Im hundertsten Lebensjahr

Trauerfeier für eine Frau, die in ihrem hundertsten Lebensjahr im Vertrauen auf Gott gestorben ist und sich eine Ansprache zu diesem Pauluswort gewünscht hat: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

Die Hand einer um die hundert Jahre alten Frau

Die Hand einer um die hundert Jahre alten Frau (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind versammelt, um den letzten irdischen Weg zu gehen mit Frau N., die in ihrem 100. Lebensjahr gestorben ist. Es ist ganz natürlich, wenn es weh tut, von ihr nach so langer Zeit Abschied nehmen zu müssen, doch wir klagen nicht über ihren Tod, der eine Gnade war; in diesem Trauergottesdienst soll die Dankbarkeit im Vordergrund stehen: Lob und Dank an den Gott, von dem sich Frau N. in ihrem Leben geführt wusste, der sie auch im Sterben nicht allein gelassen hat und sie hinüberleitet in sein ewiges Reich.

Was uns nach dem Tode von Frau N. bewegt, mag am besten in ganz alten Gebetsworten ausgedrückt werden, in den Worten des 103. Psalms:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsere Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

20 Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!

21 Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den Herrn, meine Seele!

Liebe Trauergemeinde!

Von einem starken Lebenswillen getragen, hat Frau N. bis ins hundertste Lebensjahr hinein die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens durchlebt, durchliebt, ja auch durchlitten und durchgestanden. Sie hat ein Leben geführt, das zur Dankbarkeit herausfordert trotz mancher Schicksalsschläge, ein erfülltes Leben, wie es im Buche steht, ja, wirklich, sie dürfte fest auf die Zusage Gottes vertraut haben (Lukas 10, 20):

Freut euch…, dass eure Namen im Buch des Lebens verzeichnet sind!

Sie selbst hat gewünscht, dass ein Bibelvers aus dem Römerbrief des Paulus dieser Ansprache zugrundeliegen soll. Er lautet (Römer 12, 12):

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Trübsal gab es wahrlich viel, die geduldig durchzustehen war; beharrlich musste eine Frau sein, der große Verantwortung aufgebürdet wurde; aber es ist durchaus nicht selbstverständlich in unserem Jahrhundert, dass jemand eine fröhliche Hoffnung im Glauben findet und beharrlich am Beten festhält, auch wenn Schicksalsschläge alles zu zerstören scheinen, woran das Herz gehangen hat.

Wir müssen weit zurückgehen, um auch nur einen kleinen Überblick über das Leben der Verstorbenen zu gewinnen, in dem die positive Grundeinstellung zum Leben überwog – fröhliche Hoffnung, Geduld in der Trübsal, beharrliches Festhalten an einem kindlich anmutenden Glauben.

N. verlebte im Kaiserreich ihre gesamte Kindheit und Jugendzeit, verliebte sich in der Zeit, als die Eisenbahn schon fuhr, in einen jungen Mann und heiratete ihn. Damit begann eine lange Familiengeschichte mit freudigen und traurigen Ereignissen, die sich bis heute über acht Jahrzehnte erstreckt und deren Einzelheiten nicht alle ausgeführt werden sollen. Erwähnt sei, dass Frau N. ihre Aufgabe als Bäuerin mit Leib und Seele ausfüllte und sich über all die Jahrzehnte hin auch schwierigen Anforderungen gewachsen zeigte, die in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb mit viel Personal auftreten können. Ob im Umgang mit den Feldarbeitern, die mit an ihrem Tisch saßen, oder in der Erziehung ihrer Kinder und Enkel – Frau N. verstand es, sich durchzusetzen, war stets sehr beherrscht und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, ganz gleich, was passierte. Sie war zufrieden, wenn sie dafür sorgen konnte, dass alles in Ordnung war.

Dem Ehepaar N. war ein langes Eheleben vergönnt, obwohl Frau N. ihren Mann um Jahrzehnte überlebt hat. Die beiden erlebten aber noch ihre Goldene Hochzeit. Ein langes Leben mag eine Gnade sein, aber schwer war es für Frau N., dass sie auch alle ihre Kinder überlebt hat. So behielt sie trotz ihres bereits vorgerückten Alters auf dem Hof ein Großteil der Verantwortung in der Hand und spielte eine wichtige Rolle in der Erziehung einiger ihrer Enkel.

Erst viel später, als die Enkel erwachsen geworden waren, begann ein neuer Lebensabschnitt für Frau N. – dadurch geprägt, dass nicht mehr eine so schwere Last der Verantwortung auf ihren Schultern lag. Die Urgroßmutter wurde von einer neuen Generation der Kindeskinder zwar als ein „herber Typ“ erlebt, aber sie konnte mit ihren Urenkeln auch freier und zärtlicher umgehen und ihnen süße Geheimnisse aus ihrer Jugendzeit erzählen. Umgekehrt haben die Kinder der Uroma vorgelesen, als sie nicht mehr gut sehen konnte. Sie gehörte eben nach wie vor einfach zur Familie dazu. Mittlerweile sind sogar noch Ururenkel geboren worden.

Dadurch, dass einige ihrer Enkel ins Ausland gezogen waren, wurde Frau N. noch im hohen Alter zur „Weltenbummlerin“. Sie überstand Seefahrten bei hohem Seegang wie ein Fels in der Brandung und begann mit über 80 Jahren, Reisen mit dem Flugzeug zu unternehmen. Sie fühlte sich zu Hause, wo sie einen Teil ihrer Familie besuchen konnte. In jüngeren Jahren war ihre Reiselust mehr aufs Wandern im näheren Umkreis beschränkt gewesen.

Als Frau N. in den letzten Jahren mehr und mehr auf Pflege angewiesen war, zog sie in ein Altenheim. Geistig nach wie vor klar und rege, empfing sie hier oft und gern lieben Besuch und erzählte von den alten Zeiten. Mehr und mehr setzten ihr jedoch auch Schicksalsschläge der letzten Zeit zu. Im Frühjahr stand es nach einem Krankenhausaufenthalt gar nicht gut um sie; trotzdem konnte sie noch ihren 99. Geburtstag in geistiger Frische feiern, wobei sie ein letztes Mal ihre große Familie um sich scharen konnte, was sie so sehr liebte.

Nach einem schweren Schlaganfall konnte Frau N. seit einigen Wochen kaum noch mit der Umwelt Kontakt aufrechterhalten. Sie hatte ja schon lange um einen gnädigen Tod gebetet, aber sich damit abgefunden, dass der liebe Gott sie noch nicht zu sich holen wollte. Nun ist ihr Gebet doch recht bald erhört worden. Ich bin mir sicher, dass sie dorthin gegangen ist, wo sie hinzukommen glaubte, nämlich zu Gott – in sein ewiges Reich, wie auch immer wir es uns vorstellen mögen. Sie ist nicht ins Nichts verschwunden, sie bleibt in den Gedanken Gottes oder im Buch des Lebens unvergessen.

Frau N. hatte ein einfaches Gottesbild und eine einfache Vorstellung vom Himmel. Sie hatte nach dem Tode ihrer Söhne und ihres Mannes im Geiste weiter mit ihnen gelebt, sich vorgestellt, sie würden sie von oben herab sehen, genau wie der liebe Gott selber. Die Bibel sagt nichts gegen solche einfachen Bilder von Gott und vom Himmel. Wir sollen uns nur hüten, solche Bilder absolut zu setzen und anderen Menschen aufzuzwingen. Gott kann auch noch ganz anders sein, als wir ihn uns vorstellen, vor allem wenn wir annehmen, wir hätten den Glauben an ihn sozusagen fest in der Tasche. Aber andererseits kommen wir nicht ohne bildliche Ausdrucksweisen aus, wenn wir religiöse Wahrheiten beschreiben wollen.

Manchmal sind es knappe, kraftvolle Kernsätze der Bibel, die allgemein verständlich sind und in denen sich viele von uns wiederfinden können. Der Spruch, den Frau N. selbst für diese Feier ausgesucht hat, ist solch ein Kernsatz (Römer 12, 12):

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Dieser Satz drückt nicht nur aus, woher die innerste Stärke von Frau N. ihr ganzes Leben hindurch gekommen sein mag, sondern er gibt auch Hinweise für unseren eigenen Umgang mit traurigen Ereignissen und die Bewältigung unseres Lebens.

Hoffnung heißt: immer über das hinaus denken, was vor Augen ist. Sich selbst etwas zutrauen, auch wenn die Angst vor dem Scheitern lähmt. Niemanden aufgeben, da auch Gott keinen im Stich lässt.

Mit der Geduld tun wir uns manchmal schwer. Wir sind es gewohnt, zu machen, aktiv zu sein, etwas zu bewirken. Aber es gibt auch Situationen, in denen wir damit nicht weiterkommen. Manchmal kommt es darauf an, warten und loslassen zu können, Macht- und Hilflosigkeit aushalten, die geballten Fäuste oder die leeren Hände öffnen zu können, die Tränen fließen lassen zu können. Erst dann sind wir bereit, Neues zu empfangen; dann sind wir auch offen für Liebe, die uns jemand schenken will.

Schließlich das Gebet. Damit tun sich moderne Menschen am schwersten. Gebet setzt voraus, dass ein Gegenüber da ist, das uns hört. Die Kraft, die das Weltall im Innersten zusammenhält und überhaupt erst ins Dasein gerufen hat, das soll sozusagen eine personhafte Macht sein, die zu uns winzigen Menschen im riesengroßen All Kontakt aufnimmt? Juden und Christen sagen: „Ja, so ist es!“ Gott redet zu uns, durch Propheten und Apostel, durch das Volk Israel und durch Jesus, durch Bibel und Predigt, durch jede Begegnung mit einem echten Juden oder Christen, an dessen Verhalten ich ablesen kann, wie sein Glaube ihn prägt.

Und im Gebet können wir dieser Macht dann antworten, diesem Gott, der uns gegenübertritt, wie ein Mensch, der uns liebhat, wie eine tröstende Mutter, wie ein stützender Vater, wie ein begleitender Freund. Nicht wie ein Zauberer oder Gewaltherrscher begegnet er uns, sondern in der unscheinbaren Gestalt eines Menschen, der sich uns ausliefert, sich sogar unter uns Menschen demütigen und kreuzigen lässt. Er gibt die fröhliche Hoffnung nicht auf, dass wir ihn doch noch verstehen. Er wartet geduldig unter Trübsalen darauf, dass wir endlich uns ihm öffnen.

Ja, Gott hört unsere Gebete, auch wenn er nicht alle unsere Wünsche nach unserem Geschmack erfüllt. Denn wenn wir uns auch Gott als unseren Vater vorstellen können, wir bleiben doch nicht seine ständig von ihm abhängigen Kleinkinder. Verantwortung traut er uns zu, uns, seinen erwachsenen Söhnen und Töchtern. Fühlende, auch mitfühlende Wesen sollen wir sein, die einander beistehen; denkende Wesen, die sich auch mitverantwortlich fühlen für den Teil der Schöpfung, der in unsere Hand gegeben ist.

So viel zu dem Spruch, den Frau N. uns für die heutige Trauerfeier vorgegeben hat. Nun gilt es, die Erinnerungen an sie, all die Begegnungen mit ihr, die Prägungen durch sie, in einem guten Sinne zu bewältigen. Wenn wir Traurigkeit empfinden, können wir Menschen unseres Vertrauens aufsuchen, um unser Herz auszuschütten. Mit unserer Dankbarkeit für vieles, was uns mit der Verstorbenen gegeben war, können wir zu Gott kommen. Und wenn wir spüren, dass wir einander etwas schuldig geblieben sind, dann können wir Gott dafür um Vergebung bitten. Zugleich ist es wichtig, dass wir uns fragen, woher wir in Zukunft bekommen können, was wir entbehren, was wir lebensnotwendig brauchen. Ohne Liebe, ohne Unterstützung von Menschen, die uns akzeptieren, uns etwas zutrauen, könnten wir nicht leben. Die Bibel sagt uns, dass niemand zu kurz kommen muss. Lebenserfüllung ist für jeden möglich. Denn was unser Leben erfüllt, ist Glaube, Hoffnung und Liebe. Deshalb also, ich wiederhole es noch einmal, spricht Paulus uns mit seinen berühmten Worten Mut zu (Römer 12, 12):

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Amen.

Gott, wir vertrauen Dir die verstorbene Frau N. an. So lange hat sie gelebt, sie war immer da, der Abschied von ihr fällt doch schwer, auch wenn wir sagen: sie hat doch auf jeden Fall ein gesegnetes Alter erreicht. Wir bringen vor Dich alles, was uns bewegt; hilf uns, alles zu bewältigen, was in uns ist, was uns belastet, was uns daran hindern will, fröhlich, getrost, in Liebe und Geduld zu leben. Amen.

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