Starker Felsenmann mit fühlendem Herzen

Petrus macht eine Ostererfahrung und wird zum Hirten der Gemeinde.

Petrus fühlt, was Liebe ist, wie weh er Jesus getan hat. Er hatte nicht gewusst, dass Angst auch in ihm wohnte. Jetzt weiß Petrus: auch im Felsenmann steckt ein Herz, das traurig und ängstlich sein kann, das stärker ist, wenn es Trauer zulässt, das mutiger ist, wenn es Angst überwindet.

Kirchenfenster mit Jesu Beauftragung des Petrus: "Weide meine Schafe!"

Petrus wird von Jesus mit der Leitung seiner Gemeinde beauftragt (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst mit Kirchenchor am Sonntag Misericordias Domini, den 29. April 2001, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am Sonntag Misericordias Domini, das heißt: „der Barmherzigkeit des Herrn“, begrüße ich alle herzlich mit dem Spruch zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 10, 11a.27-28a. Christus spricht:

Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

An der Liedanzeige sehen wir heute nur wenige Nummern, denn drei von fünf Liedern singt heute im Gottesdienst unser Kirchenchor unter der Leitung von Frau Eva Michel. Leider können nicht alle Chormitglieder anwesend sein, doch bei der Generalprobe hat alles geklappt, und wir hoffen auch heute auf gutes Gelingen beim Singen!

Als Einstimmung in das Thema des Gottesdienstes beginnt der Kirchenchor mit dem Lied „Der Herr ist mein getreuer Hirt“:

1) Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.

2) Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass um seines Namens willen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten gemeinsam den Psalm 23 vom guten Hirten. Der Text steht im Gesangbuch unter Nr. 711. Die Männer lesen bitte mit mir die linksbündigen Verse und die Frauen die eingerückten Verse:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, ich klage dir meine Verzagtheit: wenn ich mehr auf meinen Mangel sehe als auf die Liebe, den Trost und die Ermutigung, die ich von dir bekomme.

Gott, ich klage dir meine Unbarmherzigkeit: wenn ich mehr auf die Fehler anderer Menschen achte als auf deine Liebe, die jedem Menschen eine neue Chance gibt.

Gott, ich klage dir meine Blindheit für eigene Fehler: wenn ich mich auf jeden Fall rechtfertigen will. Deine Vergebung hilft mir, mein Versagen hinter mir zu lassen.

Wir bitten dich um Vergebung und rufen zu dir: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

In Gottes guter Hut bleiben wir bewahrt und behütet in allen Stürmen des Lebens. Im Vertrauen auf den guten Hirten wird es uns niemals an Liebe mangeln. Wenn der Herr der Barmherzigkeit uns auf der rechten Straße führt, dann werden uns seine Gebote zum Weg der Freiheit und des Lebens.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Guter Hirte, führe uns heute auf die grüne Uferwiese, wo dein heilsames Wort wächst, das gut schmeckt und satt macht. Lösche unseren Durst nach Liebe mit reinem Wasser, mit deiner Liebe, mit Heiligem Geist, so dass wir frisch und frohen Mutes unseren Weg gehen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, des Guten Hirten. „Amen.“

Wer auf Gott vertraut, erfährt es täglich: Er lässt es uns an nichts mangeln, schenkt Wärme und Liebe, bewahrt uns und richtet uns auf. Davon singt der Kirchenchor einen Kanon:

Gott, der Herr, ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre. Er lässt kein Gutes mangeln den Frommen. Amen, Amen, Amen.

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Johannes 10, 11-16.27-30. Jesus Christus spricht:

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,

13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,

15 wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;

28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.

30 Ich und der Vater sind eins – so spricht Jesus Christus.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Nachdem der Kirchenchor heute schon zwei Lieder gesungen hat, singen wir nun zur Predigt alle gemeinsam aus dem Lied 370 die erste und die drei letzten Strophen:

1) Warum sollt ich mich denn grämen? Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben?

10) Was sind dieses Lebens Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter. Dort, dort sind die edlen Gaben, da mein Hirt Christus wird mich ohn Ende laben.

11) Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden, du bist mein, ich bin dein, niemand kann uns scheiden. Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut mir zugut in den Tod gegeben;

12) du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich und ich dich leiblich werd umfangen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Als ich für den Seniorentreff vorgestern auch als Thema angekündigt hatte: „Der Gute Hirte!“ – da dachte ich, ich würde leicht eine Erzählung finden, die dazu passt. Ich hatte aber große Mühe, etwas Passendes zu finden. Das Bild vom Hirten und den Schafen scheint in Geschichten aus unserer Zeit kaum noch vorzukommen. Die meisten Zeitgenossen stellen sich unter Schafen auch ziemlich dumme Tiere vor – und wer möchte schon mit einer Herde von Schafsköpfen verglichen werden?

Früher wusste man mit dem Bild vom Guten Hirten besser umzugehen. Man wusste, dass ein guter Schäfer seine Tiere beim Namen kennt und dass sie auch wissen, zu welchem Hirten sie gehören. Vor allem wusste man, dass die Geschichte vom Guten Hirten gar keine Aussage über die Intelligenz der Schafe machen will, sondern über die Fürsorge und den Einsatz des Hirten für seine Tiere.

Wir haben vorhin im Psalm 23 mit dem Volk Israel Gott als den Guten Hirten gelobt, der den Menschen alles Notwendige schenkt, was sie brauchen. Die Beliebtheit dieses Liedes ist bis heute ungebrochen. Wir haben auch die Worte des Johannes über Jesus, den Guten Hirten gehört. In ihm verkörpert sich für uns Christen alles, was den Guten Hirten ausmacht: er bewahrt und führt auf rechtem Weg, er macht unsere Seele satt und stillt unseren Durst nach Liebe und Trost.

So jedenfalls erlebten ihn die Menschen damals in Israel – die zu ihm kamen und ihm zuhörten, die von ihm geheilt wurden, die erst mit ihm zu streiten anfingen und dann zur Umkehr geführt wurden.

Aber dann endete der Weg Jesu plötzlich mit dem Tod am Kreuz. Aus dem Guten Hirten der Menschen wurde das von Menschen abgeschlachtete Lamm. Jesu Freunde liefen auseinander wie Schafe, die keinen Hirten mehr haben. Einer von ihnen, Simon Petrus, hatte ihn am Lagerfeuer der Soldaten sogar rundweg verleugnet: „Ich kenne den Menschen nicht!“ Wie konnte Jesus jetzt noch sein Guter Hirte sein? Wie konnte er mit seiner Schuld weiterleben? Und wie konnte die in alle Winde zerstreute Schar der Jünger eigentlich wieder zusammenfinden? Ihr Hirte Jesus war tot, und der Gute Hirte im Himmel hatte es nicht verhindert.

Mit diesen Fragen gehe ich an eine Geschichte heran, die Johannes im letzten Kapitel seines Evangeliums erzählt. Schauplatz ist der See Tiberias, Petrus und einige andere Jünger sind dorthin zurückgekehrt, wo sie einmal als Fischer gearbeitet hatten. Nach einer Nacht, in der sie keinen einzigen Fisch gefangen haben, sehen sie vom See aus im Morgengrauen am Ufer einen Mann, der sie auffordert, erneut ihre Netze auszuwerfen. Ihre Netze reißen fast, sie fangen 153 Fische. Am Ufer angekommen, sitzt derselbe Mann am anheimelnden Kohlenfeuer und hat schon ein paar Fische für sie gebraten. Das ist ihre Ostererfahrung – in dem, der ihnen Mut macht, erkennen sie den, der ihnen immer Mut gemacht hat. In der Gestalt am Kohlenfeuer erkennen sie den, der mit ihnen früher Brot und Fische geteilt hat und am letzten Abend Brot und Wein. So erleben sie: Jesus lebt bei ihnen.

An dieser Stelle setzt der heutige Text zur Predigt ein – Johannes 21, 15-19:

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.

19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Gemeinde, hier macht Petrus seine eigene Ostererfahrung. Er sieht mit den Augen des Glaubens noch einmal seinen Herrn, den er verleugnet hat. Und seine Stimme darf er auch noch einmal hören. In der Nacht nach dem letzten gemeinsamen Abendbrot hat sie ihm sein Versagen vorausgesagt. Was hat die Stimme seines Herrn ihm jetzt zu sagen, nach dem gemeinsamen Frühstück im Morgengrauen?

Zuerst stellt er ihm dreimal die gleiche Frage, fast im gleichen Wortlaut: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Aber beim erstenmal fragt er ein bisschen anders: „Hast du mich lieber als die anderen?“

Es ist, als ob Petrus sich in seinem Innern immer wieder diese Frage stellt: Wie kann ich Jesus verleugnet haben, wie war das nur möglich? Ich war doch am eifrigsten dabei, ich hätte doch alles für ihn getan, hatte ich ihn nicht wirklich am liebsten von allen? Doch auf die Frage: „Hast du mich lieber als die anderen?“ – kann Petrus nur ehrlich antworten: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Nicht lieber als andere, einfach lieb. Liebe ist kein Thema für einen Wettbewerb, nichts für das Guinness-Buch der Rekorde. Und da hört er, wie Jesus ihm, dem Versager, einen Auftrag gibt: „Hüte meine Lämmer!“ Ich vergebe dir, ich gebe dir Verantwortung.

Aber damit ist die Geschichte nicht vorbei. Es ist, als ob die Frage in Petrus weiter rumort: Kann das denn wahr sein? Habe ich mich vielleicht verhört? Ist das wirklich die Stimme Jesu, die ich zu hören glaube – oder will ich mir das nur einreden?

Wieder muss sich Petrus die Fragen stellen lassen, diesmal ganz schlicht: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Seine Antwort ist die gleiche wie beim ersten Mal: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Und Jesus wiederholt seinen Auftrag mit etwas anderen Worten: „Weide meine Schafe!“ Schafe weiden, Lämmer hüten, der Auftrag an Petrus ergeht in unterschiedlichen Worten. Die Verantwortung für Menschen, die ihm anvertraut wird, kann ganz verschiedene Formen annehmen.

Aber noch immer ist der innere Kampf des Petrus noch nicht an sein Ende gelangt.

Die Frage bohrt weiter. Petrus ist immer noch nicht wieder der alte Fels, der er war. So hatte ihn Jesus ja genannt, vielleicht ein bisschen liebevoll ironisch – Petrus, der Fels. Aber jetzt wird er von seinem Herrn nicht Petrus genannt, sondern bei seinem Geburtsnamen gerufen, zum dritten Mal: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“

Da geschieht mit Petrus etwas, was er nicht kennt. Er wird traurig, ja, das griechische Wort, das da steht, kann sogar bedeuten: Er weint. Der harte Fels wird weich. Der nach außen starke Petrus entdeckt seine schwache Innenseite. Dreimal muss er gefragt werden: Hast du mich lieb? Erst beim dritten Mal langt die Frage in seinem Gefühl an, wo sie hingehört – und bleibt nicht in seinem Denken stecken: Na klar habe ich dich lieb, das weißt du doch. Hier weiß Petrus nicht nur in seinem Kopf, hier fühlt er es in seinem Herzen, was Liebe ist, wie viel ihm Jesus bedeutet hat, wie weh er ihm getan hat und wie verzweifelt er ist über das, was er getan hat. Er wollte es doch nicht, er hatte doch gar nicht gewusst, dass Angst auch in ihm wohnte. Jetzt weiß es Petrus endlich: auch in ihm steckt ein Herz, auch im Felsenmann steckt eine Seele, die traurig und ängstlich sein kann, die stärker ist, wenn sie Trauer zulässt, die mutiger ist, wenn sie Angst überwindet.

So gerüstet, als starker Fels mit einem fühlenden Herzen, kann Petrus nun getrost den Auftrag Jesu annehmen: „Hüte meine Schafe!“ Er soll ein guter Hirte für ihm anvertraute Menschen sein: Seelsorger der anderen Jünger und ihr Anführer. Ausgerechnet er, der Versager. Zu gängigen Vorstellungen von Zuverlässigkeit und Führungsstärke passt das nicht. Aber in Jesu Augen ist Petrus die richtige Wahl.

Er kann ein Seelsorger, ein Gemeindeleiter, ein Hirte sein, weil er sich gewandelt hat. Er hat sein eigenes Herz kennengelernt, sein eigenes Versagen, seine eigene Schwachheit, seine eigenen Tränen. Ein guter Seelsorger weiß, dass er auch selber auf Seelsorge angewiesen ist, und Seelsorge hat Petrus hier von seinem auferstandenen Herrn erfahren.

So ist er gerüstet, um von seinem Herrn noch mehr zu hören – ein schweres Wort: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.“ Petrus hat zu den Menschen gehört, die niemals die Kontrolle aus der Hand geben möchten. Ich lass mir nichts schenken, ich reiße mich immer zusammen, ich will niemandem zur Last fallen. Er will sich den Gürtel selber umschnallen und selber entscheiden, wohin er geht. Jetzt muss er zum ersten Mal erfahren: das Leben geht auch weiter, wenn er die Kontrolle aus der Hand gibt, wenn er sich gehen lässt, wenn er Tränen vergießt, wenn die Entscheidung über Verurteilung oder Vergebung bei einem anderen liegt. Im Alter wartet eine noch härtere Prüfung auf Petrus – er wird seine Hände ausstrecken müssen, man wird ihn in Fesseln abführen, dorthin, wohin er nicht will, nämlich wie Jesus zur Hinrichtung. Aber das ist ein Tod, mit dem „er Gott preisen wird“, schreibt Johannes. Er wird sein Leben verlieren, wird alles loslassen müssen. Doch er wird seine Angst vor dem Tod überwinden, wird es nicht mehr nötig haben, sie zu verdrängen und seinen Herrn noch einmal zu verleugnen. Wenn es drauf ankommt, wird ihm der notwendige Mut geschenkt werden.

Jesus, der auferstandene gute Hirte, behandelt den Petrus nicht wie ein dummes Schaf, sondern er ruft ihn hinein in die Verantwortung. Dabei muss er sich Rechenschaft ablegen über sein eigenes Fühlen. Denn Menschen führen kann er nur, wenn er weiß, was Menschen fühlen. Und er muss sich bewusst machen, dass zum Menschenleben nicht nur das selbständige Führen des eigenen Lebens gehört – es kommen ebenso auch Zeiten, in denen andere uns führen, wohin wir nicht wollen. Beides ist im letzten Wort enthalten, das Jesus zu Petrus spricht: „Folge mir nach!“

Das gilt auch für uns. Wir können getrost und zuversichtlich Jesus nachfolgen – Verantwortung übernehmen, unser Leben meistern, für die Menschen da sein, die uns anvertraut sind. Und wir können auch darin Jesus nachfolgen, dass wir loslassen, wenn es nicht anders geht, dass wir Hilfe annehmen von Menschen, die es gut mit uns meinen, und dass wir im äußersten Fall sogar dorthin geführt werden, wohin wir nicht wollen. Auch dort wird Jesus bei uns sein, er ist uns vorausgegangen und ruft uns: „Folge mir nach!“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Nun singt der Kirchenchor das Morgenlied 452: „Er weckt mich alle Morgen“. Das Lied passt an diese Stelle, auch wenn es bald Mittag ist, denn es handelt davon, wie Gott uns aufweckt und in die Verantwortung ruft, so wie Jesus es mit dem Petrus gemacht hat:

Er weckt mich alle Morgen
Abkündigungen

Unser guter Hirte, wir danken dir, dass du uns begleitest und in deine Nachfolge rufst. Wir bitten dich, dass du uns zeigst, wo wir fest zupacken können und müssen, und auch, wo wir Hilfe annehmen und loslassen müssen. Insbesondere beten wir heute für Frau …, die im Alter von … Jahren gestorben ist. Sie musste ihr Leben loslassen und ruht nun geborgen in deinen Händen. Steh den Angehörigen bei in ihrer Trauer und lass ihren weiteren Lebensweg gesegnet sein.

Für sie und uns alle beten wir mit einer Nachdichtung des Psalms vom Guten Hirten, die von Toki Miyaschina stammt:

Mir wird nichts mangeln. Der Herr gibt mir für meine Arbeit das Tempo an, ich brauche nicht zu hetzen

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir heute ganz persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 269: Christus ist König, jubelt laut!

Und nun geht mit Gottes Segen. Vielleicht bleiben Sie auch noch ein wenig zusammen im Gemeindesaal bei Kaffee oder Tee.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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