Gottes Hand

Dorothea Steigerwald hat auf unterschiedliche Weise Gottes Hände gestaltet. Diese Skulptur hat mir eine Frau geschenkt, die keine Mutterliebe kannte, und die Vaterliebe, die sie erfuhr, brach ihr fast das Rückgrat, denn er verging sich an ihr. Doch es gab Menschen, die ihr zeigten: Gott hält mich trotz allem fest, richtet mich auf, ich kann neues Vertrauen zum Leben finden.

Dorothea Steigerwalds Figur: Geborgen in Gottes Hand

Dorothea Steigerwalds Figur: Geborgen in Gottes Hand (Foto: pixabay.com)

Gottesdienst am 30. Juli 2011 um 11.00 Uhr zum Sommerfest im Ensemble-Pflegeheim Gießen

Guten Morgen, liebe Bewohner und Gäste des Ensemble-Pflegeheims Gießen!

Ich bin Pfarrer Helmut Schütz von der Evangelischen Paulusgemeinde und begrüße Sie heute in einem besonderen Gottesdienst, den wir zum Auftakt Ihres Sommerfestes feiern! In der Zeitung las ich, dass Sie dieses Fest gemeinsam mit dem Gießener Tierschutzverein feiern und dass seit anderthalb Jahren eine schöne Zusammenarbeit mit diesem Verein besteht, unter dem Motto „Hand in Hand“.

Das hat mich angeregt, heute im Gottesdienst einmal über Gottes Hand nachzudenken. Wie erfahren wir Gottes Hand in unserem Leben? Gehen wir auch mit Gott „Hand in Hand“ durchs Leben? Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Gottes Hand sprechen?

Als erstes singen wir drei Strophen aus dem Lied 393, in dem es darum geht, dass wir als Kinder Gottes miteinander Hand in Hand durchs Leben gehen – und Gott, unser Vater, begleitet uns auf diesen Wegen:

6. Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Vater gehet mit; er selbst will bei uns stehen bei jedem sauren Tritt; er will uns machen Mut, mit süßen Sonnenblicken uns locken und erquicken; ach ja, wir haben’s gut, ach ja, wir haben’s gut.

7. Kommt, Kinder, lasst uns wandern, wir gehen Hand in Hand; eins freuet sich am andern in diesem wilden Land. Kommt, lasst uns kindlich sein, uns auf dem Weg nicht streiten; die Engel selbst begleiten als Brüder unsre Reihn, als Brüder unsre Reihn.

8. Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu; man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh. Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste, doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn, auf unsrer Liebesbahn.

Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit den Worten aus Psalm 95:

1 Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils!

2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen!

3 Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter.

4 Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein.

5 Denn sein ist das Meer, und er hat’s gemacht, und seine Hände haben das Trockene bereitet.

6 Kommt, lasst uns anbeten… den HERRN, der uns gemacht hat. Amen.

Gott, Schöpfer unserer Welt und Vater im Himmel, du hältst die ganze Welt in deiner Hand und bist die letzte Zuflucht in unserem Leben. In dir leben und weben und sind wir, ohne dich könnten wir nicht sein. Wir danken dir für alle Bewahrung in unserem Leben, für alle Menschen, deren Liebe wir erfahren, für alle Aufgaben, die zu bewältigen waren und sind. Wir freuen uns, dass wir ein Fest miteinander feiern und wünschen uns, dass es fröhlich wird, mit Unterhaltung und Musik. Amen.

Lied 619: Er hält die ganze Welt in seiner Hand
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Liebe Gemeinde,

Gottes Hände kommen oft in der Bibel vor.

In seiner Hand sind die Tiefen der Erde…, seine Hände haben das Trockene bereitet

– so haben wir es im Psalm 95, 4-5, gehört.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir

– so heißt es in Psalm 139, 5. Auf dem nächsten Liedblatt sehen Sie das Bild einer Skulptur von Dorothea Steigerwald (siehe das Bild oben). Sie hat auf unterschiedliche Weise Gottes Hände gestaltet, hier zum Beispiel große Hände, die ein kleines Kind behüten, so dass es geborgen leben kann, den Rücken gestärkt bekommt, aufrecht gehen kann und zuversichtlich in die Welt blicken kann. Ich habe diese Skulptur einmal geschenkt bekommen von einer Frau, die es nicht leicht hatte in ihrem Leben. Sie hatte keine Mutterliebe erfahren, und die Vaterliebe, die sie erfuhr, brach ihr fast das Rückgrat, denn er verging sich an ihr. Doch es gab Menschen im Leben dieser Frau, die ihr zeigten: Gott hält mich trotz allem fest, Gott richtet mich auf, ich kann neues Vertrauen zum Leben finden.

Ich weiß nicht, was Sie alles in Ihrem Leben durchgemacht haben. Viele werden ebenfalls die Erfahrung gemacht haben, dass es zwar schwere Zeiten gab, mühsame Arbeit und Krankheit, auch Krieg und Entbehrungen, dass aber Gott Sie trotzdem niemals im Stich gelassen hat. Diese Erfahrung: Gott vergisst mich nicht und lässt mich nicht fallen, lässt viele Menschen an die Hände Gottes denken, die uns auffangen. So kannst du zum Beispiel mit Psalm 63, 9 beten:

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

Das heißt: Du fällst nie tiefer als in Gottes Hand. Seine starke Hand hält dich ganz fest.

Und dem Propheten Jesaja 49, 15-16, hat Gott selbst dieses sehr schöne Wort gesagt:

[Ich] will … deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.

Gott handelt also wie einer, der sich die Telefonnummer seiner Liebsten in die Handfläche schreibt, weil er kein Papier dabei hat; natürlich bräuchte er eigentlich kein solches Hilfsmittel, aber wenn wir uns Gott so vorstellen, dann erkennen wir ihn so, wie er ist: menschenfreundlich, fürsorglich, vertrauenswürdig, liebevoll.

Lied 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Nun sagen manche Leute: Gott hilft nicht immer. Er lässt auch viel Leid zu. Sind nicht manche Menschen bei Gott doch vergessen?

Andere sagen: Ich will gar nicht von Gott festgehalten werden. Das ist mir zu eng. Ich brauche meine Freiheit.

Tatsächlich ist Gott einer, der zwar Geborgenheit gibt, aber der nicht klammert. Er will uns in die Freiheit führen und traut uns Menschen viel zu. Vor allem traut er uns zu, dass wir Menschen einander helfen. Die große Theologin Dorothee Sölle hat einmal gesagt: „Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände“, durch uns will er die Erde menschlicher machen.

Schauen Sie das Bild auf dem nächsten Liedblatt an: Da befindet sich auch ein Mensch in der Hand Gottes, aber er steht freihändig auf dieser Hand. Sieht er nicht so aus, als ob er voller Energie wäre, um etwas anzupacken, was zu tun ist? Er schaut nach oben, vielleicht um Gott für sein Leben zu danken, vielleicht beschwert er sich auch bei Gott über irgendetwas. Auf jeden Fall scheint er mit Gott zu reden.

Er ist getragen von Gottes Hand, er fällt nicht aus ihr heraus, aber diese Hand erdrückt ihn nicht, sie lässt ihm Freiheit.

Welches Bild gefällt Ihnen besser? Das Bild mit der Geborgenheit oder das Bild mit der Freiheit? Oder beide je nachdem?

Viele von Ihnen würden sich vielleicht wünschen, dass sie auch noch so ohne Probleme mit eigenen Füßen auf Gottes Erde herumturnen könnten, wie dieser Mensch auf der Hand es anscheinend kann. Aber wenn das nicht mehr geht, ist man vielleicht zufrieden, wenn man sich mit dem Rollator noch einigermaßen sicher und selbstständig fortbewegen kann. Und wer noch sicherer auf den Beinen ist, unterstützt die anderen, damit sie ohne Probleme zum Beispiel hierher kommen können.

Auf der anderen Seite ist es sehr schön, wenn man das Gefühl hat: Ich bin hier im Haus gut aufgehoben bei Menschen, die sich liebevoll um mich kümmern, auch wenn meine Kräfte mehr und mehr nachlassen. Und wenn hin und wieder jemand vom Tierschutzverein kommt und einen Hund mitbringt, der einen großen Streichelbedarf hat, dann können sich Mensch und Tier gegenseitig eine große Freude sein.

Gottes Hand fängt uns auf, schenkt uns Geborgenheit und Freiheit, je nachdem. Und oft braucht er uns Menschen dazu, damit wir einander Geborgenheit und Freiheit gegenseitig geben.

Ein Letztes möchte ich erwähnen. Der Prediger Salomo sagt einmal (Prediger 2, 24):

Ist’s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem Mühen? Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt.

Aus der Hand Gottes kommt also auch alles, was wir an Gutem auf dieser Erde genießen können. Zum Beispiel das Essen und Trinken heute beim Fest; jede Freundschaft, jede Verbundenheit in der Familie. Die Begegnungen zwischen den Menschen hier im Haus und dem Tierschutzverein gehören ebenso dazu wie die alltäglichen Kontakte in der Pflege, am Mittagstisch, in der Cafeteria oder bei unserem Gottesdienst. Aus Gottes Hand kommt viel Gutes; wichtig ist nur, wie es in unserem Bibelspruch heißt, dass wir unsere Seele dieses Gute auch sehen lassen bei all unseren Mühen. Oft sehen wir nur den alltäglichen Ärger, das Gute ist uns selbstverständlich. Natürlich ist das Leben oft hart und mühselig; trotzdem ist auch Gutes da, das unsere Seele stark und fröhlich macht. Zum Beispiel ein Fest wie heute, das Sie hoffentlich genießen und von dem Sie in der Erinnerung später noch zehren. Amen.

Wir singen aus dem Lied 374 die Strophen 1, 2 und 5:

1. Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2. Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

5. Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht; er bleibet meine Zuversicht, ich will ihn ewig preisen.

Gott, du erfüllst unser Leben mit Glauben, mit Liebe, mit Hoffnung. Darauf vertrauen wir, darauf hoffen wir, davon leben wir. Gott, du hilfst uns, auch die Durststrecken auszuhalten, die es in jedem Leben gibt. Du trägst und führst uns, auch wenn wir durch finstere Täler gehen. Und wenn wir Grund zur Freude haben, wenn wir ein fröhliches Fest feiern so wie heute, dann lass uns genießen, was du uns schenkst – und lass uns dankbar sein.

Gebetsstille und Vater unser

Zum Schluss singen wir ein Lied von Gottes Händen, das in diesem Jahr genau fünfzig Jahre alt geworden ist, Nr. 424:

Deine Hände, großer Gott, halten unsre liebe Erde

Gott segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

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