Psychische Krankheiten und Entwicklungs­psychologie

Referat in der Abteilungs-Fortbildung der Gerontopsychiatrie (Landesnervenklinik Alzey).

Die Inhalte des Referats basieren auf der Teilnahme an dem Seminar „Psychisch krank?“ vom 1. bis 3. September und 24. bis 26. November 1989 mit Thomas Weil vom „Institut für Transaktionsanalyse und Integrative Tiefenpsychologie Kassel“ (erreichbar unter der Adresse ttta.de im Internet).

Sie gehen zurück auf Erkenntnisse einer transaktionsanalytischen Schulrichtung, die von Jaqui Lee Schiff und anderen in den USA begründet wurde. Die grundlegenden Einsichten der „Schiff-Schule“ haben Jacqui Schiff und andere in dem Buch „Cathexis Reader. Transactional Analysis. Treatment of Psychosis“ dargestellt (erschienen 1975 bei Harper & Row, New York, Evanston, San Francisco, London).

Ein Gesicht ist mit Hilfe von Rechtecken in Einzelteile zersplittert dargestellt

Wie kann eine kranke menschliche Seele behandelt werden? (Bild: pixabay.com)

Inhalt

Einführung

Hebephrenie

Paraphrenie

Paranoia

Katatonie

Zyklothymien und Depression

Anmerkungen

Einführung

Als ich Ihnen in meinem letzten Referat anhand des Buches „Alle meine Kinder“ einen von Jacqui Schiff und ihrer Familie entwickelten Ansatz zur Therapie von jungen schizophrenen Patienten vorstellte, versprach ich Ihnen in einem zweiten Teil einige der Schiff’schen Konzepte vorzustellen. Als ich nun daranging, dieses Referat vorzubereiten, merkte ich, dass ich mich thematisch sehr einschränken musste, da die Schiffs sehr viele brauchbare Theorien und Praxisansätze veröffentlicht haben. Ich erwähnte beim letztenmal schon ihre Theorie der schizophrenogenen Basisbotschaften (wie zum Beispiel: „Du bist nicht O.K.“; „die Welt ist ein schlimmer Ort“; „Bedürfnisse der Eltern gehen vor“); zentral ist ferner ihre Theorie der Passivität und der Symbiose und der mit der Schizophrenie einhergehenden Denkstörungen. Darauf möchte ich heute allerdings doch nicht eingehen, sondern auf einen anderen Denkansatz, der unter anderen auch auf die Schiffs zurückgeht. Und zwar ist dies ein entwicklungspsychologischer Ansatz bei der Analyse der Entstehung und der Therapie psychischer Krankheiten. Bei diesem Ansatz wird versucht, ein psychisches Krankheitsbild mit den grundlegenden Themen einer bestimmten Entwicklungsphase des Kindes zu verknüpfen.

Gerade in meiner nicht-therapeutischen, sondern seelsorgerlichen Arbeit mit Patienten war für mich dieser Ansatz sehr wertvoll. Ich kann, wenn ich auf bestimmte entwicklungspsychogische Themen aufmerksam werde, mich darauf einstellen, wie der Patient mir möglicherweise begegnen wird, welche Gefahren ich im Auge behalten sollte, was dieser Patient möglicherweise in der Beziehung zu mir brauchen könnte und welche Verhaltensweisen ich auf jeden Fall vermeiden sollte. Und ich konnte in einigen Fällen erstaunliche Verknüpfungen herstellen zwischen bestimmten Krankheitsbildern und einer Reihe von biblischen Texten, die ich in Predigten ausgelegt oder im Bibelkreis mit Patienten besprochen habe.

Wenn ich in meinem Streifzug durch eine Auswahl seelischer Krankheitsbilder nur auf psychotherapeutisch relevante Dinge eingehe, soll damit nicht gesagt sein, dass ich alles für psychotherapeutisch behandelbar hielte; vielmehr verzichte ich auf die Darstellung von Dingen aus der allgemeinen psychiatrischen Diagnostik, über die Sie besser Bescheid wissen als ich selbst, die exogenen Psychosen zum Beispiel lasse ich ganz weg.

Was ich Ihnen vorstellen möchte, geht auf zwei Wochenendseminare zum Thema „Psychisch krank?“ zurück, an denen ich im Jahre 1989 bei Thomas Weil teilgenommen habe, einem Transaktionsanalytiker aus Kassel. Von dem was er uns damals in ca. 30 Stunden beigebracht hat, möchte ich heute nur einige große Linien darstellen, auf die ich selber auch im Kontakt zu Patienten immer wieder aufmerksam geworden bin.

Beginnen möchte ich mit der Schizophrenie, innerhalb deren bereits die Familie Schiff vier verschiedene Krankheitsbilder unterschieden hat, die jeweils von der jeweiligen Grundthematik her bestimmten kindlichen Entwicklungsstufen zugeordnet werden können: Hebephrenie, Paraphrenie, Paranoia, und außerdem noch die Katatonie.

1. Hebephrenie

Hebephrenie, zu deutsch wörtlich „Jugend-Irresein“, die meistens vor dem 20. Lebensjahr ausbricht, ist erkennbar an ungeniertem, distanzlosem, albern schnippischem Benehmen, an Überschwang, heftigen Erregungszuständen, starken Stimmungsschwankungen. Hebephrene sind oft auffallend nett, Unschuldsengel, verführerische liebreizende kleine Mädchen. In der Beziehung zu einer beratenden Person ist zuerst große Kooperationsbereitschaft da. Wenn man meint, sich der Beziehung sicher zu sein, wird man jedoch „gelinkt“. Sie können dann auch unvermittelt sehr gewalttätig reagieren.

Das Grundthema der Hebephrenie ist das Thema der ersten drei Lebensmonate „Sein oder Nichtsein“, in denen Körper und Psyche noch eine Einheit bilden und in denen an sich die fundamentale Grundversicherung des Daseins aufgebaut werden soll (Urvertrauen). Das hebephrene Thema im Sinne einer psychischen Störung entsteht dann, wenn beim Ausdruck der Urbedürftigkeit anstelle der Befriedigung der Bedürfnisse ständig Lebensbedrohung empfunden wird. Das hebephrene Grundgefühl (das verdrängt ist) ist ein alles umgreifender Schmerz. Statt satt zu werden, fühlt sich das Kind verschlungen durch Ansprüche der Mutter, auf die es unter Hintanstellung eigener Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen lernt. Und heimlich staut sich unter der Oberfläche der Nettigkeit eine mörderische Wut an. Dementsprechend tauchen in Schilderungen von Hebephrenen häufig orale Bilder auf (Tür als Mund, der verschlingen will; Angst vor Verschlucktwerden). Hebephrene kennen weder das Gefühl „Hunger“ als somatisches Gefühl im Magen noch das Gefühl „Sattsein“.

Hebephrene haben ferner eine Kontrolle über das Schmerzempfinden bis hin zu Schmerzunempfindlichkeit. Auch Stuhl- und Harnverhalten bis zum Geht-nicht-mehr – alles aus Rücksicht auf die Mutter. Deshalb kommen oft auch Selbstverletzungen vor, um sich zu vergewissern, dass man überhaupt noch am Leben ist. Sie wollen wenigstens Macht über sich selbst haben, wenn schon nicht über andere (bis an die Grenze des Suizids).

Hebephrenen kann man vom eigenen Umgang mit Bedürftigkeit und Ängsten erzählen. Man sollte ihnen nur begrenzte Angebote machen, damit sie verdauen können, was man ihnen anbietet. Wichtig ist: Hilfe zur Alltagsbewältigung! Auch Therapeuten müssen nicht immer mit der oft mörderischen Wut arbeiten, die über Bedürftigkeit und Schmerz angelagert wurde, sondern können gleich sozusagen einen „Bypass“ zur Bedürftigkeit legen.

In der Bibel fand ich zum hebephrenen Thema der Ambivalenz zwischen Bedürftigkeit und Verschlungenwerden zum Beispiel die Geschichte des Jona, der sich von Gott mit einem Auftrag überfordert wird und über das Meer das Weite sucht. Dort aber erfährt er erst recht das Verschlungenwerden durch den Gott, dem er nicht entfliehen kann, weil er auf ihn angewiesen ist: „Der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen (Jona 2, 1)“. Und hier lernt Jona nun, zu seiner Bedürftigkeit zu stehen und sie zu äußern: „Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leib des Fisches und sprach: Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, / und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, / und du hörtest meine Stimme“ (Jona 2, 2-3) (1).

2. Paraphrenie

Die Schiff-Schule siedelt entwicklungspsychologisch zwischen Hebephrenie und Paranoia die Paraphrenie an. Paraphrene (in der Mehrzahl Frauen) wollen nicht auffallen, ziehen sich gern zurück. Wenn sie eskalieren, eskalieren sie nach innen. Ihre Suizidversuche gelingen in der Regel! Paraphrene Patientinnen sind diejenigen, an die man sich in der Gruppe am schwersten erinnert.

Das paraphrene Thema entsteht in der Zeit zwischen dem 3. und 7. Lebensmonat, in der späteren oralen Phase, in der eine tragfähige Beziehung zur Mutter und überhaupt Sozialkontakt aufgebaut wird. Die Hände werden entdeckt, und eine Sehnsucht nach Gesehen-, Aufgenommen- und Gehaltenwerden entsteht. Paraphrene haben oft depressive Mütter, die primär-oral gut füttern können, aber sich jetzt als Gegenüber zurückziehen, nicht streicheln, nicht anlächeln, nicht das Baby-Lächeln erwidern. Paraphrene entwickeln dann ein inneres Selbst-Streichel-System durch Autismus oder Phantasiebildungen, sie werden pflegeleicht, machen keine Umstände. Wenn sie nichts beanspruchen, kriegen sie am meisten. Sie sind oft blass, puppenhaft, zart, leiden in sich. Ihr Grundgefühl (das weggedrückt wird) ist eine große Traurigkeit. Sie können daher nicht weinen, sich nicht verabschieden, sie haben Angst vor dem Ende einer Begegnung („Es ist hier so schön, deshalb kann ich nicht wiederkommen“). Zu viel Aufmerksamkeit empfinden sie als Überforderung. Sie haben oft auch Probleme mit der Sexualität, erleben sich häufig asexuell oder bisexuell undifferenziert. Und sie haben Probleme, in den Spiegel zu schauen. Paraphrene wirken oft depressiv, aber ihre Phantasie ist nicht tot wie bei endogen Depressiven, und ihnen fehlt die manisch-grandiose Anspruchshaltung der Zyklothymen.

Die Kontaktaufnahme zu Paraphrenen ist schwierig, aber mit Geschichten und Bildern geht es. Man muss Möglichkeiten zur Distanzierung offen lassen, des Hineinschauens in eine Geschichte und des wieder Rausgehens. „Überleg dir, wie weit du mich heranlässt.“ „Der Abschied nachher kann hart, ungewohnt sein.“ „Ich möchte gern an deiner Welt Anteil nehmen, du musst nicht an meiner Welt teilnehmen.“ Besonders wichtig ist die Botschaft: „Du kannst wiederkommen.“ Um die Traurigkeit freizusetzen, kann der Therapeut erlauben, dass die Patientin sein Gesicht mit den Händen anfassen darf. Umgekehrt kann eine sanfte Massage ihrer Muskeln um das Auge herum sie zu einem anfangs sehr stillen, wimmernden Weinen ermutigen.

In der biblischen Geschichte spielt häufig das Gesehenwerden von Menschen eine Rolle, die sonst übersehen werden, zum Beispiel von Zachäus, der, klein von Gestalt, Jesus nur von einem Baum aus beobachten wollte, ohne selbst gesehen zu werden. Doch „als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren“ (Lukas 19, 5). An einer anderen Stelle heißt es von Jesus: Er „sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an“ (Markus 6, 34). Wie gesagt, für paraphrene Menschen ist das Erzählen und Hören von Geschichten ein ganz wichtiger Schlüssel zur Kontaktaufnahme (2).

3. Paranoia

„Para“ heißt griechisch so viel wie „neba der Kapp“. Paranoiker sind anfangs anstrengende Patienten als Meister der Projektion, die auch die Schwachpunkte ihres Gegenübers erkennen. Allerdings können sie später zu den dankbarsten Patienten werden. Paranoiker unterstellen immer, dass die anderen sie ablehnen. Bevor aber die anderen sie ablehnen können, gehen sie selbst, und zwar so, dass die anderen sich schuldig fühlen sollen. Sie suchen damit den Schmerz einer uralten Ablehnungserfahrung zu kontrollieren, indem sie einer möglichen neuen Ablehnung zuvorkommen. Im Grunde aber sehnen sie sich nach Nicht-Ablehnung.

Das paranoische Thema ist entwicklungspsychologisch beim 7. bis 9. Monat angesiedelt, wenn der Sozialkontakt hergestellt, von der Vertrauensperson aber enttäuscht worden ist (Vertrauensbruch).

Paranoiker leiden demonstrativ. Sie führen sich wie jammernde Gerechte auf: „Ihr seid schuld, dass es mir so schlecht geht.“ Man kann aber um diese Position des „jammernden Gerechten“ (Redefining Hexagon) konkurrieren, indem man auch jammert: „Wenn du dich so elend machst, dann fällt es mir sehr schwer, dich zu trösten.“

Paranoiker haben Angst vor großer Nähe. Berührungen werden als Angriff ausgelegt. Sie haben keine Vorstellung von Nähe als Wärme, nur als Angriff oder Verletzung. Und sie haben Angst vor der Angst. Angst ist für sie ein Zeichen höchster Bedrohung, ihr Grundgefühl, das weggedrängt werden muss. Ein Wahn wird als Vorsichtsmaßnahme entwickelt, um möglichen Verfolgungen zuvorzukommen.

Eine neue Erfahrung für Paranoiker ist es, im Gespräch mit ihnen von Angst zu sprechen, auch von eigener Angst, und dann speziell von der Angst um den Patienten. Bisher hat man immer Angst vor ihnen gehabt und sich wegen ihnen schuldig gefühlt.

In der Bibel finde ich zu diesem Krankheitsbild als klassische Parallele den sogenannten „besessenen Gerasener“, der folgendermaßen beschrieben wird: Als Jesus in „die Gegend der Gerasener“ kam, „lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen. Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!“ (Markusevangelium 5, 2-7). Als Jesus ihm ohne Angst gegenübertritt, empfindet er das zunächst als Verfolgung, als Qual. Er, der gewohnt war, dass alle Angst vor ihm haben, fühlt sich nun seiner eigenen Angst ausgesetzt. Danach setzt sich Jesus, modern gesprochen, mit den Wahninhalten des Kranken auseinander: „Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreine Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See, etwa zweitausend, und sie ersoffen im See“ (Markusevangelium 5, 12-13). Ich sehe darin ein phantastisches Bild, wie psychotisches Erleben eines Menschen entmachtet werden kann, wenn es nicht mehr dazu benötigt wird, irgendwelche Ängste vor Ablehnung oder ähnlichem zu kompensieren.

Paranoiker haben auffallend häufig eine Beziehung zu Tieren, mit denen sie reden. Oder sie fühlen in sich ein Tier oder viele Tiere, wie der Schizophrene in der biblischen Geschichte, oder fühlen sich als Tier. Hebephrene dagegen haben eher pflanzliche Phantasien, die keinen Sozialkontakt voraussetzen.

Die drei Grundformen der Schizophrenie kann man übrigens ganz knapp anhand ihrer grundlegenden Angst unterscheiden: Hebephrene haben Angst, ausgesetzt zu werden. Paraphrene haben Angst, ausgelacht zu werden. Paranoiker haben Angst, zurückgewiesen zu werden.

4. Katatonie

Gesondert möchte ich noch auf das Thema der Katatonie eingehen, auf Patienten, die sich tot stellen, in vollkommene Starre und Leblosigkeit verfallen (bei starkem Muskeltonus – im Gegensatz zur Passivität der endogen depressiven Patienten, die mit schlaffem Muskeltonus einhergeht). Außer der völligen Starre, einem Sperrungszustand kann auch ein Angriff (gegen sich oder andere) erfolgen.

Der Katatone fühlt sich durch die Geburt verraten: entweder war es vorher paradiesisch oder wenigstens immer noch vergleichsweise besser als nachher. Ihm fehlt die gute Erfahrung, in dieser Welt willkommen geheißen und empfangen zu werden. In der Bibel taucht das katatone Thema auf, wenn der Tag der Geburt verflucht wird (z. B. bei Hiob oder in den Psalmen). Die katatone Schein-Lösung des Problems ist die Regression in einen Zustand vor dem Problem, sogar vor die Zeugung bzw. des nicht Daseins, nicht einmal in den Mutterleib (weil der Mutter vorgeworfen wird, dass sie ihn geboren hat).

In der Therapie schlägt Thomas Weil eine „Kuscheltherapie“ unter der Decke vor, wobei es (bei männlich/weiblicher Ko-Therapie) die Therapeutin den Patienten eng umklammert und festhält, bis der Wunsch vom Patienten selber kommt: „Ich will raus!“ Und dann wird er anders empfangen von dem Therapeuten und der Gruppe und willkommen geheißen. Das Halten und Festhalten ist bei dieser symbolischen Neu-Geburt ganz wichtig.

Wegen der hohen Suizidgefahr muß allerdings vor dem Angebot von Nähe und der Einladung zur Regression zunächst ganz viel Hilfe zum Leben im Alltag, fürs Verhalten im Hier und Jetzt, fürs Denken und Fühlen gegeben werden.

Gerade am letzten Sonntag habe ich in einer Predigt an die Geschichte des Gelähmten aus dem Markusevangelium, Kapitel 2, das Thema des Willkommenseins in der Welt angeknüpft. Der Mann hat offenbar immer erfahren, nicht willkommen zu sein, wird als Sünder angesehen, der mit seiner Behinderung zu Recht von Gott gestraft ist, und das scheint sich zu wiederholen, als er die Hilfe Jesu sucht, aber wegen Überfüllung nicht zu Jesus ins Haus vordringen kann. Immerhin hat der Gelähmte vier Männer dazu veranlasst, ihn zu tragen und ihm alle Verantwortung abzunehmen, sogar für das Denken und das Glauben: „Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben“ (Markus 2, 2-5).

Symbolisch ermöglichen es die vier Männer dem Kranken, in die Geborgenheit des Mutterleibes zurückzukehren. Und Jesus redet den erwachsenen Mann auch folgerichtig als das regredierte Kind an. Zugleich führt er ihn aus der Regression heraus, indem er ihn selbst und nicht die Männer anredet, die bisher sogar für den Kranken geglaubt hatten. Und wenn er ihm ohne irgendein vorheriges Schuldbekenntnis die Sünden vergibt, dann heißt er ihn herzlich willkommen in Gottes Welt: „Du musst dich nicht mehr schämen, dass du auf der Welt bist! Du bleibst nicht festgenagelt auf deinem Bösesein. Nun bist du aber auch verantwortlich für dein Leben“. Und Jesus entlässt ihn aus der Geborgenheit der Regression und der Lähmung in eine Welt, in der er willkommen ist und sich bewegen kann: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“ (Markus 2, 11) (3).

5. Zyklothymien und Depression

Die manisch-depressiven Krankheitsbilder, die die zweite große Gruppe der Psychosen ausmachen, und die neurotische Depression behandele ich gemeinsam, da beide auf der gleichen Entwicklungsphase basieren und die Unterschiede in der unmittelbaren Gegenüberstellung leichter zu skizzieren sind. Grundsätzlich gilt hier übrigens genau wie bei den bisher genannten entwicklungspsychologischen Themen, dass es jede dieser Erkrankungen auf psychotischem oder auch neurotischem Niveau geben kann (ein Normalneurotiker wie wir alle kann zum Beispiel eine paraphrene Furcht davor haben, ausgelacht zu werden, oder das paranoide Gefühl, häufig abgelehnt zu werden).

Nach den Schiffs wurzeln Störungen, die mit Depression zu tun haben, zwischen dem 8. bis 18. Lebensmonat, in der Zeit des Krabbelalters, in der Kinder zum erstenmal testen, was sie selber tun können. Dabei brauchen sie Anerkennung für das, was sie schon allein können, und zugleich Anleitung und Hilfe in kleinen Schritten für das, was sie noch lernen müssen. Bei Depressiven ist in der Regel eine solche Anleitung unterblieben oder sie war erdrückend („lass mich mal machen, du kannst das noch nicht!“ – „du müsstest es aber können!“).

Mit dieser Ausgangssituation gehen nun verschiedene Menschen unterschiedlich um, unterverantwortlich oder überverantwortlich. Der sog. neurotische Jammerdepressive entwickelt eine Grundhaltung, in der er sich zum kleinen, hilflosen Kind macht und die anderen durch sein Jammern dazu erpresst, dass sie für ihn denken und sorgen. Die Schiffs sprechen hier von einer Fixierung in einer Symbiose 1. Ordnung, das heißt: der Patient hält die kindliche Abhängigkeit gegenüber anderen Personen aufrecht und nutzt nicht seine eigenen erwachsenen und strukturierenden Funktionen.

Demgegenüber lernt der Manisch-Depressive eine andere Grundhaltung, nämlich, auf sich allein gestellt durchs Leben zu gehen und sich alles im Wesentlichen selbst beizubringen. Hier sprechen die Schiffs von einer Symbiose 2. Ordnung, d. h., ein kleines, noch unreifes Eltern- und Erwachsenen-Ich des Kindes übernimmt unbewusst Verantwortung für das Kindheits-Ich der Elternfigur, die unfähig ist, dem Kind genug Zuwendung und Struktur zu geben. Ziel dieser Selbstüberforderung, dieses ständigen Immer-nur-Gebens, ist natürlich, indirekt doch irgendwann etwas zurückzubekommen, aber in der Regel ist das viel zu wenig, und wenn er wirklich etwas bekommt, gibt er es meist gleich wieder her.

Wenn dieser Mensch erlebt, dass er doch nicht alles kann, ihm die manische Illusion genommen wird, die grandiose Selbstüberschätzung an Grenzen stößt, verbucht er sich dies, in Depression abstürzend, als: „Ich kann gar nichts.“ In der manisch-depressiven Logik gibt es nur ein „Alles oder Nichts, Ganz oder Gar-Nicht, Himmelhochjauchzend – Zu-Tode-Betrübt“. Gerade bei den manisch-depressiven Psychosen bricht die Krankheit oft auf dem Gipfel des Erfolgs aus, wenn man sich aufgrund einer grandiosen Anspruchshaltung so sehr leerbrennen lässt, dass man depressiv abstürzt. Dabei muss es noch nicht einmal auffallen, dass ein großes Engagement eine manische Komponente hat.

Phänomenologisch unterscheidet man ja zwischen monopolaren und bipolaren Verläufen, je nachdem, ob sich Depression und Manie abwechseln oder nur eine Manie oder nur eine Depression auftritt. Entwicklungspsychologisch betrachtet, gibt es jedoch keine Depression ohne Manie. Thomas Weil geht bei den sog. „endogenen Depressiven“ von einer „Hirnmanie“ aus, das heißt einer Manie, die äußerlich nicht in Erscheinung tritt, die aber aufgrund der inneren (vielleicht nur im inneren Dialog laufenden) grandiosen Anspruchshaltung wirkt. Mit ihr verlangt sich der Kranke so wahnsinnig viel ab, dass er hinterher depressiv abstürzt. Manische, chronische Überforderung, zum Beispiel sichtbar in Schlaflosigkeit, Arbeitswut, äußert sich dann irgendwann physisch. Für die Therapie ist es wichtig, nicht den Patienten ein wenig weniger depressiv zu machen, wenn er seine dahinterliegende grandiose Anspruchshaltung behält. Sonst führt das eher noch zu einer Steigerung der Grandiosität, nämlich zu glauben, dass er noch mehr kann, zum Beispiel jetzt besser als früher für sich sorgen zu können, und langfristig zu noch mehr Abstürzen. Skepsis bei irgendeiner Form von Euphorie bei Depressiven ist angebracht. Suizidgefahr besteht bei schwerer Gestörten beim Übergang von der depressiven in die manische Phase, weil sie dann die nötige Energie dazu haben, die in der Depression fehlt.

Die Jammerdepressiven sind nerviger, aber mehr im Kontakt mit der Umwelt, zum Beispiel indem sie Zuwendung erpressen. Die hirnmanische innere Anspruchshaltung wird sofort mit Kapitulation beantwortet – mit einer Flucht in die Regression vor die Entwicklungsphase, in der das Problem entstand, nämlich in die Phase der Konfluenz, des Eins-Seins mit der Mutter. Andere sollen für mich sorgen, ich will nicht erwachsen werden. Es darf mir in der Klinik nicht besser gehen, dann werde ich entlassen. Hier hilft es, wenn man diesen Jammerdepressiven sozusagen an die Hand nimmt und ihm in kleinen Schritten zeigt, wie man etwas macht. Wenn man ihn zur Realitätsprüfung anleitet: Was gibt es noch zwischen Alles oder Nichts, zwischen Schwarz und Weiß? Die Haltung von Beppo Straßenkehrer aus der Erzählung von Momo ist ein Leitbild: Immer nur den nächsten Besenstrich machen, nicht die ganze lange Straße anschauen, die noch zu kehren ist!

In der Bibel entdecke ich einen Jammerdepressiven in dem Mann, der seit 38 Jahren krank ist und am Teich Bethesda auf ein Wunder wartet, das war damals in Jerusalem so etwas wie heute Lourdes. „Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein“ (Johannes 5, 6-7). Obwohl der Mann auf die Frage Jesu gar nicht antwortet, hilft ihm Jesus, indem er ihm eine klare Anweisung gibt: „Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ (5, 8). Aber der denunziert seinen Helfer bei der Tempelpolizeit, weil er am Sabbat geheilt hat. Ein Heil-Erfolg?

Manisch Depressive neigen zum Autismus, koppeln sich stärker von der Realität ab, daher kommen hier mehr psychotische Fälle vor. Sie blenden die eigene Bedürftigkeit im Zuge ihres Helfersyndroms aus. Der Transaktionsanalytiker Birger Gooß hat einmal gesagt: Die meisten Angehörigen helfender Berufe haben die gleiche psychische Grundstruktur wie endogen Depressive – vielleicht rührt es daher, dass die sogenannte endogene zyklothyme manisch-depressive Psychose über so lange Zeit als dem psychotherapeutischen Verstehen nicht zugänglich galt.

Was hilft Manisch-Depressiven? Der Kontakt mit der eigenen Bedürftigkeit, die Ermutigung, sich Hilfe und Anleitung zu suchen. Ein zyklischer Heilungsansatz statt eines linearen: Es darf dir auch mal wieder schlecht gehen! Du darfst deine Überlebensstrategien ruhig auch zukünftig anwenden – sie sollen nicht rasch wegtherapiert werden, es sollen vielmehr zusätzliche Wahlmöglichkeiten hinzugefügt werden. Wenn solch ein Kranker anfängt zu jammern, nein, zu klagen, dann sollte man ihm dafür viel Raum geben. Es ist ein Vertrauensbeweis des Manisch-Depressiven, einer helfenden Person auch mit seiner nervigen Seite zur Last zu fallen. Wenn überhaupt irgendwo, ist hier im Gespräch das Spiegeln der Gefühle angebracht. Forderungen zu stellen, wäre falsch, da sie die inneren überfordernden Ansprüche wieder stützen würden. Langsam nur kann dieser Patient lernen, Dinge zu tun, ohne sich selber zu überfordern, Gefühle der Trauer, der Lust und der Wut auszudrücken und auch Bedürfnisse zu äußern. Wenn man beschenkt wird von diesem Patienten, kann man fragen: „Manchmal schenke ich anderen das, wonach ich mich selber am meisten sehne. Wie ist das bei Ihnen?“

Die klassische Geschichte eines Manisch-Depressiven ist die Geschichte des Petrus, der sich stark genug fühlt, Jesus bis zum Letzten zu verteidigen, der ihn dann aber, als ihm verboten wird, das Schwert zu benutzen, und als die Sache Jesu verloren scheint, kläglich verleugnet. In einer Auferstehungsgeschichte im letzten Kapitel des Johannesevangeliums (21) stellt ein Erzähler dar, dass Petrus erst nach Jesu Tod genug innere Stärke entwickelt, auch sein Versagen einzugestehen und Vergebung von Jesus anzunehmen. Noch klarer wird die Charakterstruktur des Petrus in einer symbolischen Episode widergespiegelt, die Matthäus der Erzählung von Jesu Wandel auf dem Meer anfügt. Da traut es sich Petrus zu, es seinem Herrn und Meister nachzutun und er ruft ihm zu: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser“ (14, 28), ein durchaus manisch wirkendes Unterfangen.

Als Petrus sein Vorhaben dann auch wirklich wahrmacht – er schafft sogar einige Schritte auf dem Wasser – verliert er aber kraft der Realität doch den Boden unter den Füßen: „Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn“ (14, 30-31).

Diese Bibelstelle hat bereits auf eine ganze Reihe von leergebrannten Depressiven in unserem Bibelkreis Eindruck gemacht. Man fühlt sich stark und muss erleben – irgendwann ist man mit seiner Kraft am Ende, man bricht zusammen, findet sich vielleicht auf der geschlossenen Station wieder, man geht unter in seiner Angst, Verzweiflung, Leere oder was auch immer. Und jetzt zu erleben: Das ist nicht das Ende! Da ist ein Hilferuf möglich! Da ist eine Hand, die mich herauszieht! Das eröffnet eine neue Perspektive und führt heraus aus dem Denken in Alles-oder-Nichts-Kategorien.

Damit möchte ich meine Auswahl von Krankheitsbildern, die ich entwicklungspsychologisch betrachte und mit biblischen Texten parallelisiere, beenden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit beim Zuhören und freue mich über Rückfragen, Kritik und weiterführende Ideen!

Helmut Schütz

Anmerkungen

(1) Außerdem passt zum hebephrenen Thema die urgeschichtliche Erzählung von Eva und der verschlingenden Schlange, die vor dem nährenden und fürsorglichen Gott mit der Frage Angst erzeugt: „Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Früchten im Garten?“ (1. Mose 3, 1). Die Antwort, die Jesus ein für allemal auf die Frage gegeben hat, ob ein Lebewesen vom andern sich nähren, ein Mensch vom andern leben darf, statt von diesem andern verschlungen zu werden, ist im Symbol des Abendmahls gegeben: „Nehmet, das ist mein Leib…, das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Markusevangelium 14, 22+24). So hat Eugen Drewermann dieses Symbol in seinem Buch „Der Krieg und das Christentum“ ausgelegt. Im neuen Lied des Evangelischen Gesangbuchs von Hessen und Nassau, Nr. 546, kommt auch eine entsprechende Strophe vor (4): „Die Menschen müssen füreinander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern“.

(2) In der Geschichte von Kain und Abel (1. Mose 4, 4-5) kommt auch das Gesehenwerden vor: „Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“

(3) Auch das Thema des Wiedergeborenwerdens als Bild für die Taufe und das neue Leben der Christen passt hierher, z. B. die Frage des Nikodemus im Johannesevangelium 3, 4: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Symbolisch kann er.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.