Psalm 1 in „gerechter Sprache“

Zu guter Letzt

… der 1. Psalm als ein Beispiel aus der Werkstatt der „Bibelübersetzung in gerechter Sprache“:

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1 Glücklich sind die Frau, der Mann,
die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen,
nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen
noch zwischen Gewissenlosen sitzen.

2 Sondern ihre Lust haben an der Weisung JHWHs,
über diese Weisung murmeln Tag und Nacht.

3 Wie Bäume werden sie sein
gepflanzt an Wasserläufe,
die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit,
und ihr Laub welkt nicht.
Was immer sie anfangen, es führt zum Ziel.

4 Nicht so die Machtgierigen:
Wie Spreu sind sie,
die ein Wind verweht.

5 Darum bestehen Machtgierige nicht im Gericht,
Gottlose nicht in der Gemeinde der Gerechten.

6 Ja, auf den Weg der Gerechten gibt JHWH Acht,
der Weg der Machtgierigen aber verliert sich.

„Wohl dem, der“ liest „man“ in der Lutherbibel, „wohl dem Mann, der“ in der katholischen Einheitsübersetzung. Darf „frau“ diesen Psalm nicht auf sich bezíehen? Das hebräische isch kann Mann oder Ehemann bedeuten, aber auch Mensch, Person oder einfach jemand, einer oder eine: Glücklich sind „die Frau, der Mann“, die sich mit gutem Recht von der Weisung Gottes angesprochen fühlen.

Wenn der Psalm gleich nach der Anrede eine scharfe Abgrenzung vornimmt: „Glücklich…, die nicht“ – wer ist dann gemeint mit den „Frevlern“, „Sündern“, „Spöttern“ in den uns vertrauten Verdeutschungen? Ist ein Spötter einer, der mal einen Witz über den Papst macht oder über eine Wundergeschichte der Bibel, die er nicht versteht? Dem Anliegen des Urtextes gerechter wird der Versuch, deutlich zu machen, dass bestimmte Lebenshaltungen mit dem Weg unvereinbar sind, den Gott uns Menschen zeigt. Klar profiliert sich Gott, jedoch für menschlichen Zugriff und Missbrauch unverfügbar, mit dem Namen JHWH.

Menschen ohne Gewissen und ohne Gott gieren nach Macht, die aber im Wind verwehen muss. Sie bereichern sich auf Kosten anderer und schrecken vor Korruption und Gewalt nicht zurück, damals wie heute.

Glücklich dagegen sind Sie, wenn Sie über Gottes Weisung murmeln (wörtlich übersetzt!), in meditativem Dialog, um herauszufinden, was in einer bestimmten Situation recht oder gerecht ist. Dieses Glück wünsche ich Ihnen.

Ihr Pfarrer Helmut Schütz

„Zu guter Letzt“ Juni – August 2004 im Gemeindebrief der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

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