Blind für Gottes Liebe?

Wer in einem Gespräch stark angerührt wird, als ob ihm etwas aufs Auge gedrückt wird, fragt sich vielleicht: Kann das denn überhaupt helfen? Kneift er die Augen noch fester zu? Oder schaut er sich an, welcher neue Weg vor ihm liegt? Jeder kann auch den längsten Weg gehen, wenn er nicht versucht, den hundertsten Schritt vor dem ersten zu tun.

Skulptur: Solidarität eines Sehenden mit einem, der blind ist, der verbundene Augen hat

Jesus geht es um Solidarität, um Liebe – wer ist blind für Liebe? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 8. Sonntag nach Trinitatis, den 16. Juli 1989 um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey und am Vorabend, Samstag, den 15. Juli 1989 um 17.00 Uhr in der Nikolaikirche und um 18.15 Uhr im Altenheim Haus Michael

Ich begrüße Sie herzlich in diesem Sommermonat Juli im Gottesdienst … Der Juli ist, besonders wenn die Sonne scheint, ein sehr heller Monat. Abends kann man noch sehr lange aufbleiben. Und auch in den Texten dieses Gottesdienstes geht es um das Licht, um Erleuchtung, auch um das Augenlicht, um das richtige Sehenkönnen, es geht sogar um die Heilung von Blindheit.

Und im ersten Lied singen wir von dem Licht, das aus Gottes Ewigkeit her in unsere Welt hereinscheint, im Lied 349, 1-3:

Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebensau lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Der Apostel Paulus sagt im Brief an die Epheser 5, 8b-11.13-14:

8 Lebt als Kinder des Lichts;

9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,

11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.

13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird;

14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, kannst du Blindheit heilen? Kannst du Menschen die Augen auftun, die sich etwas vormachen über ihr Leben? Kannst du es hell werden lassen, wo Finsternis herrscht? Die Bibel sagt von dir: Du bist das Licht! Und sie sagt: Wir sollen leben als Kinder des Lichts: gütig, gerecht, wahrhaftig. Erleuchte uns heute mit deinem Licht! Gib, dass wir sehen lernen mit neuen Augen! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung des heutigen (morgigen) Sonntags aus dem Evangelium nach Matthäus 5, 13-16:

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 127, 1-3:

Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören; lenke Sinnen und Begier auf die süßen Himmelslehren, dass die Herzen von der Erden ganz zu dir gezogen werden.

Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet; Gutes denken, tun und dichten musst du selbst in uns verrichten.

O du Glanz der Herrlichkeit, Licht vom Licht, aus Gott geboren: mach uns allesamt bereit, öffne Herzen, Mund und Ohren; unser Bitten, Flehn und Singen lass, Herr Jesu, wohl gelingen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes 9, 1-7:

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde,

immer wieder muss ich es betonen: Die Wundererzählungen der Bibel sind in den meisten Fällen nicht als wortwörtliche Tatsachenberichte aufzufassen. Und dennoch sind sie wahr. Sie weisen zeichenhaft auf die Macht Gottes hin, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können.

Damit will ich sagen: Wenn unter Ihnen heute hier jemand sitzt, der blind ist, medizinisch blind, von Geburt an blind oder durch Unfall oder Krieg erblindet, in dem kann und will ich mit dieser Geschichte nicht eine billige Hoffnung auf Heilung wecken. Wer blind ist, hat das vielleicht schon durchgemacht: Die Hoffnung auf ein Wunder, die doch enttäuscht wurde, bis man die Blindheit annehmen lernte als das persönliche Schicksal, das man tragen muss. Ich habe ein halbes Jahr lang in einer Blindenschule als Praktikant gearbeitet, und da hat ein 11- oder 12jähriges blindes Mädchen einmal davon erzählt, wieviel sie als kleines Kind zu Gott gebetet habe, er möchte ihr doch das Augenlicht wieder schenken. Aber als sie älter geworden sei, habe sie sich schließlich damit abgefunden, dass sie nicht sehen könne. Dieses Mädchen ist also trotz ihrer Blindheit ein glücklicher Mensch geworden, manchmal traurig, manchmal fröhlich, so wie andere Leute auch.

Es geht also in der Jesusgeschichte nicht um eine billige Hoffnung, die schnell erweckt ist und doch enttäuscht werden muss. Es geht um viel mehr, es geht um Hoffnung, die zuverlässig und tragfähig ist. Von dieser Hoffnung spüren und merken wir etwas, wenn wir genau auf die Worte der Geschichte hören.

Es ist eine Geschichte für Blinde und für Sehende. Für Blinde, die manchmal besser sehen können als die Sehenden, und für Sehende, die manchmal trotz ihrer guten Augen für etwas Wesentliches blind sind. Ja, wirklich, das blinde Mädchen, das ich vorhin erwähnt habe, und überhaupt die blinden Kinder in der Schule, die ich kennengelernt habe, die haben genauso vom Sehen und Kucken gesprochen wie wir Sehenden. „Wir sehen uns nachher!“ „Ich sehe mal nach.“ „Hast du schon ins Buch geschaut?“ Das sagen auch die Blinden zueinander. Sehen – das heißt auch für Blinde viel mehr als nur „mit den Augen etwas wahrnehmen“. Sehen bedeutet für uns Menschen überhaupt, dass wir etwas merken, von etwas Notiz nehmen, dass ein Mensch für uns wichtig wird, dass wir aufmerksam geworden sind auf einen Gegenstand oder auf etwas Gelesenes.

Als ich vor ein paar Wochen durch einen kleinen Unfall eine Hornhautverletzung im Auge hatte, musste ich einige Tage mit verbundenen Augen verbringen. Da merkte ich, wie angewiesen wir Sehenden auf die Augen sind. Nur das Auge war verletzt, aber der ganze Körper fühlte sich mit krank. Ich konnte nicht lesen, meine Familie musste mich überall hin führen, damit ich nicht irgendwo anstieß oder hinfiel. Ich konnte nicht so gut teilnehmen am Familienleben wie sonst, arbeiten ging erst recht nicht, ich lebte sehr zurückgezogen in dieser Zeit, allerdings mehr als sonst konnte ich nach innen schauen und meinen eigenen Gedanken nachhängen. Wenn nun jemand blind ist, dann erlebt er das ja lebenslang. Wie schwer muss es für ihn sein, normalen Kontakt zu seinen Mitmenschen aufzunehmen. Wie schwer ist es für ihn, sich die Dinge vorzustellen, die ihn umgeben, sich ein zutreffendes Bild von der Welt zu machen. Sicher kann auch ein Blinder die Welt wahrnehmen. Auch ein Blinder kann Kontakt haben zu anderen Menschen. Auch ein Blinder kann erkennen, kann Ein-sichten haben. Aber alles ist für ihn schwerer, und ohne fremde Hilfe ist manches gar nicht möglich.

Nun gibt es umgekehrt aber auch Menschen, die sind nicht blind, deren Augen können durchaus kucken, aber sie sind blind für manche Dinge. Wenn ich sagen würde: Machen Sie doch mal die Augen zu und dann sagen Sie mir: Welche Farbe haben die Blumen hier vorn? (Oder: welche Farbe hat das Klavier dort hinten?) Das ist nur eine Kleinigkeit – wir achten einfach nicht immer auf alles.

Schlimm wird es, wenn wir auf wichtige Dinge nicht achten. Z. B. wenn wir den Partner, den Menschen neben uns, gar nicht mehr richtig wahrnehmen, gar nicht mehr sensibel sind für das, was er fühlt, wünscht, braucht. Dann sind wir blind für etwas ganz Wesentliches in der Beziehung zu einem anderen Menschen. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf diese Weise unsere Ehe, unsere Partnerschaft kaputtmachen.

Wir können auch blind sein für etwas an uns selbst. Vielleicht leben wir unser ganzes bisheriges Leben lang nach einem bestimmten Muster, das hat bislang auch einigermaßen geklappt, und irgendwann geht nichts mehr, wir können so nicht weiterleben, aber wir sehen einfach nicht, wie es anders gehen könnte. Wir sind blind für das, was uns wirklich fehlt, für das, was uns wirklich helfen könnte. Und wir brauchen jemanden, der uns an der Hand nimmt, uns den neuen Weg zeigt, auf dem wir vielleicht erst einmal herumtappen wie ein Blinder, bis wir mit neuen Augen sehen lernen.

Schließlich können wir auch blind sein für Gott. Blind für das, was Gott uns geschenkt hat und noch schenken will. Es kann uns vorkommen, als sei unser ganzes Schicksal in Dunkelheit gehüllt, und als sei kein Ausweg vorhanden. Wir können einfach nicht sehen, dass Gott auch in tiefster Finsternis ein Hoffnungslicht anzündet. Erst müssen unsere Augen geöffnet werden, dann blinzeln unsere Augen vielleicht dem ungewohnten Licht entgegen, fast wollen wir sie wieder zumachen, kann das denn wahr sein, dass da Hoffnung sein soll, Glück auch für mich, Geborgenheit, Liebe? Das kann ein langer Weg sein, bis wir erkennen, dass auch der längste, der schwärzeste Tunnel einmal zu Ende ist und dass Licht am Ende des Tunnels erscheint, die Freiheit, der Ausweg aus dem Dunkel. Und bis wir so weit sind, bis wir das Licht wirklich sehen, können wir uns so trösten wie es ein Psalmdichter getan hat, der ganz fest darauf vertraut hat (Psalm 23, 4):

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Aber nun endlich zur Geschichte von Jesus. Jesus sieht im Vorübergehen einen Menschen. Er sieht ihn, wie ihn vielleicht schon viele andere Menschen gesehen haben – „Ach, da liegt ein Bettler. Armer Mensch!“ – und weitergegangen sind. Aber er geht nicht einfach weiter. Er wird auf ihn aufmerksam.

Die Jünger sehen ihn nun auch. Aber wie unterschiedlich sehen ihre Augen und Jesu Augen. Die Jünger denken: Krankheit muss eine Strafe Gottes sein. Und darum sehen sie in dem Blinden einen Menschen, der von Gott gestraft ist. Sie fragen sich nun: Kann Gott einen Menschen für das bestrafen, was seine Eltern getan haben? Oder hat Gott diesen Menschen etwa schon vorsorglich bestraft für das, was er selbst einmal tun wird?

Jesus sieht den Blinden mit ganz anderen Augen an. Die Haltung der Jünger lehnt er ab. Nein, der Blinde ist überhaupt nicht von Gott gestraft. Eure Frage geht in die falsche Richtung, sagt er den Jüngern. Jesus hat eine ganz andere Antwort: Die Werke Gottes sollen an diesem Blinden offenbar werden.

Aber was soll denn das heißen? Soll der Blinde ein Mittel zum Zweck sein? Ein Versuchskaninchen für Gott, um seine Macht zu erproben? Wenn man böswillig ist, kann man es vielleicht so sehen. Aber Gott ist keiner, der mit den Menschen herumexperimentiert und dann bei einem Misserfolg sagt: Schade, es hat eben nicht geklappt. Nein, Gott ist im Gegenteil der, der niemanden aufgibt, der mit seinen Möglichkeiten nie am Ende ist. Auch wenn wir Menschen keinen Ausweg mehr sehen, Gott kann es doch schenken, dass zum Schluss alles doch noch gut wird. Auch wenn ein Blinder das Augenlicht nicht wiederbekommt – er kann doch ein Mensch werden, der ein erfülltes Leben lebt. Auch wenn uns nicht alle Steine aus unserem Lebensweg beiseitegeräumt werden, wir können doch unseren eigenen Lebenssinn finden.

Wie ich schon sagte: Für die Werke Gottes, für das, was Gott an uns tun kann, sind wir oft selber blind. Manchmal müssen wir es erst an anderen Menschen erleben, wie ihnen durch Gott geholfen wurde, dass wir selbst auch Zutrauen zu Gott fassen können.

Jesus sagt nun allerdings noch etwas mehr, etwas sehr Ernstes. Er sagt: „Wir müssen die Werke Gottes wirken, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Damit sagt er zweierlei: Erstens – wir können Gott helfen bei seinem Werk. Wir können mithelfen, in anderen Menschen Hoffnung zu erwecken. Und zweitens sagt er: Es kann für solche Hilfe auch einmal zu spät sein. Es kann sein, dass wir nicht jedem helfen können. Es kann sein, dass sogar die Hilfe Jesu für manchen zu spät kommt – zu spät jedenfalls in dieser Welt. Das ist eine Mahnung – eine Mahnung, dass wir nicht zu leichtfertig sagen: Ich habe ja noch Zeit. Sondern dass wir wissen: Jetzt ist die Zeit, die ich nutzen kann, nutzen dafür, um Hoffnung zu bekommen, nutzen dafür, um neue Einsichten auszuprobieren, nutzen dafür, um Gottes Liebe in mein Leben aufzunehmen. Denn Jesus ist das Licht der Welt, das Licht leuchtet bereits in der Finsternis, aber hinschauen, in uns aufnehmen müssen wir dieses Licht selbst, sonst kann es in uns doch nicht hell werden.

Aber das ist ja eben oft das Problem. Ich sagte es ja zu Anfang: Was ist denn, wenn wir blind sind für Gottes Liebe, blind für die Art, in der andere Menschen uns begegnen wollen, blind selbst für das, wie es in uns selber aussieht? Dann brauchen wir einen, der uns von unserer Blindheit heilt.

Und nun tritt Jesus in Aktion. In der Geschichte krempelt er sozusagen die Ärmel auf und spuckt in die Hände. An die Arbeit! Das klingt lustig oder sogar etwas respektlos. Jesus, der wie ein Arbeiter daherkommt! Aber das ist vielleicht sogar gemeint. Jesus scheut sich nicht davor, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn er Menschen helfen will. In die Hände spuckt er allerdings nicht, wohl aber auf den Erdboden, in den Staub. Und den vermischt er dann mit seiner Spucke, macht einen Brei daraus, so wie kleine Kinder im Sand Kuchen backen, und diese Pampe, diese Mottke, wie man in Westfalen sagt, diesen Gnaatsch, wie in Hessen gesagt wird, den schmiert er dem Blinden auf die Augen. Das soll helfen?

Es hilft noch nicht sofort. Der Kranke muss auch noch etwas tun. Er soll zum Teich Siloah gehen, zum Teich des Gesandten, zum Teich des Messias, des von Gott gesandten Retters, dort soll der Blinde sich den Lehm von den Augen waschen.

Und das Wunder geschieht. Der Kranke wird heil, die Blindheit wird besiegt.

Ob das damals wortwörtlich so passiert ist, weiß ich nicht. Das zu wissen, würde uns wahrscheinlich auch wenig nützen. Aber helfen kann es uns, wenn wir diese Jesusgeschichte als ein Zeichen dafür nehmen, dass Gottes Macht auch uns helfen kann.

Gott hilft dem Blinden so, dass ein anderer Mensch ihn handfest berührt: Jesus nimmt von sich aus Kontakt zu ihm auf; und obwohl der Blinde nicht sehen kann: das muss er einfach merken. Gott hilft dem Blinden so, dass Jesus ihm erstmal etwas auf die Augen schmiert. Er gibt ihm etwas vor die Augen, mit dem sich der Blinde auseinandersetzen muss. Nun hat er zwei Möglichkeiten. Entweder er lässt die Augen nun erst recht zu und glaubt gar nicht daran, dass sie ihm geöffnet werden könnten. Oder er geht wirklich hin und wäscht sich den Lehmbrei von den Augen.

Ist es nicht oft so mit einer Krankheit? Jemand weiß nicht, warum er krank ist. Eine körperliche Ursache kann nicht festgestellt werden, es sei angeblich etwas Seelisches. Viele blocken nun ab. Das kann doch nicht sein. Ich bin doch kein Eingebildeter Kranker. Aber das ist auch nicht gemeint. Es ist einfach so, dass viele Krankheiten nur geheilt werden können, wenn man andere Einsichten über das Leben gewinnt. Wenn man nicht mehr blind bleibt für das, was man lange Zeit entbehrt hat, für das, wonach man sich eigentlich sehnt.

Und dann kann es sein, dass man in einem Gespräch sehr stark angerührt wird, dass man etwas ganz Ungewohntes vor Augen gehalten bekommt, vielleicht ist es fast so, als ob einem der andere etwas aufs Auge drückt. Vielleicht kommt es einem so vor, als ob nun alles noch mehr weh tut, alles ist stärker aufgewühlt, und man fragt sich: Kann das denn überhaupt helfen? Es geht mir ja viel schlechter als vorher. Und da ist es wirklich die entscheidende Frage, ob man die Augen nun noch fester zukneift, ob man weitermacht wie bisher, auf einem Weg, der ohne Ausweg ist. Oder ob man hingeht, mit der Zeit die Augen auswäscht und sich anschaut, welcher neue Weg vor einem liegt. Es mag sein, dass es ein anstrengender Weg ist, den man da liegen sieht. Aber nur wenn man diesen Weg sieht, kann man ihn auch gehen; er fängt mit dem ersten Schritt an, wie jeder lange Weg, und jeder kann auch den längsten Weg gehen, wenn er nicht versucht, den hundertsten Schritt vor dem ersten zu tun.

Jesus will auch uns die Blindheit nehmen – die Blindheit für das, was wir selber fühlen und nötig haben, die Blindheit für das, was unsere Mitmenschen uns bedeuten können, und die Blindheit für das, was Gott uns schenken will. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 181, 6-7:

Die Gott ihr fürchtet, ich erzähle: kommt, hört und betet mit mir an! Hört, was der Herr an meiner Seele für große Dinge hat getan. Rief ich ihn an mit meinem Munde, wenn Not von allen Seiten drang, so war oft zu derselben Stunde auf meiner Zung ein Lobgesang.

Gelobt sei Gott und hocherhaben, denn mein Gebet verwirft er nicht; er hat noch nie mich abgewiesen und ist in Finsternis mein Licht. Zwar elend, dürftig bin ich immer und schutzlos unter Feinden hier; doch er, der Herr, verlässt mich nimmer, wendt seine Güte nicht von mir.

Lasst uns beten:

Meine Seele, lobe den Herrn, denn seine Gnade ist groß. Die ganze Welt gehört ihm, und doch findet er Zeit, für mich zu sorgen. Er ist der Herr über alle und alles, und doch beherrscht er mich nicht. Er schenkt mir seine Freundschaft und ist überall bei mir. Wenn ich eigene Wege gehe, führt er mich auf seinen Weg zurück und leitet mich an seiner Hand. Wenn Freunde mich verlassen, bleibt er mir zur Seite. Wenn Hoffnungen zunichte werden, lässt er mich wieder hoffen. Wenn ich traurig und bedrückt bin, macht er mich wieder fröhlich. Wenn ich depressiv bin, lässt er mich zu meinen Tränen finden, zu den vielen Tränen meiner Traurigkeit. Wenn mir das Leben sinnlos erscheinen will, gibt er ihm wieder Sinn. Er schenkt mir seine Gnade, die ich nicht verdiene. Er lässt mich nicht aus den Augen; das gibt mir Mut zum Leben. Ich weiß nicht, warum er so gütig und gnädig ist. Eins aber weiß ich: Der Herr ist barmherzig. Danke ihm, meine Seele!

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Lied 141, 3:

Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit selgem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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