Die Jungfrau Maria: Geschändet und doch rein

Vortrag in der internen Fortbildung der Gerontopsychiatrie Alzey zu einer umstrittenen These über die Jungfrau Maria.

Als im März 1998 der Artikel „Marie, die reine Magd” im Deutschen Pfarrerblatt erschienen war, trug ich eine gekürzte Fassung dieses Artikels auch in der internen Fortbildung der gerontopsychiatrischen Abteilung der Rheinhessen-Fachklinik Alzey vor.

Statue der Jungfrau Maria (Foto: pixabay.com)

Statue der Jungfrau Maria (Foto: pixabay.com)

Wie stellt es Gott an, bei uns anzukommen? Gott wird Mensch. Gott wird ein Kind, in einer Futterkrippe, eingewickelt in einfache Windeln.

Manche tun sich schwer mit Weihnachten, mit den Geschichten, die da erzählt werden. Unglaubliches, märchenhaft Anmutendes wird da erzählt: ein Kind wird von einer Jungfrau geboren, Engel erscheinen dem Josef und den Hirten. Viele haken das ab unter: Kindermärchen, nichts für erwachsene, vernünftig denkende Menschen, Geschichten für stimmungsvolle Weihnachtstage, aber nicht für unseren harten Alltag. Doch dass die biblischen Geschichten nicht realistisch wären, nicht wirklichkeitsnah, dem widerspreche ich entschieden. Sie schildern, wie Gott bei uns ankommt – in Bildern, die gerade den harten Alltag von Menschen widerspiegeln.

Ich möchte eine Geschichte aus der Bibel nacherzählen, die Geschichte eines jungen Mädchens namens Maria. Maria war bereits verlobt, aber noch nicht verheiratet, als sie schwanger wurde. Zu dieser Zeit war sie wahrscheinlich noch keine vierzehn Jahre alt. Denn zwischen zwölf und zwölfeinhalb Jahren wurden die jüdischen Mädchen ihrem zukünftigen Ehemann anverlobt, wohnten aber noch im Hause ihres Vaters. Und geheiratet wurde dann im Alter von etwa vierzehn Jahren, dann holte ihr Ehemann sie zu sich nach Hause. Bis dahin war es ihre Pflicht, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren.

Ich spreche von Maria, der Mutter Jesu. Viel wissen wir gar nicht von diesem jungen Mädchen, aber ich vermute, dass sie schon früh schlimme Dinge erlebt hat. Ich schließe das daraus, dass von ihr im Lukasevangelium ein Lied überliefert ist, in dem es heißt: „[Gott] hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen… Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist“ (Lukas 1, 48-49). Was mag das für eine Niedrigkeit sein, die Gott angesehen hat? Das Wort kann auch Demütigung bedeuten, Schande oder Schändung. Was mag dieses Mädchen erlebt haben, wodurch sie sich so erniedrigt fühlt? Und wie mag Gott ihr geholfen haben – ihr, dem noch nicht ganz erwachsenen Mädchen? „Große Dinge“ hat er an ihr getan, so singt Maria voller Freude, offenbar hat Gott etwas getan, so dass Maria sich nicht mehr schmutzig und erniedrigt fühlen muss.

Worauf bezieht sich das alles? Gelernt haben wir, dass Maria sich darüber freut, dass sie die Mutter von Jesus werden soll. Ja, das kann ein Grund zur Freude und Dankbarkeit sein, wenn eine Frau schwanger ist und ein Kind erwartet. Aber weshalb sollte Maria unter solchen Umständen ihre Niedrigkeit, ihre Schande, ihre Demütigung beklagen? Es ist, als ob ein dunkles Geheimnis über der Kindheit und Jugend dieses Mädchens liegt. Betrachten wir allein die Tatsache, dass sie erst zwölf oder dreizehn Jahre alt ist. Ist das nicht ein sehr junges Alter für die Geburt eines Kindes? Heute würden wir sagen: Sie ist doch selbst erst ein Kind! Leicht wird es sicher nicht sein, in diesem Alter schon Mutter zu werden. Hinzu kommt, dass sie zwar ihrem Mann versprochen ist, aber sie hat mit ihm noch nicht geschlafen, lebt noch im Haus ihres Vaters. Woher kommt also das Kind? Streng genommen ist es unehelich. Das sieht man ja schon daran, wie Josef, der für sie bestimmte Ehemann, nach dem Matthäusevangelium mit der ganzen Sache umgeht: „Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen“ (Matthäus 1, 19).

Josef war sicher nicht so alt, wie man ihn sich häufig vorgestellt hat. Er war bestimmt einfach ein ganz normaler heiratsfähiger junger Mann, der seine junge Frau nach ihrem vierzehnten Geburtstag zu sich nach Hause nehmen wollte. Und da musste er erfahren: Sie ist bereits schwanger! Schwanger von wem? Hatte sie ihn betrogen? So genau will es Josef gar nicht wissen, in jedem Fall spürt er, was für eine Schande das auch für ihn ist: seine junge Verlobte, seine Maria, die er liebt und die er als Jungfrau nach Hause führen wollte, bekommt ein Kind – von einem anderen. So will er sie heimlich verlassen, denn anzeigen – wegen Untreue und Unzucht – will er sie nicht, er will sie nicht öffentlich in Schande bringen.

Da ist es wieder, dieses Wort „Schande“. Was hat Maria erlebt, dieses noch so junge Mädchen, dass „Schande“ zwischen sie und ihren Mann tritt und dass beinahe die Leute im Dorf sich die Mäuler über sie zerrissen hätten? Nun, im Matthäusevangelium wird folgende Antwort auf diese Frage gegeben: „Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist“ (Matthäus 1, 18). Aber was soll das bedeuten? Fast zwei Jahrtausende hindurch hat man diesen Satz so ausgelegt: Maria war das einzige Mädchen der Weltgeschichte, das durch Gottes Kraft, durch Gottes heiligen Geist schwanger wurde, ohne Zutun eines Mannes, ohne Beischlaf, ohne männlichen Samen. Aber viele zweifeln heute daran, dass das biologisch überhaupt möglich sei. Auch von der biblischen Überlieferung her ist es völlig unmöglich zu sagen: Der Heilige Geist, also Gott selber, hätte mit Maria ein Kind gezeugt. Nein, allenfalls kann man sagen: Gottes Schöpferkraft ist so mächtig, dass er auf übernatürliche Weise in Maria seinen Sohn selbst erschaffen konnte. Vielleicht besteht das Wunder der Schwangerschaft durch den Heiligen Geist aber in etwas ganz anderem, nicht weniger Wunderbarem.

Was wäre denn, wenn Maria wirklich durch eine Gewalttat schwanger wurde, wie einige behaupten? Israel stand unter römischer Besatzung. Es ist zum Beispiel nicht ausgeschlossen, dass es Maria ähnlich erging wie vielen Frauen und jungen Mädchen in Bosnien oder in den vom Zweiten Weltkrieg betroffenen Ländern. Soldaten haben zu allen Zeiten nicht nur unter Männern gekämpft und Menschen getötet, es gab unter ihnen immer auch viele, die Frauen vergewaltigt und geschändet haben. Es könnte aber auch sein, dass Maria zu den Mädchen gehörte, die von ihrem eigenen Vater missbraucht wurden. Auch so etwas gibt es ja bis heute. Ich selber bin als Krankenhausseelsorger einer ganzen Reihe von Frauen begegnet, die als Kind von ihrem Vater oder einem nahen Verwandten sexuell missbraucht worden sind. Einzelne von ihnen konnten es als Trost annehmen, dass Maria vielleicht etwas ähnliches wie sie erfahren hat und in diesem furchtbaren Schicksal von Gott wunderbar bewahrt worden ist.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wer der leibliche Vater Jesu war, aber wenn es sich wirklich um einen Vergewaltiger gehandelt haben sollte – dann würde jedenfalls verständlich, warum Maria sich so erniedrigt fühlt und warum Josef solche Schwierigkeiten hat, sie zu heiraten. Nur nebenbei möchte ich erwähnen, dass im Johannesevangelium Jesus vorgeworfen wird, er sei ein uneheliches Kind gewesen (Johannes 8, 41), und dass er im Markusevangelium „Marias Sohn“ (Markus 6, 3), nicht „Josefs Sohn“ genannt wird – mit dem Namen der Mutter wurden damals eigentlich nur unehelich geborene Kinder bezeichnet.

Wunderbar ist die Geschichte, die Matthäus erzählt, trotz allem: Josef, der seine Verlobte beinahe schon im Stich gelassen hätte, wird ja nach dem Matthäusevangelium im Traum eines Besseren belehrt: „Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist“ (Matthäus 1, 20). Ich verstehe das so: Das Kind, das Maria bekommen soll, egal wie und von wem es gezeugt wurde, ist nicht ein Kind der Schande, ist nicht ein Bastard, ist nicht ein unwürdiges Kind ohne Lebensrecht, sondern es ist ein Kind „von dem heiligen Geist“. Dieses Wunder geschieht hier: Es kann Gott gefallen, ausgerechnet ein uneheliches Kind auszuwählen, um in der Welt anzukommen. Es kann ihm gefallen, ausgerechnet in einem solchen Kind, das von anderen als Kind der Schande bezeichnet wird, zur Welt zu kommen. Genau so ist er ja am Ende seines Lebens am schändlichen Kreuz der Römer gestorben und dennoch zur Herrlichkeit des Auferstandenen erhöht worden.

Als Josef seine Frau Maria nicht verstößt und ihr Kind, das nicht von ihm ist, als sein eigenes annimmt, da geschieht ein Wunder der Liebe. Ein zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen wird vor Schande bewahrt und ebenso ihr noch ungeborenes Kind. Nicht im biologischen Sinn geht Maria als Jungfrau in die Ehe – aber Gott überzeugt den Josef durch seinen traumhaften Engel, dass das junge Mädchen trotz allem jungfräuliche Reinheit bewahrt hat. Männer mögen meinen, dass ein vergewaltigtes Mädchen die Unschuld verloren hat – Gott sieht das anders. Die Unschuld verloren hat der Vergewaltiger, er hat Schuld auf sich geladen, nicht das vergewaltigte Opfer. Jungfräulich sein kann also auch ein Mädchen mit verletzter Jungfernhaut, mit verletztem Körper, mit verletzter Seele. Mit gutem Recht dürfen wir daher nach wie vor Maria die „Jungfrau“ nennen und als „reine Magd“ besingen. Und das Kind, das da entsteht, gehört nicht dem, der es gezeugt hat und braucht charakterlich nicht seine Züge zu tragen, sondern es gehört Gott. Und Gott vertraut es der Mutter Maria an, die er in keiner Weise beschuldigt, und dem Adoptivvater Josef, der gut für Kind und Frau sorgen wird.

Im Lukasevangelium wird über Maria noch etwas mehr erzählt, nämlich wie der Engel Gabriel der Maria die Geburt Jesu ankündigt. Und da kann sich dieses junge Mädchen nicht vorstellen, wie das geschehen soll: „Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ (Lukas 1, 34). Dieser Vers ist als Beleg dafür gewertet worden, dass Maria doch durch ein übernatürliches Wunder, durch Gottes Geist also, schwanger geworden sei. Aber gerade diese Aussage Marias höre ich aufgrund meiner seelsorgerlichen Erfahrung in der psychiatrischen Klinik ganz anders. Ich denke vor allem an eine Frau, die ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Um es ertragen zu können, dass der gleiche Vater, den sie lieb hatte, auf ihre Sehnsucht nach Liebe mit dem gewalttätigen Missbrauch ihrer verletzlichsten Gefühle reagierte, flüchtete sie innerlich in eine Phantasiewelt und spaltete unter anderem das Bild ihres Vaters auf: in den Tagvater, der mit ihr „normal“ umging, und in eine andere, schattenhafte, böse Gestalt, die nachts in der Dunkelheit zu ihr kam, um mit ihr zu „spielen“ und ihr „wehzutun“. Als dieses Mädchen mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal vom Frauenarzt untersucht wurde, stellte er fest, dass sie bereits Geschlechtsverkehr gehabt haben musste. Sie selber war jedoch fest davon überzeugt: „Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen.“

So mag es auch Maria ergangen sein. Der Engel antwortet auf ihre Frage sehr behutsam. Er sagt nicht, wer der Vater des Kindes ist. Vielmehr stellt er wie bei Matthäus fest, dass dieses Kind durch die Kraft des Heiligen Geistes ein heiliges Kind ist, das man nicht verachten darf, und er spricht der Maria Trost und Mut zu: sie wird in dem, was ihr geschehen ist, bewahrt bleiben: „Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ (Lukas 1, 35). Man hat zwar immer wieder gedacht, hier werde beschrieben, auf welche Weise Maria schwanger wird, nämlich aufgrund einer Zeugung durch Gott selber. Das ist aber ein Missverständnis. Wenn der Geist Gottes über jemanden kommt, dann heißt das: Gott gibt diesem Menschen Kraft, um etwas Schweres durchstehen zu können. Maria bekommt also hier die Zusage: Du wirst durchhalten, auch wenn dir Schreckliches geschieht, du wirst nicht in Schande versinken! Und das Wort „überschatten“ meint nicht wie im Deutschen etwas Dunkles oder Böses, sondern es hat die Bedeutung „schützen“. Maria wird also Schutz vor weiterer Gewalt und Demütigung versprochen, den sie durch ihre Verwandte Elisabeth und durch ihren Mann Josef ja auch wirklich bekommt. Gott kann aus dem Bösesten Gutes erwachsen lassen – und so kann Marias Kind Gottes Sohn genannt werden, auch wenn wirklich ein Gewalttäter es gezeugt haben sollte. Lukas hat diesen Gedanken nur angedeutet; er kannte Gerüchte über die uneheliche Herkunft Jesu und ließ es in der Schwebe, ob sie berechtigt seien. Aber er wollte sagen: Ganz gleich, wer der menschliche Vater Jesu ist – Maria muss sich dieses Kindes und seiner Herkunft nicht schämen.

Darauf kann Maria aus vollem Herzen dankbar antworten: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“ ( Lukas 1, 38). Damit stimmt sie nicht einfach wie eine Sklavin allem zu, was ein absoluter Herrscher ihr befiehlt. Sie erklärt sich auch nicht damit einverstanden, was irgendjemand ihr angetan hat. Vielmehr glaubt sie dem Engel, dass Gott sie trotz allem begleitet und schützt und ihr die Kraft gibt, für dieses Kind eine gute Mutter zu sein. Matthäus hatte, wie wir vorhin gesehen haben, dasselbe aus der Sicht des Josef geschildert: Indem Josef Maria trotz der geheimnisvollen Umstände als Frau annimmt, gerät sie nicht in Schande, Mutter und Kind können in der Geborgenheit einer Familie leben.

Ich möchte niemanden nötigen, dieser Auslegung zu folgen. Ich möchte einfach dazu einladen, die Texte der Bibel mit den Augen des Herzens zu lesen, mit einem fühlenden Herzen, das sich fragt: War nicht auch Maria ein Mensch wie wir, ein vielleicht sehr gequältes und dann doch wunderbar bewahrtes Mädchen? War nicht Josef ein zwischen seinem Herzen und dem Gesetz und seinem männlichen Stolz hin- und hergerissener junger Mann, der es dann doch lernte, seinem Herzen zu folgen? War nicht dieses Kind, das da zur Welt kommen sollte, nach menschlichen Maßstäben eigentlich ein uneheliches Kind, in den Augen mancher sogar ein Bastard, ein Mensch ohne jedes Lebensrecht? Und doch war ausgerechnet dieses Kind der Gottessohn, der sich der Ausgestoßenen annahm, der die Huren nicht verachtete, der die Aussätzigen berührte und sich von einer blutflüssigen Frau anrühren ließ.

Wenn er es bereits selber als Kind erfahren hatte, was es hieß, als uneheliches Kind zu gelten, was es hieß, die Verachtung der Mitmenschen zu spüren, dann verstehe ich besonders gut, warum gerade Jesus nicht müde wurde, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen. In ihm kommt Gott zu uns mit seiner Liebe, so wie er mit Trost, Schutz und Hilfe angekommen ist bei einem erniedrigten und gedemütigten Mädchen namens Maria von Nazareth.

Helmut Schütz

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