Gott fürchten?

Ein wuchtiges Steinkreuz in den Wolken mit dem Gesicht des Christus mit der Dornenkrone daneben

Ein Kreuz in den Wolken (Fotomontage: pixabay.com)

Die Gottesfurcht ist aus der Mode gekommen. Wenn ich das Wort höre, stelle ich mir ernste Mienen, gesenkte Häupter vor, wie sie zum Beispiel in alten Filmen gezeigt werden, um religiöse Ernsthaftigkeit abzubilden. Gottesfurcht, das klingt so altmodisch, auch ein bisschen engstirnig und verkrampft. Vor allem bei der jüngeren Generation ruft diese Art Frömmigkeit nur noch Unverständnis und Kopfschütteln hervor.

Ich kenne allerdings viele, die Angst vor Gott haben, vor seinem Zorn und seiner Strafe. Die sich ständig mit Schuldgefühlen plagen. Hat solche Angst etwas mit Gottesfurcht zu tun?

Im Wochenspruch für die kommende Woche wird Gottesfurcht nicht mit der Angst, sondern mit der Vergebung verknüpft: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte“ (Psalm 130,4). Ist das nicht merkwürdig? Was hat denn Vergebung mit Furcht zu tun? Ist Vergebung nicht Befreiung von Schuld, Öffnung für ein Leben mit neuen Möglichkeiten, ohne Angst vor Strafe?

Vielleicht merken wir: Es ist gut, die alten frommen Worte wie „Gottesfurcht“, „Vergebung“ nicht allzu selbstverständlich hinzunehmen, als wüssten wir gleich, was damit gemeint sei.

Sicher ist Vergebung Befreiung. Aber das wird oft missverstanden. Vergebung bedeutet nicht: es bleibt alles beim alten; ich darf weiter drauflos sündigen. Sondern mir ist dann wirklich vergeben, wenn ich nun anders handle, wenn ich wirklich neu geworden bin in meinem Verhältnis zu Gott und zu den Menschen, die mich brauchen.

Dabei denke ich an meine Mutter, die mir viel von Gottes Vergebung erzählte, aber auch gelegentlich betonte, dass man Gott nicht einfach als einen guten Kumpel für alle Zwecke ge- und missbrauchen könne – „Gott lässt sich nicht spotten!“

„Gott fürchten“ – da steckt etwas drin von dem Erschrecken darüber, wie leer ein Leben ohne Gott ist. Vielleicht sollte man es heute anders übersetzen im Sinne von: Gott ernstnehmen, Gott in die Mitte des eigenen Lebens stellen. Staunen darüber, dass Gott, der doch der Urgrund des ganzen Weltalls ist, sich doch um uns armselige Menschlein kümmert. Sich anrühren lassen von der Liebe des großen Gottes zu seinen Geschöpfen, die wir weder in Schuld noch in Verzweiflung, weder in Angst noch in anderen Nöten von ihm allein gelassen werden.

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 22. Oktober 1989 von Helmut Schütz, Klinikseelsorger in der Landesnervenklinik und im Kreiskrankenhaus Alzey

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