Wegzehrung für unterwegs

Gott regt sich nicht auf über die Unzufriedenheit der Leute, er nimmt wahr, dass hinter dem Murren ein echtes Bedürfnis, echter Hunger, echte Angst ums Überleben steckt. Gott erhört das Murren der Israeliten, als wäre es ein Gebet zu ihm und nicht eine Beschwerde über ihn. Sie sollen auch auf einer Durststrecke gut versorgt sein, am Abend und am Morgen.

Wegzehrung auf dem Anhänger eines alten Motorrades

So mag Wegzehrung für einen Biker aussehen – welche Wegzehrung brauchen wir von Gott? (Foto: pixabay.com)

#predigtKirmesgottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis, 3. August 2014, um 10.00 Uhr im Kirmeszelt Wieseck
Posaunenchorvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

„Wegzehrung für unterwegs“, unter diesem Motto feiern wir heute diesen Gottesdienst.

Unterwegs sind wir als Gottesdienstgemeinde, denn wir haben uns nicht in der gewohnten Umgebung der Michaelskirche, sondern im Festzelt der Wiesecker Kirmes versammelt.

Unterwegs bin ich als Pfarrer der Paulusgemeinde, der sich heute zu Hause vertreten lässt, um hier den Festgottesdienst mit Ihnen feiern zu können. Herr Pfarrer Wendel hatte seinen Urlaub schon fest geplant, bevor er wissen konnte, dass Frau Pfarrerin Kalbhenn sich in dieser Zeit im Mutterschutz befinden würde, und so habe ich mich gern auf den Weg gemacht, um einzuspringen. Falls ich dem einen oder anderen noch unbekannt sein sollte oder Sie mich zur Zeit mit dem Bart nicht wiedererkennen: ich bin Pfarrer Helmut Schütz.

Unterwegs sind auch die Vereine, Gruppen und Institutionen, die sich heute am stehenden Festzug beteiligen, um das, was sie tun und wofür sie stehen, allen Interessierten zu präsentieren.

Und nicht zuletzt geht es nachher in der Predigt um ein ganzes Volk, das unterwegs ist – befreit aus der Sklaverei in Ägypten, aber noch nicht angekommen in dem Land ihrer Hoffnung, auf einem beschwerlichen Weg durch die Wüste.

Wovon lebt man, wenn man unterwegs ist? Welche Wegzehrung braucht man und woher bekommt man sie? Die biblische Geschichte, die ich in der Predigt erzähle, gibt Antworten auf diese Fragen.

Musikalische Wegzehrung steht uns heute jedenfalls sehr reichlich zur Verfügung:

Die Lieder, die wir gemeinsam singen, werden vom Posaunenchor Wieseck unter der Leitung von Andreas Gramm begleitet.

Außerdem beteiligt sich die Sängervereinigung Wieseck mit zwei Liedern an der musikalischen Gestaltung dieses Gottesdienstes.

Herzlichen Dank an beide Chöre!

Lied 427: Solang es Menschen gibt auf Erden
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten zu Gott mit Worten aus dem Psalm 107:

1 Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn, die er aus der Not erlöst hat,

3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.

4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

5 die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,

6 die dann zum Herrn riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten

7 und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

8 die sollen dem Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,

9 dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Jesus Christus spricht (Matthäus 6):

25 Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.

32 Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Lasst uns beten.

Gott, was brauchen wir wirklich? Was tut uns gut, was ist notwendig für ein glückliches, sinnvolles, zufriedenes Leben?

Gott, wie viel brauchen wir wirklich? Müssen wir so viel wie möglich haben, aus Angst, wir könnten zu kurz kommen, wir könnten im Nachteil sein, jemand könnte uns übertrumpfen?

Gott, hilf uns, dankbar zu leben und unnötige Sorgen loszulassen. Gib uns den Mut zum Vertrauen auf dich und den Mut zum Teilen dessen, was du uns schenkst. Amen.

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Johannes 6, 30-35:

30 Da sprachen sie zu Jesus: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?

31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«

32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.

33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.

34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja.
Sängervereinigung Wieseck: Oh Happy Day
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

wir haben bereits einen Psalm gebetet, in dem das Volk Israel seinen Dank ausdrückt für Wegzehrung auf dem Weg durch ungebahnte Strecken, die durch die Wüste führen. Dankbar ist das Volk, denn Gott macht „die durstige Seele satt, und die Hungrigen füllt er mit Gutem“. Aus der gleichen Dankbarkeit gegenüber dem Vater im Himmel fordert Jesus dazu auf, uns keine unnötigen Sorgen zu machen, sondern unser Vertrauen auf Gott zu setzen, dann werde Gott schon selber dafür sorgen, dass wir genug zu essen und und zu trinken und anzuziehen haben.

Wenn wir das hören, melden sich sogleich unsere Zweifel. Gottvertrauen mag ja gut sein, aber für unser tägliches Brot müssen wir trotzdem selber arbeiten. Und wenn jemand keine Arbeit findet, vielleicht sogar langzeit-arbeitslos wird, wie heute der Fachbegriff lautet, der darf auf die Unterstützung des Staates bauen, ALG II, Hartz IV, heißen heute die entsprechenden Abkürzungen. Ob damit jeder zurechtkommt, ist eine andere Frage.

Übrigens ist die Bibel sehr realistisch, indem durchaus auch schon in ihr erzählt wird, wie das Vertrauen auf Gott und auf die Worte Jesu angezweifelt wird. Als Jesus vom Brot des Lebens spricht, will man einen Beweis für die Wahrheit seiner Worte, und als er sagt, er selber sei das Brot des Lebens, verstehen ihn die meisten überhaupt nicht mehr.

Gehen wir aber noch einen weiteren Schritt zurück. Bereits in der Zeit, als das Volk Israel durch die Wüste wandern musste, zwischen Ägypten und dem Land, das ihnen noch nicht geschenkt worden war, schon damals war von Dankbarkeit gegen Gott zeitweise keine Spur zu erkennen. Unser heutiger Predigttext im 2. Buch Mose – Exodus 16, beginnt mit zwei Versen, in denen das Volk stattdessen gegen Gott meckert und murrt:

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.

3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Murren, Meckern, Maulen, eine solche Haltung der Unzufriedenheit gab es also schon damals. Dabei sollte man wissen: In Ägypten hatte es das Volk Israel ja nicht leicht gehabt. Harte Zwangsarbeit unter der Peitsche der Sklaventreiber musste dort geleistet werden, und zeitweise waren männliche Neugeborene mit dem Tode bedroht, weil das unterdrückte Volk nicht so stark werden sollte, um einen Aufstand wagen zu können. Jetzt ist das Volk von dieser Unterdrückung befreit, aber im Rückblick erscheint die Zeit in Ägypten gar nicht so schlimm; dort hatte man doch immerhin zu essen: Brot genug und sogar Fleischtöpfe, während man jetzt in der Wüste hungern musste.

Murren, Meckern, Maulen – das kennen wir auch. Der Philosoph Odo Marquard, der lange in unserer Paulusgemeinde gewohnt hat, meinte einmal, dass wir uns an Fortschritte der Zivilisation so schnell gewöhnen, dass wir sie für selbstverständlich halten. Wir sind dann nicht mehr dankbar, dass das Wäschewaschen keine körperliche Knochenarbeit mehr ist oder dass wir abends nicht mehr mit einer stinkenden Petroleumlampe Licht machen müssen. Stattdessen ärgern wir uns um so mehr über hohe Stromrechnungen oder einen schlampigen Kundendienst. Wir meckern über Europa, obwohl es doch ein Segen ist, dass wir zum Beispiel mit Frankreich nicht mehr in einer früher so genannten Erbfeindschaft leben. Und so mancher, der unter der Stasi gelebt hat, freut sich nicht mehr, dass er heute seine Meinung ohne Angst äußern kann, sondern ärgert sich, dass Freiheit auch mehr Eigenverantwortung mit sich bringt.

Im Fall der Israeliten murren die Leute über Mose und Aaron. „Ihr seid schuld, dass wir sterben werden.“ Aber indirekt sind sie unzufrieden mit Gott. Den wagen sie aber nicht direkt anzugreifen. In dieser Hinsicht sind wir Menschen der Neuzeit weniger zimperlich. Wie oft werfen wir Gott vor, dass er ungerecht sei, dass er zu viel Böses zulasse. Manche gehen so weit, anzunehmen, es könne gar keinen Gott geben, wenn die Welt nicht besser ist, als sie ist, denn Gott hätte ja wohl eine vollkommenere Welt schaffen müssen, wenn es ihn überhaupt gäbe.

Wie dem auch sei – unsere biblische Erzählung geht davon aus: Gott fühlt sich jedenfalls schon damals vom Murren, Meckern und Maulen der Israeliten angesprochen. Und er reagiert außerordentlich geduldig, verständnisvoll, barmherzig:

11 Und der Herr sprach zu Mose:

12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin.

Gott regt sich nicht auf über die Unzufriedenheit der Leute, er hört das Murren und nimmt wahr, dass dahinter ein echtes Bedürfnis, echter Hunger, echte Angst ums Überleben steckt. Gott erhört das Murren der Israeliten, als wäre es ein Gebet zu ihm und nicht eine Beschwerde über ihn. Sie sollen auch auf einer Durststrecke gut versorgt sein, am Abend und am Morgen.

Da stutze ich. Warum wird zuerst der Abend genannt? Beginnt der Tag nicht mit dem Morgen? Das Volk Israel erlebt seine Tage anders als Schöpfung Gottes: aus Abend und Morgen entsteht jeder Tag. Das heißt: Unsere Tage versinken nicht in der unheilvollen Nacht, sondern Gott setzt der bedrohlichen Finsternis immer wieder die Hoffnung eines neuen Morgens entgegen.

Zwei Lieder unseres Gesangbuches greifen dieses Lebensgefühl auf, indem sie von Gott singen, im EG 365, 1:

Er reicht mir seine Hand;
den Abend und den Morgen
tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land

Oder im EG 449, 4:

Abend und Morgen sind seine Sorgen;
segnen und mehren,
Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.

Indem Gott sein Volk am Abend und am Morgen satt werden lässt, gibt er sich ihnen als der Gott zu erkennen, der für sie da ist. Dessen sollen sie inne werden, das sollen sie innen drin in ihrer Seele spüren. Man kann auch andere Götter, Mächte und Gewalten anbeten, aber die machen nicht satt, die sind nicht für uns Menschen da. Wir dürfen an einen Gott glauben, der nicht unterdrückt und schikaniert, sondern in die Freiheit führt und uns gibt, was wir zum Leben brauchen.

Bevor die Predigt weitergeht, singen wir das Lied 420, das davon handelt, wie wir teilen können, was wir empfangen, so dass alle kriegen, was sie brauchen:
Brich mit den Hungrigen dein Brot

In unserer biblischen Geschichte lässt Gott auf seine Worte sogleich Taten folgen.

13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.

14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag‘s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat.

Es ist offenbar nicht immer selbstverständlich, dass wir Gottes Geschenke als solche überhaupt erkennen. Die Wachtelschwärme, die über dem Lager der Israeliten stranden und sich fangen oder aufsammeln lassen, die bereiten keine Probleme. Es wird allerdings auch nicht erzählt, dass die Leute sich überschwenglich bedanken würden. Als sie am Morgen kleine Reifkügelchen am Boden liegen sehen, da reagieren sie mit Unverständnis und Skepsis. „Man hu?“ fragen sie verwundert, „was ist das?“ Sie begreifen nicht, was es ist und woher es kommt, Mose muss ihnen erklären: „Das könnt ihr essen, das ist jetzt euer tägliches Brot, Wegzehrung für die Strecke, die durch die Wüste führt, Überlebensnahrung von Gott.“ Schon bald wird ihnen das immer gleiche Manna zum Hals heraus hängen, sie werden wieder meckern und murren und maulen. Aber verhungern müssen sie nicht.

Was kann diese Geschichte vom Manna uns sagen? Brauchen wir solche Wegzehrung für unterwegs?

Eigentlich haben wir in unserem Land ja in der Regel genug zum Sattwerden. Wir kaufen für zu Hause ein, wir versorgen uns selbst. Aber an Tagen wie heute essen wir auswärts, lassen uns im Zelt oder an Festständen mit Essen verwöhnen, das wir nicht selbst gekocht haben. OK, es liegt nicht einfach auf der Straße, geschenkt wird es uns auch nicht. Aber mit dem Essen, das es hier heute gibt, kriegen wir jedenfalls etwas mit dazu, was wir sonst nicht so haben: den Kontakt mit anderen Menschen, die wir sonst nicht treffen, und die Bewahrung einer Tradition, die vielen hier in Wieseck kostbar ist.

Als ich mit dem Vorstand des Traditionsvereins über den heutigen Gottesdienst sprach, da ist uns durch den Kopf gegangen, wie sich die Zeiten verändern. Auf dem Weg unterwegs durch die Zeit wird manches immer moderner, und manche alte Tradition lässt man hinter sich. Oft gar nicht bewusst oder aus bösem Willen, sondern vielleicht nur aus Gedankenlosigkeit, aus Trägheit, denn die Bewahrung von Althergebrachtem erfordert Menschen, die sich dafür einsetzen, die Verantwortung übernehmen. Aber kann der Weg in die Zukunft gelingen, wenn Modern-Sein nur noch heißt, sich immer mehr ins Privatleben zurückzuziehen, immer weniger gemeinsam zu feiern und Verantwortung zu übernehmen? Brauchen wir als Menschen in einem Dorf, in einem Stadtteil, in einer Gemeinde, nicht auch solche Feste wie heute als Wegzehrung für unseren Weg in die Zukunft?

Die Menschen hier in Wieseck, die den Traditionsverein ins Leben gerufen und aufgebaut haben, sind davon überzeugt, dass wir auch in der modernen Zeit von solchen Traditionen leben. Ich bin beeindruckt, wie lebendig hier die Tradition der Burschenschaften ist und mit welchem Engagement sich Menschen unterschiedlicher Generationen im Traditionsverein zum Beispiel für die Wiesecker Kirmes einsetzen. Auch mit welcher Kreativität. Wenn die bürokratischen Auflagen einen mobilen Festzug unmöglich machen, lässt man sich nicht entmutigen und organisiert eben einen stehenden Festzug.

Auch in der Kirche beklagen viele den immer stärker zu spürenden Traditionsabbruch. Es ist schon lange nicht mehr selbstverständlich, dass aus jedem Haus sonntags jemand in die Kirche geht. Es ist immer schwerer, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu finden. Die evangelische Kirche ist stolz auf ihre Freiheit, aber wohin führt es, wenn die Freiheit missverstanden wird als eine Freiheit von allen Verpflichtungen und nicht mehr als eine Freiheit zur Übernahme von Verantwortung?

Welche Wegzehrung brauchen wir, wenn wir auf unserem Weg in die Zukunft manchmal mutlos werden? Manna für unsere Seele, das kann ein liebes Wort der Ermunterung sein, das wir einander sagen, oder einfach, dass uns einer zuhört. Das Gefühl, in der Gemeinde, in einem Verein, in einer Burschenschaft, vielleicht auch im Gießener Fünfzigerverein, einfach dazu zu gehören, egal, wo wir herkommen. Manna, das ist für manchen die kleine Hilfe aus dem Sozialfonds, die ihm aus der akuten Notlage heraushilft, die Beratung beim Diakonischen Werk, das Mitmachen bei den Anonymen Alkoholikern oder auch die Ausbildungsstelle bei der Jugendwerkstatt. Manna von Gott mag für viele einfach das Gefühl sein: Zwar bin ich nicht sehr fromm, ich habe keinen starken Glauben, aber irgendwie glaubt Gott trotzdem an mich, und wenn ich ihn brauche, ist er da.

Unterbrechen wir noch einmal die Predigt und singen aus dem Lied 632 die Strophen 1 bis 3:
Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht

Ja, liebe Gemeinde, das Haus, das Gott unter uns baut, muss nicht immer die aus Stein gebaute Kirche sein, das kann ein Zelt sein wie dieses hier, das wird aber vor allem dort aufgerichtet, wo Menschen miteinander teilen und aufeinander aufmerksam werden.

Unsere biblische Geschichte endet übrigens mit einem Gebot Gottes und mit einem merkwürdigen kleinen oder großen Wunder. Nachdem Mose dem Volk Israel erklärt hat, was es mit den kleinen Manna-Körnern in der Wüste auf sich hat, sagt er ihnen, was sie tun sollen:

16 Das ist‘s aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

17 Und die Israeliten taten‘s und sammelten, einer viel, der andere wenig.

18 Aber als man‘s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Warum wird das so erzählt, als sei das etwas Besonderes? Ist es nicht egal, wie viel oder wenig die Leute einsammeln? Wenn es was umsonst von Gott gibt, warum soll man dann nicht so viel zusammenraffen, wie man eben kriegen kann?

Das Problem ist eben, dass in der Regel die, die es können, viel mehr für sich beanspruchen, als sie brauchen. Und die anderen, die weniger Chancen haben, finanziell schwächer oder weniger begabt sind, für die bleibt oft nicht genug übrig. Es ist gar kein kleines Wunder, wenn das geschieht, was die Bibel staunend berichtet: Die Leute sammeln, wie sie es können, der eine viel, der andere wenig. Und als nachgemessen wird: Hat jemand in seiner Gier zu viel zusammengerafft? Oder ist jemand, der nicht so schnell mit dem Sammeln war, zu kurz gekommen? Wunderbar ist: niemand hat Überfluss, aber jeder hat genug, niemand muss hungern.

So könnte es überall in unserer Welt sein. Die Erde trägt genug Segen, um alle zu ernähren. Das Bruttosozialprodukt unseres Lande müsste ausreichen, um alle Bedürfnisse aller Menschen in unserem Land zu befriedigen – und zusätzlich noch Entwicklungshilfe für andere Länder leisten zu können. Leider ist die Realität eine andere, und wer darauf hinweist, muss sich oft auch noch Neidkomplexe nachsagen lassen.

Unsere biblische Geschichte ist nicht vom Neid, sondern vom Staunen über die Wunder Gottes geprägt. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mit übernatürlichen Wundern nicht so viel anfangen kann. Die Fleischversorgung durch Gott mit Wachteln in der Wüste, Brot, das jeden Morgen für jeden taufrisch zur freien Verfügung auf dem Wüstenboden liegt, das fordert die Skepsis eines modernen Verstandes schon ziemlich heraus, wenn es auch Möglichkeiten geben mag, dieses Wunder natürlich zu erklären. Ich bin aber überzeugt, dass die Menschen der Bibel, indem sie von solchen Wundern erzählen, im Grunde ein viel größeres Wunder Gottes preisen wollen: nämlich das Wunder, dass Menschen es schaffen, ihren eigenen Egoismus zu überwinden, mit knappen Gütern gemeinsam auszukommen, indem jeder nur das für sich beansprucht, was er braucht, und zu teilen bereit ist, was er übrig hat. Wem viel gegeben ist, der hat eine große Verantwortung für diejenigen, die weniger Chancen haben; irgendwann einmal lag auch unserer sozialen Marktwirtschaft dieser Gedanke zu Grunde, und ich hoffe, man erinnert sich immer wieder neu daran.

Beim heutigen Festzug wird sich auch die Evangelische Jugendwerkstatt vorstellen; sie bemüht sich erfolgreich darum, dass auch Jugendliche in Gießen, die es schwerer haben, eine gute Ausbildung erhalten. Dass es solche Projekte gibt, dass sie dauerhaft finanziert werden, ist absolut nicht selbstverständlich; ich denke, man kann es auch als ein Wunder einstufen, dass die Jugendwerkstatt schon so lange segensreich arbeiten kann.

Manche mögen denken: So wie der Pfarrer Wunder erklärt, sind es doch gar keine Wunder mehr. Für mich sind auch Wunder, die man erklären kann, nicht weniger wunderbar. Ich halte es sogar für das größte Wunder überhaupt, wenn das Unglaubliche geschieht, dass menschliche Herzen sich öffnen, wenn Menschen über ihren eigenen Schatten springen und mit dem teilen, der weniger hat, oder sich einsetzen für Menschen mit weniger Chancen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir hören von der Sängervereinigung das Lied:

Für das Heil, Herr aller Völker

Gott im Himmel, wir bitten dich um das Wunder der Gerechtigkeit: dass Arbeitende gerechten Lohn erhalten, dass Arbeitssuchende mit Respekt behandelt werden und eine angemessene Arbeit finden, dass Jugendliche gefördert und gut ausgebildet werden.

Gott im Himmel, wir bitten dich um das Wunder des Friedens: dass verfeindete Menschen den Hass und Rachegefühle loslassen können und zur Vernunft finden, die Konflikte zu lösen vermag.

Gott im Himmel, wir bitten dich um das Wunder der Liebe: dass Menschen sich für Benachteiligte einsetzen, selbstverständlich und ohne Hintergedanken füreinander da sind, und dass sie fähig sind, um Verzeihung zu bitten und zu vergeben.

Und, großer Gott, wir bitten dich heute auch um das weitere Gelingen dieses Festes: dass Gemeinschaft entsteht und gefestigt wird, dass beim Festzug interessante Eindrücke und Informationen gesammelt werden, dass Begegnungen und Gespräche möglich werden, dass die Festfreude ungetrübt bleibt.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 171 die Strophen 1 bis 3:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Posaunenchornachspiel

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