Ihr Vater war ein Schäfer

Trauerfeier für eine Frau, deren Vater ein Schäfer gewesen war, und an die ich deswegen mit Worten des Psalms 23 zurückdenke.

Bild von Jesus als Schäfer mit Hirtenstab und Schäfchen auf dem Arm

Jesus als Schäfer – der Gute Hirte (Bild: Schwarzenarzisse – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau T. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Obwohl sie schon alt war, ist sie doch mitten aus dem Leben gerissen worden. Wer hätte erwartet, dass sie so schnell sterben würde?

Erschüttert sind wir über ihren Tod, denn ihre lebensfrohe Art wird uns fehlen. Gemeinsam sind wir hier, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Im Namen Gottes sind wir hier, von dem unser Leben herkommt und zu dem es zurückkehrt, der uns am Ende mit Ehren annimmt.

Frau T. ist als Kind auf einem Bauernhof groß geworden, und ihr Vater war ein Schäfer. Ich denke, dass ihr deshalb bestimmt ein Psalm besonders vertraut war, in dem ein Mensch sein Vertrauen zu Gott ausdrückt, nämlich das alte Lied aus dem Volk Israel vom Guten Hirten. Wir beten mit Psalm 23:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Wir singen aus dem Lied 369 die Strophen 1 bis 3:

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

2. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

3. Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Liebe Gemeinde!

So war sie doch, die Frau T., gerade so, wie wir im Lied gesungen haben: kein Kind von Traurigkeit! Ich kannte sie als eine Frau, die sich ihres Lebens freute und die Geselligkeit liebte. Und das Ganze war verbunden mit einem gesunden Gottvertrauen.

Trotzdem, auch wenn man sich keine unnötigen Sorgen machen will, wenn man aus dem Klagen keine Gewohnheit machen möchte – heute sind wir doch um der Trauer willen hier. Denn dass Frau T. gestorben ist, geht uns nahe. Gerade weil sie das Leben so sehr geliebt hat und wir sie noch kurz vor ihrem Tod gesund und froh erlebt haben, will es uns nicht in den Kopf, dass sie so plötzlich nicht mehr unter uns ist.

Es hilft alles nichts: Mitten im Leben umgibt uns der Tod. Jeden Tag kann er uns treffen; und er trifft nicht immer die ältesten oder die, die am kränksten sind. Klug ist nach der Bibel deshalb derjenige, der es nicht versäumt, zu bedenken, dass auch er sterben muss.

Diese Klugheit hat nichts zu tun mit einem Pessimismus, der immer das Schlimmste erwartet, sondern sie verträgt sich gut mit einer Haltung der Lebensfreude, denn wer sein Ende bedenkt, kann sein Leben als um so kostbareres Geschenk aus der Hand Gottes annehmen, kann dankbar leben, weil das Leben keine Selbstverständlichkeit ist.

Blicken wir mit dieser Klugheit zurück auf das Leben von Frau T.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Sie wissen besser als ich, was in diesem Haus alles an Freude und Leid erlebt wurde, wie viel Leben diese vier Wände und der Garten drumherum gesehen haben.

Sie war ein zuversichtlicher, dankbarer Mensch voller Gottvertrauen, und ich denke, dass wir ihr am besten gerecht werden, wenn wir uns bei ihrem Abschied auf eben dieses Vertrauen zu Gott besinnen, von dem sie sich in ihrem Leben getragen fühlte.

Als sie sich bei einer Veranstaltung ein Geburtstagslied aussuchen durfte, da fiel ihre Wahl auf das Lied „Lobe den Herren“ (EG 317). Sie vertraute auf den „Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt“; das alles hat sie in der Tat „verspüret“. Sie lobte gern „den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet“, und dankte dem „gnädigen Gott“, der „über dir Flügel gebreitet“. Wer wie sie an einen Gott glauben kann, „der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe regnet“, an den Allmächtigen, „der dir mit Liebe begegnet“, der muss sich in dieser Welt und auch in der Ewigkeit vor nichts und niemandem fürchten.

Wie gesagt, ihr Vater war Schäfer. Das Bild vom Hirten und seinen Schafen muss Frau T. von Kindheit an vertraut gewesen sein. Lassen Sie mich darum noch einmal auf die Worte von Psalm 23 eingehen.

So wie ein Hirt seine Schafe betreut, so wie ihm jedes einzelne lieb und teuer ist, so kümmert sich Gott um uns Menschen:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Menschen sind eigenartige Schafe, bildlich gesprochen, denn sie haben die Wahl: sie können sich gegen ihren Hirten auflehnen, der es gut mit ihnen meint, sie können sich aber auch dankbar von ihm leiten lassen. Frau T. traf die gute Wahl und konnte die tröstliche Wahrheit akzeptieren:

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Ein Leben unter der Führung des Guten Hirten ist nicht immer ein Zuckerschlecken, aber es ist ein Leben, in dem man nie vollkommen verlassen ist.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

War es dieses tiefe Gottvertrauen, das Frau T. half, sich dem Leben auch nach Schicksalsschlägen wieder neu zuzuwenden?

Der Psalm 23 will keinesfalls die Menschen als dumme Herdentiere abstempeln, das zeigt der vorletzte Vers, in dem das Bild von den Schafen verlassen wird und der Mensch sich wie ein Ehrengast Gottes fühlen darf:

5b Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

So begrüßte in alten Zeiten ein Gastgeber einen ihm besonders lieben Gast, bevor er ihn reichlich bewirtete. Genau so behandelt uns Gott; unsere besondere Menschenwürde haben wir von ihm, und Gott ist es auch, der uns satt macht an Leib und Seele.

5a Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Selbst in Zeiten von Not und Krieg und anderer Feindschaft soll nicht verhungern, wer auf Gott vertraut. Vielleicht ist hier auch im Blick, dass Jesus sein Abendmahl mit allen Jüngern gefeiert hat, auch mit Petrus und Judas, in der Nacht, bevor seine Feinde ihn zum Tode verurteilten. Auch wer sterben muss, dessen Seele muss nicht verhungern – auch wer Feindschaft und böses Gerede erlebt, muss nicht bitter werden und Gleiches mit Gleichem heimzahlen.

Der Psalm 23 endet damit, dass noch einmal der Haltung eines einseitigen Pessimismus eine Absage erteilt wird:

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Wer auf Gott vertrauen kann, der kann sich immer auch an das erinnern und vergisst nicht, was Gott ihm Gutes getan hat. Ja, ihm kann sogar manchmal, wie Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt hat, das Böseste zum Guten dienen. Wir können dankbar sein für viel Gutes, das von Frau T. ausging, und für viel Barmherzigkeit, die sie erfahren hat.

Nun ist ihr Leben zu Ende – und doch nicht völlig am Ende. Denn wenn wir im Tod diese Erde verlassen, empfängt uns Gott mit liebevollen Armen und nimmt uns am Ende mit Ehren an. „Bleiben im Hause des Herrn“, das ist uns verheißen für die Ewigkeit, die wir uns nicht wirklich vorstellen können mit unserem menschlichen Verstand und die wir uns nur ausmalen mit lauter behelfsmäßigen irdischen Vorstellungen. Wie auch immer wir uns den Himmel vorstellen, ob wir vom Land der Lebendigen reden oder vom ewigen Frieden oder vom Ruhen in Gott: wir dürfen gewiss sein, dass wir im Tode nicht verloren gehen. Wer hier auf Gott vertraut, bekommt als Geschenk die ewige Seligkeit. Wer hier Liebe gelebt hat, Liebe empfangen und verschenken konnte, der bleibt in Gottes Liebe geborgen. In diesem Sinne können wir Frau T. getrost loslassen und den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Amen.

Lasst uns nun gemeinsam aus dem Lied 376 alle drei Strophen singen:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger Gott, nimm Frau T. gnädig auf in dein ewiges Reich im Himmel.

Hilf uns, dass wir sie getrost loslassen können in Dankbarkeit und Liebe.

Was uns belastet, hilf uns bewältigen, und wo wir einander etwas schuldig geblieben sind, vergib uns.

Lass uns niemals allein sein, wenn wir traurig sind, wenn wir jemanden brauchen, bei dem wir uns aussprechen können.

Hilf uns, den Gedanken zu ertragen, dass auch unser Leben begrenzt ist, und dass es klug ist, jeden Tag als kostbares Geschenk aus deiner Hand anzunehmen. Lass uns unser Leben in Dankbarkeit führen, denn vor dir müssen wir uns verantworten für alles, was du uns an Liebe schenkst. Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe und lass uns das Ziel unseres Lebens nicht verfehlen. Amen.

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