Fremder Blick auf Jesu Tisch

In einem Kurzreferat wirft Helmut Schütz einen Blick auf die Feier der Eucharistie bzw. Kommunion in der katholischen Kirche, um genauer wahrzunehmen, was ihm als evangelischem Pfarrer daran fremd ist. Wahrnehmen im doppelten Sinn: aufmerksam werden auf bisher Übersehenes – und auf Wahrheitsanteile, die evangelischen Christen möglicherweise verlorengegangen sind.

Kurzreferat im Rahmen der 2. Ökumenischen Themenwoche der katholischen Gemeinde St. Albertus und der evangelischen Paulusgemeinde Gießen im Pfarrsaal von St. Albertus

Kaplan Holger Allmenröder ergänzte anschließend das Referat durch seinen „fremden Blick“ auf das evangelische Abendmahl. Danach gab es eine eingehende Diskussion unter den ca. 30 Teilnehmenden, unter ihnen auch Mitglieder auswärtiger Gemeinden, zum Beispiel aus einer charismatischen Gemeinde.

Evangelisch-katholische Gemeinsamkeiten im Herrenmahl

Ich beginne mit Gemeinsamkeiten in Eucharistie und Abendmahl.

Im Herrenmahl, wie wir es gemeinsam nennen können,

  • sind Brot und Wein Zeichen für Leib und Blut Christi, für sein Opfer am Kreuz und für seine lebendige Gegenwart im Hl. Geist,
  • schenkt uns Christus Vergebung und Gemeinschaft in ihm und so auch Gemeinschaft der Menschen untereinander,
  • erleben wir einen Vorgeschmack der zukünftigen Welt Gottes und werden als Zeugen der Versöhnung in die Welt gesandt.

Doch nun blicke ich als evangelischer Pfarrer auf den Tisch des Herrn in der katholischen Nachbarkirche, um genauer wahrzunehmen, was mir fremd ist. Wahrnehmen im doppelten Sinn: aufmerksam werden auf bisher Übersehenes – und auf Wahrheitsanteile, die uns Evangelischen möglicherweise verlorengegangen sind.

Eucharistie und Kommunion in der katholischen Kirche

Ein katholischer Priester zelebriert die Heilige Messe (Foto: pixabay.com)

Ein katholischer Priester zelebriert die Heilige Messe (Foto: pixabay.com)

Ich weiß, dass in der katholischen Kirche die Eucharistie die Mitte bildet. Und ich dachte immer: Eucharistie und Kommunion sind nur zwei verschiedene Namen für das, was wir Protestanten das Abendmahl nennen. Doch bei näherem Hinsehen entdecke ich in der katholischen Messfeier ein unterschiedenes Nacheinander: Erst die Feier der Eucharistie, dann die Feier der Kommunion. Und davor als erster Akt einer Feier in drei Akten: die Gabenbereitung oder Gabenprozession.

Zuerst sind Priester und Gemeinde sozusagen die Gebenden: sie bringen ihre Gaben zum Altar, Brot und Wein, eine Kollekte, sinnbildlich sich selbst. Dem, der mich überreich beschenkt, wie ich es zuvor am „Tisch des Wortes“ im Wortgottesdienst erfahren habe, will ich mich zurückgeben. Dem, der mich liebt, will auch ich meine Liebe zeigen. Wichtig ist die würdige Einstellung auf die Feier der Eucharistie und den Empfang der Kommunion: Als Elemente des Sakramentes sind nur Weizenbrot und naturbelassener und unverdorbener Traubenwein erlaubt. Als Teilnehmer muss ich mich im Gnadenstand befinden, also getauft und durch das Bußsakrament von Todsünden befreit sein, ich muss meine Vernunft gebrauchen können und die rechte Gesinnung mitbringen. Insofern dazu auch das Verlangen nach Überwindung eigener Schwächen und Sünden gehören kann, bringe ich mich in der Gabenbereitung so mit, wie ich bin, auch mit meinen Unzulänglichkeiten. Äußerlich gehört zur Ehrfurcht vor dem Sakrament der Eucharistie die Reinheit des Körpers und der Kleidung sowie das heute nicht mehr so strenge Nüchternheitsgebot.

Nach der Gabenbereitung und vor der Kommunion, gewollt zentral, als Höhepunkt der Messfeier, folgt in Form des Eucharistischen Hochgebetes die Eucharistie. Hier geschieht das eigentliche Mysterium: Brot und Wein werden in Leib und Blut Christi verwandelt und als Opfer Gott dargebracht. Eucharistie heißt wörtlich Danksagung und meint den ganzen Vorgang, in dem man sich dankbar ins Geheimnis der Selbsthingabe Jesu Christi mit hineinnehmen lässt.

Acht Elemente enthält das eucharistische Hochgebet: Die ersten beiden, DANKSAGUNG – „Würdig und recht ist es“ – und SANCTUS – „Heilig, heilig, heilig“ – sind auch uns Evangelischen vertraut. Als drittes wird in der EPIKLESE der Heilige Geist angerufen, damit er die Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandle. Diese Wandlung oder KONSEKRATION vollzieht sich im vierten Teil, indem die Einsetzungsworte gesprochen werden.

Der 5. Teil des Hochgebets, die ANAMNESE, also die Erinnerung an Jesu heilbringendes Leiden und seine Auferstehung, bereitet den 6. Teil, das DARBRINGUNGSGEBET vor: In diesem Gedächtnis bringt die hier und jetzt versammelte Gemeinde im Heiligen Geist die makellose Opfergabe dem Vater dar. Die Gläubigen sollen auch lernen, sich selbst hineinzuschenken und so durch Christus zu einer immer innigeren Einheit mit Gott und untereinander zu gelangen.

Es folgen 7. die INTERZESSIONEN, d. h. Fürsprachen, Vermittlungen oder Applikationen. Die Früchte des in Gemeinschaft mit Christus dargebrachten Opfers, das sozusagen einen Überschuss an Gnade hervorruft, können für andere Menschen, lebende oder verstorbene, „aufgeopfert“ werden. Für wen man eine Messe lesen darf, ist genau geregelt: nicht für Verdammte, aber für Verstorbene, die der Reinigung bedürfen oder für Selige, von denen man Fürsprache erhofft.

Mit der SCHLUSSDOXOLOGIE „Durch ihn und mit ihm und in ihm …“, endet das Hochgebet, das die Gemeinde mit ihrem Amen bekräftigt.

Dann folgt die Kommunion, in der Priester und Gemeinde die Empfangenden sind und aus Christi Hand das Geschenk der Gemeinschaft mit ihm und der Gemeinde untereinander entgegennehmen.

Die Frage nach dem Abendmahl in beiderlei Gestalt erhält hier eine besondere Wendung: Bei der Konsekration müssen unbedingt Brot und Wein beteiligt sein, sonst würde kein wirkliches Opfer vollzogen, da sich im Tod das Blut vom Leib trennt.

Bei der Kommunion ist jedoch der sich opfernde Herr unter jeder der beiden Gestalten ganz gegenwärtig. Üblich ist die Austeilung nur des Brotes. Man kann aber ebensogut auch in beiderlei Gestalt kommunizieren oder (bei bestimmten Krankheiten) nur unter der Gestalt des Kelches.

Die Wandlung und das Opfer

Zwei Stichworte sind für meinen fremden Blick auf die katholische Eucharistie besonders interessant: Die Wandlung und das Opfer, die beide eng zusammengehören.

Was geschieht in der Wandlung? Jesus wird und bleibt in Brot und Wein wahrhaft und real gegenwärtig, auch nach der Messfeier. Die Substanz von Brot und Wein wird gewandelt in die Substanz des Leibes und Blutes Christi. Diese eucharistische Gegenwart Christi besteht auch über den Vollzug der Feier hinaus fort, so dass die Gläubigen Gott auch im heiligen Sakrament anbeten sollen.

Gegen ein magisches Missverständnis der Wandlung wendet sich eine Deutung, von der ich nicht mehr weiß, wo ich sie gefunden habe: Die Elemente Brot und Wein „sind weder [Christi] Leib noch sein Blut, sondern sie sind mit ihm vereinigt, so wie ein Kleid einen menschlichen Körper bedeckt; und sie ermöglichen es zu wissen, wo er gegenwärtig ist.“

Ganz wesentlich geschieht in der katholischen Kirche die Eucharistie als Opfer. Jesu einziges und einzigartiges Kreuzesopfer wird im Sakrament zwar unblutig, aber real gegenwärtig; Christus selbst ist dabei wie am Kreuz Opferpriester und Opfergabe zugleich.

Dabei spielen zwei Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle. Zum einen erhält die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen eine besondere Bedeutung, denn sie darf gemeinsam – kraft ihres allgemeinen Priestertums – mit Christus sein Opfer darbringen und bringt sich selbst – die ja auch „Leib Christi“ genannt wird, mit all ihren Gnadengaben in die Liebeshingabe Christi ein.

Nur der vom Bischof in der apostolischen Nachfolge geweihte Amtspriester kann jedoch der eucharistischen Zusammenkunft vorstehen, da er in der Person Christi das eucharistische Opfer vollzieht und es im Namen des ganzen Volkes Gottes darbringt.

Noch ein fremder Blick: Katholisch-tiefenpsychologisch

Soweit mein fremder Blick als evangelischer Theologe auf den katholischen Tisch der Eucharistie. Ich bitte Sie, mir zu erlauben, noch einen weiteren fremden Blick auf die Eucharistie zu werfen, diesmal aus der theologisch-tiefenpsychologischen Sicht des katholischen Theologen Eugen Drewermann. Er hat in dem Buch „Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum“ der Eucharistie zugetraut, eine wesentliche Rolle in der Überwindung der menschlichen Neigung zum Krieg zu spielen. Wie das?

Erstens nimmt er Bezug auf die Vorstellung „von dem Gott, der auf die Erde kommt und sich töten lässt, um durch sein Fleisch und Blut zur Speise der Menschen zu werden“ (S. 290). Zugrunde liegt das Urproblem der Menschheit und jedes Menschen, dass wir nur leben können, indem wir anderes Leben töten, mindestens pflanzliches, in der Regel auch tierisches, und mittelbar auch menschliches, indem wir andere Menschen für unsere Bedürfnisse beanspruchen – man denke nur an Mütter, die sich für ihre Kinder aufopfern usw. Die Vorstellung, Jesus oder Gott zu essen, die häufig Anstoß erregt, wertet Drewermann bewusst positiv – die aggressiven Impulse des Menschen werden nicht verboten oder verdrängt, sondern angenommen und in gewisser Weise geheiligt (S. 301).

Die Kehrseite der Aggression ist das urtümliche Schuldgefühl des Menschen, der eigentlich besser sein möchte, als er geschaffen ist, aber nicht aus dem Dilemma herauskommt, dass er töten muss, um leben zu können. In der Eucharistie wird diesem Menschen versichert: Dir wird von Gott freiwillig gegeben, was du dir gewaltsam anzueignen meinst. Du darfst Bedürfnisse und einen Willen haben. Statt dein ganzes Dasein als Schuld zu empfinden, kannst du am Ende dankbar dafür werden zu leben: „das Gottessen wird dann wortwörtlich zur »Eucharistie«, zur Danksagung für das Geschenk des Daseins selbst“ (S. 309 u. 313).

Zum zweiten vermittelt Drewermann auch Nichtkatholiken wie mir einen neuen Zugang zum Verständnis der Wandlung, und zwar mit Hilfe seiner tiefenpsychologischen Herangehensweise. Ein Ritual schafft tiefenpsychologisch gesehen objektiv etwas Neues in den Personen, die an ihm beteiligt sind.

So begreift Drewermann die Wandlung in der Eucharistie als eine tatsächliche innere Verwandlung des Menschen in seinem Sein – „als einen Akt geistiger Verschmelzung von Gott und Mensch, Bewusstsein und Unbewusstem, Männlichem und Weiblichem, Seelischem und Leiblichen, in eine Geburt des wahren Menschen“ (S. 316). Konkret erzeugt diese Wandlung unter anderem eine unerschütterliche Ichstärke, die Versöhnung mit erlittenem Leid, dadurch auch den Abbau von Rachegedanken, durch die Verheißung ewigen Lebens die Beruhigung von Todesängsten, schließlich auch die Versöhnung mit unbewussten Impulsen in sich selbst.

Kritisch sieht Drewermann, dass sich die katholische Kirche „durch ihre Verstandeseinseitigkeit der eigenen Grundlagen im Unbewussten beraubte“. Im Gegenzug kam es fast unvermeidlich dazu, dass man „protestantischerseits ihre Lehren des Heidentums verdächtigte, ihnen einen »magischen« Wandlungsbegriff unterstellte und kritisch die unzähligen Parallelen des Gottessens in außerchristlichen Religionen gegen den Katholizismus mit seinen Vorstellungen von Priestertum, Kult, Sakrament, Messopfer u. a. geltend machte, um desto deutlicher einen vermeintlich spezifisch »christlichen« Glauben gegen die »Objektivität« des katholischen Denkens stellen zu können“ (S. 358).

Die Glaubensspaltung zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation sieht Drewermann dementsprechend als „Konsequenz aus der gemeinsamen feindlichen Einstellung gegenüber dem Unbewußten“ (S. 354).

„Deutlicher kann das Christentum seine objektive Unfähigkeit zum Frieden bei subjektiv womöglich bestem Willen jedenfalls nicht unter Beweis stellen als durch seine Zerrissenheit und innere Feindschaft in gerade dem Sakrament, das … die zentrale Antwort auf die Friedlosigkeit des Menschen und der menschlichen Geschichte enthalten sollte“ (S. 359).

Hier noch ein kleiner Anhang, den ich nicht vorgetragen habe:

Hans Küng zum Kreuzestod Christi als Sühneopfer für die Sünden: Dieses Opfer besagt keine versöhnende Beeinflussung eines zornigen Gottes: Nicht Gott, der Mensch muss versöhnt werden durch eine Versöhnung, die ganz Gottes Initiative ist (Hans Küng, Die Kirche, S. 258).

Hans Küng zum Thema Wandlung: Nicht von den Elementen, sondern vom Wort her ist das Herrenmahl zu verstehen. Und dieses Wort ist nicht primär konsekrierendes und verwandelndes, sondern verkündigendes und bezeugendes Wort. Aber gerade so ist es ein Wort, dem die Verheißung Gottes mitgegeben ist, Gottes Wort und als solches wirkkräftiges Wort, verbum efficax. Könnte da ein rein symbolisches Verständnis des Herrenmahles ausreichen? Die Worte Jesu wie auch die von Paulus und Johannes besagen deutlich mehr. Gewiss, Brot und Wein sind „Symbole“, aber wirklichkeitsgefüllte Symbole. Sie sind Zeichen, aber wirkkräftige Zeichen. Sie enthalten, was sie bezeichnen… Gewiss, es geht um die Wirklichkeit Christi, um ihn selbst. Aber gerade so nicht einfach um ein verfügbares „Etwas“, um magische „Gegenstände“, um eine Gabe, die je vom Geber losgelöst und verselbständigt werden könnte. (Hans Küng, Die Kirche, S. 263f.)

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