Zaghafte Hoffnung

Wir haben keine Ausrede. Selig sind die Friedensstifter, nicht die, die das Thema Frieden kalt lässt. Wenn wir etwas ändern wollen, können wir – bei uns selbst anfangen. Uns mehr Information verschaffen, offener auf Andersdenkende zugehen, prüfen, ob der eigene Standpunkt wirklich haltbar ist, nicht mit zweierlei Maß messen, wenn es um die Bewertung von Waffen in verschiedenen Händen geht.

Schattenriss eines Elternpaares, das ihre beiden Kinder beschützt, vor einem Atompilz

Wächst die Gefahr begrenzter Atomkriege? (Bild: pixabay.com)

Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Sonntag, 15. November 1981, um 11.30 Uhr in Heuchelheim und um 13.30 Uhr in Beienheim

Liebe Zuhörer!

Ich stehe heute mit gemischten Gefühlen und Gedanken hier. Dankbar bin ich und besorgt, eine Neigung zu tiefer Mutlosigkeit liegt in mir im Streit mit einer zaghaften, bangen Hoffnung.

Dankbar bin ich, weil wir diesen Tag in Frieden begehen dürfen: zum 36. Male nach dem Zweiten Weltkrieg. Dankbar bin ich, dass niemand in unserem Land, der ernst genommen werden möchte, einen Krieg wünscht. Dankbar bin ich, dass Sie hier zusammengekommen sind, dass unter Ihnen das Andenken an die Toten der letzten Kriege nicht vergessen ist und dass Sie ein offenes Ohr mitbringen für die Mahnung, die uns diese Millionen Toten aus vielen Ländern ins Gewissen schreiben. „Nie wieder Krieg!“ heißt diese Mahnung. „Jeder kann für den Frieden etwas tun!“ heißt diese Mahnung.

Besorgnis meldet sich in mir, weil es so viele Anzeichen gibt, dass der Friede bedrohter ist als noch vor einem Jahr. An das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens hatten wir uns fast gewöhnt. Dieses sehr wacklige, furchtbare Ding hat immerhin in den Jahren seit dem letzten Krieg so gut funktioniert, dass keine Supermacht den Ersteinsatz von Atomwaffen auch nur für denkbar gehalten hat – weil ja daraufhin mit tödlicher Sicherheit der nukleare Massenselbstmord durch die Vernichtungswaffen des Gegners die Folge gewesen wäre.

Bisher hatten Atomwaffen also den einzig vertretbaren Sinn, vom Kriegführen überhaupt abzuschrecken, jedenfalls im Bereich der Supermächte und Europas. Nun aber sind Töne zu hören, die mir und vielen anderen Angst machen. „Es gibt wichtigere Dinge, als in Frieden zu leben“, hat der US-Außenminister Haig beiläufig formuliert. Sein Kabinettskollege Weinberger hat gemeint: „Wer einen Atomkrieg verhindern will, muss ihn gewinnen können.“ Und der amerikanische Präsident hat deutlich gemacht, was für den gesunden Menschenverstand ohnehin deutlich war, dass Amerika nicht gern Selbstmord begehen würde, wenn in einem in Europa ausgebrochenen Krieg schon Atomwaffen eingesetzt worden wären. „Ein begrenzter Atomkrieg ist denkbar“, hat Reagan gesagt und trotz der Aufregung, die dieser Satz in Europa ausgelöst hat, noch einmal ausdrücklich bekräftigt. Wenn dann noch von atomaren Warnschüssen im Falle eines Krieges gesprochen wird, wenn präziser lenkbare Waffen wie die Cruise Missiles oder in ihrer Vernichtungskraft begrenztere Waffen wie die Neutronenbombe gebaut werden, dann wächst meine Angst davor, dass das Kriegführen mit Atomwaffen wieder für möglich gehalten wird. Entweder wieder so, dass es begrenzte Schlagabtausche geben könnte, zum Beispiel in Europa oder auf den Erdölfeldern – aber was heißt hier begrenzt: Hiroshima und Nagasaki waren auch begrenzt. Oder dass die Supermächte überhaupt dazu fähig werden könnten, die andere Seite so zu bedrohen, dass sie keine Möglichkeit mehr hätte, vernichtend zurückzuschlagen. Dann wären Atomwaffen nicht mehr Waffen, die vor dem Kriegführen abschrecken, dann wären es Waffen wie andere auch, bei denen es darauf ankommt, im Krisenfall schneller als die andere Seite zu sein.

Viele andere Dinge vermehren die Besorgnis. In einem Augenblick, in dem es die amerikanische Politik der Sowjetunion ziemlich einfach macht, als diejenigen da zu stehen, die mehr vom Frieden als vom Krieg reden, wird die Sowjetunion dabei ertappt, die Neutralität Schwedens mit einem U-Boot ihrer Militärflotte zu verletzen. Im eigenen Land macht es manchem Angst, wenn sie die großen Demonstrationen von stärker werdenden Minderheiten sehen, die gegen Nachrüstung, gegen das Verkommenlassen von Wohnraum zu Spekulationszwecken oder gegen die Startbahn West gerichtet sind. Und andere wiederum erschrecken angesichts der Waffenlager, die sich extremistische rechte Gruppierungen angehäuft haben und angesichts neuer Hassparolen gegen Juden, Kommunisten oder Ausländer.

Dankbar und besorgt stehe ich also hier, und wie gesagt: tiefe Mutlosigkeit greift nach mir, wenn ich mir klar machen will, was ich denn tun kann. So viele Menschen sagen, wie es kürzlich Menschen in der DDR getan haben: „Ich kann ja sowieso nichts machen“ – „ich habe meine Arbeit, mehr interessiert mich nicht“ – „die da oben werden schon richtig für uns entscheiden!“ Und der Friede, den die Bibel predigt, wird von vielen als etwas rein Innerliches verstanden, als Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, ohne Folgen für unser Zusammenleben.

Ich habe aber außerdem noch eine zaghafte, bange Hoffnung in mir, und auf die kommt es mir heute an.

„Selig sind, die Frieden stiften“

– sagt Jesus (Matthäus 5, 9), und ich sehe auch Anzeichen dafür, dass es immer mehr Menschen gibt, die davon überzeugt werden, dass wir alle etwas für den Frieden tun können, dass Friedfertigkeit nicht nur eine Tugend der Passivität ist. Die friedlichen Großdemonstrationen in Hamburg und Bonn gegen die Aufrüstung in Ost und West haben gezeigt, dass immer mehr Menschen sich Sorgen machen um den Frieden und dass Kundgebungen selbst auch friedlich und ohne Krawall ablaufen, wo genügend besonnene und vernünftige Köpfe unter den Veranstaltern und Teilnehmern vorhanden sind. Wer demonstriert in Moskau? wurde im Oktober auch gefragt. Doch auch das gehört zu den hoffnungsvollen Zeichen, dass es in der Kirche der DDR vermehrt Stimmen gibt, die auch in einer Gesellschaft des Warschauer Pakts Gedanken der Friedensbewegung zum Tragen bringen: die Anregung einseitiger Abrüstungsschritte z. B. oder der Einrichtung eines sozialen Friedensdienstes. Und wenn bei uns in diesen Tagen die unter anderem auch von den Kirchen veranstalteten Friedenswochen veranstaltet werden, so ist auch das ein hoffnungsvoller Anfang: miteinander zu reden und dabei auch friedlich mit dem umzugehen, der anderer Meinung ist, bereitet den Weg zum Einsatz unserer Phantasie für den Frieden.

Wir haben keine Ausrede. Selig sind die Friedensstifter, nicht die, die das Thema Frieden kalt lässt. Wenn wir etwas ändern wollen, können wir auf jeden Fall – bei uns selbst anfangen. Uns mehr Information verschaffen, offener auf Andersdenkende zugehen, prüfen, ob der eigene Standpunkt wirklich haltbar ist, nicht mit zweierlei Maß messen, wenn es um die Bewertung von Waffen in verschiedenen Händen geht, das Gespräch zum Thema Frieden zu einem Bestandteil des Alltags werden lassen.

Haben die Friedensstifter denn eine Chance? Jesus spricht davon, dass sie Kinder Gottes heißen werden. Wer Krieg in Kauf nimmt oder für unausweichlich hält, kann nicht mehr für sich in Anspruch nehmen: „Gott mit uns“. Ein weiser Chinese, Lao Tse, hat gesagt: „Auf der Welt gibt es nichts, was weicher und dünner ist als Wasser. Doch um Hartes und Starres zu bezwingen, kommt nichts diesem gleich. Dass das Schwache das Starke besiegt, das Harte dem Weichen unterliegt, jeder weiß es, doch keiner handelt danach.“ Muss das immer so bleiben? In einem Lied der Friedensbewegung wird dieses Bild vom weichen Wasser auf die angewandt, die sich für Abrüstung einsetzen, ob in Ost oder West. Wenn wir da einstimmen können oder – wenn wir anderer Meinung sind – in ein Gespräch miteinander einsteigen können, dann werden wir der Mahnung der Toten der Weltkriege gerecht. Ich lese zum Schluss diesen Liedtext vor:

Komm, feiern wir ein Friedensfest … das weiche Wasser bricht den Stein

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