Das ist wahr – in der Phantasie

Leserbrief zu einem Artikel in der Mainzer Allgemeinen Zeitung: „Die Wahrheit hat noch Zeit“.

Christkind mit ausgebreiteten Händen in einer Holzschale

Christkind (Foto: pixabay.com)

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

im Artikel „Die Wahrheit hat noch Zeit“ vom 4.12.1991 warnen Pädagogen der Aktion Sorgenkind davor, aus „falsch verstandener Wahrheitsliebe“ Kinder zu früh mit der „Tatsache“ zu konfrontieren, „dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.“

Ich denke, das Problem liegt gerade darin, dass wir verkopften modernen Erwachsenen nur noch eine einzige Art von „Wahrheit“ kennen: die nackten Fakten, die Tatsachen des alltäglichen Lebens. Kindern billigen wir zu, die Realität noch nicht wirklich zu verstehen, die dürfen noch an Märchen, an den Weihnachtsmann, an den lieben Gott glauben.

Wir haben unseren Kindern, auch als sie klein waren, nie gesagt, dass „es“ den Weihnachtsmann oder das Christkind „gibt“ oder „nicht gibt“. Wir haben ihnen die Geschichten voller Geheimnis und Phantasie erzählt, und wenn sie gefragt haben: „Ist das wahr?“ dann haben wir gesagt: „Ja, das ist wahr – in der Phantasie. Und die Phantasie ist nicht weniger wert als die Wirklichkeit.“ So wussten sie zum Beispiel, welche Person den Nikolaus spielte, von dem sie Geschenke bekamen, und dennoch freuten sie sich wie alle anderen Kinder auf ihn – in der Phantasie war er auch für sie eben „der Nikolaus“. Schade, wenn man einem heranwachsenden Kind irgendwann sagen muss: „Das war ja alles nur ein Kindermärchen! Für Erwachsene ist das nicht wahr.“

In einer Zeit, in der sich Theologen wie Eugen Drewermann und viele Pfarrer(innen) in den Kirchen darum bemühen, den Menschen unserer Tage auch die biblischen Bilder wieder so nahezubringen, dass sie sich selbst – ihre eigene innere Wahrheit – darin wiederfinden können, sollten wir auch in der Erziehung von Kindern nicht so tun, als gebe es den Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit nicht. Und das nicht etwa, weil die äußere Wahrheit der Tatsachen besser oder allein bedeutsam wäre gegenüber der inneren Welt von Hoffnungen und Wünschen, von Angst und Vertrauen, von Bildern und Phantasie – nein, im Gegenteil, weil die Wahrheit von Dichtung, Legende, Märchen und insbesondere religiöser Glaubenszeugnisse mindestens ebenso wichtig, ja lebensnotwendig für die Menschen ist, für Kinder und Erwachsene.

Helmut Schütz, Alzey

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