Zwölf Jahre alt

Was einer lernen muss, um der Sohn Gottes zu werden.

Jesus ist ein Konfirmand und macht seinen Eltern Sorgen wie alle anderen. Zugleich wächst in ihm etwas heran, was er nicht von seinen irdischen Eltern oder den Lehrern Israels hat, sondern was nur von Gott selber kommen kann: die vollkommene Übereinstimmung seines Willens mit dem Willen des Vaters im Himmel.

Jesus sitzt auf einer Art Podest, ihm gegenüber die Schriftgelehrten, teils einander zugewandt, Josef und Maria kommen durch die Tür

Melker Altar: Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1502), Jörg Breu der Ältere (via Wikimedia Commons)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 2. Sonntag nach Weihnachten, den 4. Januar 2009, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum ersten Abendmahlsgottesdienst im Neuen Jahr mit dem Wort zur kommenden Woche aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14b:

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Mit dem zwölfjährigen Jesus im Tempel beschäftigen wir uns heute im Gottesdienst. Wir fragen uns, was uns diese Geschichte heute sagen kann.

Lied 62, 1+3+5:

1. Jesus soll die Losung sein, da ein neues Jahr erschienen; Jesu Name soll allein denen heut zum Zeichen dienen, die in seinem Bunde stehn und auf seinen Wegen gehn.

3. Unsre Wege wollen wir nur in Jesu Namen gehen. Geht uns dieser Leitstern für, so wird alles wohl bestehen und durch seinen Gnadenschein alles voller Segen sein.

5. Jesus, aller Bürger Heil und der Stadt ein Gnadenzeichen, auch des Landes bestes Teil, dem kein Kleinod zu vergleichen, Jesus, unser Trost und Hort, sei die Losung fort und fort.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 138:

2 Ich will anbeten vor deinem heiligen Tempel und deinen Namen preisen für deine Güte und Treue.

3 Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.

4 Es danken dir, HERR, alle Könige auf Erden, dass sie hören das Wort deines Mundes;

5 sie singen von den Wegen des HERRN, dass die Herrlichkeit des HERRN so groß ist.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Weihnachten liegt hinter uns – der Alltag eines neuen Jahres wird uns bald wieder eingeholt haben. Gott, hilf uns, die Wahrheit von Weihnachten auch nach Weihnachten ernst zu nehmen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wie ist es uns mit Weihnachten ergangen? Haben wir uns anrühren lassen vom Kind in der Krippe? Ist uns bewusst geworden, was das bedeutet: Gott wird Mensch in einem Kind! Du, Gott, wirst einer von uns, damit wir Frieden gewinnen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater im Himmel, uns fällt es schwer zu begreifen, wie das sein kann: Jesus ist dein Sohn, aber doch auch das Kind menschlicher Eltern. Wie kann Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich sein? Das Kind in der Krippe, wie ist es herangewachsen zu dem Mann Jesus, auf den wir als Christen unser Vertrauen setzen? Schenke uns Einsicht auf Grund deines Wortes und stärke unser Vertrauen auf Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Lukas 2, 40-52. Lukas beschreibt dort, was mit Jesus geschah, nachdem seine Eltern ihn nach seiner Geburt zum ersten Mal in den Tempel von Jerusalem gebracht hatten:

40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht.

44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?

50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.

52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 390:

1. Erneure mich, o ewigs Licht, und lass von deinem Angesicht mein Herz und Seel mit deinem Schein durchleuchtet und erfüllet sein.

2. Schaff in mir, Herr, den neuen Geist, der dir mit Lust Gehorsam leist‘ und nichts sonst, als was du willst, will; ach Herr, mit ihm mein Herz erfüll.

3. Auf dich lass meine Sinne gehn, lass sie nach dem, was droben, stehn, bis ich dich schau, o ewigs Licht, von Angesicht zu Angesicht.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, warum erzählt Lukas aus der gesamten Kindheit und Jugendzeit Jesu nur diese eine Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel? Man hat später weitere Legenden von ihm erzählt, zum Beispiel wie er bereits als Kind Wunderkräfte besessen hätte. Lukas beschränkt sich auf die eine Begebenheit, die wir gehört haben.

Die Zahl Zwölf spielt in der Bibel eine herausragende Rolle. Zwölf Stämme Israels bilden die Gesamtheit des Volkes Gottes. Die Zahl der zwölf von Jesus auserwählten Apostel bekräftigt die Verheißung, dass alle gerettet werden sollen: Alle im Volk Israel, und darüber hinaus sogar alle Menschen in der Völkerwelt, zu denen dann auch noch weitere Apostel entsandt werden.

Damit hat das Alter von zwölf Jahren aber wohl nichts zu tun. Mit zwölf Jahren wurde ein jüdischer Junge zum Mann, ein jüdisches Mädchen zur Frau. Der Junge erhielt seine Bar Mizwa, er wurde ein „Sohn des Gesetzes“, das heißt, er wurde darauf verpflichtet, in eigener Verantwortung die Gebote Gottes einzuhalten. Vorher war er als Kind im Kreis der Frauen und Kinder zu Hause, jetzt gehörte er zum Kreis der Männer. Für viele Mädchen war das Alter von zwölf Jahren der Zeitpunkt, um aus dem Haus ihrer Eltern in das Haus ihres Ehemannes umzuziehen; mit Zwölf war ein Mädchen im alten Israel heiratsfähig.

Die Bibel erzählt außer von Jesus nur zwei Mal von zwölfjährigen Kindern.

Im 2. Buch der Könige 21 heißt es:

1 Manasse war zwölf Jahre alt, als er König wurde; und er regierte fünfundfünfzig Jahre zu Jerusalem. Seine Mutter hieß Hefzi-Bah.

Hier fängt ein israelitischer Junge mit zwölf Jahren an, als König zu regieren; allerdings nicht ohne die Unterstützung seiner Mutter, die namentlich erwähnt wird. König Manasse wird seiner Verantwortung, die er in allzu jugendlichem Alter übernimmt, allerdings nicht gerecht, wie es im 2. Buch der Könige weiter zu lesen ist:

2 Und er tat, was dem HERRN missfiel, nach den greulichen Sitten der Heiden…

3 … und richtete dem Baal Altäre auf und machte ein Bild der Aschera … und betete alles Heer des Himmels an und diente ihnen.

6 Und er ließ seinen Sohn durchs Feuer gehen und achtete auf Vogelgeschrei und Zeichen und hielt Geisterbeschwörer und Zeichendeuter; so tat er viel von dem, was dem HERRN missfiel, um ihn zu erzürnen.

16 Auch vergoss Manasse sehr viel unschuldiges Blut, bis Jerusalem ganz voll davon war.

Das geschah viele Hundert Jahre vor der Geburt Jesu, und es trug mit dazu bei, dass das Volk Israel innerlich zerrissen und äußeren Feinden ausgeliefert blieb.

Der Evangelist Lukas selbst erzählt in seinem Evangelium (Lukas 8) von der zwölfjährigen Tochter eines Synagogenvorstehers:

41 Und siehe, da kam ein Mann mit Namen Jaïrus, der ein Vorsteher der Synagoge war, und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen;

42 denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, die lag in den letzten Zügen.

Hier begegnet Jesus einer Tochter Israels, die an der Schwelle zum Erwachsenenalter stirbt, bevor sie Kinder bekommen kann; sinnbildlich mag Lukas damit die Frage andeuten: Ist dieses Volk Israel überhaupt noch zu retten? Jesus beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja, denn er sagt zu dem Mädchen: „Kind, steh auf!“ Er bewirkt, was Menschen unmöglich ist, die Rettung vom Tode.

Die Geschichte, die Lukas von Jesus als zwölfjährigem Jungen erzählt, wirkt gegenüber den beiden anderen Zwölfjährigen eher harmlos.

Jesus gehört zwar über seinen Adoptivvater Josef zu einem verarmten Zweig der Familie des Königs David, aber niemand käme auf die Idee, ihn mit zwölf Jahren auf den Königsthron zu setzen. Es geht ihm aber mit zwölf Jahren auch nicht so schlecht wie der bemitleidenswerten Tochter des Jaïrus, sondern er scheint gesund und munter in der wohlbehüteten Atmosphäre einer normalen jüdischen Familie aufzuwachsen.

Lukas setzt voraus, dass die Eltern in jedem Frühjahr von Nazareth nach Jerusalem pilgern, um dort im Tempel das Passafest zu feiern, das höchste Fest der Juden, das an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. Das tun die Eltern Jesu mit ihren Kindern jedes Jahr. Auch in dem Jahr, in dem er als Zwölfjähriger seine Bar Mizwa bekommt.

In diesem Jahr passiert es, dass Jesus seiner Familie verloren geht: Er vergisst die Zeit der Rückkehr, und seinen Eltern fällt seine Abwesenheit erst auf, als sie schon einen ganzen Tag nach Hause zurückgelegt haben.

Ganze drei Tage brauchen sie, um ihn zu finden. Drei Tage müssen sie sich Sorgen um ihn machen: Ist ihm etwas zugestoßen in der großen Stadt Jerusalem oder auf den unsicheren Straßen? Ist er an falsche Freunde geraten oder unter die Räuber gefallen? Ist er plötzlich krank geworden oder hat er einen Unfall erlitten? Drei Tage Hoffen und Bangen, ohne etwas zu wissen über das eigene Kind, ich glaube, alle, die selber Kinder haben, wissen, was das bedeutet. Ich glaube, Lukas erwähnt die drei Tage nicht ohne Grund; er erinnert bewusst an die anderen drei Tage am Ende seines Evangeliums: Als Jesus am Kreuz sterben wird, geschieht seine Auferstehung nach drei Tagen. Für seine Eltern ist die Sorge um ihr Kind mit der Angst verbunden: Wenn er nun tot ist! Wenn wir nicht genug auf ihn aufgepasst haben! Wir könnten es uns nie verzeihen.

Aber wie Kinder so sind: sie begreifen nichts von den Sorgen, die sich ihre Eltern um sie machen. Da ist Jesus nicht anders als alle anderen Kinder. In dieser Hinsicht ist er ganz Mensch. Sie suchen ihn mit Schmerzen? Er fragt: „Warum habt ihr mich gesucht?“ Hätten sie sich nicht denken können, wo er ist?

Typisch für die Eltern ist ja, dass sie im ersten Moment, als sie ihren Sohn seelenruhig im Tempel sitzen sehen, von Sorge auf Vorwurf umschalten: „Kind, was tust du uns an!“ Welche Mutter, welcher Vater könnte sich nicht gut in Maria und Josef hineinversetzen? Diese Stelle übersetzt Luther nicht ganz korrekt; bei ihm sagt Maria zu Jesus: „Mein Sohn!“ Im Urtext sagt sie wörtlich: „Kind!“ Mütter sind so, aber das weckt erst recht den Widerspruch eines Zwölfjährigen. Welcher Junge, der so gut wie erwachsen ist, lässt sich schon gern als Kind behandeln!

Aber warum erzählt uns Lukas diese kleine Familiengeschichte? Nur um zu unterstreichen, dass Jesus ein Junge wie jeder andere war, der seinen Eltern hin und wieder auch einmal Sorgen machte? Das wohl nur nebenbei. Wichtiger ist ihm etwas anderes.

Erstens betont Lukas, dass Jesus ein wirklicher Sohn seines Volkes Israel war und sein wollte. Seine Bar Mizwa – wir würden sagen, seine Konfirmation – war für ihn nicht nur eine Formsache, er wollte wirklich lernen und verstehen, was in der Bibel steht und was Gott von ihm will. Darum setzt er sich im Tempel zu den Rabbinern, den Schriftgelehrten, den Priestern, zu allen, denen er Fragen stellen kann und bei denen er eigene Antworten auf schwierige Fragen erproben kann. Jesus lässt sich schon als Jugendlicher bewusst auf Glaubensfragen ein, er ist wie ein Konfirmand, mit dem es ein Pfarrer gern zu tun hat, weil er Fragen stellt und Antworten gibt, die einem auch als Erwachsenem sehr viel Stoff zum Nachdenken geben.

Alles in allem: Jesus zeigt das typische Verhalten eines jüdischen Jungen, der ein Schriftgelehrter werden will. Als erstes hört er seinen Lehrern zu und stellt ihnen Fragen. Aber er hat auch schon erstaunliche Einsichten für einen Jungen in seinem Alter und gibt Antworten, über die sich seine Lehrer nur wundern können.

Zweitens spielt Lukas in der Geschichte mit dem Doppelsinn des Wortes „Vater“. Maria wirft ihm vor: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“ Jesus entgegnet: „Aber ich bin doch bei meinem Vater, ich sitze doch in seinem Haus, ich beschäftige mich doch mit seinem Wort.“ Lukas will deutlich machen: Auf der einen Seite ist Jesus ein jüdischer Junge wie alle anderen, und es ist damals ganz normal, dass manche dieser Jungen ein erhöhtes Interesse für Religion zeigen. Auf der anderen Seite weiß Jesus aber schon als Heranwachsender, dass er über das, was seine Bestimmung auf dieser Erde ist, das Entscheidende nicht von Josef lernen kann, sondern nur von seinem Vater im Himmel. Gewiss, Josef wird ihn den Zimmermannsberuf lehren, Jesus wird ihn sogar ausüben, mehr Jahre sogar, als er danach als Prediger und Heiler über die Dörfer ziehen wird. Aber wenn Jesus sagen wird: „Ich und der Vater sind eins“, dann wird er nicht Josef meinen, sondern den Einen Gott Israels, dessen Wort er auf Erden vollkommen verkörpert.

Lukas unternimmt offenbar den Versuch, zu schildern, was einer lernen muss, um der Sohn Gottes zu werden. Ganz alltäglich geht es dabei zu, Jesus ist ein Konfirmand wie alle anderen, er macht seinen Eltern Sorgen wie alle anderen, und zugleich wächst in ihm noch etwas heran, was er nicht von seinen irdischen Eltern und nicht von den Lehrern Israels hat, sondern was nur von Gott selber kommen kann: die vollkommene Übereinstimmung seines menschlichen Willens mit dem Willen und Wort des Vaters im Himmel.

Lukas hält in seiner Erzählung die Spannung aus, die zwischen Jesus, dem Sohn von Maria und Josef, und Jesus, dem Sohn Gottes, besteht.

Zwar unterstellt er den Eltern Jesu geringere Einsicht als ihrem Sohn, wenn er erzählt: „Sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte“, nämlich dass eigentlich der Tempel in Jerusalem sein Vaterhaus sei. Aber er schildert Jesus dann doch als einen Sohn, der dem Gebot folgt, seine Eltern zu ehren, auch wenn er meint, dass die Eltern ihn nicht wirklich verstehen. Jesus „ging mit ihnen hinab nach Nazareth“, von der Höhe der heiligen Stadt, wo Jesus seinem himmlischen Vater nahe ist, steigt Jesus in die Niederungen eines alltäglichen menschlichen Lebens im Heimatdorf seiner Eltern hinunter. Dort ordnet er sich ihnen unter, wie das jeder Sohn tut, der seinen Eltern vertraut und weiß, dass sie so gut für ihn sorgen, wie sie nur können.

Zur Ehrenrettung der Mutter Maria erwähnt Lukas allerdings noch, dass sie die Worte ihres Sohnes genau so in ihrem Herzen bewahrt wie die Worte, die sie von den Hirten in Bethlehem zwölf Jahre zuvor über ihren Sohn gehört hatte. Noch ist sie nicht zur vollen Einsicht gelangt, was das alles bedeutet, aber sie bewahrt es in ihrer Erinnerung. Darin ist sie Vorbild für uns, für die Gemeinde Jesu: Es mag vieles geben, was wir beim ersten, zweiten oder auch mehrmaligem Hören nicht verstehen können; nach vielen Jahren kann dann doch die Einsicht kommen, kann ein Vertrauen gewachsen sein, das man sich am Anfang nicht hat vorstellen können.

Lukas stellt uns mit dem zwölfjährigen Jesus also einen jüdischen Jungen vor Augen, der erwachsen wird mit dem Bewusstsein, dass Gott, sein Vater im Himmel, mit ihm etwas Besonderes vor hat. Er stellt ihn nicht dar als ein Wunderkind, das schon früh die Menschen mit sensationellen Taten in Erstaunen versetzt hätte.

Vielleicht kennen Sie ja den Witz, den manche von Jesus erzählen: Seine Eltern konnten ihn nicht baden, er konnte ja auf dem Wasser gehen und sie konnten ihn darum nicht ins Badewasser eintauchen. Nein, solche Geschichten erzählen die Evangelisten von Jesus nicht. In Erstaunen versetzt Jesus die Erwachsenen nur durch die Art, wie er sich für das Wort Gottes interessiert. Das ist alles. Und das genügt dem Lukas, um uns deutlich zu machen: Jesus ist wirklich das Wort Gottes, wie es unter uns Fleisch und Blut angenommen hat. Er wird ein Kind, das sich unter normalen Bedingungen als ein jüdischer Junge bei seinen Eltern entwickelt.

Und wie sich dieser Junge entwickelt, das sagt Lukas in zwei ganz ähnlichen Sätzen, mit denen er seine Erzählung vom zwölfjährigen Jesus umrahmt. Vorher sagt er:

40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

Und am Schluss sagt Lukas:

52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Das Wichtigste an diesen Sätzen ist wohl: Auch Jesus hat sich entwickelt wie jeder Mensch. Er fiel nicht als fertiger Gottessohn vom Himmel, er war nicht schon als Kind ein Heiler und Wundertäter und vollmächtiger Prediger des Wortes Gottes. Auch Jesus hatte es nötig, erzogen zu werden, Einsichten zu gewinnen, zu lernen, zu wachsen und zu reifen.

Wieder betont Lukas die beiden Spannungspole, zwischen denen sich das Leben Jesu abspielt: „bei Gott und den Menschen“ macht Jesus Fortschritte im Blick auf Weisheit, Reife und Gnade.

Es mag überraschen, dass bei einem Kind von Weisheit die Rede ist. Gemeint ist, dass Jesus lernt, worauf es im Leben ankommt: Er reift heran als ein verantwortungsbewusster Mensch.

Und dass Gottes Gnade bei ihm ist, und zwar in zunehmendem Maße, lässt darauf schließen, dass sogar in Jesus das Vertrauen auf Gott Zeit braucht, um so groß zu werden, dass er die Worte reden und die Taten tun kann, die er als erwachsener Mann mit 30 Jahren dann auch tatsächlich redet und tut.

Ich habe in dieser Predigt viel von Jesus erzählt. Ich bin überzeugt, Jesus ist unser Leben; von ihm hängt die Erfüllung ab, die wir erhoffen für unser Leben hier auf Erden und für unser Leben in der Ewigkeit.

Lasst uns Jesus nachfolgen, indem wir in seinen Spuren auf die Lehrer Israels hören, indem wir Einsichten über Gottes Wort gewinnen und indem wir in uns das Vertrauen auf die Liebe des Vaters im Himmel wachsen lassen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 552: Einer ist unser Leben

Im Abendmahl sind wir eingeladen, uns ganz auf Jesus Christus einzulassen: auf das Wort Gottes, das in ihm Fleisch und Blut annimmt. Im Brot schenkt er uns seine leibhaftige Liebe. Im Kelch besiegelt er seine Treue zu uns mit seinem Blut.

Gott, lass uns erkennen, wo wir gefangen sind in Verzweiflung, in Gewohnheiten, in Sünde. Nimm von uns, was uns am Leben hindert. Vergib uns unsere Schuld. In der Stille bringen wir vor dich, was uns belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernstzunehmen als den Vater im Himmel, der zu uns spricht durch Propheten und Apostel und am deutlichsten in seinem Sohn Jesus Christus. Würdig und recht ist es, Gott ernstzunehmen als den Sohn, der uns in seine Nachfolge ruft und unser Weg zum Leben ist. Würdig und recht ist es, Gott ernstzunehmen im Heiligen Geist, der uns erfüllt mit Glauben, mit Liebe, mit Hoffnung. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus ist das Brot des Lebens. Nehmt und gebt weiter, was euch satt macht an Leib und Seele.

Herumreichen des Korbs

Jesus schenkt uns den Kelch und feiert mit uns ein Fest der Versöhnung. Empfangt den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Wer Jesus sieht, wer sein Abendmahl empfängt, der sieht die Herrlichkeit Gottes: „eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Geht hin im Frieden. Amen.

Barmherziger Gott, lass uns in diesem Jahr auf den Spuren Jesu gehen. Lass uns hören auf Gottes Wegweisung, lass uns in die Tat umsetzen, was wir hören, lass uns aufgerichtet und getröstet werden. Mach uns Mut zu Taten des Friedens und der Zivilcourage. Lass uns eintreten für Menschen, die unsere Fürsprache brauchen. Lass uns den Platz finden, an dem unser Einsatz, unsere Kraft, unsere Zeit am nötigsten sind. Gott, sei bei den Menschen, die am Ende sind, lass sie spüren, dass du sie nicht allein lässt. Mach uns stark, dass wir einander beistehen und einander den Rücken stärken können, wo es nötig ist. Amen.

Wir danken und loben Gott nach dem Abendmahl mit dem Lied 580:

Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel, o Herr
Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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