß die wichtigsten Quellen aus dem Palästina des 2. Jahrtausends, die el-Amarna Briefe (Mitte des 14. Jahrhunderts), nichts von einer Anwesenheit von Israeliten in Palästina berichten. Wenn man nun behauptete, die Israeliten seien damals schon seit mehr als zweihundert Jahren im Lande ansässig gewesen, wäre das doch merkwürdig.

Auch wenn Lemche von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht – er bestätigt jedenfalls, dass ein historischer Auszug Israels aus Ägypten nirgendwo zeitlich angesetzt werden könnte.

2.1.4 Die Bibel berichtet nicht von der Arbeit in Steinbrüchen

Weiter ist es nach Bauersachs verwunderlich (S. 38), dass „in den Jahren der angeblich ägyptischen Knechtschaft“ die Sklavenarbeit vor allem in der „Herstellung von Lehmziegeln“ bestanden haben soll, aber es wird (S. 39)

kein einziges Wort über das Steineziehen verloren, obwohl diese Arbeit doch wesentlich anstrengender als die geschilderte Ziegelherstellung gewesen wäre. Wenn ein ägyptischer „Pharao“ einen Teil der unterprivilegierten Bevölkerung (das biblische „Volk Israel“) gezielt hätte belasten wollen, wäre die Einteilung zum Steineziehen oder zur Arbeit in den Steinbrüchen wesentlich effektiver gewesen.

Dazu muss man wissen, dass in Ägypten (S. 38) „nur in einigen Fällen ein Palast oder ein Tempel aus Lehmziegeln errichtet“ wurde, wohl aber regelmäßig in Babylonien (S. 39):

Anders als in Ägypten gibt es im Schwemmland des Euphrat und Tigris keine Steine, die für Großbauten geeignet wären, so dass sämtliche Bauwerke dieser Region (auch der „Turm von Babel“) aus Lehmziegeln errichtet werden mussten.

2.2 Babyloniens geographische und klimatische Verhältnisse

Aus der Vielzahl von Informationen, die Konrad Bauersachs zur Geographie Babyloniens <16> zusammengetragen hat, bezieht sich die wichtigste auf die beiden größten Flüsse, die dem Zweistromland (= Mesopotamien) seinen Namen gaben (S. 41):

Babylonien ist der südliche Teil Mesopotamiens zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Gemeinsamkeiten mit Ägypten beschränken sich auf das Klima und die Abhängigkeit von Flüssen. Überschwemmungen waren in Babylonien – anders als in Ägypten – stets Bedrohung.

Auch die „Fruchtbarkeit des Zweistromlandes“ konnte zum Fluch werden, da sie „für die Bergbewohner“ (vor allem aus dem nordöstlichen Zagros-Gebirge) und für „Wüstennomaden“ (aus den Gebieten im Westen und Süden) „einen ständigen Anreiz zu Raubzügen“ bot:

Da natürliche Grenzen fehlen, war Babylonien stets Ziel von Einwanderern und Angriffen machthungriger Nachbarn.

Im Norden schließt sich an Babylonien „etwa ab Baghdad eine öde Wüsten- und Steppenlandschaft, die Djazireh (‚Insel‘) genannt wird“, an, und „zwischen Tigris und dem Gebirge im Nordosten“ (dem Zagros-Gebirge) gibt es (S. 46) eine klimatisch gemäßigte und regenreichere Gegend, in der Assyrien mit der Hauptstadt Assur (150 km südlich des heutigen Mossul) zur Großmacht heranwuchs. Nur hier, entlang „des Zagros-Gebirges ermöglichen ausreichende Niederschläge (200-400 mm jährlich) eine Landwirtschaft, die nicht unbedingt von einer Bewässerung abhängig ist.“ Weiter im Süden ist Regenfeldbau unmöglich, die „Landwirtschaft ist deshalb dringend auf das Wasser des Euphrat und Tigris zur Bewässerung angewiesen.“ Aber mit „der ständigen Bewässerung tritt langfristig“ das Problem der „Versalzung des Bodens“ auf, das „aus einer blühenden Landschaft innerhalb weniger Jahrzehnte eine öde Steppe machen“ kann. Damit (S. 47)

gingen natürlich auch die Flächenerträge zurück: Konnte man um 2400 v. Chr. immerhin ca. 2400 kg Getreide je Hektar ernten, waren es um 1700 noch 1000kg/ha und um 1100 v. Chr. nur noch 700kg/ha. Bei einer ständig wachsenden Bevölkerung in Babylonien hatte diese Entwicklung spürbare Folgen.

Beschleunigt wurde der Ernteausfall durch die beginnende großräumige Trockenheit um 1200 v. Chr. Allem Anschein nach hatte der Machtverfall in Babylonien und Assyrien sowie das Erstarken von Elam erst in zweiter Linie politische Hintergründe.

Aus gutem Grund geht Bauersachs gerade auf dieses Problem so ausführlich ein:

Wir finden hier die biblische Erzählung der Josefsgeschichte von sieben fetten und sieben mageren Jahren bestätigt. Die sieben fetten Jahre waren wohl die letzten ertragreichen Jahre nach einer flächendeckenden Überschwemmung, die dem Boden vorübergehend neue Kraft gegeben hat, danach wurde der Boden wieder ausgelaugt und die anhaltende Trockenheit beschleunigte die Versalzung.

Dazu später mehr. Hier soll noch erwähnt werden (S. 41), dass im

äußersten Südosten Mesopotamiens … jenseits des Tigris das Land Elam {liegt} <17>; heute die iranische Provinz Chuzistan mit den Flussebenen des Kerkhe und Karun. Die Salzmarschen entlang des Tigrisunterlaufs und um das Haur-al-Hammar waren die Heimat der Meerlanddynastien.

Vermutet wird (S. 44), dass im 3. Jahrtausend v. Chr. der Persische Golf vielleicht sogar bis zu diesem ausgedehnten „Sumpf- und Seengebiet“ im „Dreieck zwischen An Nasiriya, Qurna und Basra“ ins Inland hineinreichte. Nach „historischen Schilderungen und Darstellungen assyrischer und babylonischer Könige … {sollen} sich verfolgte Meerlandkönige nach Ihren Raubzügen immer wieder in die undurchdringlichen Schilfgebiete“ gerettet haben. Allerdings macht nach Bauersachs gerade das „Schilfwachstum … die Ausdehnung des extrem salzhaltigen Persischen Golfs bis nach Ur in der Nähe des modernen Nasiriya unwahrscheinlich.“

Die (S. 45) Bibellesern als „angebliche Heimat Abrahams“ bekannte

Stadt Ur … war zu ihrer Blütezeit Hafenstadt und lag „am Meer“, die Ruinen liegen heute rund 300 km vom Meer entfernt. Die alten Texte lassen reichlich Interpretationsmöglichkeiten, wie die Hafenstadt Ur vom Persischen Golf her zu erreichen war. Denkbar wäre für Ur am Euphrat eine vergleichbare Situation wie in Hamburg an der Elbe: Hamburgs Hafen ist über die Unterelbe mit der Nordsee verbunden.

2.3 Der Garten in Eden und seine vier Ströme in Mesopotamien

Im Zusammenhang mit der Betrachtung der Geographie Mesopotamiens macht Bauersachs (S. 47) auf „eine unscheinbare Textstelle des Alten Testaments“ aufmerksam, „in der das sumerische Wort ‚eden‘ vorkommt“ (1. Mose 2,8):

Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden im Osten …

Im Sumerischen bedeutet dieses Wort „eden“ aber

nicht wie im Alten Testament von Luther übersetzt „Garten“ oder „Paradies“, sondern Steppe oder Wüste. Das macht aber dann Sinn, wenn man die biblische Übersetzung statt „Garten Eden“ wie geschrieben als „Garten in Eden“, nämlich „Garten in der Wüste“ liest. Die beiden großen Flüsse Euphrat und Tigris fließen, bevor sie Babylonien erreichen, durch ausgedehnte Trockengebiete („Eden“) und bewässern dann die babylonischen bzw. „biblischen Gärten“. <18>

Immerhin hat sich (S. 365, Anm. 8) der assyrische König Sanherib (704-681) gerühmt,

um Ninive botanische Gärten mit allen Pflanzen der Welt angelegt und für die Bewässerung ein ausgedehntes Kanalsystem gegraben zu haben“. <19>

Auch eine merkwürdige Formulierung in 1. Mose 2,10 wird von der Geographie Mesopotamiens her verständlicher:

Und ein Strom geht von Eden aus, den Garten zu bewässern; und von dort aus teilt er sich und wird zu vier Armen.

Originalton Bauersachs (S. 49):

Beim heutigen Baghdad kommen sich Euphrat und Tigris so nahe, dass bei extremen Hochwassern ein kurzzeitiger Zusammenfluss denkbar ist. Der so entstandene See speist als vorübergehende „Quelle“ dann scheinbar vier Ströme, nämlich den zu- und abfließenden Euphrat sowie den zu- und abfließenden Tigris. Aufgrund der langsamen Fließgeschwindigkeit beider Flüsse kann beim Betrachter durchaus der Eindruck entstehen, dass die Flüsse aus einem Quellsee stammen und in vier Richtungen fließen.

Wenn das zutrifft, müssten allerdings auch die Namen der vier in 1. Mose 2 erwähnten Hauptströme – Pischon, Gihon, Tigris, Euphrat – jeweils entweder mit dem Ober- oder Unterlauf des Euphrat bzw. Tigris in Verbindung gebracht werden. Eine Grundvoraussetzung dafür wiederum wäre, für die ersten beiden Ströme, Pischon und Gihon (hebräisch PIŠON und GIḪON), an deren Identifizierung sich schon Generationen von Forschern die Zähne ausgebissen haben, sinnvolle Zuordnungen herauszufinden.

Der Pischon wird in 1. Mose 2,11-12 am genauesten beschrieben:

11 Der Name des ersten ist Pischon; der fließt um das ganze Land Hawila, wo das Gold ist;

12 und das Gold dieses Landes ist gut; dort gibt es Bedolach-Harz und den Schoham-Stein.

Nun schließt Konrad Bauersachs kategorisch aus, dass „in Mesopotamien oder in der unmittelbaren Umgebung Gold vorkommen soll“, und zwar aus folgendem Grund:

Die peinliche Bettelei babylonischer Herrscher um ägyptisches Gold und der von den Ägyptern geforderte und von Babyloniern akzeptierte Tausch gegen Prinzessinnen und Pferde ist in zahlreichen Urkunden belegt. An dieser Textstelle sollte man eher an die Ähnlichkeit des hebräischen Wortes ZaHaB = Gold mit den beiden Tigris-Nebenflüssen Zab (Oberer und Unterer Zab) denken, die beide in der Provinz Arbil des heutigen Irak entspringen.

Dann wären also in 1. Mose 2,11 die Worte ˀAŠäR-ŠaM HaZZaHaB nicht mit „wo dort das Gold (ist)“ zu übersetzen, sondern mit „wo dort der Za(ha)b (ist)“. Auf der Lagekarte des Kleinen und Großen Zab ist zu sehen, dass diese beiden Flüsse östlich des Tigris ein großes Gebiet umschließen. Ob es sich hier um das geheimnisvolle Land ḪaWILaH handelt, das von den beiden Zab-Flüssen umflossen wird? <20> Die größte Stadt dieser Region mit dem Namen „Arbil (entspricht dem biblischen ḪaWILaH, sumerisch Urbilum, akkadisch Arbailu) … wird schon im 3. Jt. v. Chr. erwähnt“ und trägt heute nach Wikipedia als „Hauptstadt und zugleich auch der Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak“ den amtlichen kurdischen Namen Hewlêr! <21>

Konrad Bauersachs stützt dieses Argument zusätzlich durch die Überlegung, dass (49)

der Name des in 1. Mose 2.11 erwähnten Schoham-Steins (ŠoHaM) aus dem assyrischen Wort šamtu (vielleicht Malachit) abgeleitet sein {könnte}; im Gilgamesch-Epos ist von einem wertvollen abaschmu-Stein {Anm. 23: „dort 9. Tafel, Zeile 188“} die Rede, der möglicherweise das Gleiche meint.

Den in 1. Mose 2,13 erwähnten Fluss Gihon bringt die Bibel mit einem auf Hebräisch KUŠ genannten Land in Verbindung:

13 Und der Name des zweiten Flusses ist Gihon; der fließt um das ganze Land Kusch.

Nach Bauersachs könnte dieser Gihon

einer der zahlreichen Flussarme des Euphrat oder Tigris gewesen sein, die das alte Königreich Kisch (Kiš, hebr. aber KUŠ) in der Nähe Babylons umflossen. Dieses „Kusch“ des Alten Testaments wird von Alttestamentlern ebenfalls recht willkürlich mit Äthiopien verbunden; an dieser Textstelle scheint mir die Gleichsetzung Kusch = Kiš gerechtfertigt.

In anderen Zusammenhängen (S. 55f. und 188f.) verbindet Bauersachs das Land Kusch mit der Herrschaft der Kaššiten (KUŠ = Kašš) über Babylonien; auch dann bezöge sich der Name dieses Landes auf Gebiete im Süden bzw. Südosten von Bagdad.

Gibt es nun eine Möglichkeit, die vier Ströme in 1. Mose 2,11-14 nach der Oberlauf-Unterlauf-von-Euphrat-und-Tigris-Theorie von Bauersachs einzuordnen? Ich versuche mal, eine zu skizzieren:

  1. Von der Gegend um das heutige Bagdad herum aus gesehen läge im Nordosten der Oberlauf des Tigris, genannt Pischon, der das Land Hawila umfließt, wo der Fluss Za(ha)b ist und wo man den Schoham-Stein findet.
  2. Im Südosten wäre der zweite Strom der Unterlauf des Tigris, der das Königreich Kiš oder das Land der Kaššiten umfließt.
  3. Dann müsste der dritte große Fluss im Nordwesten, auf Hebräisch HiDDäQäL, nicht der Tigris, sondern der Oberlauf des Euphrat sein, der von dem bereits beschriebenen östlich gelegenen Pischon her QiDMaTh AŠŠUR, wörtlich übersetzt „gegenüber von Assur“, liegen würde.
  4. Und der PhRaTh im Südwesten würde sich folgerichtig nur auf den Unterlauf des Euphrat beziehen.

Diese Lösung hat leider zwei Schönheitsfehler, die mit dem Tigris zusammenhängen. So ist es im Nordosten nicht der Tigris selbst, der das Land Arbil umfließt, sondern es sind die Flüsse Großer und Kleiner Zab. Vor allem aber entspricht der hebräische Name HiDDäQäL dem akkadischen Namen Idiglat oder der aramäischen Bezeichnung Deqlath für den Tigris zu genau, als dass er sich so einfach alternativ auf den Oberlauf des Euphrat statt auf den Tigris beziehen ließe.

Aber selbst wenn diese Lösung sich nicht halten lässt, müsste man schon sehr gute Gründe anführen, um die Verbindung etwa des Pischon mit Arbil oder des Gihon mit dem Königreich Kiš oder dem kaššitischen Babylonien zu bestreiten.

Möglicherweise sahen die Erzähler von 1. Mose 2 ja den Oberlauf des Euphrat als den Strom, der von „Eden“ ausgeht und auf irgendeine Weise sowohl den Pischon (= Zab) im Norden und den Gihon (= Nebenarm des Euphrat oder Tigris im Süden) als auch den Tigris und den eigenen Unterlauf mit Wasser versorgt.

2.4 Geschichte Babyloniens und Assyriens

Zur Geschichte Babyloniens konzentriert sich Konrad Bauersachs (S. 49) auf den „Zeitraum zwischen etwa 1500 v. Chr. und 1200 v. Chr.“, innerhalb dessen

im südlichen Mesopotamien und der angrenzenden Region Elam (mit dem heutigen Chuzistan) alle Ereignisse stattfinden, die bei den Patriarchen beginnen und mit dem Exodus des „Volkes Israel“ enden werden.

Für die (S. 50) „Jahresangaben“ will er sich dabei „an die sogenannte mittlere Chronologie“ halten, die nach Wikipedia „nicht nur der Datierung im engeren Sinne, sondern auch als praktische Konvention zur Verständigung über altorientalische historische Prozesse“ dient.

Auf Assyrien gehe ich in diesem Zusammenhang auch kurz ein, da es aus dem Großreich Hammurabis nach dem Niedergang seiner Dynastie als eigenständige Großmacht hervorging und in der Zeit, die uns besonders interessieren wird, in besonderer Weise Einfluss auf Babylonien nahm.

2.4.1 Hammurabi und sein Gesetzbuch

Bevor Bauersachs auf den eben genannten Zeitraum eingeht, beschäftigt er sich mit dem berühmten König Hammurabi, der nach der Mittleren Chronologie <22> von „1792-1750 v. Chr.“ regierte (S. 50):

Er festigte zunächst seine Position in der Hauptstadt Babylon und konzentrierte sich nach außen auf die Sicherung der Grenzen, innenpolitisch sorgte er für wirtschaftlichen Aufschwung. Er wurde bekannt als Herausgeber einer Gesetzessammlung, des Codex Hammurabi. Hammurabi schaffte es durch geschickte Diplomatie und militärische Überlegenheit, von der neuen Hauptstadt Babylon aus Assyrien mit Babylonien zu vereinigen. Er legte so die Grundlage für ein riesiges Reich, das Babylon als Zentrum hatte und vom Persischen Golf zeitweise bis zum Mittelmeer reichte.

Zum Codex Hammurabi merkt Bauersachs an (S. 50f.), dass der „bekannte Satz ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘, den man gerne dem Alten Testament zuschreibt“ (2. Mose 21,24) „ursprünglich dem Codex Hammurabi <23> und nicht dem Alten Testament“ entstammt, ebenso das Verbot des Menschenraubes (5. Mose 21,16) oder (S. 50) der „Schutz von Unterprivilegierten“ wie „besonders der Witwen“. Zur Erklärung erwägt er (S. 51),

dass sich die spätere Exodus-Gruppe wesentlich länger im Anwendungsbereich dieses Codex Hammurabi aufgehalten hat, als man bisher annimmt.

Auch der „im Codex Hammurabi geschilderte Brauch, im Tor (des betreffenden Stadtviertels) die Rechtsangelegenheit eines Bürgers zu untersuchen“ ist „im Alten Testament an zahlreichen Stellen“ zu finden (z.B. 5. Mose 25,7; 2. Samuel 19,9; Ruth 4,11).

Nachdem (S. 50) die Hammurabi-Dynastie dem Land „rund 200 Jahre … eine Periode von Wohlstand und relativem Frieden“ bescherte,

zerfällt das Reich wieder und der Süden spaltet sich ab. Um 1595 v. Chr. wird Babylon von den Hethitern erobert, vom Osten her sickerten schon seit 2000 v. Chr. die Kassiten ein und beherrschten das Land für 350 Jahre, im Norden besetzen die Hurriter (bibl. „Horiter“) Assyrien.

2.4.2 Kurzer Blick auf Assyrien

Bevor ich auf die Kassitenherrschaft in Babylonien eingehe, werfe ich einen Blick auf die eben erwähnten Assyrer. Die (S. 56) „Stadt Aššur als Zentrum eines Kleinstaates“ ist bereits seit „dem 2. Jahrtausend v. Chr. … am rechten Ufer des mittleren Tigris etwa 300 km nördlich von Baghdad“ nachweisbar. „Benannt war Aššur nach dem höchsten Gott, der auch der Gegend nördlich von Babylon ihren Namen gab.“

Um 1950 v. Chr. nutzte Aššur die Gunst der Stunde und machte sich von Babylon unabhängig, kam dann selbst unter fremde Herrschaft, bis Aššur-Uballit I. (1364- 1330) erneut die Eigenständigkeit gewann. Diesem Herrscher werden wir weiter unten wiederholt begegnen, er versuchte zunächst unblutig durch die Verheiratung seiner Tochter Einfluss auf die kassitische Politik zu nehmen. Dieser Versuch scheiterte gründlich…

Auf dieses Scheitern wird ausführlich eingegangen werden. Ebenso wird es später noch eine Rolle spielen, dass „die Assyrer durch ihre brutale Kriegsführung <24> und Deportation der unterworfenen Völker sowie durch barbarische Strafen für vergleichsweise geringe Vergehen“ gefürchtet waren. <25>

2.4.3 Die Aufrichtung der Herrschaft der Kassiten in Babylonien

Wie kam es in Babylonien zur Herrschaft der Kassiten? (S. 52:)

Die Kassiten kamen als friedliche Einwanderer nach Mesopotamien, wurden aber von den Herrschern zunehmend als Bedrohung empfunden.

Zu ihrer Herkunft hat man Erwägungen angestellt,

dass sie etwa über Kermanshah im heutigen Iran entlang des Flusses Diyala nach Mesopotamien gekommen sein müssen.

Dazu passt, dass etwa der „Sohn Hammurabis“, König Šamšu-iluna (1749-1712 v. Chr.) um das Jahr 1740 <26> „am Fluss Diyala die Grenzfestung Dur Samsuiluna gegen die Einwanderer“ errichtete.

Die Kassiten beeindruckte das nicht allzu sehr, sie umgingen einfach das Siedlungsgebiet in Richtung Westen und ließen sich zwischen Euphrat und dem heutigen Baghdad nieder. Von hier aus unternahmen sie während der Regierungszeit des Samsuiluna immer wieder Streifzüge in den Süden nach Babylon…

Die „Sprache der Kassiten“ kennt man nur aus einer Reihe von Lehnwörtern im Akkadischen sowie aus Urkunden, in denen Namen von Personen und Göttern „und – weil die Kassiten große Pferdezüchter waren – zahlreiche Pferdenamen“ überliefert waren. Das Kassitische ist weder „mit den indo-europäischen Sprachen“ noch „mit dem Sumerischen, Hurritischen oder Elamischen“ verwandt.

Kassiten finden wir später auch im westlichen Elam, dem heutigen Chuzistan, das seinen Namen wahrscheinlich vom griechischen „Kossaioi“ für Kassiten erhalten hat; auch der akkadische Name für die Kassiten, Kaššu, lebt hier weiter.

Erst als der „Hethiterkönig Muršili“ um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon erobert und zerstört hat, wahrscheinlich nur um Beute zu machen und nicht um ein eigenes Regime zu errichten, „kommen die Kassiten in Babylonien leicht und dauerhaft an die Macht“ (S. 53):

Mit welchem König nach diesem hethitischen Eroberungszug die eigentliche Kassiten-Dynastie begann, ist unklar. Über die Reihenfolge und auch die Regierungszeiten der frühen Kassitenkönige weiß man wenig…

Um 1510 v. Chr. einigten sich der Kassitenkönig Burna-Buriaš I. und der assyrische König Puzur-Aššur III. auf eine gemeinsame Grenze. Mit dieser Sicherheit im Rücken eroberten Kaštiliaš III. (1490) und sein Sohn Agum III. (1465 v. Chr.) das Meerland und wurden Herrscher über gesamt Babylonien.

Für einen weiteren König, nämlich Kurigalzu I., gibt Bauersachs die Regierungszeit „1425– 1400 v. Chr.“ an; Wikipedia ordnet ihn mit den Daten „1390-1374 v. Chr.“ ins 14. Jahrhundert ein. Ich erwähne ihn nur, weil er „etwa 20 km westlich des heutigen Baghdad aus Lehmziegeln die Grenzfestung Dur-Kurigalzu (heute Aqarquf bzw. Tell Abiyad) errichtet“ und zur Hauptstadt des kassitischen Babylonien gemacht hat.

2.4.4 Babylonische und assyrische Beziehungen zu Ägypten

Bauersachs‘ Hinweis auf ein Treffen „des kassitischen Königs Kara’indaš mit Pharao Thutmosis III.“ in der Mitte des 15. Jahrhunderts, von welcher Zeit an „halbwegs verlässliche Namensregister von Herrschern“ zur Verfügung stehen, hat mich zunächst verwirrt, da diese beiden Herrscher von Wikipedia zeitlich anders eingeordnet werden (Thutmosis III. 1458-1426 und Kara’indaš 1415-1403). Allerdings klärt er diese Frage im folgenden Abschnitt (S. 54), in dem er sich auf eine Datierung von Leonhard Sassmannshausen bezieht:

Pharao Thutmosis hatte in siebzehn Feldzügen seine Macht in Palästina, Syrien und den angrenzenden Gebieten gefestigt; ihm lag viel daran, dass der babylonische König die ägyptische Vorherrschaft über Syrien und Palästina respektiert. Das Friedensabkommen zwischen dem ägyptischen Pharao Thutmosis III. (1479- 1425) und dem Kassitenkönig Kara’indaš (ca. 1450-1415 nach Sassmannshausen) wurde etwa im Jahr 1447 vereinbart und führte langfristig zu guten Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Außerdem verweist Bauersachs selber darauf, dass solche königlichen (S. 53f.)

Namensregister … leider nur scheinbar verlässlich {sind}, denn ein in Assyrien herrschender König konnte in Babylon einen anderen Namen haben als zuhause und umgekehrt.

Die Wahl zwischen einem Regenten mit zwei unterschiedlichen Namen, oder zwei parallel oder zeitversetzt herrschenden Königen wird so nicht leichter und ist auch einer der Gründe für unterschiedliche und verwirrende Chronologien und auch für die Schwierigkeiten, in den biblischen Geschichten reale Geschichte zu erkennen.

In den ägyptisch-babylonischen Beziehungen dieser Zeit sieht Bauersachs (S. 54) eine mögliche

weitere Ursache für die biblische Verwechslung von Ägypten mit Babylonien sowie „Pharao“ mit „König“: Ägypten lieferte vor allem das begehrte Gold ins Zweistromland, die Kassiten im Gegenzug Pferde und Kampfwagen, zusätzlich legten die Ägypter großen Wert auf Blutauffrischung durch kassitische Prinzessinnen für den Harem des Pharao.

Da es zwischen „Assyrien und Babylonien … immer wieder Grenzstreitigkeiten“ gab, schloss „auch der assyrische König Aššur-Uballit I. (1365-1330) ein Abkommen mit Ägypten“, wahrscheinlich mit Amenophis IV. (= Echnaton 1353-1336).

Aššur-Uballit bezeichnete sich nach diesem Vertrag als „Bruder des Pharao“; hier hat die biblische Bezeichnung „Pharao“ für einen nicht-ägyptischen König ihren Ursprung. <27>

Dieser Vertrag mit Ägypten war für Assyrien die Eintrittskarte in die internationale Politik und für das kassitische Babylonien der Grund, sich mit der aufkommenden Großmacht an der Nordgrenze zähneknirschend zu arrangieren. Also musste im Zweistromland für den Frieden geheiratet werden: Die Ehe der assyrischen Prinzessin Muballidat-Serua (oder Muballit-Serua) mit dem Kassiten Burna-Buriaš, seinem Sohn oder seinem Bruder machte den ständigen Grenzstreitigkeiten ein Ende. <28>

Dieser Eheschließung, die langfristig keineswegs dem Frieden diente, sondern von der sich die Assyrer eine „Machtbeteiligung oder umfassenden Einfluss in Babylonien“ versprachen, folgte bald eine „hollywoodreife Familientragödie“, auf die ich im Zusammenhang mit dem Kriegsbericht in 1. Mose 14 eingehen werde. Vom Niedergang der kassitischen Herrschaft in Babylonien wird später im Zusammenhang mit Ereignissen die Rede sein, die mit der biblischen Josefsgeschichte in Verbindung stehen.

2.4.5 Das biblische Goschen lag im Kassitenland

Hier sei nur noch angemerkt, wo Bauersachs (S. 55) die in der Josefs- und Exodusgeschichte angeblich ägyptische Provinz Gosen oder Goschen (hebräisch GoŠäN, vgl. 1. Mose 45,10 und öfter) real-historisch verortet:

Die Kassiten regierten noch bis etwa 1200 v. Chr., dann wurde Babylon von Assyrien erobert, ein Teil des Landes im Südosten ging an Elam. Diese Region des Kassitenlands Kašš- hat wohl dem biblischen „Gosen“ oder „Goschen“ seinen Namen gegeben. Noch deutlicher wird der Zusammenhang mit Gosen-Goschen, wenn man zum Vergleich den griechischen Namen Kossäer für die Bewohner Chuzistans heranzieht. Nur hier im Grenzgebiet zwischen Elam und Babylonien kann das biblische „Ägypten“ und Goschen gelegen haben.

Bereits im Zusammenhang mit den vom Garten in Eden ausgehenden vier Strömen hatte Bauersachs dieses „Kašš/Chuz“ mit dem biblischen Land „Kusch“ in Verbindung gebracht,

das Alttestamentler wie selbstverständlich mit Äthiopien gleichsetzen. Die Ehefrau Moses soll eine „Kuschitin“ gewesen sein, Luther übersetzt das als „Mohrin“ <29>; meiner Ansicht nach war sie eine Kassitin oder eine Bewohnerin des kassitischen Babyloniens.

Dem Einwand, „aus einem kurzen ‚a‘ {könne} kein langes „u“ werden“, begegnet Bauersachs mit der überzeugenden Argumentation (S. 56):

Dies mag bei geschriebenen Texten ausgeschlossen sein, bei mündlich und mit großem Zeitabstand tradierten Berichten schleifen sich solche sprachlichen Feinheiten ab; außerdem nehmen die theologischen Zwänge der Niederschrift auf solche Details geringe Rücksicht. Es sollte zumindest im Zusammenhang mit dem passenden regionalen Umfeld erlaubt sein, darüber nachzudenken.

2.5 Geographie und Geschichte des Landes Elam

In seinem Buch geht Konrad Bauersachs nach seinem Überblick über Geographie und Geschichte des Zweistromlandes und insbesondere Babyloniens zunächst auf diejenigen Teile der Erzvätergeschichten ein, die er in diesem Land verortet. Erst danach betrachtet er das Land Elam genauer (S. 99), das „Abrahams Südland“ darstellte:

Ich erlaube mir, diese geographischen und geschichtlichen Hintergründe bereits hier anzusprechen.

Geographisch gehört Abrahams Mescha, <30> der reale Bergrücken Kuh-e-Mish Dagh, zur Susiana, dem Westteil des Königreichs Elam. Hier liegt das falsch verstandene biblische Ägypten, hier kann Abraham in Notzeiten Getreide kaufen, hier liegen Bethel und Ai, hier liegt der Ort Nafğe, den die Niederschrift mit dem biblischen Südland Negev verwechselt und hier findet Lot eine neue Heimat bei Sodom.

Nur hier lässt sich der Untergang von Sodom und Gomorrha plausibel erklären, nur in dieser Region ist der Krieg von vier gegen fünf Königen (1. Mose 14) historisch dokumentiert und nur in dieser Region sind Bauten erhalten, die während der biblischen Fronarbeit (Ziegelherstellung) errichtet worden sind.

Die wasserreichen Landschaften entlang des Euphrat und Tigris sowie in Chuzistan machen die Verwechslung mit Ägypten plausibel.

2.5.1 Geographie Elams, insbesondere der Susiana im Westen

Es ist gar nicht so leicht, das historische Elam geographisch abzugrenzen, denn es (S. 99)

war (anders als das heutige Chuzistan) ursprünglich kein deutlich begrenztes Territorium, sondern umfasste im Lauf einer wechselhaften Geschichte unterschiedlich große Regionen und schloss den Ost- und Südostteil des heutigen Iran ein. Das heutige Chuzistan (im Altertum die Susiana) im Südwesten Irans mit seiner Hauptstadt Susa war nur eines der Zentren. Die Grenzen änderten sich im Laufe der Jahrtausende ständig…

So umreißt Bauersachs die weiteste Ausdehnung Elams:

Zeitweise reichte das Einflussgebiet Elams im Westen über Luristan bis zum Fluss Diyala, der beim heutigen Baghdad in den Tigris mündet. Im zentralen iranischen Hochland lag die Stadt Anšan, heute Tal-i-Malyan; es gibt Hinweise auf kulturelle Gemeinsamkeiten bis nach Afghanistan und Pakistan. Im ersten Jahrtausend zwingt der Einwanderungsdruck indo-iranischer Gruppen schließlich die Elamer, die östlich gelegenen Gebiete nach und nach aufzugeben und sich ins Kerngebiet zwischen Anšan und Chuzistan zurückzuziehen. Die heutige Provinz Fars (das antike Anšan) wurde später zum Stammland der Perser, hier entstand Persepolis…

Gesamt-Elam

Chuzistan = Susiana = West-Elam liegt nördlich des Persischen Golfs (Karte: Konrad Bauersachs)

Hier soll nun im Besonderen die „antike Susiana, das heutige Chuzistan“ geographisch eingegrenzt werden. Es liegen

  • im Norden und Osten die hohen Berge des Zagros,
  • im Süden der Persische Golf,
  • im Südwesten „der Unterlauf des heutigen Šatt-al-Arab, … der gemeinsame Mündungsfluss des Euphrat und Tigris“
  • im Westen der Unterlauf des Tigris.

Das Gebiet der Susiana, also des westlichen Elam, zeichnet sich durch sehr unterschiedliche Landschaftsformen aus (S. 99):

Der Süden ist eine Mischung aus Wüstensteppen einerseits, da die weniger wasserreichen Gebirgsflüsse im Südosten vorher versickern. …

Andererseits finden sich auch umfangreiche Sumpfgebiete und Salzmarschen, weil das Tiefland nur einige Meter über dem Meeresspiegel liegt. Nach starken Regenfällen im Gebirge können im Süden Chuzistans weite Flächen des Lands lange Zeit unter Wasser stehen, weil das Wasser nur langsam abfließt.

Aber (S. 101f.) wegen der „sehr heißen und trockenen Sommer“ in Chuzistan – „die Durchschnittstemperatur Chuzistans beträgt im Juli 38 °C“ – können die Folgen „dramatisch sein“, wenn „im Winter die Niederschläge einmal ganz aus{bleiben}“. (S. 100f.:)

Der Westen und Nordwesten Chuzistans geht jenseits der Dehloran-Ebene mit der aufragenden Gebirgskette des Zagros in die Region Luristan über, die bis etwa zur heutigen iranischen Stadt Ilam reicht. …

Über die Dehloran-Ebene verlief im Altertum eine viel genutzte West-Ost Verbindung vom heutigen Baghdad über Der-Badra nach Susa. Die Route war sowohl Handelsweg, aber auch eine leicht zugängliche Einfallspforte für fremde Heere… Im Unterschied zum Weg in der Tigrisebene gab es hier längs der Berge auch im Sommer noch ausreichend Wasser.

Aus welchem Grund (S. 101) „die meisten Orte der Dehloran-Ebene etwa 1230 v. Chr. verlassen“ wurden, hat man bisher nicht eindeutig klären können. Gegen „die ständige politische Instabilität durch durchziehende Armeen“ als Ursache dafür spricht nach Bauersachs

die Tatsache der dauerhaften Besiedlung seit Jahrtausenden…; offenbar hatten sich die Bewohner mit den wiederkehrenden Überfällen abgefunden. Sie reagierten gelassen und zogen sich so lange in die Berge zurück, bis die Gefahr vorbei war.

Stattdessen sieht er die „Abwanderung in Dehloran“ in einem Zusammenhang

mit dem etwa gleichzeitig stattfindenden Zerfall zahlreicher Stadtstaaten im Nahen Osten und Mittelmeerraum: Um 1200 v. Chr. verschwanden ganze Reiche (z.B. Hethiter), gleichzeitig tauchen aus dem Nichts die sogenannten Seevölker auf. Die Ursachen für diese lokalen und großräumigen Umwälzungen liegen im Dunkeln, eine allgemein anerkannte Erklärung existiert nicht. Ich mache deshalb hier auf die Theorie des Prof. Nur aufmerksam, der eine Serie schwerer Erdbeben für den allgemeinen Niedergang um 1200 v. Chr. verantwortlich macht.

Und genau in „dieser unruhigen Zeit“ wird die Susiana ihm zufolge zu dem Schauplatz, in dem sich „die Vorgeschichte zum Exodus“ entwickelt.

2.5.2 Flüsse in Chuzistan (= Susiana = West-Elam)

Auf (101) „die Flüsse der Region“ geht Bauersachs sehr ausführlich ein, da im Blick auf sie „detaillierte Landschaftsbeschreibungen im Alten Testament … nur auf Chuzistan, aber nicht auf Ägypten zutreffen können“:

Einerseits versorgen sie das Flachland ausreichend mit Wasser, andererseits … bildeten sie deutliche Staatsgrenzen. Chuzistan bzw. die antike Susiana ist nicht auf einen einzigen Fluss angewiesen; Babylonien ist ausschließlich von Euphrat oder Tigris, Ägypten dagegen vom Nil abhängig. Die Flüsse der Susiana wurden aber genauso intensiv für die Bewässerung genutzt.

Die genaue Identifizierung der Flüsse war schon in der Antike nicht immer einfach (S. 102):

Das geringe Flussgefälle in der Susiana führte (wie in Babylonien) immer wieder zu Verlagerungen des Flussbetts. Da Flüsse über zahlreiche Bewässerungskanäle miteinander vernetzt waren, hatte das für die Wassernutzung meist keine so gravierende Bedeutung wie in Babylonien. Die wiederholten Verlagerungen nach Hochwassern richteten damals und noch heute ziemliche Verwirrung an, weil selbst den Einheimischen irgendwann nicht mehr klar ist, um welchen Fluss es sich eigentlich handelt…

Einzelne Flüsse listet Bauersachs nun von Nordwesten nach Südosten auf.

Skizze mit Flüssen in Nord-Chuzistan

Der Verlauf der Flüsse Kerkhe, Diz und Karun im Norden Chuzistans (Karte: Konrad Bauersachs)

Zum (S .103) Kerkhe (Anm. 12: „assyr. Uqnu = Lapislazuli; elamisch Ulai, griechisch Eulaius“) erwähnt er die Quelle „bei Kermanshah im nordwestlichen Zagros“, dass er „nördlich von Dizful das Flachland“ erreicht, „westlich an Susa vorbei nach Süden“ fließt und „sich bei Ahvaz durch die Antiklinale <31> {zwängt}, auf der Abrahams Mescha lag.“ Danach floss er in der Antike nicht wie heute nach Nordwesten, sondern nach Südwesten, und „zwischen den Orten Terach und Ahvaz“ gab es vielleicht

einmal eine (Kanal)-Verbindung zwischen dem Flusssystem des Kerkhe und des Karun, dies könnte auch die chaotischen Beschreibungen des antiken Flusssystems teilweise erklären.

Bauersachs hält (S. 104)

die Wasserstraße, die Susa über den Kerkhe und den Tigris letztendlich mit dem Meer verband, für den antiken Pasi­tigris.

Östlich an Susa vorbei fließt der „im iranischen Norden bei Hamadan“ entspringende Diz („die Elamer und Assyrer nannten ihn Idide, die Griechen Koprates“):

Er erreicht bei Dizful die Ebene… Etwa 50 km oberhalb von Ahvaz mündet der Diz bei Band-e-Qir in den Karun.

Der Karun „ist der wasserreichste Fluss des heutigen Iran“. Er „entspringt im östlichen Zagros-Gebirge bei Isfahan und windet sich über 400 km durch enge, unzugängliche Schluchten, bis er bei Šuštar das Flachland erreicht.“

Bei Šuštar wird ein Teil des Karun zur Bewässerung nach Osten abgeleitet; der Kanal heißt Abi-Gargar und wird gerne mit dem Karun selbst verwechselt, weil er breiter ist; er vereinigt sich weiter flussabwärts wieder mit dem Karun etwa beim Zusammenfluss mit dem Diz. Von dieser Stelle an lassen sich bei Hochwasser im Winter und nach der Schneeschmelze im Frühling die unterschiedlichen Wasserfärbungen über mehrere Kilometer stromabwärts verfolgen. Das Wasser des Diz ist durch mitgerissene Erde dunkel gefärbt, der Abe-Gargar milchig-weiß, weil er zahlreiche Schmelzwasserzuflüsse aus den Bergen hat, der Karun hat von den Hügeln aus rotem Sandstein, die er durchschneidet, eine charakteristische Rotfärbung. Diese Rotfärbung erwähnt auch das Alte Testament, sie wird von allen Übersetzern stets auf den ägyptischen Nil bezogen.

Dazu später im Zusammenhang mit dem Exodus mehr.

Eine Skizze von Chuzistan, auf der die meisten Flüsse erkennbar sind

Der Verlauf der Flüsse Karun, Marun (Unterlauf: Jarrahi) und Hendijan im Süden Chuzistans. Die Flüsse rund um Ramhormuz sind nicht benannt (Karte: Konrad Bauersachs)

Der (S. 105) Marun „entspringt im östlichen Zagros-Gebirge und erreicht bei Behbahan das südöstliche Chuzistan“:

 

Er folgt einem weiten Tal nach Nordwesten, wendet sich kurz vor Ramhormuz nach Südwesten und erreicht durch einen Einschnitt zwischen den Bergrücken des Kuh-e-Schere und des Kuh-e-Behreme bei Ramshir die Tiefebene. … Ähnlich wie der Karun ist der Marun im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze ein reißender Fluss und bildete deshalb im Altertum eine natürliche Grenze zwischen Susiana und dem elamischen Hochland (später Persis).

Noch weiter südlich passiert der ebenfalls „aus dem östlichen Zagros-Gebirge“ kommende Hendijan

(auch Sarche genannt) … die Wasserscheide der Behbahan-Ebene im Süden, danach zwängt er sich wie der Marun durchs Randgebirge und fließt nach einem Schwenk Richtung Nordwesten schließlich in den Persischen Golf.

2.5.3 Ältere Geschichte Elams und Inzest im Königshaus

Zur ältesten elamischen Geschichte möchte ich nur erwähnen, dass (S. 107) bereits „um 4000 v. Chr. … die spätere elamische Residenzstadt Susa gegründet“ wurde und in

der Blütezeit … die elamischen Könige den Titel „König von Susa und Anšan“ {führten}, wobei Susa das Zentrum im Westen (das heutige Chuzistan) repräsentierte und Anšan den Ostteil in der heutigen Provinz Fars.

Die elamische Sprache „ist mit keiner der altorientalischen Sprachen (z.B. semitisch) verwandt“, es gab in Elam „schon vor der sumerischen Keilschrift die proto-elamische Schrift und eine Silbenschrift“. Auch wurden hier (S. 108)

bereits vor den Sumerern zum ersten Mal im Vorderen Orient überhaupt Stufentempel errichtet. Diese Zikkurats (das Wort stammt aus dem elamischen) sind bautechnisch vergleichbar mit der Stufenpyramide des ägyptischen Pharao Djoser von Sakkara (ca. 2650 v. Chr.).

Da das „Großreich Elam (Susiana mit Anšan) … für Babylonien ein interessanter Rohstofflieferant für Steine und Metalle, aber auch für Holz“ war, wurde es „regelmäßig geplündert.“ Aber (S. 109) um „2000 v. Chr. beendeten … die Hochland-Elamer gemeinsam mit der Bevölkerung der Susiana die Vorherrschaft von Ur“.

Verschiedene Umstände machen es für die elamische Geschichte außerordentlich schwierig, „die Nachfolgeregelungen innerhalb einer Königsfamilie“ zu durchschauen:

Wenn kein Erbe vorhanden war, folgte häufig ein Bruder des Königs auf dem Thron, manchmal war ein Thronfolger vorhanden, dennoch wurde ein anderer auf den Thron gesetzt.

Ein Weg, um die Nachfolge zu sichern oder bestimmte Angehörige zu bevorzugen und zu legitimieren, war Inzest im Königshaus, wobei je nach Verwandtschaftsverhältnis der Eltern das Kind einen anderen Rang einnehmen konnte: Den höchsten Rang nahm ein Kind König-Tochter ein, ein Kind König-Schwester hatte einen etwas niedrigeren Rang, ebenso ein Kind Bruder-Schwester. …

Solche für uns unnatürlichen familiären Beziehungen führen zu absonderlichen Verwandtschaftssystemen, deren Aufklärung im Detail mehr als 3000 Jahre später kaum möglich ist; jede Rekonstruktion einer exakten Königsliste wird dadurch verhindert oder massiv erschwert. Unter solchen Voraussetzungen kann keine eindeutige Zuordnung von Sohn-Bruder-Neffe-Mutter-Tochter zu einem Vater erfolgen, was für die tatsächliche Nachfolgeregelung unabdingbar wäre.

Die Bevölkerung hatte solche Freiheiten sicher nicht, allenfalls genossen die Kleinkönige der Region ähnliche Privilegien. Zweifellos waren diese Familienverhältnisse zumindest gerüchteweise jedem bekannt und sorgten für eine Mischung aus Neid, Ablehnung und Abscheu. Kein Wunder, dass das Alte Testament die Städte Sodom und Gomorrha in der Susiana als exemplarisches Beispiel für alles Widernatürliche und Abartige anführt. Auch das ist wieder ein Hinweis auf die biblischen Schauplätze vor dem Exodus.

2.5.4 Schwierigkeiten der Chronologie elamischer Dynastien

Da (S. 109) die Geschichte Elams eng verbunden ist mit der Geschichte Babyloniens und etwa ab „1400 v. Chr. … zahlreiche Heiraten zwischen kassitischen Prinzessinnen und elamischen Herrschern … dokumentiert“ sind, stellt sich auch die Frage nach der Synchronisation der entsprechenden Daten für die Königshäuser.

In diesem Zusammenhang weicht Bauersachs

von den offiziellen Jahreszahlen nach der Mittleren Chronologie etwas ab… (ca. minus 13 Jahre), um die elamische Geschichte mit der kassitisch-babylonischen Geschichte abzustimmen. Dies ist keine Willkür, sondern muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass in diesem Zeitabschnitt die eng mit Assyrien verknüpfte kassitische Geschichte äußerst unübersichtlich ist. Darüber hinaus ist nicht immer klar, ob unterschiedliche Namen einen einzigen Regenten meinen oder es sich in Wirklichkeit um zwei oder gar drei Herrscher handelt.

Bauersachs ist sich bewusst (S. 110), dass seine „an der Mittleren Chronologie für Babylonien orientierte Datierung“ elamischer Könige

heftigen Widerspruch auslösen {wird}, weil sie zu den Jahresangaben der bei Elamisten populären sehr Kurzen Chronologie bis zu 60 Jahre addiert. Grund für die Verwendung der sehr Kurzen Chronologie ist die scheinbar zeitliche Unvereinbarkeit der Kidinuiden- und Igihalkiden-Dynastie, denn gegen 1200 v. Chr. stimmen diese Jahreszahlen wieder mit der Mittleren Chronologie überein.

Wie ich zeigen werde, ist die Verwendung der zusätzlichen ultrakurzen Chronologie für Elam überhaupt nicht nötig. Den vermuteten direkten Übergang in der Art eines Staffelwechsels von Kidinuiden zu Igihalkiden hat es nie gegeben: Die Dynastien der Kidinuiden haben parallel zu den Igihalkiden regiert und nicht nacheinander! Die identische Situation finden wir in Deutschland: Ein Reich, das in zwei Teile zerfällt und nach vierzig Jahren wieder eine gemeinsame Geschichte hat. Unbestreitbar ermöglicht nur die Mittlere Chronologie für diesen Zeitabschnitt halbwegs korrekte Zuordnungen zwischen elamischen, kassitischen und assyrischen Regenten.

Die Gründe für eine solche Neuordnung der elamischen Chronologie nachzuvollziehen und zu beschreiben, halte ich für den schwierigsten Teil meiner Besprechung des vorliegenden Buches, da ich mich mit der elamischen Geschichte tatsächlich noch nie auseinandergesetzt habe und die Angelegenheit wahrhaftig sehr kompliziert ist.

Dazu müssen wir gemeinsam mit Konrad Bauersachs die beiden bereits genannten elamischen Königshäuser der Kidinuiden und Igihalkiden nun eingehender betrachten.

2.5.4.1 Der Kidinuide Tepti-Ahar = Hurpatila (West-Elam)

Die (S. 110) Dynastie der Kidinuiden trägt ihren Namen nach König Kidinu, der nach den Königen von „Awan und Simaš“ und den „Epartiden … um 1500 … eine neue Dynastie“ begründete. Von diesem Königshaus weiß man nicht sehr viel, nur sein letzter Vertreter ist in unserem Zusammenhang sehr interessant.

Dieser heißt Tepti-Ahar (oder Tempt-ahar), <32> „der zu Beginn seiner Amtszeit zunächst in Susa regierte und sich Mitte des 14. Jahrhunderts als Erbauer von Haft Tepe {dem antiken elamischen Kabnak 10 km südöstlich von Susa} einen Namen gemacht hat.“ Obwohl sich Tepti-Ahar „in alter Tradition König von Susa und Anšan“ nennt, geht Bauersachs davon aus, dass

seine Macht ausschließlich auf die Susiana und westlich davon gelegenen Gebiete beschränkt war. Nur so lässt sich der Übergang von den Kidinuiden zu den Igihalkiden logisch und historisch erklären. <33>

Zur (S. 111) Zerstörung des Ortes Haft Tepe erwägt Bauersachs als Ursache „ein Erdbeben mit nachfolgenden Bränden“:

Haft Tepe liegt auf der gleichen Antiklinale wie Čoga Zanbil, auch dort könnte ein Beben für die Aufgabe der Anlage gesorgt haben. Die Datierung dieses Ereignisses für Haft Tepe macht andererseits einen Zusammenhang mit der Rückeroberung der Susiana durch Kurigalzu II. denkbar: Vermutlich wurde die Stadt im Laufe einer kriegerischen Auseinandersetzung etwa am Ende des 14. Jh. v. Chr. zerstört.

Wenn (S. 112) die Darstellung eines Kopfes aus Haft Tepe, dessen „Gesichtsausdruck … die klassischen Züge eines Schlaganfallpatienten“ aufweist, <34> tatsächlich Tepti-Ahar zeigt,

könnte die massive politische Schwächung Susas auch mit seiner Erkrankung erklärt werden. Tepti-Ahar spielt eine merkwürdige politische Rolle in mehrerlei Hinsicht: Allenfalls zu Beginn seiner Regierungszeit um 1350 v. Chr. dürfte er tatsächlich unabhängiger König von Susa gewesen sein. Um 1344 v. Chr. haben die mächtigen Kassiten unter Burna-Buriaš II. die Susiana mit den angrenzenden Landesteilen annektiert, Tepti-Ahar wurde Gefangener im eigenen Land.

Er durfte wohl mit Billigung der Kassiten die Bauarbeiten an der Tempelanlage Haft Tepe auch nach der Besetzung fortführen, zu heikel und verhängnisvoll wäre ein Baustopp gewesen: Jeder rücksichtslose Umgang mit fremden Gottheiten – und sei es bei einem Tempelbau – hat stets zu Unruhen geführt.

Zur neuen Sicht von Konrad Bauersachs auf die Geschichte Elams gehört auch, dass er mit diesem König Tepti-Ahar einen anderen König identifiziert, nämlich Hurpatila, der in der elamischen Forschung „ein historisches Phantom“ darstellt. Dieser „Hurpatila des ausgehenden 14. Jahrhunderts“ muss gleichzeitig „mit Tepti-Ahar … in Elam (Susiana) … regiert haben“, aber wie soll man folgende Unstimmigkeiten erklären?

Er ist nur aus einer historischen babylonischen Chronik und einer assyrischen Quelle bekannt: Beide berichten über eine Auseinandersetzung, die Hurpatila gegen Kurigalzu II. provoziert hat. Aus Elam selbst, wo er regiert haben soll, ist über Hurpatila nichts verbürgt, außerdem hat er keinen elamischen, sondern einen hurritischen Namen. Allerdings lebten Mitte des 15. Jahrhunderts v. Chr. im Flachland der Susiana hurritische Volksgruppen; ein Großteil der in Haft Tepe gefundenen Siegelungen ist hurritisch-mitannisch. Haben wir es hier also mit zwei auf engstem Raum rivalisierenden Regenten zu tun, von denen einer, Tepti-Ahar, nach altbekanntem Muster alle verfügbaren Unterlagen über seinen Rivalen Hurpatila vernichtete?

Eine solche Umwidmung oder Löschung von Inschriften, die sich „in Steindenkmälern oder Felswänden“ nachweisen ließe, muss in Elam aber eine Vermutung bleiben, weil Texte hier nur „auf Lehmziegeln erhalten“ sind, „die sich einzeln mit neuer Beschriftung austauschen lassen.“

Leichter lassen sich viele sonst schwer verständliche Fakten erklären, wenn man tatsächlich davon ausgeht, dass „Tepti-Ahar und Hurpatila“ schlicht und einfach zwei Namen für dieselbe Person sind. Das erklärt, warum es „in Susa oder Haft Tepe keinerlei Inschriften oder Dokumente eines Regenten Hurpatila“ gibt, denn hier hieß er ja Tepti-Ahar. Dass „Tepti-Ahar im babylonischen und assyrischen ‚Ausland‘ den hurritischen Namen Hurpatila trägt, der seinen Ursprung in der hurritischen Bevölkerung um Haft Tepe hat“, kann ebenfalls einleuchten. Weitere Argumente für eine Identität beider Herrscher werden sich aus den Ergebnissen der Besprechung des Kriegsberichtes aus 1. Mose 14 ergeben.

2.5.4.2 Die Igihalkiden Untaš-Napiriša (zunächst nur Ost-Elam) und Kidin-Hutran III.

Nach traditioneller Sicht (S. 113) soll auf den letzten Vertreter der Kidinuiden-Dynastie die Dynastie der Igihalkiden gefolgt sein, aber nach Bauersachs „kann es keinen harmonischen Übergang gegeben haben“. Sein Originalton:

Die Details zum Machtwechsel zwischen den Kidinuiden und Igihalkiden und der gleichzeitigen Krise im kassitischen Babylon kläre ich im Zusammenhang mit dem biblischen „Kriegsbericht“ weiter unten. Die scheinbar unentwirrbare Zeitspanne in Elam zwischen 1340 und 1332 v. Chr. erhält ein gesichertes Fundament, weil historische Ereignisse in Babylon mit den parallelen Vorgängen in den Nachbarländern Elam und Susiana zu einem überzeugenden Gesamtbild zusammengefügt werden können.

Gegründet wurde „die mächtige Igihalkiden-Dynastie“ im Ostteil Elams mit der Hauptstadt Anšan unter König „Igi-Halki (1400 – 1380) parallel zu den Kidinuiden in Susa“. <35> Durch Inschriften ist belegt, dass er „sein Königtum auf göttlichem Beistand“ gründet,

eine Formulierung, die gerne verwendet wird, wenn ein Herrscher durch einen Staatsstreich an die Macht kommt und keine königlichen Vorfahren zu bieten hat.

Bauersachs vermutet, dass Igi-Halkis „Sohn Attar-Kittah um 1360 in Susa die letzten Kidinuiden“ zunächst nur vorübergehend entmachtete, da „Tepti-Ahar … um 1350 Susa wieder in sein Reich“ eingliederte. Möglicherweise gewann in dieser Zeit die Anlage von Dehno „in Sichtweite von Haft Tepe (25 km entfernt)“ als „langfristige Basis für künftige Unternehmungen“ der „Igihalkiden an Bedeutung“. Dann kommt Bauersachs (S. 114) auf den für unseren Zusammenhang wichtigsten Igihalkiden Untaš-Napiriša:

Igi-Halkis Nachfolger {und Enkel} Humban-Numena (1350-1335) und vor allem {dessen Sohn} Untaš-Napiriša (1335-1295) heben Gesamt-Elam wieder auf die internationale politische Bühne. Mit Untaš-Napiriša entspannte sich auch das Verhältnis zwischen Elam und Babylonien, zahlreiche Heiraten zwischen kassitischen Prinzessinnen und elamischen Herrschern sind nun dokumentiert.

Dieser Untaš-Napiriša war es, der 40 km südöstlich von Susa als neue Hauptstadt seines Reiches Dur-Untaš gründete, das heutige Weltkulturerbe Čoga Zanbil:

Als Untaš-Napiriša seine Herrschaft antrat, beschränkte sich seine Macht hauptsächlich auf Anšan, das elamische Kernland und reichte im Westen zumindest bis an den Gebirgsrand. Hier hatte er mit Dehno inmitten der Susiana sowie mit der Stadt Arjan am Fluss Marun beim heutigen Behbahan und mit Liyan direkt am Persischen Golf sozusagen einen Fuß in der Tür zur Susiana…

Der östliche Gebirgsrand der Susiana und die elamischen Flüsse Karun und Diz wären für das Reich Untaš-Napirišas die natürliche Westgrenze gewesen.

Sein Gegenspieler Tepti-Ahar regierte demgegenüber „in Susa nur über den westlichen Teil Elams“, das heißt, er beherrschte auf

der westlichen Seite der Flussebene … eine Region, die im Nordwesten über die Susiana hinaus die Dehloran-Ebene einbezog und weiter bis etwa Der (heute Badra) in Jamutbal reichte, nach Westen und Südwesten umfasste sie das Schwemmland des Tigris und damit auch Teile des sogenannten Meerlands… Dies waren seit jeher strittige Provinzen, die immer dann von den Kassiten beansprucht wurden, wenn sie stark genug waren, sich gegen Elam zu behaupten. …

Nicht bedacht hatte Tepti-Ahar, dass sich Untaš-Napiriša wie bereits sein Vorgänger Attar-Kittah angelegentlich für die Susiana interessierte. Im Moment wollte er aber einen direkten Angriff vermeiden, um keinen Konflikt mit dem Kassiten heraufzubeschwören. Die politischen Ambitionen und das Vorgehen des Taktikers Untaš-Napiriša gliedere ich aus diesem Kapitel aus und behandle dieses Thema im Zusammenhang mit dem Kriegsbericht…

Außerdem erwähnt Bauersachs (S. 115) noch den letzten Herrscher der Igihalkiden-Dynastie, Kidin-Hutran III.:

Er nutzte den Machtverfall Babylons durch die Wirtschaftskrise und griff, alten Familienbanden zum Trotz, erneut zum Schwert und überfiel wie in früheren Zeiten mehrfach die Kassiten. Zu ärgerlich war für Elam, dass sich gleichzeitig der assyrische König Tukulti-Ninurta I. im geschwächten Nachbarland bediente und Gebiete beanspruchte, auf die Elam schon lange ein Auge geworfen hatte. …

Dieser Kidin-Hutran III. (ca. 1245 – 1220) auf elamischer Seite hatte – anders als manche seiner Vorgänger – mit dem Errichten von Tempeln wenig im Sinn; wir wissen, dass er ein fleißiger Krieger war.

Seine Regierungszeit überschnitt kurz sich mit der des babylonischen Adad-Šuma-Usur, einem Sohn des Kaštiliaš IV., danach verschwand Kidin-Hutran III. völlig überraschend sang- und klanglos.

Warum Kidin-Hutran III. so ohne jede Nachricht von der historischen Bildfläche verschwunden zu sein scheint und (S. 116) „warum in Elam die Zeugnisse für die Zeit von etwa 1220 bis 1210 v. Chr. so dürftig sind“, dazu wird Konrad Bauersachs im Zusammenhang mit dem „Pharao“ des Exodus eine sehr interessante Theorie vorschlagen.

3. Abraham und seine Sippe in Babylonien und Elam

Nachdem nunmehr Babylonien und Elam als die wahren Schauplätze biblischer Erzählungen von der Patriarchenzeit bis zum biblischen Exodus beschrieben und auch wichtige historische Gestalten aus ihrer Zeit vorgestellt worden sind, kann der Vorhang sich heben, so dass wir prüfen können, ob sich auf dieser Bühne tatsächlich historische Ereignisse abgespielt haben, die in den zunächst lange Zeit mündlich weitergegebenen Traditionen der Bibel ihre Spuren hinterlassen haben, indem sie dort zu einem Drama in mehreren Akten zusammengefügt wurden.

3.1 Die biblischen Erzeltern sind nicht die Vorfahren des historischen Volkes Israel

Der erste Akt dieses Dramas (S. 59) betrifft die so genannten Erzväter des Volkes Israel, Abraham, Isaak und Jakob. Konrad Bauersachs stellt von vornherein klar, dass sich seine historische Theorie auf die Gestalt des Abraham konzentriert, der sich „durch seine Einbindung in den ‚Kriegsbericht‘ 1. Mose 14 ins ausgehende 14. Jahrhundert einordnen“ lässt. Demgegenüber hält er die „zwölf Söhne Jakobs und die daraus hergeleiteten zwölf Stämme Israels“ für „ein Produkt der Niederschrift“ des Alten Testaments:

Die Patriarchen haben mit Israel definitiv keine gemeinsamen Wurzeln; das Volk der Israeliten als Nachfahren Abrahams hat es nach biblischem Verständnis nie gegeben.

Die Formulierung „nach biblischem Verständnis“ klingt an dieser Stelle des zuletzt zitierten Halbsatzes ein wenig missverständlich, da die Bibel ja in 2. Mose 3,14-15 den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit JHWH gleichsetzt und im 1. Buch Mose das Werden des späteren Volkes Israel inmitten der Völker beschreibt. Tatsächlich meint Bauersachs, dass es das „nach biblischem Verständnis“ mit den „Nachfahren Abrahams“ identifizierte „Volk der Israeliten“ in Wirklichkeit historisch so niemals gegeben hat (S. 12):

Das „Volk Israel“, das von Abraham abstammen soll und angeblich aus ägyptischer Gefangenschaft in das Gelobte Land geflohen ist, hat nicht das Geringste mit dem historischen Volk Israel zu tun, das auf der historischen Merenptah-Stele <36> („Israel-Stele“) erwähnt wird.

Aus diesem Grund bezeichnet er

Abrahams Nachfahren bis zum Exodus stets als „Volk Israel“ (mit Gänsefüßchen) …, danach wird daraus die Exodus-Gruppe. Deren Mitglieder verteilen sich nach dem Erreichen des „Gelobten Lands“ in Transjordanien und werden Teil des moabitischen Volkes. Erst nach dem Zusammenbruch des Nordreiches Israel finden beide Volksgruppen zusammen…

Das heißt: Erst nachträglich (S. 62) wurde „eine Familiensaga“ der biblischen Patriarchen „aus mündlichen Überlieferungen und wichtigen historischen Ereignissen konstruiert“, wobei man „mit der geschichtlichen Realität und der Zuordnung zu einzelnen Persönlichkeiten sehr freizügig“ umging. Indem diese weiterhin mit den Exodus-Traditionen zusammen auf Israel bezogen wurden, entstand – erst nach dem Untergang des Nordreichs Israel – die biblische Vorstellung,

  • dass die Nachfahren Abrahams in „Ägypten“ zum erwählten Volk Israel heranwuchsen (nach 2. Mose 4,22 als Gottes „erstgeborener Sohn“),
  • aus dem nach Exodus, Wüstenwanderung und Richterzeit unter David ein Israel und Juda umfassendes Großreich in Palästina wurde,
  • das aber nach Salomo wieder in zwei Staaten, Israel und Juda, auseinanderfiel.

3.2 Kleinviehnomadentum als Lebensform der Sippe Abrahams

Es geht also Bauersachs nicht darum, alle biblischen Berichte als wortwörtlich wahr zu erweisen, sondern nur für bestimmte Erzählstränge einen historischen Hintergrund aufzuspüren. Er ist nicht einmal daran interessiert (S. 59), ob „es eine historische Person namens Abraham tatsächlich gegeben hat oder nicht“, sondern lediglich an der historischen Einordnung der mit Abraham verbundenen geographischen Gegebenheiten und historischen Ereignisse.

Eindeutig geht aus den biblischen Erzählungen hervor (S. 60), dass die Erzväter „Kleinviehnomaden“ waren, die „ihre Tagesetappen bei den Wanderungen mit Schaf- und Ziegenherden nach den vorhandenen Wasserstellen“ richteten:

Die Normalform solcher Wanderungen war der jahreszeitliche Weidewechsel, der regelmäßig zu Kontakten mit der sesshaften Bevölkerung führte; dabei wurde Käse, Felle und Wolle gegen Mehl und Haushaltsgegenstände getauscht. Neben dem saisonalen Weidewechsel waren Überweidung, Klimaveränderung und Wassermangel häufig Ursache für weiträumige Wanderungen, gelegentlich wurden schwächere Stämme durch stärkere verdrängt.

Schon „im jahreszeitlichen Rhythmus“ konnten „Entfernungen bis zu 1000 km zurückgelegt“ werden.

Diese Nomaden waren im Gegensatz zu Sesshaften „nie am Landerwerb interessiert.“ Sie „plünderten“ zwar gelegentlich die wohlhabenden Siedlungen, sahen sich aber lediglich aus Anlass von „Notzeiten gezwungen, sich als Arbeiter zu verdingen“ oder „als Söldner“ anwerben zu lassen „mit der Aussicht, ein Stück Land zu erhalten.“ Daraus folgt auch (S. 62):

Die fiktive Person Abraham und seine Nachkommen wurden sehr geschickt in reale Vorkommnisse eingearbeitet, in die sie wohl nie direkt verwickelt waren. Nomaden sind üblicherweise an Politik nicht sehr interessiert: Wenn ihnen etwas nicht passt, packen sie den Hausrat zusammen und ziehen mit ihren Herden weiter. Trotzdem waren ihnen zweifellos wichtige regionale Vorfälle bekannt oder sie wurden ungewollt in Ereignisse hineingezogen, die dann auch langfristig mündlich weitergegeben wurden. Solche Überlieferungen müssen natürlich mit großer Vorsicht interpretiert und auf den wahren Kern hin untersucht werden.

Zu den (S. 60) „gesellschaftlichen Strukturen“ der Nomadenstämme erwähnt Bauersachs, dass sie „patriarchalisch“ organisiert sind: „An der Spitze einer Großfamilie oder Stammes stand damals wie heute ein Scheich (arab. ‚Ältester‘).“ Da „Viehherden, der einzige Reichtum der Nomaden, … durch Trockenheit, Überfälle oder Raubtiere schnell verlorengehen“ können, „war die Ahnenreihe in der männlichen Linie so wichtig wie materieller Besitz. Familienbande wurden durch Eheschließungen“ – oft zwischen „Cousine und Cousins“ – „noch enger geknüpft, wobei vor allem auf Stand und Abstammung geachtet wurde. Daneben war bei Mädchen sehr wichtig, dass diese nicht in fremde Familien einheirateten.“ Es ist offensichtlich, dass im 1. Buch Mose gerade auf Abstammungslisten großer Wert gelegt wird und immer wieder von Heiraten im engeren Familienverband die Rede ist.

Auch wenn einzelne Familien sich zerstritten haben, helfen sie sich bei gemeinsamen Ahnen gegen jeden Feind. Als Beispiel des Alten Testaments mag der Einsatz Abrahams und seiner Knechte dienen, die Lot aus der Hand der Soldaten befreien (1. Mose 14,15), obwohl sich Abraham und Lot vorher wegen der Weidegründe ihrer Herden im Streit getrennt hatten.

3.3 Abrahams Lebenslauf mit dem historischen Festpunkt im Jahr 1332 v. Chr.

Die Bibel zählt den Erzvater Abraham (S. 59) gemäß der „Völkertafel“ in 1. Mose 11,10 zu den Semiten, die von Noahs Sohn Sem abstammen und zu denen „u.a. die Elamer (oder Elamiter), Assyrer, Babylonier und Aramäer“ zählen, deren „Siedlungsgebiet … von Westanatolien bis Persien und von Armenien bis zum Roten Meer“ reicht.

Ein Versuch von Konrad Bauersachs (S. 67), „Abrahams Lebensdaten“ annäherungsweise zusammenzustellen, geht davon aus (S. 63), dass sich „mit dem biblischen Abraham und seinen Nachfahren … mindestens zwei historisch dokumentierte Festpunkte eindeutig verknüpfen“ lassen, die „im Raum Babylon/Elam vorgefallen“ sind:

Das erste Ereignis ist der biblische „Kriegsbericht“ (1. Mose 14, 1), der sich mit einer Genauigkeit im Bereich von etwa 2-3 Jahren fixieren lässt.

In seiner Liste (S. 67) setzt er diesen Krieg im Jahr 1332 v. Chr. an.

Das zweite Ereignis betrifft (S. 64) die „realen Daten der Josefsgeschichte“, von denen ausgehend Bauersachs „einen Exodus um 1220 v. Chr.“ berechnet; aber dazu später (siehe Kapitel 4).

Im einzelnen verfolge ich die Rekonstruktion der Biographie Abrahams und seiner Nachkommen hier nicht nach, da ich es für müßig halte, aus den übersteigerten Altersangaben der Bibel belastbare Schlüsse zu ziehen – und zwar weder in der einen noch in der anderen Richtung. Dazu nur einige wenige Bemerkungen:

Dass Abraham und Sara erst in hohem Alter den von Gott verheißenen Träger seines Segens geschenkt bekommen, und zwar ausdrücklich, ohne dabei Abrahams Zeugungskraft ursächlich zu erwähnen, kann schon deswegen nicht als historische Aussage verstanden werden, weil die biblischen Autoren die Geburt des geliebten, erstgeborenen Sohnes als Inbegriff der Erwählung des Volkes Israel auf ein wunderbares Handeln JHWHs zurückführten, das menschlicher (insbesondere männlicher!) Verfügungsgewalt entzogen war. <37>

Mit einigem Recht will Bauersachs annehmen, dass Abraham zur Zeit des in 1. Mose 14 dokumentierten Krieges „um 1332 v. Chr.“ vielleicht an die 70 Jahre alt war, denn „er muss als Herr über 300 Knechte sehr wohlhabend gewesen sein, dazu braucht es ein reifes Alter“.

Die Schlussfolgerung, dass Mose keineswegs ein Nachkomme Abrahams gewesen sein kann, geht in meinen Augen zu weit, wenn sie ausschließlich auf den hohen Altersangaben und den genealogischen Angaben der Bibel aufgebaut wird (S. 66):

Das zentrale Problem des Lebenslaufs verursacht Abrahams Urenkel Levi, ein Sohn Jakobs: Aus dieser Linie stammt angeblich Mose, der als 80-jähriger die Exodus-Gruppe ins Gelobte Land geführt haben soll. Bei einem Exodus etwa 1220 v. Chr. hätte Moses Geburtsjahr um 1300 liegen müssen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Großvater Levi noch gar nicht geboren, geschweige denn dessen Tochter Jochebed, die als Mutter Moses genannt wird. Für Aaron, den älteren Bruder Moses, gilt natürlich das Gleiche.

Natürlich hat diese biblische Konstruktion der Lebensläufe nichts mit einer historischen Aussageabsicht zu tun; stattdessen soll die Kontinuität der Abstammung des Volkes Israel über den nach 2. Mose 12,40 „vierhundertdreißig Jahre“ andauernden Zeitraum des Aufenthalts der „Israeliten in Ägypten“ gewährleistet werden. Und das ist gemäß 2. Mose 6,16-20 – wenn ich richtig gerechnet habe – nur dann vorstellbar, wenn Levi eben 137 Jahre alt wurde, sein Sohn Kehat 133 und sein Enkel Amram 137 – und wenn alle diese Männer erst im Alter von über 100 Jahren ihren ersten Sohn gezeugt hätten. Dabei wäre Levi über seinen Sohn Kehat sogar der Urgroßvater von Mose und Aaron gewesen und nur über seine Tochter Jochebed ihr Großvater. Da die Generationenfolge über Jochebed demzufolge sogar noch um ein Glied kürzer ausfällt, hätte sie bei Moses Geburt bereits 250 Jahre alt gewesen sein müssen. Eine solche Genealogie ist historisch also mit Sicherheit unzutreffend.

Umgekehrt aber kann dadurch auch nicht die völlige Unmöglichkeit der Abstammung einer historischen Gestalt des Mose von einem historischen Abraham bewiesen werden. Es lässt sich schlicht nichts Gewisses darüber aussagen.

Auch (S. 67) aus dem biblischen Alter von 110 Jahren, das in 1. Mose 50,22.26 für Josef angegeben wird, kann man keinesfalls irgendwelche historischen Schlüsse ziehen.

Auf die Wiedergabe der Tabelle von „Abrahams Lebensdaten“ verzichte ich daher, um nicht den Eindruck zu erwecken, es sei überhaupt möglich, auch nur annäherungsweise eine historische Biographie Abrahams zu erstellen. Auf belastbare historische Daten werde ich im Folgenden von Fall zu Fall zurückkommen.

3.4 Abrahams Heimat in Jamutbal zwischen Seferani und der Hügellandschaft Kuh-e-Mish Dagh

Zur (S. 68) Heimat der „Vorfahren Abrahams“ schreibt Konrad Bauersachs, dass sie „aus ihrer Gebirgsheimat nach Westen“ wanderten und sich „im Land Schinar, der Region Babylonien“, niederließen. Dazu verweist er auf den Vers 1. Mose 10,30 in der so genannten „Völkertafel“, der die Aufzählung der Nachkommen des Noah-Sohnes Sems, also der semitischen Völker, abschließt:

30 Und ihre Wohnsitze sind von Mescha bis nach Sefar hin, bis an das Gebirge des Ostens.

Zwar ist die Angabe, dass die Semiten sich „im Land Schinar“ niederließen, nicht korrekt; diese Angabe in der Völkertafel bezieht sich in 1. Mose 10,6-12 vielmehr auf den Hamiten Nimrod (der über seinen Vater Kusch auf den Noah-Sohn Ham zurückgeführt und als erster Gewaltherrscher „im Lande Schinar“ und in Assur bezeichnet wird). Ebenso ist nirgends in der Bibel von der Herkunft der Semiten aus einer „Gebirgsheimat“ die Rede. Woher die Vorfahren Abrahams kamen, können wir also nicht sagen.

Skizze des Jamutbal, in dem die Wanderungen Abrahams und Jakobs stattfanden

Der Jamutbal zwischen dem Tigris und dem Zagros-Gebirge (Karte: Konrad Bauersachs)

Dennoch halte ich es für durchaus begründet, die Ortsangaben in der eben genannten Stelle 1. Mose 10,30 auf die Landschaft zu beziehen, die zwischen dem Tigris im Westen und dem Zagros-Gebirge im Osten liegt und Jamutbal genannt wird (S. 69):

Das ebene südliche Zweistromland endet im Osten an der hohen Gebirgskette des Zagros-Gebirges.

Aus diesem Gebirge fließen zahlreiche Flüsse und Bäche, die den naheliegenden Tigris fast nie erreichen, meist versickern sie vorher. In diesem Gebiet finden sich wüstenähnliche Landschaften, Salzmarschen und Steppen, darin eingebettet auch zahlreiche Oasen und Wasserstellen. Die Region heißt Jamutbal und ist für den Weidebetrieb optimal geeignet; hier gibt es zahlreiche Brunnen, die kleinen Gruppen das Überleben in der kargen Umgebung ermöglichen.

Jamutbal war eine wichtige Grenzregion zwischen Babylonien im Westen, Assyrien im Norden sowie Elam im Osten. Sie profitierte einerseits vom Handel, litt aber andererseits regelmäßig unter den Auseinandersetzungen der Anrainerstaaten. In Kriegszeiten war Jamutbal stets Durchzugsgebiet der Heere, die die Bequemlichkeit der Karawanenstraße nutzten. Vom Ort Der Badra ausgehend führt heute noch eine Verbindung über die Dehloran-Ebene nach Dizful im Norden Chuzistans.

Diese Landschaft des Jamutbal wird nun nicht nur buchstäblich im Nordosten vom Zagros-Gebirge begrenzt, sondern zieht sich an diesem Gebirge entlang von der Gegend um Mandali (die Bauer­sachs mit dem biblischen Haran in Verbindung bringen wird) von Nordwesten nach Südosten bis hin zur „Hügellandschaft Kuh-e-Mish Dagh“, <38> in deren Namen man das biblische MeŠaˀ = Mescha wiedererkennen kann; auch in der Bezeichnung „der heutigen Provinz Maisan“ im „Grenzgebiet Jamutbal zwischen Irak und Iran“ könnte eine Erinnerung an Mescha erhalten sein.

Für die südöstliche Begrenzung der Heimat Abrahams gerade an dieser Stelle spricht der Umstand, dass die „weiter östlich gelegenen Flussebenen der Susiana … dicht besiedelt {waren} und … Kleinviehnomaden keine Heimat“ boten.

Die Heimat der Vorfahren Abrahams bleibt nach 1. Mose 10,30 aber auf die südöstliche Hälfte des Jamutbal beschränkt; die nordwestliche Grenze bildet der dort genannte Ort SɘPhaR = Sefar, der etwa 70 km östlich von der irakischen Stadt Badra aufzufinden ist und heute Seferani heißt.

Diese Lokalisierung wird nach Bauersachs dadurch gestützt (S. 70), dass man ausgerechnet „in Jamutbal und Elam, dem heutigen Chuzistan“ Ortschaften findet, deren Namen auf Ahnherren semitischer Völker in 1. Mose 10 und 11 verweisen:

Noch heute heißt eine Ortschaft am Südrand des Berges Kuh-e-Mish Dagh direkt am Fluss Kerkhe Terach, eine weitere Ortschaft am Nordrand der Hügel und am gleichen Fluss gelegen heißt Eber. Terach war der Vater Abrahams, Eber ist der biblische Ahnherr verschiedener semitischer Völker, wie die Ahnentafel zeigt.

Dass die Bevölkerung dieser Gegend als Moslems „auch einige der biblischen Figuren (z.B. Abraham und Mose)“ verehren, was sich „- besonders bei Mose – in zahlreichen Ortsnamen“ widerspiegelt, betrifft sicher „nicht die Vorväter wie Terach oder gar Eber“. Unwahrscheinlich erscheint es auch, dass „jüdisch-stämmige Exilanten aus Babylonien ihren unfreiwilligen Wohnorten Namen der Patriarchen Terach und Eber gegeben haben könnten“.

An der Völkertafel in 1. Mose 10 ist mir übrigens noch aufgefallen, dass für Japhet und Ham ein viel weiträumigerer Umkreis von Ländern aufgeführt wird, in denen die von ihnen abstammenden Völker leben. So ist Japhet nach Vers 5 unter anderem der Ahnherr der „Völker der Inseln“, die möglicherweise weit im Norden, vielleicht im Mittelmeer, zu suchen sind. Interessanter für unseren Zusammenhang sind aber die Hamiten. Dessen Enkel Nimrod ist nach den Versen 8 bis 12 der Begründer der babylonischen und assyrischen Reiche. Und Hams Sohn Kanaan ist nach Vers 15-19 der Stammvater derjenigen Völker, die nach der Bibel dem „Volk Israel“ später im Gelobten Land entgegenstehen werden. <39>

Demgegenüber fällt auf, dass für die Semiten lediglich ein eng begrenztes, für Kleinviehnomaden geeignetes Siedlungsgebiet am südöstlichen Rand Mesopotamiens genannt wird. Das könnte dafür sprechen, dass in diesem Vers 1. Mose 10,30 tatsächlich eine sehr alte Erinnerung nomadisch lebender Stämme aufbewahrt worden ist.

3.5 Die Wanderungen Abrahams und seines Vaters Terach

Um (S. 70) die Wanderungen Abrahams, die „relativ arm an geographischen Hinweisen“ beschrieben werden, richtig zu verorten, behandelt Konrad Bauersachs zugleich auch die Wanderungen seines Enkels Jakob, der nach „dem alttestamentlichen Text … im heutigen Israel die gleiche Region“ durchwandert,

die bereits Abraham erreicht haben soll. Hier erkennt der Leser das bereits erwähnte Rätsel der Europareise in den USA:

Die Bibel erzählt, dass Abraham zusammen mit seinem Vater Terach, seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot aus Ur fortzieht, um nach Kanaan zu wandern. Dabei erreichen sie zunächst Haran (an der heutigen syrisch-türkischen Grenze), wo viele Karawanenstraßen zusammenlaufen. In Haran kommt Abraham zu großem Wohlstand und zieht auf Gottes Geheiß weiter über Damaskus nach Kanaan. Hier lebt er vorübergehend in Sichem, danach in der Gegend um Bethel und Ai und zieht dann weiter ins Südland. Eine Hungersnot treibt ihn nach Ägypten, wo er seine Frau Sara dem Pharao gegenüber als seine Schwester ausgibt. Abraham kehrt dann ins Südland zurück und trennt sich von Lot, der sich für das fruchtbare Jordantal bei Sodom und Gomorrha entscheidet; Abraham dagegen lässt sich in Mamre bei Hebron im judäischen Bergland nieder.

Abrahams Sohn Isaak heiratet später „Labans Schwester Rebekka…, die aus Haran stammt.“ Deren Sohn Jakob wiederum flieht nach seinem Betrug an „Esau um das Erstgeburtsrecht … vor Esaus Rache zu Laban nach Haran“, von wo aus er nach 20 Jahren nach einem Streit mit seinem Schwiegervater Laban „zurück in seine alte Heimat“ flieht.

Bauersachs begründet nun im einzelnen seine Behauptung:

Die Wanderungen Abrahams und auch die Flucht bzw. Wanderung Jakobs können sich nur in Jamutbal bzw. im angrenzenden Chuzistan zugetragen haben.

Betrachten wir zunächst die Wanderungen Abrahams und seiner Familie, die zu Beginn auch noch seinen Vater Terach einschließen.

3.5.1 War Ur Abrahams Heimat – und wenn ja, welches?

Aber spricht gegen die Verortung Abrahams in Jamutbal nicht die eindeutige Aussage der Bibel über seinen Vater Terach in 1. Mose 11,28, dass das „Land seiner Verwandtschaft in Ur der Chaldäer“ (so die Elberfelder Bibel 2006) zu finden ist?

Nach Bauersachs (S. 68) kann es sich dabei nur um einen Versuch handeln, „den Patriarchen Abraham … rückblickend mit Ur und seiner alten Kultur zu verbinden“:

Ur war damals selbst für heutige Verhältnisse eine Großstadt, die aber in unmittelbarer Umgebung einem Nomaden wie Abraham keine Heimat bot. Allerdings hatte Ur bereits zu Abrahams Lebzeiten (ab 1400 v. Chr.) jede Bedeutung verloren; Zweifel an der biblischen Schilderung kommen auch deswegen auf, weil „Ur in Chaldäa“ ein klassischer Anachronismus ist. Zu Abrahams Zeiten gab es diese griechisch-römische Bezeichnung für Babylon noch nicht, die Chaldäer als aramäische Volksgruppe erscheinen erst nach 900 v. Chr. in Babylonien und errichten um 626 v. Chr. das letzte babylonische Großreich. Trotzdem müssen nicht alle Fakten zum Zeitabschnitt zwischen Patriarchen und dem Königtum in Israel ebenso geschönt oder erfunden sein.

Vergleichsskizze: Abrahams Wanderungen von Ur nach Kanaan oder im Jamutbal

Wo fanden Abrahams Wanderungen wirklich statt? (Karte: Konrad Bauersachs)

Immerhin macht die Erwähnung von Ur deutlich, dass noch die spätere Niederschrift der Bibel die Herkunft Abrahams durchaus mit dem Süden Mesopotamien verbindet. Verwundert hatte mich allerdings schon immer die Vorstellung, dass nach 1. Mose 11,31 Abraham mit seinem Vater Terach schon, bevor er die Stimme Gottes hörte, eine über 1000 km weite Wanderung von Ur am Persischen Golf bis nach Haran an der Südgrenze der heutigen Türkei unternommen haben soll, und zwar ausdrücklich, um nach Kanaan zu ziehen, das wiederum nochmals mindestens 500 km weiter im Süden liegt. Ebenso fragt sich auch Bauersachs (S. 72):

Gesetzt … den Fall, Abraham hätte tatsächlich bei Ur im südlichen Mesopotamien gelebt und in der Not diese Heimat mit dem Ziel Kanaan verlassen müssen:

Warum sollte er einen beschwerlichen und gefahrvollen Umweg von rund 1000 km nach Haran auf sich nehmen? Er hätte doch auf den üblichen Karawanenwegen direkt nach Kanaan ins heutige Israel wandern können!

Und wenn Abraham etwa auf Grund einer Hungersnot aus Jamutbal zunächst „in die Umgebung der Großstadt Ur“ hätte ziehen wollen, dann hätte er sowohl den Tigris als auch den Euphrat überqueren müssen und sowohl „auf dieser riskanten Wanderung“ als auch durch „die hungernden Stadtbewohner“ sowohl um seine Tiere als auch „um sein Leben fürchten müssen.“

Ich möchte allerdings noch eine andere Möglichkeit zur Diskussion stellen. Am nördlichen Stadtrand der heutigen Stadt Bagdad gibt es – wenige Kilometer vom Tigris entfernt – ebenfalls einen Ort Ur, der vielleicht eher als Ursprungsort der Wanderungen der Familie Terachs in Frage kommt. Sich von hier aus zunächst etwa 100 km Luftlinie in Richtung Osten nach Harran (Mandali) im Nordwesten der Landschaft Jamutbal aufzumachen, um von dort aus später auf einem etwa 200 km langen Weg Kanaan (Chananeh) im südöstlichen Ende Jamutbals zu erreichen, erscheint mir jedenfalls nicht als eine völlig widersinnige Reiseplanung.

3.5.2 Harran in Jamutbal als erstes Ziel von Terachs Familie

Wie dem auch sei, dass Abraham mit seinem Vater Terach nach „Haran“ in der heutigen Türkei gezogen sein soll, schließt Bauer­sachs ebenso aus wie den Ausgangspunkt dieser Wanderung bei der Großstadt Ur, denn „Haran liegt inmitten einer sehr fruchtbaren Lößebene“, und die „große Fruchtbarkeit der Gegend spricht dagegen, dass sich der Nomade Abraham mit seinen Herden hier ungestört niedergelassen haben könnte.“

Darum sucht und findet Bauersachs das Haran Abrahams woanders. „Abrahams Sippe durchzog im Rahmen des regelmäßigen Weidewechsels über Jahrhunderte die Heimat Jamutbal im Osttigrisland“, und zwar bis hin zum Nordwesten dieser Region. Dort

verlässt der Fluss Harran das Zagros-Gebirge und erreicht die Tigrisebene. Dieser Fluss und seine Umgebung war das Ziel Abrahams, heute liegt der irakische Ort Mandali im Zentrum dieser Gegend; nach einer Stadt Harran oder deren Ruinen in dieser Region zu suchen wäre Aufgabe von Archäologen. Oberflächenuntersuchungen <40> im Umland von Mandali haben gezeigt, die Umgebung in prähistorischer Zeit dicht besiedelt war. Entlang der Zagros-Ausläufer bis nach Badra boten zahlreiche Flüsse der Landwirtschaft und Tierhaltung optimale Bedingungen.

Auch die Entfernung zum ursprünglichen Siedlungsgebiet zwischen Seferani und Mescha/Kuh-e-Mish Dagh macht dieses Harran glaubhaft…

Dem stimme ich zu – gebe aber, wie gesagt, zu bedenken, dass auch Ur bei Bagdad als Ausgangsort der Reise nach Harran vorstellbar ist.

Zusätzlich macht Bauersachs „in der unmittelbaren Umgebung“ von Harran auf „weitere Ortsbezeichnungen“ aufmerksam, „die im Alten Testament immer wieder vorkommen“. So denkt er bei der „Hügelregion um die heutige Stadt Čilat“ ca. 15 km nordöstlich von Ali Al-Gharbi an das „Gebirge Gilead (1. Mose 31,23)“ und beim heutigen Ortsnamen Mirzabad (bzw. Namen des Flusses Nahr Mirzabad) in der Nähe von Badra an den „Platz Mizpa“, wo „Laban und Jakob ein Steinmal errichten (1. Mose 31,49)“.

3.5.3 Auch Chananeh = Kanaan findet sich im Jamutbal

Nun macht sich ja nach 1. Mose 11,31 Terachs Familie von Ur aus auf, „um ins Land Kanaan zu ziehen“. Tatsächlich bleibt sie stattdessen zunächst in Harran, von wo aus sich nach 1. Mose 12,5 dann Abrahams Sippe wirklich nach Kanaan aufmacht.

Dagegen, dass die Leute Abrahams diese erneute Wanderung nicht wirklich vom türkischen Haran aus unternahmen, spricht nach Bauersachs auch (S. 75), dass die biblische Niederschrift auf den „rund 650 km Luftlinie“, die von „Haran/Türkei bis nach Bethel/Palästina“ zurückzulegen sind, „Abraham … kein einziges Abenteuer bestehen lässt: „Sie schreibt nichts von einer Euphratüberquerung, nichts über Wüstensteppen und Gebirge und nichts über den Fluss Jordan, das letzte ernsthafte Hindernis.“

Aber wo liegt das Kanaan, das Abraham zu erreichen sucht, wirklich, wenn er nicht das 1000 km weit im Westen liegende Kanaan in Palästina auf einem 2000 km weiten Umweg über das türkische Haran aufgesucht hat? Bauersachs weist dazu pauschal auf „Ortsnamen wie Harran, Kanan, Chanane, Saicha und Chanán … im Grenzgebiet des heutigen Irak/Iran“ hin.

Skizze von Abrahams Heimat am Bergrücken Kuh-e-Mish-Dagh = Mescha

Der Bergrücken Kuh-e-Mish-Dagh am östlichen Ende des Jamutbal, westlich von Chuzistan (Karte: Konrad Bauersachs)

Tatsächlich gibt es einen Ort Chananeh im Jamutbal, in dem man wohl am besten das biblische Kanaan (hebräisch: KɘNaˁAn) wiedererkennen kann, und zwar genau dort, im Norden des Kuh-e-Mish Dagh, wo diese Landschaft im Südosten endet. Chananeh liegt 30 km entfernt von Susa, der Hauptstadt Elams. <41>

Vorstellbar ist also, dass „Abraham auf der Suche nach geeigneten Weidegründen von Harran/Mandali durch die flache Steppenlandschaft Jamutbals nach Südosten“ gezogen ist, rund 300 km weit, wobei sich (S. 76) links „hinter einer Hügelkette das Zagros-Gebirge“ erhebt und rechts „die Tigrisebene“ liegt, bis er schließlich das andere Ende des Jamutbal bei Chananeh erreichte.

3.5.4 Ist die elamische Stadt Susa das Sichem Abrahams und Elam sein verheißenes Gelobtes Land?

Unmittelbar nachdem Abrahams Sippe in Kanaan angekommen ist, beschreibt die Bibel in 1. Mose 12,5-7, dass Abraham weitere Erkundungen in der Umgebung unternimmt:

5 … und sie kamen in das Land Kanaan.

6 Und Abram durchzog das Land bis zur Stätte von Sichem, bis zur Terebinthe More. Damals waren die Kanaaniter im Land.

7 Und der HERR erschien dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dieses Land geben. Und er baute dort dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar.

Wenn mit Kanaan tatsächlich der Ort Chananeh gemeint ist, dann könnte sich vielleicht hinter der Stadt Sichem die elamische Hauptstadt Susa (persisch Šuš) verbergen, die wenige Kilometer entfernt vom südöstlichen Ende der Jamutbal-Steppe in der fruchtbaren Schwemmlandebene lag und für die Kleinviehnomaden möglicherweise das (derzeit unerreichbare) Land ihrer Träume darstellte. Allerdings „weiß“ natürlich die Bibel (jedenfalls in ihren späten Büchern Esra, Nehemia, Ester und Daniel), dass Susa auf Hebräisch ŠUšaN heißt. Unmöglich ist es allerdings nicht, dass mündlich überlieferte Erzählungen aus der Exodus-Gruppe sich unter einem anders erinnerten Namen auf dieselbe Stadt bezogen haben können.

Diese Verse übergeht Konrad Bauersachs in seinem Buch, vielleicht deswegen, weil er Sichem später im Zusammenhang der Wanderungen Jakobs mit einem Ort Saicha bei Badra gleichsetzen wird, der sich in den Zusammenhang der Wanderung Abrahams an dieser Stelle nicht gut einfügen würde. Auch dazu gilt, dass die Niederschrift der Bibel durchaus zwei verschiedene, aberähnlich klingende Ortsnamen aus der mündlichen Überlieferung mit ein- und demselben Ort in Palästina verbunden haben könnte.

3.5.5 Bethel und Ai sind Badal und Hai – westlich und östlich des Bergrückens Kuh-e-Mish Dagh

Unmittelbar auf die von mir zitierten Verse folgt 1. Mose 12,8:

8 Und er {Abraham} brach von dort auf zu dem Gebirge östlich von Bethel und schlug sein Zelt auf, Bethel im Westen und Ai im Osten, und er baute dort dem HERRN einen Altar und rief den Namen des HERRN an.

9 Dann brach Abram auf und zog immer weiter nach Süden.

Wieder weigert sich Bauersachs (S. 75), die hier genannten Orte Bethel und Ai auf die „heutigen Orte Bethel und Ai in Palästina“ zu beziehen. Diese „sind zwar in eine Hügellandschaft eingebettet, ein Gebirge, das Bethel von Ai deutlich trennt, wie in 1. Mose 12,8 beschrieben, gibt es allerdings nicht.“

Skizze der Landschaft zwischen Badal und Ha'i

(Karte: Konrad Bauersachs)

Ein solches Gebirge liegt aber im Südosten des Jamutbal (S. 76), denn hier ragt der uns bereits bekannte

von SO nach NW verlaufende Bergrücken Kuh-e-Mish Dagh, 176 m hoch, … aus der Wüstensteppe empor… und {trennt} die Tigrisebene von Flachland der Susiana… Östlich des Berglands liegt heute noch am Fluss Kerkhe die Stadt al Ha’i.

Der Ort Bethel = BeJTh-ˀEL hätte dann auf der Westseite des Bergrückens Kuh-e-Mish Dagh gelegen und könnte entweder das heutige Badal östlich (15 km) von el Amara oder der Ort el Baida nördlich (40 km) von Qurna am Tigris sein. Die heutige Landschaft um diese beiden möglichen biblischen „Bethel“ in Jamutbal mit ausgedehnten Sümpfen und Süßwasserseen darf nicht dazu verleiten, die aktuellen Verhältnisse auf die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. zu übertragen; … dieses Gebiet {war} bis etwa 700 v. Chr. trockenes, steppenähnliches Weideland und ideal für Nomaden.

Indem Abraham weiter ins Südland zieht, lässt er anscheinend Chananeh hinter sich und die fruchtbaren Ebenen Elams links liegen und beschränkt seine Suche nach Weideplätzen auf die Gebiete der Wüstensteppen im Südwesten der Susiana. <42>

3.6 Die Wanderungen Jakobs

Da (S. 76) „die Wanderwege“ Abrahams und seines Enkels Jakob sich gleichen – „nur sind die Ortsangaben bei Jakobs Wanderungen ergiebiger“ -, beschäftigt sich Bauersachs nun zunächst mit Jakob, „der mit seiner Familie und seinen Herden auf seiner Flucht vor dem verärgerten Schwiegervater den Spuren Abrahams folgt“.

3.6.1 In Jamutbal ist der Durchtrieb großer Viehherden leichter möglich als in Transjordanien

Nach dem Text der Bibel verlässt Jakob „genau wie sein Großvater Abraham die Stadt Haran/Türkei“, um in

Transjordanien … mit seinem Bruder Esau zusammenzutreffen…, der in Edom zuhause ist. Jakob hofft dabei, seinen Bruder Esau, den er vor rund 20 Jahren um das Erstgeburtsrecht betrogen hatte, mit Geschenken zu versöhnen.

Gegen die Verortung dieser Fluchtroute in dem Gebiet (vom heutigen Israel aus gesehen) jenseits (also östlich) des Jordans spricht nach Bauersachs (S. 77) zunächst die Größe der von ihm bei seiner Flucht vor Laban mitgeführten Viehherden, ja allein schon der Herde mit den nach 1. Mose 32,15-16 <43> „für Esau bestimmten Tieren“:

15 Zweihundert Ziegen und zwanzig Böcke, zweihundert Mutterschafe und zwanzig Widder,

16 dreißig säugende Kamele mit ihren Fohlen, vierzig Kühe und zehn junge Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn Eselhengste.

Natürlich ist die Angabe, dass „ein Kleinviehnomade der Patriarchenzeit auch Kühe und Kamele mit sich führt, … der rückblickenden Niederschrift“ zu verdanken, „die einen reichen Jakob im Sinn hatte.“ Aber dass Jakob im Blick auf mögliche Belastungen für sein Vieh nach 1. Mose 33,13 nur die eine Sorge umtreibt (übersetzt nach der Elberfelder Bibel 2006),

daß säugende Schafe und Kühe bei mir sind; wenn man sie nur einen Tag zu schnell triebe, so würde die ganze Herde sterben…,

ist „ein deutliches Indiz gegen eine Wanderung im Bergland von Gilead/Jordanien, weil Jakob Belastungen für Tiere und Menschen möglichst gering halten wollte“:

In Jamutbal können im übersichtlichen Flachland auch große Herden von wenigen Hirten leicht kontrolliert werden, Viehdiebstahl ist so schwer möglich. Im jordanischen Bergland ist die Beaufsichtigung großer Herden dagegen wesentlich schwieriger. Hier müssen sich die Hirten bei Wanderungen auf den schmalen Saumpfaden entlang steiler Hänge in diese Prozession einreihen. Für Raubtiere (in biblischen Zeiten gab es dort noch Löwen, Bären und Leoparden) und auch für die einheimische Bevölkerung wären die vorüberziehenden Tiere ein unwiderstehliches Angebot gewesen. Der biblische Text verliert kein Wort über solche Probleme…

3.6.2 Jabbok und Penuël entsprechen den Flüssen Schabaich und Pelen im Jamutbal

Nach 1. Mose 32,23-24 überquerte Jakob (S. 77) auf „dem weiteren Weg … den Fluss Jabbok“ mitten in der Nacht mit seinen Herden. Bei diesem Fluss kann es sich nicht um einen „Fluss Jabbok in Transjordanien“ handeln, der „von den Alttestamentlern mit dem heutigen Nahr as Zarqa identifiziert {wird und der} beim heutigen Ort el Damiya in den Jordan mündet“, denn:

Der Jabbok/Zarqa entwässert einen Teil Jordaniens und zerteilt durch seine tief eingeschnittene Schlucht die Region nordwestlich von Amman in zwei Landstriche. Die Flussufer des Jabbok/Zarqa fallen an vielen Stellen steil ab und sind teilweise unpassierbar, auch wenn es einige Furten gibt, die den Übergang ermöglichen. <44>

Diese geographischen Gegebenheiten in Jordanien schließen definitiv aus, dass Jakob mit seinen Herden diesen Fluss in der Nacht durchqueren kann; selbst bei Vollmond wäre die Passage für Mensch und Tier ein riskantes Unternehmen. Die nächtliche Wanderung Jakobs erklärt sich mit seiner eiligen Flucht vor Laban, und den üblichen nächtlichen Wanderungen der Nomaden, die so die große Tageshitze mieden.

Russische Karte der Gegend um Badra

Dieser Ausschnitt einer russischen Landkarte zeigt bei Badra die Namen der Flüsse Schabaich (links in der Mitte) und Pelen (rechts oben) sowie zwei Orte mit dem Namensbestandteil Mirzabad (rot markiert). Der Ort Saicha, den Bauersachs mit Sichem identifiziert, ist (etwas undeutlich geschrieben) der mittlere von drei Orten südlich von Badra (Quelle: Generalstabskarte Kut-el-Amara, herausgegeben 1973, Autor M. I. Bartenev, Redakteur N. I. Uletov)

Aber welchen Fluss kann Jakob tatsächlich so leicht in der Nacht überquert haben?

Tatsächlich überquert Jakob auf seinem Weg von Harran in Richtung Süden einen Fluss Jabbok in Jamutbal; dieser Fluss heißt heute Schabaich und entspricht lautlich dem biblischen Jabbok. Der Fluss Schabaich liegt etwa 20 km westlich der archäologisch bedeutenden Stadt Der Badra (heute Badra). <45>

Mit derselben Nacht am Fluss Jabbok verbindet die Bibel in 1. Mose 32,25-33 Jakobs Ringen mit Gott, der ihn daraufhin in „Israel“ umbenennt; auf diese Weise wird nachträglich die Geschichte Jakobs mit der Geschichte des historischen Volkes Israel verknüpft. Jakob wiederum gibt dem Ort des Ringkampfs den Namen PɘNUˀEL = „Gesicht Gottes“. Allerdings scheitert nach Bauersachs (S. 79) der

Versuch, Jakobs Pnuel mit dem späteren Pnuel Gideons bzw. Jerobeams … gleichzusetzen, … an den örtlichen Verhältnissen in der jordanischen Zarqa-Schlucht. Die ISBE meint lakonisch dazu:

Die Schwierigkeit, Pnuel hier (Anm.: in der Zarqa-Schlucht) zu lokalisieren, besteht darin, dass die Ufer des Jabbok an dieser Stelle steil, ja fast unpassierbar sind.

Stattdessen findet man in „Jamutbal … östlich des Schabaich-Jabbok einen parallel verlaufenden Fluss, der heute Pelen heißt“; indem sie diesen Namen zu „Penu-El“ verdrehte, „brachte die Niederschrift … ganz bewusst Gott ins Spiel.“

3.6.3 Das Gebirge Gilead als Hügelland zwischen dem Jamutbal und dem Zagros-Gebirge

Nicht ganz korrekt beschreibt Bauersachs die Fortsetzung der Wegstrecke, die Jakob zurücklegt, indem er (S. 79) nach „der Jabbok-Überquerung … die biblische Landschaft Gilead {als} eine weitere Zwischenetappe“ benennt. Nach 1. Mose 31,21 war das „Gebirge Gilead“ aber bereits das erste Ziel Jakobs gewesen, nachdem er Haran auf der Flucht vor seinem Schwiegervater Laban „über den Strom“ (womit nach der Bibel der Euphrat gemeint ist) verlassen hatte. Erst sieben Tagereisen später soll ihn nach Vers 23 Laban, der ihm mit seinen Brüdern nachjagte, auf dem Gebirge Gilead eingeholt haben. Nun muss man davon ausgehen, dass eine ursprünglich anderswo lokalisierte Erzählung sicher der späteren Vorstellung angepasst wurde, dass zwischen dem türkischen Haran und dem ostjordanischen Gilead eben der Euphratstrom liegt und eine ganze Menge Tagereisen zu bewältigen sind. Auch muss ursprünglich von der Flucht aus Haran nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Begegnung der Brüder Jakob und Esau erzählt worden sein.

Wie dem auch sei: Dass sich die wilde Verfolgungsjagd Labans hinter einem Jakob her, der mit all seinen Herden vor ihm floh, tatsächlich im türkischen Haran begann und im Gebirge Gilead endete, ist schon deswegen völlig unmöglich, als diese Strecke von bestimmt 700 Kilometern kaum in sieben Tagen zu bewältigen wäre. Zudem ist die

Landschaft Gilead … eine von Wadis zerschnittene Hochfläche (hebr. Mischor) und wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. In diesem Gebiet müssen sich Straßen und Pfade dem Gelände anpassen, immer wieder muss man in ein Tal hinabsteigen und gegenüber erneut Höhe gewinnen.

Aus Platzgründen muss auf solchen Saumpfaden ein Tier hinter dem anderen gehen. Die einzelnen Tiere der angeblich nach Tausenden zählenden Herde Jakobs winden sich dann vergleichbar einer Perlenkette die Bergpfade entlang. Allein die rund 600 Tiere, die als Geschenk für Esau vorgesehen sind, hätten eine rund 2 km lange Kolonne gebildet.

Für (S. 80) die „Region Jamutbal, in der Abraham und Jakob in Wirklichkeit unterwegs waren“ gelten diese Einwände nicht. Sie

ist Teil der ausgedehnten Tigrisebene und bietet keine solchen Hindernisse. Das Gebirge Gilead (1. Mose 31,23) war wohl die Hügelkette parallel zur Tigrisebene, der Name lebt im heutigen Städtchen Čilat an der irakisch-iranischen Grenze fort. Hier soll sich die Stätte befunden haben, an der Laban und Jakob Frieden schlossen und ein Steinmal errichteten (1. Mose 31,47); dieses Steinmal wurde von Jakob Gal-Ed genannt.

Zugleich wird dieser Name GaLˁED aber auch mit dem Wort Mits­PaH in Verbindung gebracht, das wörtlich „Aussichtspunkt“ oder „Spähort“ bedeutet, aber auch einen Ort in Palästina bezeichnet. Bauersachs vermutet einerseits einen Zusammenhang mit dem hebräischen Wort für „Steinmal“ oder „Zeugenstein“, nämlich MaTseBaH (Anm. 32):

Mazzeben sind unbehauene Steine, die als Vertragszeugen dienen; evt. wurde daraus Mizpa … 1. Mose 31,49 = Wachturm und daraus wiederum Mirza-…,

andererseits denkt er (S. 80):

Möglicherweise hat sich Mizpa im Ort Mirzabad bei Der Bedre erhalten. Beim Mizpa im heutigen Israel kann ich keinen Zusammenhang mit Jakobs Flucht erkennen. Denkbar ist, dass diese Gedenkstätte zunächst namensgebend für einen Ort war und später die gesamte Region GAL-Ed (daraus wurde Gilead) genannt wurde. Das ähnliche arabische Wort Ğilat steht für eine raue, felsige und wilde Gegend und beschreibt treffend die etwa 300 Meter hohe zerklüftete Hügelkette zwischen Tigrisebene und dem dahinterliegenden hier bis 2.800 m hohen Zagros-Gebirge.

3.6.4 Jakobs Rastplatz bei Sukkot – aber nicht am Jordan

Auch für Jakobs angeblichen Rastplatz Sukkot bezweifelt Bauer­sachs (S. 80), dass er im Jordantal zu lokalisieren ist, weil dieses

bereits in der Bronzezeit (ca. 2000–1150 v. Chr.) landwirtschaftlich genauso intensiv genutzt {wurde} wie heute. Ein Konflikt zwischen dem zugewanderten Herdenbesitzer Jakob und den ansässigen Bauern wäre also unvermeidlich gewesen; das Alte Testament verliert darüber aber keine Silbe.

Ebenso bereitet es ihm Schwierigkeiten (S. 82), „die Begegnung der Brüder Jakob und Esau am Jabbok/Zarqa im heutigen Jordanien logisch nachzuvollziehen“, da Esau „seinem Bruder Jakob aus dem weit im Süden liegenden Edom {Luftlinie 150 km} entgegengezogen sein“ soll.

Nach der Begegnung der Brüder ändert Jakob unvermittelt seine Absicht und zieht von Sukkot westwärts über den Jordan nach Sichem, ohne dass dies im biblischen Text begründet wird.

Hierzu muss ich allerdings sagen, dass zwischen den Zeilen überaus deutlich anklingt, dass Jakob zwar froh ist, von seinem Bruder nichts mehr befürchten zu müssen, aber von vornherein nicht vorhatte, ihm in seine eigenen Jagdgründe zu folgen. Die Absicht, seinem Bruder geradezu aus dem Wege zu gehen, würde es sogar verständlich machen, dass er den Jabbokfluss noch einmal in entgegengesetzter Richtung, also „von Süd nach Nord“, überquert, um dann bei Sukkot erst einmal auszuruhen. Das betrifft natürlich die redaktionelle Endfassung, die ohnehin davon ausgeht, dass Jakobs Heimat eben in Palästina liegt und die Stämme Edoms, die von Esau abstammen, südlich den Toten Meeres bei Seïr leben.

Stellt man sich die Wanderung Jakobs von Sukkot nach Sichem aber als tatsächliche Begebenheit vor, so ist es wirklich erstaunlich, dass „der Text des Alten Testaments … nichts von einem Fluss Jordan oder Jabbok-Zarqa quasi vor Jakobs Rastplatz“ weiß und „die mühevolle, für Herden schwierige Jordanüberquerung in Richtung Sichem“ einfach mit Schweigen übergeht.

Bauersachs zieht daraus den Schluss:

Folgt man Jakobs Wanderroute in Jamutbal, müsste das reale Sukkot zwischen dem Fluss Pelen und dem realen Sichem/Saicha im Großraum des heutigen Der-Badra gelegen haben. Der „Jordan“ wäre in Jamutbal der wasserreiche Fluss Gelal Badra (irakischer Name) bzw. der identische Fluss Gabi (iranischer Name).

Dieser Fluss trägt nach Google Maps den Namen Nahr Mirzabad; an dieser Stelle der ursprünglichen Erzählung eine Entsprechung für einen Fluss Jordan zu suchen, ist allerdings insofern gar nicht notwendig, als – wie eben gesagt – gar keine Jordan-Überquerung zwischen Sukkot und Sichem erwähnt wird.

3.6.5 Blutrache für Dina bei Sichem = Saicha?

Dass (S. 83) sich nun nach der Bibel „der Nomade Jakob unmittelbar bei einer bedeutenden Stadt wie Sichem niederlässt“, nämlich dem heutigen Nablus in Palästina, die „an einem bedeutenden Handelsweg“ lag und deren wasserreiche Umgebung „intensiv landwirtschaftlich genutzt“ wurde, ist unwahrscheinlich und entspricht der Absicht, Jakob wie seinen „Großvater Abraham…, der in der Umgebung von Haran zu großem Reichtum gekommen sein soll…, mit wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Zentren zu verbinden und ihnen zu großem Reichtum zu verhelfen.“

Dagegen spricht auch folgende Überlegung (S. 84):

Nördlich des Sees Genezareth verlief eine bedeutende West-Ost – Handelsroute vom Mittelmeer nach Syrien und weiter nach Mesopotamien.

Bei einem länger dauernden Aufenthalt in Haran wären alle Nachkommen Abrahams mit dieser Route vertraut gewesen und hätten nicht dem wirren Weg folgen müssen, wie Jakob es angeblich getan hat. Sie hätten den See Genezareth im Norden umgangen oder unmittelbar am Südufer des Sees den Jordan überquert und sich dann nach Süden gewendet.

Und schließlich hätten die „massiven Befestigungsanlagen“ der historischen Stadt Sichem in Palästina den Söhnen Jakobs Simeon und Levi „ein unbeobachtetes und ungehindertes Eindringen unmöglich“ gemacht, als sie die Vergewaltigung ihrer Schwester Dina rächen wollen. Unmöglich ist ohnehin, dass

zwei Nomaden so gut mit dem Schwert umgehen können und die Männer einer stark befestigten Stadt mit überregionaler Bedeutung niedermetzeln…

Nomaden ohne jede Kriegserfahrung greifen keine stark befestigte Stadt an, das ist ein Märchen. Märchenhaft und anachronistisch ist bei dieser Episode auch der Besitz von Waffen, Schwerter waren für Nomaden unerschwinglich. …

Bauersachs zieht zu Recht den Schluss (S. 85): „Wenn dieser Bibelepisode überhaupt ein reales Ereignis zugrunde liegt“, dann möglicherweise, dass die Brüder auf „die Vergewaltigung der Dina durch den Mann ‚Sichem‘ eines fremden Stammes … mit Blutrache“ reagieren; „die Stadt Sichem – Nablus hat damit nichts zu tun. … Jakobs Sichem in Jamutbal ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Ort Saicha etwa 5 km südlich von Der-Badra.“

3.6.6 Esaus Heimat in Edom = Abu Edham

Für die Verortung von Sichem in der Nähe von Badra spricht auch (S. 85), dass es

genau auf der Wanderroute Jakobs von Harran über Schabaich-Jabbok und Pelen-Penuel nach „Edom“ {liegt}, das heute Abu Edham heißt. So löst sich auch Jakobs absurde Fortsetzung der Wanderung über den Jordan nach Sichem in Palästina in Wohlgefallen auf, weil er dem biblischen Text entsprechend seinem Bruder Esau in Richtung Edom folgt.

Demgegenüber ist es „schon aus Gründen der Entfernungen (mehr als 150 km Luftlinie von Sukkot) und der landschaftlichen Gegebenheiten ausgeschlossen“ die Heimat Esaus „im Zusammenhang mit Jakobs Flucht vor Laban dort zu suchen, wo das Land Edom im heutigen Transjordanien lokalisiert wird“.

Archäologische Daten zu den Ausgrabungsstätten „Abu Edham“ (und dem 10 km entfernt liegenden „Abu Shubaicha“) <46>

sind ein Beleg dafür, dass die Region um Gojam und entlang des Flusses Meime-Tib über einen langen Zeitraum besiedelt war. Von diesem Edom aus gesehen liegt 100 km weiter südöstlich der Bergrücken Kuh-e-Mish Dagh (das Mescha aus 1. Mose 10,30) wo Abraham sich nach seiner Rückkehr von Haran an der Stätte Mamre niedergelassen hatte.

3.6.7 Abrahams Wohnsitz in Mamre bei Hebron

Hier füge ich eine Erwägung über den Wohnsitz Abrahams ein, die Bauersachs erst im Zusammenhang mit mit Sodom und Gomorrha ausführen wird (S. 147):

In Chuzistan finden sich in den Hügeln um die heutige Stadt Ahvaz zahlreiche Höhlen, die meine Lokalisation vom Abrahams Mescha-Mamre (auf dem Kuh-e-Mish Dagh) in dieser Region rechtfertigen.

Er bezieht sich dabei auf die in 1. Mose 49,30 erwähnte Beisetzung Abrahams, hätte aber auch schon an 1. Mose 23 denken können; dort beschreibt Vers 19 anlässlich von Saras Tod den Kauf eines Erbbegräbnisses

… in der Höhle des Feldes von Machpela, gegenüber von Mamre, das ist Hebron, im Lande Kanaan.

Ob sich dieses Hebron möglicherweise hinter dem Ort Chebseh-ye Kuchek, 40 km nördlich von Ahvaz, verbirgt, das unmittelbar südöstlich des Bergrückens Kuh-e-Mish Dagh liegt?

In 1. Mose 35,27 wird Hebron außerdem mit Kirjat-Arba (wörtlich = Vierstadt) gleichgesetzt, „wo Abraham und Isaak als Fremdlinge gelebt hatten“; damit könnte angedeutet sein, dass dieser Ort vielleicht nicht zu den eigentlichen Weidegründen der Nomaden gehörte, sondern eben zu einem Gebiet am Rande des von Sesshaften bewohnten Chuzistans.

3.7 Abraham und Lot in „Ägypten“ und im Südland

Nun bewegen wir uns aus Jakobs Zeit wieder zurück in die Tage Abrahams, den wir (1. Mose 12,9) auf seinem Weg ins Südland verlassen hatten. Von hier aus bricht Abraham (1. Mose 12,10) aus Anlass einer Hungersnot „nach Ägypten“ auf.

3.7.1 Liegt Abrahams „Ägypten“ in der Susiana oder in Misan?

Wie bereits im Kapitel 2.1 gesagt (S. 85), kann „das biblische Ägypten Abrahams bis zum Exodus nicht das Geringste mit dem Ägypten am Nil zu tun haben“. Weiterhin ist „Abraham im Großraum Jamutbal und Chuzistan unterwegs … und eben nicht in Ägypten“. So schreibt Bauersachs (S. 86) einleitend zu Abrahams „ägyptischen“ Wanderungen:

das von zahlreichen Flüssen durchzogene Flachland der Susiana (das heutige Chuzistan) mit den Hügelzügen ist das Ägypten des Alten Testaments.

Dass Abraham „wegen einer Dürreperiode nach ‚Ägypten‘ ziehen“ muss, entspricht „einer Notsituation, wie sie auch heute denkbar ist“, und zwar zieht er nach 1. Mose 12.10 „hinab“, was, „bezogen auf Abrahams wirkliche Heimat in der Hügelregion Kuh-e-Mish Dagh in Chuzistan … insofern Sinn“ macht, „weil Abrahams Ziel, die wasserreiche Susiana, gut 100 Meter tiefer liegt.“

Zur Begründung führt Bauersachs (S. 87) sprachliche Überlegungen zum „unvokalisierten hebräischen Namen für Ägypten“ (MiTsRaJiM msrm)“ an. Nimmt man es mit der Schärfe des S-Lautes, der dem deutschen Z entspricht, nicht so genau,

lassen sich ebenso korrekt andere Länderbezeichnungen wie Masr, Merisan, Maisan, Al Masri, Musri und ähnliche herleiten, die mit dem heutigen Ägypten gar nichts gemeinsam haben…

Allerdings argumentiert Bauersachs hier nicht ganz exakt im Sinne seiner These, dass Abrahams Ägypten in Chuzistan liegt, denn seine folgenden Belege beziehen sich alle auf die von Euphrat und Tigris umschlossene Landschaft Babyloniens:

Östlich der irakischen Stadt An Nağaf gibt es ein Qasr Marsuk, aus dem man mit etwas Mühe (unvokalisiert msr) ein „Ägypten“ konstruieren kann, bei Kut am Tigris gibt es gleich zwei Orte namens Masr el Raschid, östlich von Amara gibt nahe der irakisch-iranischen Grenze ein Sumpf- und Seengebiet Haur-el-Murais. <47>

Etwas weiter nach Osten rückt seine Vermutung, dass mit

msrm für „Ägypten“ könnte auch Maisan gemeint sein {könnte}, eine Provinz im Osten des Irak. Maisan liegt an der iranischen Grenze westlich von Chuzistan und wird vom Unterlauf des Tigris ausreichend mit Wasser versorgt. Maisan ist der südöstliche Abschnitt der Region Jamutbal, die sich zwischen Zagros-Gebirge und Tigris hinzieht. Da es sich um ein Tiefland handelt, macht die Angabe „nach msrym hinab“ auch Sinn, weil man aus einer Hügelregion im Sinn des Wortes hinabsteigt. Die Landschaft entlang des nahegelegenen Tigris bietet in Trockenzeiten noch Weideland, um Nomaden mit ihren Herden das Überleben zu sichern.

Die Karte mit den irakischen Provinzen zeigt aber, dass die Provinz Misan (von Bauersachs als „Maisan“ aufgeführt) das westlich des Kuh-e-Mish Dagh gelegene Gebiet bis hin zu dem von ihm als Wohngegend Esaus identifizierten Abu Edham umfasst. Auch dorthin geht es „hinab“, allerdings nicht in Richtung Chuzistan, sondern in die entgegengesetzte Richtung.

Nun müssen natürlich die biblischen Patriarchen-Erzählungen, in denen MiTsRaJiM erwähnt wird, nicht alle von demselben Land handeln, zumal umgekehrt manche Geschichten durchaus auch mit unterschiedlichen Ländern verbunden werden konnten.

Gerade die Geschichte von Abraham und Sara in „Ägypten“ stellt eine von drei Versionen dar, in denen von der „Gefährdung der Ahnfrau“ erzählt wird, die jedoch ursprünglich nicht mit Abraham und Sara, sondern mit Isaak und Abimelech in Gerar verbunden war. <48>

Das ist wohl auch ursächlich dafür, dass Abrahams und Saras Reise nicht so realistisch geschildert wird wie ein entsprechendes Unternehmen während einer Hungersnot in der späteren Josefsgeschichte, denn nach 1. Mose 42,2f. schickt „Jakob zehn seiner Söhne mit Trageseln nach Ägypten zum Getreidekauf“, während es „unsinnig und riskant“ wäre (S. 89), sich „bei diesem Einkauf mit seiner gesamten Habe und Familie sowie den Herden“ auf den Weg zu machen:

Kein Landwirt hat es gerne, wenn fremde Nomaden mit ihren Herden während einer Trockenzeit seine eigenen Äcker und Weiden heimsuchen.

Um die bisherigen Erkenntnisse zusammenzufassen: Noch ist mir auf Grund der bisherigen Argumentation von Konrad Bauersachs nicht deutlich geworden, dass Abraham tatsächlich während einer Hungersnot nach Chuzistan gegangen sein muss. „Sein Ägypten“ kann sich durchaus westlich von Chuzistan in der heutigen irakischen Provinz Misan befunden haben, wenn sein Aufenthalt in „Ägypten“ nicht ohnehin nur eine nachträgliche Übertragung der Erzählung von der „Gefährdung der Ahnfrau“ von Isaak und Rebekka auf Abraham und Sara gewesen ist.

Um sehr deutlich zu machen, worum es mir geht: Gerade eine nachvollziehbare und gut zu begründende Theorie sollte man nicht mit falschen Argumenten zu stützen versuchen; damit setzte man sie fahrlässig dem Verdacht aus, im Ganzen undurchdacht und abwegig zu sein.

3.7.2 Ist Abrahams und Lots „Südland“ der Ort Anāfğe bei Ahvaz oder sind es die Wüstensteppen südwestlich der Susiana?

Wie bereits oben gesagt, kann ich mir weiterhin gut vorstellen, dass Abraham, der sich ja nach 1. Mose 12,4 gemeinsam mit Lot aus Haran = Mandali am Fluss Harran nach Kanaan = Chananeh auf dem Bergrücken Kuh-e-Mish Dash aufgemacht hatte, nach seinem Aufenthalt zwischen Bethel = Badal und Ai = Ha‘i nun auch mit Lot weiter nach Süden gezogen ist, wobei er zunächst die fruchtbaren Ebenen Elams links liegen lässt und stattdessen die Gebiete der Wüstensteppen im Südwesten der Susiana durchstreift.

Damit wende ich mich gegen die Argumentation von Bauersachs (S. 89), dass das hebräische Wort NäGäB ursprünglich unbedingt einen Ort in Chuzistan meinte, wenn ich ihm auch beipflichte (S. 88), dass die „Wüste Negev“, die „vom heutigen Israel aus gesehen im Süden“ liegt, „ihren Namen nachträglich erhielt und nicht schon vor dem Exodus Negev – Südland hieß.“

Gegen (S. 89) seine Identifikation des Ortes Anāfğe „etwa 30 km nördlich von Ahvaz in Chuzistan“ mit NäGäB spricht vor allem, dass Abraham in 1. Mose 12,8 schon „ins Südland“ zieht, bevor von der „Hungersnot“ die Rede ist, die ihn dazu veranlasst, „hinab nach Ägypten“ zu ziehen. Dann gibt es, wie gesagt, drei Möglichkeiten:

  1. Er zieht hinab nach Misan – westlich vom Kuh-e-Mish Dagh und nordwestlich vom Südland.
  2. Er zieht hinab nach Chuzistan – östlich vom Kuh-e-Mish Dagh und nordöstlich vom Südland.
  3. Er zieht gar nicht nach „Ägypten“, weil die Abraham-Sara-Erzählung nichts mit einer ursprünglichen Abraham-Lot-Wanderung zu tun hatte. Außerdem ist es ausgeschlossen, dass ein „ägyptischer Pharao“ einen Bittsteller wegen einer Hungersnot mit einem wie in 1. Mose 12,16 beschriebenen Reichtum ausgestattet haben soll.

Wenn nun – was ich für am wahrscheinlichsten halte – nach der Erwähnung von Abrahams Zug „in den Süden“ (1. Mose 12,9) die „Ägypten“-Erzählung nur eingeschoben ist, ist es übrigens auch nicht verwunderlich, dass bei der erneuten Erwähnung dieses „Südlands“ (1. Mose 13,1) sein Neffe Lot wieder mit dabei ist; zum Personal der „Ahnfrauen“-Geschichte hatte er ja sowieso nie dazu gehört. Lot muss somit auch nicht „gleichermaßen von Saras Betrug profitiert“ haben, wenn die beiden Geschichten ursprünglich gar nichts miteinander zu tun gehabt haben.

3.7.3. Lot trennt sich von Abraham und zieht in das wasserreiche Land der Susiana am Kuh-e-Kerit

Wie dem auch sei – die Fortsetzung der Abraham-Lot-Erzählung in 1. Mose 13,5-7 geht davon aus (S. 89), dass beide miteinander wegen ihrer „umfangreichen Herden“ in Konflikt miteinander geraten. Damit stellen sich erneut „die altbekannten Fragen nach der Geographie der Gegend…, in der diese Wanderung stattgefunden haben soll.“ Auf Bauersachs‘ Argumente gegen die Verortung in Israel gehe ich nicht näher ein <49>; dass die „Rinderhaltung“ der beiden Kleinviehnomaden eine spätere Ergänzung der Erzählung sein muss, da sie „im Wesentlichen Sesshaften vorbehalten“ bleibt, versteht sich von selbst.

Als Austragungsort des Konflikts der beiden Herdenbesitzer wird nun die Gegend genannt, von wo aus Abraham ursprünglich ins Südland gezogen war, nämlich „zwischen Bethel und Ai“:

3 Und er ging auf seinen Tagesmärschen vom Süden bis nach Bethel, bis zu der Stätte, wo im Anfang sein Zelt gewesen war, zwischen Bethel und Ai,

4 zu der Stätte des Altars, den er vorher dort gemacht hatte.

Die Lage dieser Orte ist oben im Abschnitt 3.5.5 bereits besprochen worden. Von einem Ort westlich von Al Ha‘i auf dem Kuh-e-Mish Dagh ist es möglich, das wasserreiche Land der Susiana im Osten zu überblicken (S. 92):

Anders als im heutigen Israel reicht in Abrahams Siedlungsraum Chuzistan der Blick vom Hügel Kuh-e-Mish Dagh (Mescha), wo Abraham sein Lager aufgeschlagen hat, weit nach Osten.

Dieser Ausblick passt sehr gut zu der Bibelstelle 1. Mose 13,10-12, ganz im Gegensatz (S. 91) zu dem „Raum um Hebron/Mamre im judäischen Bergland, der für die Heimat Abrahams gehalten wird“: <50>

10 Da erhob Lot seine Augen und sah die ganze Ebene des Jordan, daß sie ganz bewässert war – bevor der HERR Sodom und Gomorra zerstört hatte – wie der Garten des HERRN, wie das Land Ägypten, bis nach Zoar hin.

Dass hier „von Wasserreichtum und gutem Weideland auch um Zoar herum die Rede“ ist, passt nicht zu Palästina, da (S. 92) der „wasserreiche Jordan am Nordende ins Tote Meer fließt“, aber (S. 91) nach

allgemeiner Auffassung … das biblische Zoar am Südende des Toten Meers {liegt}, Sodom wird ebenfalls am Südende gesucht, wo es nur karge Salzmarschen gibt. Bei einer korrekten Landschaftsbeschreibung der Gegend hätte im Alten Testament das lebensfeindliche Tote Meer erwähnt werden müssen.

Skizze der Landschaft um den Bergrücken Kuh-e-Kerit

(Karte: Konrad Bauersachs)

Aber was könnte ursprünglich mit dem Ausdruck KaL-KiKaR HaJaRDeN gemeint sein, wörtlich übersetzt „ganze Runde des Jordan“? Dieser Ausdruck (S. 92) kommt „ausschließlich an diesen beiden Bibelstellen“ (außer in 1. Mose 13,10 nur noch im folgenden Vers 11) vor, und zwar wird damit, so Bauersachs,

eine „ganze Ebene“ beschrieben und als Wiederholung und Verstärkung von der „ganzen bewässerten Ebene“ des „Jordan“ gesprochen. Es muss sich also um ein ausgedehntes und – da bewässert – intensiv landwirtschaftlich genutztes Gebiet gehandelt haben.

Daher kann es durchaus sein, dass das Wort JaRDeN erst nachträglich auf den palästinischen Fluss Jordan bezogen worden ist. Ursprünglich ist (S. 91) ein Zusammenhang mit den Flüssen „in der Region Chuzistan“ möglich; diese

werden entweder – wenn sie größer sind – als „Nahr“ unvokalisiert „nhr“ oder als „Rud“ – oder „Rudkhāneh“ bezeichnet: Aus dem unvokalisierten rdhn entstand in Unkenntnis der „Jordan“.

Das hebräische Wort KiKaR, das – wie eben gesagt – das ganze Rund der wasserreichen Ebene Chuzistans meinen könnte, bringt Bauersachs (S. 92) in seiner unvokalisierten Form „kkr“ außerdem in eine Verbindung mit dem „Hügelnamen Kuh-e-Kerit aus dem Raum Chuzistan“, der von Abrahams und Lots Aussichtspunkt auf dem Kuh-e-Mish Dagh gesehen werden konnte:

Jenseits der Flussebene müssen am Nordrand des Kuh-e-Kerit oder des benachbarten Kuh-e-Schere die Städte Sodom und Gomorrha gelegen haben.

Später fügt Bauersachs noch hinzu (S. 150):

Der Kuh-e-Kerit (max. 110 m hoch) und die kleine Ortschaft Kerit an Fuße des Hügels liegt etwa 10 km südöstlich der Stadt Ahvaz und damit in Sichtweite rund 40 km von Abrahams Wohnort Mamre entfernt.

Dafür, dass das Wort KiKaR etwas mit dem Hügel Kuh-e-Kerit zu tun haben könnte, spricht übrigens, dass es schon in Vers 12 und später an vier weiteren Stellen in 1. Mose 19,17.25.28.29 OHNE die Verbindung mit HaJaRDeN gebraucht wird (die Elberfelder Übersetzung ergänzt lediglich die Worte des Jordan in kursiver Schrift, da sie von der Lokalisierung am Toten Meer ausgeht). Dann müsste man sich allerdings entscheiden, ob man dieses Wort nach seiner hebräischen Grundbedeutung „rund“ mit „Gegend“ oder „Ebene“ übersetzen möchte oder eben mit „Kerit“ bzw. „Kuh-e-Kerit“.

Die Trennung der Blutsverwandten Abraham und Lot läuft also nach 1. Mose 13,11-12 darauf hinaus, dass Lot nach Chuzistan zieht und Abraham in der Gegend des Kuh-e-Mish Dagh um Chananeh herum bleibt:

11 Da wählte sich Lot die ganze Ebene des Jordan und Lot brauch auf nach Osten; so trennten sie sich voneinander.

12 Abram wohnte im Land Kanaan, und Lot wohnte in den Städten der Ebene des Jordan und schlug seine Zelte auf bis nach Sodom.

Zwei Umstände findet Bauersachs (S. 90f.) dabei „rätselhaft“:

Eben noch hat Lot große Herden, danach wohnt er als Städter in oder bei Sodom. Abraham ist der klügere oder nachgiebigere der beiden, Lot darf als erster seinen neuen Aufenthaltsort aussuchen und wählt das Flachland… Solcher Großmut ist für patriarchalische Gesellschaften eher untypisch, denn Lot ist „nur“ Abrahams Neffe.

Da es nach meinen eben angestellten Überlegungen aber in Vers 12 eigentlich heißen müsste: „Lot siedelte sich bei den Städten des Kuh-e-Kerit an und schlug seine Zelt auf bis hin nach Sodom“, wird deutlich, dass er zumindest zunächst weiterhin als Nomade lebt, und zwar vielleicht sogar auf der Anhöhe des Kuh-e-Kerit und nur in der Nähe des bewässerten Kulturlandes. Als Lot es evtl. doch darauf anlegt, in Sodom selbst sesshaft zu werden, wird er – wie 1. Mose 19,9 zeigt – von den Einwohnern Sodoms als Fremdling nicht gerade besonders willkommen geheißen.

Und die Stilisierung Abrahams als eines großzügigen Patriarchen muss man nicht einmal psychologisierend darauf zurückführen (S. 91), dass er „in Lot einen ‚Ersatzsohn‘ gesehen“ haben mag; sie dürfte der späteren Niederschrift zu verdanken sein, für die Abraham das Urbild eines Menschen war, der aus seinem Gottvertrauen heraus selbstlos sein konnte.

3.8 Völker, mit denen Abraham außerdem zu tun hatte

Schließlich betrachtet Konrad Bauersachs noch einige in der Bibel im Zusammenhang mit Abraham erwähnte Völker, die ihm ebenfalls dabei helfen, Abraham historisch in der Gegend zwischen dem südlichen Babylonien und dem westlichen Elam zu verorten.

3.8.1 Perisiter und Philister zur Zeit Abrahams – waren sie Perser?

Ein kleines Sätzchen im Zusammenhang des Abraham-Lot-Konflikts erwähnt (S. 93) weitere „Rivalen um Abrahams Weidegründe (1. Mose 13,7)“, nämlich WɘHaKɘNaˁANiJ WɘHaPɘRiZiJ = Kanaaniter und Perisiter.

Letztere werden zwar weder, wie Bauersachs meint, „üblicherweise mit „Philister“ übersetzt“ noch überhaupt (S. 94) „gemeinsam mit den Philistern“ genannt, allerdings wird Abraham in 1. Mose 21,34 anachronistisch auch mit dem „Land der Philister“ in Verbindung gebracht. Beide Völker sind aber zu unterscheiden:

  • Die Perisiter gehören zu einem der als Todfeinde Israels stilisierten sieben Völker Kanaans, die im Gelobten Land Platz machen müssen, um die Tora (= Wegweisung) JHWHs zu verwirklichen, vgl. etwa 5. Mose 7,1: „die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du“. <51>
  • Die Philister dagegen sind nach Wikipedia ein reales Volk im südwestlichen Palästina (ein Name, der übrigens auf eben die Philister zurückgeführt werden kann), das im 12. Jahrhundert aus Europa eingewandert sein soll und dort später von einem Fünfstädtebund aus (Gaza, Aschkalon, Aschdod, Ekron, Gath) die Umgebung beherrschte.

Zu den Perisitern erlaubt sich Bauersachs eine „spekulative Überlegung“ (S. 95), <52> dass die Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. nach Babylonien verschleppten Bewohner des Königreichs Juda vielleicht auch deswegen nach der Eroberung Babylons durch die Perser „die Rückkehr nach Jerusalem und den Neubau des Tempels“ erlaubt bekamen, weil man sich noch an sehr alte „Familienbeziehungen aus der Zeit Abrahams in Chuzistan vor dem Exodus um 1200 v. Chr.“ erinnern konnte:

Das heutige Šuš (die ehemalige elamische und später persische Residenzstadt Susa), liegt im Siedlungsgebiet der Nachkommen Abrahams.

Persönliche und verwandtschaftliche Beziehungen des Hauses Abraham zu späteren Regenten oder einflussreichen Persönlichkeiten auch aus der Zeit weit vor dem Exil sind deshalb nicht auszuschließen. Die etwa ab 700 v. Chr. von Assyrern und Babyloniern aus Israel umgesiedelten, vor allem in Elam lebenden, Exilanten hatten jedenfalls ausgiebig Kontakt zu den späteren Persern.

Die Erwähnung der PɘRiZiJ = Perisiter in 1. Mose 13,7 möchte Bauersachs daher „mit der Volksgruppe der Perser gleichsetzen“. <53> Denn er nimmt an:

Bei der Niederschrift wussten die Schreiber offenbar durch Rückkehrer aus dem Exil, dass es sich bei Persern teilweise um Nachfahren der Weidekonkurrenten (Elamer) Abrahams in Chuzistan gehandelt hat. Denkbar, dass auch späte Nachfahren Abrahams darunter waren, die mit ihren Familien in Chuzistan geblieben sind.

Dass die davon unabhängig zu betrachtenden und nur in 1. Mose 21,32.34 im Zusammenhang mit Abraham erwähnten PɘLišThiJ = Philister etwas mit der später vom „Assyrerkönig Sanherib (704-681 v. Chr.) <54>“ eroberten elamischen Stadt „Pillatu … im Großraum Basra – Ahvaz – Qurna“ zu tun haben sollen, halte ich aber für sehr unwahrscheinlich. Wenn das doch der Fall sein sollte, dann wären diese jedenfalls nicht mit Chuzistan bzw. Persien in Verbindung zu bringen, da sich die Begegnung zwischen Abraham und Abimelech in 1. Mose 21,22ff. gerade nicht in einem wasserreichen Gebiet wie der Susiana abspielen kann, sondern in einer Wüstensteppe bei einen Ort namens Beerscheba (= „Sieben Brunnen“), wo Brunnenbohrungen für Konflikte sorgten.

3.8.2 Nur in Babylonien konnte es zur Zeit Abrahams bereits geschäftstüchtige Hethiter geben

Die (S. 96) „in der Familiengeschichte Abrahams“ erwähnten Hethiter und insbesondere der Kauf eines Grundstücks für ein Erbbegräbnis von dem Hethiter Efron in 1. Mose 23 können nach Bauersachs nichts mit dem „heutigen Israel“ zu tun gehabt haben. Da nämlich „das Hethiterreich seine größte Ausdehnung nach Süden (etwa bis Damaskus)“ erst „um 1300 v. Chr. erreichte“ und (S. 97) Auseinandersetzungen „zwischen Ägypten und den Hethitern … um 1269 v. Chr. mit einen Friedensvertrag zwischen Ramses II. und dem Hethiterkönig Hattušili III. beendet“ wurden, würde erst

nach diesem Vertrag des Jahres 1269 v. Chr. … der Landbesitz für einzelne Hethiter in Palästina wirklich Sinn machen. Zu diesem Zeitpunkt war Abraham längst nicht mehr am Leben, selbst wenn man das biblische Alter Abrahams von 135 Jahren wörtlich nimmt. Außerdem hätte sich vor Abschluss dieses Friedensabkommens kein Hethiter in Palästina, dem unmittelbaren Einflussgebiet des Erzfeindes Ägypten, niedergelassen.

Daher ist (S. 96) „dieses Grundstückgeschäft mit Efron … ebenfalls ein Hinweis darauf, dass das Feld Machpela nur in Babylonien gelegen haben kann“, denn die „Anwesenheit von Hethitern in Babylonien erklärt sich“, wie bereits in meinem Abschnitt 2.4.3 erwähnt, „unkompliziert durch deren Feldzug gegen Babylon bereits um 1595“:

Die Häufigkeit, mit der Hethiter genannt werden beweist, dass es sich nicht nur um einzelne, versprengte Personen gehandelt haben kann. Vermutlich sind nach der Eroberung Babylons durch Muršili geschäftstüchtige Hethiter im Land geblieben.

3.9 Ein historischer Kriegsbericht mit Abraham und Lot als in Mitleidenschaft geratene Beteiligte

Bereits die bisher angeführten Indizien legen meines Erachtens die Annahme von Konrad Bauersachs nahe (S. 93), dass „der Patriarch Abraham, seine Familie und auch seine Nachfahren bis zum Exodus als Nomaden“ im Jamutbal und in der angrenzenden Landschaft Susiana umherstreiften. Der in 1. Mose 14 enthaltene von ihm so genannte „Kriegsbericht“ fügt nun weitere überzeugende Argumente nicht nur für diese Lokalisierung, sondern auch für die sehr genaue Datierung der Überlieferungen einer solchen Nomadensippe hinzu. Es liegt nämlich der seltene Fall vor, dass sich reale große Politik in einem biblischen Bericht deutlich widerspiegelt (S. 93):

Normalerweise gehen Hirten unbehelligt von Obrigkeiten ihrem Alltag nach, bis sie sich – wie Lot – urplötzlich und schuldlos in einen überregionalen Konflikt verwickelt sehen. Ich halte zwar eine direkte Beteiligung Lots und Abrahams für unwahrscheinlich, der biblische Bericht bietet so viele Details, dass der berichtete Vorfall unmittelbar miterlebt und korrekt weitergegeben worden sein muss.

Darum soll nun die „Strafexpedition von vier Königen (angeführt in 1. Mose 14, 1) gegen fünf Aufrührer (1.M. 14,2), die etwa 1332 v. Chr. wirklich stattgefunden hat und dokumentiert ist, nur eben nicht im Raum Palästina“, ausführlich besprochen werden (S. 117):

Der „Kriegsbericht“ des Alten Testaments – so nenne ich das Kapitel 1. Mose 14 – beschreibt ein historisches Ereignis und bietet die einzigartige Gelegenheit, Abraham zeitlich einzuordnen (egal ob wir ihn als reale oder fiktive Person sehen wollen). Das Alte Testament integriert Abraham in den realen Feldzug des Kassiten Kurigalzu II. gegen Elam (genauer: Susiana) um 1332 und schildert landschaftliche Besonderheiten und Ortsnamen, die nur auf die Susiana zutreffen. Daneben werden zahlreiche historisch dokumentierte Einzelheiten über die Auseinandersetzung erwähnt. …

Die Erinnerung an diesen Zwischenfall war offensichtlich so einprägsam, dass sie über Jahrhunderte mit zahlreichen scheinbar überflüssigen Details weitergegeben wurde. Dies könnte man als Hinweis auf eine bekannte Persönlichkeit interpretieren, die – rückblickend Abraham genannt – wirklich in diesen Zwischenfall verwickelt gewesen sein muss. …

Der biblische „Kriegsbericht“ in den Versen 1. Mose 14,4 und 14,5 beschreibt genau die Machtkonstellation in Babylonien und dem benachbarten „Elam“ (gemeint ist hier stets die Susiana und NICHT Gesamt – Elam) nach dem Tod des Kassiten Burna-Buriaš II. und der darauf folgenden Attacke des Tepti-Ahar um 1332 v. Chr.!

3.9.1 Zum Hintergrund des Kriegsberichts

Die Verse 8 und 9 des Kapitels 1. Mose 14 benennen (S. 118) „fünf benachbarte Städte (Vers 14,8), darunter die später zerstörten Orte Sodom und Gomorrha“, die sich „gegen Kedor-Laomer, den König von Elam empörten“, und dieser konnte sich, „so scheint es der Text zu erzählen, der Hilfe starker Verbündeter (Vers 14,9) sicher sein“:

8 Und es zogen aus der König von Sodom und der König von Gomorra und der König von Adma und der König von Zebojim und der König von Bela, das ist Zoar; und sie ordneten sich zur Schlacht gegen sie im Tal Siddim:

9 gegen Kedor-Laomer, den König von Elam, und Tidal, den König von Gojim, und Amrafel, den König von Schinar, und Arjoch, den König von Ellasar, vier Könige gegen die fünf.

Völlig „ausgeschlossen“ ist es nach Bauersachs, dass sich eine „Koalition von angeblich fünf im Raum Palästina herrschenden Kleinkönigen gegen vier mächtige Gegner“ aufgemacht hat, „die etwa 1200 Kilometer Luftlinie entfernt regieren“. Und für die Gegenseite der am Krieg Beteiligten gilt:

Elam war nie Großmacht und hatte nur dann kriegerische Ambitionen, wenn eine Schwächung der Machtverhältnisse im benachbarten südlichen Mesopotamien zum Eingreifen einlud.

Allerdings scheint ein

Bündnis zwischen den zwei langjährigen Intimfeinden Elam und Babylonien … auf den ersten Blick paradox und fördert nicht gerade das Vertrauen in die wahrheitsgetreue Darstellung dieser biblischen Episode. Auf keinen Fall wäre Elam, richtiger müsste es Susa heißen, beim Kampf gegen fünf Kleinkönige in der unmittelbaren Nachbarschaft auf die Hilfe Babylons (= Schinar) angewiesen gewesen oder hätte diese in Anspruch genommen.

Im Gegenteil macht die reale Geschichte deutlich: Sobald einer der beiden traditionellen Kontrahenten Babylon oder Elam erkennbare Schwächen zeigte, nutzte dies der Gegner als Einladung zu einem Feldzug.

Welche Ausgangsbedingungen stehen also im Hintergrund der politischen Lage in Elam und Umgebung zur Zeit des Kriegsberichts?

Zunächst ist zu bedenken (S. 119), dass zum „Herrschaftsgebiet Gesamt-Elam (Susa und Anšan) … in starken Regierungsjahren im Nordwesten des Landes ein Teil des Osttigrislands mit der Region Jamutbal sowie das heutige Chuzistan mit dem nach Norden und Osten anschließenden Bergland“ gehörte.

Allerdings war zur Zeit „des biblischen Vorfalls … Elam keine Einheit und wurde im Westen von Susa aus (unter Tepti-Ahar) regiert, im Osten (Anšan) herrschte Untaš-Napiriša.

Außerdem darf nicht außer Acht gelassen werden,

dass dieser Kriegsbericht ursprünglich von Nomaden überliefert wurde, die seit jeher ein gespanntes bis gestörtes Verhältnis zu jeder Art von Obrigkeit haben und im Allgemeinen unbehelligt ihrem Alltag nachgehen konnten. … Dem Nomaden war Freiheit und Unabhängigkeit das wichtigste Gut… Aus diesem Freiheitsdrang heraus war das Interesse an den jeweiligen politischen Gegebenheiten eher gering, solange man nicht direkt betroffen war. Der Nomade … baut seine Zelte ab und sucht neue Weideplätze, wenn ihm etwas nicht passt. Die überlieferten Königsnamen dürfen deshalb nicht wörtlich genommen werden. Nomaden haben wohl einen geläufigen Königsnamen für alle Zeit mit dem betreffenden Regierungssitz verbunden. Der Nachfolger eines babylonischen Königs, den sie namentlich nicht kannten, wurde wohl der Einfachheit halber ebenfalls als Amrafel bezeichnet. Amrafel von Schinar könnte dem Lautwert nach Hammurabi von Babylon gewesen sein, er hat aber rund 400 Jahre vor diesem Ereignis regiert.

Bauersachs hätte eine „korrekte Schilderung der Geschichte Babylons oder Elams sowie wechselnder militärischer Bündnisse und Regenten durch schreibunkundige Nomaden“ für ebenso „wenig glaubwürdig“ gehalten, als wenn „heute ein Bewohner des Südschwarzwaldes … alleine aus der Erinnerung die Staats- und Regierungspräsidenten Deutschlands und der angrenzenden Länder Frankreich und Schweiz der letzten 50 friedlichen Jahre in der jeweils richtigen zeitlichen Reihenfolge zu benennen“ wüsste.

3.9.2 Die vier Könige von Schinar, Elam, Ellasar und Gojim

Welche Königreiche und Könige sollen nun an dem in 1. Mose 14 beschriebenen Krieg beteiligt gewesen sein? Die erste Kriegspartei der vier Könige wird in Vers 1 aufgelistet:

1 Und es geschah in den Tagen Amrafels, des Königs von Schinar, Arjochs, des Königs von Ellasar, Kedor-Laomers, des Königs von Elam, und Tidals, des Königs von Gojim,

2 dass sie Krieg führten …

Bauersachs schickt voraus, dass die „vier Königreiche Schinar, Ellasar, Elam und Gojim des biblischen Berichts … zur Zeit Kurigalzus II. um 1332 v. Chr. ein zusammenhängendes Gebilde im Süden Mesopotamiens“ umfassten.

Schinar meint Babylonien, Elam hier „historisch-korrekt“ nur den westlichen Teil, nämlich die „Susiana“, diesseits der „Flüsse Diz und Karun“, und Ellasar identifiziert Bauersachs mit Larsa „in Babylonien“ (Anm. 9), „nördlich des Haur-al-Hammar“ gelegen, das zwar „zu diesem Zeitpunkt längst ohne politische Bedeutung“ war, mit dem aber „die Erinnerung an das sogenannte Meerland verbunden“ sein konnte, „das zeitweise bis nach Der-Badra reichte und Gebiete beanspruchte, die mittlerweile zu West-Elam gehörten.“

Aber (S. 121) was ist mit Gojim? Dieses hebräische Wort lässt sich zwar mit „Völker“ oder „Heiden“ übersetzen, aber innerhalb einer Aufzählung von konkret benannten Ländern oder Städten macht das wenig Sinn. Da es „noch heute … in der Region Jamutbal am Rand des {Zagros-}Gebirges einen Ort namens Gojam“ gibt, „der zu Abrahams Zeiten Regierungssitz gewesen sein könnte“, mag ein Land Gojim sich hier zwischen dem flachen „Schwemmland des Tigris“ und einer „Hügelkette“ im Norden befunden haben, jenseits derer (S. 122) die „fruchtbare Dehloran-Ebene“ liegt, die „stets als Durchzugsgebiet von Truppen in Mitleidenschaft gezogen“ wurde, „wenn Assyrien oder Babylonien mit Elam Krieg führten, wie auch im vorliegenden Fall.“

Was die Regenten dieser vier Gebiete betrifft, müssen wir (S. 120)

nach Königen suchen, die zu den geschilderten Ereignisse passen und lautähnliche Namen haben. Zudem darf man die Bezeichnung „König“ nicht gar zu eng sehen, da sich neben Regenten über große Gebiete auch Stadtfürsten und Nomadenscheichs mit diesem Titel schmücken konnten. Auch ein Bürgermeister oder Landrat des 21. Jahrhunderts hätte sich damals König („melek“) titulieren dürfen; noch heute trägt jeder Dorfbürgermeister in Kurdistan den Titel „melek“.

Letzten Endes geht Konrad Bauersachs davon aus, dass sich hinter den Königen der vier genannten Reiche mehrere Namen kassitisch-babylonischer Könige verbergen, die innerhalb ultrakurzer Zeit regierten (S. 121):

Der kassitische „König von Schinar“ von 1332 v. Chr. war aus biblischer Sicht Amrafel, historisch ist es Burna-Buriaš II. gewesen, auf ihn folgten Kadašman-Muraš, Nazi-Bugaš und schließlich nach beider Ermordung Kurigalzu II. …

Bei vier historischen Herrschern mit sechs Namen innerhalb von zwei Jahren kann man schon die Übersicht verlieren! Die Redaktoren der Niederschrift lassen diese vier Könige gleichzeitig regieren; so wird aus einem einzigen Beteiligten des biblischen „Kriegsberichts“ eine Koalition aus vier Regenten.

Dass der babylonische König hier völlig anachronistisch den Namen Amrafel = Hammurabi trägt, hat einen leicht nachvollziehbaren Grund:

Der bekannte König Hammurabi musste offenbar immer dann als Namensgeber herhalten, wenn die Situation so unübersichtlich war wie nach dem Tod des Burna-Buriaš II. und Teile der Bevölkerung die Namen der schnell wechselnden Könige nicht kannten.

Als „König von Elam“ wird der Sohn von König Burna-Buriaš II. genannt, nämlich „Kara-Hardaš bzw. Kadašman-Muraš bzw. Kadašman-KUR.GAL“. Den biblischen Erzählern war Kadašman-Muraš unter dem Namen Kedor-Laomer bekannt, der „tatsächlich gut elamisch klingt und sich von Kutir-Lagamar (‚die Göttin Lagamar beschützt‘) herleiten könnte“. <55> Und dieser regierte nicht nur als Nachfolger seines Vaters Burna-Buriaš in Babylon (S. 120), sondern als Prinzregent im Auftrag seines Vaters zuvor bereits zwölf Jahre lang

als Besatzer nach einem Sieg in Susa …; im biblischen Bericht sollte deshalb wohl zutreffender „König über Elam“ als „König von Elam“ stehen. Letzteres legt nahe, dass der König ein Einheimischer ist, die Formulierung „über Elam“ signalisiert, dass ein Fremder nach einem militärischen Erfolg über Elam herrscht.

Tatsächlich steht im hebräischen Text keine Präposition zwischen den Worten MäLäK = „König“ und ˁEJLaM = „Elam“; wäre aus­drücklich eine Fremdherrschaft gemeint, so hätte wohl die Präposition ˁAL verwendet werden müssen. Allerdings war es aus der Sicht eines nomadischen Erzählers wohl ziemlich gleichgültig, ob auf dem Thron von Elam ein einheimischer oder babylonischer Herrscher saß. Außerdem merkt Bauersachs zu Recht an (S. 121):

Heute erkennen selbst Historiker nicht die Zusammenhänge zwischen dem kassitischen Babylonien und der Herrschaft des Tepti-Ahar in Susa und übersehen die Beteiligung von Elam. Wir dürfen also Nomaden wie Abrahams Nachfahren den fehlenden Überblick nicht vorwerfen.

Dass als König von Gojim ein König Tidal genannt wird, könnte an einen der „historisch belegten Hethiterkönige“ erinnern, die den Namen „Tudalhija“ trugen. „Tudalhija I. regierte um 1730 v. Chr.“ auch über „die Region Jamutbal…, die sich zwischen der Tigris­ebene und dem Gebirge hinzog“ und in der die oben erwähnte Stadt Gojam liegt; daher könnten „auch folgende Herrscher über dieses Gebiet als ‚Tidal‘ bezeichnet worden sein“.

König Arjoch, der über Ellasar geherrscht haben soll, kann nach Bauersachs (S. 122) historisch nicht einer von den Herrschern Assyriens gewesen sein, „die die Silbe Arik – … im Namen führten, z.B. Arik-den-ilu (1319-1308 v. Chr.), da er die „Beteiligung eines assyrischen Königs am Feldzug seines Erzfeindes Babylon … mit Sicherheit“ ausschließt. Er erwägt zwei andere Möglichkeiten, von woher die Bibel den Namen hier eingetragen haben könnte, nämlich einerseits die hurritische Sprache, andererseits einen altpersischen Zusammenhang. <56>

Allerdings sind nach Bauersachs sowohl Tidal als auch Arjoch im Kriegsbericht letztlich nicht unabhängige Könige anderer Länder als Babylons oder West-Elams, sondern sie repräsentieren ihm zufolge in der unübersichtlichen Lage im babylonischen Königshaus die beiden Nachfolger des Kadašman-Muraš = Kedor-Laomer, die tatsächlich Nazi-Bugaš und Kurigalzu II. hießen. Aber warum sollte es sich nicht vielleicht doch um verbündete Nachbarn oder auch um Generäle der Babylonier gehandelt haben? <57>

An dieser Stelle muss ich eine Einschätzung einschieben, die bei Bauersachs erst am Ende seiner Ausführungen über den Kriegsbericht zu lesen ist (S. 140): Da den Verfassern der biblischen Niederschrift, die Bauersachs für die Zeit um 700 annimmt, „die Zeit der assyrischen Herrschaft ab ca. 750 v. Chr.“ noch in frischer Erinnerung war, hielten sie es wohl einfach

für unmöglich, dass ein Konflikt zwischen zwei Kriegsparteien ohne die Hilfe befreundeter Staaten ausgetragen werden könne. Um 720 v. Chr. war Assyrien der alles dominierende Angreifer und Bündnisse gegen diesen Feind waren überlebenswichtig, das hat die Darstellung des „Kriegsberichts” entscheidend beeinflusst. Außerdem sorgte die Vielzahl gleichzeitig regierender Könige für Verwirrung. Im „Kriegsbericht“ stellt die Niederschrift dem als Amrafel benannten Kassiten Kurigalzu II. bekannte Könige zur Seite, die vormals in Babylonien regiert haben. Auf der Gegenseite wurde Hurpatila bzw. Tepti-Ahar von vier „Königen“ unterstützt. Dazu kam sicher auch noch die „Viel Feind, viel Ehr“ – Mentalität: Ein Krieg mit neun beteiligten Herrschern ist bedeutender als einer mit nur zweien.

Das heißt: Nicht alle Ungereimtheiten des Kriegsberichts sind auf die ursprünglichen nomadischen Erzähler zurückzuführen; wie alle biblischen Überlieferungen ist auch er überarbeitet worden.

3.9.3 Die fünf Könige von Sodom, Gomorrha, Adma, Zebojim und Bela/Zoar

Die zweite Kriegspartei umfasst nach 1. Mose 14,2 folgende fünf Könige von Stadtstaaten:

2 … sie {führten} Krieg … mit Bera, dem König von Sodom, und mit Birscha, dem König von Gomorra, Schinab, dem König von Adma, und Schemeber, dem König von Zebojim, und mit dem König von Bela, das ist Zoar.

Wie soll man nun (S. 124) „die Lage einer nicht mehr existierenden Stadt“ wie Sodom oder Gomorrha auch nur „annähernd … bestimmen“? Nach Bauersachs

muss man nicht gleich zu Pickel und Schaufel greifen. Die Platzwahl für eine Stadtgründung erfolgt selten spontan, sondern beruht auf strategischen Überlegungen, außerdem muss eine Reihe von natürlichen Voraussetzungen erfüllt sein. So kann man von den natürlichen Gegebenheiten Rückschlüsse auf die Entscheidungen früherer Stadtgründer ziehen:

In einem heißen Gebiet wie Chuzistan ist ausreichend Wasser wichtig, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung muss aus der unmittelbaren Umgebung möglich sein, dazu sollte ein Hügel oder Berg mit einer Fluchtburg den Bewohnern Sicherheit gewähren. Zusätzlichen Wohlstand bringt die Kontrolle über Handelswege ins bergige Hinterland, etwa wenn die Straße durch ein enges Tal führt und so leicht zu kontrollieren ist.

Aus solchen Erwägungen heraus findet Bauersachs (S. 125) in Chuzistan „entlang des Gebirgsrandes eine Reihe von Stellen, die für eine Niederlassung geeignet scheinen“, und er kommt zu dem Schluss, dass „im Dreieck Dizful – Ramhormuz – Ahvaz … die Städte der mit Susa verbündeten Rebellen gelegen haben“ dürften.

Auf die beiden Städte Sodom und Gomorrha wird später im Zusammenhang mit ihrem Untergang noch näher eingegangen werden; hier nur so viel, dass sie „in Chuzistan jenseits der Hauptflüsse Kerkhe und Karun knapp östlich des heutigen Ahvaz und westlich von Ramhormuz gelegen haben“ müssen. Die Namen der entsprechenden Könige, Bera und Birscha,

sind wohl fiktiv und wurden gezielt konstruiert: Aus ihnen lassen sich hebräische Wesensbestimmungen herauslesen wie „im Bösen“ und „im Frevel“. <58>

Die Stadt Adma – der hebräische Name ˀADMaH (Anm. 30) „steht für ‚Rote Erde‘“ – identifiziert Bauersachs mit der

Stadt Omidije … am Gebirgsrand im südöstlichen Chuzistan etwa 70 km vom Persischen Golf entfernt. Wandert man von Omidije in Richtung Nordwest, trifft man ständig auf unfruchtbare Flächen aus „Roter Erde“ (Sanddünen), besonders dicht gedrängt zwischen Ahvaz und Ramhormuz. Selbst auf Satellitenaufnahmen sind diese rötlichen Flächen deutlich zu erkennen; in der Region um das Tote Meer finden sich solche deutlich gefärbten Areale nicht. Warum sollte also im Großraum des heutigen Israel eine Stadt nach nicht vorhandener rot gefärbter Erde benannt sein?

Dabei ist die „Lautverschiebung“ einschließlich „Metathese“ von „ursprünglich Adma (eigentlich Odimije)“ zu „Amda (heute Omidije)“ mit dem „Wechsel vom früheren ‚a‘ zum heutigen ‚o‘ … eine normale Sprachentwicklung“. <59>

Schinab, den Namen des Königs von Adma, weiß Bauersachs ebensowenig zu erklären wie den Namen Schemeber von Zebojim. Er hat allerdings zwei Ideen zur Lokalisierung der Stadt Zebojim:

Der biblische Ort Zebojim lässt sich in Chuzistan nicht genau lokalisieren. Es könnte sich vom Lautwert her entweder um die Stadt Tobeik etwa 30 km westlich oder den Ort Subeit 20 km nordwestlich von Ramhormuz handeln: Tobeik liegt oberhalb eines Flusses unmittelbar an einer dieser charakterisch roten Flächen, Subeit liegt auf einer Erhebung westlich der wasserreichen Ebene um Ramhormuz.

Zur genaueren Bestimmung dieser Örtlichkeit zieht er 5. Mose 29,22 heran, wo TsɘBOJiM nochmals erwähnt wird (S. 126):

22 … Schwefel und Salz, eine Brandstätte ist sein ganzes Land; es wird nicht besät und lässt nichts sprossen, und keinerlei Kraut kommt darin auf wie nach der Umkehrung von Sodom und Gomorra, von Adma und Zebojim, …

Danach wäre aufgrund der heute eher kargen Umgebung das heutige Tobeik am ehesten mit dem biblischen Zebojim gleichzusetzen, ein weiteres Indiz für diese Lage sind Schwefelquellen und umfangreiche Ölvorkommen in unmittelbarer Nähe.

Nun fehlt als letzter der fünf Könige nur noch der König von Bela und Zoar. Er hat „keinen Eigennamen, dafür aber, wie es scheint, gleich zwei Heimatstädte.“ Wieder macht es keinen Sinn, die „Stadt Zoar am Südende des Toten Meeres“ für „mächtig genug“ zu halten, dass sie „eine Bedrohung Babylons“ hätte darstellen können. Bauersachs meint:

Wir müssen also anderswo suchen: Das biblische Zoar könnte der heutige Ort Tschul östlich von Ahvaz in Chuzistan sein.

Bei der Ortsbezeichnung „Bela“ könnte es sich um einen Doppelnamen handeln: In der Region Chuzistan gibt es zahlreiche Orte mit solchen zusammengesetzten Namen, die …-Bala (z.B. Omidije Bala, Gergeri Bala) heißen.

In mehreren indo-europäischen Sprachen hat dieses Bela-Bala die Bedeutung über, hoch, oberhalb <60> und findet sich vergleichbar auch in deutschen Ortsnamen wie Über-lingen, Hohen-ried, Ober-Hohen-ried.

Weiterhin hat Bauersachs herausgefunden, dass nach assyrischen Urkunden König Sanherib (705-680)

den Ort Bela erobert, zerstört und niedergebrannt hat. <61> Die Nennung dieses Ortes bedeutet aber, das Bela aus mehr als nur ein paar Hütten bestanden haben muss, einen „König“ von Bela hätte es also zur Zeit des „Kriegsberichts“ {um 1332 v. Chr.} durchaus geben können.

Damit wird deutlich, dass alle fünf Könige tatsächlich mit Städten in Chuzistan in Verbindung gebracht werden können, die östlich von Susa und Ahvaz liegen, während ihre Kriegsgegner aus dem von Babylonien beherrschten Gebiet zwischen Babylon, Larsa und Gojam bis hin zum elamischen Susa kommen.

3.9.4 Waren Refaiter, Susiter, Emiter, Horiter, Amalekiter und Amoriter am Krieg der 4 gegen 5 beteiligt – und wenn ja, wie?

Im Kriegsbericht werden in 1. Mose 14,5-7 außerdem (S. 123)

einige Volksgruppen genannt, die im Raum Chuzistan zuhause gewesen sein müssen, wenn ihre Beteiligung zutreffend wiedergegeben wird. … Wo die genannten Stämme in Chuzistan gelebt haben, lässt sich derzeit nicht überprüfen, zu viele Ruinenhügel warten in Chuzistan noch auf Ausgräber. Die biblischen Ortsbezeichnungen sind bei der Suche wieder einmal nicht hilfreich, weil sie rückblickend verteilt wurden und aus Palästina und Transjordanien stammen.

In meinen Augen ist die Erwähnung dieser Volksgruppen ohnehin nachträglich in die Darstellung des in den Versen 1-4 sowie 8-9 beschriebenen Krieges der vier gegen fünf Könige eingeschoben worden, so dass die hier aufgeführten Namen nicht unbedingt einer ursprünglich in Chuzistan angesiedelten Erzählung angehört haben müssen. Denn es erscheint schon merkwürdig, dass die vier Könige, die nach Vers 4 eigentlich eine Empörung der fünf Könige niederschlagen wollen, sich zunächst, so Vers 5-6, damit aufhalten, vier weitere Völker zu besiegen, und dann sogar noch einmal „umkehren“ (hebräisch: ŠUB), um gegen zwei weitere Völker zu Felde zu ziehen, wie in Vers 7 vermerkt wird:

7 Dann wandten sie sich und kamen nach En-Mischpat, das ist Kadesch; und sie schlugen das ganze Gebiet der Amalekiter und auch die Amoriter, die zu Hazezon-Tamar wohnten.

Der Feldzug gegen die hier genannten Amalekiter und Amoriter, auf die Bauersachs an dieser Stelle gar nicht eingeht, muss auf jeden Fall ein Einschub sein; andernorts bringt er selber sie mit ganz anderen Gegenden in Verbindung. <62>

Auch mit der Lokalisierung der meisten in den beiden vorherigen Versen aufgeführten Völker in Chuzistan tut sich Bauersachs schwer:

5 … {sie} schlugen die Refaïter bei Aschterot-Karnajim und die Susiter bei Ham und die Emiter in der Ebene von Kirjatajim

6 und die Horiter auf ihrem Gebirge Seïr bis El-Paran, das an der Wüste liegt.

Die Refaiter nennt er „ein legendäres Volk oder Geschlecht…, das schon vor der sogenannten Landnahme in Palästina gelebt“ haben soll; mit Chuzistan bringt er sie nicht in Verbindung.

Auch im Blick auf die Emiter (S. 124) verzichtet Bauersachs auf eine Verortung in der Susiana und beschränkt sich darauf, die „offensichtlichen Ungereimtheiten“ ihrer historischen Platzierung in „das historische Moab“ zu beschreiben.

Das „biblische Volk“ der Horiter hält Bauersachs jedoch eindeutig für „identisch mit den historischen Hurritern <63>“:

Gruppen dieser realen Hurriter lebten südlich von Susa und sind uns schon aus der elamischen Geschichte bekannt: Der merkwürdige König Hurpatila trägt einen eindeutig hurritischen Namen, zudem wurden in der Tempelanlage Haft Tepe zahlreiche hurritische Siegelungen gefunden; diese Zuordnung ist also eindeutig.

Der „Zusammenhang mit einem Gebirge Seir und einer Wüste El Paran in Palästina oder im Sinai“ ist ihm zufolge allerdings eine nachträgliche Konstruktion der biblischen Redaktoren:

Sie kannten die Landschaften der historischen Abläufe nicht mehr und suchten sie passend zu den überlieferten Ortsnamen in Palästina und Transjordanien.

Die Susiter schließlich identifiziert Bauersachs als „die Bewohner der Stadt oder des Gebiets um Susa“. Dagegen könnte sprechen, dass die Susiter auf Hebräisch ZUZIM heißen – mit zwei Mal dem gleichen weichen S-Laut „Zayin“ -, während die Stadt Susa auf Hebräisch ŠUŠaN – mit dem Sch-Laut „Schin“ – geschrieben wird.

Nimmt man allerdings an, dass sich hinter den vier zusätzlich erwähnten „Völkern“ der Refaiter, Susiter, Emiter und Horiter die unmittelbar von der babylonischen Besatzung Susas betroffene Stadtbevölkerung einschließlich weiterer Volksgruppen wie der hurritischen verbergen könnte, mag es sich hier doch um eine historische Erinnerung handeln. Erst später las man aus ihnen einen maßlos übertriebenen Siegeszug über ganze Völker im weiten Umkreis von Palästina heraus.

3.9.5 Neue Sicht babylonisch-assyrisch-elamischer Geschichte

Nun werfe ich einen Blick auf die durch Konrad Bauersachs neu geschriebene Geschichte der babylonisch-assyrisch-elamischen Beziehungen in den Jahren zwischen 1360-1332 v. Chr.

Obwohl (S. 127) der Kriegsbericht in 1. Mose 14 die genauen Einzelheiten der historischen „Verknüpfung der elamischen mit der kassitischen Geschichte“ nicht durchschauen konnte, macht Bauersachs doch deutlich, „wie verblüffend exakt der biblische Text die historische Wahrheit über diesem Krieg darstellt“. Das heißt, er entnimmt dem Kriegsbericht sogar wesentliche Bausteine, die seine Neukonstruktion der Geschichte erst möglich machen.

Beteiligt sind an diesem historischen Drama insgesamt vier große Akteure:

  1. das kassitische Babylonien mit seinen Königen Burna-Buriaš II., Kara-Hardaš (identisch mit Kadašman-KUR.GAL {sein Name als Prinzregent in West-Elam} und Kadašman-Muraš {sein assyrischer Name als König Babyloniens} und dem biblischen Kedor-Laomer), Nazi-Bugaš und Kurigalzu II.;
  2. das westliche Elam (Susiana) mit seinen Königen der Kidinuiden-Dynastie Šalla und Tepti-Ahar (= Hurpatila);
  3. im Hintergrund auf der einen Seite Assyrien im Norden Mesopotamiens mit seinem König Aššur-Uballit I., der massiv in die Thronfolge der Kassiten in Babylonien eingreift;
  4. im Hintergrund auf der anderen Seite das östliche Elam (Anšan) mit seinen igihalkidischen Königen Attar-Kittah und Untaš-Napiriša, die Anspruch auch auf West-Elam erheben.
3.9.5.1 Kedor-Laomer = Kadašman-KUR.GAL regiert 12 Jahre über West-Elam (Susa)

Das Drama begann um das Jahr 1360, als der in West-Elam (Susa) regierende König der Kidinuiden-Dynastie namens Šalla durch Attar-Kittah, einen Abkömmling aus der Igihalkiden-Dynastie von Ost-Elam (Anšan), gestürzt wurde.

Als König Tepti-Ahar, der letzte Vertreter der Kidinuiden, nach zehn Jahren stark genug war, wiederum Attar-Kittah zu vertreiben, setzte er sich wieder auf den Thron West-Elams und begann (S. 132) „um 1350 mit dem Bau von Haft Tepe“, einer Tempelanlage südöstlich von Susa.

Möglicherweise erlitt Tepti-Ahar in den folgenden Jahren einen Schlaganfall, der (S. 128) eine „politische Schwächung Susas“ erklären könnte (die Hervorhebungen auch innerhalb von Zitaten in diesem Abschnitt stammen von mir); jedenfalls war unter

dem Kassitenkönig Burna-Buriaš II. (1359 – 1333) … Babylon so stark und gleichzeitig Susa unter Tepti-Ahar so schwach, dass sich Burna-Buriaš II. ungestraft die stets strittigen Gebiete nordöstlich des Tigris {Jamutbal, Dehloran-Ebene, Teile des Meerlands} und schließlich die Susiana selbst einverleiben konnte. Burna-Buriaš II. setzte nach seinem Sieg über Tepti- Ahar seinen Sohn Kadašman-KUR.GAL in Susa auf den Thron, dies geschah um 1344 v. Chr.

Hinter diesem Kadašman-KUR.GAL verbirgt sich der biblische Kedor-Laomer; er herrschte zwölf Jahre lang bis 1333

als Prinzregent über Susa und wurde wohl als „König“ tituliert, führte aber keinen kassitischen Königstitel. Nach dem Tod seines Vaters musste Kadašman-KUR.GAL eilig die Susiana verlassen, um in Babylon als historischer Kara-Hardaš (kassitischer Name) bzw. Kadašman-Muraš (assyrischer Name) die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Der anschließende Aufstand Tepti-Ahars richtete sich gegen die kassitischen Besatzer, die bislang von Kadašman- KUR.GAL befehligt wurden.

In diesem Zusammenhang begründet Bauersachs seine Auffassung, dass es sich „bei dem erwähnten Regenten Kadašman-KUR.GAL“ NICHT „um den König Kadašman Enlil I. gehandelt <64>“ haben kann, der von 1374-1360 regierte, denn

  • einerseits „endet die Regierungszeit des Kadašman Enlil I. bereits um 1360, erst danach übernahm sein Sohn Burna-Buriaš II. die Regierungsgeschäfte. Tepti-Ahar kann deshalb nicht gleichzeitig mit Kadašman Enlil I. aktiv gewesen sein.“
  • Außerdem gibt es einen „Verwaltungstext aus Haft Tepe“, der „ins Jahr, ‚als der König den Kadašman KUR-Gal vertrieb‘, datiert“ ist und in dem „die Bezeichnung ‚König‘“ für Kadašman-KUR.GAL fehlt <65>; das kann gut darauf zurückgeführt werden, dass er während seiner Regierungszeit in Susa eben noch nicht kassitischer König war.
3.9.5.2 Tepti-Ahar = Hurpatila vertreibt die Kassiten im 13. Jahr, indem er von blutigen Thronfolgewirren in Babylon profitiert

Was kann nun der biblische Text in 1. Mose 14 zur Erhellung der historischen Verwicklungen um Kadašman-KUR.GAL = Kara-Hardaš = Kadašman-Muraš = Kedor-Laomer beitragen? Bauersachs schreibt dazu (S. 127:)

Im biblischen Text beklagen sich fünf benachbarte Könige, sie wären 12 Jahre lang von diesem Kedor-Laomer unterdrückt worden. Im dreizehnten Jahr hätten sie gegen Kedor-Laomer einen Aufstand angezettelt und als Reaktion darauf seien im 14. Jahr (Vers 14,5) die vier mit Kedor-Laomer verbündeten Könige (aus Vers 1. Mose 14,1) gekommen und hätten die aufrührerischen fünf Könige geschlagen:

4 Zwölf Jahre hatten sie Kedor-Laomer gedient, im dreizehnten Jahr aber empörten sie sich.

Diese Angaben kann man so verstehen (S. 129), dass „die Besetzung der Susiana durch die Kassiten unter Kadašman-KUR.GAL zwölf Jahre (etwa von 1344 bis 1333)“ andauerte,

genauso lange war Tepti-Ahar im eigenen Land weitestgehend entmachtet. Die offizielle Hauptstadt blieb weiterhin Susa, der besiegte Tepti-Ahar arbeitete mit Billigung der Kassiten weiter an dem teilweise fertiggestellten Tempelanlage Haft Tepe, wo er im eigenen Land im Exil lebte.

Dann ändert sich durch den Tod des babylonischen Königs alles (S. 130):

Nach zwölf Jahren Besatzungszeit („biblisch: … im dreizehnten Jahr“) profitierten Tepti-Ahar und seine vier Verbündeten nach dem Tod des Burna-Buriaš II. vom Weggang des Thronfolgers Kadašman-KUR.GAL bzw. Kadašman-Muraš. Sie nutzten die Gelegenheit (biblisch „… sie empörten sich“), die verhasste kassitische Oberherrschaft erfolgreich abzuschütteln. Tepti-Ahar hatte sogar Muße, seinen Sieg über Kadašman-KUR.GAL im besagten elamischen Verwaltungstext ausführlich zu dokumentieren.

In diesem Augenblick kamen am babylonischen Königshof die Beziehungen zum assyrischen Königreich als entscheidendes Element ins historische Drama hinein (S. 129):

Der neue kassitische König Kara-Hardaš war durch seine Mutter Enkel des assyrischen Königs Aššur-Uballit; er wird 1332 nach nur 18 Monaten Regierung von unzufriedenen Kassiten ermordet. Sie setzen den „echten“ Kassiten Nazi-Bugaš auf den Thron, den im Gegenzug unmittelbar danach {nur 2-3 Monate später} Aššur-Uballit ermorden ließ. Aššur-Uballit setzte den vermeintlich assyrientreuen Kurigalzu II. auf den Thron, wohl einen jüngeren Bruder des Burna-Buriaš II. Nach meinen Überlegungen dürfte das um 1332 v. Chr. gewesen sein…

3.9.5.3 Kurigalzu II. entmachtet Tepti-Ahar = Hurpatila im 14. Jahr im Einverständnis mit Untaš-Napiriša von Ost-Elam (Anšan)

Da (S. 130) dieses „politische Durcheinander im kassitischen Babylon … nach den zwei politischen Morden nicht wesentlich länger als 20 Monate gedauert“ hat, „konnten sich Tepti-Ahar und seine vier treuen Freunde <66> allerdings nur kurze Zeit über den ‚Sieg‘ nach ihrem Aufstand freuen“, was die Bibel so beschreibt:

5 Und im vierzehnten Jahr kamen Kedor-Laomer und die Könige, die mit ihm waren, und schlugen …

Das heißt: Auf „die Demütigung durch den Aufrührer Tepti-Ahar … im dreizehnten Jahr“ musste

im 14. Jahr des biblischen Berichts der neue kassitische König Kurigalzu II. ein Exempel statuieren und Tepti-Ahar bzw. Hurpatila zeigen …, wer der wahre Herr im Haus ist…

Dabei ist klar, dass das „Alte Testament“ weder „von der Ermordung des Kadašman-Muraš“ weiß noch „davon, dass jetzt Kurigalzu II. und eben nicht mehr Kedor-Laomer der Angreifer ist.“

Dass Kurigalzu II. mit dieser Strafaktion so lange wartete, führt Bauersachs auf zwei Gründe zurück. Erstens konnte er „natürlich erst nach seiner Inthronisation reagieren.“ Zweitens musste er (S. 131) „bei seinen Rache- und Angriffsplänen gegen Tepti-Ahar Verstimmungen mit seinem mächtigen Nachbarn Elam vermeiden, der die Susiana wieder in sein Reich eingliedern wollte“. In beiderseitigem Interesse von Kurigalzu II. und Untaš-Napiriša lag es also, dass der Letztere einer

neobabylonischen Urkunde nach … eine Tochter des Burna-Buriaš II. {heiratete} …

Untaš-Napiriša besiegelte dadurch mit Kurigalzu II. eine Stillhaltevereinbarung für die bevorstehende Konfrontation zwischen Kurigalzu II. und dem gemeinsamen Widersacher Tepti-Ahar. Dieser erfuhr zweifelsohne von der Eheschließung und fühlte sich wie beabsichtigt umklammert:

Im Osten interessierte sich Untaš-Napiriša angelegentlich für sein Reich, im Westen und Südwesten musste er einen Angriff durch Kurigalzu II. fürchten. Nach dem Motto ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘ ist es denkbar, dass Tepti-Ahar den vermeintlich noch geschwächten Kurigalzu II. herausgefordert hat.

Darin sieht Bauersachs (S. 132) „die einzig mögliche Erklärung“ für die Auffassung der traditionellen Geschichtsschreibung, dass der ansonsten unbekannte elamische König „Hurpatila den Kurigalzu II. aktiv angegriffen haben soll“; diesen Hurpatila identifiziert Bauersachs, wie gesagt, mit Tepti-Ahar. <67> Vielleicht gab es auch gar keinen weiteren Angriff Hurpatilas = Tepti-Ahars gegen Kurigalzu II., sondern durch diesen wurde sein „Übermut“ bei der Empörung im Jahr zuvor „wenn auch verspätet, so doch unnachsichtig bestraft“.

Auf einem Standbild, das Kurigalzu II. „nach seinem Sieg über Hurpatila in Susa zur Erinnerung“ errichtete, behauptete er „typisch orientalisch“ übertreibend, dass er „Susa und Elam geschlagen und Marhaši vernichtet hat <68>“, obwohl er ja mit (Ost-)Elam sogar gemeinsame Sache machte. Die Stadt Marhaši sucht Bauersachs denn auch nicht „im Osten Elams“, sondern „nördlich oder nordwestlich der Susiana“ oder „im Raum Jamutbal“. <69> Dass Kurigalzu II. hier und in Susa Beute machen konnte, war für „Untaš-Napiriša … offenbar ein angemessener Preis für die unblutige Wiedereingliederung der Susiana in sein Reich.“

Im Zuge meiner Korrespondenz mit Konrad Bauersachs über sein Buch kam er zur Identifizierung von Marhaši auf noch eine andere Idee: „Könnte in Ramhormuz vielleicht Marhaši = Baraḫsĕ drinstecken?“ Diese Annahme kommt mir plausibler vor als eine Lokalisierung von Marhaši im Jamutbal, was ja noch im eigenen Einflussbereich von Kurigalzu gelegen hätte. Zudem behauptet Kurigalzu in seiner Siegesbotschaft, Susa und Elam geschlagen und Marhaši vernichtet zu haben; Ramhormuz könnte dann der östlichste Punkt der Susiana sein, den er noch eingenommen hätte, um das gesamte Gebiet der Susiana nach einem Raubzug seinem Bündnispartner Untaš-Napiriša zu überlassen.

Ein kleiner Schönheitsfehler bei dieser Neuschreibung der Geschichte ist der Umstand, dass unter den fünf Königen, die Kedor-Laomer (inzwischen = Kurigalzu II.) besiegt, der eigentliche Haupt-Protagonist Tepti-Ahar = Hurpatila in Susa gar nicht erwähnt wird, es sei denn, man deutet die Susiter in 1. Mose 14,5 in diese Richtung. Bauersachs spekuliert später noch über das Schicksal seiner fünf Verbündeten (S. 158):

Ob die Könige von Sodom und Gomorrha und ihre drei Kollegen nach der verlorenen Schlacht noch in Amt und Würden bleiben durften, ist fraglich. Untaš-Napiriša, der Verbündete des Kurigalzu II., war durch die gewonnene Schlacht mit Kurigalzus II. Hilfe Herrscher über Gesamt-Elam geworden. Dass er großmütig genug war, die fünf Aufrührer weiter in ihren Positionen zu belassen, glaube ich nicht; Untaš-Napiriša konnte sich in seiner eigenen Familie mit geeignetem Personal bedienen.

3.9.6 Geographische Verortung des Kriegsschauplatzes und der heldenhaften Befreiung Lots durch Abraham in 1. Mose 14

Von (S. 134) all den mühsam erschlossenen „Zusammenhängen der überregionalen Politik“ weiß das Alte Testament „natürlich nichts“. Nur weil „Abrahams Stamm … offensichtlich von den Kriegshandlungen unmittelbar betroffen“ war, hat man einige Erinnerungen daran aufbewahrt und als „Stoff für eine Heldengeschichte“ weitererzählt.

3.9.6.1 Das Tal Siddim bei den Asphaltgruben von Saddine

Dabei werden (S.134) von der „Schlacht gegen Kedor-Laomer (den historischen Kurigalzu II.)“ nur zwei Einzelheiten überliefert: Erstens der Ort der Schlacht „im Tal Siddim“ und zweitens „die Flucht der unterlegenen fünf Könige“ nach verlorener Schlacht, die für die einen „beschämend in einer der zahlreichen Asphaltgruben“ und für die anderen im „Gebirge“ endet:

8 … sie ordneten sich zur Schlacht gegen sie im Tal Siddim…

10 Im Tal Siddim aber war Asphaltgrube neben Asphaltgrube; und die Könige von Sodom und Gomorrha flohen und fielen dort hinein, die übrigen aber flohen ins Gebirge.

Skizze mit Saddine und Andimask

Hinter Saddine und Andimask können sich das biblische Siddim und Damaskus aus 1. Mose 14 verbergen (Karte: Konrad Bauersachs)

Vielleicht führte schlichte Panik dazu, dass die „Könige von Sodom und Gomorrha … wortwörtlich in die eigene Grube“ fielen, oder es

haben die kassitischen Soldaten auch nachgeholfen und die fliehenden Könige hineingeworfen als milde Variante der assyrischen Bestrafung von Delinquenten durch Übergießen mit heißem Asphalt.

Jedenfalls ist dieser Asphalt ein wertvolles Indiz für die geographische Verortung der Erzählung. Die (S. 135) „Verwendung von Asphalt, auch mit Erdharz oder Pech übersetzt“ – „sowohl beim Bauen als Mörtel oder als Dichtungsmaterial“ – wird nämlich im „Alten Testament sowie beim Historiker Herodot“ schon für die Antike bezeugt; „auch dies ist ein eindeutiger Hinweis auf Babylonien und Chuzistan.“

Im biblischen Palästina finden sich in der Region südlich des Toten Meeres, in der Sodom und Gomorrha angeblich gelegen haben sollen, keinerlei ergiebige Asphaltvorkommen, somit konnten die Könige von Sodom und Gomorrha auf der Flucht auch in keine Asphaltgruben fallen.

Wohl aber (S. 136) bezeugt die Bibel in 1. Mose 11,3 „die Verwendung von Erdharz oder Asphalt in Babylonien“ beim Turmbau zu Babel:

3 Und sie sagten einer zum anderen: Auf, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel.

Und der antike Geschichtsschreiber Herodot berichtet „aus der Zeit des Perserkönig Dareios/Darius I., der in Chuzistan einen seiner Landsitze hatte“, über „einfache Methoden, neben Asphalt das Erdöl zu gewinnen“ <70>. Noch heute gibt es im

Osten von Chuzistan … entlang der Antiklinalen <71> zahllose Erdölvorkommen, das biblische Tal Siddim (1. Mose 14,3 SsiDDIM) dürfte in der unmittelbaren Umgebung des heutigen Orts Saddine etwa 10 km östlich von Ahvaz gelegen haben.

Hier und nicht am Toten Meer müssen wir den Schauplatz der kriegerischen Auseinandersetzung suchen. In Chuzistan reiht sich bei Saddine eine Ölförderstation an die nächste und setzt sich entlang und auf dem Kuh-e-Kerit (110 m hoch) sowie dem Kuh-e-Schere (255m hoch) nach Osten fort:

1. Mose 14,10: Im Tal Siddim aber war Asphaltgrube neben Asphaltgrube; und die Könige von Sodom und Gomorrha flohen und fielen dort hinein, die übrigen aber flohen ins Gebirge.

Hier hat das Alte Testament gleich doppelt Recht: Im Raum Saddine/Siddim gibt es reichlich Ölquellen („Asphaltgruben“), unmittelbar daneben erheben sich die Hügelzüge (biblisch „Gebirge“) Kuh-e-Kerit und Kuh-e-Schere, wo nach der Zerstörung von Sodom und Gomorrha Lot und seine beiden Töchter in einer der zahlreichen Höhlen Zuflucht gefunden haben.

3.9.6.2 Die Verfolgung der Entführer Lots bis Hoda bei Andimašk

Nun endlich kommen wir zur Verstrickung der Sippe Abrahams in den Kriegszug, den Kurigalzu II. gegen Tepti-Ahar führte (S. 136):

Unter der Kriegsbeute der kassitischen Soldaten befand sich angeblich auch Abrahams Neffe Lot. Abraham erfährt dies, eilt den abziehenden Soldaten hinterher, stellt sie in einem nächtlichen Kampf und folgt ihnen noch bis „Hoba, das links (nördlich) von Damaskus liegt“.

11 Da nahmen sie alle Habe von Sodom und Gomorra und all ihre Nahrungsmittel und zogen davon.

12 Und sie nahmen Lot mit, den Sohn von Abrams Bruder, und seine Habe und zogen davon; denn er wohnte in Sodom.

13 Und es kam ein Entkommener und berichtete es Abram, dem Hebräer; er wohnte aber unter den Terebinthen Mamres, des Amoriters, des Bruders von Eschkol und des Bruders von Aner; die waren Abrams Bundesgenossen.

14 Und als Abram hörte, daß sein Bruder gefangen weggeführt war, ließ er seine bewährten Männer, seine Hausgeborenen, ausrücken, 318 Mann, und jagte ihnen nach bis nach Dan.

15 Und nachts teilte er sich und fiel über sie her, er und seine Knechte, und schlug sie und jagte ihnen nach bis nach Hoba, das links von Damaskus liegt.

Dass in diesen Versen (S. 135) eine Heldentat „Abrahams … zu einem Sieg über die Koalition der vier Könige hochstilisiert“ wird,

darf man sicher nicht zu streng bewerten. Glaubt man dem biblischen Bericht, so schafft Abraham es immerhin mit seinen Männern, Lot zu befreien und einen Teil der Kriegsbeute sicherzustellen. Wahrscheinlich gelang dies nur deswegen, weil die Truppen nach getaner Arbeit sowieso abzogen.

Möglich ist allerdings auch folgendes Szenario:

Der unerwartete nächtliche Überfall, eine damals für ausgebildete Soldaten ungewohnte Kampfesweise, ermöglichte es auch schlecht ausgerüsteten Nomaden, überlegene Gegner erfolgreich anzugreifen: Durch den nächtlichen Überraschungseffekt war die zahlenmäßige Unterlegenheit des Gegners nicht zu erkennen.

Aber wie konnte die Verfolgung sich bis hinter die Stadt Damaskus erstrecken? Bauersachs stellt fest (S. 137), dass im „heutigen Palästina … von Abrahams Lager im heutigen Israel bei Hebron … etwa 250 km Luftlinie nach Aram-Damaskus im heutigen Syrien zurückzulegen“ wären, ich füge hinzu: Vom Südrand des Toten Meers, wo Sodom gelegen haben soll, sogar über 400 km. In der „Amarna-Zeit (ab Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr.)“ wurde das aramäische Damaskus noch „Upe genannt, aus dem das alttestamentliche Hoba verballhornt wurde.“ Aber warum „erwähnt das Alte Testament“, wenn Damaskus mit Hoba identisch ist, noch „zusätzlich ein Hoba, das bei Damaskus liegen soll?“ Nun gibt es in

Chuzistan … noch heute etwa 30 km nördlich der Stadt Andimašk (daraus wurde das biblische „Damaskus“) einen Ort Hoda, wo die Verfolgung nach dem biblischen Bericht endete.

Allerdings lagen auch in Chuzistan zwischen dem Kuh-e-Mish Dagh, Abrahams Heimat, und dem Ort Hoda weit über 100 km und zwischen dem Schlachtfeld Siddine in der Nähe des biblischen Sodom und Hoda sogar über 250 km. Dennoch ist die Lokalisierung der Geschichte hier in Chuzistan weitaus glaubwürdiger als in Palästina und Syrien. <72> Wie viel davon nicht letzten Endes doch einem heldenhaftem „Hirtenvolkslatein“ zuzuschreiben ist, wird natürlich niemals zu erweisen sein. Auch kann „Damaskus“ als Endpunkt der Verfolgung nachträglich eingefügt worden sein.

3.9.6.3 Ist in dem Priesterkönig Melchisedek eine Erinnerung an König Meli-Šihu aufbewahrt?

Maßlos übertrieben ist natürlich (S. 137), dass

Abrahams Sieg über die abziehenden Truppen und die Rückeroberung der Beute nebst Lots Befreiung … als Gesamtsieg über Kedor-Laomer gepriesen {wird}. Der unterlegene König von Sodom hat seinen Sturz in die Asphaltgruben offenbar unbeschadet überstanden und will sich bei Abraham bedanken {1. Mose 14,16-18}:

16 Und er brachte die ganze Habe zurück; und auch Lot, seinen Neffen, und dessen Habe brachte er zurück und auch die Frauen und das Volk.

17 Und als er zurückkehrte, nachdem er Kedor-Laomer und die Könige, die mit ihm gewesen, geschlagen hatte, zog der König von Sodom aus, ihm entgegen, in das Tal Schawe, das ist das Königstal.

18 Und Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus; und er war Priester Gottes, des Höchsten.

Auf die in den abschließenden Versen 21-24 erzählte Weigerung Abrahams, aus den Händen des Königs von Sodom (nicht „des König Melchisedek“, wie Bauersachs irrtümlich schreibt), „eine Belohnung anzunehmen“, gehe ich hier nicht weiter ein, auch nicht auf „die ‚freiwillige‘ Übergabe des Zehenten“ an Melchisedek in Vers 20, „wohl um retrospektiv die Versorgung der Leviten im mosaischen Gesetz zu begründen.“

Zum Königstal Schawe meint Bauersachs (S. 138), dass sich sein Name im „Ort Schawe (iran. Shabaibi) etwa 60 km östlich von Ahvaz erhalten“ hat.

Bei der Suche nach einem „biblischen“ Salem in Chuzistan finden wir nahe bei den Asphaltgruben von Siddim (40 km entfernt) und dem Königstal Schawe (20 km entfernt) den Ort Salmana.

In der „Personalunion zwischen König und Hohepriester … an dieser Stelle“ erblickt Bauersachs einen weiteren

Hinweis auf Babylonien. Hier gab es an Neujahr die Heilige Hochzeit zwischen der höchsten Priesterin und dem Stadtfürsten bzw. König. Die Priesterin verkörperte bei dieser Feier die Göttin und vereinigte sich mit dem König, der den Gott der Fruchtbarkeit vertrat, im Hochtempel auf dem Gipfel einer Zikkurat.

Dieses Ritual wurde von der Bevölkerung mit einem Volksfest begangen; die später im Alten Testament immer wieder geächtete Tempelprostitution hat ihre Wurzeln wohl in diesem Fest:

Jeremia 2,20: Denn auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum hast du dich hingelegt als Hure.

Bauersachs hält es auch für möglich, dass

dieser mysteriöse biblische König und angebliche Hohepriester Melchisedek sogar ein reales Vorbild im Kassitenkönig Meli-Šihu <73> (auch Meli-Šipak genannt). Lange nach dessen Tod ging sein Schwiegersohn Šutruk-Nahhunte II. um 1158 v. Chr. wieder einmal einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach und überfiel das kassitische Babylonien. Er beendete so die Kassitenherrschaft und schleppte Unmengen von Stelen und Monumenten nach Susa; darunter war auch die Stele mit dem Codex Hammurabi, die heute im Louvre aufbewahrt wird.

Dass Abraham den Kassitenkönig Meli-Šihu namentlich gekannt haben könnte, ihm gar persönlich gegenübergetreten ist, ist unmöglich: Zwischen dem Exodus und diesem König liegen rund 50 reale Jahre, bis zu Abraham sind es unüberbrückbar rund 200 zusätzliche Jahre.

Denkbar wäre durch die engen Bande zwischen Babylonien und Elam, dass sich die Erinnerung an diesen ausgesprochen friedliebenden Herrscher bis in die elamische Exilzeit der Juden erhalten und durch Rückkehrer den Weg in die Niederschrift gefunden hat.

Abschließend betont Bauersachs (S. 139) noch einmal, dass für ihn der „Kriegsbericht 1. Mose 14 eine der Schlüsselstellen bei der Suche nach historischen Inhalten der Bibel“ ist:

Offensichtlich gab es zum belegten Ablauf umfangreiche Überlieferungen, die schließlich durch die Redaktoren, wie z.B. die Melchisedek-Episode (1. Mose 14,18) mit der Festschreibung des Zehenten, zweckdienlich ausgeschmückt wurden.

Ich muss sagen, dass ich seinen Indizienprozess gerade in diesem Zusammenhang ausgesprochen überzeugend finde.

3.10 Welche Ursache ließ Sodom und Gomorrha untergehen?

Zu den Erzählungen, die sich um Abraham und Lot ranken (S. 142), gehört schließlich auch noch diejenige über den „spektakulären Untergang von Sodom und Gomorrha“, denn der im Rahmen des Kriegsbericht durch Abraham gerettete „Lot war in oder bei Sodom zuhause und wurde dort gefangengenommen“:

Dass Sodom und Gomorrha … in Chuzistan gelegen haben müssen, zeigte die Beteiligung der beiden Könige am Krieg 1. Mose 14. Außerdem lässt sich nur in Chuzistan ein Untergangsszenario ausarbeiten, das lokale geologische Besonderheiten berücksichtigt und die biblische Schilderung realistisch wirken lässt.

Abraham ist mit dieser Geschichte insofern verbunden, als er, der soeben (1. Mose 18,10) als 99-Jähriger die Geburt eines Sohnes verheißen bekommen hat, mit JHWH (1. Mose 18,17-33) „über die Schonung der Stadt zu verhandeln“ versucht, „um die göttliche Strafe doch noch abzuwenden“. Daraufhin bekommt Lot immerhin (S. 144)

genug Zeit, sich und seine Familie vor dem drohenden Untergang zu retten. Wie bekannt erstarrt Lots ungehorsames Weib auf der Flucht zur Salzsäule, er selbst und seine Töchter retten sich nach Zoar und hausen dort in einer Höhle.

Traditionell lokalisiert man Sodom und Zoar „am Toten Meer“, wo es noch heute eine „Stadt Tsoar“ und „den Berg Sedom“ gibt, „der sich mühelos von ‚Sodom‘ herleiten lässt.“ Allerdings:

Dass auf den Ebenen am Südende des Toten Meers nur anspruchslose Pflanzen wachsen, liegt ausschließlich an den salzhaltigen Böden und hat nichts mit dem biblischen Schwefel- und Feuerregen zu tun.

Und da (S. 145) das Tote Meer heute weitaus tiefer „unter dem Meeresspiegel liegt“ als früher, „das Wasser … also gesunken“ ist, müssten die Ruinen von Sodom und Gomorrha längst aufgetaucht sein, wenn diese Städte denn hier gelegen hätten.

3.10.1 Ein Vulkanausbruch scheidet aus

Aber (S. 151) „welches Ereignis“ könnte überhaupt „zur Vernichtung dieser Städte geführt haben“?

Nur noch selten wird als Erklärung ein Vulkanausbruch bemüht, der mit Lava und Asche die Städte dem Erdboden gleichmacht.

Diese Theorie scheitert daran, dass es im heutigen Israel weit und breit keinen in geologisch jüngster Zeit aktiven Vulkan gibt …

3.10.2 Ein Erdbeben allein reicht als Ursache nicht aus

Ein „Erdbeben“ als Ursache wäre grundsätzlich möglich, denn:

Das Tote Meer ist in ein geologisch aktives Grabensystem (Great Rift Valley) eingebettet, das sich von Syrien im Norden über das Jordantal, das Tote Meer, das Wadi Araba und das Rote Meer bis nach Afrika fortsetzt.

Erdbeben im Großraum Israel waren und sind auch heute keine Seltenheit…

Gegen ein solches Szenario in Israel spricht allerdings einiges:

Bei einem Beben wären nicht nur Sodom und Gomorrha betroffen gewesen, sondern gleichzeitig sämtliche Städte entlang des Grabenbruchs, wie etwa Jericho und Zoar, wohin sich Lot mit seinen Töchtern geflüchtet haben soll.

Auch (S. 153:) „ein gelegentliches Vorkommen von reinem Schwefel“ in der Nähe von ausgegrabenen Ruinen am Toten Meer kann nach Bauersachs <74> nicht „als Beweis dafür gelten, dass hier das biblische Sodom und Gomorrha gelegen haben muss: Dieser reine Schwefel hätte beim katastrophalen Untergang verbrennen müssen.“

Querschnitt zur Gebirgsbildung - eine Antiklinale und Synklinale (Berg und Tal)

Erdöl und Erdgas als Zeitbombe unter Sodom und Gomorrha (Skizze: Konrad Bauersachs)

Wenden wir uns also wieder einmal den Umständen in der Region Chuzistan zu, die ebenfalls „früher wie heute immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird.“ In einem ausführlichen „Exkurs zur Geologie“ geht Bauersachs auf „die Vorgänge bei Erdbeben und Gebirgsbildung“ ein, die „eine plausible Erklärung für den Untergang von Sodom und Gomorrha“ liefern:

Die Erdkruste besteht aus zahlreichen Platten, die quasi auf dem flüssigen Erdinneren schwimmen und sich horizontal und vertikal gegeneinander verschieben können. Diese Bewegungen laufen leider nicht gleichmäßig ab: Die Platten verhaken sich an den Grenzen ineinander, eine Platte verschiebt sich gegen die andere und plötzlich baut die sich Spannung in einem Beben ab. Das Schwemmland der Mesopotamischen Tiefebene und die Arabische Halbinsel sind Teil einer Platte, die sich stetig (bis zu 27 mm jährlich) nach Nordosten bewegt. Diese Bewegung hat im Laufe von Jahrmillionen die Gebirgssysteme des Taurus (Türkei) und des Zagros (Iran) aufgefaltet und setzt sich über Griechenland bis zum Balkan fort.

Der Druckausgleich beim Zusammenstoß der Platten erfolgt in Chuzistan nach oben (Antiklinale = Gebirgsbildung <75>); hier schiebt sich die afrikanische Platte (mit Saudi-Arabien) gegen die eurasische Platte (Iran, Türkei). Gerade zwischen Ahvaz und Dizful lässt sich die Gebirgsentstehung gut verfolgen: Aus der Flussebene Chuzistans ragen parallele Bergrücken, die im Verlauf der letzten 1700 Jahre um stellenweise fast 20 Meter angehoben wurden.

Nordwestlich von Ahvaz ist die Hügelregion um den Kuh-e-Mish Dagh (245m; Abrahams Mescha) ein Paradebeispiel für eine Antiklinale. Wie aktiv die Region ist zeigen südöstlich von Ahvaz der Kuh-e-Kerit (143m) und der Kuh-e-Schere (255m), parallel dazu verlaufen weiter nördlich zwei weitere im Abstand von etwa 12 km:

Die Shaur-Antiklinale trennt – bis zu 70 m hoch – das Flusssystem des Kerkhe vom Diz, die nächste Antiklinale liegt weiter nördlich zwischen Diz und Karun und ist derzeit stellenweise 80 – 90 m hoch. Der Shaur-Rücken zeigt beispielhaft die schnelle Aufwärtsbewegung in geschichtlicher Zeit…

Aber, wie gesagt, ein Erdbeben allein würde nicht alle in der Bibel beschriebenen Umstände der Zerstörung von Sodom und Gomorrha erklären. Denn in 1. Mose 19,28 heißt es ausdrücklich:

Und er (Anm.: Abraham) blickte hinab auf die Fläche von Sodom und Gomorrha und auf die ganze Fläche des Landes des KiKaR {= Kuh-e-Kerit?}, und er sah: und siehe, Rauch stieg vom Land auf, wie der Rauch eines Schmelzofens.

Dazu schreibt Bauersachs (S. 156):

Bei Erdbeben entstehen immer wieder größere Brände, diese werden aber sekundär durch z.B. Herdfeuer verursacht, die beim Einsturz des Hauses das Holz des Dachstuhls in Brand setzen. Ein Flächenbrand als unmittelbare Folge eines Bebens, wie im biblischen Bericht erwähnt, ist ausgeschlossen.

3.10.3 Erdöl und Erdgas können einen Feuersturm erzeugen

Nun kommen in Chuzistan aber weitere Umstände hinzu, nämlich (S. 156), dass die genannten „zahlreichen Antiklinalen… sozusagen den Deckel auf den umfangreichen Öl- und Gasvorkommen“ bilden und … bei schweren Beben beschädigt werden“ können.

Bereits 2006 fand man bei Ahvaz mehrere ergiebige Öl- und Gasfelder, eines liegt bei Abe-Taimar ca. 25 km westlich an der Bahnstrecke nach Khorramshar, ein weiteres etwa 60 km südöstlich bei Khami. Der Fund in Khami <76> ist im Hinblick auf den Untergang von Sodom und Gomorrha besonders interessant: Dieses Gasvorkommen zählt zu den Gaslagerstätten mit dem höchsten Druck weltweit. Im Erdöl sind stets Gase gelöst, die die unterirdischen Lagerstätten unter Druck setzen und das mechanische Hochpumpen unnötig machen, aber auch extrem gefährlich sein können.

Abgesehen von der Erdbebenfrühwarnung an Lot und seine Familie durch die Engel in 1. Mose 19,15 lässt sich „das Unglück über Sodom und Gomorrha“ nun nachvollziehen (1. Mose 19,24-25):

Da ließ der HERR auf Sodom und auf Gomorrha Schwefel und Feuer regnen von dem HERRN aus dem Himmel und er kehrte diese Städte um und die ganze Ebene des Jordan und alle Bewohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens.

Bauersachs (S. 157) führt dazu aus:

Der viermal wiederkehrende Begriff des „Umkehrens“ {1. Mose 19,21.25.29 und 5. Mose 29,22} kann im wörtlichen Sinn nur bedeuten, dass durch ein heftiges Erdbeben das unterste nach oben gekehrt wird und danach durch ein verheerendes Feuer ein ganzer Landstrich dem Erdboden gleichgemacht wird. Wie soll man aber erklären, dass es „Schwefel und Feuer“ regnete? Die Lösung für all diese Fragen können wir nicht im heutigen Israel finden, sondern nur in Chuzistan, dem Lebensraum Abrahams. Aus dem biblischen Bericht ist bekannt, dass es in der Umgebung von Sodom und Gomorrha zahlreiche Asphaltgruben gegeben hat:

1. Mose 14,10 Im Tal Siddim aber war Asphaltgrube neben Asphaltgrube; und die Könige von Sodom und Gomorrha flohen und fielen dort hinein, die übrigen aber flohen ins Gebirge.

Noch heute stehen im

Raum Ahvaz … die Erdölförderanlagen dicht an dicht und zahlreiche Pipelines transportieren den wichtigsten Exportartikel des Iran zu den Raffinerien und den Ladestationen im Persischen Golf. … Neben dem bekannten Abfackeln von Erdgas-Erdölmischungen unter starker Rußbildung wird versehentlich austretendes Rohöl oberflächlich in Sandgruben aufgefangen und ebenfalls verbrannt. Der Boden ist dadurch im weiten Umkreis für die Landwirtschaft nicht mehr nutzbar.

Genau das ist es, was die Bibel in 5. Mose 29,22 schildert:

5. Mose 29,22 … Schwefel und Salz, eine Brandstätte ist sein ganzes Land; es wird nicht besät und lässt nichts sprossen, und keinerlei Kraut kommt darin auf wie nach der Umkehrung von Sodom und Gomorrha …

Nun können wir nachvollziehen, was „beim Untergang von Sodom und Gomorrha tatsächlich geschehen“ ist:

Durch ein heftiges Erdbeben werden einige der zahlreichen Erdöllagerstätten beschädigt, bildlich gesprochen werden die Erdtanks geöffnet und das Gemisch aus Gas und Öl sprüht haushoch in den Morgenhimmel. Es braucht nicht viel Phantasie, sich die Folgen auszumalen: Zuerst entzündet sich das explosive Gemisch der Fontänen an einem Herdfeuer, Feuersäulen entstehen und verteilen das brennende Öl weiträumig. Durch die Hitze der zahlreichen Brände schießt heiße Luft nach oben, es entsteht ein Feuersturm, der die brennenden Fontänen in einen feinen Nebel zerstäubt und am Boden die Vernichtung perfekt macht. Beim Betrachter entsteht so der Eindruck, das Feuer falle vom Himmel.

Zu dem Einwand, „dass das iranische Öl schwefelarm ist, warum sollte es also Schwefel regnen?“, verweist Bauersachs auf „die rückblickende Geschichtsschreibung“, die von den sehr schwefelhaltigen „Asphaltvorkommen im Toten Meer“ scheinbar „logisch, aber falsch“ kombinierte: „Schwefel im Asphalt des Toten Meeres, Sodom am Toten Meer, also muss beim Brand beider Städte Schwefel vom Himmel gefallen sein.“

Um zu zeigen (S. 158), dass „das geschilderte Szenario keineswegs utopisch ist“, erinnert Bauersachs daran, dass „im Golfkrieg 1991 (Aktion ‚Wüstensturm‘) … die abziehenden irakischen Truppen … mehr als 700 Öllager und Ölquellen in Brand“ setzten, so dass „täglich … 5% des Welttagesbedarfs an Öl“ verbrannten. „Bis sämtliche Brände gelöscht werden konnten, vergingen Wochen.“

Für die Zeit Abrahams und Lots malt Bauersachs die Folgen des Untergangs von Sodom und Gomorrha folgendermaßen aus:

Die ehemals landwirtschaftlich intensiv genutzte Region um Sodom und Gomorrha hat sich von dieser Katastrophe nie mehr erholt. Nicht verbranntes Öl und giftige Rückstände machen den Boden lange Zeit für jede Art der Bewirtschaftung nutzlos.

Als (S.150) A. H. Layard <77> im Jahr 1846 „über seine abenteuerlichen Reisen durch Chuzistan“ berichtet, „beschreibt er eine Landschaft, wie sie unmittelbar nach dem Untergang von Sodom und Gomorrha ausgesehen haben muss“:

In diesen Hügeln finden sich nur wenige Frischwasserquellen, dafür reichlich Tümpel mit Erdöl oder Petroleum, Asphalt sowie schwefel- oder salzhaltigem Wasser. Häufig haben sie, wie die Naphthaquellen bei Ramhormuz, ein verbranntes und vulkanisches Aussehen.

3.10.4 Wo haben Sodom und Gomorrha tatsächlich gelegen?

Eine (S. 158) „exakte Ortsangabe mit Längen- und Breitengrad“ bietet Konrad Bauersachs „für Sodom und Gomorrha“ nicht an.

Allerdings weisen die bereits behandelten Details des biblischen Kriegsbericht aus der Zeit kurz vor dem Untergang Sodom und Gomorrhas eindeutig in die Region zwischen Ahvaz und Ramhormuz. Nur hier finden wir reale und biblische Asphaltgruben in der Nachbarschaft realer und biblischer Orte wie Siddim-Saddine, dem Königstal Schawe, Salem-Salmana {Salem bzw. Salmana ist nur 15 km vom Erdgasfeld Khami entfernt}, den Regierungssitz Melchisedeks und das vom Himmel fallende Feuer. Die Städte Sodom und Gomorrha müssen in der näheren Umgebung des Kuh-e-Kerit und Kuh-e-Schere mit den ergiebigen Öl- und Gasvorkommen gelegen haben. Die häufig dramatischen Erdbeben und weitere Auffaltungen der Antiklinalen in Chuzistan sind ebenfalls ein unübersehbarer Hinweis auf diese Region. Im heutigen Israel lässt sich dagegen dieses Szenario nicht nachvollziehen.

Bei allen Vorbehalten könnte man das biblische Sodom in der Umgebung von Siddim-Saddine lokalisieren (der Name legt das nahe), das biblische Gomorrha etwa bei Ramshir am Kuh-e-Schere. Das Alte Testament erzählt, dass nur die beiden Könige von Sodom und Gomorrha nach der Schlacht gegen Kurigalzu II. auf ihrer Flucht in die Asphaltgruben bei Siddim gefallen sein sollen. Siddim liegt nördlich des Kuh-e-Kerit und des Kuh-e-Schere. Man könnte das so interpretieren, dass auch Sodom und Gomorrha nördlich des Kuh-e-Kerit oder des Kuh-e-Schere gelegen haben müssen, weil die fliehenden Könige ihre Heimatstädte wohl auf kürzestem Weg erreichen wollten.

Zur Identifizierung von Gomorrha merke ich an, dass der hebräische Urtext ˁAMoRaH lautet; das G im Anlaut stammt erst aus der griechischen Sepuaginta.

Zum weiteren Schicksal von Lot und seiner Familie schreibt Bauersachs (S. 148):

Nach der Zerstörung von Sodom und Gomorrha haust Lot mit seinen Töchtern in einer Berghöhle vermutlich am Kuh-e-Schere oberhalb von „Zoar/Tsoar“, dies könnte das heutige Tschul etwa 30 km südöstlich von Ahvaz sein…

Aber wird die Gegend von Sodom und Gomorrha nicht durch eine Randbemerkung im Kriegsbericht 1. Mose 14,3 doch mit dem Toten Meer in Verbindung gebracht? Dort heißt es:

Alle diese verbündeten sich und kamen in das Tal Siddim, das ist das Salzmeer.

Auch (S. 149) für diese „nachhinkende Ergänzung ‚… das ist das Salzmeer‘“ sieht Bauersachs den Ursprung

in der rückblickenden Niederschrift und der Verlegung der Ereignisse von Chuzistan ans Tote Meer im heutigen Israel. Im Raum Chuzistan gab es zu allen Zeiten durch die starke Verdunstung Salzkrusten auf dem Boden, die nach Regenfällen Tümpel mit Salzwasser bilden konnten; ein „Meer“ gab es hier (abgesehen vom Persischen Golf) nie, allenfalls ausgedehnte Überschwemmungen nach starken Regenfällen oder zur Zeit der Schneeschmelze. Zeitweilig konnte bei starkem Südwind ein „Salzmeer“ entstehen, wenn Meerwasser fast bis Ahvaz reichte und weit in die Flussmündungen eindrang.

3.11 Kann man weitere Vertreter von Abrahams Sippe mit Babylonien und Elam in Verbindung bringen?

Nachdem Konrad Bauersachs ausführlich und überzeugend die Sippe Abrahams mit Babylonien und Elam in Verbindung gebracht hat, möchte ich ergänzend die Frage stellen, ob nicht auch noch andere Vertreter seines Familienverbandes in diese Betrachtungsweise einbezogen werden könnten.

Insbesondere frage ich mich, ob man bestimmte Erzählstoffe, die mit verschiedenen Personen- und Ortsnamen verknüpft sind, auch auf verschiedene Regionen der nomadischen Weidegründe im Jamutbal oder in Chuzistan und Umgebung beziehen könnte. Genaue Antworten vermag ich darauf aber nicht zu geben.

Dabei ist mir natürlich bewusst, dass die Erzählungen in einem langen Überlieferungsprozess vielfach verändert, in neue Zusammenhänge eingepasst, ergänzt und verändert worden sind. Hier geht es mir nur darum, ob man vielleicht doch einen ursprünglichen Anknüpfungspunkt an historische Gegebenheiten aufspüren kann, und verbinde vier Erzählkreise mit hervorgehobenen Ortsnamen (in Klammern gebe ich jeweils die Kapitel im 1. Buch Mose an, in denen die jeweiligen Erzählungen überliefert sind).

3.11.1 Erzählkreis Mamre/Hebron (Hauptfiguren: Abram – Lot)

Die meisten der mit den Namen Abram und Lot verbundenen Erzählungen betreffen Abrams und Lots Wanderungen, ausgehend von (10) der Heimat der Semiten zwischen Sefar und Mescha bzw. (11) Terachs Heimat Ur in Chaldäa.

Sie spielen sich ab zwischen (12) Haran und Kanaan, führen an der Terebinthe More bei Sichem vorbei zur Gegend zwischen Bethel und Ai, dann ins Südland und evtl. nach „Ägypten“.

Vom (13) Südland geht es zurück in die Gegend zwischen Bethel und Ai, von wo aus sich die Wege Abrams und Lots trennen: Lot geht nach KiKaR, <78> die Gegend von Sodom und Zoar, Abram bleibt in Kanaan bei den Terebinthen Mamres in der Nähe von Hebron.

In diesem geographischen Zusammenhang (14) spielt sich das Drama des Kriegsberichts zwischen Siddim, Sodom und „Damaskus“ ab und ebenso (18) Abra(ha)ms Eintreten für Sodom bei JHWH, (19) der Untergang Sodoms und die Flucht Lots und seiner Töchter nach Zoar und in eine Gebirgshöhle.

Auch (23) den Erwerb der Höhle Machpela gegenüber von Mamre bei Kirjat-Arba = Hebron durch Abraham als Erbbegräbnis zunächst für Sara würde ich in diesen Erzählkreis einbeziehen.

Dass allerdings später (25) auch Abraham durch seine Söhne Isaak und Ismael, schließlich (35) Isaak durch seine Söhne Esau und Jakob und am Ende (50) Jakob durch seine Söhne hier bestattet werden, ist bereits auf eine Verschmelzung von Traditionen zurückzuführen.

Durch die Erwähnung (15) von Ur und Damaskus nur lose mit dem ersten Erzählkreis verknüpft wurde vermutlich die Verheißung an Abram, dass nicht sein Diener Elieser von Damaskus sein Erbe sein wird, sondern dass seine Nachkommen das ganze Land zwischen Ägypten und dem Euphrat beherrschen werden, insgesamt zehn kanaanäische Völker.

Schließlich ist wohl auch (17) Abrams Umbenennung in Abraham und (18) die Verheißung des Sohnes Isaak an Abraham und Sara bei den Terebinthen Mamres später hinzugefügt worden.

Ich habe diesen Erzählkreis bewusst nach Mamre bei Hebron benannt, weil dieser Ort einen Fluchtpunkt bedeutet, von dem Abram immer wieder aufbricht, auf den das Leben Abrams und seiner Sippe aber auch immer wieder zusteuert, spätestens im Tod. Zu bedenken ist allerdings, dass der Bericht über eine Beisetzung in der Höhle bei Machpela für Isaak und Jakob sicher nachträglich hinzugefügt worden ist, um ihre Erzählkreise mit dem von Abraham zu verknüpfen.

Thematisch scheint es ursprünglich hauptsächlich um die Bedingungen des Überlebens einer Sippe von Kleinviehnomaden gegangen zu sein, und zwar immer wieder auf der Suche nach geeigneten Weidegründen zwischen der Steppe und den bewässerten Gebieten der Sesshaften und zeitweise sogar beeinflusst durch die Wirren der zeitgenössischen großen Politik und durch Naturkatastrophen im Gebiet der Asphaltgruben in West-Elam.

3.11.2 Erzählkreis Lachai-Roi (Hauptfiguren: Hagar – Isaak)

Die Figuren eines zweiten Erzählkreises werden in meinen Augen zusammengehalten durch den „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“, Lachai-Roi. Mit ihm haben nicht nur Hagar und ihr Sohn Ismael, sondern auch Isaak, der Sohn Saras, zu tun.

Die Geschichte in Kapitel 16 handelt vom Konflikt zwischen der kinderlosen Frau Abrams und ihrer ägyptischen Sklavin Hagar. Sarai selbst setzt sie als Leihmutter für einen Sohn ihres Mannes ein; ihre gleichzeitige Eifersucht aber treibt Hagar auf die Flucht in die Wüste, wo sie auf dem Weg nach Schur zwischen Kadesch und Bered einen Brunnen findet, den sie Lachai-Roi nennt. <79>

Zum zweiten Mal (24) taucht der Brunnen Lachai-Roi in der Nähe von Isaaks Wohnort im Land des Südens auf, wo Abrahams Knecht dem Isaak seine Frau Rebekka zuführt, die er aus der Heimat Nahors und Labans geholt hat, die hier aber nicht Haran, sondern Aram-Nacharajim heißt. Von Rebekkas Ursprungsfamilie war in Kapitel 22 erzählt worden.

Und ein drittes Mal ist vom Brunnen Lachai-Roi in Kapitel 25 die Rede, wiederum als Wohnort Isaaks, und zwar im Zusammenhang mit der Beisetzung Abrahams. Kurz darauf wird erwähnt, dass Isaaks Frau Rebekka, die Tochter des Aramäers Betuel aus Paddan-Aram, vorübergehend unfruchtbar war. Das bringt mich auf die Idee, ob nicht die Leihmutterschaft Hagars und ihre Flucht in die Wüste zwischen Kadesch und Bered ursprünglich im Zusammenhang mit Isaak und Rebekka erzählt worden sein könnte.

Das heißt: das zentrale Thema der wunderbaren Empfängnis des auserwählten Sohnes, der später das Gottesvolk Israel repräsentiert, könnte erst nachträglich von Isaak und Rebekka auch auf den Erzählkreis von Abraham und Sara übertragen worden sein.

In welcher Wüstengegend genau ein Brunnen Lachai-Roi gelegen haben könnte – „auf dem Weg nach Schur zwischen Kadesch und Bered“ – dazu habe ich keine konkrete Idee.

3.11.3 Erzählkreis Beerscheba und Gerar (Hauptfiguren: Isaak – Abimelech)

Figuren und Handlung eines dritten Erzählkreises überschneiden sich mit dem zweiten; er ist geprägt durch den Brunnen Beerscheba, der wörtlich „Brunnen der Sieben“ heißt (was auf die sieben Lämmer von 1. Mose 21,28-30 bezogen wird) oder auch in verschiedener Weise als „Schwurbrunnen“ gedeutet wird; teilweise kommt auch im Zusammenhang mit König Abimelech der Ort Gerar ins Spiel.

Nach Kapitel 26 bringt Isaak seine Frau Rebekka im Land Gerar bei König Abimelech, dem König der Philister, in die Gefahr, verführt zu werden; hier liegen auch Beerscheba und verschiedene andere Brunnen; auch Abimelechs Freund Ahusat und sein Heerführer Pichol spielen eine Rolle. Die Rolle der Philister deutet darauf hin, dass diese Geschichten wohl doch eher in Palästina anzusiedeln sind und nicht im Jamutbal oder in Chuzistan.

Das Kapitel 20 hatte die Geschichte von der Gefährdung der Ahnfrau durch König Abimelech in Gerar auf Abraham und Sara bezogen, wohin er als Fremder vom Südland zwischen Kadesch und Schur aus hingekommen war.

Ein drittes Mal war von der Gefährdung der Ahnfrau bereits in Kapitel 12 erzählt worden, dort in Bezug auf den Pharao in Ägypten, was mit Sicherheit so nicht ursprünglich in den ersten Erzählkreis hineingehört hatte.

Der mit Abimelech und Pichol verbundene zweite Teil der in 26 erzählten Geschichte wird, auf Abraham bezogen, in Kapitel 21 fortgesetzt, der in Beerscheba eine Tamariske pflanzt.

Dasselbe Kapitel 21 erzählt, eingeschoben zwischen die Teile der eben erwähnten Doppelgeschichte, ein weiteres Mal von der Rettung Hagars und in diesem Fall auch ihres Sohnes Ismaels, die dieses Mal in der Wüste von Beerscheba ausgesetzt werden. Ismael wird in diesem Zusammenhang als zukünftiger Wüstenbewohner identifiziert, und zwar in der Wüste Paran.

Auch (22) die Erzählung von Abrahams Versuchung auf dem Berg Morija mit dem Ort JHWH JiRˀÄH = „der HERR wird ersehen“ wird in einen Zusammenhang mit Beerscheba gestellt.

Es spricht viel dafür, die ursprüngliche Erzählung von der Gefährdung der Ahnfrau und von Konflikten um Brunnenbohrungen in der Wüste mit den Orten Gerar und Beerscheba zu verbinden. <80>

Dabei frage ich mich, ob der Name der wüstenhaften oder versteppten Gegend um den Ort Gerar möglicherweise im heutigen Gorgor im südwestlichen Chuzistan, 30 km östlich von Shadegan, erhalten geblieben ist.

3.11.4 Erzählkreis Haran – Sichem – Bethel (Hauptfigur: Jakob)

Der vierte Erzählkreis handelt hauptsächlich von Jakob, der (25) durch die Herkunft seiner Mutter Rebekka von Geburt an mit Paddan-Aram = Haran verbunden ist und (27) nach seinem Betrug an seinem Bruder Esau (28) von Beerscheba über Bethel dorthin flieht (wobei der Ortsname Beerscheba ihn wohl nachträglich mit den anderen Erzvätern verbinden sollte).

In (29-30) Haran, das hier (wohl aus späterer Sicht von Israel aus) das „Land der Söhne des Ostens“ heißt, werden von Lea, Bilha, Silpa und Rahel alle elf Söhne Jakobs außer Benjamin und seine Tochter Dina geboren.

Nach (31) einem Konflikt mit seinem Schwiegervater Laban flieht Jakob aus Paddan-Aram nach Gilead (= Gal-Ed / Jegar-Sahaduta) und Mizpa, wo er Frieden mit Laban schließt.

Anschließend (32) bereitet er sich bei Mahanajim und am Fluss Jabbok bei Pnuel auf die Begegnung mit seinem Bruder Esau vor, der im Gebiet Edom im Land Seir wohnt.

Nach (33) der Versöhnung zeltet Jakob bei Sukkot und lässt sich bei Sichem nieder, wo er für 100 Kesita ein Feldstück kauft, auf dem später (Josua 24,32) sein Sohn Josef begraben wird.

Da es (34) hier in Sichem aber zur Vergewaltigung Dinas und der Blutrache durch Simeon und Levi kommt (35), zieht Jakob von der Terebinthe bei Sichem weg in Richtung Bethel; dort stirbt Rebekkas Amme Debora und wird unter der Eiche Allon Bachut begraben. Am Weg nach Efrata stirbt Rahel bei der Geburt Benjamins; Jakob wohnt schließlich jenseits von Migdal-Eder.

Am Ende (35) gelangt Jakob zu seinem Vater Isaak nach Mamre = Kirjat-Arba = Hebron; auf diese Weise werden sowohl dieser Erzählkreis als auch die mit Isaak verbundenen Erzählkreise mit dem zuerst erwähnten Erzählkreis Abrams verbunden.

Alle Erzählungen um Jakob, Esau und Laban drehen sich um das Thema von Betrug und Verrat, aber auch um Versöhnung, hinzu kommen die von Eifersucht geprägten Kämpfe zwischen Rahel und Lea um die Liebe ihres Mannes.

3.11.5 Zwei weitere Erzählkreise um Josef und Mose sowie Erzählungen um einzelne Personen

Auf zwei weitere ausgedehnte Erzählkreise, die in 1. Mose 37.39-50 mit Josef und in 2. Mose 1ff. mit Mose zu tun haben, werde ich erst im folgenden Kapitel eingehen.

Außerdem drehen sich einzelne Geschichten im 1. Buch Mose

  • (25) um eine dritte Frau Abrahams, Ketura, und ihre Kinder; sie werden weggeschickt, und zwar „nach Osten in das Land des Ostens“,
  • (25) um Ismael, dessen Nachkommen „von Hawila an bis nach Schur, das vor Ägypten liegt, nach Assur hin“ wohnen,
  • (26) um Esaus hethitische Frauen Jehudit und Basemat,
  • (36) um Esaus Nachkommen, die auf dem Gebirge Seir wohnen und mit Edom gleichgesetzt werden,
  • (38) um Jakobs Sohn Juda, von dem seine Schwiegertochter Tamar mit den Zwillingen Perez und Serach schwanger wird, der in Adullam wohnt und mit den Orten Timna und Enajim zu tun hat.

4 Der Exodus und seine Vorgeschichte in Babylonien und Elam

Der biblische Erzählkreis um Josef, der im 1. Buch Mose den größten Raum einnimmt (insgesamt 13 von 50 Kapiteln, also über ein Viertel des Buches), läuft darauf hinaus, dass Josef seinen Vater Jakob = Israel und alle seine Brüder aus Anlass einer Hungersnot in Ägypten ansiedelt, wo sie „Hebräer“ genannt werden und nach Josefs Tod in Fronarbeit und Sklaverei geraten. Bereits 1. Mose 47,13-26 lässt aber erkennen, dass Josef selbst für Maßnahmen der Selbstversklavung in Ägypten verantwortlich ist.

Nach dem 2. Buch Mose wachsen die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs in Ägypten zum „Volk Israel“ heran, das dann durch Mose als ihren Anführer aus Ägypten herausgeführt wird, nachdem Gott die Ägypter mit zehn Plagen hart gestraft hat.

Im Abschnitt 3.1 wurden bereits gute Gründe dafür angeführt, dass dieses „Ägypten“ nicht mit dem realen Ägypten am Nil identisch gewesen sein kann. Aber wo liegt das „Ägypten“ der Fronarbeit und Sklaverei, aus dem nach der Bibel der Exodus des „Volkes Israel“ erfolgte, tatsächlich?

Konrad Bauersachs unterscheidet dazu sogar zwei verschiedene „Ägypten“ (S. 159):

Das Alte Testament macht aus zwei historisch dokumentierten, räumlich und zeitlich aber unabhängigen Ereignissen (Ziegelherstellung und Selbstversklavung) eine gemeinsame Leidensgeschichte des „Volkes Israel“ und verlegt sie nach Ägypten.

Die Ziegelherstellung findet in Chuzistan/Susiana unter Untaš-Napiriša statt, die Ziegelbauten sind heute noch als Ruinen (Čoga Zanbil) sichtbar. Die Selbstversklavung ist in der biblischen Josefsgeschichte beschrieben und im kassitischen Babylonien historisch dokumentiert.

Dieser Themenkomplex gestaltet sich wohl deswegen so kompliziert, weil hier mehrere Erzählkreise der Bibel eine Rolle spielen, von denen auf den ersten Blick nicht klar ist, ob sie überhaupt miteinander zu tun haben, und wenn ja, auf welche Weise.

Mit dem Erzählkreis um Josef sind in der Bibel sowohl die Jakobgeschichten verbunden, vor allem, indem Josef als ägyptischer Aufsteiger seine Familie vor dem Hungertod rettet, als auch die Mose- bzw. Exodusgeschichte, indem Josef den Jakobs-Clan nach Ägypten bringt, wo er zum „Volk Israel“ heranwächst und einer Fronarbeit unterworfen wird, bei dem es vor allem um Ziegelherstellung geht. Zur Geschichte von Josefs Aufstieg in Ägypten gehört aber auch, dass er während der Hungersnot selbst Maßnahmen einleitet, die zur Überschuldung und Selbstversklavung des Volkes führen.

Bauersachs geht nun davon aus, dass die Gestalt des Josef zwar mit einer Selbstversklavung im Babylonien der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu tun hat, aber nichts mit der Ziegelherstellung, die bereits zur Zeit Abrahams 100 Jahre zuvor in Chuzistan begonnen hatte und dort auf irgendeine Weise bis zur Zeit Kidin-Hutrans III. andauerte. Daraus folgt für ihn anscheinend auch, der Verbindung Josefs mit Jakob wenig Beachtung zu schenken, weil er Jakob ja gemeinsam mit dem Abrahams-Clan im Jamutbal und in Chuzistan verortet und nicht im zentralen Babylonien.

Den Exodus wiederum sieht Bauersachs wiederum nicht im Zusammenhang mit einem historischen Mose, den er nur mit der Wüstenwanderung ab Kadesch-Qadisiya in Verbindung bringt. Genau genommen unterscheidet er zwischen einem „Mose“ in Anführungsstrichen, der die Exodus-Gruppe in Chuzistan vor dem Pharao vertreten haben könnte und beim Exodus selbst dabei gewesen sein soll, und einem Karawanenführer Mose, der diese Gruppe sicher durch die Wüste zwischen Babylonien und Transjordanien geführt hat.

Ich dagegen denke, dass eine familiäre Verbindung von Josef und Jakob vorstellbar ist, allerdings ohne dass eine direkte Ahnenreihe von Abraham über Isaak zu Jakob und seinen Söhnen führen muss. Außerdem ist mir eine Verbindung aufgefallen, die zwischen Abraham, Josef und Mose besteht, auf die Bauersachs nur ganz am Rande in einem Fremdzitat indirekt aufmerksam macht.

4.1 Abraham, Josef und Mose als Hebräer = Ḫabiru

Es gibt eine einzige Stelle im Erzählkreis Abrahams, und zwar ausgerechnet in 1. Mose 14,13 im Zusammenhang des Kriegsberichts, an der er als HaˁIBRiJ = „der Hebräer“ bezeichnet wird. Das könnte man als nachträgliche Hinzufügung abtun, aber aus welchem Grund hätte man das tun sollen?

Josef gehört zu den wenigen biblischen Gestalten, die mehrmals als Angehörige eines Volks der ˁIBRiJ = „Hebräer“ auftreten. Als die Frau des Potiphar Josef wegen angeblicher Vergewaltigung anzeigt, nennt sie ihn (1. Mose 39,14.17) einen „hebräischen Mann“ bzw. „Sklaven“; dem königlichen Mundschenk gegenüber, der mit Josef im Gefängnis sitzt, gibt er seine Herkunft (40,15) „aus dem Land der Hebräer“ an, und in 41,10 sagt der Mundschenk dem Pharao, dass es „ein junger Hebräer“ war, der ihm seinen Traum richtig gedeutet hatte.

Schließlich deutet die Stelle 43,32 einen Gegensatz an, der zwischen „Ägyptern“ einerseits und „Hebräern“ andererseits besteht und zu dem es eine interessante Parallele in 1. Mose 46,34 gibt:

32 … die Ägypter können nicht mit den Hebräern essen, denn ein Greuel ist das für Ägypter.

34 … denn alle Schafhirten sind den Ägyptern ein Greuel.

Zwar meint das hebräische Wort ThOˁEBaH in der Regel die schwerwiegende Verletzung eines religiösen Tabus, aber der letztere Vers zeigt an, dass es beim Gegensatz Ägypter-Hebräer wohl weniger um einen religiösen Gegensatz ging als um einen der sozialen Abstufung – der sesshaften Bevölkerung gefiel es nicht, wenn sich nomadisches Gesindel in ihrer Umgebung breit machte – vergleichbar mit den Vorurteilen gegenüber den so genannten „Zigeunern“, die ich aus meiner Kindheit kenne.

Schließlich ist am Beginn der Exodus-Erzählungen (2. Mose 1,15.16.19) im Zusammenhang mit der Entbindung von männlichen Kindern der Fronarbeiter drei Mal von der eindrucksvollen Stärke der „Hebräerinnen“ und vom Widerstandswillen ihrer Hebammen die Rede.

Auch Mose und seine Mutter werden (2. Mose 1,6.7) ausdrücklich den „Hebräern“ zugerechnet, und in 2.11.13 sind es „hebräische“ Männer, für die Mose sich durch den Totschlag an einem „Ägypter“ einsetzt und die ihn gleichwohl nicht als einen der ihren anerkennen. Und als Mose und Aaron später dem „Pharao“ gegenübertreten, berufen sie sich nach 2. Mose 3,18; 5,3; 7,16; 9,1.13; 10,3 sechs Mal auf „den Gott der Hebräer“.

Diese vielen Erwähnungen der „Hebräer“ besonders im Zusammenhang mit Josef und Mose sind um so bemerkenswerter, als der Begriff ˁIBRiJ im Alten Testament ansonsten überhaupt nur noch an 14 weiteren Stellen verwendet wird. <81>

Interessant ist nun, dass Konrad Bauersachs im Zusammenhang mit der Flucht von Frondienstleistenden am Rande auch eine Volksgruppe erwähnt, die unter dem Namen Ḫabiru bekannt ist und zu denen er folgendes Zitat aus der Fischer Weltgeschichte, S. 1612, anführt (S. 173):

„Die Flucht ganzer Familien … war allerdings eine Erscheinung, die sich während dieser ganzen Zeit oft zeigte und auch schon früher häufig eingetreten war. Wir stoßen auf die Ḫabiru, eine aus Akkade, das heißt Babylonien, stammende Volksgruppe, die sich gegen die Mitte des 15. Jahrhundert in Nuzi befanden und dort als freiwillige Sklaven lebten.“

Nach Detlef Jericke <82> kann man über diese „soziale Gruppe“ Folgendes sagen:

„Keilschriftliche, keilalphabetische (ugaritische) und ägyptische Texte des 2. Jahrtausends v. Chr. erwähnen Hapiru / Habiru in verschiedenen Zusammenhängen (Zusammenstellung der Belege bei Greenberg; Bottéro 1954 und 1975). Aufgrund der in den genannten Texten verbreiteten Determination von Nomina ist erwiesen, dass es sich um eine Gruppe von Menschen handelt. Die ältesten Textbelege stammen aus dem 19./18. Jh. v. Chr., die jüngsten aus dem 12./11. Jh. v. Chr. Im 1. Jahrtausend v. Chr. sind die Hapiru / Habiru nicht mehr nachgewiesen. Geographisch verteilen sich die Belege über den gesamten Alten Vorderen Orient, von Anatolien im Norden, dem iranischen Bergland im Osten bis nach Ägypten im Süden. Zentren des Auftretens der Hapiru / Habiru waren das nördliche Zweistromland und Syrien / Palästina.

Der Ausdruck Hapiru / Habiru ist nicht als Ethnikon, sondern durchgehend appellativisch <83> zu verstehen. Er bezeichnet eine soziale Gruppe der bronzezeitlichen Klassengesellschaft. Die Hapiru / Habiru sind fast durchgehend Migranten, Landesfremde. Aufgrund dieser Situation sind sie recht- und schutzlos und stehen in der sozialen Rangordnung noch unter den Sklaven. So bezeugen Dokumente aus der nordmesopotamischen Stadt → Nuzi, dass sich Hapiru / Habiru durch Dienstverhältnisse in Palästen und Tempeln oder auch als Sklaven zumindest minimale Rechte erwarben. Die Gründe für das Auftreten von Hapiru / Habiru im 2. Jahrtausend v. Chr. sind den Texten selbst nicht zu entnehmen. In der Forschung wird vermutet, dass es sich um Menschen handelte, die der verbreiteten Schuldsklaverei durch Migration entgehen wollten (Liverani; Lemche). Ein anderes Deutungsmodell geht davon aus, dass die bronzezeitlichen Gesellschaften durch eine enge wirtschaftliche und rechtliche Verflechtung von städtischen Zentren, landwirtschaftlich genutztem Hinterland und nomadischen Gruppen geprägt waren. Infolge des wirtschaftlichen Niedergangs oder der kriegerischen Zerstörung einer Stadt konnten die von ihr abhängigen Bauern und Nomaden recht- und schutzlos werden und daher gezwungen sein, eine gewisse Zeit als Hapiru / Habiru zu leben, bevor sie wieder in ein neues geregeltes Rechts- und Schutzverhältnis gelangen konnten (Rowton). Daher hat sich der englische Ausdruck „outlaws“ als Beschreibung der Menschen durchgesetzt, die in den alten Texten Hapiru / Habiru genannt werden.“

Aus diesen Ausführungen darf man durchaus den Schluss ziehen, dass auch Nachkommen Abrahams oder Jakobs sich zeitweise dazu gezwungen gesehen haben könnten, als Ḫabiru zu leben, und zwar unabhängig davon, zu welcher Familie sie gehörten oder wo genau sie sich niedergelassen hatten, sei es im babylonischen Jamutbal oder in Chuzistan.

Wenn es solchen Ḫabiru in Nuzi gelang, sich durch Dienste in Palästen Rechte zu erwerben, mag es nicht unmöglich sein, auch in einem Mann wie Josef am Hof des babylonischen Königs den Sonderfall eines freiwilligen Sklaven zu erblicken, der es schaffte, gesellschaftlich aufzusteigen und durch seine Privilegien auch seiner Familie zu helfen.

Auch ein Mann wie Mose kann dieser sozialen Randgruppe der Ḫabiru angehört haben, die im alten Orient immer wieder für sozialen Zündstoff gesorgt hat. Dabei nehme ich an, dass er nicht dem gleichen Typus wie Josef angehörte, sondern aus seiner Rand­existenz heraus eher zum Rebellentum neigte und zum Anführer einer Gruppe von Aufständischen wie geboren schien.

Mit all dem will ich darauf hinaus, dass eine Existenz am Rande der Gesellschaft, wie sie die Ḫabiru unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit geführt haben, das verbindende Element von Menschen wie Abraham, Josef und Mose gewesen sein kann, und zwar auch ohne dass sie ethnisch gesehen dem gleichen Volk oder gar derselben Familie angehört haben.

Das heißt auch, dass die Josefsgeschichte nicht ursprünglich mit den Exodus-Erzählungen zusammengehangen haben muss. Vielleicht haben sich aber unter den Ḫabiru in Chuzistan durchaus auch Geschichten aus Babylonien verbreitet, die von einem aus ihren Kreisen aufgestiegenen Josef und seinen Heldentaten zu berichten wussten.

Um genau diesen Ḫabiru Josef und seine Verstrickung in eine Wirtschaftskrise in Babylonien geht es im folgenden Abschnitt 4.2.

Im Anschluss daran beschäftige ich mich in Abschnitt 4.3 zunächst mit der möglichen Biographie eines Ḫabiru Mose, in dem ich im Gegensatz zu Bauersachs den Anführer der Exodus-Gruppe bereits von Anfang an erkenne.

Sodann blende ich im Abschnitt 4.4 in die Zeit des Ḫabiru Abraham zurück, als die Fronarbeiten in Haft Tepe und Čoga Zanbil begannen, die in Chuzistan noch 100 Jahre später sowohl erinnert werden als auch bis zu König Kidin-Hutran III. weiterhin andauern.

Auf diesem Hintergrund können dann in Abschnitt 4.5 sowohl die „ägyptischen“ Plagen als auch der Exodus behandelt werden.

4.2 Josef und die babylonische Wirtschaftskrise im 13. Jhdt. v. Chr.

Anders als Konrad Bauersachs (der die Ziegelherstellung in Chuzistan zuerst behandelt) möchte ich nun zunächst auf die Situation in Babylonien etwa 100 Jahre nach der Zeit des Kriegsberichts eingehen, die er in einen engen Zusammenhang mit der biblischen Josefsgeschichte bringt.

4.2.1 Eine Klimakatastrophe als Ursache einer Wirtschaftskrise

Nach Bauersachs (S. 170) war es eine „ab Mitte des 13. Jhd. v. Chr.“ anhaltende Trockenheit, die hauptsächlich den Niedergang Babyloniens verursachte. Wie bereits oben im Abschnitt 2.2 beschrieben, ist „Babylonien .. ohne die Bewässerung der Felder nicht lebensfähig, weil im Schwemmland zwischen Euphrat und Tigris kaum Regen fällt“. Je weniger „Niederschläge im Einzuggebiet des Euphrat und Tigris“ aber über Jahre hin fallen, desto mehr „versalzen die bewässerten Flächen durch die starke Verdunstung.“ Während (S. 171) im nördlichen Teil des Zweistromlandes, in Assyrien, immer noch „entlang des Zagros-Gebirges Regenfeldbau möglich“ ist, gehen (S. 170) im Süden, in Babylonien, „die landwirtschaftlichen Erträge spürbar zurück“ (S. 171):

Am wenigsten betroffen sind zunächst Nomaden, deren Herden auch auf den mageren Böden ausreichend Futter finden. Nomaden sind aber auf Getreide angewiesen, das sie im Normalfall gegen Milchprodukte sowie Fleisch und Felle tauschen können. In schlechten Zeiten müssen auch sie wie Stadtbewohner Wertgegenstände gegen Lebensmittel eintauschen, die Herden sind ihr einziges Kapital und damit unveräußerlich.

Die Versorgungsprobleme im südlichen Mesopotamien müssen Mitte des 13. Jhd. gravierend gewesen sein. Ehemals florierende Städte verödeten, weil die Stadtbewohner aufs Land ziehen und sich selbst versorgen mussten; die Bevölkerungszahl im südlichen Mesopotamien ging in dieser Zeit stark zurück.

Da (S. 172) im „benachbarten Elam … das Einzugsgebiet der Flüsse in einer anderen Wetterküche“ liegt, waren „die Folgen der Klimaänderung … hier nicht so gravierend wie in Babylonien.“ Darum werden „die Truppen des Kidin-Hutran III.“ bei ihrem „Angriff auf Babylon … um 1226 … zu Recht mit ausgehungerten und geschwächten Gegnern“ rechnen können, bei zugleich eigenen „gut gefüllten Speicher{n} der Susiana“. Da um das Jahr 1226 „auch Assyrien unter Tukulti Ninurta I.“ Babylonien angreifen wird, sind zu dieser Zeit „auch entlang des oberen Tigris noch ausreichende Ernten“ anzunehmen.

Das bedeutet aber, dass sich Babylonien zur Zeit der kassitischen Herrscher Kudur-Enlil I. (1255-1246), Šagarakti-Šuriaš (1245-1232) und Kaštiliaš IV. (1232-1226) in einer sich ständig verschärfenden Wirtschaftskrise und Hungersnot befindet.

4.2.2 Selbstversklavung auf Grund von Überschuldung

Jetzt kommen wir (S. 172) zu den Folgen der babylonischen Wirtschaftskrise in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (S. 172), die in der biblischen Josefsgeschichte detailliert beschrieben und durch „außerbiblische Belege“ bestätigt werden:

In Babylonien werden die Lebensmitteln immer knapper, wir schreiben etwa das Jahr 1235 v. Chr. und finden uns mitten in den Geschichten des Alten Testaments:

1. Mose 47,19 Warum sollen wir vor deinen Augen sterben, sowohl wir als auch unser Land? Kaufe uns und unser Land für Brot, dann wollen wir und unser Land dem Pharao fronpflichtig sein; und gib Samen, dass wir leben und nicht sterben und das Land nicht verödet daliegt!

Dazu passt ein „Urkundentext aus der Zeit Kudur-Enlils (1253-1245)“, aus dem hervorgeht, dass die „Abwärtsspirale der Verschuldung … meist mit Bürgschaften“ begann, deren überhöhte Zinsen unbezahlbar waren. Weiter schreibt Bauersachs (S. 173):

Entsprechendes finden wir in Texten aus Nippur und Dur-Kurigalzu, die außerordentlich hohe Zahl von Anleihen zeigt die schwierige finanzielle Situation der Bevölkerung. Die Jahrzehnte dauernde Wirtschaftskrise führte dazu, dass sich die Bevölkerung immer weiter verschulden musste und es zu zahlreichen Inhaftierungen kam, weil Schulden nicht zurückgezahlt werden konnten. Dass Banken die Hauptprofiteure von Wirtschaftskrisen sind, ist also nichts Neues.

Nach Fischer Weltgeschichte, S. 1611, zitiert von Bauersachs, erreichte eine „Bankiersfamilie“, deren „Archive … teilweise erhalten“ sind, gerade um 1250 v. Chr. „ihre größte Blüte“:

„Die große Zahl von Anleihen, die uns durch diese Archive bezeugt werden, zeigt, dass der Aufschwung dieser Familie vielleicht in Zusammenhang mit einer schwierigen Wirtschaftslage dieses Landes stand. Die zahlreichen Fälle von Inhaftierungen, auf Grund von Schulden, die man in dieser Epoche beobachtet, scheinen in die gleiche Richtung zu weisen. Von wirtschaftlichen Schwierigkeiten zeugt auch die große Zahl von Personen, die wegen ihrer Schulden oder einfach von der Notwendigkeit des Weiterlebens getrieben in gewisse Formen der Selbstverknechtung einwilligten, die einer Versklavung nahekamen.“

Um zu überleben verpflichteten sich ganze Familien zur Zwangsarbeit, sie hatten keine Wahl und wurden nach den Erfordernissen umgesiedelt. Auch dies ist in der Josefsgeschichte erwähnt:

1. Mose 47,21 Und das Volk, das versetzte er {Anm.: Josef} in die verschiedenen Städte, von einem Ende der Grenze Ägyptens {Anm.: tatsächlich ist Babylonien gemeint} bis zu ihrem anderen Ende.

Ein Beamter vor Ort beaufsichtigte diesen Umzug und wurde für die Arbeitsunfähigkeit und die mögliche Flucht der Leibeigenen verantwortlich gemacht. Außerdem musste er für das Erreichen des Arbeitssolls der Frondienstleistenden geradestehen und war bei gelungenen Fluchtversuchen schadensersatzpflichtig, dazu sorgte er auch für das Eintreiben von Steuern. Die Betroffenen wollten mit diesen Umständen nicht auf die Dauer leben, deshalb flohen immer wieder ganze Gruppen in wirtschaftlich besser gestellte Gebiete außerhalb des babylonischen Einflussbereichs, vergleichbar mit dem Exodus um 1220…

Solche Fluchtversuche hatte es in vergleichbaren Situationen auch schon zuvor gegeben; so berichten „zahlreiche Urkunden“, die in „Dur-Kurigalzu“ gefunden wurden,

bereits aus der Zeit um 1340 v. Chr. … über geflohene Dienstverpflichtete … und dass es auch Flüchtlinge aus der Susiana gegeben hat. … Diese Berichte stammen etwa aus der Zeit des biblischen ‚Kriegsberichts‘ und zeigen, dass für Flüchtlinge damals selbst Strecken von mehreren hundert Kilometern keine Hürde darstellten.

Schon jetzt können wir mit Bauersachs zu Recht den Schluss ziehen (S. 174):

Die geschilderte Fronarbeit in Babylonien mit Selbstversklavung ab Mitte des 13. Jahrhunderts spiegelt exakt die Lage wider, in der wir das biblische „Volk Israel“ in der Zeit der sogenannten „ägyptischen“ Gefangenschaft vorfinden. In Ägypten am Nil haben vergleichbar schlechte Verhältnisse zur Zeit des Exodus (um 1220 v. Chr.) nie geherrscht, im Gegenteil: Unter Sethos I. (um 1290-1279), Ramses II. (1279-1213) und Merenptah (1213-1204) erlebte Ägypten eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Einer dieser drei Herrscher müsse, so die irrige alttestamentliche Überzeugung, der Pharao des Exodus gewesen sein.

Einen ersten Grund für die völlig andere Situation in den Ländern Babylonien und Ägypten des 13. Jahrhunderts v. Chr. sieht Bauersachs (S. 172), wie gesagt, in der mesopotamischen Klimakatastrophe:

Ägypten ist von dieser Klimaänderung nicht betroffen, der Nil mit seinem weit im Süden liegenden riesigen Einzugsgebiet ist Garant für reiche Ernten.

Aber auch die Selbstversklavung auf Grund von Überschuldung passt nach Bauersachs nicht zur Situation in Ägypten, sondern haargenau zu Babylonien (S. 174):

In Babylonien hat diese Zwangsarbeit jahrhundertelange Tradition, weil die arbeitende Landbevölkerung nie in der Lage war, die gewollt überhöhten Steuern zu bezahlen.

Das belegt Bauersachs auch mit Schuldenerlassen verschiedener babylonischer Könige, die bereits im 20. und 17. Jahrhundert v. Chr. notwendig gewesen waren, „um die Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen“ und soziale Gegensätze auszugleichen.

4.2.3 Josefs „sieben fette Jahre“: Zwangsbevorratung unter König Šagarakti-Šuriaš

Um nun (S. 174) zu zeigen, wie „die Josefsgeschichte des Alten Testaments perfekt“ in „den Rahmen der kassitischen Wirtschaftskrise“ hineinpasst, beruft sich Bauersachs zunächst auf „die Erzählung … von den sieben fetten und sieben mageren Jahren“, in der Josef dem „Pharao“ auf der Basis einer Traumdeutung folgende Ernte- und Wirtschaftsprognose samt Lösungsvorschlägen liefert (1. Mose 41,29-36):

29 Siehe, sieben Jahre kommen, großer Überfluß wird herrschen im ganzen Land Ägypten.

30 Nach ihnen aber werden sieben Jahre der Hungersnot aufkommen, und aller Überfluß wird im Land Ägypten vergessen sein, und die Hungersnot wird das Land erschöpfen.

31 Und man wird nichts mehr von dem Überfluß im Land erkennen angesichts dieser Hungersnot danach, denn sie wird sehr schwer sein. …

33 Und nun sehe der Pharao nach einem verständigen und weisen Mann und setze ihn über das Land Ägypten.

34 Dies tue der Pharao, daß er Aufseher über das Land bestelle und den Fünften vom Land Ägypten erhebe in den sieben Jahren des Überflusses.

35 Und sie sollen alle Nahrungsmittel dieser kommenden guten Jahre einsammeln und unter der Obhut des Pharao Getreide aufspeichern als Nahrungsmittel in den Städten und es dort aufbewahren.

36 So soll die eingesammelte Nahrung zum Vorrat für das Land dienen für die sieben Jahre der Hungersnot, die im Land Ägypten sein werden, damit das Land durch die Hungersnot nicht zugrunde geht.

Als ersten (S. 175) der beiden babylonischen „Pharaonen“, mit denen ein biblischer Josef zu tun gehabt haben könnte, benennt Bauersachs König Šagarakti-Šuriaš (1245–1232), in dessen

letzten sieben (den biblisch fetten) Regierungsjahren … die Wirtschaftskrise für die Bevölkerung allmählich spürbar {wird}, von Missernten bleibt das Land noch verschont.

Er könnte (S. 174) einen Mann wie Josef „zum Aufseher über das ganze Land“ bestellt haben, der daraufhin „in den folgenden Jahren … in allen Städten Getreidevorräte für die bevorstehenden schlechten Jahre“ anlegte. Dabei glaubt Bauersachs nicht, dass „es tatsächlich sieben fette Jahre gegeben hat“, denn die „Vorräte des ersten fetten Jahres hätten dann für sieben Jahre gelagert werden müssen, um im ersten mageren Jahr abgegeben zu werden“. <84> Ihm erscheinen „zwei oder drei fette Jahre … realistischer“, innerhalb derer das vorsorgliche Krisenmanagement anlaufen kann:

Josefs Sammelaktion läuft in diesen etwa drei Jahren parallel neben der bereits andauernden Fronarbeit mit Selbstversklavung her, für die Zwangsbevorratung muss die Bevölkerung zusätzliche Abgaben leisten.

Noch realistischer erscheint es mir allerdings, für Josefs biblische Zwangsbevorratung nur recht allgemein den historischen Hintergrund der babylonischen Wirtschaftskrise anzunehmen und sich weder auf eine genaue Zahl von fetten Jahren noch auf ihre Datierung innerhalb der Regierungszeit eines Königs festzulegen.

4.2.4 Josefs „sieben magere Jahre“: Selbstversklavung unter König Kaštiliaš IV.

Mit (S. 175) der kompletten siebenjährigen Regierungszeit von König „Kaštiliaš IV. (1232-1226)“, der als Nachfolger seines Vaters die Königswürde übernimmt, identifiziert Bauersachs die „sieben mageren Jahre“ der Bibel:

Unter Kaštiliaš IV. verschlimmert sich die Versorgungslage… <85> Als die Missernten einsetzen, startet Josef den Verkauf der Vorräte.

Dieser König ist es, mit dem Bauersachs alle Maßnahmen in Verbindung bringt, die Josef nach 1. Mose 47,13-26 ergreift und durch die am Ende die gesamte Bevölkerung (außer der Priesterschaft) gezwungen ist, sich dem Pharao als Sklaven (ˁABaDIM) zu unterwerfen:

13 Und es gab kein Brot im ganzen Land, denn die Hungersnot war sehr schwer; und das Land Ägypten und das Land Kanaan verschmachteten vor Hunger.

14 Und Joseph brachte alles Geld zusammen, das sich im Land Ägypten und im Land Kanaan vorfand, für das Getreide, das man kaufte. Und Joseph brachte das Geld in das Haus des Pharao.

15 Und als das Geld im Land Ägypten und im Land Kanaan ausging, da kamen alle Ägypter zu Joseph und sagten: Bring uns Brot her! Warum sollen wir denn vor dir sterben? Denn das Geld ist zu Ende.

16 Da sagte Joseph: Bringt euer Vieh her! Dann gebe ich euch Brot für euer Vieh, wenn das Geld zu Ende ist.

17 Da brachten sie ihr Vieh zu Joseph, und Joseph gab ihnen Brot für die Pferde und für die Schafherden und für die Rinderherden und für die Esel; und so versorgte er sie mit Brot für all ihr Vieh in jenem Jahr.

18 Als jenes Jahr zu Ende war, da kamen sie im zweiten Jahr zu ihm und sagten zu ihm: Wir wollen es meinem Herrn nicht verschweigen, daß das Geld ausgegangen ist, und die Viehherden sind bei meinem Herrn. Nichts ist vor meinem Herrn übriggeblieben als nur unser Leib und unser Land.

19 Warum sollen wir vor deinen Augen sterben, sowohl wir als auch unser Land? Kaufe uns und unser Land für Brot, dann wollen wir und unser Land dem Pharao fronpflichtig sein; und gib Samen, daß wir leben und nicht sterben und das Land nicht verödet daliegt!

20 Da kaufte Joseph das ganze Land Ägypten für den Pharao; denn die Ägypter verkauften jeder sein Feld, weil die Hungersnot schwer auf ihnen lag. Und so kam das Land an den Pharao.

21 Und das Volk, das versetzte er in die verschiedenen Städte, von einem Ende der Grenze Ägyptens bis zu ihrem anderen Ende.

22 Nur das Land der Priester kaufte er nicht, denn die Priester hatten ein festgesetztes Einkommen vom Pharao, und sie lebten von ihrem festgesetzten Einkommen, das der Pharao ihnen gab; deshalb verkauften sie ihr Land nicht.

23 Und Joseph sagte zum Volk: Siehe, ich habe euch und euer Land heute für den Pharao gekauft. Da habt ihr Samen! Besät nun das Land!

24 Und es soll beim Ernten geschehen, daß ihr den Fünften dem Pharao gebt; die vier Teile aber sollen für euch sein zum Besäen des Feldes und zur Nahrung für euch und für die, die in euren Häusern sind, und zu Nahrung für eure Kinder.

25 Da sagten sie: Du hast uns am Leben erhalten; finden wir Gunst in den Augen meines Herrn, dann wollen wir Knechte des Pharao sein.

26 Und Joseph legte es dem Land Ägypten bis zu diesem Tag als Ordnung auf, daß dem Pharao der Fünfte gehöre. Nur das Land der Priester allein kam nicht an den Pharao.

Nach Bauersachs (S. 175) bestätigt „die biblische Erzählung … erneut die reale Geschichte“, indem im Babylonien von Kaštiliaš IV. „von der Krise wieder einmal die Regierenden zu Lasten der notleidenden Bevölkerung“ profitieren:

Schon bald war das Volk finanziell ausgeblutet und sah keine andere Möglichkeit des Überlebens, als sich selbst, sein Vieh und die eigenen Grundstücke an den „Pharao“ zu verkaufen…

Mit Kaštiliaš IV. verbindet er diese Verbindung von Verarmung und Versklavung der Bevölkerung einerseits und Bereicherung der Eliten des Landes andererseits auf Grund des folgenden Zitats aus der Fischer Weltgeschichte, S. 1615:

„Nun wissen wir aber, dass sich während der ersten fünf Jahre (Anm.: des Kaštiliaš IV.) im Palast von Dūr-Kurigalzu eine normale Tätigkeit entfaltet hat. Davon zeugen die Mengen von Gold und Halbedelsteinen, die den Handwerkern zur Herstellung wertvoller Gegenstände ausgehändigt worden sind.“

Dadurch scheint zwar „oberflächlich betrachtet jede Krise“ ausgeschlossen zu sein, aber bereits im Abschnitt 5.3.2 war von Banken die Rede, die gerade von einer Krise profitieren, und der eben zitierte biblische Text bestätigt genau diese Umverteilung des erwirtschafteten Reichtums von unten nach oben. Zu 1. Mose 47,14 merkt Bauersachs (S. 176) an:

Dass mit Geld bezahlt worden sein soll …, ist natürlich ein Anachronismus, die Mengen von Gold und Halbedelsteinen, die in Dur-Kurigalzu abgeliefert wurden, waren allemal geldwerter Ausgleich.

Nochmals betont Bauersachs, dass sich der biblische Text, der von der Selbstversklavung handelt, nicht auf das reale Ägypten beziehen kann, denn:

Dass in Ägypten die hungernden Bauern ihre Grundstücke an einen Pharao verkaufen, ist Unsinn: Bauern hatten in Ägypten nie Landeigentum; ein unübersehbarer Hinweis, dass hier nicht Ägypten und kein ägyptischer Pharao gemeint sein kann!

Da ich mich in der altägyptischen Geschichte nicht auskenne, kann ich dieses Argument nicht wirklich beurteilen. Zu bedenken gebe ich allerdings: Selbst wenn diese Annahme stimmt, ist damit immer noch nicht bewiesen, dass sich die Bibelstelle tatsächlich auf ein anderes Land beziehen MUSS. Möglich und sogar wahrscheinlich ist ja auch, wovon etwa Ton Veerkamp <86> ausgeht, dass der Bibeltext neben den Gebieten in Babylonien, in die „die Menschen aus Jerusalem und Judäa verschleppt worden waren“, den anderen „Schicksalsort Israels“ beschreibt, nämlich

Ägypten, wohin sich der Rest der Eliten Jehudas und Jerusalems freiwillig begab. Es war das Land, in das Ja‘aqob, seine Kinder und Kindeskinder freiwillig zogen (Gen 46). Es war ein Sklavenhaus, Gen 47.23f:

Ich {Joseph} habe euch {Ägypter} und euer Land für den Pharao aufgekauft.

Bringt nun Saat aus auf eurem Boden.

Es wird geschehen:

Was eure Einkünfte betrifft, seien eure Abgaben ein Fünftel für den Pharao,

vier Teile für die Aussaat eures Feldes,

für das Essen für euch, eure Hausgenossen und für eure kleinen Kinder.

Sie sagten:

Du hast uns am Leben gelassen und wir haben Gunst in den Augen meines Herrn gefunden.

Wir werden zu Sklaven des Pharaos werden.

Der Text beschreibt die tatsächlichen Verhältnisse im Ägypten des 6. Jahrhunderts v.u.Z. Die ganze ägyptische Bevölkerung hatte den Status von halbfreien Pächtern und die Ausbeutungsrate betrug 20 %. {Anm. 60: Diese Rate ist moderat verglichen mit den Ausbeutungsraten in der hellenistischen Zeit.} Das meint die Tora mit bet ‘avadim, Sklavenhaus. Auch hier erhält die Erzählung über die Befreiung aus Ägypten eine neue Aktualität. Die Politik der letzten Könige Jerusalems, die sich in ihrer Innen- und Außenpolitik an Ägypten orientieren mussten, sowie die Abwanderung der Resteliten nach Ägypten, die eine latente Bedrohung für die im Land Verbliebenen darstellten, rückten dieses Land ins Zentrum der prophetischen Politik. Ein radikaler Neuanfang setzte die Befreiung von Ägypten, von ägyptischer Politik und von ägyptischen Verhältnissen zwingend voraus. Man muss Gen 47 und dann auch das Buch Exodus vor dem Hintergrund von Jer 42-44 lesen. An die, die aus dem Land verschleppt wurden, und an die, die das Land freiwillig gegen ein Sklavenhaus eintauschten, geht der Aufruf: Geht weg, zieht hinaus, lasst euch befreien, damit ihr „zurückkehrt zu eurem Boden“. Deswegen muss das Buch Genesis die Große Erzählung Israels eröffnen, weniger als Buch über vergangene Geschichte als vielmehr als politische Zukunftsmusik für die Menschen im babylonischen bzw. ägyptischen Exil. Das Buch Genesis und der erste Teil des Buches Exodus (1.1-15.21) ist als Aufruf an die Emigranten zu lesen, sich am großen Experiment des politischen und sozialen Neuanfangs und so an der konsequenten Beseitigung aller Ausbeutungsverhältnisse zu beteiligen.

Im Blick auf die Absicht der biblischen Endgestalt gebe ich Ton Veerkamp uneingeschränkt Recht. Allerdings halte ich es dennoch für möglich, dass sich eine ursprüngliche Josefserzählung durchaus auf die Anhäufung von Reichtümern durch Kaštiliaš IV. (oder auch seine Vorgänger) während einer Wirtschaftskrise bezogen haben kann. Konrad Bauersachs dagegen wagt zu diesem König ein sehr vollmundiges Fazit (S. 176):

In Babylonien hat Kaštiliaš IV. fünf reale Jahre lang Reichtümer aufgehäuft und anschließend, wie es die biblische Geschichte schildert, für sein Getreide auch noch Vieh, Land und Menschen in Zahlung genommen. In der Summe sind das die sieben (fünf plus zwei) mageren Jahre der Bibel, genauso lange hat die Regierungszeit des Kaštiliaš IV. (1232-1226) gedauert.

4.2.5 Der König, „der Josef nicht mehr kannte“: Enlil-Nadin-Šumi von Babylonien und/oder Kidin-Hutran III. von Elam?

Anschließend meint Bauersachs (S. 176):

Es darf spekuliert werden, ob Kaštiliaš IV. ein anderes Ende genommen hätte, wäre er nicht so gierig gewesen.

Er überlegt nämlich, ob der König nicht „seine Schatzkammer“ hätte öffnen können, „um für die hungernden Untertanen Getreide … im Nachbarland Elam“ zu kaufen. Stattdessen sieht er es als „verdiente Strafe“ an, dass der

assyrische König Tukulti-Ninurta I. … 1226 ins heruntergewirtschaftete Kassitenland ein{fiel}. Er zerstörte Babylon gründlich, tötete zahlreiche Einwohner und siedelte scharenweise Kassiten nach Assyrien um. Die babylonische Bevölkerung sollte auf diese Weise ausgedünnt und die Ansiedlung von Assyrern erleichtert werden. Die meisten Kassiten wurden nach Kalḫu (heute Nimrūd) in Assyrien umgesiedelt {es folgen zwei Zitate aus Fischer Weltgeschichte, S. 1727 und 1616}:

„Wir wissen, dass die Sterblichkeit unter ihnen aus Mangel an Lebensmitteln sehr hoch war.“

Den besiegten Kaštiliaš IV. zerrte Tukulti-Ninurta in Ketten nach Aššur und verewigte seinen Sieg in einem Heldenepos:

„Mitten im Handgemenge konnte ich mit meiner eigenen Hand Kaštiliaš, den König der Kassiten, fassen. Auf seinen adligen Nacken trat ich mit meinen Füßen wie auf einen Schemel.“

In Babylonien (S. 179) bringt „Tukulti-Ninurta“ nach „Kaštiliaš IV. … den assyrischen Statthalter Enlil-Nadin-Šumi (1226-1220)“ auf den Thron, was nach Bauersachs der assyrische Name des mit ihm identischen „Adad-Šuma-Iddina“ ist; dieser „unbekannte neue assyrische ‚König‘ Enlil- Nadin-Šumi“ ist nach Bauersachs zugleich der in 2. Mose 1,8 erwähnte neue „ägyptische“ Herrscher der Josefsgeschichte (unter dem es zum Exodus kommt):

Da trat ein neuer König die Herrschaft über Ägypten an, der Josef nicht mehr kannte.

Dass dieser „biblische Regierungswechsel“ den historischen Übergang „vom krisengebeutelten ‚Pharao‘ Kaštiliaš IV hin zu einem König … von Assyriens Gnaden“ widerspiegelt, begründet Bauer­sachs folgendermaßen (S. 179f.):

In Ägypten hätte jeder Pharao vergleichbare Verdienste eines hohen Beamten (des ägyptischen Josef) durch vererbbare Landschenkung, Steuerbefreiung und hohe Ämter gewürdigt. Bei der Beständigkeit der politischen Verhältnisse in Ägypten werden vergleichbare Leistungen auch nach mehreren Generationen nicht vergessen. Ganz anders in Babylonien: Die kassitentreue Verwaltung in Babylonien wird durch den neuen König Enlil-Nadin-Šumi von Assyriens Gnaden mit eigenen Leuten ersetzt. Der biblische Josef mit seinen Verdiensten interessiert den neuen „Pharao“ ebenso wenig wie seine Familie, die angeblich jahrelang von den Babyloniern bevorzugt wurde, so schildert es zumindest das Alte Testament.

Zwingend ist diese Beweisführung allerdings schon insofern nicht, als nach 2. Mose 1,6-8 der Herrschaftsantritt des Königs, „der Josef nicht mehr kannte“, ja erst lange nach Josefs Tod geschehen sein soll.

Hinzu kommt (S. 180), dass Bauersachs selbst bereits wenige Absätze später noch einen zweiten Kandidaten für die Position „Pharao des Exodus“ nominiert, nämlich Kidin-Hutran III. von Elam:

Während in Elam Kidin-Hutran II. noch interessiert zusah, wie sich im Kassitenland die Lage zunehmend verschlechterte, war für seinen Nachfolger Kidin-Hutran III. (1245 – 1220?) das Eingreifen des verhassten assyrischen Königs Tukulti Ninurta I. der willkommene Anlass, seinerseits (um 1225) im Nachbarland einzufallen. Die Ausrede für sein Eingreifen lieferten die langjährigen dynastischen Ehen zwischen Elam und den kassitischen Königen. Kidin-Hutran III. besiegt die Kassiten unter dem assyrischen Günstling Adad-Šuma-Iddina (1226 – 1220) bzw. Enlil-Nadin-Šumi. Die assyrische Reaktion blieb aus, das ermutigte Kidin-Hutran III. etwa vier Jahre später zu einem weiteren Angriff. <87>

Ist demzufolge also doch nicht Enlil-Nadin-Šumi, sondern sein Angreifer Kidin-Hutran III. aus Elam der König, „der Josef nicht mehr kannte“?

Auf jeden Fall geht Bauersachs offenbar nur von indirekten Auswirkungen des Regierungswechsels in Babylonien auf „Abrahams Kindeskinder im benachbarten Chuzistan“ aus. Für sie

war die Spannung wegen der geänderten politischen Situation in Babylonien und ihre Auswirkungen auf Elam spürbar. Das übliche Desinteresse an der Politik durften Nomaden sich in dieser Situation nicht leisten, zu frisch war die Verwicklung Abrahams in den Krieg des Buches 1.Mose 14. Sie konnten sehr wohl zwischen einem abgesetzten „Pharao“ Kaštiliaš IV. und dem neuen babylonischen König Enlil-Nadin-Šumi sowie dem in Elam weiter regierenden elamischen „König“ Kidin-Hutran III. unterscheiden.

An dieser Stelle zieht Bauersachs allerdings eine in meinen Augen unzulässige Schlussfolgerung, wenn er der Niederschrift vorwirft, „die beiden Begriffe König und Pharao … munter durcheinander“ zu werfen und „nicht zwischen Babylonien (2. Mose 1,8) und Elam/Chuzistan (2. Mose 1,18; 19)“ zu unterscheiden:

8 Da trat ein neuer König die Herrschaft über Ägypten an …

18 Da rief der König von Ägypten die Hebammen …

19 Die Hebammen antworteten dem Pharao …

Bauersachs will darauf hinaus, dass die „biblische Bezeichnung ‚Pharao‘ für den König Babyloniens … wohl auf den assyrischen König Aššur-Uballit I. (1365-1330) zurück“ geht, „der sich nach einem Abkommen mit dem realen Pharao Amenophis IV. ‚Bruder des Pharao‘ nannte“, und meint wohl, die unterschiedlichen Bezeichnungen des „ägyptischen“ Herrschers in 2. Mose 1 müssten sich einerseits auf den durch Assyrien eingesetzten babylonischen „Pharao“ und andererseits auf den elamischen „König“ Kidin-Hutran III. beziehen. Dieses Argument ist aber nicht überzeugend, da zum Beispiel bereits in 1. Mose 41,46 – dort geht es nach Bauersachs noch um den babylonischen König Šagarakti-Šuriaš und um keinen elamischen König – die Bezeichnung „Pharao“ einfach als ägyptisches Wort für den König Ägyptens erklärt wird.

Wie dem auch sei – den biblischen Exodus wird Bauersachs (siehe unten meinen Abschnitt 4.5) mit dem genannten elamischen König in seinem Schicksalsjahr 1220 verbinden (S. 181):

Um 1220 verschwindet Kidin-Hutran III. nach einem erneuten Angriff auf Babylonien sang- und klanglos oder stirbt kurz danach. Über dieses spurlose Verschwinden und die folgenden zehn turbulenten Jahre in Elam rätseln derzeit Historiker, die naheliegende Erklärung liefere ich in den folgenden Kapiteln. Sie beweist erneut die historische Genauigkeit der biblischen Erzählung, wenn man in der richtigen Region sucht.

4.2.6 Josef und seine Hilfe für den Jakob-Clan im Jamutbal

Den biblischen Josef bringt Konrad Bauersachs, wie wir gesehen haben, ausschließlich mit dem Vorgang der Überschuldung und Selbstversklavung der babylonischen Bevölkerung zur Zeit von Šagarakti-Šuriaš und Kaštiliaš IV. in Verbindung, von denen Letzterer nach sieben Regierungsjahren, den biblischen sieben mageren Jahren, durch einen neuen König von assyrischen Gnaden abgelöst wird.

Ob Josef außerdem auch in einer Verbindung mit den Nachkommen Abrahams gestanden haben kann, darüber macht sich Bauersachs keine Gedanken, obwohl Josef nach der Bibel durch seine vorausschauende Politik ja auch das Überleben seiner Familie gesichert haben soll. Bauersachs lässt das, wie gesagt, wahrscheinlich außer Acht, weil Josef seine Familie zu diesem Zweck nach Babylonien hätte holen müssen, während die von ihm so genannte Exodus-Gruppe in Chuzistan ansässig war.

Leider hält sich Bauersachs (S. 160) bereits zu Beginn seines Kapitels über die Zeit vor dem Exodus mit einigen verwirrenden Argumentationen zu Josefs Alter auf, die sich allein aus der rückblickenden Geschichtsschreibung der Bibel ergeben. Obwohl er weiß, dass es nicht das Hauptanliegen der Bibel war, historisch korrekte Daten zu liefern, versucht er doch, eine überhöhte Altersangabe wie die für Josef in 1. Mose 50,26, er sei „110 Jahre alt geworden“, versuchsweise in eine Biographie der Sippe Abrahams einzubeziehen. Ich dagegen würde Josef weder mit Abraham noch auch mit Mose in eine verwandtschaftliche Beziehung bringen wollen. Anders sieht das allerdings möglicherweise mit Jakob aus.

Darum möchte ich den fünften großen Erzählkreis des 1. Buchs Mose, der sich mit Josef beschäftigt, noch auf weitere mögliche historische Erinnerungen hin abklopfen. Immerhin ist dieser mit über 400 Bibelversen (Kapitel 37 und 39-50) der allergrößte dieser Erzählkomplexe.

Bevor Josef nach „Ägypten“ verkauft wird, macht er sich nach 1. Mose 37,14 von Hebron aus auf den Weg zu seinen Brüdern, die bei Sichem weiden; falls dieser Erzählung aber irgendeine historische Erinnerung zu Grunde liegt, wird sich die Geschichte von vornherein in der Umgebung von Sichem abgespielt haben, wo Jakob immerhin ein Feldstück besitzt (dass Jakob in Hebron wohnt, ist ein nachträglicher Versuch, seinen Erzählkreis mit denjenigen von Abraham und Isaak zu verknüpfen, wie 35,27 zeigt).

Weiter wird (37,17) ein Ort Dotan erwähnt, den ich nicht lokalisieren kann; eine Karawane (37,25), die Josef nach „Ägypten“ bringt, soll von Gilead gekommen sein. Wenn wirklich Sichem mit Saicha bei Badra und Gilead mit Čilat etwa 100 km weiter südöstlich identisch ist, hätte der Weg einer Karawane tatsächlich in die Gegend der damaligen Hauptstadt Babyloniens, Dur-Kurigalzu, 20 km westlich vom heutigen Bagdad, führen können, wo Josef auf verschlungenen Pfaden – Sklavendienst – Gefängnisaufenthalt – Traumdeutung – in den Dienst des Königs getreten sein soll.

Dass auch Bauersachs sich nicht jeder Spekulation über die persönlichen Verhältnisse Josefs enthält, zeigt folgende – allerdings durch nichts belegte – Aussage über den Getreideverkauf in der Zeit von Kaštiliaš IV. (S. 175):

Zu diesem Zeitpunkt lebt er mit seiner Frau Asenath und seinen Söhnen Ephraim und Manasse vermutlich in der Nähe des zentral gelegenen Babylon, von hier aus konnte er Verkauf und Verteilung der Getreidevorräte leichter koordinieren.

Ich selber könnte nichts darüber sagen, wo in Babylonien der Wohnort oder Tempel (1. Mose 41,45.50) von Josefs Schwiegervater Potifera, des Priester von On, zu lokalisieren wäre.

Dass weiterhin (1. Mose 42-45) Josefs Brüder von der Anhöhe des Jamutbal aus in das Kernland Babyloniens „hinab“ gegangen sein können, um in einer Hungersnot Getreide zu kaufen, klingt plausibel.

Die in 1. Mose 46 erwähnte Ansiedlung von Jakobs Familie in Goschen hatte Bauersachs an anderer Stelle (siehe meinen Abschnitt 2.4.5) entweder allgemein auf das Land der Kaššiten (die zu dieser Zeit Babylonien beherrschten) oder speziell der Kossäer im Bereich zwischen Babylonien und Chuzistan bezogen. Könnte Josef seine Familie vielleicht sogar (S. 49) „in der Nähe Babylons“ untergebracht haben, wo „das alte Königreich Kisch (Kiš, hebr. aber KUŠ)“ gelegen hatte?

Wenn das so war, könnten Josefs Brüder nach der Beisetzung ihres Vaters Jakob dann auch wieder im Jamutbal geblieben sein, statt – wie in 1. Mose 50,14 berichtet – wieder nach „Ägypten“ (= in diesem Fall Babylonien) zurückzukehren. Das gleiche wäre für Josef in der Zeit vorstellbar, als der Pharao an die Macht kam, „der Josef nicht mehr kannte“. Das würde bedeuten, dass die Erzählkreise von Josef und Jakob erst nachträglich mit den Exodus-Erzählungen verbunden worden sind.

Eine sehr interessante Frage ist nun aber, wo Jakob und sein Sohn Josef überhaupt bestattet worden sind. Bauersachs unterläuft diesbezüglich der Irrtum (S. 160), man hätte der biblischen Niederschrift zufolge „beim Exodus … Jakobs mumifizierten Leichnam ins Gelobte Land mitgenommen“:

Da Jakob der Enkel Abrahams war, durfte man seine Mumie natürlich nicht in Ägypten lassen. Allerdings hätte ein schwerer Sarkophag die Exodus-Gruppe bei der Flucht sehr behindert und vor unlösbare Probleme gestellt, denn ohne einen Wagen ließe sich der Transport nicht bewältigen. Über Jakobs Mumie wird aber während der Wüstenwanderung kein einziges Wort verloren, obwohl sie doch immer präsent hätte sein müssen.

Ein Blick in die Bibel vermag diesen Irrtum aufzuklären: Denn in 1. Mose 50,1-14 wird ausführlich geschildert, wie Jakob nach seinem Tod 40 Tage lang einbalsamiert wird, sodann eine ehrenvolle Trauerfeier bei Goren-Atad bzw. Abel-Mizrajim „jenseits des Jordan“ in Anwesenheit ägyptischer Honoratioren erhält und schließlich von seinen Söhnen in der Höhle Machpela bei Mamre beigesetzt wird. Von einem Sarkophag Jakobs, der beim Exodus hätte mitgenommen werden müssen, ist also keine Rede.

Ob sich (1. Mose 50,10-11) die Angaben zur Trauerfeier Jakobs in Goren-Atad = Abel-Mizrajim (jenseits des Jordan) irgendeinem Ort in Babylonien zuordnen lassen, lasse ich dahingestellt sein. Die Beisetzung (50,12-13) „in der Höhle des Feldes Machpela“ gegenüber Mamre ist aber sicher nicht historisch, da diese Angabe dazu dient, die Erzählkreise von Jakob/Josef mit dem Erzählkreis von Abraham zusammenzubinden. Wahrscheinlicher dürfte es sein, dass diese Beisetzung auf genau dem Feldstück stattfindet, das Jakob nach 1. Mose 33,19 dort von den Söhnen Hamors gekauft hatte, zumal genau dort nach Josua 24,32 später auch (aus der Sicht der biblischen Niederschrift nach dem Exodus natürlich in Palästina) die Gebeine Josefs bestattet worden sein sollen.

In diesem Zusammenhang irrt sich Bauersachs übrigens noch ein zweites Mal, indem er sich fragt (S. 160), warum „Josef mit seinen Verdiensten nach dem Tode nicht ebenfalls“ eine so ehrenvolle Behandlung wie sein Vater erfuhr. Aber gerade Josef soll man, als er selber starb, nach 1. Mose 50,26 durchaus seinen Verdiensten entsprechend einbalsamiert und „in einen Sarg in Ägypten“ gelegt haben. Beim Exodus setzt die Bibel nun zwar nicht voraus, dass man diesen Sarkophag die ganze Zeit durch die Wüste mitschleppte, wohl aber (2. Mose 13,19), dass lediglich „die Gebeine Josefs“ mitgenommen wurden, wie es Josef selber (1. Mose 50,25) bestimmt hatte.

Da aber, wie eben gesagt, Josef nun ausgerechnet in einem Grab beigesetzt wird, das Jakob in Sichem gekauft hat, halte ich es für wahrscheinlicher, dass Josef mit dem Exodus gar nichts zu tun hat (auch ein Mitschleppen von Gebeinen auf einer Flucht, die Hals über Kopf durch eine Katastrophe ausgelöst wird, wie wir später sehen werden, wäre ja kaum glaubhaft), sondern in Babylonien bzw. im Jamutbal bleibt, so dass sich auch seine Bestattung nach seinem Tod in eben dieser väterlichen Grabstätte in Sichem = Saicha als folgerichtig ergibt.

4.3 Mose als zur Rebellion bereiter Ḫabiru in Chuzistan

Da ich auf die Fronarbeiten in Chuzistan erst im Abschnitt 4.4 unmittelbar vor dem Exodus aus Chuzistan eingehe, möchte ich zuvor einige grundlegende Fragen zur biblischen Gestalt des Mose klären.

Konrad Bauersachs (S. 182) verweist darauf, dass diese heutzutage „von Wissenschaftlern kritisch beurteilt“ wird und „mittlerweile ein eigenständiges Forschungsthema geworden“ ist; „als Autor der fünf biblischen Mosebücher kommt er definitiv nicht in Betracht“. Auch erwähnt er die Annahme der theologischen Wissenschaft, dass viele der „ursprünglich unverbunden überlieferten Einzelthemen des Alten Testaments (Erzväter, Ägypten, Exodus, Sinai) … erst nach dem Exil (6. Jahrhundert v. Chr.) durch Überarbeitung verbunden worden“ seien. Darauf geht er allerdings nicht weiter ein.

Er selbst hat sich im Blick auf Mose leider in eine ganz besondere eigene fixe Idee verbissen, die es ihm unmöglich macht, andere Interpretationsmöglichkeiten auch nur in Erwägung zu ziehen. Dazu kommen wir allerdings erst im Abschnitt 4.3.5 zu sprechen.

4.3.1 Zum Stammbaum und zum Alter des biblischen Mose

Bereits bevor Konrad Bauersachs auf Josef zu sprechen gekommen war, hatte er (S. 159) zum wiederholten Male darauf hingewiesen, dass „Mose … kein Nachfahre Abrahams gewesen sein“ kann; vielmehr wurde er „bei der Niederschrift erfunden, um das ‚Volk Israel‘ aus der Knechtschaft ins Gelobte Land zu führen“, denn die „Beteiligung Abrahams an den Kriegswirren um 1332 v. Chr. macht den biblischen Stammbaum Moses, wie er bei der Niederschrift konstruiert worden ist, völlig unmöglich.“

Diese Argumentation zieht aber von einem richtigen Ausgangspunkt aus eine falsche Schlussfolgerung: Richtig ist natürlich, dass gerade die in die Erzväterzeit hineinreichenden biblischen Stammbäume nachträglich konstruiert worden sind. Das beweist aber keineswegs, dass die Gestalt des Mose unbedingt erfunden worden sein muss. Mose könnte auch ohne irgendeine verwandtschaftliche Beziehung zur Sippe Abrahams als Anführer der Exodus-Leute gewirkt haben, zumal er ausdrücklich als „Hebräer“ bezeichnet wird, also der sozialen Randgruppe der Ḫabiru gehört haben kann.

Nebenbei bemerkt (S. 183) wird Mose von der biblischen Niederschrift „rückblickend“ nicht nur „mütterlicherseits … dem Stamm Levi zugerechnet, der später die Priester stellt“, sondern er gehört nach 2. Mose 2,1 und 6,16-20 sowie 4. Mose 26,58-59 sogar auch väterlicherseits zum Stamm Levi.

Uneingeschränkt Recht hat Bauersachs mit seiner Einschätzung, dass „Lebensdaten und Ahnenreihe Moses … mit äußerster Vorsicht zu betrachten“ sind. Dass Mose „zum Zeitpunkt des Exodus und der folgenden Wüstenwanderung … 80 Jahre alt“ gewesen sein soll, hat mit dem symbolischen Wert der in diesem Fall verdoppelten Zahl Vierzig zu tun, die in der Bibel oft mit der Vollendung einer Zeit des Wartens oder der Reifung oder auch der Regierungszeit von als vollkommen angesehenen Königen zu tun hat.

Im Neuen Testament deutet Lukas in seiner Apostelgeschichte (Kapitel 7) die Lebenszeit des Mose sogar als eine Abfolge von drei Mal vierzig Jahren: Mit vierzig Jahren (Verse 23ff.) setzt er sich für seine unterdrückten Brüder ein und erschlägt den Ägypter, nach weiteren vierzig Jahren (Verse 30ff.) führt er die Israeliten aus Ägypten heraus und noch einmal vierzig Jahre lang (Verse 36ff.) bis zu seinem Tod geleitet er sie durch die Wüste bis zum Gelobten Land.

4.3.2 Wurde Mose durch eine Pharaonentochter gerettet und am Hof des Pharao erzogen?

Über die Kindheit des Mose weiß man historisch wohl genau so viel wie etwa über Jesus: nämlich nichts! Jedenfalls nichts Beweiskräftiges. Kindheitsgeschichten werden häufig im Nachhinein so erzählt, dass in ihnen bereits etwas von der Größe und Bedeutsamkeit der erwachsenen Person zum Ausdruck kommen soll. Zur (S. 184) „Biographie Moses, beginnend bei der Geschichte von Aussetzung und Fund des Säuglings Mose im Binsenkörbchen (2. Mose 2,1ff.)“ merkt Bauersachs mit Recht an,

dass die gleiche Kindheitsgeschichte auch vom mesopotamischen König Sargon von Akkade (um 2300 v. Chr.) als Ich-Bericht existiert:

„Kol. 1 5 Meine Mutter, eine Hohepriesterin, wurde mit mir schwanger. Insgeheim gebar sie mich.

Kol. 1 6 Sie legte mich in ein Schilfkästchen. Mit Bitumen dichtete sie meine Behausung ab. <88>

Die Rettung eines Neugeborenen in einem auf dem Nil ausgesetzten Körbchen hält Bauersachs ohnehin für unwahrscheinlich, da es für „die Tochter des ‚Pharao‘ … sehr ungesund gewesen wäre, neben Krokodilen am Nil zu baden.“ Dagegen wächst im „Lebensraum Chuzistan und Babylonien … das Baumaterial für Schilfkörbchen so reichlich wie in Ägypten, Krokodile gibt es dagegen nicht.“

Der „Pharao“ in 2.Mose 2,5 kann deshalb nicht für einen Pharao Ägyptens stehen, sondern beschreibt einen Regenten der Region Mesopotamien.

Da es in der mesopotamischen Geschichte durchaus einen assyrischen König „Aššur-Uballit (1364-1330 v. Chr.)“ gab, „der sich ‚Bruder des Pharao‘ nannte“ und dessen Tochter „Muballidat-Serua (oder Muballit-Serua) … mit dem Kassitenkönig Burna-Buriaš verheiratet“ wurde, könnte man in dieser Prinzessin eventuell sogar „ein Vorbild für die biblische Pharaonentochter sehen“. Das war aber etwa 100 Jahre vor Moses Zeit, daher kann sie „mit Sicherheit Mose nicht aus dem Wasser gezogen haben“. Trotzdem nimmt Bauersachs (S. 185)

einerseits den biblischen Hinweis auf eine „Tochter des Pharao“ historisch im Kern ernst …, {stellt aber} andererseits die phantasievolle Biographie Moses und die Zeitrechnung komplett in Frage …

Auch dass nach Apostelgeschichte 7,22 „Pharaonen … Kinder besiegter Könige oder Fürsten als Geiseln nach Ägypten“ verschleppten, um sie umzuerziehen, so dass sie „nach ihrer Rückkehr natürlich Politik im Sinn der ägyptischen Pharaonen machen“, hält Bauersachs für eine historisch korrekt dargestellte „gängige Praxis“, die auf Mose allerdings erst nachträglich übertragen worden ist.

4.3.3 Hat Mose einen ägyptischen Sklavenaufseher erschlagen?

Eine entscheidende Frage zur Biographie des Mose stellt sich für mich im Zusammenhang der Bibelstelle 2. Mose 2,11-15. Ist es wahrscheinlich, dass ein historischer Mose tatsächlich einen ägyptischen Sklavenaufseher erschlagen hat?

11 Und es geschah in jenen Tagen, als Mose groß geworden war, da ging er zu seinen Brüdern hinaus und sah bei ihren Lastarbeiten zu. Da sah er, wie ein ägyptischer Mann einen hebräischen Mann, einen von seinen Brüdern, schlug.

12 Und er wandte sich hierhin und dorthin, und als er sah, dass niemand in der Nähe war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand.

13 Als er aber am Tag darauf wieder hinausging, siehe, da rauften sich zwei hebräische Männer, und er sagte zu dem Schuldigen: Warum schlägst du deinen Nächsten?

14 Der aber antwortete: Wer hat dich zum Aufseher und Richter über uns gesetzt? Gedenkst du etwa, mich umzubringen, wie du den Ägypter umgebracht hast? Da fürchtete sich Mose und sagte sich: Also ist die Sache doch bekannt geworden!

15 Und der Pharao hörte diese Sache und suchte, Mose umzubringen. Mose aber floh vor dem Pharao und hielt sich im Land Midian auf.

Eine solche Geschichte passt sehr gut zu einem Mose, der selber ein Ḫabiru war oder sich ihnen verbunden fühlte und sich daher tatkräftig für unterdrückte Fronarbeiter eingesetzt und eine Gruppe entrechteter Nomaden zum Aufstand gegen ihre Unterdrücker angestachelt haben könnte.

Auch Bauersachs nimmt ja für die Situation in Babylonien an (S. 173), dass es durchaus vereinzelte „lokale Unruhen unter den Versklavten gegeben haben“ mag. Um so unverständlicher ist es, dass es es so vehement ablehnt, in Moses Verbrüderung „mit anderen Geknechteten“, die in 2. Mose 11-12 geschildert wird, eine Widerspiegelung historischer Ereignisse zu sehen.

Welchem Interesse der späteren Niederschrift hätte es denn dienen sollen, demselben Mose, der die Zehn Gebote vom Berg Sinai herabbrachte, eine erfundene Darstellung von „Mose als Totschläger“ anzudichten? Eine der wichtigsten Regeln der Bibelauslegung besagt ja, dass im Zweifel die „lectior difficilior“ = „die schwierigere Lesart“ einer Textvariante zu bevorzugen ist. Naheliegender wäre es doch, das Bild des Mose als des wichtigsten Repräsentanten der jüdischen Religion nachträglich eher mit lobenswerten Zügen auszustatten. Genau das hat man ja durchaus getan (S. 184), als man eine der Bedeutung des Mose angemessene „Kindheitsgeschichte … vom mesopotamischen König Sargon von Akkade (um 2300 v. Chr.)“ auf Mose übertragen hat.

Und (S. 173) gerade die im angeführten Bibeltext erwähnten „hebräischen Brüder“ des Mose, die Bauersachs als unhistorisch aus dem Text ausscheiden will, passen historisch sehr gut in die Situation der Fronarbeit in Chuzistan, wenn man diese Bruderschaft eben nicht als leibliche Verwandtschaft, sondern als eine Gruppe sozial Entrechteter im Sinne der Ḫabiru begreift.

Bauersachs wiederum (S. 186) weiß selber, dass die „dunkle Seite in Moses Biographie (Totschlag oder gar Mord) … unter dem Aspekt der späteren göttlichen Berufung nicht so recht zu passen“ scheint. Er nimmt aber an, dass „die Episode … als Sinnbild für Moses spätere Rolle als Streiter für die gerechte Gottessache verstanden werden“ könnte und „wahrscheinlich… eingefügt wurde, um durch die notwendige Flucht nach dieser Tat den Kontakt zu Jithro, dem midianitischen Priester, zu erklären.“ Eine solche Flucht hätte aber auch viel unverfänglicher dadurch erklärt werden können, dass Mose schon damals zur Befreiung aus der Sklaverei aufgerufen hätte, ohne deswegen jemanden umzubringen.

Amüsant ist übrigens ein ausgesprochen widersprüchliches Argument, das Bauersachs (S. 184) zusätzlich „gegen die ihm zugeschriebene hitzköpfige Reaktion auf die Tat des ‚ägyptischen‘ Aufsehers“ anführt, „mit der Mose in die Exodus-Geschichte eingeführt wird“. Da die Söhne des Mose bei der Begegnung mit Jithro in der Wüste „offenbar – da unselbständig – noch jugendlich und wohl nicht viel älter als etwa 10 Jahre“ alt waren, müsste Mose ja „dann (um zu diesem Zeitpunkt 80 Jahre alt zu sein) bei der Familiengründung ungefähr 70 Jahre alt gewesen“ sein. Im selben Atemzug aber meint Bauersachs, dass „Mose .. wohl etwa 30 Jahre alt“ war, „als er angeblich (wenn überhaupt) den Ägypter erschlagen hat und deswegen in die Wüste geflohen sein soll, wo er dann seine künftige Frau Zippora kennenlernte.“ Dann aber fällt – mit gutem Grund – das eben geäußerte Argument der mangelnden Hitzköpfigkeit eines Siebzigjährigen gegen den Totschlag des Ägypters schon wieder in sich zusammen.

Wenn Bauersachs übrigens sowohl die biblischen Altersangaben wortwörtlich nehmen als auch an einem Alter von 10 Jahren für seine Söhne bei der Begegnung mit Jithro in der Wüste festhalten wollte, müsste Mose zu diesem Zeitpunkt bereits 128 Jahre alt gewesen sein (und die Söhne mit 117 Jahren gezeugt haben), denn zur Wüstenwanderung brach Mose von Kadesch-Qadisija aus erst auf, als die Exodus-Gruppe dort ca. 38 Jahre verbracht hatte. Allerdings war auch nach der Bibel (Apostelgeschichte 7,23.29) Mose erst 40 Jahre alt, als er den Ägypter erschlug und seine beiden ersten Söhne zeugte; zur Zeit der Wüstenwanderung müssten sie daher beide längst erwachsen gewesen sein.

Die letzten Überlegungen sollen nur verdeutlichen, zu welchen Absurditäten es führen kann, wenn man alle Angaben der Bibel wortwörtlich für wahr halten will.

4.3.4 Mose und seine Beziehung zum Land Midian = Widyan

Auch wenn Bauersachs (S. 185) den Totschlag eines „Ägypters“ durch Mose anzweifelt, geht er doch davon aus, dass Mose seine Familie in einem Land namens „Midian“ gründet, wo er „auf den Priester Jithro“ trifft und „dessen Tochter Zippora“ heiratet.

Aber wo liegt diese „Landschaft Midian“?

Midian ist ein geographisches Chamäleon, mindestens dreimal muss es den Beschreibungen nach dieses Midian geben…

Für den Zusammenhang, in dem Bauersachs Mose historisch verortet, schließt er sowohl das Midian aus, das „östlich des Golfes von Aqaba in der arabischen Wüste“ liegt, „rund 350 km Luftlinie von Ägypten entfernt“, als auch ein Midian, das „in der Bileam-Episode genannt wird“, „in Transjordanien“ liegt und „angeblich im Zuge der ‚Landnahme‘ durch einen Teil des Volkes Israel beansprucht“ wird (S. 185f.):

Als weiteres Midian bietet sich die die lautverwandte Steppenlandschaft al Widyan in Babylonien an, die den Euphrat von Norden nach Süden begleitet. Sie bildet den Übergang zwischen der fruchtbaren Flussebene des Euphrat im Osten und der arabischen Wüste im Westen.

Am südlichen Ende schließt unmittelbar daran die Gegend um Kadesch-Qadisija am Euphrat an, wo die Exodus-Gruppe über mehrere Jahre verweilen wird.

Dass (S. 186) der „spätere Schwiegervater Moses“ in der Bibel unter drei verschiedenen Namen auftaucht – „(an zehn Stellen) Jithro, dann wieder Reguel und ebenso Hobab“ – erklärt sich nach Bauersachs entweder dadurch, dass „Eigennamen aus unterschiedlichen Quellen im Laufe der Überlieferung“ verwechselt worden sein können, oder „dass Mose mit mehreren Frauen eine Familie gegründet haben könnte… Die Texte des Alten Testaments verlieren darüber aber kein Wort“.

Allerdings wird Mose in 4. Mose 12,1 von seinen Geschwistern Mirjam und Aaron dafür kritisiert, dass er „eine kuschitische Frau“ genommen hatte. Bei dieser Frau könnte es sich durchaus um eine andere Frau als Zippora gehandelt haben. Andernfalls ist es etwas eigenartig, dass man Mose erst irgendwann auf der Wüstenwanderung wegen einer Frau Vorwürfe macht, die er bereits Jahre zuvor in Midian geheiratet hatte.

Bauersachs geht allerdings davon aus, dass Zippora selbst als Kuschitin bezeichnet wird. Und er sieht darin einen Beweis (S. 188), dass „Mose … zweifelsfrei … am westlichen Wüstenrand Babyloniens zuhause“ war.

Aber so unwiderleglich ist diese Beweisführung keineswegs. Zwar stimmt es, dass „Babylon … zur Zeit des Exodus um 1220 von Kassiten regiert“ wurde; zwar mag die „Frau Moses, die nach allgemeiner Lesart ‚kuschitisch‘ war“, dementsprechend auch keine „Äthiopierin“, sondern „eine ‚Kassitin‘ (KuŠITh; Vorsilbe Kašš …)“ gewesen sein, „also eine Frau entweder aus dem kassitischen Babylonien oder eine Kassitin der Herkunft nach“. Aber als Bauersachs (S. 55) bereits ein anderes Mal auf die Heimat dieser Ehefrau des Mose eingegangen war (siehe Abschnitt 2.4.5), hatte er betont, dass nur „im Grenzgebiet zwischen Elam und Babylonien … das biblische ‚Ägypten‘ und Goschen gelegen haben“ kann. Damit könnte also viel eher belegt werden, dass Zipporas Heimat Chuzistan war und nicht ein Gebiet westlich des Euphrat.

Dafür spricht außerdem, dass es auch in den Wüstensteppen Chuzistans durchaus „Widyan“ gibt, was wörtlich übersetzt die arabische Pluralform von „Wadi“ darstellt, also Flüsse, deren Wasser in der Trockenzeit versickern kann. Könnte die Heimat Zipporas nicht sogar irgendwo in der Nähe des Flusses Marun gelegen haben, dessen Konsonanten lautlich sehr ähnlich wie Midian klingen (zumal im Hebräischen das D und das R leicht verwechselt werden kann)?

Auch ist schließlich anzunehmen, dass ein historischer Mose nach dem Totschlag eines „ägyptischen“ Sklavenaufsehers in Chuzistan eher einen solchen nahe gelegenen Zufluchtsort aufsuchte, statt sich in die 400 km entfernte Gegend westlich des Euphrat aufzumachen. <89> Von einem solchen vielleicht am Wüstenrand von Chuzistan gelegenen „Midian“ aus könnte Mose in die Hauptstadt Čoga Zanbil zurückgekehrt sein, um dort als Anführer der Exodus-Gruppe mit Beamten des elamischen „Pharao“ Kidin-Hutran III. zu verhandeln und für die „Hebräer“ einzutreten, wie es in 2. Mose 4 berichtet wird.

4.3.5 War Mose nur ein hauptberuflicher Karawanenführer?

Dass ein historischer Mose aber eine solche Rolle als Verhandlungsführer und Anführer der unterdrückten Exodus-Gruppe übernommen haben könnte, wird von Konrad Bauersachs rigoros ausgeschlossen. Ich unterstreiche nochmals, dass ich viele seiner Erwägungen über mögliche historische Hintergründe der Erzväter- und Exoduserzählungen für durchaus nachvollziehbar halte. Um so mehr schmerzt es mich, dass seine hauptsächliche Einschätzung im Blick auf Mose in eine völlig abwegige Richtung geht.

Er hält nämlich „den realen Mose für“ nichts anderes als „einen professionellen Reisebegleiter für Karawanen“, der von der aus der Unterdrückung geflohenen Exodus-Gruppe erst für die Durchquerung der Wüste engagiert wurde und zuvor nichts mit ihr zu tun gehabt hatte. Die Verhandlungen (S. 189) mit dem „Pharao“ der Fronarbeit und Versklavung hätte somit „in Wirklichkeit ein anderer Vertreter der Unterdrückten“ geführt, und auch als Anführer des eigentlichen Exodus aus „Ägypten“ kommt Mose in seinen Augen nicht in Betracht (S. 187):

Die Schreiber der Niederschrift haben mit Mose und Aaron zwei Fremde wegen ihrer Bedeutung bei der Wüstenwanderung in die Geschichte des Volkes Israel „hineingeschrieben“ und als Nachfahren Abrahams vereinnahmt. Ich halte Mose und Aaron für professionelle Führer aus der Umgebung von Kadesch-Qadisija am Euphrat, die aufgrund ihrer Kenntnisse der Wüste Karawanen sicher an ihr Ziel bringen konnten.

Durch eine Reihe von Schlussfolgerungen, die mit dieser Idee in Verbindung stehen, bringt Bauersachs seine gesamte Theorie in die Gefahr, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.

So nimmt er beispielsweise an, dass sowohl Aaron als auch Mose nicht wirklich „vor Erreichen des Ziels“ der Wüstenwanderung gestorben sind, wie es in 4. Mose 33,39 und 5. Mose 34,5 berichtet wird; vielmehr hatte Aaron

seine Aufgabe im Wesentlichen erfüllt und nahm die Gelegenheit wahr, sich einer vorbeiziehenden Karawane in seine Heimat anzuschließen. Eine solch phantasielose Erklärung konnten die Redaktoren bei der Niederschrift natürlich nicht verwenden.

Mose, der zweite Führer, war pflichtbewusster: Er erfüllte seine Aufgabe zuverlässig und blieb bis zum Schluss bei der Gruppe. So hatte er Gelegenheit, von den moabitischen Bergen einen Blick auf das „Gelobte Land“ jenseits des „Jordan“ zu werfen, das der Exodus-Gruppe von JAHWE versprochen war.

Diese psychologisierenden Spekulationen über ein mehr oder weniger großes Pflichtbewusstsein von Aaron und Mose als Karawanenführer entbehren jeglicher bestätigender Indizien. Die folgende Argumentation unterstellt zudem entweder den Erzählern der mündlichen Überlieferung oder den Verfassern der biblischen Niederschrift die Absicht einer bewussten Täuschung über den tatsächlichen Hergang der Ereignisse, bei denen es sich in Wirklichkeit nur um reichlich banale Vorgänge gehandelt hätte (S. 188):

Hätten sie schreiben sollen, dass Mose und Aaron mit Erreichen Transjordaniens ihre Aufgabe erledigt hatten? Dass sie ihren Lohn erhielten und wieder zu ihren Familien zurück nach Kadesch-Qadisija gezogen sind? Die Dramaturgie des gesamten Handlungsaufbaus der Exodus-Erzählung vom Schilfkörbchen über die Verhandlungen mit dem „Pharao“ bis zur Sinai-Episode mit den Gesetzestafeln wäre damit zunichte gemacht worden.

Selbst wenn Aaron und Mose tatsächlich nur als Karawanenführer engagiert worden wären, würde ich es für stimmiger halten, dass Erzählungen über diese Personen in gutem Glauben auf Grund eines Missverständnisses sozusagen mit einer überhöhten religiösen Bedeutung „aufgeladen“ wurden. In dem, was Bauer­sachs hier formuliert (später kommen ähnliche Argumentationen in dieselbe Richtung hinzu), klingt eine antireligiöse Verschwörungstheorie an, die davon ausgeht, dass einem durchaus historischen Exodus und einer ebensolchen historischen Wüstenwanderung alle religiösen bzw. befreiungstheologischen Züge – ich wiederhole: in bewusster Täuschungsabsicht! – erst nachträglich angedichtet worden sind.

Nun sind aber auch die Begründungen für die angebliche bloße professionelle Karawanenführerschaft des Mose und Aaron, die Bauersachs anführt, in meinen Augen alles andere als überzeugend.

So erwähnt er (S. 186) einen gewissen Hobab, der in 4. Mose 10,29-32 als der Sohn von Moses Schwiegervater Reguel bezeichnet wird „und als Kenner der Wüste bezeichnet“ wird:

29 Und Mose sagte zu Hobab, dem Sohn Reguels, des Midianiters, des Schwiegervaters Moses: Wir brechen auf zu dem Ort, von dem der HERR gesagt hat: „Ich will ihn euch geben“. Komm mit uns! Dann werden wir dir Gutes tun; denn der HERR hat Gutes über Israel geredet.

30 Doch er sagte zu ihm: Ich will nicht mitkommen, sondern in mein Land und zu meiner Verwandtschaft will ich gehen.

31 Er aber sagte: Verlaß uns doch nicht! Denn du weißt doch, wo wir in der Wüste lagern können; und du sollst unser Auge sein.

32 Und es soll geschehen, wenn du mit uns kommst und jenes Gute geschieht, das der HERR an uns tun will, dann werden wir dir auch Gutes tun.

Zu diesem Hobab behauptet Bauersachs:

Seltsam ist, dass Hobab auf der weiteren Wüstenwanderung nicht mehr in Erscheinung tritt. Das ist ein Hinweis, dass Mose auch ohne fremde Hilfe gut zurechtkommt und er von Beruf Reisebegleiter ist.

Aber genau das Gegenteil ist doch der Fall! Warum sollte Mose den Hobab wegen seiner Kenntnisse der Lagerplätze in der Wüste um seine Begleitung bitten, wenn er selbst ein erfahrener Karawanenführer wäre? Insofern beweist die Bibelstelle geradezu, dass diese Annahme von Bauersachs nicht stimmen kann. Und warum sollte man ständig erwähnen, auf welche Weise ein Mann wie Hobab der Karawane seine fachkundige Hilfe zuteil werden lässt? Der Bibeltext läuft jedenfalls nicht zwangsläufig darauf hinaus, dass Hobab nach seiner anfänglichen Weigerung tatsächlich die Exodus-Gruppe verlassen hat.

Mit keinem Wort geht Bauersachs auch auf die Frage ein, ob es nicht zwischen einem Anführer, dem die Exodus-Gruppe aus Chuzistan bis nach Kadesch-Qadisiya gefolgt ist, und einem Karawanenführer Mose auf dem weiteren Weg durch die Wüste zu Konflikten gekommen sein müsste. Nirgends ist auch nur andeutungsweise etwas von einer Übergabe eines „Staffelstabes“ im Blick auf die Führung der Gruppe die Rede.

4.3.6 Zur „romantischen“ Zusammenführung der Mose-Familie

Letztlich gibt es nur ein Argument, das in den Augen von Konrad Bauersachs den Beruf des Mose als Karawanenführer zwingend erweist, nämlich die Beziehung zu seinem Schwiegervater Jithro, der in der Nähe des Gottesberges Horeb <90> seinen Wohnsitz hat. Indem er (S. 188) auf „Moses zunächst seltsam anmutende Familienverhältnisse“ <91> eingeht, beruft er sich auf die beiden Bibelstellen 2. Mose 4,20 und 18,2 (S. 186):

Eigenartig an Moses Familienleben war dagegen, dass er zunächst seine Frau und seine Söhne mit sich nach „Ägypten” nahm … und dass er später seine gesamte Familie aus „Ägypten“ zum Schwiegervater in ihre alte Heimat zurück schickte:

4,20 Da nahm Mose seine Frau und seine Söhne {Gerschom und Elieser} mit sich, ließ sie auf dem Esel reiten und kehrte in das Land Ägypten zurück.

18, 2 Da nahm Jithro, der Schwiegervater des Mose, Zippora, die Frau des Mose mit sich, nachdem dieser sie zurückgeschickt hatte, mit ihren beiden Söhnen.

In seinen Augen (S. 188) gibt es für

das scheinbar komplizierte Hin und Her, also zunächst Trennung und dann doch romantische Wiedervereinigung der Mose-Familie durch Jithro beim scheinbar zufälligen Zusammentreffen mit der Exodus-Gruppe … eine einfache und überzeugende Erklärung…

Diese Erklärung basiert nun darauf, dass Mose seiner Ansicht nach auf jeden Fall „mit seiner Familie im Raum Kadesch-Qadisija am Euphrat“ lebte, denn

„hier konnte er sicher sein, dass seine Füh­rerdienste in Anspruch genommen werden; der Wohnort seines Schwiegervaters lag zu weit ab, um Kontakte mit reisebereiten Karawanen zu bekommen.“

Auf diesen „Wohnort seines Schwiegervaters“ kommt Bauersachs wiederum erst auf S. 228 im Zusammenhang mit einer Station der Wüstenwanderung zu sprechen, und zwar benennt er ihn dort ohne jede Begründung:

Die Heimat des Priesters Jithro war das biblische Alusch ˀALUŠ, wohl der heutige Ort Al Lašaf. Al Lašaf liegt im Wadi Hirr an einer Karawanenstraße von Kadesch-Qadisija Richtung Süden und bietet heute wie damals auch größeren Herden eine ausreichende Wasserversorgung.

Abgesehen davon, dass also die genaue Verortung der Wohnorte Moses und seines Schwiegervaters (etwa 120 km voneinander entfernt) auf reinen Vermutungen beruht, geht bei seinen darauf aufgebauten Schlussfolgerungen die Phantasie vollends mit Konrad Bauersachs durch (S. 188):

Als Mose in Kadesch-Qadisija den Auftrag annahm, die Exodus-Gruppe ins Gelobte Land zu führen, musste er sich um die Reisevorbereitungen und Ausrüstung kümmern: Vorräte mussten besorgt, Wasserschläuche erneuert sowie Packsättel und Gurte hergestellt werden. Mose hatte die Aufgabe, die ihm Anvertrauten sicher ans Ziel zu bringen, dies war nach heutigem Sprachgebrauch ein Full-Time-Job und der wirkliche Grund, seine Frau und die beiden Söhne vorübergehend seinem Schwiegervater Jithro in Obhut zu geben…

In 2. Mose 18,2 ist allerdings lediglich die Rede davon, dass Jithro die zuvor „zurückgeschickte“ Frau Moses mit ihren Kindern wieder zu Mose bringt. Wann und aus welchem Grund Mose seine Familie zu Jithro zurückgeschickt hatte, wird aber mit keinem Wort angedeutet. Wenn man schon spekulieren will, könnte er das auch wegen der anhaltenden katastrophalen Zustände während der „ägyptischen Plagen“ getan haben – von den Beschwerlichkeiten eines Full-Time-Jobs als Reiseführer ist jedenfalls absolut nichts zu lesen oder zu erschließen!

In diesem Zusammenhang beruht übrigens bereits folgende Formulierung von Bauersachs auf einem Irrtum:

Nach der Abreise aus Kadesch-Qadisija am Euphrat kommt Mose auf dem Weg ins Gelobte Land mit der Exodus-Gruppe bei Jithro vorbei und trifft bei dieser Gelegenheit natürlich auch seine Frau und seine beiden Söhne…

Nein, nach dem Bibeltext kommt nicht Mose bei Jithro vorbei, sondern Jithro kommt zu Mose an den Gottesberg – von welchem Ort aus, wird mit keinem Wort gesagt. Ob man das als eine „romantische Wiedervereinigung der Mose-Familie“ interpretieren sollte, lasse ich dahingestellt sein. Dass allerdings die Familie während der gesamten Wüstenwanderung bei Mose bleibt (nach 2. Mose 18,27 zieht nur Jithro wieder in sein Land), spricht in meinem Augen eher dagegen, dass Mose lediglich ein Karawanenführer war. In diesem Fall wäre es doch sogar plausibler gewesen, wenn Jithro die Familie des Mose vor seiner beruflich bedingten Reise von ihm abgeholt statt zu ihm gebracht hätte.

Auf ein anderes Argument, das immerhin die biblische Namensgebung für den zweiten Sohn des Mose als nachträgliche Konstruktion erweist, geht Bauersachs gar nicht ein: Eliesers Name wird nämlich, obwohl er nach 2. Mose 4,20 bereits vor dem Exodus geboren ist, in 2. Mose 18,4 folgendermaßen gedeutet:

Der andere aber hieß Elieser, denn er hatte gesagt: Der Gott meines Vaters ist meine Hilfe gewesen und hat mich vom Schwert des Pharao errettet.

Umgekehrt macht eine Überlegung von Bauersachs zur Namensgebung von Mose selbst wenig Sinn, wenn man nicht doch ihn selbst als den Anführer sehen wollte, der in eigener Person die Exodus-Gruppe aus der Versklavung in Ägypten herausgeführt hatte (S. 182). Ihm zufolge steht nämlich hinter dem Namen MoŠäH sehr wahrscheinlich

der hebräische Ausdruck MOŠIAˁ <92>, der für „Retter” in der Not steht. Denkbar ist für mich auch der Zusammenhang mit MaŠIaCh (Messias); in beiden Fällen wurde der ursprünglich hebräische Beiname durch die Wunschinterpretation gewaltsam „ägyptisiert“.

Aber warum hätte man einen bloßen Karawanenführer als Retter oder Befreier oder gar als gesalbten König bezeichnen sollen?

4.4 Fronarbeit unter Untaš-Napiriša in Chuzistan/Susiana

Die Selbstversklavung, die unter Josef in Babylonien vor sich ging und in Abschnitt 4.2 besprochen wurde, hatte – wie gesagt – nur mittelbar mit dem ungefähr zu gleichen Zeit geschehenen Exodus zu tun, vielleicht dadurch, dass Ḫabiru in Chuzistan und im westlicheren Jamutbal miteinander im Kontakt standen, so dass man Geschichten vom Aufstieg Josefs und seinem segensreichen Wirken für Babylonien und seine Familie weiterzuerzählen wusste.

Um herauszufinden, in welcher Gegend die Nachkommen Abrahams selbst in Fronarbeit und Sklaverei hineingeraten sein könnten, muss man die Bibelstelle 2. Mose 1,13-14 betrachten:

13 Da zwangen die Ägypter die Söhne Israel mit Gewalt zur Arbeit

14 und machten ihnen das Leben bitter durch harte Arbeit an Lehm und an Ziegeln, und durch allerlei Arbeit auf dem Feld, mit all ihrer Arbeit, zu der sie sie mit Gewalt zwangen.

4.4.1 Ziegelherstellung für Haft Tepe und Čoga Zanbil

In Abschnitt 2.1 wurde bereits gesagt, dass es im realen Ägypten nicht notwendig gewesen wäre, Tempel, Paläste, Vorratsstädte oder Pyramiden mit Lehmziegeln zu bauen; vielmehr hätte man die Fronarbeiter zur viel härteren Arbeit in den Steinbrüchen oder zum Steineziehen herangezogen. In Babylonien oder Elam aber musste aus Mangel an Steinen jedes Bauwerk mit Hilfe von eigens hergestellten Ziegeln errichtet werden.

Eine (S. 159) solche „Ziegelherstellung“ in gewaltigem Ausmaß, die die Bibel in die Zeit nach Josefs Tod verlegt, spielte historisch bereits in der Zeit „eines realen Abraham“, der „in die Auseinandersetzung von 1332 v. Chr.“ verwickelt war, eine Rolle. Denn damals muss „mit dem Bau von Haft Tepe bereits die biblische Fronarbeit der Ziegelherstellung begonnen haben“, auch wenn sie ausdrücklich im biblischen Kriegsbericht noch nicht erwähnt wird.

Genau genommen sind es zwei große Bauprojekte, die zur Zeit Abrahams in der Susiana in Angriff genommen wurden (S. 160 – die Hervorhebungen stammen von mir): „nach dem Friedensschluss zwischen Babylonien und Elam um 1332 v. Chr.“ begann

der neue elamische König Untaš-Napiriša … sofort mit der Errichtung des riesigen Heiligtums Čoga Zanbil (UNESCO- Weltkulturerbe)… Parallel dazu durfte Hurpatila/Tepti-Ahar nach der Niederlage gegen Kurigalzu II. bis zu seinem Tod an der Anlage Haft Tepe weiterbauen. Für die Fronarbeiter setzte sich die Ziegelproduktion nahtlos fort. Vermutlich haben auch die Nachfolger Untaš-Napirišas die Verehrung der heimischen Götter mit dem Bau weiterer Tempel oder der Ausbesserung bestehender Anlagen demonstriert und beim Bau ebenfalls ein Heer von Zwangsarbeitern geschunden.

Zu diesen Zwangsarbeitern können „auch Mitglieder der Sippe Abrahams“ gehört haben;

dokumentierte Zahlen zu diesen Arbeiten gibt es leider nicht. Ob alle Bevölkerungsgruppen für die Bauarbeiten verpflichtet wurden, oder ob es Kriegsgefangene oder unterprivilegierte Schichten waren, ist auch nicht bekannt. Am wenigsten hatten wegen ihrer Mobilität wohl Nomaden zu leiden, allenfalls in Hungerzeiten wäre eine vorübergehende freiwillige Selbstverpflichtung im Sinne Tausch von Arbeitsleistung gegen Getreide denkbar.

In diesem Zusammenhang erinnert Bauersachs an die „mehrfachen Wanderungen des biblischen Abraham und seiner Nachkommen zum Getreidekauf nach ‚Ägypten‘“, die „durchaus einen realen Hintergrund gehabt haben“ können.

Dazu passt auch die Bemerkung im Zusammenhang des Kriegsberichts (1. Mose 14,13), dass Abraham ein „Hebräer“ = Ḫabiru war; so nannte man ja recht- und schutzlose Nomaden, die sich gezwungen sahen, sich für ihren Lebensunterhalt in die Abhängigkeit sesshafter Bevölkerungskreise zu begeben.

Entscheidend ist nun (S. 164), dass im realen Ägypten „kein ägyptischer Pharao Interesse“ an primitiven Ziegelbauten hätte haben können; nur die „Häuser der ‚normalen‘ ägyptischen Stadtbewohner oder Bauern entstanden damals traditionell in Lehmbauweise“:

Repräsentative Gebäude in Ägypten wurden stets aus Natursteinen errichtet…

Die Fronarbeit für den ägyptischen Pharao wäre deshalb nicht die Ziegelherstellung gewesen, sondern vor allem das Bearbeiten der Steine in den fernen Steinbrüchen oder der Transport von dort zu den Schiffen und weiter von der Anlegestelle zu den Bauplätzen. Diese Knochenarbeiten sind in ägyptischen Quellen textlich und bildlich gut dokumentiert und konnten wirklich Zwangsarbeit genannt werden. …

Im Alten Testament wird kein einziges Wort über das Steineziehen verloren, obwohl diese Arbeit doch wesentlich anstrengender wäre als die geschilderte Ziegelherstellung. Wenn ein „Pharao“ einen Teil der unterprivilegierten Bevölkerung (das biblische „Volk Israel“) gezielt hätte belasten wollen, wäre die Einteilung zum Steineziehen wesentlich effektiver gewesen.

Das heißt also (S. 165):

In Ägypten wurden nur in wenigen Fällen Tempel aus Lehmziegeln errichtet, in Babylonien und Chuzistan war das die Regel. Anders als in Ägypten gibt es im Schwemmland des Euphrat und Tigris und der Susiana keine Steine…,

so dass (S. 164) in Elam für „die Bauten Tepti-Ahars und Untaš-Napirišas … millionenfach Ziegel benötigt“ wurden (S. 165):

Allein für die Zikkurat der Tempelanlage Čoga Zanbil waren – sehr zurückhaltend geschätzt – rund 42 Mio. Normziegel (30-10-15) oder 12 Mio. Großziegel (40-40-10) nötig {ausgehend von den wahrscheinlichen Abmessungen 105x105x50 Meter}. Der Turm von Babel soll um 2000 v. Chr. nach Schätzungen aus 80 Mio. Ziegeln erbaut worden sein. Zum Vergleich: Eine moderne automatisierte Großziegelei des 21. Jhds produziert mit 30 Mitarbeitern jährlich etwa 100 Mio. Normziegel. …

4.4.2 Verwendung von Asphalt als Mörtel

Eine weitere in 1. Mose 11,3 erwähnte Einzelheit deutet zusätzlich auf die Erstellung von Ziegelbauten in Elam hin:

Und sie sagten einer zum anderen: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel.

Bauersachs schreibt dazu (S. 165):

Zusätzlich mussten für die eigentlichen Maurerarbeiten große Mengen an Kalk- oder Bitumenmörtel hergestellt werden. Die umfangreichen Asphaltvorkommen in der Region machen die Verwendung von Bitumenmörtel wahrscheinlich, der zu etwa 40% aus dem reichlich vorhandenen Bitumen bestand, das mit Sand oder Lehm versetzt wurde…

4.4.3 Schilfmatten und -taue zur Stabilisierung von Ziegelbauten

Ein anderes Verfahren, um den Einsturz hoher aus Ziegeln bestehender Bauwerke zu verhindern, bediente sich in Babylonien, etwa beim Bau der in Abschnitt 3.4.3 erwähnten (S. 53) „Grenzfestung Dur-Kurigalzu“, (S. 166)

ebenfalls der natürlichen Ressourcen: Jeweils zwischen 5 bis 8 Lagen Ziegel wurden geflochtene Schilfmatten gelegt, die den Druck der einzelnen Ziegellagen verteilten und für Zusammenhalt sorgten. Zusätzlich wurden die gegenüberliegenden Außenwände durch fest verankerte Schilftaue miteinander verbunden, das Auseinanderdriften senkrechter Wände wurde so verhindert.

In diesem Zusammenhang verweist Bauersachs (S. 167) auf eine eigenartige Formulierung in 2. Mose 5,12:

Darauf zerstreute sich das Volk im ganzen Land Ägypten, um Strohstoppeln für Häcksel zu sammeln.

Der Nebensatz LɘQoŠeŠ QaŠ LaThäBäN enthält zwei verschiedene Wörter für Häcksel bzw. Strohstoppeln. Das Wort ThäBäN heißt eigentlich Stroh und wird in 1. Mose 5,7-18 neun Mal für das gehäckselte Material verwendet, dass die Israeliten auf Anordnung des Pharao zur Ziegelherstellung selber sammeln sollen. In Vers 12 wird zusätzlich das Wort QaŠ eingeschoben, das für sich bereits „Stoppeln, Spreu, Häcksel“ bedeutet. Nimmt man hinzu, dass das mit „sammeln“ übersetzte Verb genau denselben Wortstamm wie QaŠ hat, so wäre der Satz wörtlich eigentlich so zu übersetzen: „um zu stoppeln Stoppeln für Häcksel“.

Damit könnte naheliegenderweise gemeint sein,

dass aus den Strohstoppeln … durch Zerkleinern Häcksel hergestellt werden sollen. Heute schneiden Erntemaschinen das Getreide knapp über dem Boden ab, damals blieben die mit Sicheln abgeernteten Halme kniehoch auf dem Feld stehen. Aus diesem Stroh lässt sich natürlich reichlich Häcksel gewinnen.

Bauersachs erwägt jedoch, ob nicht „möglicherweise von einem ganz anderem Material die Rede“ ist, wozu ich ihn außerordentlich ausführlich zitieren möchte:

In jeder Sprache finden sich bei wichtigen Tätigkeiten Verknüpfungen zwischen Verben, Substantiven und Berufen, wie etwa bei den Begriffen mauern, Mauer und Maurer. Ich bin deshalb der Meinung, dass die Übersetzung von QaŠ; mit „Stoppeln“ irreführt, und sich deshalb das Verb QaŠaŠ = sammeln an dieser Stelle nicht von QaŠ = „Stoppeln“ herleiten lässt, weil es nicht die Tätigkeit des „Stoppeln“ sammelns bezeichnet. Wiederholt findet sich im Alten Testament zusammenhängend mit der Fronarbeit in „Ägypten“ je nach Übersetzung sowohl die Verwendung von Häcksel ThäBäN, (hebr. Stroh) als auch Stroh oder Strohstoppeln QaŠ (hebr. „Stoppeln“) zur Ziegelherstellung.

Für das Sammeln von „Stoppeln“ existiert scheinbar sogar eine eigene Bezeichnung (QaŠaŠ = sammeln, auflesen), die sich vom Wort Stoppeln herleiten lässt. Den Begriff „Stoppeln“ setze ich bewusst in Anführungszeichen, da er hier für etwas ganz anderes steht. Das Wort qash bzw. qashash hat wohl eine ganz andere Bedeutung: Entlang der Unterläufe von Euphrat und Tigris sowie entlang des Kerkhe und Karun in Chuzistan gibt es damals wie heute ausgedehnte Seen- und Sumpflandschaften, in denen sich Süßwasserpflanzen prächtig entwickeln können: Hier hat der Begriff des biblischen „Schilfmeers“ seinen Ursprung, der die riesigen schilfbedeckten Flächen treffend beschreibt. Dieser Begriff stellt das Schilf in den Vordergrund und vergleicht die endlose Ausdehnung mit dem Meer, genauso wie fernab jeden Wassers die Wüste mit einem Sandmeer verglichen wird.

Besonders gut gedeiht das Schilfrohr (botan. Phragmites communis), das bis zu 8 Meter hoch werden kann. Dieses Schilfrohr wird heute noch als alleiniges Baumaterial für Schilfhäuser verwendet. Ich verwende hier ausdrücklich den Begriff „Häuser“ und nicht „Hütten“, denn es handelt sich bei den fertigen Gebäuden um kunstvolle und stabile Hauskonstruktionen. …

Dieses Schilf, das heute noch wie im Altertum als Baumaterial genutzt wird, heißt arabisch Qasab, die Wortverwandschaft zum biblischen Qash ist offensichtlich. Die Bedeutung dieses Baumaterials rechtfertigt eine eigene Bezeichnung für das Sammeln oder Ernten des Schilfrohrs, während des Sammeln von Stoppeln eine solche Wertschätzung sicher nicht verdiente. Wenn man dann noch das arabische Wort Qashesh für Gras im weiteren Sinn (auch Schilf ist ja ein Gras) – entweder geschnitten und getrocknet oder noch grün auf dem Halm stehend – mit dem hebräischen QaŠaŠ für „Sammeln“ vergleicht, kommen erhebliche Zweifel am kollektiven Stoppel-Sammeln der Fronarbeiter, wie es traditionell dargestellt wird.

Daraus schließt Bauersachs für die „Arbeiten in der geschilderten Episode des Alten Testaments“ (S. 169):

Ein Teil der Fronarbeiter ist tatsächlich mit der Herstellung der Ziegel und dem Sammeln von Häcksel beschäftigt, ein anderer Teil hatte die Aufgabe, Schilf zu schneiden und aus dem Schilfrohr Seile oder Matten zu flechten; diese Tätigkeit dürfte mit QaŠaŠ gemeint sein. Die Bedeutung der Schilfmatten und Seile für den Bau mit Lehmziegeln rechtfertigt ein eigenes Wort für diese Tätigkeit. Die Herstellung von Schilfprodukten war sicher nicht allein auf Matten und Seile beschränkt, auch Tragekörbe für das Baumaterial lassen sich so einfach und billig herstellen.

Gerade (S. 166) beim Bau der erwähnten Anlage „von Čoga Zanbil“ scheint man allerdings „auf die Verwendung von Schilfmatten verzichtet und statt dessen versucht“ zu haben, „die Ziegellagen mit Palmholz und Seilen zu stabilisieren <93>“ (S. 167):

Der Vergleich zwischen der heute noch beeindruckenden Ruine von Dur-Kurigalzu (mit Matten errichtet) und dem unscheinbaren Hügel, unter dem sich Čoga Zanbil verbarg, zeigt, dass die elamischen Baumeister durch das Weglassen der Schilfmatten in einem Erdbebengebiet offenbar einfachste statische Prinzipien missachtet haben.

Gleichwohl mögen in den Wörtern QaŠ und QaŠaŠ uralte Erinnerungen an das Schilfsammeln im Zusammenhang mit Fronarbeiten in Babylonien oder Elam aufbewahrt worden sein.

4.5 Der Exodus aus Chuzistan unter „Pharao“ Kidin-Hutran III.

Die im Abschnitt 4.4 beschriebenen Erinnerungen an eine Fronarbeit der Ziegelherstellung beziehen sich auf einen Zeitraum etwa 100 Jahre vor der Zeit des Exodus, wie ihn Konrad Bauersachs ansetzt.

Verlassen wir also die Zeit von Untaš-Napiriša in Elam und Kurigalzu II. in Babylonien und betrachten wir die Situation in der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr., etwa 60 Jahre nach „dem Bau von Čoga Zanbil“.

In „Chuzistan, wo die Nachfahren Abrahams leben, regiert mittlerweile Kidin-Hutran III. (ca. 1245-1220)“; allerdings fehlen ausgerechnet „in seiner Heimat Elam … Aufzeichnungen über ihn“. Während dieser kriegerische König „in den Chroniken“ von Babylonien „einen nachhaltigen Eindruck“ hinterließ, war er doch „am Beutemachen“ in diesem „schwächelnden“ Land außerordentlich interessiert. Ihn identifiziert Bauersachs als „Pharao“ des biblischen Exodus, da er im Jahr 1220 plötzlich von der Bildfläche verschwand, ohne dass darüber irgendeine Nachricht in den elamischen oder babylonischen Annalen zu finden wäre.

Die (S. 189) angeblichen Verhandlungen des Mose „mit dem biblischen ‚Pharao‘“, die die Bibel „in allen Einzelheiten“ beschreibt, können jedenfalls nach Bauersachs „nur in Chuzistan geführt worden sein, nur hier war die Ziegelherstellung immer noch Teil der Fronarbeiten“ (2. Mose 5,18):

18 Und jetzt geht, arbeitet! Häcksel wird euch nicht gegeben, aber die bestimmte Anzahl Ziegel sollt ihr abliefern!

Diese Annahme von Bauersachs verwundert mich etwas, da er zuvor erwähnt hatte (S. 169), dass beide baulichen Großprojekte in „Haft Tepe … und Čoga Zanbil“ – vermutlich durch Erdbeben – schon bald zerstört wurden und „nicht mehr … daran weitergebaut worden ist“. Auch (S. 170) weitere „vergleichbare Großprojekte“ soll es ihm zufolge seit „dem Bau von Čoga Zanbil“ nicht mehr gegeben haben, so dass (S. 172) die „biblische Fronarbeit der Ziegelherstellung … in Chuzistan um 1250 längst abgeschlossen“ war und „mit der Fronarbeit durch Selbstversklavung in Babylonien nichts gemeinsam“ hatte.

Aber wie dem auch sei, unmöglich ist es nicht (S. 203), dass trotzdem „Nachkommen Abrahams“, die hier „in Chuzistan lebten“, auch ein Jahrhundert später noch immer „als Zwangsarbeiter eingesetzt“ wurden. Vielleicht waren ja in die Angaben zur Ziegelherstellung, insbesondere ihre Verschärfung durch den Zwang, die dafür notwendigen Rohstoffe (sei es Häcksel oder Schilf für zusätzlich erforderliche Matten oder Seile) selbst herbeizuschaffen, auch alte Erinnerungen eingeflossen.

4.5.1 Gab es Verhandlungen zwischen Mose und dem „Pharao“?

Unhistorisch sind nach Bauersachs (S. 189) die „wiederholten Unterredungen zwischen Fronarbeitern und dem König oder seinen Repräsentanten“, denn „kein Regent lässt sich von Sklaven so auf der Nase herumtanzen“ (S. 203):

Der unermüdliche Krieger Kidin-Hutran III. war sicher kein Herrscher, der Probleme durch zeitraubende Verhandlungen gelöst hat. So gesehen passt das ständige Hin und Her bei den Verhandlungen zwischen Mose und dem „Pharao“ auch nicht zu Kidin-Hutran III. und ist eindeutig der Niederschrift zuzurechnen.

An anderer Stelle kann sich Bauersachs (S. 189) allerdings auch ein „Wechselspiel“ vorstellen zwischen einem „Bauaufseher“, der „der erste Ansprechpartner für die geknechteten Arbeiter“ war und möglicherweise „den Verhandlungsführern des ‚Volkes Israel‘ Zugeständnisse“ machte, und dem „Pharao“, der „dann, weil er die Lage vor Ort nicht erkannte oder keinen Präzedenzfall schaffen wollte, den Entscheidungen seines Beauftragten doch nicht“ zustimmte. „Diese Situation könnte das dauernde Hin und Her bei den ständig widerrufenen Entscheidungen des ‚Pharao‘ erklären“.

Ob Mose tatsächlich einen älteren Bruder Aaron hatte, der sprachgewandter war als er und ihn deswegen bei den Verhandlungen mit den für die Fronarbeit verantwortlichen Behörden begleitete, tut in diesem Zusammenhang wenig zur Sache und lasse ich deswegen dahingestellt sein.

Inhaltlich (S. 190) soll es in den Verhandlungen um „den frommen Wunsch des ‚Volkes Israel‘“ gegangen sein,

drei Tagesreisen weit in die Wüste zu ziehen, um ihrem Gott zu Ehren ein Fest zu feiern… In dieser Zeit hätten sie dem „Pharao“ natürlich nicht als Arbeitskraft zur Verfügung stehen können, die Bitte wird daher abgelehnt; als Strafe für ihr Ansinnen bürdet ihnen der „Pharao“ noch mehr Arbeit auf. Nun folgt ein ständiges Wechselspiel zwischen erneutem Bitten, Ablehnung und Androhung göttlicher Strafen. Jede der Strafen (die „ägyptischen Plagen“) beeindruckt den „Pharao“ zunächst, er gibt vor, das Volk ziehen lassen zu wollen. Sobald die Plagen zu Ende sind, nimmt er jedes Mal seine Zusagen wieder zurück.

Wie gesagt, da solche Verhandlungen historisch eher unwahrscheinlich sind, erwägt Bauersachs (S. 203) noch ein anderes Szenario:

Irgendwann war die Leidensfähigkeit der Geplagten erschöpft und es kam zum Widerstand {2. Mose 2,12}:

12 Und er {Mose} wandte sich hierhin und dorthin, und als er sah, dass niemand in der Nähe war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand.

Auch mir erscheint das, wie im Abschnitt 4.3.3 bereits ausgeführt, als wahrscheinlich, einschließlich seines Rückzugs nach „Midian“. Und der folgenden Einschätzung von Konrad Bauersachs kann ich ebenfalls voll und ganz zustimmen (S. 203):

Eine groß angelegte Revolte der Drangsalierten gegen diesen energischen „Pharao“ Kidin-Hutran III. mit seiner gut ausgebildeten Armee hätte in einem Blutvergießen geendet, also hofften die Unterdrückten auf günstige Umstände für eine Flucht. Die Gelegenheit dazu ergibt sich mit der 10. ägyptischen Plage, als ein Erdbeben das Land ins Chaos stürzt und jeder sich selbst der Nächste war.

4.5.2 Die ersten sechs „ägyptischen“ Plagen als Öko-Katastrophe und weitere vier als Naturereignisse

Die Darstellung der so genannten zehn ägyptischen Plagen ist Bauersachs zufolge (S. 190) nun aber nicht nur „ein literarischer Kunstgriff“, sondern hatte „auch einen ganz realen Hintergrund“. Er stimmt nämlich nicht den Alttestamentlern zu, die der Ansicht sind, „dass die Reihung der Plagen doch ziemlich künstlich und sekundär erfolgt ist“ <94>, sondern weist nach, dass die „Plagen 1 – 6 … exakt in dieser Reihenfolge reproduzierbar eng zusammen“ gehörten und tatsächlich eine „Öko-Katastrophe“ darstellten (S. 191):

Dass das „Volk Israel“ von den meisten Plagen verschont wird, sehen Alttestamentler als göttliches Eingreifen, ohne über einen realen Hintergrund nachzudenken. Auch dieser Umstand lässt sich einleuchtend erklären.

Auch die weiteren vier Plagen deutet er als Natur-Katastrophen, wovon die letzten beiden unmittelbar den Exodus verursachen.

4.5.2.1 Wasser wird Blut (1. Plage)

Die erste Plage wird in 2. Mose 7,17-21 folgendermaßen auf dramatische Weise beschrieben:

17 … so spricht der HERR: Daran sollst du {der Pharao} erkennen, daß ich der HERR bin: Siehe, ich {Mose} will mit dem Stab, der in meiner Hand ist, auf das Wasser im Nil schlagen, und es wird sich in Blut verwandeln.

18 Dann werden die Fische im Nil sterben, und der Nil wird stinken, so daß es die Ägypter ekeln wird, Wasser aus dem Nil zu trinken.

19 Und der HERR sprach zu Mose: Sage zu Aaron: Nimm deinen Stab und strecke deine Hand aus über die Gewässer Ägyptens, über seine Flüsse, Nilarme, Sümpfe und all seine Wasserstellen, so daß sie zu Blut werden! Und im ganzen Land Ägypten wird Blut sein, selbst in Gefäßen aus Holz und Stein.

20 Da taten Mose und Aaron, wie der HERR geboten hatte; und er erhob den Stab und schlug vor den Augen des Pharao und vor den Augen seiner Hofbeamten auf das Wasser im Nil. Da wurde alles Wasser, das im Nil war, in Blut verwandelt.

21 Die Fische im Nil starben, und der Nil wurde stinkend, und die Ägypter konnten das Wasser aus dem Nil nicht trinken; und das Blut war im ganzen Land Ägypten.

Dazu schreibt Bauersachs (S. 192):

Die Verwandlung Wasser zu Blut lässt sich auf den ersten Blick leicht durch eine Verfärbung des Wassers erklären…

In diesem Zusammenhang weist er zu Recht darauf hin, „dass das hebräische Original“ gar nicht wie die meisten Übersetzungen den Namen des „Nil“ enthält, „sondern mit JɘˀOR (yehor) nur ganz allgemein von einem Fluss“ spricht. In seinen Augen bezieht sich die Rotfärbung des Wassers auf den elamischen Karun:

Die einzige Gemeinsamkeit Nil-Karun ist die Verfärbung beider Flüsse: In Ägypten waren das durch die mitgerissene Muttererde vor allem Brauntöne, während die charakteristische Rotfärbung des Karun bis heute zu beobachten ist.

Bauersachs nimmt „zwei Ursachen für diese Verfärbung und die dramatischen Folgen“ an (S. 193):

Die erste Möglichkeit hängt mit der Jahreszeit des Exodus zusammen: Er begann im Monat Abib (2. Mose 13,4; Mitte März bis Mitte April). Wenn einerseits Regen ausbleibt und sich andererseits die Schneeschmelze im Zagros-Gebirge etwas verzögert oder im Gebirge mehrere Flüsse z.B. durch Hangrutsche nach Erdbeben blockiert sind, führen die Flüsse im Flachland der Susiana Niedrigstwasser: Das Wasser steht mehr als es fließt, in den verbliebenen Tümpeln drängen sich die überlebenden Fische. Die Temperaturen steigen in diesem Monat im langjährigen Mittel von 25 °C auf 32 °C und verursachen einerseits das Fischsterben, andererseits entwickeln sich bei diesen Bedingungen in der kleinsten Pfütze die Kaulquappen schnell zu Fröschen, weil die natürlichen Fressfeinde weitgehend fehlen. Im stehenden oder kaum fließenden Wasser, auch in den Bewässerungskanälen, konzentrieren sich durch die starke Verdunstung die natürlichen Farbstoffe (roter Sandstein im Karun), so entsteht leicht der Eindruck von „Blut statt Wasser“. Dass „Blut im ganzen Land“ war, erklärt sich einfach aus der intensiven Bewässerung: Vom Karun zweigen auch heute noch hunderte Bewässerungskanäle ab.

Der zweite denkbare Auslöser sind Schadstoffe, die ebenfalls durch ein katastrophales Ereignis (Erdbeben, Erdrutsche nach Regen oder Schneeschmelze) auf einen Schlag in den Fluss Karun oder seine Nebenflüsse gelangen. Im Einzugsgebiet des Karun liegen ergiebige Kupfervorkommen (z.B. Sar Cheshmeh), außerdem finden sich hier Blei und Zink (z.B. Mahdi Abad) sowie Eisenerze (z.B. Gol Gohar).

Natürlich vorkommende lösliche Kupferverbindungen (z.B. Kupfersulfat) sind schon in geringen Konzentrationen vor allem für Fische hoch toxisch. Nach dem Bibeltext war das Wasser sieben Tage lang ungenießbar; bei einer Fließgeschwindigkeit des Karun von ca. 3 km/h im Tiefland wäre die Ursache für eine Vergiftung etwa 500 km flussaufwärts am Oberlauf des Karun zu suchen. Sie hat aber nichts mit der roten Grundfärbung des Flusses zu tun; diese entsteht erst im Unterlauf durch den Sandstein.

Eine dritte Möglichkeit, „die Rotfärbung und das Fischsterben“ auf die „Algenart Pfiesteria piscicida“ zurückzuführen, „die in manchen Entwicklungsstadien giftig sein kann“, schließt Bauer­sachs aus, weil ihr Vorkommen

auf Meeresküsten und Flussmündungen mit Brackwasser beschränkt {ist} <95>. Die Alge aus der Gruppe der Dinoflagellaten kann daher nicht für die „ägyptische“ Plage im Binnenland der Susiana verantwortlich gemacht werden.

Der Zoologe und Tierschriftsteller Vitus B. Dröscher <96> hat allerdings hervorgehoben (S. 20f.), dass einige Arten der Dinoflagellaten oder Panzergeißler, die eine solche

plötzliche Rotfärbung des Wassers, die sogenannte „Rote Tide“ oder „Wasserblüte“… durch eine explosionsartige Massenvermehrung {hervorrufen} …, auch in Flüssen und Seen {leben}.

Bevölkern 200 000 bis 500 000 dieser Wesen einen Liter Wasser, setzt für das menschliche Auge eine schwache Rotfärbung ein. Jedoch verdoppeln diese Mikroben ihre Zahl alle drei Tage durch Teilung. Schon nach zehn Tagen haben sie sich auf ihr Maximum von sechs Millionen Exemplaren pro Liter Wasser vermehrt und färben es blutrot.

Diese Panzergeißler dienen winzigen Krebstieren als Nahrung, die beide „Abwehrwaffen“ dieser „algenähnlichen Einzeller“ überwinden können, indem sie ihren „Panzer aus unverdaulicher Zellulose“ knacken und immun sind gegen ihr „selbsterzeugtes Nervengift“. Dadurch wieder sterben Fische, die diese Krebschen mit dem in ihnen angereicherten Gift fressen.

Sogar für die biblische Aussage (2. Mose 7,19), dass das Blut auch in Gefäßen aus „Holz und Stein“ sein wird, liefert Dröscher eine Erklärung (S. 23):

Wenn ein starker Wind aufkommt und auf dem Nil <97> Wellen mit Schaumkronen schlägt, verwehen Massen von Panzergeißlern ans Ufer. Dort sterben sie jedoch nicht in der Sonnenglut, sondern trocknen nur aus, schrumpfen stark zusammen und werden leicht wie Staub. Abermals erfaßt sie der Wind und trägt die „Sporen“ überallhin, sogar in den kleinsten Wassereimer. Dort erwacht das Wesen sogleich zu neuem Leben – abermals ein Wunder der Schöpfung!

4.5.2.2 Frösche (2. Plage)

Mit Recht erkennt Bauersachs (S. 193) in den

nächsten fünf Plagen … eine natürliche Folge der ersten Plage: Sie sind die genau beobachtete Schilderung einer ökologischen Katastrophe.

Als zweite Plage wird in 2. Mose 7,28 eine Massenvermehrung von Fröschen angekündigt:

28 Und der Nil wird von Fröschen wimmeln, und sie werden heraufsteigen und in dein Haus kommen, in dein Schlafzimmer und auf dein Bett, in die Häuser deiner Hofbeamten und unter dein Volk, in deine Backöfen und in deine Backtröge.

Vitus B. Dröscher erklärt diese Plage folgendermaßen (S. 25):

Zu jenen Wesen, die von den Panzergeißlern der „Roten Tide“ nicht vergiftet werden, gehören auch Froschlarven, also Kaulquappen. Im Gegenteil, sie fressen diese Mikro-Lebewesen, ohne Schaden zu leiden. In Zeiten der Rotfärbung des Wassers steht ihnen also eine unerschöpfliche Nahrungsquelle zur Verfügung. Außerdem sind alle Raubfische und anderen Feinde, die Kaulquappen sonst massenweise zu fressen pflegen, vergiftet.

Ich verzichte auf Einzelheiten, zitiere nur sein Fazit (S. 27):

Treten die Frösche in großen Massen auf, unternehmen sie aus reiner Verzweiflung schließlich etwas, das sie sonst nicht tun: Sie hüpfen ins Innere der Häuser, krabbeln nachts zu den schlafenden Menschen in die Betten und fangen sich unfreiwillig auch in den Backtrögen…

Doch wie bei jeder Massenvermehrung, so folgt auch hier das Massensterben unerbittlich nach. Bald sind alle Nahrungsinsekten aufgezehrt, und es geschieht, was die Bibel beschreibt {2. Mose 8,9-10}:

9 Und der HERR tat nach dem Wort des Mose, und die Frösche starben weg aus den Häusern, aus den Gehöften und von den Feldern.

10 Und man schüttete sie haufenweise zusammen, so daß das Land davon stank.

4.5.2.3 Stechmücken (3. Plage)

Aber wie sollen bei der 3. Plage Mücken aus dem Staub der Erde hervorgebracht worden sein können, die in 2. Mose 8,12-13 beschrieben wird?

12 Und der HERR sprach zu Mose: Sage zu Aaron: Strecke deinen Stab aus und schlage den Staub auf der Erde! Dann wird er im ganzen Land Ägypten zu Mücken werden.

13 Sie machten es so: Aaron streckte seine Hand mit seinem Stab aus und schlug den Staub auf der Erde. Da kamen die Mücken über die Menschen und über das Vieh; aller Staub der Erde wurde zu Mücken im ganzen Land Ägypten.

14 Die Wahrsagepriester aber machten es ebenso mit ihren Zauberkünsten, um die Mücken hervorzubringen; aber sie konnten es nicht. Und die Mücken kamen über die Menschen und über das Vieh.

Vitus B. Dröscher beschreibt (S. 33f.) eingehend verschiedene Mückenarten, die sich vom Blut der Frösche ernährt haben können und die sich in Zeiten der Trockenheit und Hitze einige Zentimeter tief im Staub der Erde verkriechen, wo sie lange verharren können, bis sie durch eine Erschütterung wahrnehmen, dass ein Tier oder ein Mensch als „Blutspender“ vorbeikommt. Wer zur rechten Zeit morgens früh mit einem Stab auf den Boden schlägt, kann also tatsächlich aus dem Staub Mückenmassen hervorbringen. Den Zauberern des Pharao, die dasselbe in der Mittagshitze tun wollten, gelingt das nicht.

4.5.2.4 Stechfliegen (4. Plage)

Auf die Mückenplage folgen die Stechfliegen (2. Mose 8,17-18), von denen im Gegensatz zu den Mücken nur die „Ägypter“ und nicht das „Volk Israel“ betroffen sein sollen:

17 … wenn du mein Volk nicht ziehen läßt, siehe, so werde ich die Stechfliegen ziehen lassen über dich, deine Hofbeamten, dein Volk und deine Häuser. Und die Häuser der Ägypter werden voll von Stechfliegen sein, ja sogar der Erdboden, auf dem sie stehen.

18 Ich werde aber an jenem Tag das Land Goschen, in dem sich mein Volk aufhält, besonders behandeln, so daß dort keine Stechfliegen sein werden, damit du erkennst, daß ich, der HERR, mitten im Land bin.

Dazu fragt sich Dröscher zunächst (S. 35),

wie denn ein Dichter die zehn Plagen Ägyptens bearbeitet hätte.

Auf die Stechmücken hätte er sicherlich nicht sofort die Stechfliegen folgen lassen, und zwar aus künstlerischen Gründen: zum einen nicht, weil die thematische Ähnlichkeit zu groß ist, und zum anderen nicht, weil dadurch die allgemeine Vorstellung der Menschen vom Bedrohlichen keine Steigerung erfährt, eher sogar eine Abschwächung. Wahrscheinlich hätte ein Dichter, wenn überhaupt, erst die Fliegen und dann die Mücken kommen lassen.

In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass Bauersachs (S. 194) in der Überschrift zu den Plagen 3 und 4, die er zusammenfassend betrachtet, von „Fliegen und Stechmücken“ in genau diesem Sinne die biblische Reihenfolge umkehrt.

Dröscher wiederum erklärt (S. 35f.), dass Stechfliegen oder Bremsen sich von Mückenlarven ernähren, die gerne in morastigen Gegenden abgelegt werden. Und dort reift nun massenhaft die Brut der Stechfliegen heran.

Wenn nun die israelitischen Fremdarbeiter in einem Gebiet leben, das eher im Bereich der Wüste liegt als in einem gut bewässerten Gebiet, sind sie dort vor den Stechfliegen sicher, die nur in Feuchtgebieten gedeihen. Dröscher hält in diesem Zusammenhang (S. 37) das biblische „Land Gosen“ für

eine Art Fremdarbeitersiedlung oder Ur-Getto im östlichen Außenbezirk der Hauptstadt Tanis, wahrscheinlich im Wadi Tumilat gelegen, also an einem nur selten Wasser führenden Fluß. Es lag bereits auf Wüstengebiet.

Für die von Bauersachs in Elam verortete Exodus-Gruppe, deren Mitglieder sich ja als ursprüngliche Kleinviehnomaden ohnehin eher im Gebiet der trockenen Wüstensteppen aufhielten, könnte dieses Szenario ebenso zutreffen wie für die von Dröscher beschriebene Region.

4.5.2.5 Viehpest (5. Plage)

Auch von der 5. Plage, einer Viehpest, sollen nach 2. Mose 9,3-4 – so Bauersachs, S. 194) – „die Tiere des Volkes Israel … verschont geblieben sein“:

3 … siehe, dann wird die Hand des HERRN über dein Vieh kommen, das auf dem Feld ist, über die Pferde, über die Esel, über die Kamele, über die Rinder und über die Schafe – eine sehr schwere Pest.

4 Aber der HERR wird einen Unterschied machen zwischen dem Vieh Israels und dem Vieh der Ägypter, so dass von allem, was den Söhnen Israel gehört, nicht ein Stück sterben wird.

Nach Bauersachs lässt sich

auch dies … ganz einfach und natürlich erklären, ohne Wunder strapazieren zu müssen: Schaf- und Ziegenherden der Nomaden weiden in den unbewässerten Hügelregionen des Landes, während die Herden der „Ägypter“ auf den fliegenverseuchten flussnahen Weiden grasten oder das giftige Flusswasser zu trinken bekamen.

Dröscher ergänzt (S. 41), dass sich dort, wo „es keine Stechfliegen gegeben hatte, … sich … auch keine Viehpest“ ausbreiten konnte, wenn man die Stechfliegen als Krankheitsüberträger annimmt.

4.5.2.6 Geschwüre (6. Plage)

Worum es sich bei der 6. Plage gehandelt hat, ist nach Dröscher (S. 41) „schwerer zu deuten“. Lesen wir 2. Mose 9,6-11:

8 Da sprach der HERR zu Mose und Aaron: Nehmt euch beide Hände voll Ofenruß, und Mose soll ihn vor den Augen des Pharao gegen den Himmel streuen.

9 Dann wird er über dem ganzen Land Ägypten zu Staub werden, und es werden daraus an den Menschen und am Vieh im ganzen Land Ägypten Geschwüre entstehen, die in Blasen aufbrechen.

10 Und sie nahmen den Ofenruß und traten vor den Pharao, und Mose streute ihn gegen den Himmel; so wurde er zu Geschwüren von Blasen, die an den Menschen und am Vieh aufbrachen.

11 Die Wahrsagepriester aber konnten wegen der Geschwüre nicht vor Mose treten; denn die Geschwüre waren an den Wahrsagepriestern wie an allen Ägyptern.

Wo die Elberfelder Bibel hier recht wörtlich mit „Geschwüren, die in Blasen aufbrechen“, übersetzt, ist in der Lutherbibel von „bösen Blattern“ die Rede; allerdings geht Dröscher davon aus (s. 42), dass es sich nicht „um die Schwarzen Blattern“, also um die gefährlichste Form der Pocken, die fast immer tödlich endet“, gehandelt haben kann, denn Todesfälle werden in diesem Zusammenhang mit keinem Wort erwähnt.

Folglich kann es sich nur um eine harmlose, gutartig verlaufende Form der Pocken gehandelt haben…

In Frage kommen könnten die Sanaga- oder Kaffernpocken sowie die Variolois. Hierbei entstehen zwar auch überall auf der Haut verunstaltende Pusteln, „so daß die Zauberer nicht vor Mose treten konnten…“. …

Der Erreger dieser Krankheit ist ein Virus von außergewöhnlicher Widerstandsfähigkeit gegenüber der Austrockung. Er kann tatsächlich zu Staub werden, mit diesem zusammen verwehen und Menschen wie Vieh (Kuhpocken) infizieren, die ihn einatmen.

Nicht genau vermag Dröscher die Frage zu beantworten, ob auch diese (S. 42f.)

Pockenplage ursächlich mit der ökologischen Katastrophe zusammen{hängt}, die durch die „Rote Tide“ ausgelöst wurde und die offenkundig die ungeheure Vermehrung der Frösche wie der Stechmücken und Stechfliegen zur Folge hatte…

Sollten die Stechmücken etwas damit zu tun gehabt haben, dann erscheint die Reihenfolge der Plagen durchaus logisch: Die fünfte, die Rinderpest, hat eine Inkubationszeit von vier bis sieben Tagen, die sechste, die milden Blattern, eine von etwa zehn Tagen.

Das würde erklären, warum die Pockenbläschen erst einige Tage nach der Viehpest aufgetreten sind.

4.5.2.7 Hagel (7. Plage)

Die 7. Plage, Gewitter und Hagel, wird in 2. Mose 9,23-26 folgendermaßen beschrieben:

23 Da streckte Mose seinen Stab gegen den Himmel aus, und der HERR sandte Donner und Hagel; und Feuer fuhr zur Erde nieder. So ließ der HERR Hagel auf das Land Ägypten regnen.

24 Und mit dem Hagel kam Feuer, das mitten im Hagel hin und her zuckte; und der Hagel war sehr schwer, wie es im ganzen Land Ägypten noch keinen gegeben hat, seitdem dieses Land eine Nation geworden ist.

25 Und der Hagel schlug im ganzen Land Ägypten alles, was auf dem Feld war, vom Menschen bis zum Vieh; auch alles Gewächs des Feldes zerschlug der Hagel, und alle Bäume des Feldes zerbrach er.

26 Nur im Land Goschen, wo die Söhne Israel waren, fiel kein Hagel.

Nach Bauersachs (S. 194f.) kann sich ein solches

katastrophales Gewitter mit einem vernichtenden Hagelschlag … nicht in Ägypten abgespielt haben…

Ein Gewitter entsteht nur bei hochreichend feucht-labiler Schichtung der Atmosphäre; Grundbedingung ist ein hoher Wasserdampfgehalt der Luft. Auslöser für ein Gewitter ist entweder der Durchzug einer Kaltfront oder beim bekannten Wärmegewitter eine lokale Überhitzung am Boden. Im Allgemeinen nimmt vom Äquator nach Norden die Gewitterhäufigkeit ab, im Landesinneren gibt es Gewitter häufiger als an der Küste, entlang von Gebirgen sind die Voraussetzungen optimal.

Keine dieser Bedingungen ist in Ägypten erfüllt: Zwar ist die Luft über dem Nildelta ausreichend feucht, die für ein Gewitter notwendige labile Schichtung wird nie erreicht. Über den östlich und westlich gelegenen Wüstengebieten steigt heiße und trockene Luft auf und sorgt ständig für einen Luftmassenausgleich mit der feuchten Luft, so dass nie eine der charakteristischen Gewitterwolken entstehen kann (jährlicher Niederschlag in Ägypten 340 mm).

Ganz anders in Chuzistan, wo das Flachland fast unvermittelt in Gebirge übergeht; die Berge erreichen hier beachtliche Höhen bis 3900 Metern und bilden optimale Voraussetzungen für die Entstehung thermischer Aufwinde. Entlang einer Bergkette können sich aus zunächst mehreren kleinräumigen Gewittern große Komplexe bilden, die 1.000 km² oder mehr Fläche überdecken.“

Und warum wurde hier „in Chuzistan … das ‚Volk Israel‘ erneut verschont“? Ganz einfach: „weil es in den trockenen Zonen weit genug vom Zentrum des Geschehens entfernt lebte.“

4.5.2.8 Heuschrecken (8. Plage)

Von Heuschreckenplagen, wie sie in 2. Mose 10,13-15 beschrieben werden, wird auch heute noch berichtet:

13 Und Mose streckte seinen Stab über das Land Ägypten aus; da trieb der HERR jenen ganzen Tag und die ganze Nacht einen Ostwind ins Land; und als es Morgen geworden war, hatte der Ostwind die Heuschrecken herbeigetragen.

14 So kamen die Heuschrecken über das ganze Land Ägypten herauf und ließen sich im ganzen Gebiet Ägyptens in gewaltiger Menge nieder. Vor ihnen hat es keinen solchen Heuschreckenschwarm wie diesen gegeben, und nach ihnen wird es keinen solchen mehr geben.

15 Und sie bedeckten die Oberfläche des ganzen Landes, so daß es finster im Land wurde; und sie fraßen alles Gewächs des Landes und alle Früchte der Bäume, die der Hagel übriggelassen hatte. So blieb im ganzen Land Ägypten an den Bäumen und Gewächsen des Feldes nichts Grünes übrig.

Bauersachs läst dahingestellt sein (S. 195), ob „die biblische Heuschreckenplage innerhalb der ägyptischen Plagen tatsächlich auftrat oder später bei der Niederschrift ergänzt wurde, um die magische ‚Zehn‘ zu komplettieren“.

Aus den sehr ins Einzelne gehenden Ausführungen von Dröscher zur Heuschreckenplage, die sehr spannend zu lesen sind, greife ich nur zwei Abschnitte heraus (S. 48):

Eine Heuschrecke frißt pro Tag ihr Eigengewicht, also zwei Gramm, an Pflanzennahrung. Für den ganzen Schwarm {von bis zu 50 Milliarden Tieren} summiert sich das auf 100 000 Tonnen Grünzeug. Fällt er in eine Oase ein, wird binnen weniger Minuten die gesamte Vegetation zerschnitzelt und in einen Kotteppich verwandelt.

Ausgerechnet (S. 49f.) „mitten in der Wüste“ erwächst das „milliardenfache Leben der Wanderheuschrecken“, da

diese Insekten ihr Leben inmitten der Sahara oder der Arabischen oder Persischen Wüste gegen glühende Hitze, grimmige Kälte, Hunger und Durst mit zahlreichen kleinen Naturwundern zu erhalten {wissen}.

Zum Beispiel brauchen sie kein Wasser zu trinken. Sie haben nämlich ihr eigenes „Wasserwerk“ in sich. Sie verbrennen Zuckeranteile in strohtrockener Nahrung, wodurch im Inneren des Körpers immer Wasser entsteht.

Und im Gegensatz zum Menschen vermag eine Wüstenheuschrecke dieses „Atmungswasser“ in ihrem Leib zu speichern.

4.5.2.9 Finsternis und Tötung der „Erstgeburt“ (9. und 10. Plage)

Nach Bauersachs (S. 196) geben „die letzten beiden ägyptischen Plagen … die schwierigsten Rätsel auf, weil es scheinbar keine vernünftige natürliche Erklärung für diese Ereignisse gibt“. Auch von der 9. Plage sollen nur die „Ägypter“ und nicht das „Volk Israel“ betroffen gewesen sein (2. Mose 10, 22-23):

22 Und Mose streckte seine Hand gegen den Himmel aus: Da entstand im ganzen Land Ägypten eine dichte Finsternis drei Tage lang.

23 Man konnte einander nicht sehen, und niemand stand von seinem Platz auf drei Tage lang; aber alle Söhne Israel hatten Licht in ihren Wohnsitzen.

Dasselbe gilt für die 20. Plage, die folgendermaßen angekündigt wird (2. Mose 11,4-7):

4 Mose nun sagte zum Pharao: So spricht der HERR: Um Mitternacht will ich ausgehen und mitten durch Ägypten schreiten.

5 Dann wird alle Erstgeburt im Land Ägypten sterben, von dem Erstgeborenen des Pharao, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Sklavin hinter der Handmühle, sowie alle Erstgeburt des Viehs.

6 Da wird es ein großes Jammergeschrei im ganzen Land Ägypten geben, wie es noch keines gegeben hat und es auch keines mehr geben wird.

7 Aber gegen keinen von den Söhnen Israel wird auch nur ein Hund seine Zunge spitzen, vom Menschen bis zum Vieh, damit ihr erkennt, daß der HERR einen Unterschied macht zwischen den Ägyptern und den Israeliten.

Für beide Plagen gibt es nach Bauersachs (S. 196)

eine gemeinsame natürliche Erklärung, die sich … in Ägypten nicht nachvollziehen lässt, sondern wieder auf den Raum Chuzistan hinweist. Ich behandle deshalb beide Plagen gemeinsam; zur Erklärung wird ein Zeitsprung von diesmal rund 3.200 Jahren in den Februar 1991 n. Chr. nötig…

Sodann beschreibt Bauersachs die Situation , als die

irakischen Truppen Saddam Husseins … unter dem Druck der alliierten Streitkräfte aus dem besetzten Kuwait ab{ziehen} und … beim Verlassen des Landes sämtliche erreichbaren Öllager und Ölquellen in Brand {setzen}.

In seinem Buch zeigt Bauersachs (S. 197f.) am Tag aufgenommene Fotos, die von der einen Perspektive aus einen tiefschwarzen Himmel zeigen, von der entgegengesetzten Seite her aber ein bis hoch in den Himmel hinauf loderndes Feuer:

Von Wind angefacht brennt das Öl-Gasgemisch luvseitig (dem Wind zugewandt) als hell lodernde Flamme. Auf der windabgewandten Seite lagerten die Ägypter, hier bilden Rußpartikel schon unmittelbar am Brandherd eine undurchdringliche tiefschwarze Wolke. Der Lagerplatz des „Volkes Israel“ auf der Luvseite dagegen wurde vom Feuer des gleichen Brandes beleuchtet. Je großflächiger der Brandherd ist, desto beeindruckender ist die Verdunkelung auf der Leeseite des Feuers.

Für die biblischen „Ägypter“ im Bereich der Rußwolke war die Finsternis undurchdringlich und zum Greifen im Sinne des Wortes, den Feuerschein konnten sie nicht wahrnehmen. Eine Sonnenfinsternis reicht als alternative Erklärung nicht aus, sie dauert nur etwa 7 Minuten, eine globale Finsternis wäre nicht nur im Alten Testament, sondern auch in anderen Texten weltweit festgehalten worden.

Da Bauersachs (S. 196) dazu auf 2. Mose 14,20 verweist, geht er unausgesprochen davon aus, dass die Finsternis sich bereits auf eine Situation bezieht, in der sich die Exodus-Gruppe auf der Flucht befindet. Alle anderen Plagen können im Nachhinein als Vorboten der Katastrophe gedeutet worden sein, die jetzt stattfindet und den unterdrückten Fronarbeitern das Entkommen ermöglicht:

20 So kam sie {die Wolkensäule} zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels, und sie wurde dort Gewölk und Finsternis und erleuchtete hier die Nacht, so kam jenes Heer diesem die ganze Nacht nicht näher.

Bauersachs fragt sich hier zunächst, ob hier

die natürliche Nacht gemeint ist, oder ob die dichten Rauchwolken der Großbrände den Tag zur Nacht machten und so das „Volk Israel“ vor der unmittelbaren Verfolgung durch die Soldaten des „Pharao“ retteten. Dass „normale“ Nacht war, lässt die anschließenden Textstelle vermuten: Sie berichtet vom aufkommenden Sturm in dieser Nacht, der das Meer teilt {2. Mose 14,21}:

21 Und Mose streckte seine Hand über das Meer aus, und der HERR ließ das Meer die ganze Nacht durch einen starken Ostwind zurückweichen und machte so das Meer zum trockenen Land, und die Wasser teilten sich.

Dazu weiter Konrad Bauersachs (S. 199):

Ursache für diese verheerenden Brände ist die geologische Besonderheit der Region: Erdöl- und Gasvorkommen dicht unter der Erdoberfläche, verbunden mit der geologischen Aktivität der Arabischen Platte, die sich nach Nordosten gegen die Iranische Platte <98> schiebt. Ein schweres Erdbeben war einerseits Ursache für die 9. Plage „Finsternis“ und löst gleichzeitig auch die 10. Plage Tötung der „Erstgeburt“ aus {2. Mose 12,29-30}:

29 Und es geschah um Mitternacht, da erschlug der HERR alle Erstgeburt im Land Ägypten vom Erstgeborenen des Pharao, der auf seinem Thron saß, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen im Kerker, auch alle Erstgeburt des Viehs.

30 Da stand der Pharao nachts auf, er und alle seine Hofbeamten und alle Ägypter, und es entstand ein großes Jammergeschrei in Ägypten, denn es gab kein Haus, in dem nicht ein Toter war.

Aber warum blieb „das ‚Volk Israel‘ gänzlich verschont“, als „ein oder mehrere verheerende Erdbeben die Region“ heimsuchten? Dazu bietet nach Bauersachs die unterschiedliche Lebensweise der sesshaften Bevölkerung Elams und der zur Fronarbeit gezwungenen Kleinviehnomaden eine einleuchtende Erklärung:

Häuser stürzten ein und begruben die Bewohner unter sich…

Während die „Ägypter“ in gemauerten Häusern aus Lehmziegeln wohnten, lebten die Nomaden in Zelten oder schilfgedeckten Lehmhütten, so dass die Gefahr, in den „eigenen vier Wänden“ von herabfallenden Steinen getroffen zu werden, gering war.

Sicherlich fielen bei dem Beben zahllose Zelte in sich zusammen und begruben die Bewohner unter sich. Dies löste wohl kurzzeitig Panik aus, hatte aber keine lebensgefährlichen Folgen. Gefahr ging eher von herabfallenden Schilfdächern aus, die sich an offenen Feuern entzünden konnten. Das Vieh des „Volkes Israel“ hatte keine gemauerten Stallungen und wurde deshalb nicht von einstürzenden massiven Decken getötet, wie Vieh in fest gemauerten Ställen.

Gerade die Bauweise mit Lehmziegeln trug entscheidend dazu bei, dass zahlreiche „Ägypter“ in ihren Häusern von den Mauerziegeln erschlagen wurden: Beim Herabfallen kleiner Steine bilden sich keine Hohlräume, in denen man überleben könnte. Wenn (wie in Ägypten am Nil) Gebäude von hochgestellten Beamten aus großen Steinblöcken errichten werden, verkanten sich diese beim Einstürzen und bieten denen, die Glück haben, eine Überlebenschance in den entstandenen Nischen.

Für Bauersachs (S. 200) ist das „wohl schwierigste Problem der ägyptischen Plagen … die rätselhafte Tötung der ‚Erstgeburt‘“:

Dass bei einem Naturereignis nur die „ägyptischen Erstgeborenen“ sterben sollen, ist unmöglich; einstürzende Häuser begraben ohne Ansehen der Person jeden unter sich.

Zur Erklärung beruft sich Bauersachs auf eine hebräische Textanaly