Philippus und der afrikanische Finanzminister

Erstens sagt uns die Geschichte, wie sehr wir auf den Glauben an Jesus angewiesen sind, egal welche Fehler und Macken wir haben, was wir getan haben oder wie wir denken. Und zweitens, dass wir zusammengehören mit Menschen, die anders sind. Der Grieche und der Afrikaner verstanden und fanden sich: durch das heilige Buch der Juden und im Glauben an Jesus.

Kirchenfenster: Philippus und der afrikanische Minister auf einem Wagen und bei seiner Taufe

Philippus erklärt dem Afrikaner die Bibel und tauft ihn (Bild: falco – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, 26. August 1984, in Weckesheim, Reichelsheim und Dorn-Assenheim

Herzlich willkommen im Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis in der Reichelsheimer Kirche! Heute ist der traditionelle Israelsonntag, d. h. der Tag, an dem in jedem Jahr besonders an die besondere Beziehung zwischen den Juden und den Christen gedacht wird. Und zugleich haben südafrikanische Kirchenführer in diesen Jahr das heutige Datum für einen Tag der Fürbitte für Südafrika ausgewählt, angesichts der dortigen schwierigen Situation. Es geht also heute darum, ein wenig über unsere Grenzen hinauszublicken, die Grenzen unserer christlichen Kirche und die Grenzen unseres europäischen Erdteils. Eine biblische Geschichte kann uns in der Predigt nachher dazu anleiten. Doch nun beginnen wir unseren Gottesdienst mit einem Lied:

Lied EKG 142 (EG 193), 1-3:

1. Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort und steure deiner Feinde Mord, die Jesus Christus, deinen Sohn, wollen stürzen von deinem Thron.

2. Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, der du Herr aller Herren bist, beschirm dein arme Christenheit, dass sie dich lob in Ewigkeit.

3. Gott Heilger Geist, du Tröster wert, gib deim Volk einerlei Sinn auf Erd, steh bei uns in der letzten Not, g‘leit uns ins Leben aus dem Tod.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet. Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört: der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles. (Psalm 24, 1-5)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, du bist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und voll beständiger Liebe. Dein Volk hat dich immer wieder enttäuscht, dein Judenvolk und auch dein Christenvolk. Hart gestraft wurde Israel für den Ungehorsam gegen dich, hart gestraft – aber nicht völlig vernichtet. Ähnlich brachte unser Volk großes Unheil über sich durch Ungehorsam gegen dich – und aus Gnade dürfen wir heute leben. Gott, du siehst, was wir Menschen einander zufügen, du siehst das Unrecht in Ost und West, in Nord und Süd. Doch du bist allen Menschen gut, allem, was du geschaffen hast, bist du leidenschaftlich zugetan. Lass uns über unsere Grenzen schauen, dass wir auch die Menschen als unsere Nächsten erkennen, die anders sind als wir, bei uns und in aller Welt. Das bitten wir durch Jesus Christus, den Bruder aller Menschen unseren Herrn.

Wir hören die Lesung aus 2. Chronik 36, 11-23. Es ist der Bericht über die Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 vor Christus, der aber mit neuer Hoffnung für das Volk Gottes endet:

11 Und Usija hatte ein kriegstüchtiges Heer, das in Abteilungen in den Kampf zog, nach seiner Zahl aufgestellt durch den Schreiber Jeïël und den Amtmann Maaseja unter dem Befehl Hananjas, eines der Obersten des Königs.

12 Und die Zahl der Häupter der Sippen unter den Kriegern war 2600,

13 und unter ihrem Befehl stand eine Heeresmacht von 307500 sehr kriegstüchtigen Männern, um dem König gegen die Feinde zu helfen.

14 Und Usija beschaffte für das ganze Heer Schilde, Spieße, Helme, Panzer, Bogen und Schleudersteine

15 und machte in Jerusalem kunstvolle Geschütze, die auf den Türmen und Ecken stehen sollten, um mit Pfeilen und großen Steinen zu schießen. Und sein Name drang weit hinaus, weil ihm wunderbar geholfen wurde, bis er sehr mächtig war.

16 Und als er mächtig geworden war, überhob sich sein Herz zu seinem Verderben; denn er verging sich gegen den HERRN, seinen Gott, und ging in das Haus des HERRN, um auf dem Räucheraltar zu räuchern.

17 Aber der Priester Asarja ging ihm nach und achtzig Priester des HERRN mit ihm, zuverlässige Leute,

18 und sie traten Usija, dem König, entgegen und sprachen zu ihm: Es gebührt nicht dir, Usija, dem HERRN zu räuchern, sondern den Priestern, den Söhnen Aaron, die geweiht sind zu räuchern. Geh hinaus aus dem Heiligtum; denn du vergehst dich, und es wird dir keine Ehre bringen vor Gott, dem HERRN.

19 Da wurde Usija zornig, als er bereits ein Räuchergefäß in der Hand hatte, um zu räuchern; und wie er so über die Priester zornig wurde, brach der Aussatz aus an seiner Stirn vor den Augen der Priester im Hause des HERRN am Räucheraltar.

20 Und der Hohepriester Asarja wandte das Angesicht ihm zu und alle Priester, und siehe, da war der König aussätzig an seiner Stirn. Und sie stießen ihn fort, und er eilte auch selbst hinauszugehen; denn seine Plage war vom HERRN.

21 So war der König Usija aussätzig bis an seinen Tod und wohnte als Aussätziger in einem besonderen Hause; denn er war verstoßen vom Hause des HERRN. Jotam aber, sein Sohn, stand dem Hause des Königs vor und richtete das Volk des Landes.

22 Was aber mehr von Usija zu sagen ist, die frühere und die spätere Geschichte, hat beschrieben der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz.

23 Und Usija legte sich zu seinen Vätern, und sie begruben ihn bei seinen Vätern auf dem Felde neben der Grabstätte der Könige; denn sie sprachen: Er ist aussätzig. Und sein Sohn Jotam wurde König an seiner Statt.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied EKG 119 (EG 146), 1-3:

1. Nimm von uns, Herr, du treuer Gott, die schwere Straf und große Not, die wir mit Sünden ohne Zahl verdienet haben allzumal. Behüt vor Krieg und teurer Zeit, vor Seuchen, Feu‘r und großem Leid.

2. Erbarm dich deiner bösen Knecht, wir flehn um Gnad und nicht um Recht; denn so du, Herr, den rechten Lohn uns geben wolltst nach unserm Tun, so müsst die ganze Welt vergehn und könnt kein Mensch vor dir bestehn.

3. Ach Herr Gott, durch die Treue dein mit Trost und Rettung uns erschein. Beweis an uns dein große Gnad und straf uns nicht auf frischer Tat, wohn uns mit deiner Güte bei, dein Zorn und Grimm fern von uns sei.

Predigttext – Apostelgeschichte 8, 25-40:

25 Als sie nun das Wort des Herrn bezeugt und geredet hatten, kehrten sie wieder um nach Jerusalem und predigten das Evangelium in vielen Dörfern der Samariter.

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.

28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?

31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.

33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, daß ich mich taufen lasse?

38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.

39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

40 Philippus aber fand sich in Aschdod wieder und zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.

Gottes Liebe komme in unsere Herzen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute in der Predigt wieder einmal eine Geschichte erzählen. Sie steht in der Apostelgeschichte. Wer übrigens am Freitag beim Schulgottesdienst in der Kirche war, der kennt die Geschichte schon, da habe ich sie auch erzählt. Aber aufgepasst! Heute wird es schon ein bisschen anders sein, in der Geschichte steckt nämlich noch viel mehr drin.

Es geht um einen Mann aus Äthiopien, einen Afrikaner, der ist – etwa fünf Jahre nach Jesu Tod am Kreuz – unterwegs auf einer einsamen Straße in Israel. Es ist die Straße, die von Jerusalem durch die Wüste in Richtung Gaza führt, und dann wieder in sein Heimatland in Afrika zurück. Er sitzt auf einem Wagen, er lässt sich chauffieren; man sieht ihm an, dass er ein hochgestellter Mann ist.

Was macht er dort? Wie kommt er, der dunkelhäutige Afrikaner, dorthin ins Land Israel? Genau wissen wir es nicht, was ihn dorthin getrieben hatte. Wir kennen seine Stellung: es ist der Finanzminister der äthiopischen Königin Kandake. Es wird berichtet, dass er ein Eunuch gewesen sei. Ein ziemlich mächtiger Mann, können wir daraus schließen, aber eben doch nicht mehr als ein Untergebener seiner Königin, dem man es sogar unmöglich gemacht hatte, mit einer Frau selber Kinder zu bekommen. So waren die grausamen Sitten jener Zeit: nicht nur Haremswächter, sondern auch andere Beamte mancher Herrscher wurden künstlich zeugungsunfähig gemacht. Wir kennen heute noch allerhand Witze über diese Männer, die man Eunuchen nennt; und sie werden damals, als man noch viel mehr Wert auf zahlreiche Nachkommenschaft legte, zu den verachteten Menschen gehört haben, auch wenn sie als hohe Beamte viel Einfluss gehabt haben mögen.

Dieser Afrikaner ist also auf dem Heimweg von Jerusalem. Aber was hatte ihn hergeführt? Vielleicht waren es Staatsgeschäfte zwischen König Herodes und der Königin Kandake; darüber wissen wir nichts Genaues; aber für diese außenpolitischen Aktivitäten der damaligen Herrscher interessiert sich unser Bericht auch nicht. Genau wissen wir nur, dass dieser Finanzminister eine Buchrolle aus Jerusalem mitgebracht hat: das Buch Jesaja aus der hebräischen Bibel, dem ersten Teil unserer Bibel. Ein Minister, der in der Bibel liest, so wird uns dieser Afrikaner vor Augen geführt.

Es kann natürlich sein, dass er sich einfach ein Andenken aus Jerusalem hat mit nach Hause nehmen wollen. Aber damals waren Buchrollen aus der Bibel sehr teuer; sie mussten ja mit der Hand abgeschrieben werden, und billiges Papier wie heute gab es auch noch nicht. Er muss sich also schon sehr stark für den Glauben der Juden interessiert haben, dass er sie gekauft hat.

Vielleicht war er auch aus Interesse für den Gott der Juden nach Jerusalem gefahren, hatte sich dort im Tempel umgesehen. Vielleicht wollte er dort Gott finden. Denn schon im Altertum war das Judentum eine Besonderheit unter den Völkern: oft angefeindet, nicht völlig unterzukriegen trotz Fremdherrschaft und Zerstreuung; sie hielten fest an einem Gott, von dem es kein einziges Götterbild gab; sie hielten fest an einem Gott, der ihnen größtes Unheil nicht ersparen konnte, ja, von dem es sogar hieß, dass er sein eigenes Volk schwer gestraft hätte, indem er es in die Hände fremder Völker fallen ließ. Wir haben einen solchen Text vorhin in der Lesung gehört. Dieser Gott fasziniert den Afrikaner, aber er versteht ihn nicht.

Im Tempel zu Jerusalem hat er vielleicht von den Priestern gehört, die Opfertiere für Gott geschlachtet haben. Er selber durfte nur in den Vorhof der Heiden – er war ja Ausländer. Er wird wohl auch den ganzen Trubel mitbekommen haben, in dem es mehr ums Kaufen und Verkaufen als um Gottes Wort ging. Nicht zu finden war für ihn dort einer, der ihm erklärt hätte, was es mit dem Gott Israels auf sich hätte.

Und in der Bibel hat der Afrikaner vielleicht allerhand über die große Bedeutung gelesen, die im Volk Israel auf die Nachkommenschaft gelegt wurde, auf die eigenen Kinder und Kindeskinder, denen man den Segen von Generation zu Generation weitergab. Aber was war dann mit ihm? Er konnte keine Kinder bekommen. War er deswegen auch vom Segen Gottes ausgeschlossen?

Und dann findet er in dem Buch Jesaja eine Stelle, an der er hängenbleibt. Da ist von einem Lamm die Rede, das zur Schlachtbank geführt wird. Oder von einem Schaf, das geschoren wird, und das alles schweigend erduldet, ohne zu klagen. Solche Gefühle kennt der Afrikaner wahrscheinlich: viel erdulden zu müssen, alles abverlangt zu bekommen, ohne Aussicht auf ein Entrinnen aus den alltäglichen Zwängen. Lamm und Schaf sind an dieser Stelle im Buch Jesaja als Bildworte gebraucht für einen Mann, von dem es heißt (Apostelgeschichte 8, 33 – GNB):

„Er wurde verurteilt und hingerichtet; aber mitten in der äußersten Erniedrigung verschaffte Gott ihm sein Recht. Er wurde von der Erde hinweggenommen, und seine Nachkommen kann niemand zählen.“

Mit dieser Stelle kommt der Afrikaner nicht weiter. Ein Mann, der getötet wurde, aber doch von Gott bewahrt blieb? Ein Mann, der so sehr erniedrigt wurde, aber doch von Gott Recht bekam? Der wäre ja auch eine Hoffnung für ihn, der so oft lächerlich gemacht würde, und sich selber oft lächerlich vorkam, wie er im Auftrag seiner Königin den Bürgern seines Landes immer mehr Steuern abverlangen musste. Wenn man so an Gott glauben könnte, dann bräuchte man nicht mehr so viel Angst um sein bisschen Leben zu haben, dann bräuchte man nicht mehr alles mitzumachen, was einem oft gegen jede Vernunft und Menschlichkeit befohlen wurde.

Aber wer war dieser Mann? Sprach der Prophet von sich selber? Aber Jesaja war schon lange tot. Wer kann dem Afrikaner weiterhelfen?

Da steht plötzlich ein Mann an der Straße. An der einsamen Straße von Jerusalem nach Gaza. Es muss wohl ein guter Engel gewesen sein, der ihn dorthin geführt hat. Er hat eine helle Hautfarbe und ist ein Grieche, mit Namen Philippus. Wie der Wagen vorbeifährt, hört der den Afrikaner laut vorlesen, um den Sinn der Bibel besser zu verstehen.

Da rennt Philippus hinter dem Wagen her und ruft: „He, halt, verstehst du denn überhaupt, was du da liest?“ Der Mann aus Äthiopien lässt sofort anhalten und ruft zurück: „Wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!“ Und als Philippus näherkommt, sagt der andere zu ihm: „Komm rauf auf den Wagen, bitte, erklär mir alles, was du über die Bibel weißt! Oder kennst du dich damit auch nicht aus?“ Philippus steigt auf: „Ja, gern. Was ich weiß; will ich dir gern weitersagen.“

Und dann beginnen sie eine lange und sehr schöne Unterhaltung. Sie verstehen sich gleich von Anfang an. Der eine aus dem Süden, ein Hofbeamter und Eunuch, der andere aus dem Norden, aus Griechenland, der als Wanderprediger über die Städte und Dörfer zieht. Verschiedener geht‘s schon gar nicht mehr: der eine weiß, der andere schwarz, der eine eine hochgestellte Persönlichkeit, der andere ein offensichtlich armer Mann in abgerissener Kleidung. Aber sie sprechen miteinander, als würden sie sich schon ewig kennen.

Vor allem will der Afrikaner wissen, wie das mit dem Mann ist, der mit Lamm und Schaf verglichen wird. Ist damit Jesaja selbst gemeint, oder wer sonst? Und Philippus erklärt ihn, dass er vor acht Jahren einen Mann kennengelernt hat, der genau so war: wie ein Lamm, das alles erduldet und niemandem etwas zuleide tut, wie ein Schaf, das sich abschlachten lässt und selber niemanden tötet. Er erzählt ihm alles, was er von Jesus weiß, den er damals als Gottes Sohn erkannt hat und dem er nachgefolgt ist, alles, auch das bittere Ende am Kreuz, und die große Enttäuschung, die er dann gefühlt hat.

„Aber dann“, unterbricht ihn der Afrikaner, „dann kann das ja gar nicht stimmen, was der Prophet Jesaja schreibt: dann hat Jesus ja gar keine Kinder gehabt, und unzählige Nachkommen kann er auch nicht bekommen!“ Philippus erwidert: „Ich war mit meinem Bericht ja noch nicht zu Ende. Sicher hat Jesus keine eigenen Kinder gehabt. Er war auch gar nicht verheiratet. Aber er hat einmal gesagt, dass alle, die Gottes Willen tun, seine Verwandten seien. So hat Jesus viele Nachkommen in aller Welt, alle, die ihm nachfolgen, und es werden immer mehr!“

„Aber wie ist das möglich“, fragt der Afrikaner, „Jesus ist doch tot, und ihr wart doch alle enttäuscht, wie man ihn so schändlich umgebracht hat.“ „Ja, das stimmt“, antwortet Philippus, „aber dann ist etwas geschehen, was wir uns nie werden erklären können. Wir haben erfahren, dass Jesus auferstanden ist, auferweckt von seinem Vater im Himmel. Er lebt, wenn wir ihn auch nicht mehr sehen können; er lebt dort, wo auch Gott ist, der unsichtbar ist. Er ist immer bei uns, bei jedem Menschen in der ganzen Welt.“ „Dann ist er“, zögert der Minister, „- auch bei mir?“ „Ja, auch bei dir!“

Eine Pause entsteht. „Sag“, fährt der Afrikaner dann fort. „Was muss ich denn tun, um Jesus zu gefallen, damit er auch immer bei mir bleibt?“ Philippus sagt: „Dazu musst du gar nichts tun. Jesus hat dich lieb, gleich wer du bist, oder wie du bist. Das kannst du dir gar nicht verdienen. Wenn du das erst einmal merkst, wirst du von selber wissen, was du zu tun hast.“

Das war ein ganz neues Gefühl für den Afrikaner. Da verachtet ihn einer nicht! Da sagt jemand: Du bist mir recht! Da verurteilt ihn einer nicht für das Unrecht, das er anderen angetan hat! Da nimmt ihm einer die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Sterben!

Er wendet sich noch einmal an Philippus: „Sag mal, hast du nicht auch von so einer Taufe erzählt, wenn man zu Jesus gehören will? Kannst du mich jetzt gleich taufen? Ich muss ein Zeichen haben, dass ich zu Jesus gehöre!“ Philippus stimmt zu: „Ich taufe dich sofort!“ Sie kommen bald an ein Wasserloch, steigen aus, ziehen sich aus, steigen ins Wasser, und Philippus taucht den Afrikaner unter, ganz unter Wasser. Dann taucht er ihn wieder auf – und der Mann ruft aus: „Wie neugeboren fühle ich mich – nicht nur wegen dem Wasser, sondern weil ich weiß: Gott hat mich lieb!“

So ging es damals dem Afrikaner, dem der Apostel Philippus über den Weg geführt wurde. Der Mann ist dann nach Äthiopien zurückgekehrt, ein Land, in dem es eine christliche Kirche mit sehr, sehr langer Tradition gibt, die koptische Kirche, die auf diesen Afrikaner zurückgeführt wird.

Uns kann diese Geschichte zweierlei in Erinnerung rufen: Erstens: wie sehr wir alle auf den Glauben an Jesus angewiesen sind, egal welche Fehler und Macken wir haben, was wir getan haben oder wie wir denken. Und zweitens: dass wir zusammengehören mit Menschen, die anders sind. Philippus war ein Grieche und der andere ein Afrikaner – und trotzdem verstanden sie sich und fanden sie sich – durch das heilige Buch der Juden und schließlich im Glauben an Jesus.

Wir gehören auch heute noch zusammen mit den Juden, wir haben noch viel zu lernen von ihnen, wir haben auch zu lernen, dass Gott uns nicht auf ihre Kosten erwählt hat. Wir gehören auch heute zusammen mit den Menschen anderer Hautfarbe, auch wenn es eine lange Geschichte der Rassentrennung und der Unterdrückung der schwarzen Afrikaner gegeben hat und noch gibt.

Gerade heute denken Millionen Christen in Südafrika und in aller Welt im Gebet an die schwarzen Afrikaner im Staat Südafrika, die aus ihren bisherigen Wohngebieten von der weißen Regierung vertrieben und in andere Gebiete umgesiedelt werden. Katholische und evangelische Kirchenleitungen in Südafrika haben zum Gebet aufgerufen, damit es zur Beendigung des Unrechts kommt und damit es nicht zum großen Blutvergießen kommt zwischen Schwarz und Weiß.

Lasst uns nachher auch in diesem Sinne Fürbitte tun und uns bewusst werden, was es heißt, dass wir als Christen viele Nächste haben – viele, die so sind wie wir, aber auch viele, die anders sind und die uns trotzdem brauchen: Ausländer, Juden, Afrikaner. Sage keiner, er könne nichts tun. Beten können wir allemal. Uns Gott unterstellen können wir. Und dann wird uns, wie es Philippus dem Afrikaner gesagt hat, schon einfallen, was wir zu tun haben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesüs Christus. Amen.
Lied EKG 119 (EG 146), 4-5:

4. Gedenk an deines Sohnes Tod, sieh an sein heilig Wunden rot. Die sind ja für die ganze Welt die Zahlung und das Lösegeld. Des trösten wir uns allezeit und hoffen auf Barmherzigkeit.

5. Leit uns mit deiner rechten Hand und segne unser Stadt und Land; gib uns allzeit dein heilig Wort, behüt vors Teufels List und Mord; ein selig End wollst uns verleihn, auf dass wir ewig bei dir sein.

Vater der Liebe, erbarme dich über alle, denen die volle Menschenwürde genommen wurde und denen sie weiter verweigert wird. Du hast uns gelehrt, füreinander da zu sein, so wie du für uns da bist. Wir bitten dich, erhöre uns, und sei uns nahe, wenn wir für alle deine Menschen in der Welt beten, beute besonders in Israel und in Südafrika.

Hilf den Verantwortlichen in dem Land Israel, dass sie zu einem gerechten Miteinander zwischen Arabern und Israelis finden. Mache die Verantwortlichen in Südafrika frei von ihrer selbstherrlichen Verblendung, als hätten die Weißen dort allein das Recht, über das Schicksal auch der Schwarzen dort zu bestimmen.

Herr, dein geliebter Sohn, unser Retter Jesus Christus, hatte keine irdische Heimstatt und wurde in einem Stall geboren um unserer Erlösung willen. Wir beten für alle, die aus ihren Häusern und Heimen vertrieben worden sind – so klein und bescheiden diese manchmal auch waren – und die nun in weit entfernte Wohngebiete transportiert worden sind. Wir beten besonders für die Kinder, die durch die Zwangsumsiedlungen heimatlos geworden sind. Erfülle uns mit deiner leidenschaftlichen Liebe, Herr, damit wir lernen, unser Brot zu teilen, und nicht die Kinder vergessen, die in bitterer Winterkälte schlafen müssen in einer Wellblechhütte oder auf dem freien Feld.

Herr des Lebens und der Freiheit. Gib allen Menschen unseres Landes erfülltes Leben und Freiheit. Rühre die Herzen und wecke die Gewissen derer, die dieses Land regieren – damit sie sich mehr als für wirtschaftliche Interessen dafür einsetzen, dass auch in Südafrika die Menschenrechte geachtet werden und die Güter dieses Landes mit allen bereitwillig geteilt werden.

Herr, mir sind nicht alle der gleichen Auffassung, wenn es um diese Fragen geht. Gib uns den Geist der Wahrheit, der nicht selbstgerecht und lieblos mit den Andersdenkenden umgeht. Nimm aber von uns auch die Angst, die uns den Mund verschließt, wo wir deutlich zu reden haben. Amen.

Vater unser
Lied EKG 139 (EG 421):

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Abkündigungen und Segen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.