Ein Steckbrief Jesu, gezeichnet von Johannes

Gottes Lamm trägt die Sünde der Welt fort.

Um Jesus zu begreifen, reicht kein Steckbrief aus. Durch die christliche Prägung des Abendlandes ist es uns selbstverständlich geworden, Jesus als den Sohn Gottes zu bezeichnen. Aber würde Jesus uns wie damals begegnen – wir wären hin- und hergerissen zwischen Faszination und der Angst, durch diesen Menschen in schlechte Gesellschaft zu geraten.

Steckbrief ohne Inhalt außer dem Schriftzug "WANTED" oben drüber

Was würde wohl auf einem Steckbrief für Jesus stehen? (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias, den 8. Januar 1989, um 9.30 in Weckesheim, um 10.30 in Reichelsheim, und am letzten Sonntag nach Epiphanias, den 15. Januar 1989, um 9.30 in Beienheim, um 10.30 in Heuchelheim

Herzlich willkommen im Gottesdienst in der Reichelsheimer Kirche!

Wieder einmal ist ein Epiphanias-Sonntag, ein Sonntag nach dem Fest Epiphanias, dem Fest der Erscheinung, bekannter unter dem Namen: Drei-Königs-Tag am 6. Januar. Die Epiphaniaszeit ist in diesem Jahr sehr kurz, weil Ostern sehr früh liegt; wir haben heute den ersten und am nächsten Sonntag schon den letzten Sonntag nach Epiphanias.

Was aber bedeutet Epiphanias? Das Wort heißt „Erscheinung“ und das Fest zeigt uns Jesus als das Licht der Welt, freilich auch als das Licht, das von der Finsternis, die in der Welt herrscht, nicht verstanden und wahrgenommen wird. Somit ist die Überleitung zur Passionszeit, zum Gedenken an die Leidenszeit Christi schon gegeben, die schon bald, am Aschermittwoch, beginnen wird. Das Licht der Welt, an Weihnachten in die Welt gekommen, wie nehmen wir es wahr, wie nehmen wir es auf, wie lassen wir es bei uns leuchten?

Wir singen zum Beginn das Lied 349, 1-3:

Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebensau lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Im Wort, das bei Gott war, war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht angenommen. Es trat ein Mann auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes; dieser kam, um Zeugnis abzulegen, Zeugnis von dem Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kämen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Weihnachten ist vorbei, mit all dem Lichterglanz, mit Krippenspiel und viel Zeit für die Familie. Die Christbäume sind abgeholt worden (bis auf unseren hier in der Kirche). Und nun das Licht von Weihnachten her in unseren trüben Alltag leuchten zu lassen, wie schwer fällt das. Uns bleibt nichts Großartiges, nichts Sensationelles von Weihnachten übrig. Nichts als ein schlichter Ruf zum Glauben, der einfache Aufruf eines Rufers in der Wüste, der von dem Licht Zeugnis ablegte, das in die Welt gekommen war.

Gott, heiliger Geist, lass Du selbst Dein Licht in unser Herz leuchten, damit wir wieder neu zum Glauben finden, damit unser Gefühl und unsere Menschlichkeit nicht starr und kalt werden. So bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Buch Jesaja 42, 1-4:

1 Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen das Lied 50, 1-6:

O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht, und bringe sie zu deiner Herd, dass ihre Seel auch selig werd.

Erfülle mit dem Gnadenschein, die in Irrtum verführet sein, auch die, so heimlich ficht noch an in ihrem Sinn ein falscher Wahn.

Und was sich sonst verlaufen hat, von dir, das suche du mit Gnad und ihr verwundt Gewissen heil, lass sie am Himmel haben teil.

Den Tauben öffne das Gehör, die Stummen richtig reden lehr, die nicht bekennen wollen frei, was ihres Herzens Glaube sei.

Erleuchte, die da sind verblendt, bring her, die sich von dir getrennt, versammle, die zerstreuet gehn, mach feste, die im Zweifel stehn.

So werden sie mit uns zugleich auf Erden und im Himmelreich hier zeitlich und dort ewiglich für solche Gnade preisen dich.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Johannesevangelium 1, 29-34:

29 Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

30 Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich.

31 Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser.

32 Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.

33 Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem heiligen Geist tauft.

34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir einen Steckbrief von Jesus entwerfen würden, wie sähe der aus? Ein Steckbrief, der kurz und genau wäre, alle wesentlichen Eigenschaften Jesu enthielte, damit jeder ihn sofort erkennen könnte.

Ich glaube, die meisten von uns würden zum Aussehen Jesu sofort sagen: Er trug einen Bart. Wir sagen ja manchmal: Der sieht aus wie Jesus. Wir haben von vielen Bildern her unsere Vorstellung von Jesus, obwohl es ja kein einziges Bild gibt, das ein Zeitgenosse von Jesus gemalt hätte.

Zur Person wissen wir aber doch ein paar Einzelheiten. Alter: etwa 30 Jahre. Beruf: ursprünglich Zimmermann, später Wanderprediger, Wunderheiler. Geboren in Bethlehem, aufgewachsen in Nazareth, späterer Aufenthalt: wechselnd, ohne festen Wohnsitz.

Was könnte sonst in einem Steckbrief über Jesus stehen? Vielleicht folgendes, weshalb er ja auch auf die Fahndungslisten von römischer und hohepriesterlicher Polizei geriet: Wird häufig in Gesellschaft von ungesetzlichen Leuten gesehen, von Zöllnern und anderen Personen mit schlechtem Ruf. Führt Reden, die zu Zusammenrottungen von Menschen führen, verwickelt sich in Streitgespräche mit Schriftgelehrten und Pharisäern. Wird ständig begleitet von zwölf Anhängern, die zum Teil ihren Beruf aufgegeben haben. Lässt sich unterstützen von einigen Frauen aus begüterten Familien, die ebenfalls häufig unter seinen Begleitern zu finden sind.

Zwei Merkmale fehlen noch. Die gehören dazu. Hier sind sie: Er vergibt Sünden. Er gilt manchen als Gottes Sohn. Für Johannes den Täufer sind diese beiden Merkmale die wichtigsten. Johannes hat uns auch eine Personenbeschreibung gegeben. Wir haben sie gehört. Sie soll noch einmal wiederholt werden: Jesus ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Obwohl er nach mir kommt, war er schon vor mir da. Ich kannte ihn nicht, aber ich mache ihn bekannt durch meine Wassertaufe. Er selbst wird mit dem Geist taufen. Denn Gottes Geist ruht auf ihm. Wie eine Taube vom Himmel kommt, so ließ sich der Geist auf ihm nieder. Das ist für mich das entscheidende Merkmal Jesu: Er ist Gottes Sohn.

Wir merken: Das ist etwas ganz anderes, als der Steckbrief, den ich zuerst umrissen habe. Der erste Steckbrief enthält lauter Tatsachen. Die lassen sich aus den Erzählungen der Evangelisten herauslesen. Johannes der Täufer dagegen lässt die handgreiflichen Tatsachen weg. Seine Beschreibung ist keine Enthüllung aller Geheimnisse um Jesus, sondern sie lässt vielmehr das Geheimnis ahnen, das die Person Jesu umgibt: Der nach mir kommt, war vor mir da. Und trotzdem ist das Zeugnis des Johannes klar und eindeutig: Dieser ist es, auf den das Volk der Juden gewartet hat. Das ist Gottes Sohn. Der hat den Geist Gottes. Der trägt die Sünden der Welt.

Johannes will den Leuten damals, die zu ihm kommen, klar machen: um Jesus zu begreifen, reicht kein normaler Steckbrief aus. Dass Jesus Gottes Sohn ist, lässt sich an äußeren Merkmalen nicht dingfest machen, der Steckbrief beweist hier nichts. Nur durch die jahrhundertelange christliche Prägung des Abendlandes ist es uns selbstverständlich geworden, Jesus als den Sohn Gottes zu bezeichnen. Aber würde Jesus uns begegnen, so wie er damals den Leuten gegenüber getreten ist – wir wären in den gleichen Schwierigkeiten wie die Menschen damals – hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Skepsis, zwischen der Faszination von diesem Menschen und der Angst, durch ihn in schlechte Gesellschaft zu geraten, zwischen Glaube und Zweifel.

Es gab ja mal kürzlich einen Film im Fernsehen, einen satirischen Film über die Bemühungen der Kirche, für sich selbst zu werben. Die Handlung war, kurz gesagt, folgende: Man wollte einen Jesusdarsteller finden, der das Bild Jesu den Menschen anschaulich vor Augen führen würde. Von dem sollte dann ein Film gedreht werden, sein Bild sollte auf Anstecknadeln, Plakaten und T-Shirts erscheinen und vieles mehr. Und man fand auch einen, der dem vertrauten Bild von Jesus äußerlich genau entsprach. Probleme traten auf, als dieser Darsteller, ein Student, glaube ich, dann plötzlich anfing, aus der Reihe zu tanzen. Er verlangte Geld von seinen Auftraggebern, Millionenbeträge, um es gleich weiterzuverschenken. Er ließ sich mit einer von der Polizei gesuchten Terroristin ein, versteckte sie, versuchte sie, auf sanfte Weise von der Gewalt abzubringen. Zum Schluss wurde er in eine psychiatrische Anstalt gesteckt. Würde es Jesus, wenn er heute wiederkäme, wenn er unerkannt unter uns lebte, so ergehen?

Er ist „das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“, so Johannes, aber an seinem Erscheinungsbild ist das nicht abzulesen. Gut, ein duldendes Lämmchen würden vielleicht auch heute viele in ihm sehen, aber nicht einen Menschen, der die Lasten aller Menschen wirklich tragen kann. Vielmehr einen, der nicht in diese Welt passt, der kaputt geht an der Welt, der einfach scheitern muss, weil man ohne Ellbogen nicht durchkommt – denken wir nicht oft so? Dass er in Wirklichkeit der Sohn Gottes ist und tatsächlich die Sünde trägt, auch meine Sünde und Deine und die Sünde von Ihnen allen, das ist nur schwer zu erfassen und gar nicht mit normalen Augen zu sehen – nur mit den Augen des Glaubens.

Es ist so wie bei einem Menschen, den wir sehr lieben und dem wir vertrauen. Seine allgemeinen Merkmale, sein Alter, sein Beruf und manche Eigenheiten sind bekannt, auch bei anderen. Aber was er uns bedeutet, das wissen nur wir selbst. Wir kennen sein Wesen, nicht nur sein Äußeres.

Ein solches inneres Bild von Jesus zeichnet uns Johannes. Er zeichnet ihn mit dem Blick des Glaubens. Andere sehen in ihm nur einen Lehrer, einen Propheten, einen Rebellen. Er sieht in Jesus das Bild Gottes, der in ihm anschaulich wird, so wie man manchmal von einem Sohn sagt: Er ist ganz der Vater! Andere sehen in Jesus den Wanderprediger, der überall für Aufsehen sorgt, der den Tempel reinigt und die Kranken heilt. Johannes sieht in ihm noch mehr: den Menschen, der etwas trägt, was keiner sonst tragen kann: Die Sünde der Welt.

In dem Bild vom Lamm Gottes steckt eine doppelte Anspielung: auf das Passahlamm, das zur Erinnerung an die dramatische Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten geschlachtet wurde, und auf den „Sündenbock“, der am Versöhnungstag symbolisch mit den Sünden des Volkes beladen und in die Wüste geschickt wurde. Uns mag der Sündenbock leid tun, das arme Tier, das für die Sünden der Menschen nun wirklich nichts konnte und doch in der Wüste umkam. Doch dieses Sühneritual der Israeliten bedeutete damals, dass die Sünden nun wirklich fort waren, vergeben und vergessen, nicht noch aufbewahrt in irgendeinem Schlupfwinkel. So gewiss der Sündenbock nicht zurückkehrte, so gewiss waren auch für Gott die Sünden des Volkes ausgelöscht, der Weg zur Versöhnung war frei.

Die Opferrituale des jüdischen Volkes gibt es schon lange nicht mehr, seit der Tempel damals im Jahre 70 nach Christi Geburt zerstört worden ist. An den Sündenbock wird aber immer noch erinnert, und auch an das Passahlamm. Uns sind all diese Zeremonien fremd, und wir sagen: wir brauchen keine Opfer, wir brauchen keinen Sündenbock, wir als Christen haben ja Christus, der hat sich für unsere Sünden geopfert. Aber ist das Bekenntnis zu Jesus, der die Sünden vergibt, mehr als ein Lippenbekenntnis? Kommen wir wirklich ohne Sündenbock aus? Wir schicken kein Tier mehr in die Wüste, aber wir sind immer wieder schnell dabei, bestimmte Gruppen von Menschen als Sündenböcke zu missbrauchen. Immer haben wir gute Gründe dafür, denn Menschen bieten immer Anlass, um an ihnen etwas auszusetzen. Manchen sind es die Unternehmer, die an allem schuld sind, anderen ist jeder Arbeitslose ein Dorn im Auge. Wenn irgendwo eine Messerstecherei stattfindet, denkt man gleich: bestimmt war ein Ausländer dabei. Aussiedler nehmen uns die Wohnungen weg, wenn Zigeuner oder Zirkusleute kommen, muss man alles gut abschließen. Und von dem Unrecht gegen die Juden ist im letzten Jahr fast zu viel geredet worden, meinen viele, wer spricht aber vom Unrecht der Juden gegenüber den Palästinensern?

Es geht mir nicht darum, irgendwelche Leute von Schuld reinzuwaschen und dazu aufzurufen, dass wir uns selber ständig schuldbewusst an die eigene Brust schlagen sollten. Nein, ich möchte nur daran erinnern, wie schwer wir uns mit der Vergebung tun. Wir glauben kaum an die Vergebung – und darum fällt es uns so schwer, zu unserer eigenen Verantwortung zu stehen. Wir verkleinern, verharmlosen, verdrängen eigene Schuld, wo wir nur können. Wir sehen sie oft einfach gar nicht, wir wollen nicht hinschauen. Was wir alles mitverantworten, indem wir einfach nichts tun, indem wir schweigen, das merken wir oft gar nicht. Was wir Menschen schuldig bleiben, die wir vergessen, die wir in unsere Liebe nicht einschließen, die bei uns erst an letzter Stelle kommen, das kommt in unserer persönlichen Bilanz von Gut und Böse nicht vor. Wir können auch gar nicht anders, als die Augen davor verschließen, wenn wir nicht an Vergebung glauben. Denn ohne Vergebung müssen wir ja annehmen: jede einzelne Sünde findet ihre Bestrafung, und wir sind verloren, wenn wir zugeben, dass wir in Sünde verstrickt sind, von vorn bis hinten. An Vergebung glauben bedeutet dagegen: ein Neuanfang ist in jedem Augenblick möglich. Egal wie viel wir anderen schuldig geblieben sind, jetzt und hier beginnt eine neue Chance, einem anderen Menschen ein Nächster zu sein. Wir sind zwar nie in der Lage, stolz zu sagen: Ich bin ein guter Mensch! Immer sind wir Sünder, aber wir sind gerechtfertigte Sünder, durch Christus von der Sündenlast befreite Menschen, die aufrecht gehen können, zu ihren Taten und Untaten und ungetanen Taten stehen können, und die auch neue, ungewohnte, gute Taten tun können.

Und umgekehrt, wenn wir an die anderen Menschen denken, gilt das Gleiche: Weil wir nicht an die Vergebung glauben, machen wir andere zu Sündenböcken. Wir glauben nicht daran, dass jeder von Gott immer noch eine neue Chance bekommt. Wenn wir anfangen, an Vergebung zu glauben, dann wissen wir: Niemand ist von Gott abgeschrieben. So schwer es auch fällt: Auch wir müssen als Christen jedem Menschen zutrauen und zumuten, sich zu ändern, sich zu bessern. Das gilt um so mehr für ganze Gruppen von Menschen. Jedes Vorurteil gegenüber Menschengruppen ist eine Gotteslästerung, denn wir sprechen damit den einzelnen Menschen dieser Gruppe die Möglichkeit ab, durch Gottes Vergebung anders zu werden.

Im Bild vom „Lamm Gottes“ wird deutlich, was Jesus mit der „Sünde der Welt“ tut: Er trägt sie fort. Es gibt keine Sünde, die größer ist als die Tragkraft Jesu. In seinem Namen kann wirklich jede, auch die größte Sünde vergeben und vergessen werden.

Aber was ist, wenn die anderen nicht vergessen wollen? Wenn ein anderer mir nicht vergeben will? Das darf kein Anlass zu Selbstgerechtigkeit sein. Wir können Vergebung nicht beanspruchen. Gott gewährt uns Vergebung, wo wir ehrlich bereuen und uns von ihm umwandeln lassen. Aber wenn ein Mensch uns nicht vergeben will, da müssen wir das hinnehmen und zu ertragen suchen, ohne aus Bitterkeit in neues Unrecht zu verfallen.

Versöhnung zwischen Menschen ist oft schwierig, weil immer zwei dazu gehören: jemand, der Versöhnung anbietet, und jemand, der sie annimmt. Aber vergessen wir nicht: mit der Versöhnung zwischen Gott und uns ist es ja ähnlich. In Christus ist der Sohn Gottes erschienen, der uns ver-söhnen will mit Gott, der uns zu Söhnen und Töchtern des Vaters im Himmel machen will. Aber was ist, wenn wir meinen, dass wir Jesus nicht brauchen? Dass wir auch so gut genug sind für Gott? Dass wir keine Vergebung nötig haben? Was ist, wenn wir uns einbilden, dass wir Gott vielleicht sogar einen Gefallen tun, wenn wir uns herablassen, an ihn zu glauben? Dann bleiben wir absichtlich allein, verschließen uns in uns selbst, lehnen die zur Versöhnung ausgestreckte Hand Gottes ab.

Gott lässt sich zu uns herab. Er, das Licht, erscheint in unserer armseligen Menschenwelt. Er will es hell machen bei uns, will uns herausreißen aus unseren Verstrickungen in Egoismus und Bitterkeit, in Abgrenzungen und Undankbarkeit. Er kommt in Jesus zu uns, stellt sich mit uns auf eine Stufe, nicht um uns noch tiefer herabzudrücken, sondern um uns aufzurichten. Gott schlägt uns Sünder nicht vernichtend, sondern er wird zum Lamm, lässt sich von uns töten. Er kommt nicht als Richter, sondern als das Opfer. In Jesus straft Gott uns nicht, sondern er trägt unsere Strafe.

So bezeugt uns Johannes den Jesus, den wir alle irgendwie kennen. Nehmen wir ihn an als das Lamm, das auch unsere Sünde trägt? Meinen wir, dass wir ihn brauchen, als den Sohn, der uns mit Gott ver-söhnt? Folgen wir ihm nach, indem wir aus der Vergebung leben? Und trauen wir auch den anderen Menschen zu, durch Vergebung neu zu werden? Diese Fragen müssen wir selbst beantworten, durch unser Leben, jeden Tag neu. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 51, 4-6: Jesu, reines Licht der Seele, du vertreibst die Finsternis

Lasst uns beten.

Gott, unser Vater und unsere Mutter, du bist uns menschlich begegnet in Jesus Christus; lass uns füreinander da sein und miteinander das Hilfreiche suchen: für Ehepaare, Eltern und Kinder, für Schüler und Lehrer, für Junge und Alte, für körperlich Kranke und seelisch Belastete, für Ausländer und Aussiedler: Weil Jesus unser Helfer ist.

Lasst uns beten für die, mit denen zusammen wir an dich glauben, für die Nachbargemeinden, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und lasst uns beten auch für alle, die es schwer haben mit dem Glauben oder die Anstoß nehmen an der Kirche. Sende uns deinen guten Geist: Weil Jesus unser Bruder ist.

Lasst uns beten für diesen Ort, für unser Land, für diese Welt. Erleuchte mit guten Gedanken alle, die öffentliche Verantwortung tragen, damit Recht gewahrt, Freiheit erhalten und Frieden gestiftet wird: Weil Jesus das Licht der Welt ist.

Durch dich, Gott, haben wir das Leben. Dafür danken wir dir. Im Namen Jesu vertrauen wir darauf, dass du uns gibst, was gut für uns ist. Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser

Noch einmal singen wir zum Ausklang der Weihnachtszeit das Lied 456, 1-3:

O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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