„Höret, so werdet ihr leben!“

Am Beginn einer Amtsperiode haben die neugewählten Kirchenvorstandsmitglieder ein Versprechen abzulegen, dass sie ihren Dienst in der Bindung an Gottes Wort versehen. Vor dem Tun geht es also erst einmal um ein bestimmtes Hören!

Höret, so werdet ihr leben: Stilisierte Zeichnung eines lächelnden Mannes, der die Hand ans Ohr legt und Schallwellen empfängt

Hören kann erst einmal wichtiger sein als das Tun (Bild: OpenClipart-Vectors – pixabay.com)

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Dienstag, 8. September 2015

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, zum ersten Mal sind wir heute in dieser Amtsperiode des Kirchenvorstands in einer regulären Sitzung zusammen, noch vor der offiziellen Einführung. Am nächsten Sonntag werden Sie öffentlich folgendes Versprechen ablegen:

„Ich gelobe vor Gott und dieser Gemeinde, den mir anvertrauten Dienst sorgfältig und treu zu tun in der Bindung an Gottes Wort, gemäß dem Bekenntnis und nach den Ordnungen unserer Kirche und unserer Gemeinde.“

Und ich gehe davon aus, dass Sie sich bereits heute bei allem, was wir heute beschließen, an dieses Versprechen gebunden fühlen.

Aber was tun wir eigentlich mit einem solchen Versprechen? In gewissem Sinn stellen wir ja einen Blanko-Scheck aus, wenn wir uns auf das Bekenntnis und die Ordnungen unserer Kirche verpflichten. Als ich mein Ordinationsgelöbnis als Pfarrer abgelegt habe, da hatte ich vorher nicht alle Bekenntnisschriften unserer evangelischen Kirche und erst recht nicht die komplette Kirchenordnung durchgelesen. Ich nahm einfach an und tue das bis heute, dass ich im Grundsatz mit dem übereinstimme, was unsere Kirche lehrt, und dass ich mich darum auch in meiner Amtsführung an die Ordnungen dieser Kirche halten will. Genau das erwartet die Kirche auch von Ihnen als neugewählten Kirchenvorstandsmitgliedern.

Auf einen Satz in der Verpflichtungserklärung eines Kirchenvorstandsmitglieds möchte ich aber noch etwas näher eingehen: die „Bindung an Gottes Wort.“ Wie es sich so fügt, passt dieser Teil genau zu dem heutigen Bibeltext, der in den Herrnhuter Losungen für den heutigen Tag ausgelost worden ist. Er steht im Buch Jesaja 55, 3. Gott spricht:

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!

Sie haben sich bereit erklärt, einen sehr anspruchsvollen Dienst in der Kirche zu übernehmen. Sie tragen ab September 2015 sechs Jahre lang die Verantwortung für die Leitung einer Kirchengemeinde, für personelle und finanzielle Entscheidungen. Was Sie mitentscheiden und tun, kann soziale und geistliche Auswirkungen haben, kann das Leben der Paulusgemeinde und ihres Kinder- und Familienzentrums erheblich beeinflussen, in der einen oder anderen Richtung, die Sie gemeinsam bestimmen.

Bevor Sie das tun, sind Sie aber zunächst aufgerufen, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun, außer zu hören, hinzuhören, die Ohren in die Richtung von Gott zu neigen, wie man es tut, wenn man nicht mehr so gut hört. Ein solches Hören ist die Art, wie wir zu Gott kommen, wie er unser Gottvertrauen wecken will.

OK, aber wer hört schon die Stimme Gottes? Wenn heute jemand sagt: „Gott hat zu mir gesprochen“, dann bringt man ihn möglicherweise in die Licher Straße; in der Regel sind es auch keine guten Botschaften, die ein solcher, in der Regel psychisch kranker Mensch, meint, von Gott empfangen zu haben. Wahren Propheten Gottes merkt man an, dass sie tatsächlich im Auftrag des Höchsten sprechen, ob das Mose oder Elia oder Jesaja waren, oder ob das in der Neuzeit Menschen wie Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela gewesen sind. Ein Kriterium dafür, ob wir wirklich Gottes Stimme durch einen Propheten hören, wird uns in der heutigen Tageslosung genannt:

Höret, so werdet ihr leben!

Der Gott der Bibel hat für uns Worte, die uns leben lassen, uns lebendig werden lassen. Er hat zuerst zum Volk Israel geredet und hat durch Jesus Christus sein Wort auch in die gesamte Völkerwelt hinein laut werden lassen. Inhaltlich war dieses Wort immer ein Wort der Liebe und des Friedens, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Wie Gottes Wort ganz konkret zu verstehen ist, das muss in einer Kirchengemeinde immer wieder neu erforscht und verkündigt werden. Ein Pfarrer ist in besonderer Weise damit beauftragt, dieses Wort in die jeweilige Zeit und Situation hinein auszulegen. Und ein Kirchenvorstand kuckt ihm dabei in gewisser Weise auch auf die Finger. Mir hat bisher niemand vom Kirchenvorstand gesagt, ich würde nicht korrekt im Sinne der Bibel predigen, aber wenn ich an die Geschichte der Paulusgemeinde denke, gab es schon unter meinen Vorgängern und Vorgängerinnen einige, die den Widerspruch mancher Kirchenvorsteher hervorgerufen haben.

Wichtig finde ich, dass es in der Gemeinde auch immer wieder Orte und Zeiten gibt, wo nicht nur der Pfarrer, sondern auch andere Gemeindemitglieder sich Gedanken machen über Gottes Wort und seine Auslegung. Das tun wir einmal im Monat im Bibelgespräch, einmal im Jahr in der Bibelwoche. Das tun wir manchmal auch, wenn wir beim Kirchencafé noch über die Predigt reden. Ich ermutige dazu, dass Sie mich oder die Person, die mir einmal nachfolgen wird, auch hier in diesem Gremium darauf ansprechen, wenn Sie den Eindruck haben: Wir sollten noch einmal in anderer, neuer Weise auf Gottes Wort hören, oder wenn Sie sich selber fragen: Was genau will Gott eigentlich von uns? Was von ihm sollen wir hören? Was will er uns sagen?

Wirklich offene Ohren zu haben für das, was Gott sagt, ist ein Wunder. Darum singen wir jetzt das Lied 236:

Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht

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