Angst vor dem Sozialismus?

Leserbrief an die Redaktion der Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ 20/75.

Die drei Bände des Kapitals von Karl Marx, aufeinander gestapelt

„Das Kapital“ von Karl Marx (Foto: pixabay.com)

Sehr geehrte Redaktion!

In seinem Leserbrief (uk 20/75) zieht Herr Effey gegen das Komitee „Freiheit für Wort und Dienst in der Kirche“ mit den Barmer Thesen zu Felde. Marxismus sei nicht mit der Verkündigung des Evangeliums zu vereinbaren.

Darüber kann diskutiert werden. Für mich bedeutet der Marxismus keine Glaubenslehre, aber eine sehr wertvolle und bis heute fruchtbare Theorie, mit der man gesellschaftliche Ursachen von Armut, Unrecht, Elend, Unterdrückung usw. erklären und zu politischem Handeln kommen kann. Dabei ist völlig klar, dass man gegenüber dem vergangenen Jahrhundert veränderte Verhältnisse berücksichtigen muss, den stalinistischen Abweg und die Ineinssetzung von Atheimus und Sozialismus kritisieren muss und die Rolle von Reformen und Gewaltfreiheit auf dem Weg zum Sozialismus klären muss.

Wie vielen anderen geht es Herrn Effey allerdings nicht um die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ausprägungen des Sozialismus und Kommunismus, nicht um die Frage, wie man in der Kirche „in Spannungen beieinander bleiben“ kann. Aus Angst vor dem Sozialismus unterbleiben Diskussionen, die offen sind für Selbstkritik – sei diese Angst in unserem Land auch noch so verständlich nach Stalinismus und Kalten Krieg, der Aufhebung bürgerlicher Rechte in der DDR (die bisher auch nicht den Versuch gemacht zu haben scheint, die obersten kapitalistischen Werte – Wachstum! – durch sozialistische – Umweltschutz! – zu ersetzen und der nicht um Verständnis, sondern Bekämpfung bemühten Kritik am Osten in der Bundesrepublik.

Zurück zu den angeführten Barmer Thesen. Genau sie sind dem Gründungsaufruf des Komitees (samt anderem Informationsmaterial erhältlich bei Prof. Dr. Dieter Stoodt, Universität Frankfurt/Main, Robert-Mayer-Str. 15, Fachbereich 6) vorangestellt. Denn auch in der Rechtfertigung des Kapitalismus als notwendiges Übel, in der Blindheit für die katastrophalen Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsform für die Dritte Welt und unsere Umwelt (um nur zwei Beispiele herauszugreifen), liegt eine Ideologie. Sie schützt die Interessen der wenigen, die in unserer Gesellschaft und in multinationalen Konzernen die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel haben.

Christen haben Grund, Angst vor dem Sozialismus abzubauen zugunsten einer offenen Diskussion. Was zum Beispiel die Angst vor dem Atheismus betrifft, so ist gelebter Glaube, gelebtes Vertrauen auf die Kraft und Realität des Evangeliums, des kommenden Reiches Gottes die einzig überzeugende christliche Antwort. Vielen unter uns linken Christen wird doch die Kirche als Leib Christi deswegen so unglaubwürdig, weil angstüberwindender und unrechtbekämpfender Glaube so viel seltener vorkommt als angstvolle Verketzerung von Theologen wie Dorothee Sölle und angstvolle Bemühung um die Erhaltung des Bestehenden.

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Schütz, Mainz-Gonsenheim

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