Alles hat seine Zeit – und im Herzen liegt Ewigkeit

Den Sinn des Lebens kann man nicht im Hin und Her des Lebens selbst entdecken. Doch „Gott hat den Menschen die Ewigkeit in ihr Herz gelegt!“ Was wir Menschen tun, das wird vergehen. Aber wenn wir wissen, dass wir von Gott geliebt sind, vom ewigen Gott, dann können wir unser Leben annehmen mit „gutem Mut bei all unseren Mühen“.

Eine Taschenuhr und ein Herz aus Holz an einer Halskette liegen auf einem handgeschriebenen Brief

Der Mensch ist vergänglich, aber Gottes Ewigkeit ist in seinem Herzen (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst mit der Feier des Heiligen Abendmahls am 24. Sonntag nach Trinitatis, den 5. November 1989, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie zum Gottesdienst in unserer Kapelle, den wir heute – wie immer am ersten Sonntag im Monat – als Abendmahlsgottesdienst feiern!

Wir haben November, das Wetter ist so, wie man es im November eben erwartet, nasskalt, regnerisch, trübe, und auch das Kirchenjahr geht langsam zu Ende. Da hat es seinen guten Sinn, sich darauf zu besinnen, dass alles im Leben seine Zeit hat, die hellen und die trüben Tage, das Anfangen und das zu-Ende-Gehen und das Wieder-Neubeginnen. Die Predigt hat das Thema „Alles hat seine Zeit…“

Als erstes Lied singen wir heute Nr. 276, 1+5+9+10, ein Lied über unsere Zeit und Gottes Ewigkeit:

1) Geht hin, ihr gläubigen Gedanken, ins weite Feld der Ewigkeit, erhebt euch über alle Schranken der alten und der neuen Zeit; erwägt, dass Gott die Liebe sei, die ewig alt und ewig neu!

5) Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüte hinauf zu dieser Quelle steigt, von welcher sich ein Strom der Güte zu mir durch alle Zeiten neigt, dass jeder Tag sein Zeugnis gibt: Gott hat mich je und je geliebt!

9) Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden der Seele Mut und Kraft gebricht, so salbest du mein Haupt mit Freuden, so tröstet mich dein Angesicht; da spür ich deines Geistes Kraft, die in der Schwachheit alles schafft.

10) Die Hoffnung schauet in die Ferne durch alle Schatten dieser Zeit; der Glaube schwingt sich durch die Sterne und sieht ins Reich der Ewigkeit; da zeigt mir deine milde Hand mein Erbteil und gelobtes Land.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 31. Psalms:

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, / errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! / Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, / und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; / denn du bist meine Stärke.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; / du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! / Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer / und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat, / und meine Gebeine sind verschmachtet.

12 Vor all meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden, / eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meinen Bekannten. Die mich sehen auf der Gasse, / fliehen vor mir.

13 Ich bin vergessen in ihrem Herzen wie ein Toter; / ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich / und spreche: Du bist mein Gott!

17 Lass leuchten dein Antlitz über deinen Knecht; / hilf mir durch deine Güte!

18 HERR, lass mich nicht zuschanden werden; / denn ich rufe dich an…

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen; / Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, / als ich zu dir schrie.

25 Seid getrost und unverzagt / alle, die ihr des HERRN harret!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wie schwer ist es, zu dir Vertrauen zu haben, da wir doch dein Angesicht nicht sehen können! Wie schwer ist es, an dich zu glauben, wenn das Leben vom Leiden gezeichnet ist! Das Gute nehmen wir so selbstverständlich hin, wir merken kaum, dass es aus deinen Händen kommt. Das Schwere mögen wir nicht so gern nehmen, nicht annehmen aus deiner Hand. Was magst du mit uns wollen, wenn du uns Gutes oder Böses schickst? Unsere Zeit steht in deinen Händen – darum lass uns lernen, dankbar zu sein, getrost zu sein, uns an dich zu halten in guten und in bösen Zeiten. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung, zugleich den Predigttext, aus einem weniger bekannten Buch des Alten Testaments. Es wird genannt „Der Prediger Salomo“, weil man dachte, dass dieses Buch sehr wohl der große weise König Salomo geschrieben haben könnte (Prediger 3, 1-14):

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.

11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen ein paar Strophen aus einem Osterlied, die auch in diese Jahreszeit passen, Nr. 88, 4+8-10:

4) Quält dich ein schwerer Sorgenstein, dein Jesus wird ihn heben; es kann ein Christ bei Kreuzespein in Freud und Wonne leben. Wirf dein Anliegen auf den Herrn und sorge nicht: Er ist nicht fern, weil er ist auferstanden.

8) Scheu weder Teufel, Welt noch Tod noch gar der Hölle Rachen. Dein Jesus lebt, es hat kein Not, er ist noch bei den Schwachen und den Geringen in der Welt als ein gekrönter Siegesheld; drum wirst du überwinden.

9) Ach mein Herr Jesu, der du bist von‘ Toten auferstanden, rett uns aus Satans Macht und List und aus des Todes Banden, dass wir zusammen insgemein zum neuen Leben gehen ein, das du uns hast erworben.

10) Sei hochgelobt in dieser Zeit von allen Gotteskindern und ewig in der Herrlichkeit von allen Überwindern, die überwunden durch dein Blut; Herr Jesu, gib uns Kraft und Mut, dass wir auch überwinden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir noch einmal ein paar Verse aus der Lesung von vorhin, aus Prediger 3:

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

11 Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Liebe Gemeinde!

Was ist das eigentlich, die Zeit? Wir messen sie mit Uhren, wir klagen darüber, dass sie schnell vergeht oder auch langsam, je nachdem. Viele bedauern, dass das Leben auf dieser Erde nicht ewig andauert; andere dagegen möchten ihre Lebenszeit am liebsten verkürzen. Mit der Zeit ist es eine merkwürdige Sache.

Und wenn wir die Naturwissenschaftler befragen, dann erfahren wir, dass die Zeit auch für die Wissenschaft ein unergründetes Rätsel ist; zum Beispiel der in der vergangenen Woche verstorbene Hoimar von Ditfurth hat darüber in seinen Büchern viel geschrieben. Die Zeit gibt es erst, seit es das Weltall gibt; Gott hat unsere Welt zusammen mit der Zeit geschaffen; die Fragen: „Was war vorher?“ „Was wird nachher sein?“ sind sinnlose Fragen, weil es nur innerhalb unseres Weltalls ein Vorher und ein Nachher gibt. Wenn Sie jetzt denken: „Das ist mir zu hoch! Das verstehe ich nicht!“ – dann machen Sie sich nichts draus – das kann niemand wirklich begreifen, auch ich nicht, auch nicht die größten Wissenschaftler. Wir können nämlich einfach nicht aus unserer Welt heraus; alles was jenseits unserer Welt sein mag, ist unseren fünf Sinnen und auch unserem Nachdenken verschlossen.

Trotzdem können Menschen sozusagen ihre Fühler ein wenig über die Welt hinausstrecken, weil offensichtlich der Gott, der diese Welt geschaffen hat, der sie in seinen Händen trägt, wie wir bildlich sagen, weil dieser Gott sich uns ein Stück weit zu erkennen geben will. Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, führen über diese Welt hinaus in Gottes Welt, führen über unsere Zeit hinaus in Gottes Ewigkeit. In der Bibel sind solche Glaubenserfahrungen aufgeschrieben. Eine solche Erfahrung hat der Prediger in unserem Text so ausgedrückt: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit ins Herz der Menschen gelegt.“ Aber trotzdem bleibt es für ihn dabei: „Der Mensch kann nicht ergründen das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Wenn wir an Gottes Ewigkeit glauben und zugleich wissen, dass wir sie nicht ergründen können, solange wir noch hier auf der Erde leben, was bedeutet das für uns? Wir leben hier und wissen, dass wir nur Gäste auf Erden sind, dass unsere Zeit begrenzt ist; was sollen wir aber nun tun? Manche meinen, dann wäre es ja nur gut, möglichst schnell diese böse Welt zu verlassen und direkt zu Gott zu kommen. Manche spielen sogar aus Verzweiflung mit dem Gedanken, ihre Lebenszeit zu verkürzen, um ihrem schweren Schicksal zu entkommen. Aber Gott will nicht, dass wir die Lebenszeit hier auf der Erde verachten.

Die Sehnsucht nach der Ewigkeit ist zwar in Ordnung, aber wir sollen erst dorthin kommen, wenn es Zeit ist, wenn unser Stündlein geschlagen hat, wie unsere Vorfahren es mit einem schönen Bild gesagt haben. Aber zunächst einmal ist das Diesseits dran, noch nicht das Jenseits. Gott hat uns ja unsere Zeit hier auf der Erde geschenkt. Er hat sie uns geschenkt, als Gabe, als Aufgabe, manchem erscheint sie sogar als Zumutung; vielleicht kann man die Zeit aber auch als etwas sehen, was Gott uns zu-traut: Er vertraut uns ein Stück Lebenszeit an, mit dem wir in Freiheit umgehen können, in dem wir uns bewähren sollen.

Bewähren, das klingt so nach Pflicht und Schuldigkeit, nach lebenslanger Mühe und Arbeit. Aber ich glaube, dass es einfach darum geht, sein Leben anzunehmen und zu tun, was gerade dran ist. Der Prediger geht sogar so weit zu sagen: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ Von Mühe und Anstrengung, von Schmerzen und Plagen, ja davon weiß der Prediger. Aber er weiß auch davon, dass man bei all dem einen „guten Mut“, eine getroste Zuversicht bewahren kann, und das ist wirklich ein Gottesgeschenk, eine gute Gabe Gottes.

Wem dieser Satz zu einfach klingt: „Es gibt nichts Besseres als fröhlich sein, zu essen und zu trinken und guten Mut in allen Mühen zu bewahren“, der mag nun noch einmal aufmerksam den Anfang des Predigttextes mit mir betrachten. Denn der weise Prediger im Alten Testament weiß auch etwas davon, dass das Leben nicht immer leicht ist. Er will uns gerade zeigen, dass der Wechsel im Leben normal ist, das Abwechseln zwischen guten und bösen Zeiten. So erklärt er sich, dass die einen Grund zur Freude haben und es den anderen schlecht geht. Es ist nicht immer für jeden das gleiche dran; aber was der eine jetzt erlebt, mag den anderen später treffen; woran sich der eine jetzt schon freut, darauf kann ein anderer nur hoffen.

So beginnt der Prediger mit einer langen Aufzählung von Dingen, die alle ihre Zeit haben, und er fängt mit dem größten Gegensatz an, den wir uns in einem Menschenleben denken können: „geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“. Na klar, sagen wir, das gehört eben dazu. Aber wieviel gehört dazu, das Sterben anzunehmen – und zwar nicht als verzweifelten Ausbruch aus dem Leben, das einem sinnlos erscheint, sondern als das unausweichliche Ende eines so oder so erfüllten Lebens! Und wie schwer fällt es heute auf der anderen Seite manchen jungen werdenden Eltern, ihr im Mutterleib heranwachsendes Baby überhaupt anzunehmen und geboren werden zu lassen!

Der nächste Vers beginnt ähnlich: „Pflanzen hat seine Zeit“; nun könnte man denken, dass er so weitergeht: „und Ernten hat seine Zeit.“ Aber nein, es geht weiter: „Ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit“. Wie merkwürdig! Muss denn auch mal etwas ausgerissen werden? Man mag an das Unkraut denken, das sonst etwas Gepflanztes überwuchert, oder an Pflanzen, die zu alt geworden sind, saft- und kraftlos, z. B. alte Erdbeerstauden, die man ausreißen muss.

Alles wird in Gegensätzen ausgedrückt; und manchmal ist nicht ganz klar, ob der Prediger einfach feststellt, wie es ist, oder ob er meint, es muss auch so sein, es ist gut so, wie es ist. „Töten hat seine Zeit?“ Ja, das ist wohl so, es wird viel getötet in der Welt, seit Kain den Abel totgeschlagen hat. Viele Verletzungen fügen sich Menschen zu, nicht nur körperliche, auch seelische. Ebenso hat aber auch das Heilen seine Zeit; das Lindern von Schmerzen, das Freiwerden von quälenden Symptomen, das Gesundwerden nach einer schweren Krankheit, oder auch das Sich-Abfinden mit einer Behinderung, das Leben mit einer chronischen Krankheit. Wunden können vernarben, auch seelische; und das beste Heilmittel für seelische Wunden sind Gespräche, in denen man sich angenommen fühlt, in denen man ernstgenommen wird, auch wenn man sich manchmal die Meinung sagen muss.

Abbrechen und Bauen ist ein weiteres Gegensatzpaar – dabei denke ich daran, dass nichts von dem, was wir aufbauen, für die Ewigkeit bestimmt ist. Wir müssen immer wieder auch Altes wegreißen, damit Neues entstehen kann; so wie jetzt in der DDR viel Schutt weggeräumt werden muss, um neu anfangen zu können, so muss man auch im persönlichen Leben manchmal schmerzliche Entscheidungen treffen, um einen Schritt vorwärts gehen zu können. Es kann notwendig sein, eine alte Freundschaft aufzugeben, wenn der Freund einen wieder hineinzieht in den Teufelskreis von Sucht und Abhängigkeit. Man muss manchmal Abschied nehmen, auch wenn der andere Mensch sich dadurch verletzt fühlt – oft ist das so zwischen Kindern und Eltern, wenn die Kinder erwachsen werden und aus dem Haus gehen. Da muss man es als ältere Generation hinnehmen, dass die jungen Leute nicht ewig im Elternhaus bleiben kann, sondern sich ein eigenes Haus aufbauen will.

Der Prediger der Bibel weiß: Das Leben ist nicht ohne schmerzliche Erfahrungen denkbar. Am liebsten würden wir ja durchs Leben gehen, ohne von irgendwelchen unangenehmen Dingen berührt zu werden. Aber das ist unmöglich. Es gibt nicht nur Glück, sondern auch Unglück, und wir können dem nicht immer nur ausweichen.

Manche denken, es ist eine Lösung, wenn man sich ein möglichst dickes Fell anschafft. Ich kann verstehen, dass viele Angst vor ihren eigenen Gefühlen haben, weil sie so Schreckliches erlebt haben. Ich verstehe auch, dass sie dann versuchen, möglichst gar nichts mehr zu spüren, dass sie lieber gar kein Gefühl mehr hochkommen lassen, keine Traurigkeit und keine Angst, keinen Ärger, aber auch keine Freude mehr. Nur lassen sich Gefühle nicht einfach so verdrängen. Heruntergeschluckte Tränen machen krank, angestauter Ärger bricht sich vielleicht doch irgendwann Bahn, verdrängte Angst kommt doch irgendwie hoch, und man weiß dann oft gar nicht mehr, wovor man eigentlich Angst hat.

Der Prediger sagt ganz einfach: Es gehört immer beides zum menschlichen Leben dazu: Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen. Wer in einer Depression mitten drinsteckt, kann oft beides nicht, weder sich Freuen noch richtig Tränen vergießen. Aber ich habe es schon mehrmals erlebt, wie erleichtert Patienten waren, die endlich einmal wirklich traurig sein und weinen konnten – ohne sich vor dem anderen, der das mitbekommen hat, schämen zu müssen!

Auch das Klagen hat seine Zeit. Das Ausbreiten des eigenen Elends, dessen, was einem auf der Seele liegt, man sagt dazu auch: sein Herz ausschütten. Oft hilft das schon, sich freier zu fühlen, wenn man merkt, da hört einer zu, dem ich wichtig bin und dem das wichtig ist, was ich sage. Und manchmal kann der andere mir sogar einen Rat geben, was ich nun tun kann in all meinem Kummer.

Es gibt natürlich auch das Jammern, das nie zu einem Ende kommt, das die ganze Zeit eines Menschen einzunehmen droht. Und nicht nur die Zeit dieses Menschen selbst. Die anderen fühlen sich ja auch ver-einnahmt. Sie wollen gerne helfen – und merken irgendwann, die Hilfe, die man zu geben versucht, kommt gar nicht richtig an. Manchmal muss man dieses Jammern einfach unterbrechen. Denn auch anderes hat wieder seine Zeit: Zum Beispiel das Lachen und das Tanzen.

Ich kenne Menschen, die ihren Humor nie verloren haben, obwohl sie ein hartes Schicksal tragen mussten. Und obwohl es für viele ungewohnt ist, weiß ich doch, dass die Tanztherapie hier in der Klinik schon manchem Patienten geholfen hat, wieder mehr zu sich selbst zu finden, sich mehr zuzutrauen, sich einfach besser zu fühlen.

Alles kann ich gar nicht ausführlich besprechen: Es gibt Zeiten, um Steine wegzuwerfen oder um sie zu sammeln. Es gibt Zeiten, in denen man sucht, und Zeiten, in denen man verliert. Manchmal gilt es, festzuhalten, und in anderen Zeiten, loszulassen. Auch das Zerreißen hat seine Zeit, ebenso wie das Zunähen.

Und hier heißt es nicht etwa „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, sondern beides steht gleichwertig nebeneinander: „Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit“. Dass das Schweigen voransteht, deutet vielleicht darauf hin, dass es gut ist, vor dem Reden erst einmal schweigend nachzudenken, damit man keinen Unsinn redet.

Interessant ist noch ein Vers: „Herzen hat seine Zeit, Aufhören zu herzen hat seine Zeit“. Gut, dass hier auch etwas angesprochen wird, das vielen Menschen so sehr fehlt: die Nähe eines anderen Menschen, der einen auch mal in den Arm nimmt, oder wenigstens die Hand gibt, oder übers Haar streicht. Einige von Ihnen kennen ja keine Scheu, wenn Sie gedrückt werden wollen, dann strecken Sie einfach die Arme aus; das haben die meisten von uns Erwachsenen ja früh verlernt. „Herzen“, Schmusen, Streicheln, menschliche Nähe, sie hat ihre Zeit, all das ist wichtig, ich denke für jeden Menschen.

Aber wichtig ist auch das andere: „Aufhören zu herzen“ hat seine Zeit. Menschliche Nähe kann auch erdrückend werden, wenn sie unbegrenzt ist. Mütter oder Väter können mit ihrer Liebe ein Kind auch einengen. Nähe, die mir von einem anderen Menschen angeboten wird, kann mir auch Angst machen. Darum ist es wichtig, gut zu überlegen: wieviel Nähe zu einem anderen Menschen brauche ich, und wieviel Abstand brauche ich. Das muss nicht immer gleichviel sein. Alles hat seine Zeit, manchmal mehr das Alleinsein, und manchmal wieder mehr das Zusammensein.

Und wenn man mit anderen zusammen ist? Geht es da immer problemlos zu? Nein, nicht immer liebt man sich, oft gibt es auch den Hass, und wenn schon nicht den, so doch manchmal Ärger und Missstimmungen. Die Bibel sieht das ganz nüchtern, sieht das als ganz normal an. Aber dabei bleibt sie nicht stehen. Sie fügt hinzu: „Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit“. Manchmal muss man streiten, um einen Ärger, einen Hass zu überwinden, um dann wieder zum Frieden zu kommen. Anders ist der Friede oft nicht möglich. Wenn man sich um einen offenen Streit herumdrückt, kann oft nur ein fauler Friede dabei herauskommen, geheuchelte Liebe, und hintenherum redet man übereinander. Beides muss sein, Streit und dann wieder Friede.

So sieht also der biblische Prediger die Lösung für viele Probleme in denen wir fragen wollen: Was ist denn nun richtig – entweder dies oder das? Streit oder Friede. Liebe oder Hass. Klage oder Freude. Lachen oder Weinen. Pflanzen oder Ausreißen. Arbeiten oder Ausruhen. Es geht gar nicht um ein Entweder-Oder, sagt der Prediger. Es geht um ein Sowohl-Als-auch, aber eben eins nach dem anderen, nicht alles auf einmal.

Aber sehe ich das ganze nicht zu rosig, zu schön? Sagt nicht der Prediger im nächsten Satz: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon?“ Heißt das nicht: Im Grunde kann einem alles gleichgültig sein?

Man kann es auch anders verstehen. Nämlich so, dass der Prediger meint: Den Sinn des Lebens, den kann man wirklich nicht im Hin und Her des Lebens selbst entdecken. Den kann man sich nicht erarbeiten, denn alles, was man sich durch Mühe aufbauen kann, das wird wieder niedergerissen werden. Trotzdem hält der Prediger daran fest: „Gott hat den Menschen die Arbeit gegeben, und auch wenn es für die Menschen eine Plage ist, so hat er doch alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Und, was noch viel wichtiger ist: „Gott hat den Menschen die Ewigkeit in ihr Herz gelegt!“ Darauf kommt es nun wirklich an im Leben. Von hier kommt nun wirklich sinnvolle Erfüllung in ein Menschenleben hinein!

Was wir Menschen tun, das wird vergehen, das kann nicht ewig bestehen. Nur „was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun“, sagt der Prediger. „Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll“. Wenn es um den Sinn des Lebens geht, sollen wir uns nicht auf unsere eigenen Kräfte verlassen, sondern nur auf Gott.

Und wenn wir schon hier auf der Erde wissen, dass wir von Gott geliebt sind, vom ewigen Gott, dann können wir unser Leben annehmen mit „gutem Mut bei all unseren Mühen“. Wir können ohne Illusionen leben, aber mit dem Gefühl: Gott lässt uns trotz allem nie allein. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen nun noch ein Lied über den Zusammenhang zwischen unserer Zeit und Gottes Ewigkeit – der Dichter dieses Liedes will sagen, dass wir immer gerade in dem Augenblick, den wir jetzt erleben, auch ein Stückchen von Gottes Ewigkeit erfahren können – dann, wenn wir ihm vertrauen, wenn wir uns an ihn halten. Es ist das Lied 328, und wir singen daraus die Strophen 1+5+9-11:

1) Die Herrlichkeit der Erden muss Rauch und Asche werden, kein Fels, kein Erz kann stehn. Dies, was uns kann ergötzen, was wir für ewig schätzen, wird als ein leichter Traum vergehn.

5) Ist eine Lust, ein Scherzen, das nicht ein heimlich Schmerzen mit Herzensangst vergällt? Was ists, womit wir prangen? Wo wirst du Ehr erlangen, die nicht in Hohn und Schmach verfällt?

9) Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

10) Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

11) Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

So hat der Prediger 3, 13 im Alten Testament gesprochen.

Jesus war ein Mensch, der gegessen und getrunken hat mit Zöllnern und Sündern, mit Jüngerinnen und Jüngern. Und Christus spricht (Johannes 6, 35.37.47):

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben!

Christus ist die gute Gabe Gottes an uns; er schenkt sich uns in Brot und Wein. So will er uns guten Mut schenken, seine Liebe, Trost und Zuversicht!

Einsetzungsworte und Abendmahl

Wir sagen Dank für Brot und Wein, für unsern gestillten Hunger und unsere gestillte Sehnsucht. Und wir bitten dich, dass du uns nie allein lässt, was auch immer uns widerfährt, Gutes oder Böses. Lass uns dankbar leben, hilf uns, mit Problemen fertigzuwerden. Schenk uns den Mut, zu ändern, was wir ändern können. Schenk uns die Kraft, hinzunehmen, was wir nicht ändern können. Und schenk uns Weisheit, dass wir erkennen, was gerade dran ist, wofür die Zeit gekommen ist. Amen.

Vater unser

Als Danklied nach dem Abendmahl singen wir das Lied 159, 1-3:

1) Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, alle Brüder und Jesu Glieder.

2) Wenn wir wie Brüder beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und der Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3) Ach dazu müsse seine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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