Zwänge der Arbeitswelt

Leserbrief zu einem Artikel in der evangelischen Kirchenzeitung „Unsere Kirche“.

Vier Arbeiter mit Schaufel, Besen, Laubbläser usw. stehen vor Zahnrädern

Die Zahnräder der Arbeitswelt (Bildcollage: pixabay.com)

Ein Artikel über die Arbeitswelt, in dem Arbeitskämpfe pauschal verfemt werden, ist ein ziemlich starkes Stück zum 1. Mai. Wie soll man es sonst verstehen, wenn es dort heißt: „Wir leben in einer Industriewelt…, in der die Räder… nicht stillstehen dürfen, wenn es nicht zu ernsthaften, weitwirkenden Rückschlägen kommen soll“?

Dass gleich im Anschluss an diese Behauptung der 1. Mai als Feiertag dargestellt wird, der „Zusammenhänge deutlich macht“, ist entweder ein Widerspruch oder eine Frechheit, denn es wird gar nicht davon ausgegangen, dass irgendjemand überhaupt dieses „gewaltige Getriebe des Ganzen“ durchschauen könnte, nein: es wird schlicht zur Unterwerfung unter die Zwänge dieses Getriebes aufgerufen, fein umschrieben durch den Satz, der „einzelne“ möge „seinen verantwortlichen Platz in diesem ungeheuren Ganzen… erkennen und… bejahen“.

Sicher sind für Arbeiter die Zwänge der Arbeitswelt wirklich schwer zu durchschauen (wer hat ihnen darüber in der Schule etwas erklärt?). Sicher liegt es aber auch im Interesse der Arbeitgeber, wenn Arbeiter nicht so genau zu unterscheiden vermögen zwischen solchen Zwängen, die in der Natur einer Sache begründet sind, und solchen, die in einer Art von Herrschaft ihren Grund haben, die Menschen über Menschen ausüben. Die dauernde Klage über die fehlende Solidarität unter Arbeitern, dass selbst Arbeiter, die miteinander am selben Arbeitsplatz arbeiten, sehr oft nicht füreinander eintreten, ist zum Beispiel nicht nur auf den naturgemäßen menschlichen Egoismus zurückzuführen; denn der Egoismus wird vielfach durch abgestufte übertarifliche Zuwendungen angestachelt; die Angst vor Arbeitsplatz- oder Lohngruppenverlust hält viele davon ab, sich für Kollegen einzusetzen, den „Mund aufzumachen“.

Der Artikelschreiber ist in der Gefahr, den christlichen Glauben als Opium zu verkaufen. Die Bejahung des Lebens im Glauben darf aber doch gerade nicht die Bejahung, sondern die schärfste Verneinung der Sünde bedeuten, äußere sich diese nun im Leben des einzelnen oder in den gesellschaftlichen Strukturen und Lebensbedingungen, auch am Arbeitsplatz und im Betrieb. Der Sinn schwerer oder monotoner Arbeit wird in dem Artikel ausschließlich nach außen verlegt; in der Arbeit selbst braucht nicht der geringste Sinn zu liegen. In Zeiten, wo es nicht anders geht, ist es sicher hilfreich, einen Halt zu wissen, der nicht von der augenblicklichen Lage abhängig ist, aber kann es denn das Ziel bleiben, sich für ein ganzes Leben in die Sinnlosigkeit der doch mindestens die Hälfte des Wachlebens ausmachenden Arbeitszeit zu ergeben? Schlimmer noch: kann sich ein Kirchenmensch, der außerhalb der Arbeitswelt steht, die Ermahnung zu dieser Ergebung leisten? Glaube treibt doch zum Handeln, zum Verändern. Man setzt sich ein für Kollegen, steht zusammen für gemeinsame Forderungen, sucht alle Möglichkeiten auszuschöpfen und neue Möglichkeiten zu schaffen, nicht immer nur von Befehlen von oben abhängig zu sein, sondern mitzubestimmen und selbst zu entscheiden, man ist nicht mehr „einzeln“. Das sind doch Dinge, von denen der Sinn der Arbeit auch abhängt. Nicht im Thomasevangelium, sondern im Neutestamentlichen Kanon (Matthäus 18, 20) steht das Jesuswort, das auf die Uberwindung der Vereinzelung zielt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“.

Helmut Schütz, Mainz

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