Schwarz sehen

Jesaja sieht das Finstere, aber er sieht nicht schwarz. Ein Licht scheint in die Finsternis. Er kündigt Freude an in kaum glaublichen Bildern: Er sieht die Sklaverei beseitigt, die wie ein Joch war, sieht den Stock zerbrochen, mit denen die Unterdrücker ihre Fronarbeiter angetrieben hatten. Militärstiefel und Soldatenmäntel werden verbrannt; es wird nicht mehr marschiert und nicht mehr Blut vergossen.

Schwarze Sonnenbrille

Schwarz sehen durch eine dunkle Sonnenbrille (Bild: pixabay.com)

Gottesdienst an 25. Dezember 1981 um 9.30 in Heuchelheim, 10.30 in Reichelsheim, am 26. Dezember 1981 um 10.00 in Dorheim, 11.00 in Dorn-Assenheim
Lieder aus dem EKG:
21, 16: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich
27, 1-3+6: Fröhlich soll mein Herze springen
27, 7-9: Die ihr schwebt in großem Leide
456, 1-3: O du fröhliche
Gnade und Friede von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Herrn sei mit uns allen. Amen.

Ich lese den Predigttext aus Jesaja 9, 1-6:

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen gegangen ist: ich habe, als ich diesen Predigttext vorgestern für diese Predigt ansah, zuerst an das polnische Volk denken müssen. Ein Volk, das im Finstern wandelt, Stiefel, die mit Gedröhn einhergehn – da habe ich die Bedrängnis der Menschen in Polen vor mir gesehen, die einen neuen Weg einzuschlagen versuchten, der nun auf blutige, gewaltsame Weise versperrt worden ist, die Ausweglosigkeit der Menschen, die an notwendigsten Dingen Mangel leiden, mitten im Winter. Aber ob die Polen auch den anderen Teil des Textes mitsprechen könnten? Das Volk sieht ein großes Licht? Du machst groß die Freude? Du hast ihr drückendes Joch zerbrochen? Das ist ja gerade nicht der Fall. Alle Hoffnung, die aufgekeimt ist, scheint ja vielmehr zerstört worden zu sein.

Viele, besonders ältere Menschen, mit denen ich spreche, würden auch von unserem Volk sagen, dass es im Grunde im Finstern wandelt. Vieles sei nicht mehr so gut wie früher, man achte nicht mehr so sehr auf die inneren Werte, sondern lege mehr Wert auf das Äußere; die Jugend habe materielle Dinge im Überfluss, leide aber an mangelnder Zuwendung. Und wenn manche von Ihnen die Nachrichten im Fernsehen verfolgen, bekommen Sie den Eindruck, dass viele zerstörerische Kräfte am Werk sind, dass Recht und Ordnung nicht mehr die Gültigkeit haben wie früher. In den Schulen und in den Gemeinden hat sich manches geändert: der Respekt vor früher unantastbaren Autoritäten wie Lehrer, Pfarrer oder älteren Menschen überhaupt ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die Kirche gehört auch nicht mehr selbstverständlich in das allsonntägliche Leben der meisten Familien hinein.

Die Entwicklung in Polen und die Entwicklung in unserem Land werden von verschiedenen Seiten sehr unterschiedlich gesehen; die soziale Krise dort und die Veränderungen, die sich im öffentlichen Leben hier zeigen, sind jedoch für viele Menschen Anlass genug, um schwarz zu sehen: Ein Volk, das im Finstern wandelt. Anfügen könnte ich noch, dass auch sehr viele einzelne von ihrem konkreten Schicksal aus Grund genug haben, um für sich selbst nur eine dunkle Zukunft zu sehen – wer nach arbeitsreichem Leben im Alter plötzlich durch Krankheiten aus der gewohnten Bahn geworfen wird, wer keinen Ausweg erblickt aus einer verfahrenen Beziehung zum Ehepartner oder zu anderen Verwandten, zu Nachbarn oder anderen Menschen, an denen einem eigentlich sehr gelegen ist, wer sich nicht anerkannt fühlt, wer einsam geworden ist, wer glaubt, dass sein Leben verpfuscht sei, wer seelisch an sich selbst und seiner Umwelt kaputt geht. Grund zum Schwarzsehen haben viele, und gerade Weihnachten wird es sehr vielen noch bewusster als sonst, gerade Weihnachten bringen sich mehr Menschen um als sonst, bringen sich um in einem doppelten Sinn: sie morden sich und sie bringen sich um die Chance, die sie haben, zu leben, zu leben für sich und andere.

Schon das Immer-nur-schwarz-Sehen selbst ist eine abgeschwächte Form des Sich-Umbringens, des Sich Bringens um die Erfahrungen von Leben, die doch noch möglich sind. Davon will ich in dieser Predigt reden: dass doch noch Leben möglich ist.

Jesaja sieht zwar das Finstere, aber er sieht auch, dass ein Licht in das Finstere scheint. Er kündigt Freude an in kaum glaublichen, ungeheuer plastischen Bildern: er sieht die Bauern vor sich, die um ihre Ernteerträge bangen mussten, wie sie sich freuen, wenn die Ernte eingebracht ist. Er sieht die Jäger vor sich, die Erfolg hatten und ihre Beute miteinander teilen. Er sieht die Sklaverei beseitigt, die wie ein Joch war, das einem Gespann Ochsen auf den Schultern lastet, und sieht den Stock zerbrochen, mit denen die Unterdrücker ihre Fronarbeiter angetrieben hatten. Militärstiefel und Soldatenmäntel werden vor seinem geistigen Auge verbrannt; es wird nicht mehr marschiert und nicht mehr Blut vergossen.

Wie kommt Jesaja zu solchen Bildern in einer Zeit, in der die Unterdrückung, die Fremdherrschaft über Israel noch lange nicht vorbei war? Jesaja denkt an ein Kind, das geboren wird, an einen Sohn, der nach den Titeln, die ihm beigelegt werden, der Gesandte Gottes, der Messias, ja Gott selber sein muss: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Die christliche Kirche hat diesen Text auf Jesus bezogen: er ist für die Menschen wie das Licht in der Finsternis, er ist die Hoffnung in auswegloser Lage. Einer seiner Namen ist Wunder-Rat: er ist einer, der nicht nur Ratschläge gibt, die man befolgen kann oder auch nicht, die richtig sein können oder falsch, sondern bei ihm finden wir Rat vor allem dann, wenn uns das Wunder klar wird, dass wir von ihm, von Gott geliebt sind, dass er uns, dass er genau mir etwas zutraut, dass ich selber Rat wissen kann für mich, dass ich nicht nur schwarz sehen muss, dass ich einen Lichtblick selber sehen kann, wenn ich die Augen richtig aufmache. Ein anderer Name ist Gott-Held – ein seltsamer Kontrast tut sich da auf zwischen dem Bild, das wir von einem Helden haben, der z. B. als Soldat, wie es ihm bescheinigt worden ist – für das Vaterland gefallen ist, und dem Bild, das wir von Jesus haben, der sich geweigert hat, mit der Waffe in der Hand seinen Gegnern entgegenzutreten. So wird durch Jesus der Begriff „Held“ selbst umgedeutet: Held ist der, dessen Sanftmut und Gewaltverzicht und scheinbare Schwäche und Unterlegenheit den längeren Atem hat als die Gewalt der Mächtigen und der Spott der Zyniker und die Mutlosigkeit der Schwarzseher. Dann wird Jesus Ewig-Vater genannt: in dem Menschen Jesus, in dem Baby in seinen Windeln, das sich in der irdischen Zeit entwickelt zum Kind, zum Jugendlichen und zum Erwachsenen, in diesem in der Zeit lebenden Menschen kommt etwas zur Geltung in unserer Welt, was von außerhalb der Grenzen unserer Zeitlichkeit kommt: er ist ein Abgesandter des ewigen Gottes, sein Wesen ist ein Abglanz Gottes, des Vaters, so wie Jesus war, so dürfen wir uns Gott, den Vater, in seiner Eigenart vorstellen.

Ein Friede-Fürst ist dieser Abgesandte Gottes – nicht einer nach dem Muster des Kaisers Augustus, für den das Besetzen eines Landes gleichzusetzen war mit dem Befrieden dieses Landes, oder nach dem Muster moderner Militärdiktaturen, für die die Herstellung von Ruhe und Ordnung im Land bedeutet, kritische Strömungen zu unterdrücken. In dem Text eines modernen Liedes wird ausgedrückt, worum es geht: „Dein Friede kommt nicht durch Gewalt, von oben nicht und nicht von selbst: Du willst durch uns Frieden schaffen, Gerechtigkeit, Liebe, dein Reich!“

Mit jedem, der aus dem Gewaltkreislauf aussteigen will, macht Jesus seinen neuen Anfang. Er zwingt keinen, er lädt ein. Mit jedem, der fragt, an welcher Stelle kann ich die Welt für andere etwas freundlicher machen? geht Jesus die ersten Schritte. Jeden, dem an echter Liebe zu den ihm Nahestehenden gelegen ist, ermutigt Jesus, von geheuchelten Gefühlen Abschied zu nehmen. Jeder, der durch ungerechte Verhältnisse in Unruhe versetzt worden ist, sieht sich durch Jesus aufgefordert, sich ja nicht zu schnell zu beruhigen. Schwarzseher fordert er auf, sich endlich die schwarze Sonnenbrille abzusetzen, die Sonnenbrille der Gnadenlosigkeit und des Unglaubens, die Brille, durch die man natürlich nichts von einem Stern in der dunklen Nacht mitbekommen kann. Ohne Gott, ohne den Gott des Kindes in der Krippe sähe unsere Welt wirklich im Letzten rabenschwarz aus. Ich meine, ohne die Aussicht, dass diese Welt eine Richtung haben könnte auf Liebe und Hoffnung und Erfüllung hin. Mit Gott, mit einem noch so schwachen Glauben an die Liebe Gottes ist jeder kleinste Lichtblick im finsteren Schicksal Grund genug, um Hoffnung zu schöpfen und sich zu fragen: was kann ich jetzt tun? Was ist jetzt, an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt meine vielleicht sehr bescheidene, aber wichtige Aufgabe? Was kann ich mir zutrauen? Was kann ich mir gönnen? Wie kann ich jetzt am besten für mich sorgen? Was ist im Augenblick notwendig für einen anderen zu tun?

Wenn wir uns so fragen, packt uns die Mutlosigkeit nicht mehr so sehr, als wenn wir nur auf die großen Ereignisse blicken und unsere kleinen Kräfte dagegen sehr gering einschätzen. Wenn wir auf die zähen Verhandlungen um die Rüstung blicken, die weit entfernt von uns ablaufen, wenn wir auf Polen schauen, wo Hoffnungen begraben werden, dann kann einem der Mut schon sinken. Wenn man sieht, wie Politiker fast aller Parteien versucht haben, das Recht zu umgehen, um einige ihrer Spitzenpolitiker von schon begangenem Steuerbetrug reinzuwaschen, kann man das Vertrauen in viele Volksvertreter verlieren, zumal man von den gleichen Leuten noch vor einigen Monaten gehört hat, dass man Hausbesetzungen z. B. als schlimmen Rechtsbruch auf keinen Fall hinnehmen dürfe. Immerhin werden durch Hausbesetzungen noch öffentliche Missstände um die Spekulation mit Grund und Boden und mit Wohnungen angeprangert. Aber die Politiker meinen das Gesetz um persönlicher Interessen willen brechen zu dürfen.

Trotzdem: wenn wir uns empören über etwas, was andere getan oder nicht getan haben, dann wird unsere Empörung weniger fruchtlos sein, wenn wir uns fragen, was wir tun können. Dann werden wir der dunklen Wirklichkeit nicht noch mehr dunkle Flecken hinzufügen. Dann werden wir im Licht des Sterns, der uns begleitet, doch etwas mehr Helligkeit sehen. Dann werden wir die Möglichkeiten ergreifen, die auf unserem Lebensweg liegen, und werden wirklich unser Leben leben, statt es in dauerndem Schwarzsehen zu verpassen. Dann werden wir auch dazu beitragen, dass es im Leben anderer Menschen heller wird. Vielleicht werden wir auch, je nach unseren Möglichkeiten, unser Teil mit zu einem öffentlichen Protest beitragen, z. B. gegen Machenschaften, wie unsere Parteien sie im Augenblick vorhaben. Oder wir werden unser Teil zur Hilfe für die Bevölkerung in Polen oder über Brot für die Welt in anderen Teilen der Welt beitragen. Und wenn Ältere sich ärgern über vieles, was die jungen Leute heute so unbekümmert anders sehen, oder wenn es umgekehrt Ärger gibt, so können wir uns doch dann freuen, wenn einzelne Beispiele zeigen, dass es auch anders geht, wenn wir versuchen, unvoreingenommen auf bestimmte junge oder alte Leute zu hören und nicht pauschal alle über einen Kamm scheren. Wir können etwas tun, um nicht ganz schwarz zu sehen.

Ich will es noch einmal mit Worten aus einem neuen Lied sagen: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein. Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar. Bist du der eignen Rätsel müd? Er kommt, der alles kennt und sieht! Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild. Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit. Schreckt dich der Menschen Widerstand, bleib ihnen dennoch zugewandt. Denn: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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