Sterben als Ernte

Trauerfeier für einen Menschen voller Tatendrang, der manchen schweren Schicksalsschlag dennoch mit Humor getragen hat. Wenn das Sterben Ernte ist, muss das Leben Frucht sein.

Sterben als Ernte: Garben, die auf einem abgeernteten Getreidefeld aneinandergelehnt stehen

Kann das Sterben als Ernte verstanden werden? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

In hohem Alter ist Herr Z. gestorben. Nach einer langen Zeit des Zusammenlebens mit ihm müssen Sie von ihm Abschied nehmen. Wir fragen in dieser Stunde angesichts des Todes nach dem Glauben, der uns zum Leben hilft.

Eingangsgebet

Wir beten mit dem Psalm 146 (GNB):

1 Halleluja – Preist den Herrn! Ich will den Herrn preisen!

2 lch will ihn loben mein Leben lang, meinem Gott will ich singen, solange ich atme!

3 Verlasst euch nicht auf die, die Macht und Einfluss haben! Sie sind auch nur Menschen und können euch nicht helfen.

4 Sie müssen sterben und zu Staub zerfallen, und mit ihnen vergehen auch ihre Pläne.

5 Wie glücklich aber ist jeder, der den Gott Jakobs zum Helfer hat und seine Hoffnung auf ihn setzt, auf den Herrn, seinen Gott!

6 Der Herr hat die ganze Welt geschaffen: den Himmel, die Erde und das Meer, samt allen Geschöpfen, die dort leben. Seine Treue ist unwandelbar:

7 Den Unterdrückten verschafft er Recht, den Hungernden gibt er zu essen, er befreit die Gefangenen,

8-9 er macht die Blinden sehend, er richtet die Verzweifelten auf, er beschützt die Gäste und Fremden im Land und sorgt für die Witwen und Waisen. Der Herr liebt alle, die ihm die Treue halten, aber die Pläne der Treulosen vereitelt er.

10 Der Herr bleibt König für alle Zeiten! Zion, dein Gott wird herrschen von Generation zu Generation! Preist den Herrn – Halleluja!

Liebe Trauergemeinde!

Einer Ihrer Bekannten, Ihrer Verwandten, Ihrer Freunde und Kameraden ist gestorben.

Erinnerungen aus dem Leben des Verstorbenen

Da er gern viele Menschen um sich hatte, betätigte er sich mit seinem Einsatz und seinem Humor gern im örtlichen Vereinsleben. Seine Energie und sein Tatendrang waren ungebrochen, und er war nie krank gewesen, bis er vor einem Jahr einen Herzinfarkt erlitt. Seitdem musste er Krankenhaus- und Kuraufenthalte auf sich nehmen und erfuhr schmerzlich die Abnahme seiner Kräfte und zum Schluss das langsame Nahen des Todes.

Was können wir nun angesichts dieses Todes sagen? Ist es möglich, an diesen Tod so heranzugehen, wie Herr Z. an das Leben herangegangen ist, nämlich mit einem Schuss Humor? Humor heißt ja nicht oberflächliche Lustigkeit, die hier nicht angebracht wäre, Humor verträgt sich vielmehr gut mit einer Trauer, die weiß, welcher Verlust hier eingetreten ist und von wem es hier endgültig Abschied zu nehmen heißt. Humor ist mit einer Gelassenheit verbunden, zu der vielleicht manchmal nur der hindurchstößt, der zuvor viele Tränen der Traurigkeit vergießen konnte.

Im Buch Hiob gibt es einen Vers, der solche Gelassenheit angesichts des Todes lehren möchte (Hiob 5, 26):

Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

Ich glaube, die wenigsten Menschen sehen wohl heute das Sterben im Sinne dieses Bibelwortes. Ich will heute nicht davon reden, dass ja so viele Menschen nicht erst im Alter, sondern schon in ihrer Jugend oder in der Mitte des Lebens durch einen plötzlichen Tod sterben. Auch wenn alte Menschen sterben, erscheint aber wohl den meisten von uns das Sterben nicht sinnvoll und gut, sondern im besten Fall als nicht abwendbares Übel, das jemanden womöglich vor noch schwererem Leid bewahrt. Ist das Sterben nicht das große, alles erschütternde und alles zermalmende Nein, das von unserer ersten Lebensstunde an als Drohung über unserem Leben steht? Ist das Sterben nicht das Nein zu unserem Lebenswillen, zu aller Freude und allem Glück des Lebens, zu allem, was uns des Leben lebenswert macht? Ist das Sterben nicht das Nein zu allem unseren Tun und Schaffen, zu unseren großen und kleinen Werken, zu unseren Plänen und Hoffnungen? Ist das Sterben nicht des Nein zu einer Liebe, die wir geben und empfangen, zu einer Treue, die wir einander schenken? „Mit dem Tod ist alles aus“ – dieser banale und scheinbar doch so wahre Satz prägt die Einstellung wohl der meisten Menschen heute, und sie ist sogar dann, wenn wir uns als Christen verstehen, zumindest als Anfechtung in unserem Leben da.

Viel heller, aber auch so viel schwerer zu glauben ist des Bibelwort über das Sterben als Ernte (Hiob 5, 26):

Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

Dass Herr Z. ein hohes Alter erreicht hat und nun zu Grabe kommt, haben wir vor Augen. Dass er bis in das letzte Jahr hinein gesund und voller Tatendrang war, dass er auch nach dem Tod seiner Ehefrau sich nicht verbittert in ein Schneckenhaus zurückgezogen hatte, ist Grund zur Freude und Dankbarkeit. Aber dürfen wir nun tatsächlich sagen: Sterben, also auch sein Sterben, ist Ernte? Das würde je bedeuten: Sein Leben hat nicht einfach aufgehört. Das große Nein des Todes hat nicht gesiegt, sondern über und hinter diesem Nein steht Gottes Ja, steht Gottes Liebe, die die Seinen nicht loslässt. Hinter und über diesem Nein des Todes steht Gottes Allmacht, die aus dem Tod neues, ewiges Leben schafft.

Das war der Glaube, zu dem die verängstigten, traurigen und verwirrten Jünger nach dem Karfreitag durch Ostern gelangten: der Tod ist zwr für unsere Augen das Ende, für die Augen des Glaubens aber der Beginn neuen Lebens. Sterben ist dann tatsächlich Ernte, eine Ernte, die Gott einbringt, die Ernte für seine Ewigkeit.

Daraus folgt etwas: wenn das Sterben Ernte ist, dann muss das Leben Frucht sein. Gott hat uns das Leben gegeben, damit wir Gutes empfangen und Gutes tun, damit wir einander helfen und einander tragen, damit wir uns miteinander freuen und auch das Schwere leichter machen. Die Frucht eines langen Lebens kann viele Namen tragen: Arbeit und Erfolg, Freude und Weisheit, Liebe und Geduld. Doch im Letzten sind nicht unsere menschlichen Fähigkeiten und Tüchtigkeiten, sondern die Liebe und der Segen Gottes die ausschlaggebenden Dinge für unser Leben.

Wenn das Sterben Ernte ist, muss das Leben Frucht sein. Wie steht‘s damit bei uns? Trägt auch unser Leben Frucht, Frucht des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung, die uns Jesus gelehrt hat? Oder begnügen wir uns mit größeren oder kleineren Erfolgen, die nicht standhalten werden? Diese Frage muss jeder für sich beantworten. Unseren Verstorbenen befehlen wir der Barmherzigkeit Gottes, für uns Lebende aber wollen wir zu Gott beten (Psalm 90, 12):

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Das ist ein ernstes Wort, aber kein humorloses. Denn gerade ein Leben, das um seine Grenzen und Aufgaben und seine Verantwortung weiß, wird auch ein von Freude und Glück – neben manchem Schmerz – erfülltes Leben sein. Amen.

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