Von Gott „gesättigt mit langem Leben“

In einer Trauerfeier gehe ich auf den Psalm 91 ein, in dem von den Engeln Gottes die Rede ist, die uns behüten, und in dem es heißt, dass Gott uns sättigt mit langem Leben.

Von Gott gesättigt mit langem Leben: Eine farbenfrohe Blumenwiese als Symbol für erfülltes Leben

Wie ist es, wenn das Leben gesättigt war – randvoll mit Liebe? (Bild: music4life – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau F., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir sind hier um ihretwillen – wir erinnern uns an sie, zeichnen ihren Lebenslauf nach, versuchen, ihr gerecht zu werden.

Wir sind hier um unserer selbst willen – weil es weh tut, wenn ein geliebter Mensch stirbt, und weil es gut tut, beim Abschiednehmen nicht allein zu sein.

Wir sind hier auch um Gottes willen. Von Gott her sind wir zur Welt gekommen, zu Gott hin gehen wir im Tod. In Gottes Augen hat jeder Mensch seine eigene unverwechselbare Bedeutung.

Wir sprechen Worte aus dem Psalm 91:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

9 Der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

11 Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

16 Ich will [dich] sättigen mit langem Leben und will [dir] zeigen mein Heil.

Liebe Gemeinde,

wir haben Worte aus einem alten Gebet der Bibel gebetet, von der Zuflucht unter dem Schatten des Allmächtigen, von den Flügeln Gottes, von den Engeln, die uns auf allen Wegen behüten.

Viele Menschen haben nicht nur Schwierigkeiten mit solchen Vorstellungen, sondern auch damit, sich vertrauensvoll in die Obhut dieses Gottes und seiner Engel zu begeben. Könnte ein guter Gott so viel Leid in der von ihm geschaffenen Welt zulassen? Sind die Engel vielleicht doch nicht immer in der Lage, uns vor allem Übel zu bewahren?

Tatsache ist, dass mit unserer Geburt bereits klar ist, dass wir auch einmal sterben werden. Klar ist außerdem, dass wir Menschen mit der uns von Gott geschenkten Freiheit nicht nur zum Guten, sondern auch zum Bösen fähig sind. Und ebenso selbstverständlich ist auch ein Drittes, nämlich dass wir in unserem Leben alle mit Herausforderungen zu kämpfen haben, die oft hart an die Substanz gehen.

Wie normal das auch und gerade in Gottes Augen ist, sehen wir an der Person, die im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens steht: Jesus, der Sohn Gottes, ist ja kein Supermensch, kein Halbgott wie in den griechischen Göttersagen; er ist wie Gott, gerade indem er wirklich menschlich ist, der selbst im Leiden und im Sterben nicht aufhört, ein liebender Mensch zu sein.

Wir wissen nicht, warum Gott unsere Welt so geschaffen hat, wie sie ist. Im Glauben dürfen wir aber vertrauensvoll hinnehmen und akzeptieren, dass diese Welt eine sehr gute Welt ist – weil Gott sie in Liebe geschaffen hat und weil wir Menschen die Geschöpfe sind, die er am meisten liebt.

In einem solchen Gottvertrauen dürfen wir auf das Leben eines Menschen zurückblicken, mit dem wir in Liebe verbunden waren. Wir tun das, indem wir uns noch einmal in Erinnerung rufen, wie das Leben von Frau F. verlaufen ist, wie uns die Begegnung mit ihr geprägt und beeinflusst hat und was uns geschenkt war mit diesem unverwechselbaren Menschen.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Am Anfang hatte ich den Psalm 91 gelesen, hatte davon gesprochen, dass wir in einer Welt leben, die von Gott gut geschaffen ist und in den wir von Gottes Engeln behütet werden. Ich denke, im Leben von Frau F. können wir etwas davon ablesen, was es mit den Engeln Gottes auf sich hat. Sie selber war zum Beispiel für ihre Enkelkinder so etwas wie ein guter Engel, eine Zuflucht in allen Lebenslagen, ein Ort, wo sie immer hinkommen konnten. Als sie ihren Mann traf und mit ihm zusammenblieb, durfte sie erleben, wie es ist, wenn man sich aufeinander verlassen kann und in gegenseitigem Vertrauen und in Zärtlichkeit ein ganzes Leben miteinander teilt.

Dann gibt es aber auch noch die unsichtbaren Engel Gottes, die von Gott vor allem den Auftrag bekommen, uns den richtigen Weg zu zeigen und uns notfalls auch einmal durch eine schwere Zeit hindurchzutragen, die wir allein nicht bewältigen. Gehen müssen wir unsere Wege schon selber: indem wir auf unsere Engel hören, behüten sie uns davor, zu Fall zu kommen oder auf eine schiefe Bahn zu geraten. Leider gelingt es nicht immer, jeden geliebten Menschen von einem Weg fernzuhalten oder wieder abzubringen, der ins Unglück führt, das gehörte zu den bitteren Erfahrungen von Frau F.; sie selber gab sich aber nicht auf und konnte so für viele in ihrer Familie und darüber hinaus als ein wirklich guter Engel da sein.

Im Psalm 91, 13 hieß es sogar:

Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

Das klingt ein wenig übertrieben, aber ich denke, es ist bildlich gemeint und bezieht sich auf die vielfältigen Herausforderungen im Leben, Ängste, Traurigkeit, Enttäuschungen, Verzweiflung, die uns manchmal tatsächlich wie wilde Tiere oder Monster anfallen und mit denen man nur fertig wird, wenn man jemanden hat, auf den man sich verlassen kann. Frau F. war so jemand, auf den man bauen konnte; solche Menschen muss man – suchen.

Unsichtbar in dem Himmel, der nur ein Gebet weit entfernt von uns ist, ist auch Gott für uns da; von ihm sagt unser Psalm 91:

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

9 Der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

Sonst stellen wir uns ja immer Engel mit Flügeln vor; hier in den Psalm sind es nicht die Engel, die mit Flügeln ausgemalt werden, sondern Gott lässt uns wie eine Adlermutter unter ihren Flügeln geborgen sein. Im Vertrauen auf ihn können wir auch Traurigkeit aushalten und durchstehen, können wir Kraft schöpfen, um als Familie und unter guten Freunden und Nachbarn auch in schweren Zeiten füreinander da zu sein.

Zuletzt möchte ich noch auf Psalm 91, 16 eingehen. Da heißt es:

Ich will [dich] sättigen mit langem Leben und will [dir] zeigen mein Heil.

Ob ein Leben mit über 70 Jahren lang oder kurz ist, das kann man unterschiedlich sehen. Für die Menschen der Bibel ist entscheidend, ob unser Leben erfüllt ist, ob wir mit dem Leben, das wir geschenkt bekommen haben, „gesättigt“ sind oder nicht.

Satt sind wir dann, wenn unser Hunger gestillt ist; in unserem Leben sind wir gesättigt, wenn wir genug Liebe erfahren und verschenken konnten. Das ist es, was Gott uns verspricht, und das ist es auch, was mit dem altertümlichen Wort „Heil“ gemeint ist. Die Liebe ist es nämlich, die in unserem Leben heil macht, was kaputt gegangen oder nicht in Ordnung ist.

Indem Gott uns sein Heil zeigt, tut er das Gleiche, was auch seine Engel in seinem Auftrag tun: uns behüten auf unseren Wegen, damit wir auf die Liebe vertrauen und in Liebe füreinander da sind, vor allem für die Kinder und Kindeskinder, die uns anvertraut sind, aber auch für die, mit denen wir in Ehe und Partnerschaft, als Freunde, Bekannte und Nachbarn, als Arbeitskollegen und Vereinskameraden verbunden sind.

Das Leben von Frau F. war in diesem Sinne ein erfülltes Leben; wir sind dankbar, dass sie uns geschenkt war; wir sind traurig, dass sie uns genommen wurde. Wir dürfen sie aber getrost loslassen, denn Gott nimmt sie auf in seinem Himmel, wo sie für immer in seiner Liebe bleiben und ewigen Frieden finden darf. Amen.

Großer Gott, wir danken dir für das Leben von Frau F., besonders für die Erfüllung ihres Lebens in allem, was ihr Freude bereitete, in Arbeit und Familie, Freundschaft und Nachbarschaft, und auch für alle Bewahrung in schweren Zeiten. Vor allem danken wir dir für die Liebe, die wir empfangen und geben, und auch für die Kraft, mit der du uns ausrüstest, um auch das Schwere zu tragen.

Nimm nun Frau F. in Gnaden auf in den ewigen Frieden deiner Liebe im Himmel. Und begleite die Menschen, die sie zurücklässt und die um sie trauern, mit deinem Trost. Alle unsere schweren Gedanken bringen wir vor dich, Gott. Hilf uns, unsere Belastungen zu tragen und unser Leben zu meistern. Amen.

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