In der Demenz behält der Mensch seine Würde

Trauerfeier für eine Frau, die seit einigen Jahren unter fortschreitender Demenz gelitten hat. In der Ansprache gehe ich auf den Trauspruch des Ehepaares ein: „Einer trage des andern Last.“

In der Demenz behält der Mensch seine Würde: Ein Bild einer alten Frau, als Puzzle dargestellt, in dem einige Teile fehlen

In der Demenz behält der Mensch seine Würde (Bild: geralt – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau N., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben. Wir gehen Schritte auf dem Weg der Trauer, zeitweise gemeinsam und dann auch manche Strecke allein. Auf dem Weg zum Grab heute begleiten wir einander; und in dieser Trauerfeier machen wir uns noch auf andere Weise bewusst, dass wir als Menschen in diesem Leben auf der Erde nicht allein sind. Unser Leben kommt von Gott und kehrt im Sterben zu Gott zurück.

Zu diesem Gott beten wir heute mit dem Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast [mein Inneres] bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich‘s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Trauergemeinde!

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Vor einigen Jahren zeigten sich erste Anzeichen einer Vergesslichkeit, die immer stärker werden sollte. Es bereitete Ihnen Kummer, dass Frau N. in ihrer geistigen und körperlichen Beweglichkeit immer größere Einschränkungen erfuhr. Sie haben sich liebevoll um sie gekümmert, bauten einen Treppenlift im Haus ein, organisierten jede erdenkliche Unterstützung von Krankengymnastik über Ergotherapie bis zur pflegerischen Versorgung durch den Pflegedienst der evangelischen Kirche, mit dem Sie sehr zufrieden waren.

Nun ist Frau N. gestorben, nachdem sie mehrere Jahre lang nicht mehr hatte aufstehen und sich in der letzten Zeit auch kaum noch hatte verständigen können. Es ist traurig, von ihr Abschied zu nehmen, da Sie sie sehr geliebt haben; in gewisser Weise ist es für sie aber auch eine Erlösung, dass sie nicht mehr auf diese Weise weiterleben musste.

Wenn wir heute noch einmal das ganze Leben von Frau N. überdenken, dann möchte ich das tun mit einem Seitenblick auf den Vers, den Pfarrer L. Ihnen damals bei Ihrer kirchlichen Trauung als Trauspruch mit auf den Lebensweg gegeben hat. Er steht im Brief des Paulus an die Galater 6, 2:

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Natürlich besteht eine Ehe nicht nur aus dem Tragen einer Last, sondern sie wird geschlossen aus Lust und Liebe. Aber dass man miteinander Spaß hat und Freude miteinander teilt, versteht sich von selbst; auch in schweren Zeiten zusammenzuhalten und die Last des anderen mitzutragen, das ist heutzutage nicht mehr ganz so selbstverständlich. Aber Sie haben es getan; Ihre Liebe und Treue hat alle Stürme des Lebens überdauert.

Ich denke, dass Sie immer gern an die schönen gemeinsamen Stunden gedacht haben, und so auch die Kraft gewonnen haben, in schweren Stunden füreinander da zu sein. „Einer trage des andern Last“, vielleicht erinnern Sie sich ja auch an verschiedene Phasen Ihrer Ehe, in denen mal der eine, mal die andere in stärkerer Weise gefordert war, auf den Ehepartner besonders einzugehen.

Der Satz „Einer trage des andern Last“ steht aber nicht allein, er geht noch weiter: „so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Christus sagt: Alle guten Gesetze der Menschen und alle Gesetze Gottes laufen auf eins hinaus, auf Liebe. Diese Liebe ist Gesetz, nicht als von außen auferlegter Zwang, sondern weil ein Mensch, der Liebe erfährt, diese Liebe ganz selbstverständlich andern weitergibt. Jesus war vollkommen durchdrungen von einer wahrhaft ansteckenden Liebe: er wusste sich geliebt vom Vater im Himmel und gab diese Liebe weiter. Es ist eine Liebe, die alle Grenzen überwindet.

Es mag sein, dass wir manchmal an der Güte Gottes zweifeln, wenn wir sehen, wie ein geliebter Mensch seine Kräfte immer mehr verliert und kaum noch als der wiederzuerkennen ist, der er früher einmal war. Und doch behält auch der Mensch in einer Demenz seine ihm von Gott verliehene Würde, seine Gottesebenbildlichkeit. Wo wir selber nicht mehr beten können, da betet in unserem unverständlichen Seufzen der Heilige Geist selber ein Gebet zu Gott; denn Gott kennt uns besser, als wir selbst uns kennen, und er bewahrt unsere Erinnerungen für uns auf, auch wenn wir selber unser Gedächtnis mehr und mehr verlieren.

Die Liebe, die von Gott und von Jesus kommt, überdauert sogar den Tod. Wir gehen im Tode nicht verloren, sondern bleiben in der Liebe Gottes aufgehoben. In dieser Zuversicht dürfen wir auch Frau N. in ihrem Tod den liebenden Händen Gottes anvertrauen. Er nimmt sie am Ende mit Ehren an und wird ihr im Himmel auf unvorstellbare Weise Ruhe und Frieden und die Erfüllung ihres Lebens schenken. Amen.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger Gott, wir bitten dich für Frau N.: Nimm sie gnädig an in Ewigkeit. Begleite, die ihr nahestanden, und bewahre uns im Glauben und in der Hoffnung. Hab Dank für erfahrene Liebe, für wertvolle Begegnungen und Prägungen. Vergib, was wir einander schuldig geblieben sind. Richte unsern Sinn auf die Erfüllung aus, die unserem Leben gemäß ist, und lenke unsere Schritte auf den Weg des Friedens. Amen.

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