Adam und Eva – aus Erde gemacht – aus der Rippe gebaut

Schöpfungstheologische Bemerkungen zum Vortrag von Prof. Martin Bergmann: „Woher wir Menschen kommen“.

Im Jahr 2010 gab es eine groß angelegte Dinosaurier-Ausstellung im gesamten Stadtgebiet von Gießen. Die Evangelische Paulusgemeinde Gießen beteiligte sich an diesem Ereignis einerseits mit einem Dino-Gottesdienst und andererseits mit einem Vortrag von Prof. Martin Bergmann über die Entstehung des Menschen in der Pauluskirche. Hier gebe ich nur die schöpfungstheologischen Bemerkungen wieder, die ich zu seinem Vortrag gemacht habe, und zeige einige Bilder von dem Abend. Ach ja, natürlich interessierten sich auch die Kinder der Paulus-Kita sehr für die Dinosaurier, und auch ihnen habe ich etwas über die großen Erschreckertiere erzählt…

Die Zuhörerschaft im Vortrag von Prof. Martin Bergmann in der Pauluskirche

Die Zuhörerschaft beim Vortrag von Prof. Martin Bergmann in der Pauluskirche

Welche Wahrheit steckt in der Bildersprache der Erzählung von Adam und Eva?

Schon in dieser Frage steckt natürlich eine Antwort: Nämlich dass die Bibel mit dem, was sie über Adam und Eva sagt, keine wissenschaftliche Aussage darüber macht und machen will, wie der Mensch tatsächlich entstanden ist. Die Bibel ist kein Biologiebuch, sondern ein Glaubensbuch.

Die Geschichte von Adam und Eva ist also keine Tatsachenreportage darüber, was zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dieser Erde genau so passiert ist. Adam und Eva sind daher auch keine historischen Persönlichkeiten der Geschichte wie König David oder wie Jesus von Nazareth. Adam und Eva ist die erzählerische Bezeichnung für „den Menschen“, für „die Menschheit“. Das zeigen schon diese beiden Namen selbst. „Adam“ kommt vom hebräischen Wort „adamah“, das heißt Erde. Adam ist also der Erdling, der aus der Erde entstandene und mit der Erde verbundene Mensch, der den Auftrag erhält, diese Erde zu bebauen und zu bewahren, ein ökologischer Auftrag, der heute aktueller ist denn je.

Im Namen Eva steckt das hebräische Wort „chawwa“, das lebendig bedeutet; nimmt man beide Namen zusammen, erhält man das, was uns alle als Menschen ausmacht: ein erdgebundenes lebendiges Wesen. Der entscheidende Satz im 1. Buch Mose, Genesis 2, lautet:

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Dass es sich in diesem Satz wirklich um Bildersprache handelt und nicht um eine historisch-biologisch- wissenschaftliche Faktendokumentation, ist schon den Menschen der Bibel selbst bewusst. Im Psalm 139 ist nämlich ganz ähnlich wie hier davon die Rede, dass die Erschaffung des Menschen in engem Zusammenhang mit der Erde vor sich geht. Da heißt es:

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

Hier ist ganz klar, dass es sich um Bildersprache handelt. Der Psalmbeter spricht von sich selbst und weiß natürlich, dass Gott nicht vor seiner Geburt irgendwo in einer verborgenen Erdhöhle gesessen hat, um ihn aus Erde zu kneten. Ja, er sagt sogar ausdrücklich im gleichen Psalm:

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

Das heißt, den Menschen der Bibel war der biologische Weg der Entstehung eines einzelnen Menschen vollkommen klar. Interessant ist, dass im Psalm diese beiden Aussagen nebeneinander stehen: „Du hast mich gebildet im Mutterleibe – ich wurde im Verborgenen gemacht, wurde gebildet unten in der Erde.“

Beides steht nebeneinander, weil das eine durch das andere gedeutet wird. Jeder Mensch entsteht im Mutterleib, in diesem verborgenen Innenraum eines menschlichen Körpers, und zugleich ist kein Mensch denkbar ohne die komplizierte Verbindung mit den Elementen und Umweltbedingungen unserer Mutter Erde. „Im Verborgenen gemacht, unten in der Erde“, ich denke, in diesem Satz steckt viel Weisheit, denn wir sind keine vom Himmel gefallenen Wesen, und die Bibel betont das ausdrücklich. Dabei geht es der Bibel nicht um die biologische Erklärung als solche, die wird einfach vorausgesetzt. Kinder wachsen im Mutterleib heran. Aber dass sie das tun, dass es uns Menschen überhaupt gibt, dass wir uns als eine lebendige Seele empfinden und erfahren, dass wir uns als ein gutes Geschöpf bejahen können, das alles ist nicht selbstverständlich, das ist ein Wunder.

Der Psalm 139 sagt das zwischen den beiden eben zitierten Versen auch ausdrücklich:

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Man könnte also sagen: Die Bibel lobt die Schöpferkraft Gottes, die Wissenschaft benutzt den von Gott gegebenen Verstand, um ein wenig nachzuvollziehen, wie Gott das hingekriegt hat mit einer Schöpfung, die sozusagen ein Selbstläufer ist, die sich auf dem Wege der Evolution entfaltet.

Wenn die Bibel erzählt, dass Gott nicht nur den Menschen, sondern auch die Tiere aus Erde formt, dann wird damit keine Theorie der Entstehung der Tierarten vorgelegt, schon gar nicht die Reihenfolge ihrer Entstehung: erst der Mensch, dann die Tiere. Wie gesagt: Es handelt sich um Bildersprache. Die Bibel stellt klar: Die Tiere sind mit uns Menschen enger verbunden, als wir oft wahrhaben wollen, sie bestehen aus dem gleichen Material wie wir und sind genau wie wir Menschen davon abhängig, dass wir die Lebensgrundlagen auf dieser Erde nicht zerstören.

Und wieder belegt die Bibel selbst, dass wir die Aussage von dem Formen der Tiere aus Erde nicht als wortwörtliche Tatsachenreportage verstehen dürfen. Denn ein Kapitel vorher heißt es:

24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.

Es gab also durchaus schon in biblischer Zeit die Einsicht, dass es die Erde selbst ist, die die Tiere hervorbringt. Gottes Schöpferwort ist sozusagen die dahinterliegende Kraft, die diesen Prozess in Gang setzt und begleitet und ihr ihren Sinn gibt. Indem wir sagen, dass Gott diese Schöpfung wollte, sagen wir nicht einfach, wie alles entstanden ist, sondern dass diese Schöpfung ein Gottesgeschenk für uns ist.

Beim Menschen sagt das erste Kapitel der Bibel nicht, dass er sich aus dem Tierreich heraus entwickelt hat. Diese Einsicht verdanken wir erst Denkern der Neuzeit. Aber auch der Erzählung von den sieben Tagen der Schöpfung ist die enge Verbundenheit des Menschen mit den Tieren bewusst, wird der Mensch doch genau wie die Landtiere am sechsten Tag geschaffen. Vögel und Fische am fünften Tag, Landtiere und Menschen am sechsten, darin kann sich sogar schon die Ahnung von einer evolutionären Entwicklung widerspiegeln.

Martin Bergmann vor dem Bild, das die Geburt Evas aus der Seite Adams zeigt

Martin Bergmann vor dem Bild, das die Geburt Evas aus der Seite Adams zeigt

Lassen Sie mich mit dem Bild des Malers Bartolo di Fredi schließen, mit dem Prof. Bergmann begonnen hat: Dass Gott die Frau aus der Rippe des Mannes geschaffen habe, interpretiert er ja etwas frei als Geborenwerden der Frau aus dem schwanger gewordenen Mann. Das heißt, der Künstler versucht zu ergründen, wie Gott das wohl gemacht haben kann, einen zweiten Menschen aus der Rippe des ersten zu bauen.

21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.

22 Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

Auch das ist Bildersprache. Die Erzählung betont damit: die Frau ist dem Mann gleichwertig, sie gehört zur gleichen Spezies Mensch und nicht nur das, sie ist auf Augenhöhe mit ihm geschaffen. Genauer gesagt, der Erzählung entsprechend müsste ich sagen: auf Rippenhöhe, auf Herzhöhe. In der Bibel gilt das Herz als Sitz der Willenskraft, der menschlichen Verantwortung; wenn also Eva aus Adams Rippe erschaffen wird, dann ist sie ihm auch im Sinne der menschlichen Verantwortlichkeit vollkommen gleichgestellt.

Nachtrag:

Während des Vortrages äußerte ich spontan den Gedanken, dass Adam (= der noch nicht in männlich-weiblich aufgespaltene Mensch) in der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, Kapitel 2, den Tieren – die dort nach dem Menschen von Gott aus Erde geformt werden (Achtung – Bildersprache!) – ihren Namen gibt und damit seinen Herrschaftsanspruch über sie ausdrückt. Unter den Tieren findet er aber kein ihm wesensmäßig entsprechendes gleichrangiges Gegenüber:

Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

Darum tritt Gott erneut in schöpferische Aktion und erschafft die Frau aus Adam selbst.

In diesem Augenblick kam mir plötzlich selber der Einwand: Aber gibt nicht Adam auch Eva ihren Namen und würde das nicht bedeuten, dass er auch Herrschaft über sie ausübt?

In einer sofort herbeigeholten Bibel schauten wir nach und fanden meine Auffassung bestätigt. Denn: Adam gibt der Frau erst nach der Vertreibung aus dem Paradies ihren Namen:

20 Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

Das heißt: Die Erzählung will in ihrer Bildersprache tatsächlich ausdrücken, dass der Mensch als Wesen in männlicher und weiblicher Ausführung von Gott gleichrangig geschaffen ist. Erst nachdem beide in der Begegnung mit der Schlange (als Symbol für die Angst vor dem Sterben, dem Nichts, dem Verschlungenwerden durch den Tod) ein Misstrauen gegen Gottes Güte entwickeln und sofort gegen Gottes gutes Gebot verstoßen, werden beide mit den Folgen konfrontiert, die sich daraus ergeben (wieder in Bildersprache ausgedrückt als Strafen Gottes): Adam muss die Mühsal der Arbeit ertragen, wird wieder zu Erde und Staub zerfallen, die Frau bekommt die Schmerzen der Geburt und die Unterdrückung durch den Mann auferlegt. Und prompt – als Symbol dafür, dass der Mensch nun die Welt des paradiesischen Urvertrauens verloren hat, wo Mensch und Mensch, männlich und weiblich, auf Augenhöhe miteinander im Einklang leben (Kapitel 2, 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht) – gibt er auch der Frau ihren Namen und übt insofern sofort Herrschaft über sie aus, als er sie auf ihre Rolle als Mutter in der Schöpfung festlegt und einzuengen versucht:

20 Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

Herrschaft des Mannes über die Frau ist also nicht gottgewollt, sondern Folge des Ur-Misstrauens gegen Gottes Güte und insofern ein zu überwindendes Übel – was ja auch später das Anliegen Jesu war, des wahrhaft neuen Adam, des Menschen, der nach Gottes Ebenbild zu leben verstand.

Zum Schluss noch einige Fotos von der Vortragsveranstaltung mit Prof. Martin Bergmann. Auf dem letzten Bild zeigt er das Fossil eines winzigen Dinosauriers, da der Vortrag im Rahmen der Dinoausstellung in Gießen stattfand.

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