Ein Riss in der Realität

Gottesdienst zu einem Bild von Beate Heinen: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“

Und was tun wir nun? Laufen wir weiter unseren Weg im Dunkeln? Haben wir den Riss vor Augen, der mitten durch unsere Wirklichkeit geht, bleiben aber blind für dieses Licht? Es ist unsere Entscheidung, uns einzulassen auf das Kind, das an Weihnachten zur Welt kommt.

direkt-predigtChristvesper an Heiligabend, Montag, 24. Dezember 2007, 18.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen und am 2. Christfesttag, Mittwoch, 26. Dezember 2007, 10.00 Uhr in der Michaelskirche Gießen-Wieseck
Die heilige Familie erscheint in einem Riss in der Realität, violette Farben herrschen auf diesem Bild vor

Das meditierte Bild stammt von Beate Heinen und trägt den Titel: „O Heiland, reiß die Himmel auf“, erschienen 1993 im Kunstverlag 56653 Maria Laach. Ich danke der Künstlerin für die Erlaubnis der Wiedergabe ihres Bildes!

Vorspiel mit Orgel und Trompete

Guten Abend, liebe Gemeinde!

In der Christ-Vesper besinnen wir uns auf das Geheimnis der Heiligen Nacht, wie es geschrieben steht im Evangelium nach Johannes 1, 14: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Musikalisch wird dieser Gottesdienst von unserer Organistin Grit Laux an der Orgel und ihrem Bruder Robin Laux mit der Trompete gestaltet.

Zuerst singen wir gemeinsam das Lied 45:

1. Herbei, o ihr Gläub’gen, fröhlich triumphieret, o kommet, o kommet nach Bethlehem! Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren! O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

2. Du König der Ehren, Herrscher der Heerscharen, verschmähst nicht zu ruhn in Marien Schoß, Gott, wahrer Gott von Ewigkeit geboren. O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

3. Kommt, singet dem Herren, singt, ihr Engelchöre! Frohlocket, frohlocket, ihr Seligen: »Ehre sei Gott im Himmel und auf Erden!« O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

4. Ja, dir, der du heute Mensch für uns geboren, Herr Jesu, sei Ehre und Preis und Ruhm, dir, fleischgewordnes Wort des ewgen Vaters! O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

An Weihnachten bekommt die Realität Sprünge und Risse. Alles ist anders als sonst. Wir hören von einem König, der anders ist als die Könige in den Hochglanzmagazinen, ein König, der im Stall zur Welt kommt und nicht in einem Palast residiert. Und doch ist er mächtiger als die Könige, die heute ihren Staat repräsentieren und im Luxus leben, und auch als die Könige, die früher mit Macht die Welt regierten. Dieser König repräsentiert auch, aber keinen Staat dieser Erde, sondern das Wort Gottes. Er ist selbst das Wort Gottes. Gottes Wort wird Fleisch in Jesus: der König aller Könige, der Heiland der Welt.

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

An Weihnachten fällt vielen deutlicher und klarer als sonst auf, wie zerrissen ihr kleines Leben und wie zerrissen die große Welt ist. Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, tut es heute besonders weh, an zerbrochene Liebe zu denken, an geliebte Menschen, die wir verloren haben. Wenn Weihnachten das Fest der Familie ist, meldet sich auch Sehnsucht bei denen, die nicht in einer heilen Familie leben. Und obwohl Weihnachten das Fest des Friedens ist, trauen wir uns nicht zu glauben, dass ab heute und auf Dauer überall die Waffen schweigen.

Wir beklagen die Zerrissenheit unseres Lebens und unserer Welt und bringen diese Klage vor dich, Gott, an diesem Heiligen Abend.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Heiliger Abend, das ist ein Abend der Freude. Hanns Dieter Hüsch, der Kabarettist, war ein sehr gläubiger Mensch. Er hatte einen Dezember-Psalm gedichtet, voller Zuversicht:

Mit fester Freude lauf ich durch die Gegend

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Alles wird gut? Genau das ist gemeint mit dem Wort „Heiland“, einer heilt, was zerrissen ist. Einer, der von Gott kommt, einer, der das Wort Gottes selber ist, lebt, verkörpert, in Fleisch und Blut. Alles wird gut – Gott, wir beten dich an in deinem Wort, fleischgeworden in Jesus, dem Messias Israels, dem Heiland der Welt. „Amen.“

Wir hören das Weihnachts­evangelium nach Lukas im 2. Kapitel. Nach jedem Abschnitt singen wir eine Strophe des Liedes 46:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

1) Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

2) Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

3) Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 36 die Verse 1 bis 3, 5, 6 und 9:

1. Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!

2. Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jam­mer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind’t sich mit unserm Blute.

3. Sollt uns Gott nun können hassen, der uns gibt, was er liebt über alle Maßen? Gott gibt, unserm Leid zu wehren, seinen Sohn aus dem Thron seiner Macht und Ehren.

5. Nun er liegt in seiner Krippen, ruft zu sich mich und dich, spricht mit süßen Lippen: »Lasset fahrn, o liebe Brüder, was euch quält, was euch fehlt; ich bring alles wieder.«

6. Ei so kommt und lasst uns laufen, stellt euch ein, groß und klein, eilt mit großen Haufen! Liebt den, der vor Liebe brennet; schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet.

9. Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände. Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

„O Heiland, reiß die Himmel auf“, haben wir im Advent gesungen. Und heute, gerade in dem Lied vor der Predigt: „Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer.“ Wenn die Himmel aufreißen, dann ist es unmöglich, dass die Erde ein Jammertal bleibt.

Aber wie geschieht das? Wie können die Himmel aufreißen? Die Wolkendecke kann aufreißen, ein herrlicher Sonnenuntergang kann sich unseren Augen als wunderbares Schauspiel am Himmel darbieten, aber der Prophet Jesaja hoffte auf etwas anderes, als er mit diesen Worten zu Gott rief (Jesaja 63):

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!

19 Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!

Das Bild vom Himmel, der zerreißen kann, stammt aus einer Zeit, in der man sich den Himmel wie eine Kuppel vorstellte, die sich über der Erde wölbt. An ihr sind Sonne, Mond und Sterne befestigt und ziehen ihre Bahnen. Dahinter, darüber, unvorstellbar weit und hoch über der Erde, so nahm man an, musste Gott wohnen.

Dieses Weltbild ist uns seit Beginn der Neuzeit verloren gegangen. Vielleicht kennen Sie die berühmte Veranschaulichung des modernen Wissenschaftlers, wie er den Kopf durch die Himmelskuppel streckt und das Getriebe des Weltalls erforscht, ohne dass er dort irgendwelche Anzeichen für die Wohnung Gottes finden kann.

Aber schon König Salomo wusste, dass Gott nicht nur größer ist als die Erde, sondern auch als jeder Himmel (1. Könige 8, 27):

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.

Zugleich wusste jeder Israelit im Gottvertrauen: Der große Gott ist nicht nur weit weg. Er ist ganz nahe, wenn er durch die Propheten seine Stimme hören lässt, wenn er sein Volk in die Freiheit führt, wenn in den Psalmen zu ihm gesungen und gebetet wird, in Klagegesängen und Lobliedern, in Sehnsucht und mit Dankbarkeit.

Das vollständige Meditationsbild von Beate Heinen

Das vollständige Meditationsbild von Beate Heinen

Wie also kann der Himmel aufreißen? Wie greift Gott ein in das Geschehen auf dieser Erde? Jesaja stellte sich das so vor: Gott zerreißt den Himmel, er fährt zu uns herab, er führt sein Volk nach 70 Jahren aus der Verbannung in Babylon wieder zurück. Und dazu muss Gott nicht einmal die Naturgesetze der Schöpfung außer Kraft setzen. Wenn der Himmel zerreißt, geschehen Wunder, die die scheinbar festgefügten Gewaltstrukturen und Sachzwänge unserer irdischen Wirklichkeit durchbrechen. Damals besiegte der persische König Kyros die Babylonier und erlaubte den Juden die Heimkehr nach Jerusalem. Gott erwählt einen fremdländischen Herrscher, um seinem Volk Freiheit zu schenken.

Der Himmel reißt auf, und auf der Erde leben Menschen im Frieden.

Die Künstlerin Beate Heinen hat vor 14 Jahren ein Weihnachtsbild zum Thema „O Heiland, reiß die Himmel auf“ gemalt, auf dem ein solcher Riss zu sehen ist. Der Himmel reißt auf, und er bildet einen Riss mitten in unserer Wirklichkeit. Da schimmert Gold hindurch; wie auf unserem Altarfen­sterbild ist diese goldgelbe Farbe die Farbe des Himmels, der Engel, des ewigen Gottes. Und vor dem Hintergrund dieses Leuchtens vom Himmel her sehen wir vertraute, helle Gesichter: die Heilige Familie.

Was ich spannend finde an diesem Bild: Es ist wirklich nur ein schmaler Riss, der sich durch unsere Wirklichkeit zieht, in dem ein Stück heile Welt erscheint.

Viel breiter erscheint das Gewühl von Menschen, die sich wie ein unaufhaltsamer Strom von links nach rechts bewegen, im Dunkeln, ohne erkennbare Gesichter, ohne erkennbares Ziel, wie von einer unsichtbaren Kraft dahingetrieben.

So stellt Beate Heinen die Wirklichkeit dar, in die Jesus hineingeboren wird und in der wir noch immer leben.

Schattenfamilie

Schattenfamilie

Da, rechts unten auf dem Bild, scheint sich auch eine Familie auf dem Weg zu befinden. Aber wie gehetzt, vielleicht in der Fußgängerzone, auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. In gedämpften Farben sind die Gestalten gemalt, in düsterem Wetter eilen sie dahin, eine dunkle Stimmung liegt über ihnen.

Regenbogenfarben

Regenbogenfarben

Dabei ist das Farbenspiel auf dem Bild durchaus vielfältig, wenn man genau hinschaut. Das Dunkel auf dem Bild ist kein Grau in Grau, sondern es schimmert in den Regenbogenfarben und erinnert daran, dass nicht die Schöpfung als solche schlecht ist. Die Schöpfung ist sehr gut, nur liegt auf ihr ein Schleier der Finsternis. Auch die Farbigkeit der Gestalten „lässt ahnen, dass jeder einzelne Mensch in dieser unzählbaren Menge einmalig ist, kostbar, geliebt; getrieben wie gezogen von Sehnsucht und Liebe, von Angst und Dunkelheit“ (Beate Heinen).

Auf der Flucht

Auf der Flucht

Egal, wo wir hinblicken auf dem Bild, die Menschen wirken, als seien sie auf der Flucht. Und vielleicht sind sie es wirklich; viele Menschen in dieser Welt leben tatsächlich auf der Straße, finden wir damals Maria und Josef keinen Platz in der Herberge. Und andere haben zwar eine Wohnung, aber nicht wirklich ein Zuhause, das ihnen Heimat, Geborgenheit gibt.

In der Zeit, in der Jesus geboren wird, ist Israel wie zu Jesajas Zeiten wieder ein von Krieg und Bürgerkrieg zerrissenes Land. Und es ist dem Evangelisten Lukas wichtig, diesen Hintergrund der Geburt Je­su deutlich zu machen: Er erwähnt die weltweite Steuerschätzung der Römer als Anlass für die Reise Josefs von Nazareth nach Bethlehem, auf die er seine schwangere Verlobte Maria mitnimmt. So gesehen zeichnet Lukas in der Weihnachtsgeschichte kein idyllisches Bild einer heilen Welt, sondern er beschreibt die Welt, wie sie damals war und heute immer noch ist: Menschen, die eigentlich schon Probleme genug haben, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und mit sich selbst und einigen vertrauten Menschen klarzukommen, leiden zusätzlich unter den Umständen der jeweiligen Wirtschafts- und Weltpolitik. Und so wie damals im Römischen Reich weltweit gelten sollte, was der Kaiser befahl, auch auf Kosten der althergebrachten Werte in den einzelnen Ländern des Reiches, so haben sich heute im Zeichen des freien Weltmarkts überall auf der Erde die Gesetze des Kaufens und Verkaufens durchgesetzt; jeder darf in seiner Façon selig werden, Hauptsache, er konsumiert und verursacht im Arbeits­prozess oder in den Sozialkassen keine hohen Kosten. Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität, Frieden und Freiheit geraten dabei leicht ins Hintertreffen.

Und nun reißt der Himmel auf. Es entsteht dieser Riss mitten durch unsere Wirklichkeit. In diesem Riss erscheint nichts weiter als noch drei Menschen, eine Familie, wir erkennen sie sofort: Maria, Josef, Jesus.

Heilige Familie

Heilige Familie

Was ist anders an diesen drei Menschen? Sie sind im Licht. Sie sind in der Ruhe. Sie gehören erkennbar zusammen: ein Bild der Liebe. Dabei schweben sie nicht einfach über der Wirklichkeit, als hätten sie nichts mit ihr zu tun. Nein, sie sind untrennbar eingebunden in den Strom der Ereignisse um sie herum; Teile der Gestalt von Maria und Josef, seine rechte Hand, der linke Teil seines Gesichts, sind im Dunkeln, nur das Kind ist ganz im Licht.

Kind

Kind

Genau das ist das Besondere an diesem Kind. Es ist im Licht. Es ist dazu bestimmt, die Liebe Gottes in dieser Welt zu verkörpern und auszustrahlen. Und es beginnt damit, das zu tun, indem es aktiv zunächst erst mal gar nichts leistet. Es ist einfach ein Kind, das auf Mutter- und Vaterliebe angewiesen ist, das zufrieden ist, wenn es sich warm und satt an die Brust der Mutter kuscheln kann. Gott wird ein Kind, ein Mensch, wie man ihn sich verletzbarer und bedürftiger nicht vorstellen kann. Seine ganze heilige Macht, das heißt, seine ganze heilende Liebe lässt er wohnen in einem in unseren Augen machtlosen Kind (Lukas 2, 11):

„Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“.

Maria

Maria

Maria hatte in der Erwartung der Geburt ihres Kindes einen Psalm gesungen: „Die Gewaltigen stürzt er vom Thron, und er erhöht die Niedrigen.“ Jetzt ist er da, der das zustandebringt. Er ist selbst ein Niedriger, aber er wird selbstbewusst vor den Thronen des Herodes und Pilatus stehen. Sie können ihm Gewalt antun, aber sie können nicht die Liebe töten, die in ihm zur Welt kommt und die sogar aus dem Grab heraus zu neuem Leben herausbrechen wird. Auch die Totenwelt der Gräber wird zerreißen, wo Gottes Himmel aufreißt.

So blickt Maria ernst, aber ohne Angst in die Zukunft. Sie ahnt nur, was ihr Sohn auf sich nehmen wird. Aber sie weiß, dass Gottes Treue nicht aufhört. Er wird zu ihrem, Seinem Sohn stehen, was auch immer geschieht. Er wird durch ihn, den Messias Jesus, zu seinem Volk Israel stehen und es bewahren durch die Weltzeitalter hindurch. Und er wird durch ihn, den Heiland der Welt, allen Völkern den Frieden und die Befreiung bringen, die der Gott Israels allen Menschen versprochen hatte, als er der Welt in ihrem Tohuwabohu zurief, dass sie Schöpfung sein sollte: sehr gut, menschenwürdig, mit Menschen, männlich und weiblich, nach Gottes Bild geschaffen.

Josef

Josef

Josef steht, wie auf Weihnachtsbildern üblich, im Halbschatten. Zwar ist er so dargestellt, wie man sich üblicherweise Jesus vorstellt, aber man wird nicht von Jesus sagen: „Ganz der Vater!“ und diesen Satz auf Josef beziehen. Denn von einem menschlichen Vater hat er das nicht, dass er unversehrt bleibt von den Zerrissenheiten dieser Welt, dass ihn die Stimme der Versuchung nicht verführt, dass er der Sünde nicht verfällt, die darin bestanden hätte, ein Gott sein zu wollen, wie ihn sich die Menschen vorstellen: der aus Steinen Brot macht, der durch Zauberkraft unverletzbar ist, der sich auf den Thron der Weltmacht setzt und von dort aus den Völkern seinen Willen aufzwingt. Der Sohn dieses Josef wird in Wahrheit Gottes Sohn sein, wird den Heiligen NAMEN des Gottes Israels verkörpern, wird allen Menschen aller Völker zurufen, dass sie sofort von ihren Wegen umkehren können und auf Wegen des Friedens gehen können. Denn Gott ist hier auf der Erde, wird können ihm nachfolgen, in seinen Spuren gehen.

Auf dem Bild ist Josef dargestellt als einer, der das tut: Als Vater Jesu dient er seinem Sohn. So hat jeder Vater, auch Pflegevater und Stiefvater, seinem Kind gegenüber eine große Verantwortung. Josef trägt sie, indem er seine Frau und sein Kind mit seinen starken Männerhänden umfängt, statt ihnen wehzutun. Er gibt ihnen Schutz. Er hält sie fest, so wie er selbst gehalten ist von der unsichtbaren Macht des Lichtes, das von dem himmlischen Kind ausgeht. Wo Menschen einander so halten, so füreinander da sind, so treu zueinander stehen, da leuchtet das Licht des Himmels hinein in unsere Wirklichkeit. Der Himmel reißt auf, das Reich Gottes ist nahe, damit unsere Erde Schöpfung werde, und zwar sehr gut.

Hände

Hände

Schauen Sie genau hin: Hände, die einander halten, spielen eine große Rolle auf dem Bild. Josefs Hände umfangen Maria und das Kind, Maria hält den Arm des Kindes. Nur die kleine Hand des Kindes kann hier noch nicht selbstständig handeln. Mit ihr wird Jesus später Menschen segnen, er wird sie Kranken auflegen. Am Ende wird diese Hand ans Kreuz genagelt werden. Doch wo sie festgenagelt wird und scheinbar unfähig zum Handeln ist, ist die Macht der Liebe Gottes trotzdem nicht am Ende. Gottes Machtlosigkeit ist mächtiger als die Gewalt der Gewalttätigen dieser Erde.

Sehen Sie die Hand des Josef? Mitten im Dunkel leuchtet sie auf.

Josefs Hand

Josefs Hand

Schattenhand

Schattenhand

Und schauen Sie, auf der anderen Seite, rechts von der Gestalt des Josef, da ist schattenhaft ebenfalls eine Hand zu erkennen, die mitten im Dunkel doch ein Stück Halt verspricht. So mag es auch in unserem Leben sein, wenn unsere Wirklichkeit einen Riss bekommt und durchlässig wird für das Licht des Himmels. Die Hand, die wir einander um die Schulter legen. Ein Wort, das uns tröstet und aufrichtet. Menschen, mit denen wir einen gemeinsamen Weg gehen. Ein Gott, der unser Vertrauen verdient, der uns zuhört, wenn wir beten.

Und was tun wir nun? Laufen wir weiter unseren Weg im Dunkeln? Haben wir den Riss vor Augen, der mitten durch unsere Wirklichkeit geht, bleiben aber blind für dieses Licht? Es ist unsere Entscheidung, uns einzulassen auf das Kind, das an Weihnachten zur Welt kommt. Gott reißt den Himmel auf, um unsere Welt zu ändern, direkt an unserem Platz, in unserer Stadt, in unserer Gemeinde, in unserer Familie, in der eigenen Seele.

Blind für das Licht?

Blind für das Licht?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes gesegnete Weihnachten. Ich wünsche Ihnen den Segen, der vom Himmel kommt. Dass der Himmel auch für Sie auf­reißt und Sie in tatkräftiger Ruhe erwarten, was Gott für Sie übrig hat und was Gott Ihnen ganz persönlich zutraut. Frohe Weihnachten!

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 30 die Strophen 1 bis 3:

1. Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

2. Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt, hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd; aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren, welches uns selig macht.

3. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis. Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.

Lasst uns beten!

Gott, Vater Jesu Christi und unser Vater, wir danken dir, dass du den Himmel aufgerissen hast und zu uns auf die Welt gekommen bist im Kind von Bethlehem. Wir stehen an seiner Krippe und erkennen in ihm die Allmacht deiner Liebe. So beten wir dich an!

Gott des Friedens! Wir danken dir, dass deine Ehre im Himmel darin besteht, dass wir auf der Erde im Frieden leben können. Wir bitten dich um die Kraft und den Mut, den Frieden zu leben, den du uns schenkst.

Gott, unser Schöpfer, du lässt uns nicht untergehen in der namenlosen Masse, sondern hast uns einen Namen und ein Gesicht gegeben, unverwechselbar, einmalig, kostbar. Lass uns das nie vergessen, sondern gut für uns sorgen und aufmerksam auf die Sorgen des anderen sein, indem wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst.

Gott, unser Heiland, du verstehst den Wunsch, dass wir uns daheim fühlen, ein Zuhause haben, Wärme und Geborgenheit spüren, dass Menschen sich Zeit nehmen für mich, sich mir zuwenden, mich wichtig nehmen. Erfülle uns, Gott, diese Wünsche, indem wir sie einander erfüllen. Amen.

Was wir außerdem auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor dich, unser Gott.

Stille und Vater unser

Wir singen das Lied 44:

1) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Und nun geht gesegnet in die Heilige Nacht:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Nachspiel mit Orgel und Trompete

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