„Hoffnung lässt nicht zuschanden werden“

Wer in einer Zeit schwerer Herausforderungen zu Gott schreien kann: „Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, säume doch nicht!“ der mag auch gegen allen äußeren Augenschein an der Zuversicht festhalten können: „Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.“

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden: Das Relief der 40 Märtyrer von Sebaste aus dem Bodemuseum

Die 40 Märtyrer von Sebaste, Bodemuseum, Bild: Andreas Praefcke [Public domain], via Wikimedia Commons

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Dienstag, 10. März 2015

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, die heutige Losung steht im Psalm 40, 18:

Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, säume doch nicht!

Dazu hat die Herrnhuter Brüdergemeine das neutestamentliche Wort aus dem Brief an die Römer 5, 5 gestellt:

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.

Zwei knappe Verse, die auf den Punkt bringen, was wir von Gott erwarten dürfen: Hilfe, Errettung, Befreiung, Hoffnung. Wir dürfen Gott sogar im Gebet bedrängen, Geduld ist zwar eine christliche Tugend, aber wenn wir beten: „Gott, gib mir Geduld, aber bitte schnell!“, dann ist uns Gott jedenfalls deswegen nicht böse. „Mein Gott, säume doch nicht!“, lass dir nicht zu viel Zeit, kümmere dich auch um mich. Wir sind Gott wichtig genug, um so beten zu dürfen.

Nun könnten wir allerdings fragen: Brauchen wir Gottes Hilfe und Errettung eigentlich so nötig? Geht es uns, die wir hier zusammen sitzen, nicht in der Regel so gut, dass wir Gott nicht so dramatisch anflehen müssten? Ist es nicht eher so, dass wir uns immer wieder bewusst machen sollten, wie die 97-jährige Frau im Seniorenheim, die nicht mehr gut sehen kann und im Gegensatz zu früher jetzt manchmal schlechte Laune hat, dass es ihr immer noch besser geht als vielen anderen Leuten? Dann ist Erinnerung an Gottes gute Gaben und Dankbarkeit angebracht.

Auf der anderen Seite, wenn es uns dann wirklich einmal schlecht geht oder wenn wir hautnah mitbekommen, wie ein Mensch verzweifelt, wie er aus seelischen Teufelskreisen nicht herauskommt, dann werden wir oft kleinmütig und kleingläubig. Wir fragen, wie Gott das zulassen kann, womit wir das verdient haben. Und manch einer gibt sich sogar selber die Schuld für sein Schicksal und sperrt sich gegen jede Vergebung, weil er sein eigenes Verhalten für unerträglich und unvergebbar hält. In solchen Momenten wird die Losung dann plötzlich brisant: „Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, säume doch nicht, einem so verzweifelten Menschen beizuspringen!“

Und wenn ein Mensch sich nicht helfen lassen will oder kann? Dann mag ich für mich selber beten: „Lass wenigstens mich in der Begleitung dieses Menschen die Hoffnung nicht verlieren. Lass mich nicht denken: Dann ist eben alle Liebesmüh vergeblich! Nein, die Hoffnung, die du schenkst, lässt nicht zuschanden werden, sie ist stärker als unsere menschlichen Hoffnungsversuche.“

In mancher Verzweiflung ist vielleicht ein falscher Stolz versteckt, der sich nicht helfen lassen mag, weil man es als beschämend und demütigend empfindet, nicht alles allein bewältigen zu können. Es ging doch immer, ich habe mich doch allein durchkämpfen müssen, ich hätte doch sonst nicht überlebt! Ein solches Lebensmuster kann über viele Lebensjahrzehnte funktionieren. Aber wenn jemand nicht mehr auf Dauer 150-prozentige Kräfte aufbringen kann, wenn die ganze Welt zusammenbricht, die er sich aufgebaut hat, dann scheint es keinen Ausweg mehr zu geben: es drohen Burn-Out, Depression, Arbeitsunfähigkeit, die Gefahr, sich umzubringen…

Unsere heutigen Losungstexte sind von Menschen in der Bibel aufbewahrt worden, die solche oder ähnlich schwere Schicksale erfahren haben. Wer zu Gott sagen kann: „Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, säume doch nicht!“ der mag auch gegen allen äußeren Augenschein an der Zuversicht festhalten können: „Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.“

Noch etwas ist mir im Pfarrerkalender zum heutigen Datum aufgefallen. Heute ist der Todestag der 40 Ritter von Sebaste. Ich kannte die bisher auch nicht, habe aber gegoogelt, um wen es sich dabei handelt.

Es war an einem 9. März zwischen 320 und 323 in Sebaste in Unterarmenien, heute Sivas in der Türkei. 40 Soldaten aus verschiedenen Ländern gehörten damals der römischen „Legio XII Fulminata“, der „Donner-Legion“ an. Als sie sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern, mussten sie sich völlig entkleiden und eine Nacht lang auf einem zugefrorenen See verbringen. Am Ufer lud ein geheiztes Badehaus diejenigen ein, sich aufzuwärmen, die einsichtig waren und sich vom Christentum abwandten. Doch nur einer ging in das Badehaus. Als er es betrat, fiel er tot um. Ein Soldat, der die Christen bewachen sollte, erblickte eine Lichterscheinung über ihnen, bekehrte sich zum Christentum, legte seine Kleidung ab und stellte sich zu den Erfrierenden. Als sie am nächsten Morgen auf wundersame Weise noch am Leben waren, wurden ihnen die Gliedmaßen gebrochen. Anschließend wurden ihre Leichen verbrannt und die Asche in einen Fluss geworfen. Die Legende erzählt, dass diese 40 Männer „freudig in den Tod gingen“.

Wenn wir an die Christen denken, die im Irak oder in Nigeria von islamistischen Terrormilizen gefoltert und getötet werden, merken wir, dass solche Erfahrungen leider nicht nur der Vergangenheit angehören. Ich spüre allerdings immer wieder, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie ich in einer solchen Situation nicht die Hoffnung verlieren sollte. Und doch enthalten die Worte aus der Bibel, die wir gehört haben, auch Hoffnung für heutige christliche Märtyrer. Wir können für sie beten, wir können zugleich für uns beten, dass wir entweder verschont bleiben vor Herausforderungen, denen wir nicht gewachsen sind, oder dass wir in jeder Situation die Kraft und die Hoffnung geschenkt bekommen, die wir brauchen.

Mut brauchen wir auch in unserer Situation, nämlich den Mut, sehr differenziert nachzudenken und zu urteilen: Wir müssen Fanatismus und Terror verurteilen, wir müssen aber auch denen entgegentreten, die alle Muslime verleumden, als sei der Islam als solcher eine unfriedliche Religion. Es bleibt eine große, schöne Herausforderung, für die Buntheit des friedlichen Zusammenlebens von Menschen aller Religionen in unserem Land und anderswo einzutreten und dieses Zusammenleben auch zu praktizieren.

Schließen möchte ich mit einem Bekenntnis von Dietrich Bonhoeffer:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Amen.

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