Hausfriedensbruch im Haus Gottes

Jesus stellt auch uns die Frage: Was bedeutet dir die Kirche? Ist sie nichts weiter als ein Dienstleistungsbetrieb für religiöse und soziale Zwecke? Was bedeutet dir die Religion? Ist sie für dich lediglich eine feierliche Einrahmung für bestimmte familiäre Anlässe? Mit dem Gott der Bibel, mit dem Gott der Mühseligen und Beladenen, hätten Kirche und Religion dann nichts zu tun.

Rembrandt: Die Tempelreinigung durch Jesus

Rembrandt: Christus treibt die Geldwechsler aus dem Tempel (via Wikimedia Commons)

#predigtGottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, den 15. August 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Nach meinem Urlaub begrüße ich Sie wieder herzlich im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle!

Heute haben wir den 10. Sonntag nach Trinitatis, dieser Sonntag ist nach der jüdischen und der christlichen Überlieferung der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems. Das ist ein schwieriges Thema. Was geht uns heute, im 1993. Jahr nach der Geburt Jesu die Stadt Jerusalem an, die bereits 587 Jahre vor der Geburt Jesu zerstört worden war? Zur Zeit Jesu war sie schon lange wieder aufgebaut worden, aber im Jahre 70 nach Christi Geburt wurde sie erneut in einem Krieg niedergebrannt und alles kaputtgemacht. Aber heute, seitdem es den Staat Israel wieder gibt, steht auch Jerusalem in alter Pracht wieder da als Hauptstadt Israels. Nur den Tempel, der mit der Stadt Jerusalem zweimal zerstört worden war, den hat man nicht wieder aufgebaut.

Warum also soll dieser Sonntag heute ein Gedenktag der Zerstörung Jerusalems sein? Ich denke, dass diese Zerstörung ein Symbol sein kann für vieles, was in der weiten Welt und auch in unserem persönlichen Leben kaputt geht. Wie oft wird das Vertrauen auf großartige Leistungen von Völkern und einzelnen Menschen enttäuscht; wie viele politische Hoffnungen sind gerade in unserem Jahrhundert schon in Schutt und Asche versunken; wie schmerzlich empfinden es viele Christen, dass die meisten Menschen sich immer weniger um den Glauben und die Kirche kümmern; wie schrecklich müssen manche unter uns unter Niederlagen und Katastrophen im persönlichen Leben leiden! Vielleicht finden wir uns darum irgendwie auch wieder in den Gebeten und Texten der Klage, die wir in in diesem Gottesdienst lesen und die aus dem alten Israel stammen. Vielleicht schöpfen wir auch neue Hoffnung aus dem Wort Gottes, das wir inmitten dieses Klagens hören werden.

Klagelied 282, 1-2+5-7:

1) Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat, ob wir gleich sorgen früh und spat,

2) so ist dies unser Trost allein, dass wir zusammen insgemein dich anrufen, o treuer Gott, um Rettung aus der Angst und Not.

5) Drum kommen wir, o Herre Gott, und klagen dir all unsre Not, weil wir jetzt stehn verlassen gar in großer Trübsal und Gefahr.

6) Sieh nicht an unsre Sünde groß, sprich uns davon aus Gnaden los, steh uns in unserm Elend bei, mach uns von allen Plagen frei,

7) auf dass von Herzen können wir nachmals mit Freuden danken dir, gehorsam sein nach deinem Wort, dich allzeit preisen hier und dort.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten eines alten Klageliedes des Volkes Israel, des Psalms 74:

1 Gott, warum verstößest du uns für immer und bist zornig über die Schafe deiner Weide?

2 Gedenke an deine Gemeinde, die du vorzeiten erworben und dir zum Erbteil erlöst hast, / an den Berg Zion, auf dem du wohnest.

3 Richte doch deine Schritte zu dem, was so lange wüste liegt. Der Feind hat alles verheert im Heiligtum.

8 Sie sprechen in ihrem Herzen: Lasst uns sie ganz unterdrücken! Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.

9 Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas weiß.

10 Ach, Gott, wie lange soll der Widersacher noch schmähen und der Feind deinen Namen immerfort lästern?

11 Warum ziehst du deine Hand zurück? Nimm deine Rechte aus dem Gewand und mach ein Ende!

12 Gott ist ja mein König von alters her, der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht.

15 Du hast Quellen und Bäche hervorbrechen lassen und ließest starke Ströme versiegen.

16 Dein ist der Tag und dein ist die Nacht; du hast Gestirn und Sonne die Bahn gegeben.

17 Du hast dem Land seine Grenze gesetzt; Sommer und Winter hast du gemacht.

18 So gedenke doch, HERR, wie der Feind schmäht und ein törichtes Volk deinen Namen lästert.

19 Gib deine Taube nicht den Tieren preis; das Leben deiner Elenden vergiss nicht für immer.

20 Gedenke an den Bund; denn die dunklen Winkel des Landes sind voll Frevel.

21 Lass den Geringen nicht beschämt davongehen, lass die Armen und Elenden rühmen deinen Namen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Unsere Gotteshäuser sind nicht verbrannt und zerstört, aber sie sind meistens ziemlich leer. In unserem Lande wird man nicht verfolgt, wenn man an Gott glaubt, aber häufig wird man nicht recht ernstgenommen. Lohnt es sich denn überhaupt, zur Kirche zu gehen, an Dich, Gott, zu glauben, von Dir etwas zu erwarten? Können so wenige Glaubende etwas bewirken, etwas verändern in dieser Kirche, in dieser Welt? Kannst Du, Gott, überhaupt noch helfen oder bist Du machtlos gegenüber all dem Bösen, das geschieht? Höre unser Klagegebet, höre unser verzweifeltes Rufen, lass uns nicht allein, gib uns Hoffnung! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus 2. Könige 25, 8-12. Dieser Text beschreibt den Untergang der Stadt Jerusalem im Jahre 587 vor Christus; wir hören allerdings auch, wenn wir genau hinhören, dass nicht alles zerstört wird und dass nicht alle Menschen verschleppt werden:

8 Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem

9 und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer.

10 Und die ganze Heeresmacht der Chaldäer, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riss die Mauern Jerusalems nieder.

11 Das Volk aber, das übrig war in der Stadt, und die zum König von Babel abgefallen waren und was übrig war von den Werkleuten, führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg;

12 aber von den Geringen im Lande ließ er Weingärtner und Ackerleute zurück.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Bei der Zerstörung Jerusalems damals waren es offenbar einmal die kleinen Leute, die weniger leiden mussten als die reichen Leute in den großen Häusern. Bevor es nun mit der Predigt weitergeht, singen wir noch ein Klagelied, diesmal ein modernes, und zwar das Lied Nr. 213 aus dem Liederheft:
In Ängsten die einen, und die andern leben
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus dem Evangelium nach Johannes 2, 13-22:

13 Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.

14 Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen.

15 Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um

16 und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!

17 Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

18 Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für Zeichen, dass du dies tun darfst?

19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.

20 Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?

21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.

22 Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.

Liebe Gemeinde!

Wenn ich über das Johannesevangelium predige, stolpere ich immer wieder darüber, dass Johannes so abwertend von „den Juden“ spricht. Wir können das heute nicht einfach so übernehmen, als ob Jesus alle Juden, das ganze Volk, zu dem er doch selber gehörte, in Grund und Boden verdammt hätte. Denn inzwischen ist in fast zweitausend Jahren Furchtbares von der Christenheit an den Juden verübt worden, als die Christen mächtig wurden in der Welt; immer wieder haben Christen Judenhass gepredigt und Juden Gewalt angetan, angeblich im Namen Jesu.

Aber kann man sich auf Jesus berufen, wenn man Juden verfolgt? Er hat doch Liebe gepredigt, bis hin zur Feindesliebe. Andererseits gibt es auch diese Geschichte, die wir gehört haben, wo Jesus mit Stricken und harten Worten die Händler und Wechsler aus dem Tempel jagt. Kann man mit dieser Geschichte etwa doch einen Hass auf die Juden begründen?

Ich sage eindeutig Nein!

Aber warum spricht Johannes dann so von den Juden, wie er es tut? Ich denke, aus folgenden Gründen: Als Johannes sein Evangelium schrieb, um das Jahr 100, da war es schon über 60 Jahre her seit Jesu Kreuzigung. Seine Jünger hatten inzwischen erfahren: Das war kein Scheitern gewesen, Jesus ist auferstanden, er lebt. Und weil sie das weitersagten, gab es immer mehr Menschen, auch unter den Juden, die anfingen, an Jesus zu glauben.

Andere Juden wiederum beharrten darauf: Der Christus, was nichts anderes heißt als Messias, der wird erst noch kommen, Jesus kann nicht der Messias sein, weil er leiden musste und getötet wurde. Und vor allem die, die damals das Sagen hatten, die Einfluss hatten, denen passte es nicht, dass es da solche Außenseiter gab wie diese Christen. Man wusste ja: den Römern, der Besatzungsmacht in allen Ländern rund um das Mittelmeer, denen war es lieber, dass Ruhe herrschte in Fragen der Religion. Es war noch gar nicht so lange her, da hatten die Römer in einem blutigen Krieg im Jahre 70 jüdische Aufstände niedergeworfen und Jerusalem samt dem Tempel zerstört. Und was war nun mit dieser neuen Religionsgruppe, mit dieser unruhigen Schar der Christen, die sich auch noch überall hin verbreiten wollte? Für die Römer waren sie nichts als eine jüdische Sekte. Würden sie nicht erneut alle Juden in Gefahr bringen, wenn man nichts gegen sie unternahm? So mochten damals viele Vertreter der jüdischen Gemeinden von den Christen denken.

Kein Wunder, dass sich die Gemeinde der Christen gerade von ihren nächsten religiösen Geschwistern, den Juden bedroht fühlte. Kein Wunder auch, dass Johannes sein Evangelium um das Jahr 100 so schrieb, als hätte es schon Jesus mit diesem einfachen Gegensatz zu tun gehabt: Hier auf der einen Seite die Jünger, also die Christen, und da auf der anderen Seite die Juden. Was Johannes noch nicht wissen konnte, war, dass die Christen seine Worte später dazu missbrauchen würden, um dem ganzen Volk der Juden furchtbares Unrecht anzutun.

So viel als lange Vorbemerkung und Vorklärung. Hoffentlich haben Sie jetzt noch Geduld, um sich anzuhören, was ich eigentlich zum Predigttext sagen will.

Doch damit Sie erst einmal verschnaufen können, unterbreche ich meinen Redefluss, und wir singen gemeinsam das Lied aus dem Gesangbuch 244, 1-3:

1) Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, ich bitt, erhör mein Klagen; verleih mir Gnad zu dieser Frist, lass mich doch nicht verzagen. Den rechten Glauben, Herr, ich mein, den wollest du mir geben, dir zu leben, meim Nächsten nütz zu sein, dein Wort zu halten eben.

2) Ich bitt noch mehr, o Herre Gott, – du kannst es mir wohl geben – , dass ich nicht wieder werd zu Spott; die Hoffnung gib daneben, voraus, wenn ich muss hier davon, dass ich dir mög vertrauen und nicht bauen auf all mein eigen Tun, sonst wirds mich ewig reuen.

3) Verleih, dass ich aus Herzensgrund den Feind mög vergeben; verzeih mir auch zu dieser Stund, schaff mir ein neues Leben; dein Wort mein Speis lass allweg sein, damit mein Seel zu nähren, mich zu wehren, wenn Unglück schlägt herein, das mich bald möcht verkehren.

Wenden wir nun also dem Predigttext unsere Aufmerksamkeit zu (Johannes 2, 13-14):

Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen.

Könnte man nicht neidisch werden auf den florierenden Betrieb, der da im Tempel herrschte? Da kamen Menschen aus aller Herren Länder. Da war was los in der Kirche. Da war nicht bloß ein kleines armseliges Häuflein Menschen versammelt. Und auch für die ordnungsgemäße Einziehung der Kirchensteuer war gesorgt: Alle konnten ihr Geld an Ort und Stelle eintauschen gegen die Währung, in der man seine Tempelsteuer entrichten musste. Für jeden Geldbeutel waren auch die entsprechenden Opfergaben zu haben, schön sortiert von der Taube bis zum Rind, alles bestens organisiert, denn wer von Gott etwas erwartete, musste doch auch bereit sein, für Gott ein Opfer darzubringen.

Allerdings: Was machten die, die voll Angst und Sorgen kamen, jedoch ohne Geld? In all dem munteren Kommen und Gehen, Sehen und Sich-Sehen-Lassen – was taten die Unscheinbaren, die, die gezeichnet waren von Krankheit und Leid? Nun, sie blieben draußen vor der Tür, die Armen und Kranken, die Zahlungsunfähigen und die Kinder, die Mühseligen und Beladenen. So störten sie das Bild nicht. Kein Kinderlärm, keine verzweifeltes Klagen und Weinen eines Kranken sollte den Ablauf des religiösen Betriebes im Tempel unterbrechen.

Zu hören war dagegen: das Muhen der Rinder, das Blöken der Schafe, das Gurren der Tauben, die auf ihre Schlachtung warteten, dazwischen die Stimmen feilschender Händler und Kunden und das Klimpern des Wechselgeldes auf den Tischen. Diese Geräusche gehörten im Tempel einfach dazu.

Daran störte sich niemand – bis auf einen. Einer begeht Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung an heiliger Stelle. Einer macht einen Skandal, um aufzudecken, dass das, was alle für normal hielten, überhaupt nicht normal war. Und dieser eine heißt Jesus (Johannes 2, 15-16):

Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!

Jesus stellt den ganzen perfekt organisierten religiösen Betrieb in Frage. Er musste wissen, dass er nicht viel erreichen würde damit: Ein paar Tische stürzen um, ein paar Vögel flattern umher, Rinder und Schafe müssen draußen vor dem Tempel wieder eingefangen werden – mit so etwas wird der Ordnungsdienst und die römische Besatzung, die das alles aus einem Wachtturm von oben herunter beobachtet, leicht fertig. Aber offenbar hat diese handgreifliche Aktion Jesu doch so viel Aufmerksamkeit erregt, dass man sich bis heute an sie erinnert. Wie es schon die alten Propheten des Volkes Israel getan hatten, setzt Jesus ein deutliches Zeichen: So geht es nicht! So springt man nicht mit Gott um! Mit nicht als ein paar Stricken und mit seinem unerschütterlichen Glauben an den Vater im Himmel tritt Jesus gegen eine Religion an, die nur noch geschäftsmäßig organisiert ist, in der man über die Dinge des Himmels handelseinig zu werden versucht, in der die Gesetze des Marktes herrschen, in der die Reichen oben, die Tüchtigen vorne sind, und die, die nicht mitkommen, draußen vor der Tür bleiben. Wenn es nach Jesus geht, dürfen in einem Tempel oder in einer Kirche nicht diese Gesetze des Marktes gelten, diese Gesetze der Ellbogen und der Angst, sondern vielmehr die Regeln eines guten Elternhauses, mütterliche und väterliche Liebe, gegenseitiges Vertrauen und das Annehmen gerade der Kleinen, der Kinder, der Schwachen.

Wie ich schon sagte, das Bild der Tempelreinigung wendet sich nicht gegen „die Juden“, als ob es nur bei den Juden damals diese verrückte Umkehrung des Glaubens an Gott in ein Geschäft mit der Religion gegeben hätte. In allen Religionen gibt es Menschen, die die Religion als eine Art florierendes Geschäft aufziehen oder auch als ein Mittel zur Machterhaltung, z. B. um Ruhe in der Bevölkerung herzustellen; und selbst zur Rechtfertigung von Kriegen wird Gott immer wieder einzuspannen versucht. Das hat es gerade unter den Christen in weit über tausend Jahren immer wieder gegeben.

Und wenn wir all das nicht tun? Stellt Jesus uns selber nicht in Frage mit dem, was er im Tempel tut? Ich glaube, er stellt auch uns die Frage: Was bedeutet dir eigentlich die Kirche? Ist sie nichts weiter als ein Dienstleistungsbetrieb für religiöse und soziale Zwecke? Was bedeutet dir die Religion? Ist sie für dich lediglich eine nette Nebensache für den Sonn- und Feiertag, eine feierliche Einrahmung für bestimmte familiäre Anlässe wie Taufe, Trauung oder Konfirmation? Dann nämlich wären Kirche und Religion eigentlich überflüssig. Mit dem Gott der Bibel, mit dem Gott der Mühseligen und Beladenen, hätten sie jedenfalls nichts mehr zu tun.

Die Kirche hat viele Mängel und Macken. Aber sie ist dann noch nicht verloren, wenn wir sie so nutzen, wie Jesus es ursprünglich wollte. Wir können wirklich in der Kirche mit Gott in Kontakt kommen. Wir können beten, uns innerlich dem Vater im Himmel öffnen, neues Vertrauen in uns wachsen lassen. Und wenn ich sage „in der Kirche“, dann meine ich nicht nur dieses Gebäude, sondern alle Menschen, die sich irgendwo begegnen und als Christen beieinander sind, in Gesprächen und beim Bibellesen und Singen und bei vielen anderen Anlässen. Überall wo wir uns fragen, wie wir es persönlich mit unserem Glauben halten, mit unserem Vertrauen zu Gott, mit unserer Verantwortung für unser Leben, da ist Jesus mitten unter uns, das hat er uns fest versprochen.

An dieser Stelle singen wir noch einmal ein Lied – diesmal das Lied Nr. 212 aus dem Liederheft:
Einer ist unser Leben

Unser Predigttext, liebe Gemeinde, war noch nicht zu Ende. Fragen blieben offen. Z. B.: Kann Jesus Erfolg haben mit seiner Kritik an einer Religion, die sich an die Gesetze der Welt anpasst? Seine Jünger befürchten offenbar das Schlimmste. Bringt Jesus sich nicht in größte Gefahr (Johannes 2, 17)?

Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht: »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

Und die Gegenspieler Jesu, wie Johannes sie beschreibt, wie reagieren sie? Sie fallen sogleich empört über Jesus her. Wie kann er es sich erlauben, den heiligen Tempel auf diese Weise zu entweihen und alles durcheinanderzubringen, was seine gute Ordnung hatte (Johannes 2, 18)?

Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für Zeichen, dass du dies tun darfst?

Scheinbar steht Jesus mit seinem Versuch, den Tempel zu reinigen, auf verlorenem Posten. Der religiöse Betrieb wird schon nach kurzer Zeit wieder weitergehen, wie gehabt. Und wie wir sehen werden, kann Jesus auch keinen Beweis dafür bieten, dass er mit seiner Aktion recht hat. Jesus bleibt ihnen zwar die Antwort nicht schuldig (Johannes 2, 19):

Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.

– doch seine Gegner können diese rätselhafte Rede absolut nicht verstehen (Johannes 2, 20):

Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?

Da wird einfach aneinander vorbei geredet. Die Leute, die den geordneten Opferbetrieb für so wichtig halten, dass kein Jesus und kein schreiendes Kind und kein jammernder Kranker ihn stören soll, die sprechen von dem Tempel, der aus Steinen gebaut ist. Sie halten ihn für heilig und im Grunde für ewig, obwohl er doch schon sechshundert Jahre zuvor einmal zerstört worden war und vierzig Jahre später wieder in Schutt und Asche versinken würde. Jesus dagegen spricht von einem Glauben, der sich nicht an von Menschenhand gemachten Gebäude festhält (Johannes 2, 21-22):

Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.

Jesus benutzt das Bild des Tempels, um von seinem eigenen Leben zu sprechen. Ja, seine Gegenspieler können ihn verletzen und umbringen. Sie können seinen Leib töten, diesen Leib, den Gott selbst ausgesucht hatte, um in ihm zu wohnen wie in einem lebendigen Tempel. Aber das können sie nicht für immer tun. So wie Jona nur drei Tage im Bauch des Fisches war und dann wieder das Licht des Lebens erblickte nach aller Angst und Verzweiflung, so würde der Vater im Himmel auch Jesus nach drei Tagen wieder heraufholen aus dem Abgrund des Todes.

Vielleicht wirft das, was Jesus sagt, ein Licht auf all die Erfahrungen von Zerstörung und Enttäuschung, die ich vorhin erwähnte. Ein Leben im Vertrauen auf Gott, wie es schon im jüdischen Volk und später auch unter den Christen immer wieder zu leben versucht wurde, verliert immer wieder die äußeren Stützen, auf die man sich eben auch gern verlässt, wenn der einfache Glaube an Gott einem zu schwer erscheint. Wie gern hätten die Juden ihren Tempel behalten, doch bewahrt wurde nur die Klagemauer in Jerusalem, der einzige Überrest des Tempels, der seit dem Jahr 70 nach Christus stehengeblieben ist. Wie gern hätten wir Christen nach wie vor eine starke Volkskirche mit hohem Gottesdienstbesuch, um nicht so armselig dazustehen mit unseren riesigen, aber leeren Kirchen. Offenbar müssen wir lernen, auch ohne große äußerlich sichtbare Erfolge auf den Gott zu vertrauen, der sich selber nicht zu schade war, ganz unscheinbar, ganz im Verborgenen zu wirken.

Und wenn wir persönlich manchmal an Gott zu verzweifeln drohen, weil wir denken: Hilft er uns denn überhaupt? Warum wendet er diese Krankheit oder jenen Schicksalsschlag nicht von uns ab? Warum dürfen Menschen mir solches Unrecht zufügen? Dann dürfen wir wissen: Gerade wenn wir am Ende sind, ist Jesus noch lange nicht am Ende. Gerade dann lässt er uns nicht im Stich. Das Leben jedes einzelnen von uns ist wertvoll, ist wie ein kleiner Tempel für Gott. Und so sind wir zwar verletzbar und verwundbar, wie es Jesus selber auch war. Und doch kann man uns unsere ewige Seele nicht wegnehmen, wir sind kostbare Wesen in Gottes Augen, wir sind und bleiben seine geliebten Kinder. Auch wenn Menschen von sich oder anderen sagen: „ein hoffnungsloser Fall!“ – für Jesus gibt es das nicht. Es gibt für jeden Menschen eine Hoffnung. Mit uns allen hat Gott etwas vor. Und diese Wege Gottes mit jedem Menschen aufzuspüren, dafür ist die Religion und die Kirche da. So jedenfalls sieht es Jesus. Kein Kaufhaus ist die Kirche mit Angeboten für jeden Geschmack. Sie ist ein Haus für den Kontakt mit Gott, ein Haus, um immer wieder neu zu entdecken, wofür wir eigentlich leben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Liederheft 5:

Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

Solls uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen nicht nur über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o, so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nötge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Dich, der du die Türen des Gotteshauses geöffnet hast für die Kleinen und die Schwachen, dich bitten wir für alle, denen wir den Weg zu dir versperren mit unserer Sprache, mit unseren Spielregeln. Dich bitten wir für die, die draußen vor der Tür bleiben, weil sie meinen, zu schwach, zu arm, zu schlecht, zu ungebildet, zu unkirchlich zu sein. Dich, der du dich als Vater aller Menschen erfahren lässt, dich bitten wir für diejenigen, die meinen, sie seien ferne vom Gott, der die Glücklichen liebt, für die, die nur ein blindes Schicksal kennen, die in Furcht leben vor einem strafenden Gott. Dich, der du den Weg ans Kreuz gegangen bist, dich bitten wir für deine Kirche, dass sie ihr Heil nicht sucht in Größe und Macht, sondern im Dasein für andere. Dich bitten wir für die Menschen aller Konfessionen, aber auch für Juden und Moslems, Buddhisten und Atheisten, dass niemand den anderen wegen seines Glaubens unterdrücken oder gar töten will. Dich, der du auferstanden bist, dich bitten wir für alle, die in Dingen dieser Welt den Sinn ihres Lebens sehen, dass sie umkehren und erfahren, wie lebendig du bist, du menschenfreundlicher Gott! Für uns alle bitten wir Dich: schenke uns ein Vertrauen, das uns leben und niemals verzweifeln lässt. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 23: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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